Der Tod ein Gut

Von Ambrosius von Mailand

Wie sollte der Tod kein Übel sein, da er das Leben beendigt?

Nachdem ich bereits über die Seele gesprochen habe, scheint es mir, daß ich unschwer daran Einiges anknüpfe, um den Nachweis zu führen, daß der Tod ein wahres Gut sei. Alles nämlich, was der Seele schadet, kann als ein Übel betrachtet werden; was ihr aber in keiner Weise nachtheilig ist, kann auch nicht als ein Übel gelten. Wir können weiter schließen: Alles, was kein Übel ist, ist gut. Was aber fehlerhaft und verderblich ist, dürfen wir ein Übel nennen, während Dasjenige, was frei von verderblichen Fehlern ist, als Gut bezeichnet wird. Gut und Übel sind also einander entgegengesetzt und schließen sich gegenseitig aus. In ähnlicher Weise reden wir von Schuldlosigkeit, wo der Wille, zu schaden, nicht vorhanden ist. Wer aber jener Schuldlosigkeit sich nicht bewußt ist, Den nennen wir schuldig. Barmherzig ist Derjenige, der gerne verzeiht; unbarmherzig dagegen, wer zum Verzeihen und Nachgeben nicht zu bestimmen ist.

Vielleicht wird mir der Einwand gemacht: Kann es denn einen schärferen Gegensatz geben als Leben und Tod? Wenn nun das Leben ein Gut ist, wie wäre der Tod kein Übel? Wir brauchen aber nur näher festzustellen, was Leben und Tod eigentlich ist, um jenen Einwurf zu beseitigen. Leben heißt äusserlich genommen: athmen; denn mit dem letzten Athemzuge tritt der Tod ein. Man wird nun freilich geneigt sein, diesen Lebensodem als ein Gut zu betrachten und dann so zu schließen: Leben ist der Genuß, Sterben ist der Verlust eines hohen Gutes. So sagt ja auch die Schrift: „Siehe, ich habe euch vorgelegt Leben und Tod, Gutes und Böses.“ Da wird das Leben als ein Gut, der Tod als Übel bezeichnet, und Beides wird zur Wahl gestellt. Im Anschlusse an die heutige Lesung wird auch vielleicht daran erinnert, daß der erste Mensch im Paradiese von allen Bäumen des Gartens, auch vom Baume des Lebens essen sollte; von dem Baume der Erkenntniß des Guten und Bösen aber sollte er nicht essen: an dem Tage, an welchem er davon aß, sollte er des Todes sterben. Der Mensch mißachtete das göttliche Gebot; die Vergeltung blieb ihm nicht aus: aus dem Paradiese verstoßen, mußte er den Tod kosten. So ist denn der Tod ein Übel, weil er die Vollstreckung des Verwerfungurtheils ist.

Gleichwohl ist der Tod in unserem Sinne eine Wohlthat, weil er uns von zahllosem Elende befreit.

Wir können einen dreifachen Tod unterscheiden. Zunächst schließt die Sünde ein Sterben ein. „Die Seele, welche sündigt,“ sagt der Prophet, „die stirbt.“ Wir reden aber auch von einem mystischen Tode bei Demjenigen, welcher der Sünde abstirbt und sein Leben in Gott beginnt. Darauf geht das Wort des Apostels: „Wir sind mit ihm durch die Taufe zum Tode begraben.“ Sonst aber ist der Tod die Scheidung von Seele und Leib, welche den Lauf dieses Lebens abschließt. Unzweifelhaft ist jener Tod, der in der Sünde erfolgt, ein Übel, wie der andere Tod, in welchem man von tödlicher Sündenschuld wieder gerechtfertigt wird, ein unbeschreiblich hohes Gut ist. Der Tod im dritten Sinne des Wortes endlich liegt zwischen gut und böse: er erscheint den Gerechten als ein Gut, während er den Meisten Furcht einflößt; er befreit zwar Alle, aber doch erfreut er nur Wenige. Was aber den Tod schwer macht, liegt nicht im Sterben selbst, sondern in unserer Gebrechlichkeit: wir lassen uns von körperlichem Wohlbehagen und von unserer Lebenslust derart gefangen nehmen, daß wir erschrecken, wenn es sich um den Abschluß eines Lebenslaufes handelt, der doch im Grunde reicher an Bitterkeit als an Freude ist. Heilige und weise Männer dachten anders; sie seufzten über die lange Dauer dieser irdischen Wanderschaft. „Aufgelöst und mit Christo zu sein“ erschien ihnen als ein schöneres Ziel. Und mit Job mochte Mancher den Tag seiner Geburt verfluchend ausrufen: „Verloren sei der Tag, an dem ich geboren ward.“ 

Was ist denn auch wahrhaft Erquickendes in einem Leben, das so voll von Qual und Mühe ist? Zahllose Kränkungen und Mühseligkeiten umlagern den Lebenspfad. Wer zählt die Thränen Derer, welche unter den Mühen des Lebens seufzen, ohne daß eine milde Hand sie trocknet ? Darum sagt der Prediger: „Ich pries die Todten glücklicher als die Lebendigen und hielt für glücklicher als Beide Den, der noch nicht geboren ward, der die Übelthaten noch nicht gesehen hat, die unter der Sonne geschehen.“ Anderswo sagt er, daß eine unzeitige Geburt glücklicher sei als ein hochbetagter Mann; der Todtgeborne komme nicht in die Finsterniß dieser Welt und brauche inmitten ihrer Thorheit sein Leben nicht zu verbringen; er habe die Ruhe gefunden, die Demjenigen, der in die Welt eintrete, nicht beschieden sei. Was gibt es also Trostreiches in diesem Leben für den Menschen, der im Dunkeln wandelt und die Erfüllung seiner Wünsche vergeblich ersehnt? Und hätte er alle Reichthümer auf sich zusammengehäuft: er verlöre den ruhigen Genuß gleichwohl, weil er nun ängstlich behüten müßte, was er mit gierigem Geize zusammengerafft hätte. Das ist aber ein gar armseliger Besitz, der für den Besitzer selbst ohne Nutzen ist. Oder kann es etwas Jammervolleres geben, als wenn Jemand einen Überfluß ängstlich hüten muß, der für ihn ganz nutzlos ist?

Wenn also das Leben voller Mühseligkeiten ist, so muß sein Ende Erleichterung gewähren, und dann ergibt sich der einfache Schluß: jede Erleichterung ist eine Wohlthat; der Tod ist aber eine große Erleichterung, weil er die Mühen des Lebens endet: folglich ist der Tod auch eine Wohlthat. Deßhalb gerade äusserte auch Simeon seine Freude bei der Darstellung des Herrn im Tempel. Er hatte vom heiligen Geiste die Zusage erhalten, daß er den Tod nicht schauen würde, bis er den Gesalbten des Herrn gesehen; und als er nun das Kind sah, nahm er es auf seine Arme und sprach: „Nun, Herr, lassest du deinen Diener in Frieden scheiden.“ Es ist, als wenn aus diesen Worten das Gefühl spräche, daß er nur gezwungen im Leben zurückgehalten würde, nicht aber aus seiner eigenen freien Willensentschließung. Er bittet, entlassen zu werden, als gälte es, aus den Fesseln des Kerkers zur Freiheit zu eilen. Wir sind ja auch in der That in diesem Leibesleben von Fesseln gehalten; und schlimmer sind noch die Fesseln, mit denen die Versuchungen uns umstricken und nach dem herrschenden Gesetze der Sünde in die schmachvollste Botmäßigkeit bringen. So sehen wir auch, wie im Todesaugenblicke die Seele des Sterbenden sich allmälig von den Fesseln des Leibes löst und gleichsam aus einer Kerkerhütte entlassen sich aufschwingt. So drängt es auch David, diesen Ort der Wanderschaft zu verlassen, wenn er sagt: „Ein Ankömmling bin ich dir in diesem Lande und ein Fremdling, wie auch unsere Väter es waren.“ Und weil er ein Fremdling ist, darum will er zu jenem gemeinsamen Vaterlande aller heiligen Seelen eilen: er hat nur die eine Bitte, es möchten ihm, ehe er aus dem Leben scheide, die Sünden vergeben werden, welche ihm nach der Armseligkeit der irdischen Wanderschaft ankleben. Er wußte, daß Demjenigen, welchem hier die Sünden nicht nachgelassen sind, dort im Vaterlande der Heiligen keine Wohnstätte bereitet wird. Dort wird Niemand sein, der nicht würdig ist, in das ewige Leben einzugehen; ― denn das ewige Leben ist volle Schuldlosigkeit. Darum fügt David hinzu: „Vergib mir, daß ich erquicket werde, ehe denn ich hingehe und nicht mehr bin.“ 

Wie hätten wir also Grund, diesem Leben Wunsch und Begehr zuzuwenden, da wir doch nur um so mehr mit Sündenlast beschwert werden, je länger wir hier verweilen? Darum sagt auch der Herr: „Jeder Tag hat genug an seiner Plage.“ Wir verstehen dann auch das Wort Jakobs: „Die Tage meiner Wanderschaft sind hundert und dreissig Jahre, wenige und böse;“ nicht, als ob die Tage an sich böse wären, sondern weil für uns mit dem Wachsen der Tage auch das Wachsen der Sünde sich häuft: geht doch kein Tag ohne Sünde vorüber!

Wie erhaben sind deßhalb die Worte des Apostels: „Christus ist mein Leben, und Sterben mein Gewinn.“ Damit bezeichnet Paulus den Grund, warum wir dieses Leben aushalten müssen, aber auch den Segen, den der Tod bringt. Christus, dem wir dienen müssen, ist unser Leben, wie er das Leben der Heiligen war, die ihm in der Verkündigung seines Evangeliums den vollen Beweis ihres hingebenden Gehorsams brachten. Auch Simeon hatte Christus erwartet, bis er sagte: „Nun, Herr, entlässest du deinen Diener.“ Christus ist unser König, und was der König gebietet, dürfen wir weder zurückweisen noch verachten. Wie Manchen entsenden die Herrscher dieser Erde der Ehre oder des Amtes halber zu langem Aufenthalte in weit entlegene Länder: und wagen es Diese etwa ohne Zustimmung ihres Königs den angewiesenen Platz zu verlassen? Wieviel mehr ist es aber Pflicht, den göttlichen Befehlen zu gehorchen, wenn wir schon den menschlichen uns fügen! Dem Heiligen ist also Christus das Leben, aber Sterben ist ihm Gewinn. Als treuer Knecht verweigert der Apostel nicht die gehorsame Hingabe des Lebens; als Weiser aber streckt er seine Hand aus nach dem Gewinne, den der Tod ihm bringt. Es ist ja in der That ein Gewinn, dem Anwachsen der Sündenschuld entgangen zu sein; ein Gewinn ist es, Schlechteres zu verlassen, um Besseres zu erlangen. Darum fügt eben der Apostel bei: „Aufgelöst und mit Christo zu sein, wäre zwar viel besser; bleiben aber im Fleische ist nothwendig euretwegen.“ Die Nothwendigkeit liegt in der Förderung des Werkes, das der Herr ihm übertragen hat; das Bessere liegt in der Huld und Liebe Christi und in der Vereinigung mit ihm.

Der Segen des Todes; die Abtödtung ist ein allmähliges Sterben und darum überaus nützlich.

Jetzt können wir untersuchen, was der Tod, was das Leben ist, nachdem wir von dem Apostel gehört haben, daß Derjenige, welcher es verdient, nach dem Tode mit Christus sein wird. Nach der Lehre der Schrift ist der Tod die Befreiung der Seele vom Leibe, die Scheidung gewissermaßen des Menschen. Wir werden im Sterben gelöst von den Banden, welche Leib und Seele vereinigt halten. Darum sagt der Psalmist: „Du hast meine Bande zerrissen, darum will ich dir ein Opfer des Lobes bringen.“ Daß er aber dabei an die Fesseln denkt, welche Leib und Seele verbinden, zeigen die vorhergehenden Worte: „Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Heiligen.“ Er freut sich, weil er in prophetischem Schauen vorhersieht, daß er bei den Heiligen und bei allen Denjenigen sein werde, welche ihre Seelen in treuer Ergebenheit in Christi Hand niederlegten. Auch er hatte einstmals bereitwillig für das Volk Gottes sein Leben gegen Goliath eingesetzt, als er den Zweikampf aufnahm und ganz allein der allgemeinen Gefahr und der Fortführung verächtlicher Schmähung ein Ziel setzte. So hatte er auch, um den Zorn des Herrn zu sänftigen, sich bereitwillig dem Tode gewidmet und sich selbst als Opfer für die erzürnte Majestät Gottes zur Sühne dargeboten. Er wußte recht wohl, daß es ruhmreicher ist, für Gott zu sterben als hier auf Erden im Glanze königlicher Herrschaft zu leben. Und was kann es auch Erhabeneres geben, als ein Opfer Christi zu sein? Wenn wir von David wiederholt lesen, daß er reiche Opfer dargebracht habe, so wissen wir aber auch, daß er selbst hinzusetzt: „Ich werde dir darbringen ein Opfer des Lobes.“ Er sagt nicht: „Ich bringe dieses Opfer jetzt dar,“ sondern: „Ich werde es darbringen;“ er will damit andeuten, daß jenes Opfer erst vollkommen ist, welches wir, von den Banden des Leibes gelöset, dereinst vor Gottes Angesicht als ein wahres Lobopfer darbringen. Ohnehin ist Niemand im Stande, vor seinem Tode Gott in vollkommener Weise zu loben; wie ja auch Niemand mit Bestimmtheit selig gepriesen werden kann in seinem Leibesleben, weil die Zukunft des Lebens immer noch unsicher ist. Der Tod ist also die Lösung von Leib und Seele; ganz, wie der Apostel sagt: „Aufgelöst wünsche ich zu sein und bei Christus: Das ist weit besser.“ Bei jener Auflösung wird der Leib zur Ruhe gebracht; die Seele aber, wenn sie fromm war, geht ein in jenen Frieden, der in und bei Christus ist.

Deßhalb bemühen sich die Heiligen auch auf Erden schon, frei zu werden von den Makeln dieser Leiblichkeit, welche uns mit tausend Fesseln binden. Darum streben sie, von den Mühseligkeiten des Lebens sich los zu machen; darum fliehen sie die Vergnügungen sündhafter Lust und ersticken die Flammen der Begierlichkeit. Wer so handelt, der trägt mitten im Leben das Gepräge des Todes an sich: ihm sollen alle Lüste des Fleisches und der Welt sterben, gleichwie er allen Lockungen der Welt stirbt. So war auch Paulus gestorben, wie er selbst bezeugt: „Die Welt ist mir, ich bin der Welt gekreuzigt.“ Damit wir erkennen, daß es sich um ein Gott wohlgefälliges Sterben im Leben handelt, ermahnt er uns: „Immer müssen wir die Abtödtung Jesu an unserem Körper tragen, damit auch das Leben des Herrn Jesu an unserem Körper offenbar werde.“ Die Abtödtung, das fortgesetzte Sterben soll in uns das Leben wirken: ein glückseliges Leben nach dem Tode, nach errungenem Siege, nach hartem Kampfe. Dann wird das Gesetz des Fleisches dem Gesetze des Geistes nicht mehr widerstreiten; dann wird kein Kampf mehr stattfinden mit dem Leibe des Todes; dann wird auch in ihm der Sieg nicht mehr können gefährdet werden. Wenn Das die Frucht der Abtödtung ist, so wage ich selbst nicht zu entscheiden, ob nicht dieses Sterben werthvoller vor Gott ist als selbst jenes Leben. Das Ansehen des Apostels spricht dafür, wenn er sagt: „So ist der Tod wirksam in uns, das Leben in euch.“ Also hat eines Mannes Leben das Leben so vieler Völker gewirkt! Darum lehrt er, daß jener Tod auch von Denen, die noch im Leben sind, erstrebt werden müsse, damit der Tod des Herrn Jesus in unserem Körper erglänze; darum preist er jenen Tod glücklich, durch welchen der Mensch äusserlich vernichtet, aber innerlich erneuert wird; durch welchen unsere irdische Hütte abgebrochen wird, damit die himmlischen Wohnungen uns erschlossen werden. Derjenige vollzieht also das Sterben an sich selbst, welcher sich frei von der Gemeinschaft fleischlichen Sinnes macht, welcher von jenen Fesseln sich löset, über welche der Herr durch den Propheten Jsaias gesagt hat: „Löse die Bande der Bosheit, mache los die Fesseln der Bedrückung, gib frei die Gedrückten, reisse los jegliche Last!“ 

Auch Derjenige stirbt im Leben, welcher sich der Begierden entäussert und zu den ewigen Freuden sich erschwingt; der im Himmel seinen Wohnsitz aufschlägt, in dem Paulus verkehrte, während er noch auf Erden lebte. Sonst hätte er sicher nicht gesagt: „Unser Wandel ist im Himmel;“ was einmal darauf hindeuten kann, daß er zum Voraus des Lohnes für seine Verdienste sicher war, zum Anderen aber auch auf betrachtende Erwägung gehen kann. Dort im Himmel haftete ja seine Betrachtung, dort war der Wandel seiner Seele, dort war seine Weisheit. Der Weise löst nämlich, wenn er jenes himmlische Gut sucht, seine Seele vom Leibe; er gibt die Verbindung auf, indem er nach einer Erkenntniß der Wahrheit strebt, welche er ganz unverhüllt und offen dargelegt wünscht: darum aber wünscht er seinen Geist von den Umstrickungen und Übeln dieses leiblichen Lebens befreit zu sehen. Mit unseren Händen, Augen und Ohren können wir jene höchste Wahrheit nicht erfassen. Was gesehen wird, ist zeitlich, was aber nicht gesehen wird, ewig. Auch werden wir oft durch unsere Augen Täuschungen ausgesetzt und sehen gar Vieles anders, als es ist. In gleicher Weise ist das Gehör Täuschungen unterworfen. Wir müssen also, wenn wir vor Trug und Täuschung sicher sein wollen, nicht Das betrachten, was sichtbar ist, sondern Das, was unsichtbar ist. Oder wie soll die Seele der Täuschung entgehen, wie soll sie dem Throne der Wahrheit nahen, wenn sie nicht gewissermaßen zuvor vom Leibe scheidet und so der Täuschung und Irreleitung desselben sich entzieht? Irregeführt wird die Seele durch den Blick des Auges, durch das Aufhorchen des Ohres: darum soll sie beiden sich entziehen. Darum sagt der Apostel: „Rühret nicht an, kostet nicht, tastet nicht an, was zum Verderben gereicht!“ Alles gereicht wirklich zum Verderben, was in strafbarer Nachsicht gegen den Leib beruht. Um zu zeigen, daß er nicht durch solche Nachsicht, sondern durch Erhebung des Geistes wie durch Demuth des Herzens die Wahrheit gefunden habe, fügt er hinzu: „Unser Wandel ist im Himmel.“ Dort sucht er das Wahre und Ewige, dort sammelt er sich in sich selbst und erreicht die Höhe der Tugend; er will sich nicht Anderen anvertrauen, sondern in sich selbst will er zur Erkenntniß gelangen. Was er als wahr erfaßt, dem will er in richtiger Erkenntniß folgen; was er aber als begehrenswerth für irdische Lust erkennt. Das will er als ein Trugbild verabscheuen und fliehen.

Mit Recht hat der Apostel diesen Leib erniedrigt und herabgedrückt. „Einen Leib des Todes“ nennt er ihn. Und wer hat denn auch jemals mit den Augen des Leibes den himmlischen Glanz der Tugend geschaut? Wer konnte die Gerechtigkeit mit seiner Hand ergreifen und festhalten? Wer darf sagen, daß er die Weisheit mit dem Aufblicke seines Auges entdeckt habe? Ja wenn wir in besonderer Weise dem Denken uns hingeben, so sorgen wir, daß uns Niemand belästigt; wir wollen mit unseren Ohren Nichts vernehmen, und wir versenken uns so ganz und gar in geistige Thätigkeit, daß wir oft nicht einmal das unmittelbar Gegenwärtige sehen. Darum ist unser Denken zu nächtlicher Zeit reiner, und auch im Herzen erwägen wir dann besser, was uns erregt, ganz, wie der Psalmist sagt: „Was ihr sprechet in eueren Herzen, Das bereuet auf eueren Lagern!“ Einige schließen auch wohl die Augen, wenn sie in besonderer Geistesanstrengung tieferer Erforschung sich zuwenden wollen: so meiden sie die Hindernisse, welche ihnen die Augen bereiten können. Wir suchen oft geradezu die Einsamkeit, damit kein fremdes Wort unser Ohr trifft, das unsern Geist, während er der Betrachtung obliegt, von der Wahrheit ablenken und die Aufmerksamkeit vernichten könnte.

So nimmt uns das gewöhnliche körperliche Leben schon vielfach in Anspruch, und die Gewohnheit steigert die Sorgen noch, durch welche die Frische der Seele gehemmt, ihre Aufmerksamkeit abgelenkt wird. Deßhalb sagt Job: „Gedenke, Herr, daß du, wie Thon, mich geformt hast.“ Wenn aber der Leib Thon und Lehm ist, so belastet und verunreinigt er die Seele, indem er diese teilnehmen läßt an der Schmach ungezügelter Begierlichkeit. „Haut und Fleisch hast du mir angezogen,“ sagt Job, „mit Gebeinen und Sehnen mich zusammengefügt.“ Einerseits wird dadurch die Seele gebunden, andererseits zerstreut und abgelenkt. „Von Unrecht hast du, o Herr, mich nicht frei gemacht. Wenn ich nun gottlos bin, dann wehe mir! Bin ich aber gerecht, so darf ich doch mein Haupt nicht aufheben; denn mit Elend und Trübsal bin ich gesättigt.“ So spricht Job: und ist dieses Leben nicht in der That voll der Versuchungen, voll der Qualen, die uns auf dem Wege umringen? Der heilige Dulder fragt darum: „Ist das Leben des Menschen auf Erden etwas Anderes als steter Kampf?“ Er fügt aber mit gutem Grunde bei: „auf Erden;“ denn es soll das Leben des Menschen im Himmel sein. „Ja,“ sagt er ferner, „wie die Tage des Tagelöhners sind seine Tage,“ in Mühe und Ermattung geht das Leben hin; gar leicht wiegt der Lohn des Lebens, das schwankend und unsicher dahinfließt, weil es in einer Hütte von Lehm sich abschließt. Da ist keine Festigkeit, keine dauernde Entschlossenheit der Gesinnung. Am Tage wird die Nacht, während der Nacht wird der Tag wieder ersehnt. Seufzen würzt die Mahlzeit; ohne Thränen, ohne Schmerz, ohne Mühe wird das tägliche Brod nicht gegessen: da ist keine Ruhe, kein Frieden, keine Freiheit von Zorn und Hader. Zahllose Menschen sind einverstanden zu sterben; aber sie flehen doch nicht um den Tod. Haben sie ihn aber wirklich erfleht, so preisen sie sich glücklich: denn nur im Tode ist Ruhe und Frieden.

Weßhalb man den Tod eine Wohlthat nennen kann.

Vielleicht wendet Jemand ein: es stehe geschrieben, daß Gott den Tod nicht gemacht habe. In der That war das Leben im Paradiese, wo der Baum des Lebens stand, und das Leben war gewissermaßen das Tagesgestirn für die Menschen. Der Tod war also, weil er gegen den Willen Gottes eingedrungen, ein Übel. Dem halte ich aber entgegen: wie kann der Tod ein Übel sein, wenn er nach der Meinung der Heiden volle Gefühllosigkeit bringt? und noch mehr, wenn er, wie der Apostel sagt, Christum den Herrn gewinnen läßt? Wo kein Gefühl ist, da ist auch kein Schmerz über irgend welche Unbild; denn der Schmerz ist ja ein Gefühl. Nun tritt freilich, dessen sind wir gewiß, mit dem Tode nicht Gefühllosigkeit ein; es muß also auch noch das Leben herrschen, und zwar ist es die Seele, welche den Tod überdauert, wie sie Gefühl und Leben fortsetzt. Wenn aber nach dem Tode Leben und Seele noch fortbesteht, so bleibt auch der bessere Theil des Menschen nicht bloß, sondern wird in seinen Vorzügen noch gesteigert. Nach dem Tode wird die Seele durch Nichts mehr zurückgehalten oder gehindert, was früher dem Tode verfallen war: darum ist ihr Wirken und Thun auch gesteigert, weil sie die eigenen Kräfte ganz frei gebrauchen kann, ohne durch die Gemeinschaft mit dem Leibe, der im Grunde doch mehr zur Hinderung diente, gehemmt zu sein. Welches Übel soll aber daraus der Seele erwachsen, wenn sie ihre Reinigkeit bewahrt und die Übung der Tugend allezeit festgehalten hat? War Das nicht der Fall, so liegt das Übel nicht im Tode, sondern im Leben, das vor Gott gar nicht als Leben galt. Was wäre das auch für ein Leben, das mit Sünden und Fehlern bedeckt ist? Wie kommen wir also dazu, den Tod anzuklagen, da dieser doch den wahren Werth des Lebens zur Einlösung bringt oder Leid und Kreuz der Lebenstage abschließt? So bietet der Tod entweder in der Ruhe, die er bringt, das ihm eigentümliche Gut, oder er müht sich um ein Übel, das seinem Wesen fremd ist.

Darnach müssen wir also wohl beachten: Wenn das Leben zur Last wird, so ist der Tod Erlösung; wenn das Leben zur Qual werden kann, so ist der Tod das Heilmittel. Sagt man aber, daß nach dem Tode das Gericht folge, so darf man auch nicht vergessen, daß nach dem Tode das Leben anhebt. Das Leben auf Erden ist nicht wahrhaft gut; ist es aber doch immerhin gut, wie sollte der Tod nicht erst recht gut sein, da mit ihm die Furcht vor dem schrecklichen Gerichte endigt? Und wenn das Leben hier auf Erden gut ist, wodurch erwirbt es den Anspruch auf diese Bezeichnung, wenn nicht durch die Tugend und Reinheit der Sitten? Der Vorzug liegt also keineswegs in der Verbindung von Leib und Seele, sondern darin, daß man durch die Tugend Alles, was sonst im Leben als Übel gelten muß, siegreich zurückweist. Die Wohlthat aber, welche den Tod begleitet, tritt sofort ein, indem Das, was der Seele recht eigentlich angehört, mehr als Das, was im Gefolge der Verbindung von Leib und Seele sich kund gibt, zur vollen Wirksamkeit entfaltet wird. Wenn nun das Leben, sofern sich in ihm die vom Leibeselend losgelöste Seele abspiegelt, gut ist; wenn ferner die Seele gut und heilig genannt werden muß, welche sich losmacht von den Fesseln des Leibes: dann ist der Tod unter allen Umständen eine Wohlthat, weil er die Seele aus der Gemeinschaft dieses Leibes für immer löst und befreit.

Nach allen Richtungen hin darf man also den Tod eine Wohlthat nennen, mag man nun erwägen, daß er Widerstrebendes trennt, so daß für immer der Streit ruht, oder daß er ein Hafen ist, nach welchem Diejenigen als nach dem Orte seliger Ruhe sich sehnen, welche von den Stürmen des Lebensmeeres ruhelos umhergeworfen wurden. Und auch Das bleibt von Bedeutung, daß er den Zustand des Menschen nicht verschlechtert: vielmehr läßt er ihn unverändert so, wie er ihn findet, um dem Richter das Urtheil anheimzugeben; die Ruhe selbst aber, die er gewährt, entzieht den Menschen ebenso aller Unbill der Gegenwart, wie er in der Erwartung der Zukunft stille Befriedigung gewährt. Dazu kommt dann, daß Diejenigen ganz ohne Grund den Tod fürchten, welche denselben als das Ende der Natur ansehen. Wenn wir nämlich festhalten, daß Gott den Tod nicht geschaffen hat, daß vielmehr der Mensch, nachdem er den Frevel treulosen Ungehorsams sich aufgeladen, von dem Urteilsspruche getroffen ist: es solle der Staub zum Staube zurückkehren; wenn wir daran festhalten, so werden wir finden, daß der Tod nur der Sünde Ziel und Ende setzt; wird ja doch nur die Schuld um so größer und schwerer, als das Leben länger dauert. So hat denn der Herr es in seiner Erbarmung gefügt, daß der Tod eintritt, damit die Schuld schwindet. Die Vernichtung der Natur wird aber durch die Auferstehung der Todten verhindert: hört im Tode und durch ihn die Schuld auf, so wird durch die Auferstehung auch das natürliche Leben der Unsterblichkeit theilhaftig. So ist denn der Tod eigentlich nur ein Übergang, den man herzhaft ausführen muß: ein Übergang von der Verwesung zur Unverweslichkeit, von der Sterblichkeit zur Unsterblichkeit, von Sturm und Unruhe zu seliger Ruhe. Der Tod darf uns somit nicht erschrecken, sondern die Segnungen, welche der gut vollbrachte Übergang uns verheißt, müssen uns mit Freude erfüllen. Oder was ist der Tod anders als die Bestattung der Sünden, die Auferstehung der Tugenden? Dieser Überzeugung entstammt jener Wunsch: „Möge meine Seele sterben in den Seelen dieser Gerechten!“ Möge sie zur Ruhe gelangen, indem sie ihrer Sündhaftigkeit entkleidet wird; möge sie die gnadenreiche Schönheit der Gerechten annehmen, welche die Abtödtung unseres Herrn an Leib und Seele tragen. Die Abtödtung aber nach dem Beispiele Christi schließt die Tilgung der Sünden, Sühnung der Fehler, Widerruf der Verirrungen, Annahme der Gnaden ein. Und endlich: was können wir Erhabeneres von der Wohltat des Todes sagen, als Dieses, daß der Tod die Welt erlöst hat?!

Ermahnung, die Furcht vor dem Tode zu besiegen durch Abtödtung, welche ein Bild des Todes ist.

16. Wir wollen inzwischen den Tod im gewöhnlichen Sinne des Wortes, dem Alle unterworfen sind, wieder betrachten. Warum sollten wir denselben fürchten, da er der Seele in keiner Weise schaden kann? Darum sagt ja auch der Herr: „Fürchtet nicht Diejenigen, welche zwar den Leib tödten können, die Seele aber zu tödten nicht vermögen.“ Durch diesen Tod wird vielmehr die Seele befreit, sofern er die Gemeinschaft mit dem Leibe aufhebt und die Fesseln der Gebrechlichkeit löst. Darum thun wir gut, wenn wir schon im Leibesleben sterben, indem wir unsere Seele über die Fleischeshülle sich erheben und so gleichsam aus ihrem Grabe erstehen lassen. Frei machen sollen wir uns von der Umarmung des Fleisches; lösen sollen wir; uns von Allem, was irdisch ist, damit unser Widersacher in uns Nichts findet, was er als sein Eigenthum ansehen könnte. Auf das Ewige sollen wir unseren Blick richten; zu jenem Göttlichen sollen wir auf den Flügeln der Liebe uns aufschwingen. Wir müssen uns hier erheben von Allem, was der Zeit und der Erde gehört. Darum sagte der Herr zu seinen Aposteln: „Stehet auf, lasset uns von hinnen gehen!“ Damit befahl er, daß man von dem Irdischen sich erhebe, den am Boden liegenden Geist zum Himmel emporrichte, damit das Wort der Schrift wahr werde: „Es wird deine Jugend wie die des Adlers erneuert werden.“ Das ist zur Seele gesagt worden. Unsere Seele soll gleich dem Adler der Höhe zustreben, über die Wolken hinaus ihren Flug nehmen; in neuer Umhüllung soll sie erglänzen, zum Himmel soll ihr Sehnen gehen, wo keine Fallstricke ihr drohen. Der Vogel, welcher aus der Höhe herabsteigt, oder welcher sich überhaupt nicht zur Höhe erschwingen kann, läuft vielfache Gefahr, von Fangstricken umgarnt oder von der Leimruthe festgehalten zu werden: kurz er ist allen Nachstellungen preisgegeben. So soll auch unsere Seele sich hüten, in das Irdische sich zu verlieren. Ihr lauert der Strick im Golde, die Leimruthe im Silber; ihr drohen schlimme Fesseln in reichem Grundbesitze; ihr birgt sich tödtliches Geschoß in der Liebe. Wenn wir nach Gold streben, wird uns dasselbe leicht zum Strick, der uns erdrosselt; wünschen wir den reichen Besitz von Silber, so haften wir leicht im Besitze, wie der Vogel an der Leimruthe; richten wir unser Verlangen auf Grundbesitz, so werden wir am Boden gefesselt zurückgehalten. Was suchen wir also hinfälligen, werthlosen Gewinn zum Nachtheile unserer überaus kostbaren Seele? Zu armselig ist ja die ganze Welt, als daß sie zum Lösegelde für eine einzige Seele ausreichte. Was nützt es denn auch dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber Schaden litte an seiner Seele? Oder welchen Entgelt könntest du für deine Seele geben? Durch Gold und Silber wird sie nicht erkauft, eher zu Grunde gerichtet. Auch die Schönheit des Weibes umstrickt die Seele, wenn man der Gefahr sich aussetzen zu dürfen glaubt. Begierlichkeit, Trauer, Zorn und alle anderen Leidenschaften sind ebenso viele Geschoße, welche in unsere Seele eindringen und sie wie mit schwerem Nagel dem Leibe verbinden.

Fliehen wir also diese Übel und erheben wir unsere Seele zur Ebenbildlichkeit mit Gott! Die Flucht vor der Sünde bringt diese Ebenbildlichkeit; und in treuer Tugendübung wird das Bild Gottes in uns ausgeprägt. Unser Schöpfer hat der Seele die Farbe der Tugend gegeben. Zu Jerusalem sagt der Herr: „Siehe, ich habe deine Mauern gemalt.“ So hüten wir uns denn, daß wir nicht durch unsere Nachlässigkeit das feste Bild, welches unserer Seele eingezeichnet ist, wie mit einem Schwamme wegwischen. Der Herr sagt: „Deine Mauern habe ich gemalt;“ von den Zinnen dieser Mauern können wir den Feind beobachten. 

Die Seele hat darnach auch ihre Mauern, auf denen sie thront und spricht: „Wie eine ummauerte, befestigte Stadt bin ich.“ Von jener Mauer geschützt und vertheidigt ist die Seele selbst wie eine Festung geworden. Mit dem hohen Liede kann die Seele sagen: „Ich bin eine Mauer, überragt von Thürmen.“ Von dieser Mauer hat der Herr gesagt: „Siehe, in meine Hände habe ich deine Mauern gezeichnet; du bist allezeit vor meinen Augen.“ Gut und glücklich ist die Seele, welche Gott zum Wächter bat, welche in seinen Händen ruht, welche allezeit vor seinem Blicke ist. Sie kann mit jener prophetischen Seele sprechen: „Des Herrn Augen ruhen auf dem Gerechten,“ und mit dem Psalmisten: „Vor ihm bin ich geworden wie eine Seele, die den Frieden fand.“ Diese Seele hat zwei feste Thürme, für ihre Erkenntniß das Wort, für ihre Sitte die Unterweisung des Herrn. Diese Seele gleicht der Braut im hohen Liede, welche in die Gärten eilt und dort den Geliebten findet, wie er bei seinen Freunden weilt. Ihm ruft sie zu: „Der du in den Gärten sitzest, lasse deine Stimme mich hören“! Sie sagt: „Lasse mich deine Stimme hören,“ nicht: „deine Freunde.“ Sie fügt hinzu: „Fliehe, mein Geliebter!“ So mahnt sie, weil sie selbst entschlossen ist, ihm zu folgen, wenn er Irdisches, Vergängliches flieht. „Werde gleich dem jungen Hirsche, welcher den Netzen entflieht,“ sagt sie ferner. Sie will eben selbst fliehen und über die Erde sich erheben.

Hier dürfen wir an jenen Garten erinnert werden, von welchem Plato erzählt, und den er einmal den Garten des Zeus, ein anderes Mal den Garten des Geistes nennt; Zeus bezeichnet er ja sowohl als Gott wie als Geist der ganzen Welt. In diesen Garten sei die Seele eingetreten, die er Venus nennt, damit sie an der Fülle und dem Reichthume desselben sich ersättige: dort aber habe gefüllt mit Nectar ein mächtiges Gefäß gestanden. Plato hat Dieses wohl aus dem hohen Liede entnommen. Dort tritt die Gott ergebene Seele in einen geistigen Garten ein, in welchem eine reiche Fülle der verschiedensten Tugenden und die Blüthen erhabener Worte sich finden. Und wem wäre unbekannt, daß aus jenem Paradiese, in welchem der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen stand, daß aus ihm die Fülle der Tugenden in den Garten der Seele verpflanzt werden mußte? Von diesem Garten der Seele oder vielmehr von der Seele selbst spricht Salomon im hohen Liede. „Ein verschlossener Garten,“ sagt er, „bist du, meine Schwester, ein verschlossener Garten, eine versiegelte Quelle; deine Früchte sind ein Paradies.“Die Seele aber antwortet: „Hebe dich, Nordwind, komme, Südwind; durchwehe meinen Garten, so werden meine Gewürze fließen. Mein Geliebter komme in seinen Garten und esse die Früchte seiner Äpfel.“ Wie erhaben ist dieser Gedanke, daß die mit den Blüthen der Tugend geschmückte Seele ein Garten sei, daß sie in sich ein duftendes Paradies trage! Und in diesen ihren Garten ladet sie das Wort, damit sie von seinem himmlischen Thaue benetzt, von seinem Reichthum getränkt werde. Das ewige Wort aber weidet sich an den Tugenden der Seele, wenn sie diese gehorsam und vollkommen findet: dann bricht dieses Wort die Früchte und erfreut sich an ihrem Anblicke. So lange aber das Wort in der Seele weilt, strömen aus ihr die Wohlgerüche heiliger Worte; weithin dringen alsdann die Düfte der Huld und Gnade vor Gott.

Darum antwortet der Bräutigam — das Wort ist aber der Bräutigam der Seele, die ihm in heiligem Bunde angetraut ist —: „Ich kam in meinen Garten, meine Schwester, meine Braut, um meine Myrrhe mit meinen Gewürzen zu pflücken, den Honigseim sammt meinem Honig zu essen, meinen Wein mit meiner Milch zu trinken: esset, trinket, berauschet euch, meine Brüder und Freunde! Ich schlafe, aber mein Herz wacht.“ Da erkennen wir, an welchen Früchten Gott sich sättigt und erfreut: wenn die Seele der Sünde abstirbt, wenn sie ihre Schuld tilgt, ihre Ungerechtigkeiten für immer zur Ruhe bestattet. Die Myrrhe deutet uns die Bestattung der Todten. Todt aber sind die Sünden, welchen die Annehmlichkeit des Lebens nicht mehr vergönnt ist. Die Wunden, welche die Sünden geschlagen haben, werden von dem Balsam des göttlichen Wortes berührt; mit höherem Worte wird die Seele dann wie mit kräftigem Brode genährt, mit mildem Worte aber wie mit Honig geheilt. „Solche gute Worte sind in der That wie Honigseim,“ sagt Salomon in seinen Sprüchen. Da ist nun in jenem Garten ein Wort, welches die Schuld straft; ein anderes weist den Frevel zurecht; ein anderes lässt den Übermuth sterben und begräbt ihn gleichsam, sofern nämlich der Betroffene seinen Verirrungen entsagt. Kräftiger ist das Wort, welches das Herz des Menschen mit der erhabenen Speise der heiligen Schrift stärkt. Ein anderes Wort ist milde überredend wie Honig, und doch bringt es das Gewissen des Sünders bei aller Milde zur Zerknirschung. Wiederum ein anderes Wort von glühenderem Geiste berauscht, gleich dem Weine, und erfüllt das Herz mit hoher Freude. Endlich ist ein Wort, gleich der Milch, rein und weiss. Diese Speisen bietet der himmlische Bräutigam seinen Genossen: „Esset, meine Freunde, trinket, berauschet euch, meine Brüder!“ Die Genossen sind Die, welche ihm folgen und dem Hochzeitsmahle beiwohnen. Wenn aber die Seele mit dieser Speise gesättigt, von solchem Tranke berauscht für die Welt entschläft, dann erwacht sie für Gott. Und dann verlangt auch das ewige Wort, da゚ ihm die Thüre dieser Seele geöffnet werde, damit er mit seinem Eintritt sie vollends beselige.

Da haben wir denn die Teilnehmer am Gastmahle, in anderer Weise, als Plato berichtet; — da ist der wahre Nektar aus Wein und Honig nach dem Worte des Propheten gemischt; dort finden wir jenen geheimnißvollen Schlaf, dort das ewige Leben, in welchem Gott die Seinigen speiset: und Christus selbst ist dieses Leben. Die Keime seiner Worte ruhen aber als fruchtbare Saatkörner in der Seele; und so entsteigt sie in dem Worte sich selbst. Die Seele aber, welche aus der Knechtschaft der Welt hervorgeht und über das Leibesleben sich erhebt, — diese Seele folgt auch dem Worte.

Wie wir den Fesseln der Welt entgehen können.

Es gibt aber mächtige Gewalten, welche uns von der Höhe unserer Seelenmauer herabstoßen wollen. Gewalten, die nach den Worten des Apostels in der Luft wie auf der Erde sind: sie suchen uns zu hindern, wenn wir geraden Weges fortgehen; wollen wir dem Himmlischen zustreben, so möchten sie uns herabziehen und an die Erde fesseln. Um so viel mehr müssen wir unseren Geist auf das Himmlische richten und dem ewigen Worte folgen. Jene Mächte überschütten uns mit weltlichen Sorgen, um uns vom rechten Wege abzulenken: wir aber sollen dann um so entschiedener unsere Schritte zu Christus hinwenden. Jene Mächte werfen in deine Seele die ungezügelte Begier nach Gold, Silber und fremdem Besitzthum, damit du dich unter dem Vorwande, jenes erwerben zu müssen, von der Theilnahme an dem Hochzeitsmahle des Sohnes Gottes entschuldigen möchtest. Hüte du dich aber vor solcher Entschuldigung; ziehe vielmehr das hochzeitliche Gewand an und nimm Theil an dem Gastmahle des himmlischen Königs! Es könnte sonst auch dir begegnen, daß der Herr dich ausschlöße und für dich, während du weltlichen Sorgen hingegeben bist, Andere einladet. Auch das ungebührliche Streben nach Ehre legen jene Mächte der Welt in die Seele, damit du dich erhebest wie Adam und so, während du Gott gleich sein willst in der Fülle seiner Macht, die göttlichen Gebote verachtest. Damit würdest du dann auch diejenigen göttlichen Gaben, welche du wirklich besitzest, verlieren, nach dem Worte der Schrift: „Wer Nichts gewann, Dem wird auch Das, was er hatte, genommen.“

Wie oft überfluthet uns nicht im Gebete, während wir doch Gott nahe sind, Schmachvolles und Sündhaftes, um uns vom Eifer der Andacht abzuhalten! Wie oft wagt der Feind der Seelen uns Gedanken einzuflößen, um uns von heiligen Entschlüssen und frommen Vorsätzen abwendig zu machen! Wie oft entflammt er nicht fleischliche Begierden! Wie oft läßt er unsere Augen Unkeusches erblicken, wodurch der keusche Sinn des Frommen versucht wird, um ihn unvorbereitet durch das Geschoß sündhafter Liebe zu verwunden! Wie oft wird nicht in deinem Herzen ein ungerecht begehrlich Wort laut, so daß schlummernde Gedanken der Ungerechtigkeit lebendig werden! Davon sagt das Gesetz: „Hüte dich, daß nicht etwa ein verborgener Gedanke der Ungerechtigkeit in dir sich rege.“ Dann würde der Herr dir sagen: „Was denkst du Böses in deinem Herzen?“ Oder kannst du von dem Reichthume an Gold, Silber und Ackergütern, wie auch von den Ehren, deren du dich erfreust, sagen: Meine eigene Kraft hat mir dieses Alles erworben, — so daß du dann des Herrn, deines Gottes, vergeben dürftest?

Durch solche Belästigungen wird die Seele, während sie ihren Flug zum Himmel richten möchte, niedergezogen. Du aber sollst als ein guter Streiter Christi kämpfen, das Irdische mißachten und vergessen, zum Himmlischen und Ewigen dich erheben. So laß denn deine Seele in der Höhe bleiben, damit sie nicht durch die Lockspeise der Welt verführt werde. Die Lüste der Welt sind solche böse, gefährliche Lockspeisen; wenn du sie suchst, wirst du den Fallstricken nicht entgehen. Der Blick der Buhlerin ist eine Fessel für Den, der ihr ergeben ist. Mehr noch gilt Das von der süßen Schmeichelrede, die im ersten Augenblicke dich mit Wonne erfüllt, nachher aber alle Bitterkeit des sündhaften, schuldbeladenen Gewissens zu kosten gibt. Ein Fallstrick ist auch der Besitz fremden Gutes, wie voll der Annehmlichkeit dasselbe auch sein mag. Kurz jeder Weg, den unser Leben zieht, ist mit Fallstricken belegt. Darum sagt der Gerechte: „Auf dem Wege, auf welchem ich wandelte, verbargen sie mir Schlingen;“ daraus sollst du lernen, daß du Dem folgen mußt, der von sich gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben.“ Dann kannst du sagen mit dem Psalmisten: „Der Herr hat meine Seele bekehrt; er hat mich auf die Wege der Gerechtigkeit geführt um seines Namens willen.“ 

So soll uns denn die Welt sterben; sterben soll uns die fleischliche Klugheit dieser Welt, weil sie Gott widerstrebt. Christus allein soll unsere Seele gehören, so daß wir sagen können: „Soll etwa meine Seele nicht Gott unterworfen sein?“ Der Psalmist sagt damit, daß die Seele der Welt oder irdischem Gute nicht unterworfen sein sollte. Jemand, der habsüchtig oder geizig ist, kann Das nicht sagen; wohl aber sagt Das der Gerechte und Genügsame. Der Geizige aber sagt: „Meine Seele, du hast viele Güter für lange Jahre aufgehäuft: ruhe nun aus, iß, trink und laß dir wohl sein!“ Seine Seele ist körperlicher Begierde unterworfen; die Seele des Gerechten aber bedient sich des Körpers lediglich als eines Werkzeuges, das ihr wie einem erfahrenen Künstler zu Willen sein muß. So bildet sie aus dem Leibe diejenige Gestalt, die sie ihm geben will. In ihm läßt sie den Widerhall ihrer tugendhaften Stimmung widertönen, indem sie jetzt die Silberglocke der Keuschheit, jetzt den Gesang der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit ertönen läßt: die süße Lieblichkeit jungfräulichen Sinnes und den Ernst würdigen Wittwenstandes läßt sie unverkennbar widerstrahlen. Bisweilen freilich leidet die Seele auch unter dem Leibe, aber immer als freie Herrscherin: darum richte du Alles auf ehrbare Weise, damit auch dieses Mitleiden ganz in den Grenzen der Ehrbarkeit bleibe. Wird ja sonst auch Der, welcher siehet, meist durch das Sehen, wie der Hörende durch das Hören errregt: und darum mahnt die Schrift: „Deine Augen sollen das Rechte sehen;“ und an einer andern Stelle: „Warum solltest du dich verführen lassen von einer Fremden? Blicke nicht auf zu den Augen einer Dirne; achte nicht auf die Worte einer Buhlerin!“.

So viel Beschwer ist im Leibesleben, daß der Tod nur dem Gottlosen bitter ist.

Wozu soll ich aber von den Fallstricken reden, welche uns von aussen bereitet werden? Mehr müssen wir uns vor jenen hüten, welche in unserem eigenen Leibesleben uns bedrohen. Wir dürfen deßhalb unsere Seele dem Körper nicht anvertrauen; wir dürfen nie mit ihm sich nicht vermischen lassen. So mahnt uns auch die Schrift, unsere Seele mit dem Freunde, aber nicht mit einem Feinde zu verbünden. Dein Leib ist im Grunde dein Feind, weil er dem Geiste widerstreitet: seine Werke sind Feindschaft, Streit und Verwirrung. Hüte dich also vor der Vermischung, damit du nicht beide dem Verderben überlieferst. Bei der gegenseitigen Durchdringung wird das Fleisch, welches geringer ist als der Geist, über Gebühr erhoben; und doch gibt die Seele dem Leibe das Leben, während das Fleisch den Tod auch über den Geist bringt. So wird die beiderseitige Thätigkeit, ja selbst nahezu die Wesenheit vermischt. Die Seele nimmt Theil an der Gefühllosigkeit des todten Leibes, wie umgekehrt auch der Leib allen Kräften der Seele dient. Keineswegs aber darf man glauben, daß beide in einander übergeben, weil die Seele den Leib durchdringt. Dringt ja auch das Licht an jeden Ort, ohne mit dem irdischen Körper selbst eins zu werden. Wie also die Wesenheit von Leib und Seele verschieden ist, so soll auch die Thätigkeit beider von einander unabhängig sein: die Seele wohne im Leibe, um ihn zu beleben, zu regieren, zu erleuchten.

Wir können freilich nicht leugnen, daß die Seele mit dem Leibe fühlt und leidet, wie sie ja auch sich mitbetrübt. Der Herr Jesus selbst sagt: „Meine Seele ist betrübt bis zum Tode;“ und der Psalmist: „Gar sehr bestürzt ist meine Seele.“ So nimmt auch der Flöten- und Zitherspieler wie der Sänger an seinen Weisen mit Stimme, Haltung, Gefühl Theil. Trauriger erscheint er bei traurigen, fröhlicher bei heiteren Tönen; aufgeregt bei höheren und selbst milder und sanftmüthiger bei milden Tönen: so bringt er gewissermaßen die Töne seiner Weisen selbst zur Anerkennung und stimmt nach ihnen seine Empfindungen. Wie man der Zither mit den Spitzen der Finger die Töne der Saiten entlockt, so ruft die Seele auch im Leibe die entsprechenden Stimmungen hervor, um den vollen Einklang der Sitten und Tugenden zu bewirken. Sie soll darum auch in all’ ihren Gedanken, in all’ ihren Werken darauf achten, daß ihre Entschlüsse und Handlungen durchaus einander entsprechen. Die Seele herrscht also, der Leib ist ihr zum Gebrauche überwiesen; dort ist Freiheit, hier Knechtschaft; die Seele sind wir selbst, der Leib gehört nur zu uns. Wenn deßhalb Jemand die Schönheit der Seele liebt, so liebt er uns; liebt er aber die Schönheit des Leibes, so liebt er nicht den Menschen selbst, sondern den Liebreiz der Gestalt, welche aber bald schwindet und verwelkt.

Achte darum auf das Wort des königlichen Sängers: „Wer seine Seele nicht gebraucht zum Eitlen.“ Derjenige aber gebraucht die Seele (um von den gewöhnlichen Sorgen dieses Lebens zu reden) zum Eitlen, welcher Irdisches, Vergängliches aufrichtet und erstrebt. Wir erheben uns täglich, um zu essen und zu trinken: und doch wird Niemand derart gesättigt, daß er nicht alsbald wieder von Hunger und Durst gequält würde. Täglich suchen wir nach Gewinn und Verdienst, und doch wird der Begierlichkeit niemals ein Ziel gesetzt, wie der weise Mann sagt: „Das Auge kann sich nicht satt sehen, das Ohr kann nicht genug hören.“ Wer das Silber liebt, wird niemals von Silber gesättigt: die Mühe und Arbeit findet kein Ende, und wirkliche Frucht erwächst dem Überflusse nicht. Wir haben den sehnlichen Wunsch, täglich Neues zu lernen; und was ist denn wiederum alle Erkenntniß anders, als eine tägliche Steigerung schmerzlichen Wissendranges? Alles, was jetzt ist, war auch früher schon; es gibt nichts Neues unter der Sonne: Alles ist Eitelkeit. „Darum verdroß mich mein Leben,“ sagt der Prediger. Wer aber das Leben haßt, der rühmt den Tod thatsächlich. Im Übrigen lobt derselbe Weise die Todten mehr als die Lebenden: ja er preist Denjenigen selig, der gar nicht in dieses Leben eingetreten ist, der seine Mühseligkeit gar nicht getragen hat. „Mein Herz,“ sagt er, „ging umher, um die Freude des Gottlosen kennen zu lernen, um zu suchen und zu betrachten die Weisheit; endlich um die Freude, die Last und die eitle Überhebung der Macht zu erforschen: und siehe, ich fand alles Dieses bitterer als den Tod.“ Der Prediger sagt damit Nicht, daß der Tod an und für sich, sondern nur, daß er dem Gottlosen bitter sei: und doch ist auch in diesem Falle das Leben bitterer als der Tod. Schrecklicher ist es ja immerhin, zum Sündigen zu leben als in der Sünde zu sterben: denn solange der Gottlose lebt, vermehrt er auch die Zahl seiner Sünden; stirbt er, so hört doch wenigstens das Sündigen auf.

Gar Viele freuen sich in dem Gedanken, von ihren Sünden losgesprochen zu sein. Das ist gut und recht, wenn sie entschlossen sind, sich zu bessern; es ist aber sehr thöricht, wenn sie geneigt sind, in ihren Sünden zu verharren: dann wäre ja am Ende die Verdammung noch vorzugeben, damit sie wenigstens aufhörten, ihre Sünden zu vermehren. Dabei erscheint von besonderer Wichtigkeit das Wort des Apostels, welcher versichert, daß nicht bloß Diejenigen, welche verbrecherisch handeln, des Todes würdig sind, sondern auch Diejenigen, welche ihren Beifall zu solchen Thaten zu erkennen geben. Nicht minder, sagt der Apostel, sind Diejenigen unentschuldbar, welche an Anderen, verurtheilen, was sie selbst thun. Durch ihr eigenes Urtheil erscheinen sie strafbar: indem sie Andere richten, verurtheilen sie sich selbst. Sie dürfen sich nicht damit trösten, daß sie zur Zeit noch frei von Strafe und nicht geradezu unter Anklage gestellt sind: sie büßen in sich nur um so schwerere Strafen, da sie vor ihrem eigenen Gewissen schuldig sind, auch wenn sie Anderen nicht so erscheinen. Der Vorwurf, den das eigene Gewissen gegen sich selbst erhebt, wird jedesmal schärfer und einschneidender, wenn sie über Andere ihr Urtheil fällen. „Hüte dich aber, o Mensch,“ mahnt der Apostel, „den Reichthum der Güte, Geduld und Langmuth Gottes zu verachten. Oder weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Ruhe und Besserung deines Lebens ruft? Durch Verstocktheit und durch ein unbußfertiges Herz häufest du dagegen Zorn für den Tag der Offenbarung der gerechten Gerichte Gottes.“ Dann wirst du die volle Vergeltung für deine Vergehen erhalten.

Der Tod also ist kein Übel weder für die Lebenden, noch für die Todten: von jenen ist er noch ferne, diese haben ihn überstanden. Denjenigen, die ihn noch nicht kennen, kann er eben deßhalb auch nicht bitter erscheinen; noch viel weniger ist Das der Fall bei Denen, die dem Leibe nach kein Gefühl mehr haben, für ihre Seele aber Befreiung gefunden haben.

Nicht der Tod an sich, sondern die falsche Meinung vom Tode ist schrecklich.

Wenn nun deßungeachtet der Tod den Lebenden schrecklich erscheint, so trifft Das eigentlich nicht den Tod an sich, sondern die falsche vorgefaßte Meinung, die sich Jeder vom Tode je nach seinem Gefühle bildet, oder die ihm von der Angst seines unruhigen Gewissens aufgezwungen wird. In letzterem Falle täte man aber besser, die Sündenwunde des Gewissens statt die Bitterkeit des Todes anzuklagen. In der That erscheint ja der Tod den Gerechten wie ein Hafen des Friedens; nur den Sündern stellt er sich in den Schrecken des Schiffbruches dar. Für Diejenigen, welche unter einer drückenden Furcht vor dem Tode leiden, ist das Drückende eben nicht der Tod, sondern die Furcht vor dem Tode. Die Furcht aber wurzelt in der eigenthümlichen Auffassung, die der Wahrheit widerstreitet und nur ein Ausfluß unserer Armseligkeit ist, die ferner dem Leben, nicht dem Tode selbst angehört. Wir hätten ja tatsächlich im Tode Nichts zu fürchten, wenn das Leben nicht mit Thaten belastet ist, die jene Furcht begründen müssen. Die richtige Erkenntniß lehrt uns, daß wir die Strafen für unsere Vergehungen fürchten müssen; diese Vergehungen sind nicht Handlungen der Todten, sondern der Lebendigen. Das Leben gehört aber uns; seine Handlungen stehen in unserer Gewalt. Der Tod liegt ausser uns; er scheidet Leib und Seele; die Seele macht sich los, der Leib zerfällt! Was sich gelöst von den Fesseln des Irdischen aufschwingt, jubelt in hoher Freude: was in Staub zerfällt, hat kein Gefühl und hat deßhalb gar keine Beziehung mehr zu uns.

Wäre der Tod wirklich ein Übel, wie sollte man dann in der Jugend nicht das Greisenalter fürchten, das dem Tode so nahe steht? Und doch sieht Derjenige geduldiger auf das Schwinden seiner Kräfte im Alter, welcher den Tod vor Augen hat, als Derjenige, der unerwartet vom Tode getroffen wird. „Für Diejenigen aber, die deßungeachtet den Tod für ein Übel halten, glaube ich die passendste Antwort in dem Hinweis zu haben, daß der Durchgang zum Tode das Leben ist, wie andererseits wiederum die Rückkehr zum Leben durch die Pforte des Todes führt: kann doch Niemand auferstehen, der nicht zuvor gestorben ist! Nur thörichte Menschen erschrecken also vor dem Tode als dem größten Übel; wahrhaft Weise aber sehen im Tode nur die erwünschte Ruhe nach schwerer Arbeit und das Ende aller Übel.

Solch’ thörichte Furcht hat wesentlich zwei Ursachen. Zunächst entspringt sie dem Wahn, daß der Tod eine Vernichtung sei. Das ist aber schon um deßwillen unmöglich, weil die Seele den Körper überlebt, ganz abgesehen davon, daß auch des sterblichen Fleisches die Auferstehung harrt. Als zweiter Grund muß die Furcht vor Strafen und Qualen im Jenseits gelten, die in der Phantasie der Fabeldichter ihren Ursprung haben. Da liest man freilich von dem wüthenden Geheul des Cerberus, von den schauerigen Untiefen des Cocytus und dem noch viel traurigeren Fährmann Charon; von den Schaaren der Furien, von den gähnenden Höhlen, in denen die schreckliche Hydra ihren Sitz hat. Da erfährt man, daß die Eingeweide des Tityus für stets frische Qualen sich erneuern, während die schrecklichen Geier unaufhörlich an ihnen sich nähren. Auch von den rastlosen Drehungen des feurigen Rades, an welches zu furchtbarer Strafe Ixion angeschmiedet war, kann man erfahren; endlich von dem Felsblocke, der zu Häupten der beim Mahle Versammelten jeden Augenblick schrecklichen Sturz droht. Solche Annahmen sind ja Nichts als eine Anhäufung von Fabeleien, wenn ich auch weit entfernt bin, zu leugnen, daß es nach dem Tode Strafen und Peinen gibt. Aber was hat Das mit dem Tode an sich zu thun, wenn es erst nach dem Tode eintritt? Will man indessen einmal Das, was nach dem Tode kommt, auf den Tod selbst beziehen, so muß man auch Das, was nach dem Leben eintritt, auf das Leben beziehen. Strafen und Peinen, die dem Tode eigentümlich wären, gibt es aber gar nicht. Der Tod ist lediglich die Lösung der Seele vom Leibe: die kann aber kein Übel sein, weil es „ja viel besser ist, aufgelöst und mit Christus zu sein“. Der Tod an sich ist also kein Übel. Ganz in gleichem Sinne sagt die Schrift: „Der Tod der Sünder ist gar böse;“ nicht der Tod allgemein, ohne Einschränkung, sondern nur der Tod der Sünder. Auf der andern Seite heißt es: „Der Tod der Gerechten ist kostbar in den Augen des Herrn.“ Somit liegt die Bitterkeit nicht im Tode, sondern lediglich in der Schuld.

Mit Recht haben deßhalb die Griechen auch den Tod als „Ende“ bezeichnet, weil derselbe das Leben zum Abschluß bringt. So bezeichnet ferner die Schrift den Tod als „Schlaf“, wie der Herr sagt: „Lazarus, unser Freund, schläft; aber ich gehe hin, um ihn zu erwecken.“ Der Schlaf aber ist ein Gut, weil er Ruhe bringt, wie der Psalmist sagt: „Ich schlief und ruhte und stand wieder auf; denn der Herr nahm mich auf.“ Auch die Ruhe des Todes ist süß; der Herr weckt die Ruhenden auf: er ist ja die Auferstehung.

Jenes andere Wort der Schrift ferner ist beachtenswerth: „Vor dem Tode sollst du Niemanden loben.“ Seinem wahren Werthe nach wird ja Jeder erst in seinen letzten Tagen erkannt, wie er in seinen Kindern die richtige Schätzung findet, je nachdem er sie gut erzogen hat: wird ja die Verderbtheit der Söhne unbedenklich auf den Leichtsinn und die Nachlässigkeit des Vaters zurückgeführt. Man soll vor dem Tode aber auch um deßwillen Niemanden loben, weil Jeder, so lange er lebt, dem Falle ausgesetzt ist und auch das Alter nicht sicher ist vor Vergehungen. Deßhalb liest man von Abraham, „er sei in gutem Alter gestorben,“ weil er in seinen guten Vorsätzen treu verharrte. Im Tode darf man das Zeugniß für das hingeschwundene Leben suchen. Auch der Steuermann soll nicht eher gelobt werden, als bis er das Schiff glücklich zum Hafen geführt hat: wie wollte man da einen Menschen loben, ehe er den Ruhepunkt im Tode erreicht hat? Er ist sein eigener Steuermann, da er auf den Untiefen des Lebens umhergeworfen wird; so lange er aber auf des Lebens Meere weilt, ist er auch der Gefahr des Schiffbruches ausgesetzt. Der Feldherr greift nicht nach dem Siegeskranze, ehe die Schlacht zu Ende geführt und entschieden ist; der Soldat im Kriege legt nicht eher seine Waffen nieder, verlangt nicht eher nach dem Lohne seiner Kriegsmühen, als bis der Feind überwunden ist. Der Tod bringt in gleicher Weise die volle Berechtigung auf des Lebens Sold und Lohn; mit ihm tritt erst die verdiente Gunst ehrenvoller Entlassung ein.

Wie hoch stellte doch Job den Tod, da er sprach: Der Segen dessen, der sterben will, möge auf mich kommen!“ Zwar segnete auch Isaak sterbend seine Söhne, wie Jakob den zwölf Stammvätern des auserwählten Volkes seinen Segen gab; die Gnadenwirkung dieses Segens konnte aber lediglich den hohen Verdiensten der Segnenden oder der väterlichen Liebe zugeschrieben werden. Bei dem Ausspruche Job´s handelt es sich gar nicht um das Vorrecht der Verdienste, auch nicht um die Wirkung der Liebe, sondern lediglich um das Vorrecht des Todes an und für sich: es muß in dem Segen des Sterbenden überhaupt eine besondere Kraft liegen, da Job sich jenen wünscht. Darum sollen wir jenes Wort erwägen und dem Herzen tief einprägen.

Wenn wir Jemanden sehen, der in Noth und Armuth zu sterben droht, so sollen wir mit unserem Vermögen ihm beispringen; Jeder von uns möge in solchem Falle sagen: „Der Segen des Sterbenden komme über mich.“ Sehen wir Jemanden schwach und gebrechlich: verlassen wir ihn nicht; finden wir Jemanden, der im Todeskampfe ringt, bleiben wir bei ihm! Dann mag auch uns gestattet sein, zu sagen: „Der Segen des Sterbenden komme über mich.“ Auch dich möge loben und benedeien der Sterbende, wie Der, welcher am Leben verzweifeln muß; der schwer Verwundete, wie Der, welcher vom Siechthum gebrochen und dem Tode nahe ist, möge dich rühmen. Wie viele Segnungen schließt das Wort des Dulders Job ein! Wie oft aber hat es mich mit Scham erfüllt, wenn ich an einem Sterbenden vorüberging, wenn ich schwer Kranke nicht besuchte, wenn ich von den Dürftigen mich verächtlich abwendete, wenn ich Gefangene nicht loskaufte, wenn ich den schwachen Greis übersah! So muß denn jenes Wort ständig in unserem Herzen sein, die Hartherzigen aufzustacheln und Diejenigen zu mahnen, die geneigteren Herzens sind. Es mögen die letzten Worte des Sterbenden dir entgegentönen; es möge die Seele, wenn sie des Leibes Wohnung verläßt, den reichsten Segen dir zuführen. Auch Den, welcher zum Tode geführt wird, entreisse der Gefahr; wäre er ohne deine Vermittlung zu Grunde gegangen, so kannst du wiederum mit Job sagen: „Der Segen des Verlorenen komme über mich.“

Der Zerfall des Leibes, während die Seele fortdauert, macht den Tod zu einem hohen Gute.

38. Kann man denn noch im Ernste bezweifeln, daß der Tod ein Gut ist, wenn man bedenkt, daß in ihm Alles, was uns Unruhe, Beschämung, Elend bringt, Alles, was voll Gefahren und Versuchungen ist, zur Ruhe gebracht wird? daß Dieses alles gleichsam in den Käfig des Grabes eingeschlossen ist? Das Grab birgt nun die wilde Wuth des Sturmes, gleich einem entseelten Leichname; das Band aber, welches die Seele an den Leib fesselte, ist zu Staub geworden. Dagegen ist das Bessere im Menschen, was der Tugend hold, dem Gehorsam unterworfen, dem Guten zugethan war, was der ewigen Glorie zustrebte und Gott in steter Treue sich unterwarf, hinaufgeeilt zum Himmel: dort bleibt es mit dem reinen, unsterblichen, ewigen höchsten Gute unzertrennlich vereint. Bei ihm weilt die Seele, dessen Ebenbild sie ist, nach jenem Worte: „Wir sind seines Geschlechtes.“ Das ist ja doch ausser allem Zweifel, daß die Seele nicht mit dem Leibe stirbt, weil sie nicht vom Leibe ist, wie uns die Schrift an vielen Stellen lehrt. Adam empfing von Gott dem Herrn den Hauch des Lebens, und so ward der Mensch zum lebendigen Wesen. David aber sagt: „Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe; denn der Herr hat dir wohlgethan.“ Worin die Wohlthat bestand, sagt er selbst: „Er hat meine Füße befreit vom Falle.“ Er beglückwünscht also den Tod als ein Heilmittel, welches jeglicher Verirrung ein Ende bereitet: also hört die Schuld auf, nicht das Wesen der Seele.

Dann fügt der Psalmist hinzu, gleichsam seiner Freiheit zurückgegeben: „Ich will gefallen dem Herrn im Lande der Lebendigen.“ Dort im Jenseits ist das Land der Lebendigen. Dort, wo die Seele zur Ruhe eingegangen ist, finden wir das Land der Lebendigen, in welches keine Sünde Zutritt findet, in dem die Glorie der verklärten Tugend zu vollem Leben sich entfaltet. Hier aber ist das Land, welches bedeckt ist mit Todten; darauf deutet denn auch das Wort des Herrn: „Laß die Todten die Todten begraben!“ Der Psalmist aber hatte schon früher gesagt: „Seine Seele wird weilen im Guten, und sein Same wird erben das Land.“ Nichts Anderes will er sagen als Dieses, daß die Seele Desjenigen, der Gott fürchtet, im Guten ist, um immerdar daselbst zu bleiben gemäß der eigenen Natur. Ja sogar im Leibesleben kann Das die Seele schon erlangen, daß sie im Guten wohnt, wenn sie Gott fürchtet; sie kann es erlangen, daß sie schon hier den Himmel besitzt, wenn sie über ihren Leib wie über einen Sklaven herrscht; dann wird sie auch zum Voraus der Erbschaft ewiger Glorie und himmlischer Verheissungen sicher sein.

Wollen nun auch wir nach dem Tode des Leibes im Guten sein, so müssen wir uns hüten, daß nicht unsere Seele zum Leibe herabsinke, mit ihm sich gewissermaßen vermische; daß sie nicht zu fest in ihm hafte und von ihm verführt werde: dann würde sie, gleichsam trunken von seinen Leidenschaften, unsicher wanken; darum soll sie sich ihm und seinen Lüsten nicht anvertrauen, seinen sinnlichen Regungen sich nicht überlassen. Das Auge birgt Irrthum und Trug, weil das Gesicht getäuscht wird; das Ohr ist jeder Irrung des Gehörs offen; der Geschmack theilt dasselbe Loos. Deßhalb war denn auch die Mahnung wohl am Platze: „Laß deine Augen nur sehen, was recht ist,“ und die andere: „Bewahre deine Zunge, daß sie nichts Böses rede!“ Die Mahnung wäre gar nicht ausgesprochen, wenn nicht Auge und Zunge vielfachen Verirrungen verfiele. Hast du eine Buhlerin gesehen, hat ihr Anblick dich gefesselt, weil ihre Gestalt Liebreiz zeigte, — so hat dein Auge doch geirrt: es hat Verwerfliches geschaut, während es dir Anderes kund that. Hätten diese deine Augen das wesenhaft Wahre bemerkt, so würden sie die schmachvollen Neigungen der Buhlerin, ihre kecke Unverschämtheit erkannt haben; sie hätten entehrende Lüste, verzehrende Leidenschaften, grauenvolle Verwirrung, tiefe Wunden der Seelen, schwer vernarbende Bisse des Gewissens erblickt. Nach dem Worte unseres Herrn: „Wer ein Weib nur ansieht, um ihrer zu begehren,“ hat Derjenige, welcher dem Ehebruch und nicht der Wahrheit sein Auge leiht, etwas wesenhaft Unwahres gesucht: hat er ja zu sehen gewünscht, um seiner Begierde zu fröhnen, nicht um die Wahrheit zu erkennen. So täuscht das Auge, wo die Regung des Herzens bereits sich verirrt hat. Die Herzensgefühle sind also der Täuschung ebenso wie das Gesicht ausgesetzt. Gerade deßhalb ist gesagt: „Gib dich nicht gefangen deinen Augen,“ d. h. laß deine Seele nicht von den Augen in Fesseln schlagen; „eine Buhlerin aber fängt des Mannes kostbare Seele.“ Auch das Gehör ist der Bestrickung ausgesetzt. Oft genug hat ein buhlerisches Weib mit schmeichelndem Worte das Herz eines Jünglings umstrickt, verführt und elend betrogen.

So sollen wir uns denn niemals jenen Fesseln und Netzen anvertrauen, die Täuschung und Betrug bergen: wie das Herz versucht wird, so werden die Gedanken der Menschen in ihrer Freiheit behindert durch Gesicht, Gehör, Geruch, Gefühl, Geschmack. Darum sollen wir nicht schlüpfrigem, verführerischem Wege folgen: wir sollen dem wahrhaft Guten nachstreben; ihm sollen wir in treuer Nachahmung anhängen: seine Gegenwart, die Gemeinschaft mit ihm soll uns besser und edler machen, soll unsere Gesittung nach Gottes Bilde gestalten; die stete Gemeinschaft mit der Tugend soll uns gewissermaßen für die Tugend selbst erziehen. Wer dem Guten anhängt, der nimmt ganz von selbst auch das Gute in sich auf, wie geschrieben steht: „Mit dem Heiligen wirst du heilig sein und mit dem unschuldigen Manne unschuldig; mit dem Auserwählten wirst du auserwählt sein und mit dem Verkehrten verkehrt.“ Der fortgesetzte Verkehr und die stete Nachahmung bringt ja schließlich ein Bild voller Ähnlichkeit hervor, weßhalb auch der Psalmist hinzusetzt: „Denn du, o Herr, erleuchtest meine Leuchte.“ Wer nahe zum Lichte hinzutritt, der wird gar schnell erleuchtet: so erglänzt in ihm auch der Strahl des ewigen Lichtes leuchtender aus nächster Nähe. Deßhalb muß denn auch die Seele, welche jenem unsichtbaren, ewig guten Gotte anhängt und Alles flieht, was irdisch und vergänglich ist, eine solche Seele muß Dem ähnlich werden, was sie verlangt, worin sie lebt, wovon sie sich nährt. Sie strebt dem Unsterblichen zu, und darum ist sie selbst nicht mehr sterblich. Die Seele, welche sündigt, stirbt, — zwar nicht in dem Sinne, daß sie in sich selbst aufgelöst würde und zerfiele; wohl aber stirbt sie Gott, weil sie der Sünde lebt. Die Seele, welche von der Sünde sich frei hält, stirbt also auch nicht; sie bleibt, wie in ihrer Wesenheit ungetheilt, so auch in der Gnade und Glorie.

Wie sollte auch die Wesenheit der Seele zu Grunde gehen können, da es ja die Seele ist, von welcher das Leben ausgeht! Mit der Seele wird das Leben eingegossen; scheidet aber die Seele, so scheidet auch das Leben: die Seele ist also das Leben. Wie sollte sie nun dem Tode ausgesetzt sein, da sie den Tod aufhebt? Schnee und Feuersgluth vertragen sich nicht, vielmehr schmilzt der Schnee alsbald von der Wärme; Licht und Finsterniß sind nicht vereinbar, da die Finsterniß von dem Licht zerstreut wird: genau so nimmt aber auch die Seele, von welcher alles Leben ausgeht, den Tod nicht an, und darum stirbt sie denn auch nicht.

Die Schrift bestätigt, daß die Seele unsterblich ist; thöricht aber ist die Meinung der Philosophen von einer Seelenwanderung.

43. Wir haben nach dem Gesagten einen hinreichenden Beweis für die Unsterblichkeit; derselbe ist aber doch nur ein natürliches, menschliches Zeugniß. Es fehlt indessen nicht an göttlichem Ausspruche. „Ich habe die Macht,“ sagt unser Herr, „mein Leben hinzugeben und dasselbe wiederum zu nehmen.“ Wenn die Seele hingegeben und wieder zurückgenommen, wenn sie in die Hände des Vaters empfohlen werden kann, so ist doch undenkbar, daß sie mit dem Leibe zugleich vergehe. Man könnte da vielleicht einwenden, es sei doch etwas ganz Besonderes, wenn es sich um Christus handele, der ja allerdings die Menschennatur angenommen habe, aber doch in anderer Weise. Wir wollen keine Zeit verlieren und deßhalb lediglich zum Beweise für unsere Behauptung auf jenes Wort hinweisen: „Weißt du nicht, daß Gott noch in dieser Nacht deine Seele von dir fordern kann?“ Der Herr sagt nicht: „Deine Seele stirbt in dir,“ sondern: „sie wird von dir gefordert,“ wie sie dir gegeben ist. Die Seele wird also zurückgefordert, nicht vernichtet. Wird sie zurückgefordert, so bleibt sie auch; sie bliebe nicht, wenn sie stürbe. Wie kann aber die Seele sterben, wenn die göttliche Weisheit mahnt. Denjenigen nicht zu fürchten, der den Leib tödten, aber die Seele nicht tödten kann? So sagt auch der Prophet: „Meine Seele ist immerdar in deinen Händen.“ „Immerdar“ sagt er, nicht: „für einige Zeit.“

So empfiehl denn auch du deine Seele in die Hände des Herrn; — nicht bloß in dem Augenblicke, wo sie aus dem Leibe scheidet, sondern auch, während sie noch im Leibe weilt, ruht sie in Gottes Hand: du freilich siehst nicht, woher sie kommt, wohin sie geht. In dir ist deine Seele, aber sie ist auch mit Gott vereinigt. Auch das Herz des Königs ist nach der Schrift in der Hand des Herrn und wird von ihm regiert und geleitet. Das Herz wird nun erfüllt vom Geiste, der ja die eigentliche Kraft der Seele ist; eine Kraft, die sich nicht in äusseren Proben bewährt, sondern in billigen, frommen, gerechten Entschlüssen kund gibt. Wenn man somit sagen darf, das Herz eines Menschen sei in Gottes Hand, so gilt Das noch viel mehr von der Seele. Ist aber die Seele in Gottes Hand, so kann sie auch niemals im Grabe mit dem Leibe eingeschlossen, niemals mit ihm verbrannt werden: sie erfreut sich vielmehr nach ihrem Hinscheiden seliger Ruhe. Darum bauen denn auch die Menschen eigentlich ohne Grund kostbare Grabmäler, als wären dieselben für die Seelen, nicht aber für den Leib bestimmt.

Daß die Wohnungen für die Seelen im Jenseits liegen, wird durch das Zeugniß der heiligen Schrift vollauf bestätigt. Lesen wir ja auch in den Büchern Esdras: „Wenn dereinst der Tag des Gerichts kommt, dann wird die Erde die Leiber der Gestorbenen zurückgeben; aus dem Staube des Grabes werden sich die Gebeine Derer erheben, die dort ihre Ruhe gefunden haben. Die himmlischen Wohnungen werden alsdann die Seelen, die dort weilen, zurückgeben, und der Allerhöchste wird sich offenbaren auf dem Throne des Gerichtes.“ Das sind die Wohnungen, von denen der Herr sagt, daß ihrer viele im Reiche seines Vaters seien, und daß er, zum Vater gehend, seinen Jüngern diese Wohnungen bereiten würde. Das Wort des Esdras führte ich an, um festzustellen, daß Das, was in den Büchern der Weltweisen bewundert wird, im Grunde aus unseren heiligen Büchern genommen ist: wenn jene Philosophen nur nicht in thörichter Weise allerlei überflüssige, unnütze Dinge eingemischt hätten. Sie behaupten, zwischen den Seelen der Menschen und Thiere bestehe kein Unterschied; darin aber liege ein erhabener Trost, daß die Seelen der Philosophen sich Bienen oder Nachtigallen zum Wohnsitze nähmen; vordem hätten sie durch ihre Reden die Menschen genährt und gefesselt, jetzt aber erquickten sie dieselben durch die Süßigkeit des Honigs oder durch die Lieblichkeit ihres Gesanges. Im Grunde war es schon ausreichend, daß sie gesagt hatten, die vom Leibe befreiten Seelen stiegen zum Hades hinab; damit bezeichneten sie den Ort, der in der lateinischen Sprache allgemein Unterwelt heißt; sie sagten „Hades“, weil er von Niemandem gesehen werden kann. 

So bezeichnet denn also auch die Schrift die Leibeshüllen als Wohnungen. Um der Klage entgegen zu treten, die früher hingeschiedenen Gerechten würden für die ganze Zeit, welche bis zum Tage des Gerichtes vergeht, ihres vollen Lohnes beraubt, sagt die Schrift, daß jener Gerichtstag einer Heereskrönung wunderbar ähnlich sehe: da sei von einer Zögerung der letzten ebenso wenig die Rede, wie von einer Beeilung derer, welche zuerst gekommen. Der Tag der Siegeskrönung wird von Allen in gleicher Weise erwartet: an diesem Tage sollen die Besiegten der Beschämung verfallen, während die Sieger die Siegeskrone erhalten. Die Schrift läßt aber auch jenen anderen, eben erwähnten Umstand nicht im Dunkel; sie nimmt das Gleichniß von der gewöhnlichen menschlichen Geburt. Wie Diejenigen, welche von jugendlichen Eltern geboren werden, stärker sind, während die im Alter der Eltern Geborenen schwächer werden: so erscheinen auch die früher Geborenen an jenem Tage edler, höher, die Späteren dagegen schwächer. Es ist ja, als wenn auch die Zeit, der Mutter vergleichlich, wegen der großen Menge ihrer Kinder schwächer werde, als wenn die alternde Schöpfung die Stärke der Jugend mit der schwindenden Frische ihrer Kraft verlöre.

Während nun die Fülle der Zeit erwartet wird, harren auch die Seelen ihres verdienten Lohnes. Die Einen erwartet Strafe, die Andern Ruhm und Ehre: gleichwohl sind Jene auch inzwischen nicht ohne Pein, wie Diese nicht ohne Lohn sind. Wenn Jene sehen, daß Denjenigen, welche das Gesetz Gottes beobachten, der Lohn ewiger Glorie hinterlegt ist, daß ihre Leibeshüllen von Engeln bewacht werden, während sie selbst für sich die Strafen der Heuchelei und hartnäckiger Widersetzlichkeit, Schande und Schmach nämlich erwarten müssen: dann müssen sie im Aufblicke zur göttlichen Majestät sich scheuen, vor das Angesicht ihres Gottes zu treten, dessen Gebote sie leichtfertig verachtet haben. Übertretung und verwirrende Scham sind hier verbunden wie bei Adam. Er hatte in sorgloser Leichtfertigkeit das himmlische Gebot übertreten und verbarg sich dann im Gefühle der Scham über einen solchen Fall, weil er nicht wagte, mit seinem schuldbeladenen Gewissen in den Glanz der göttlichen Gegenwart zu treten: gerade so werden auch die Seelen der Sünder den Glanz des strahlenden Lichtes nicht ertragen, wenn sie sich erinnern, daß dieses Licht der Zeuge ihrer Verirrungen war.

Die siebenfache Freude der Gerechten nach dem Tode: Mahnung, allezeit Gott zuzustreben und vor dem Ende des Lebens nicht zu erschrecken.

Die Freude der Seelen der Gerechten kann man in gewisser Reihenfolge sich denken. Vor Allem freuen sie sich, daß sie das Fleisch besiegt und den Lockungen desselben widerstanden haben. Dann aber ist ihre Freude groß, weil sie zum Lohne für ihre Treue und für ihre Unschuld volle Sicherheit erlangen, nicht, wie die Seelen der Gottlosen, allerlei Verwirrungen anheimfallen, durch das Gedächtniß ihrer Laster gequält und durch die Gluth verzweifelnder Sorge gepeinigt weiden. An dritter Stelle entspringt die Freude dem Bewußtsein, daß sie durch göttliches Zeugniß ihre Treue gegen die Gebote derart bestätigt sehen, daß sie einen ungewissen Abschluß ihrer Lebensarbeit im höchsten Gerichte nicht zu fürchten brauchen. Dann folgt die Freude auf die Erkenntniß, daß sie der Ruhe und der ewigen Glorie theilhaftig werden, und in diesem süßen Troste wird auch der Leib im Grabe unter dem Schutze der heiligen Engel im tiefsten Frieden ruhen. Die fünfte Steigerung ihrer Freude enthält eine Fülle reichsten Jubels, weil sie aus dem Kerker des gebrechlichen Leibes zum ewigen Lichte, zur ewigen Freiheit gelangt sind und die ihnen verheissene Erbschaft in Besitz nehmen. Darin ist die Gewißheit der Ruhe wie der künftigen Auferstehung eingeschlossen, wie der Apostel sagt: „Gleichwie in Adam Alle sterben, so werden auch in Christo Alle lebendig gemacht werden. Ein Jeder aber in seiner Ordnung. Der Erstling ist Christus; darnach die, welche Christo angehören und an seine Ankunft geglaubt haben, dann ist das Ende.“ Es wird also eine verschiedene Ordnung der Herrlichkeit und Glorie sein nach der Verschiedenheit der Verdienste. An sechster Stelle wird ihnen offenbar, daß ihr Antlitz zu leuchten beginnt gleich der Sonne und das Licht der Sterne überstrahlt, so daß sie von der Verwesung Nichts mehr empfinden. Endlich aber werden sie mit vollem Vertrauen, ohne Wanken, in voller Gewißheit jubelnd sich freuen, weil sie hineilen, das Antlitz Desjenigen zu schauen, welchem sie den Dienst steter Treue gewidmet haben: von ihm dürfen sie in dem Bewußtsein ihrer reinen Unschuld erhabenen Lohn für ihre geringe Arbeit und Mühe erwarten, und damit fangen sie auch an zu erkennen, daß alle Leiden dieser Zeit nicht würdig sind, solch wunderbar seligen Lohn zu empfangen. Das ist die Ruhe der Seelen der Gerechten nach den sieben Steigerungen, wie sie das Buch Esdras beschreibt: Das ist der erste Genuß der künftigen Glorie, bevor noch die Seele der Wiedervereinigung mit ihrer Leibeswohnung sich erfreut. Deßhalb sagt auch der Prophet zu dem Engel: „Es wird also den Seelen, nachdem sie vom Leibe geschieden sind, wie du versicherst, Zeit gewährt, um alles Dieses zu erkennen? Der Engel aber erwidert: „Sieben Tage wird die Freiheit dieser Seelen währen, damit sie Alles sehen, was in diesen Worten ihnen vorhergesagt ist; darnach aber werden sie in ihren Wohnungen Aufnahme finden.“ Es darf uns nicht wundern, daß diese Offenbarungen so ausführlich von den steigenden Freuden des Gerechten handeln, während sie von den Qualen der Sünder schweigen: es ist ja weit besser, zu erfahren, wie die Schuldlosen beglückt, als wie die Sünder gequält werden.

Weil also die Gerechten so wunderbaren Lohn empfangen, daß sie das Angesicht Gottes und jenes Licht schauen, das jeden Menschen erleuchtet: so wollen auch wir von nun an unausgesetzt streben, daß unsere Seele Gott nahe kommt, daß unsere Gebete bei ihm weilen, daß unser Verlangen ihm gehört, daß wir niemals von ihm getrennt werden. So lange wir hier auf Erden weilen, wollen wir im Lesen, Betrachten und Wünschen mit Gott uns vereinigt halten; wollen wir bestrebt sein, ihn zu erkennen, so gut wir Das vermögen. Wir erkennen ihn freilich hier nur zum Theil, weil hier Alles unvollkommen ist, wie dort die höchste Vollkommenheit herrscht: hier sind wir wie Kinder, dort sind wir in voller Kraft. „Hier sehen wir durch einen Spiegel räthselhaft; dort aber sehen wir von Angesicht zu Angesicht.“ Dort wird uns gestattet sein, die Herrlichkeit Gottes in klarer Enthüllung zu schauen, die wir in die Glieder unseres Leibes gebannt, umschattet von den Gebrechen und Mängeln unseres Fleisches nicht erblicken können. „Wer, o Herr,“ ruft Moses, „könnte dein Angesicht schauen und leben?“ Er hat Recht. Wenn unsere Augen nicht einmal das Licht der Sonne ertragen können; wenn versichert wird, daß Jemand, der zu lange dorthin seinen Blick richtet, erblinden muß; wenn also das Geschöpf ein Geschöpf nicht ohne eigenen Nachtheil, nicht ohne eigenes Verderben anschauen kann: wie könnte dann der Mensch in dieser Fleischeshülle ohne Gefahr für sich das strahlende Antlitz des ewigen Schöpfers schauen? Wer ist denn auch rein im Angesichte Gottes, da nicht das Kind von einem Tage rein ist von Schuld, und da Niemand sich der Lauterkeit und Reinheit seines Herzens rühmen kann?

Fürchten wir also nicht, von unseren Mitmenschen dereinst aufgenommen zu werden; scheuen wir das Ende nicht, das Allen gesetzt ist! Esdras findet in ihm den Lohn für seine Hingebung, da der Herr ihm sagt: „Du wirst aufgenommen werden von den Menschen, aber du wirst deine Zuflucht haben mit meinem Sohne und mit deines Gleichen.“ Ihm erschien es schon ruhm- und freudenreich, mit seines Gleichen zu verkehren: wie viel glorreicher wird es für uns sein, zu den heiligeren, besseren Geistern zu kommen, deren Thaten wir lobpreisend bewundern?!

Wer hat nun früher so gesprochen: Esdras oder Plato? Paulus ist doch nicht den Worten Plato’s, sondern denen Esdras’ gefolgt. Esdras hat in der göttlichen Offenbarung, die ihm zu Theil ward, erkannt, daß die Gerechten mit Christus und den Heiligen sein werden: so sagt auch Sokrates, daß er zu seinen Göttern und den besten Männern eile. Was wir in den Schriften der Philosophen lesen, ist also unser geistiges Eigenthum; Plato hat daraus geschöpft, weil er eigene Wissenschaft darüber nicht besaß: wir aber haben das Ansehen göttlichen Ausspruches für uns. Moses und Elias erschienen mit Christus vereint auf dem Tabor; Abraham nahm die beiden Gäste mit seinem Gotte bei sich auf. Jakob erblickte da Doppellager Gottes; Daniel sah die Gerechten glänzen, wie Sonne und Sterne am Himmel erglänzen.

Die ewige Seligkeit, die uns allen von Gott vorherbestimmt wurde, ist das Land der Lebendigen.

So wollen wir denn in festem Vertrauen unverzagt zu unserem Erlöser Jesus Christus gehen. Ohne Zagen wollen wir, wenn unser Tag kommt, zu unserem Vater Abraham und zur Versammlung der Patriarchen eilen; aufnehmen möge uns die Schaar der Heiligen und Gerechten. Zu unseren Vätern, zu den Lehrern unseres Glaubens werden wir gehen; fehlen dann die heiligen Werke, so möge unser Glaube eintreten zur Vertheidigung der Himmelserbschaft. Dorthin werden wir eilen, wo Abrahams Schooß bereit ist, die Armen aufzunehmen, wie er Lazarus aufgenommen hat: dort werden ja Alle Ruhe finden, die im Leben Mühsal und Beschwerden erduldet haben.

Breite denn, heiliger Patriarch, deine Arme aus, diesen Elenden aufzunehmen; weite deinen Schooß, um noch Mehrere aufzunehmen, weil ja so Viele an den Herrn geglaubt haben. Freilich droht die Gefahr, daß die Gottlosigkeit überhand nimmt, daß die Liebe erkaltet, während der Glaube wächst. Wir wollen zu Denen eilen, die im Reiche Gottes mit Abraham, Isaak und Jakob zu Tische sitzen: sie haben, da sie geladen waren, keine thörichte Entschuldigung vorgebracht. Wir werden dorthin eilen, wo das Paradies der Wonne ist, wo Adam, der unter die Räuber fiel, nicht länger seine Wunden beweint; wo der Schächer, selbst ein Räuber, der seligen Gemeinschaft sich erfreut, wo keine Wolken, keine Donner und Blitze, keine Stürme und Finsternisse, kein Abend, keine Nacht den ewigen Frieden unterbrechen; wo allein die Herrlichkeit Gottes erglänzt. Ja der Herr ist das Licht; und dieses wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, wird dort Allen erglänzen. Wir werden dorthin gehen, wo der Herr Jesus seinen Dienern die Wohnungen bereitet hat, damit wir dort seien, wo er ist. So hat er es gewollt. Darum hat er gesagt: „In meines Vaters Hause sind viele Wohnungen;“ und wiederum: „Ich komme und rufe euch zu mir, damit ihr seid, wo ich bin.“ 

Man könnte einwenden, daß der Herr nur seinen Jüngern jene seligen Wohnungen zugesagt habe. Aber hatte er denn bloß den elf Jüngern Wohnungen bereitet? Und wo wären dann jene Wohnungen, in denen die Gerechten von allen Enden der Welt erscheinen sollen, um im Reiche Gottes zu Tische zu sitzen? Zweifeln wir etwa an der Kraft und Wirksamkeit des göttlichen Willens? Aber Christus braucht ja nur zu wollen, um wirksam zu vollbringen. Er hat ausserdem den Weg offen gelegt, wie er den Ort bezeichnet hat: „Ihr wisset, wohin ich gehe, und ihr kennet auch den Weg.“ Der Ort der Seligkeit ist beim Vater; der Weg ist Christus, wie er selbst gesagt hat: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater, ausser durch mich.“ Diesen Weg wollen wir dann betreten, an dieser Wahrheit wollen wir uns halten, diesem Leben wollen wir zustreben. Jener Weg ist es, der uns hinführt zu der Wahrheit, die uns stärkt; zu dem Leben, das durch sich selbst uns gegeben wird. Um aber seine Willensmeinung über jeden Zweifel festzustellen, fügt der Herr hinzu: „Vater, ich will, daß Die, welche du mir gegeben hast, da seien, wo ich bin, daß sie mit mir seien, damit sie meine Herrlichkeit sehen.“ In der Wiederholung, deren der Herr sich bedient, liegt festere Bekräftigung. Wir finden dasselbe in dem doppelten Rufe: „Abraham, Abraham!“ wie in der Ausdrucksweise des Propheten: „Ich bin es, ja ich bin es, der alle deine Missethat tilgt.“ Für uns ist es aber erquickend, daß der Herr Dasselbe, was er uns versprochen hat, auch von seinem Vater für uns erfleht. Erst hat er es versprochen, dann hat er es erfleht: versprochen hat er es als der allmächtige Richter: erfleht hat er es in dem treuesten Ausdrucke seiner völligen Hingabe an den Vater. Er ließ aber das Gebet dem Versprechen nicht vorangehen, um nicht den Schein zu begünstigen, als könne er nur Dasjenige gewähren, was er erflehte, während er doch aus eigener Macht Alles gewähren kann, was er verspricht. Gleichwohl ist das Gebet nicht überflüssig; es drückt die volle Übereinstimmung mit dem Willen des himmlischen Vaters aus.

Wir folgen dir also, Herr Jesus, um von dir gerufen zu werden; denn ohne dich kann Niemand emporsteigen. Du, o Herr, bist ja allein der Weg, die Wahrheit und das Leben; nur durch dich können wir den rechten Weg finden, die Wahrheit erlangen, das Leben empfangen. So nimm uns denn an auf dem Wege, stärke uns mit deiner Wahrheit, spende das Leben! Zeige uns jenes Gut, welches David zu schauen gelüstete. „Wer wird uns das Gute sehen lassen?“ fragt er. An einer andern Stelle aber sagt er: „Ich glaube die Güter des Herrn zu sehen im Lande der Lebendigen.“ Dort sind diese Güter, wo das ewige Leben ohne Sünde und Gefahr ist. Wiederum sagt er: „Wir werden satt werden von den Gütern deines Hauses.“ Erschließe uns jenes himmlische Gut, in dem wir leben, in dem wir uns bewegen und sind. Wir bewegen uns auf dem Wege, wir sind in der Wahrheit, wir leben im ewigen Leben. Zeige uns jenes Gut, unveränderlich, unzerstörbar, wie du selbst: in ihm sind wir selbst ewig in der Erkenntniß jeglichen Gutes, wie Paulus bezeugt: „Um deßwillen ist er auf kurze Zeit entwichen, damit du ihn auf ewig wieder bekämest.“ Die Ewigkeit legt Paulus dem Diener Gottes bei: die Überzeugung, daß er alles Gute in den Heiligen erkennen werde, soll um so fester den Glauben an Jesus Christus begründen. In diesem ewigen Gute ist selige Ruhe, unsterbliches Licht, dauernde Huld und Gnade, die sichere und heilige Erbschaft, die dem Tode nicht mehr unterworfen, sondern demselben für immer entrissen ist. Keine Thräne fließt dort ferner, wo kein Fall ist. Frei sind dort deine Heiligen von Irrthum und Sorgen, frei von Unwissenheit, Thorheit und Irrung; frei von Furcht und Schrecken, wie von Begierden und Leidenschaften: darum ist dort das Reich der wahrhaft Lebendigen. Wieder können wir uns auch hier auf das Zeugniß des Propheten berufen: „Kehre zurück,“ sagt er, „meine Seele, in deine Ruhe; denn der Herr hat dir wohlgethan; er errettete meine Seele vom Tode, meine Augen von den Thränen, meine Füße vom Falle. Ich will gefallen dem Herrn im Lande der Lebendigen.“ Er sagt: „Ich will gefallen,“ nicht: „Ich gefalle;“ seine Hoffnung geht auf die künftige Zeit. Die Gegenwart steht der Zukunft gegenüber, wie die Zelt der Ewigkeit. Weil also dort das Land der Lebendigen ist, darum ist hier das Reich der Todten.

Oder ist das Land der Todten etwa nicht da, wo der Schatten und die Pforte, ja wo der Leib des Todes ist? Dem Petrus ward zugesagt, daß die Pforten der Unterwelt Nichts wider ihn vermögen sollen: hier auf Erden sind aber diese Pforten. Deßhalb heißt es beim Psalmisten: „Du hebst mich empor aus den Pforten des Todes.“ Wie die Pforten der Gerechtigkeit es sind, in denen die Heiligen Gott bekennen, so sind es die Pforten der Ungerechtigkeit in denen die Gottlosen Gott verleugnen. Hier ist also das Reich der Todten. Im Gesetze heißt es: „Wenn Jemand einen Todten berührt, so soll er unrein sein.“ Unrein ist in den Augen Gottes der Sünder; unrein ist also Derjenige, welcher die Sünde berührt. „Die in Lüsten lebt,“ sagt der sagt der Apostel, „der ist lebend todt!“ Auch die Ungläubigen steigen lebend zur Hölle hinab; uns scheinen sie zu leben, aber das Todtenreich hat sie in Besitz genommen. Wenn Jemand Wucherzinsen nimmt, so begeht er einen Raub, das Leben ist nicht in ihm. Wenn aber ein Gerechter die Gesetze und Rechte des Herrn beobachtet, „so wird er leben, ja leben.“ Er ist also im Lande der Lebendigen, in jenem Lande, wo das Leben nicht verborgen, sondern offen und frei, wo nicht ein Schatten, sondern die ewige Glorie selbst ist. Hienieden aber lebte selbst Paulus nicht in der Glorie; er seufzte vielmehr im Leibe des Todes. Höre nur seine Versicherung: „Euer Leben ist jetzt verborgen mit Christo in Gott. Wenn Christus, euer Leben, erscheinen wird, dann werdet auch ihr erscheinen mit ihm in Herrlichkeit.“

So lasset uns denn hineilen zum Leben: wenn Jemand das Leben berührt, so wird er leben. So berührte jenes Weib, das den Saum des Kleides berührte, in Wahrheit das Leben: darum hörte sie das gnadenreiche Wort: „Dein Glaube hat dir geholfen; gehe hin in Frieden!“ Wenn Derjenige, welcher einen Todten berührt, unrein wird, so ist Derjenige, welcher den Herrn des Lebens berührt, dadurch gerettet. So suchen wir ihn denn, aber nicht unter den Todten, damit nicht auch uns gesagt wird, wie jenen Frauen: „Was suchet ihr den Lebendigen bei den Todten? Er ist nicht hier, sondern auferstanden.“ Zeigt uns doch der Herr selbst, wo wir ihn suchen sollen, wenn er sagt: „Gehe hin zu meinen Brüdern und sage ihnen: ich steige auf zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu eurem und meinem Gott.“ Suchen wir ihn, wo Johannes ihn suchte und fand: er suchte ihn „im Anfange“ und fand den Lebendigen beim Lebendigen, den Sohn beim ewigen Vater. Wir sollen ihn suchen am Ende der Zeiten, wir sollen seine Füße umschließen, ihn anbeten und sein Wort vernehmen: „Fürchtet euch nicht!“ Fürchtet euch nicht vor den Sünden dieser Welt, nicht vor den Ungerechtigkeiten der Zeit, nicht vor den Stürmen der Leidenschaften: ich bin die Verzeihung der Sünden. Fürchtet euch nicht vor der Finsterniß, denn ich bin das Licht der Welt; fürchtet euch nicht vor dem Tode, denn ich bin das Leben. Wer immer zu mir kommt, der wird den Tod nicht sehen in Ewigkeit. Ja, er ist die Fülle der Gottheit; ihm ist Ruhm und Ehre und ewige Glorie jetzt und immer und in alle Ewigkeit. Amen.

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