Von der Weltregierung Gottes

Von Salvanius von Massilia

Dem ehrwürdigen Bischof Salonius schickt Salvian Gruß im Herrn

Wohl so ziemlich alle, die zur geistigen Hebung des Menschen beizutragen glaubten, wenn sie irgendein literarisches Werk mit großem Aufwand an Geisteskraft fertigstellten, haben darauf ihre besondere Sorgfalt verwendet – mochten sie Nützliches und Ehrbares oder Unnützes und Unehrenhaftes verfassen -, nur die Dinge der Reihe nach mit glänzenden Worten zu verzieren und dem Inhalt selbst, über den sie reden wollten, durch die Sprache ein strahlendes Äußeres zu geben. Daher haben sich dieser Richtung – und es sind hier beide Arten der Darstellung gemeint – die meisten Profanschriftsteller angeschlossen; sie besannen sich eben nicht genugsam, wie zweckmäßig die Stoffe seien, denen sie sich zuwandten, wenn sie nur alles und jedes, was sie zu sagen hatten, entweder in zierlichen, zarttönenden Versen besingen oder in pomphafter Rede dartun konnten. Alle traten ja in ihren Schriften doch nur für ihre eigenen Angelegenheiten ein, waren mehr auf die Verherrlichung ihrer eigenen Person denn auf den Gewinn der Leser bedacht und setzten sich also nicht zum Ziel, heilbringend und heilsam zu wirken, sondern als große Gelehrte und beredte Männer zu gelten. Was Wunder, wenn so ihre Bücher bald strotzen von eitler Einbildung, bald in bewußter Falschheit Unwahres bringen, bald infolge der Gemeinheit der Darstellung voll Schmutz, bald durch die Schamlosigkeit des Inhalts voll Laster stecken? So scheinen sie, die doch nur nach der Verherrlichung ihres schriftstellerischen Genies lüstern waren und dabei doch auf so unwürdigen Stoff ihre Sorge verwandten, mir ihr Genie in Wirklichkeit weniger verklärt als vielmehr verdammt zu haben. Wir aber, die wir mehr die Sache lieben als die Worte, die wir mehr auf gemeinsamen Nutzen als auf uns gespendeten Beifall ausgehen, die wir endlich nicht darnach trachten, bei uns den eitlen Geschmack der Zeitmode gepriesen zu sehen, sondern den heilsamen Nutzen der Sache, wir möchten in unseren Schriften nicht gern Reizmittel, sondern Heilmittel sehen; sie sollen weit weniger dem verwöhnten Ohr des Müßiggängers schmeicheln, als dem Gemüt des Kranken helfen; daraus hoffen wir großen Ertrag an himmlischen Gütern zu ernten. Denn wenn dieses Heilmittel nur einige heilt von der schlechten Meinung über unsern Gott, dann wird der Lohn nicht gering sein, weil ich vielen genützt habe. Sollte aber ein solches Ergebnis nicht Zustandekommen, so wird dennoch das Werk vielleicht nicht ganz vergebens gewesen sein, weil ich wenigstens versucht habe, Nutzen zu stiften. Denn eine von reinem Eifer und frommen Wünschen beseelte Gesinnung empfängt, auch wenn das Werk, das sie begonnen, keinen greifbaren Erfolg zeitigt doch den Lohn des guten Willens. Somit will ich denn ans Werk gehen.

I. Buch

1. Zeugnisse der Heiden widerlegen die Einwendungen gegen die göttliche Vorsehung

Gott, wird von manchen behauptet, kümmere sich nicht um die Handlungen der Menschen, ja er vernachlässige sie gewissermaßen; nehme er doch weder die Guten in Schutz, noch gebiete er den Bösen Halt; und so komme es, daß auf dieser Welt die Guten meist unglücklich, die Bösen glücklich seien. Nun sollte eigentlich, da wir es doch mit Christen zu tun haben, zur Widerlegung dieser Einwände Gottes Wort genügen. Aber viele haben noch etwas vom heidnischen Unglauben in sich stecken; und sie mögen sich vielleicht durch die Aussprüche besonders auserwählter heidnischer Weiser angezogen fühlen. Wir haben also zu beweisen, daß auch diejenigen, die, außerhalb des wahren Glaubens stehend, auf keinen Fall Kenntnis von Gott haben konnten, da sie ja von dem Gesetz, auf Grund dessen Gott erkannt werden kann, nichts wußten, daß also auch sie nicht eine derartige Anschauung von Gottes Sorglosigkeit und Nachlässigkeit hatten. Der Philosoph Pythagoras, den die Philosophie selbst sozusagen als ihren Lehrmeister verehrte, sprach sich, indem er sich über das Wesen und die Wohltaten Gottes verbreitete, folgendermaßen aus: „Der Geist, der durch alle Teile der Welt wandert und sich ergießt, er ist es. aus dem alles Wesen, das da entsteht Leben schöpft.“ Wie soll also Gott die Welt vernachlässigen, die: Welt die er schon um derentwillen genugsam liebt, daß er sich selbst über den ganzen Weltkörper hm erstreckt? Plato und alle platonischen Schulen halten an Gott als dem Lenker aller Dinge fest. Die Stoiker haben den Glaubenssatz, daß er, wie ein Steuermann, immer innerhalb dessen bleibe, was er lenke. Und konnten sie sich Gott in seiner Liebe und Fürsorge richtiger und frömmer vorstellen, als wenn sie ihn einem Steuermann verglichen? Denn, so dachten sie sich das Bild, wie der dahinsegelnde Steuermann niemals seine Hand vom Steuer läßt, so entzieht auch Gott der Welt nie und nimmer seine sorgende Liebe; und wie jener nach guten Winden aussieht und die Klippen meidet und die Gestirne beobachtet und so ganz und gar, mit Leib und Seele,4seiner Aufgabe sich hingibt, so nehme auch unser Gott vom großen All der Dinge nie die Gabe seiner gnädigsten Aufmerksamkeit; nie versage er ihm die Leitung seiner Vorsehung; nie raube er ihm seine Nachsicht, Milde und Güte. Daher denn auch jener hohe, geheimnisvolle Satz, mit dem sich Vergilius Maro ebenso als Philosophen wie als Dichter zeigen wollte: ,,Denn Gott gehe durch alle Länder und alle Striche des Meeres und die Tiere des Himmels. Auch Tullius sprich ähnlich: „Aber Gott, der von uns erfaßt wird kann nicht anders gefaßt werden denn als ein Geist, gelöst und frei und gesondert von aller sterblichen Materie, alles fühlend und bewegend. Und an anderer Stelle: „Nichts ist vorzüglicher als Gott. Von ihm also muß die Welt regiert werden; Gott ist daher keinem natürlichen Prinzip gehorsam oder unterworfen; folglich lenkt er selbst die ganze Natur; wir mußten uns höchstens in der uns angeborenen großen Weisheit zu der Annahme entschließen können und glauben, der, von dem alles regiert wird, könne zu gleicher Zeit die Welt regieren und sich selbst überlassen. Wenn also sogar alle diese, wohlgemerkt Ungläubigen, sozusagen von einem inneren, gewaltsamen Zwang getrieben, aussagen mußten, alles werde von Gott gefühlt und bewegt und gelenkt: wie kann es jetzt Leute geben, die ihn für gleichgültig und nachlässig erachten? Ihn, der doch alles erfaßt mit der Tiefe seiner Weisheit, alles bewegt mit seiner Kraft, alles regiert mit seiner Macht und beschützt mit seiner Güte? Ich habe gesagt, was für ein Urteil über die Erhabenheit und Herrschertätigkeit des höchsten Gottes die Spitzen der Philosophie und zugleich der Beredsamkeit gefällt haben. Nur deshalb aber habe ich die größten Meister in beiden hervorragenden Künsten zum Worte kommen lassen, um desto leichter aufzeigen zu können, daß entweder alle die gleiche Meinung hatten oder sicher irgendwelche gegenteilige Meinungen ohne jede Bedeutung waren. Tatsächlich kann ich auch keinen einzigen, der mit dem Urteil jener Männer nicht übereinstimmte, finden, abgesehen höchstens von den wahnsinnigen Ideen der Epikureer oder dem Epikur nahestehender Leute, die, wie die Lust mit dem Tugendbegriff, so auch den Gottesbegriff mit der trägen, schläfrigen Ruhe verbanden. So offenbart es sich, daß diejenigen, die also denken, mit dem Gefühl und dem Gedanken der Epikureer auch dem Laster nachgehen.

2. Sind die Bösen wahrhaft glücklich und die Guten wahrhaft unglücklich?

Ich glaube, wir haben es nicht nötig, zum Beweis einer so klaren Sache auch noch biblische Zeugnisse an dieser Stelle heranzuziehen, vor allem weil die heiligen Worte so völlig und so unwiderleglich allen Grundsätzen der Gottlosen widersprechen, daß wir, wenn wir uns auch nur mit ihren später zu nennenden Verleumdungen abgeben, auch ihre oben erwähnten Aussagen widerlegen können. Sie sagen also, Gott lasse alles an sich vorübergehen; er zügle weder die Bösewichte, noch schütze er die Guten, und deshalb sei auf dieser Welt der in jeder Beziehung schlechtere Zustand der, in dem sich die besseren Menschen befänden: denn die Guten lebten in Armut, die Schlechten in Überfluß, die Guten in der Schwachheit, die Schlechten in der Kraft, die Guten immer in Trauer, die Schlechten immer in eitel Freude, die Guten in Mühsal und Verachtung, die Schlechten in Glück und Ehren. Nun frage ich zuerst diejenigen, die über diese Zustände Schmerz empfinden oder Klage führen: Dauern sie die Heiligen, das heißt die wahren und gläubigen Christen, oder die falschen Christen und die Betrüger? Sind es die Scheinheiligen, dann ist der Schmerz überflüssig, der bedauert, wenn die Schlechten nicht glücklich sind, da insgemein alle Bösewichter, wenn ihnen der Erfolg günstig ist, noch schlechter werden; sie freuen sich, daß ihnen ihr ruchloses Tun so gut hinausgehe; und deshalb oder gerade deswegen müssen sie ja ins größte Unglück geraten, damit sie einmal von ihrer Bosheit ablassen, wenn sie für ihre höchst verruchten Handel beständig das Wort Religion im Munde führen und zu ihren ganz unsauberen Machenschaften die Heiligmäßigkeit wie ein Schild vortragen. Wägt man ihre Schandtaten gegen ihr Unglück ab, so ergibt sich, daß sie noch weniger elend sind, als es sich für sie gebührt; denn mögen sie auch in einem oder dem anderen Mißgeschick stecken sie sind trotzdem noch nicht so unglücklich wie schlecht. Sie sind also gewiß nicht bedauernswert, daß sie nicht reich und glücklich sind; noch viel weniger aber die heiligen Christen; denn sie können gar nichts anderes sein als glücklich, mögen sie auch den Unwissenden noch so elend vorkommen. Wenn aber jemand glaubt, sie seien unglücklich wegen ihrer Schwachheit oder ihrer Armut oder anderer derartiger Dinge, auf denen die große Welt ihr Glück begründet zu haben meint, so ist das überflüssige Mühe: denn niemand kann nach eines anderen Gefühl unglücklich sein, nur nach seinem eigenen. Und so können auch die nicht nach irgendeines Menschen falscher Ansicht elend sein, die wirklich glücklich sind im eigenen Bewußtsein. Denn das ist meine Meinung: niemand ist glücklicher als die, die nach ihrer inneren Überzeugung und nach ihrem eigenen Willen handeln. Niederen Standes sind die Gottgeweihten, sie wollen es so; sie sind arm, Armut ist ihre Lust; sie haben keinen Ehrgeiz, Ehrgeiz verschmähen sie; sie sind ohne äußere Ehren, Ehren fliehen sie; sie trauern, sie begehren nach Traurigkeit; sie sind schwach, sie freuen sich ihrer Schwachheit. ,,Denn wenn ich krank bin, dann bin ich mächtig“, sagt der Apostel. Und er denkt mit Recht so, er, zu dem Gott selbst redet: ,,Es genügt dir meine Gnade; denn die Kraft wird vollendet in Schwachheit.“ 2Über diese Kümmernis der Krankheit brauchen wir also nicht im mindesten zu klagen: wir wissen ja, sie ist die Mutter der Tugenden. Was es daher auch damit für eine Bewandtnis habe: alle wahrhaft gottgeweihten Seelen sind glücklich zu preisen, weil doch bei aller Härte und aller Rauheit des Geschicks niemand glückseliger ist als derjenige, der ist, was er sein will. Allerdings mag es auch zu jeder Zeit welche geben, die den Weg des Lasters und der Schande gehen und nach ihrer Ansicht wohl glücklich sind, weil sie ihren Willen befriedigen: In Wirklichkeit jedoch sind sie nicht glücklich, weil sie das, was sie wollen, eigentlich nicht wollen sollten. Die Gottgeweihten aber sind aus dem Grund glückseliger als alle andern, weil sie haben, was sie wollen, und noch dazu Besseres, als was sie besitzen, überhaupt nicht besitzen können. Daher sind Mühsal und Fasten und Armut und Niedrigkeit und Krankheit nicht allen denen lästig, die sie tragen müssen, sondern nur denen, die sich des Tragens weigern. Denn ob schwer, ob leicht, auf den Willen des Trägers kommt es an. Ist doch nichts so leicht, daß es nicht dem der es wider Willen tut, schwer fiele; und so ist auch nichts so schwer, daß es nicht dem, der es freudig auf sich nimmt, leicht erscheine. Oder sollen wir etwa annehmen, daß es jenen Männern des Altertums mit ihrer erprobten Tüchtigkeit, einem Fabius, einem Fabricius, einem Cincinnatus, schwer aufs Herz gefallen ist, daß sie arm waren, sie, die nicht reich sein wollten, da sie ja all ihr Sinnen und all ihr Trachten auf das allgemeine Beste übertrugen und das Wachstum der staatlichen Macht durch ihr eigenes Armsein förderten? Trugen sie etwa damals ihre kärgliche und ländliche Lebensweise nur mit Seufzen und Wehklagen, da sie das harte Bauernmahl am Herde dort, wo sie es gekocht hatten, einnahmen und sie dies Mahl selbst nur erst spät am Abend verzehren konnten?3Empfanden sie etwa als Last, daß sie nicht mit der Gesinnung eines reichen Geizhalses auf Talenten Goldes sitzen konnten, sie, die sogar den Gebrauch des Silbergeldes gesetzlich untersagten? Erachteten sie es etwa als Strafe für Gelüste oder Begierden, daß sie keine mit Goldstücken prall gefüllten Geldbeutel trugen, wenn sie einen Patrizier der Ratsversammlung für unwürdig erklärten, weil er bis zu zehn Pfund Silber hatte reich sein wollen? Sie verachteten damals, wie ich glaube, nicht die Lebensweise der Armen, wenn sie ein rauhes, kurzes Gewand anzogen, wenn sie vom Pfluge weg zu den Faszen geholt wurden und sie in dem Augenblick, da sie mit dem Ornat eines Konsuls bekleidet werden sollten, vielleicht gerade mit dem Purpurmantel, den sie anlegen wollten, den schweißnassen Staub sich vom Gesichte wischten. Daher können wir sagen: Damals regierten jene Beamten, da sie arm waren, einen wohlhabenden Staat, jetzt hingegen läßt eine reiche Machthaberschaft den Staat verarmen! Und doch, frage ich, was bedeutet es für eine Torheit oder Blindheit, zu glauben, es könne privater Reichtum Bestand haben, wenn der Staat darben und betteln muß? So waren also jene alten Römer gesinnt; so haben sie seinerzeit, da sie Gott noch nicht kannten, schon den Reichtum verachtet, wie ihn jetzt die verschmähen, die dem Herrn folgen. Indessen, was spreche ich von denen, die aus Sorge für die Ausbreitung des Reiches durch die Verachtung des eigenen Vermögens beitrugen zum öffentlichen Gut und, mochten sie auch persönlich mittellos sein, doch Überfluß hatten an allgemeinem Reichtum? Entschlugen sich doch einige Griechen, die nach Weisheit strebten, fast jeglichen Gebrauches ihres Vermögens und jeglicher Ehrsucht; und damit nicht genug: sie setzten ihrer Lehre die Krone auf durch die Verachtung von Schmerz und Tod. Sie sagten sich ja, daß auch in Ketten und Kerker der Weise glücklich sei. Sie wollten bezeugen, die Macht der Tugend sei so groß, daß niemals ein guter Mensch nicht glücklich sein könne. Wenn daher schon jene Leute von einigen verständigen Beurteilern auch unserer Tage nicht für unglücklich angesehen werden, die für ihre Mühen keinen anderen Lohn ernteten außer einzig das Lob, das ihnen die Mitwelt spendete, um wieviel weniger darf man die frommen heiligmäßigen Männer für unglücklich erachten, die sich im Diesseits schon an ihrem Glauben erquicken können und dereinst den Lohn der zukünftigen Seligkeit erlangen werden.

3. Körperliche Schwachheit dient der Heiligung des Lebens

Einer von denen, über die wir uns beklagen, sagte zu einem heiligmäßigen Mann, der nach der Forderung der Wahrheit dachte, nämlich, daß Gott alles lenke und seine Regierung und Leitung so einrichte, wie er es für das Menschengeschlecht für notwendig erachte: ,.Warum also, frage ich dich, bist du selber krank?“ Und das tat er sicher mit dem Nebengedanken: Wenn Gott nach deiner Meinung in diesem Leben alles lenkt, wenn Gott alles ordnet, wie ist es denkbar, daß der Mensch gesund und kräftig ist, der mir als öffentlicher Sünder bekannt ist, und du schwächlich bist, an dessen Heiligmäßigkeit ich nicht zweifeln kann? Wer sollte nicht dieses tiefgründige Denken des Mannes bewundern, der da die Verdienste und Tugenden der Gottesfürchtigen so großer Gegenleistungen für würdig erachtet, daß nach seiner Ansicht in diesem Leben auf Erden Körperfülle und Körperkraft der Lohn für ein heiliges Leben sein mußten? So antworte ich denn nicht etwa im Namen eines einzigen, nein, sämtlicher gottgeweihter Personen: Du fragst also – gleichviel, wer du seist – du fragst, wie es komme, daß die heiligmäßigen Männer von schwachem Körper sind? Meine Antwort ist kurz: Die Heiligmäßigen lassen sich deshalb schwach werden, weil sie kaum heilig leben könnten, wenn sie stark blieben. Denn meines Erachtens sind so ziemlich alle Menschen kräftig durch Speise und Trank, schwach aber durch Enthaltung und Fasten und Nüchternheit. Es ist also gar nicht sonderbar, daß die Menschen schwach sind, die sich die Nutznießung von all dem versagen, was andere stark macht. Und sie haben vernünftigen Grund zu dieser Entsagung, da doch der Apostel Paulus von sich selber sagt: ,,Ich geißle meinen Leib und unterwerfe ihn der Knechtschaft, um nicht selbst schuldig befunden zu werden, während ich andern predigte.“ Wenn sogar der Apostel es für seine Pflicht hält, einen schwachen Körper zu erlangen, wer würde sich noch bei verständigem Denken dieser Pflicht entziehen? Wenn der Apostel rein leibliche Stärke fürchtet, wer will da noch vernünftigerweise beanspruchen, stark zu sein? Das also ist der logische Grund, warum die Christo geweihten Menschen schwachen Leibes sind und sein wollen. Aber fern sei es von uns, zu meinen, die Frommen würden von Gott vernachlässigt gerade auf Grund des Umstandes, dessentwegen – wie wir fest glauben – sie mehr geliebt werden. Wir lesen, daß der Jünger Timotheus von sehr schwächlichem Körperbau gewesen ist. Nun, wurde er von Gott mißachtet oder hat er wegen seiner Schwächlichkeit Christus nicht Wohlgefallen, er, der gerade deshalb krank sein wollte, um wohlzugefallen? Ließ ihn doch auch der Apostel Paulus, obwohl er schon an einer sehr heftigen Krankheit litt, trotzdem nur ganz wenig Wein nehmen und kosten. Das bedeutet, er wollte, daß er auf diese Weise seiner Krankheit abhelfe, wollte aber nicht, daß er zu voller Kraft gelangte. Und warum das? Ja warum, außer deswegen, weil nach seinen eigenen Worten ,,das Fleisch begehrt wider den Geist, der Geist aber wider das Fleisch“? ,,Denn diese“, sagt er, „streiten gegeneinander, auf daß ihr nicht jenes tuet, was immer ihr wollt“. Ganz vernünftig hat jemand zu dieser Stelle bemerkt: Wenn wir infolge des Widerstrebens der körperlichen Kraft das nicht vollbringen können, was wir wünschen, so müssen wir am Leibe schwach werden, um unsere Wünsche verwirklichen zu können. Denn, sagt er, die Schwäche des Fleisches schärft die Kraft des Geistes; und wenn die Glieder angegriffen sind, übertragen sich die körperlichen Kräfte auf die Fähigkeiten der Seele. Das Mark brennt nicht mehr in schändlicher Glut, den kranken Geist bringt nicht mehr verborgener Zündstoff zum Brennen, die ausschweifenden Sinne kommen nicht durch die verschiedenen Reizungen in Wallung, nein, ganz allein triumphiert die Seele, froh über die Krankheit des Körpers wie über die Unterjochung eines Widersachers. Das also, wie ich sagte, ist für die gottgeweihten Männer der Grund ihrer Leibesschwäche. Und daß er es ist, das leugnest, wie ich denke, nun auch du nicht mehr.

4. Die Vernunft lehrt, daß Gott schon hienieden in die Ordnung der Dinge eingreift

Aber vielleicht, entgegnest du, gibt es noch andere, triftigere Gründe, warum sie so viel Herbes und Bitteres in diesem Leben erdulden, warum sie sich gefangen nehmen, quälen, hinmorden lassen. Gewiß; aber was sagen wir dazu, daß auch die Propheten in die Gefangenschaft geführt wurden und die Apostel Qualen erduldet haben? Und doch können wir nicht daran zweifeln, daß Gott gerade da am meisten für sie sorgte, als sie für ihn all dieses litten. Aber vielleicht willst du gerade als stärksten Beweis dafür, daß Gott auf dieser Welt alles vernachlässige und alles für das kommende Gericht aufspare, die Tatsache anführen, daß immer die Guten alles Schlimme erlitten, die Bösen aber es vollbracht haben. Diese Behauptung scheint mir nun nicht einmal einen ungläubigen Gemüte zu entspringen, besonders, weil sie sich zu einem zukünftigen göttlichen Gericht bekennt. Wir aber behaupten auch, daß dereinst das Menschengeschlecht von Christus gerichtet werden müsse, so jedoch, daß wir glauben, Gott lenke und ordne auch jetzt schon alles, wie er es für vernünftig erachtet; und wir halten zwar daran fest, daß er im Jenseits richten werde, lehren aber auch, daß er im Diesseits immer als Richter gewaltet hat. Solange nämlich Gott regiert, richtet er auch; denn seine Lenkertätigkeit ist ja selbst Gericht. Auf wie vielerlei Arten willst du das bewiesen haben? Durch die Vernunft, durch Beispiele oder durch Zeugnisse? Soll ich den Vernunftbeweis antreten, so sage ich: Wer ist so sehr ohne alle menschliche Einsicht und so fremd jener Wahrheit, von der wir gerade reden, daß er nicht klar erkenne, wie das herrliche Schöpfungswerk und die unfaßbare Pracht der überirdischen und irdischen Dinge von demselben regiert wird, der sie geschaffen; daß der Schöpfer der Elemente auch ihr Lenker ist; daß der, der alles durch seine Macht und Herrlichkeit geschaffen hat, es auch durch seine Fürsorge und Weisheit erhält, besonders da auch im Bereich menschlicher Handlungen durchaus nichts ohne vernünftige Leitung bestehen bleibt, und alle Dinge so von der Fürsorge ihre Vollkommenheit empfangen, wie der Körper von der Seele das Leben? Deshalb werden auf dieser Welt nicht nur Reiche und Provinzen, nicht nur das Staats- und Militärwesen, sondern auch weniger wichtige Ämter und private Gemeinschaften, endlich sogar das Vieh bis zur geringsten Art der Haustiere herab nur durch des Menschen ordnende Klugheit, wie durch einen Zügel in fester Hand, zusammengehalten. Und das alles ohne Zweifel nach dem Willen und Urteil des höchsten Gottes, damit nämlich nach seinem Beispiel das ganze Menschengeschlecht die Teile und Glieder des Alls leite, sowie er selbst den ganzen Weltkörper beherrscht. Allerdings, entgegnest du, sind das die anfänglichen Einrichtungen und Anordnungen Gottes in bezug auf die Geschöpfe; nachdem er aber die Schöpfung vollkommen beendet hatte, gab er alle Sorge um irdische Dinge auf und wies sie von sich. Er flieht nämlich die Mühe und hält sie weit ab von sich. Da er die lästige Ermüdung meidet oder mit andern Dingen beschäftigt ist, überlässt er einen Teil der Dinge sich selbst, da er sich mit dem Ganzen doch nicht befassen kann.

5. Ohne Glauben an Gottes Sorge um diese Welt ist die Gottesverehrung sinnlos

Gott entschlägt sich also nach deiner Meinung der Sorge um die Menschen. Was ist dann für uns der Sinn des Gottesglaubens? Oder warum verehren wir Christus und hoffen auf Vergebung? Wenn Gott das Menschengeschlecht im Diesseits vernachlässigt, warum heben wir dann täglich die Hände zum Himmel? Warum flehen wir so oft im Gebete Gottes Barmherzigkeit an? Warum eilen wir in die Kirchen und knien vor den Altären? Wir haben ja keinen Grund zu beten, wenn es keine Hoffnung auf Erhörung gibt. Siehst du, wie töricht und nichtig eine solche Behauptung ist? Machst du sie dir zu eigen, so bleibt von der Religion überhaupt nichts mehr übrig. Vielleicht nimmst du zu der Annahme deine Zuflucht, wir verehrten Gott aus Furcht vor dem kommenden Gericht und erstrebten mit der Erfüllung unserer religiösen Pflichten nur den Freispruch am Tage des künftigen Gerichtes. Was will aber dann der Apostel Paulus, der täglich in der Kirche eindringlich befiehlt, wir sollen immer unserm Gott Gebete, inständiges Flehen und Danksagungen darbringen? Warum das alles? Warum anders, als daß wir, wie er selbst sagt, ein ruhiges und stilles Leben in aller Reinheit führen können? Wie wir sehen, befiehlt er, in gegenwärtigen Anliegen Gott inständig anzuflehen. Das würde er nicht tun, vertraute er nicht auf die Möglichkeit einer Erhörung. Wie kann nur jemand glauben, Gott habe ein offenes Ohr für Bitten um Güter des zukünftigen Lebens, verschließe und versperre es aber für Anliegen aus dem Diesseits? Oder wie können wir, in der Kirche betend, Gott um Heil für die Gegenwart anflehen, wenn wir gar nicht an die Möglichkeit einer Erhörung glauben? Dann dürften wir um Glück und Wohlergehen keine Gebete verrichten. Wir müßten vielmehr, damit die Rede des Bittenden in Einklang stehe mit der Bescheidenheit der Bitte, so sagen: Herr, wir verlangen kein Glück für dieses Leben, noch bitten wir um Güter des Diesseits; denn wir wissen, daß dein Ohr solchem Flehen verschlossen bleibt und du Bitten dieser Art kein Gehör schenkst; wir erflehen nur das, was uns nach dem Tod beschieden sein soll. Es mag sein, daß ein solches Gebet nicht ohne Nutzen ist; wie kann es sich aber auf Vernunft gründen? Denn wenn Gott die Sorge um diese Welt von sich weist und dem Flehen der Bittenden sein Ohr verschließt, so besteht kein Zweifel, daß der, der uns für die Gegenwart nicht erhört, auch unsere Bitten für die Zukunft nicht beachtet; außer wir glauben etwa, Christus schenke je nach der Art der Bitte entweder Gehör oder verweigere es, das heißt, er verschließe sein Ohr, wenn er um Güter des Diesseits gebeten wird, und öffne es nur für Bitten um Zukünftiges. Doch darüber wollen wir nicht weiter sprechen; denn das alles ist so töricht und nichtig, das man fürchten muß, das zur Ehre Gottes Gesagte könnte für eine Beleidigung Gottes gehalten werden. So mächtig, so ehrfurchtgebietend ist die göttliche Majestät, daß wir nicht nur das, was jene wider die Religion sagen, verabscheuen müssen, sondern auch das, was wir selbst für die Religion sagen, nur mit großer Furcht und Scheu sagen dürfen. Wenn daher törichter und gottloser Weise geglaubt wird, die göttliche Güte verachte die Sorge um menschliche Dinge, so haben wir gesehen, sie verachtet sie nicht. Wenn sie sie aber nicht verachtet, so regiert, so richtet sie schon eben dadurch, weil es keine Regierung geben kann, wenn nicht der Herrscher auch fortgesetzt Richter ist.

6. Das Gericht Gottes im Alten Testament. Kain und Abel

Aber mancher könnte diesen Vernunftbeweis für zu wenig überzeugend halten, wenn er nicht durch Beispiele bekräftigt wird. Sehen wir, wie Gott von Anfang an die Welt regiert hat; auf diese Weise werden wir aufzeigen, daß er immer alles regiert hat, und zugleich darlegen, daß er auch alles gerichtet hat. Was sagt nun die Schrift? „Gott bildete den Menschen aus dem Lehm der Erde und hauchte ihm den Atem des Lebens ein.“ Und weiter? ,,Er setzte ihn“, sagt sie, „in das Paradies der Wonne.“ Und ferner? Er gab ihm ein Gesetz, bildete ihn durch Vorschriften und unterwies ihn durch seine Lehre. Und was folgte hierauf? Der Mensch übertrat das heilige Gebot, müßte sich dem Richterspruch unterziehen, verlor das Paradies, erlitt die Strafe der Verdammung. Wer sähe nicht bei all diesen Vorgängen in Gott zugleich den Herrscher und Richter? Den unschuldigen Adam setzte er in das Paradies, den Schuldigen vertrieb er. Die Einsetzung bedeutet eine Leitung, die Vertreibung ein Gericht. Als er ihn nämlich an den Ort der Freude führte, regierte er; als er den Schuldbeladenen aus der Herrlichkeit vertrieb, setzte er ein Urteil. So war es also beim ersten Menschen, dem Vater; wie aber beim zweiten, dem Sohn? „Es geschah“, so sagt die Heilige Schrift, ,,nach vielen Tagen, daß Kain dem Herrn ein Opfer von den Früchten der Erde anbot. Auch Abel opferte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und es sah der Herr auf Abel und seine Gaben, Kain aber und seine Gaben beachtete er nicht.“ Bevor ich von dem ausgesprochenen Gericht Gottes rede, behaupte ich, daß auch in dem bereits Erzählten ein gewisser Urteilsspruch enthalten ist. Dadurch nämlich, daß Gott das Opfer des einen annimmt, das des andern aber abweist, hat er augenscheinlich über die Gerechtigkeit des einen und die Ungerechtigkeit des anderen ein Urteil gefällt. Aber das ist noch nicht alles, Kain lockte, um sich für die künftige Freveltat den Weg zu ebnen, seinen Bruder in die Wüste und beging unter dem Schutz der Einsamkeit sein Verbrechen. Er war ebenso gottlos wie töricht, da er wähnte, zur Ausübung eines ungeheuren Frevels genüge es, sich dem Anblick der Menschen zu entziehen, während er doch unter den Augen Gottes sich mit dem Gedanken des Brudermords trug. Daraus schließe ich, daß er ebenso dachte, wie heute viele denken, nämlich: Gott kümmere sich um die irdischen Dinge nicht und sehe die Taten verbrecherischer Menschen nicht. Daran ist nicht zu zweifeln; denn, nach vollbrachtem Verbrechen von Gott zur Rede gestellt, antwortete er, er wisse nichts von der Ermordung seines Bruders. So fest wähnte er, Gott wisse nicht um seine Tat, daß er glaubte, das fluchwürdigste Verbrechen mit einer Lüge bedecken zu können. Aber er mußte es anders erfahren! Denn wenn er im Augenblick des Mordes glaubte, seine Untat werde von Gott nicht gesehen, so mußte er im Augenblick der Verdammung erkennen, daß Gott sah! Hier will ich nun diejenigen, die leugnen, daß Gott sich um die Menschen kümmere, sie leite und richte, fragen, ob dies alles zu unseren Behauptungen im Widerspruch steht. Ich nämlich bin der Ansicht, daß der Gegenwärtig ist, der am Opfer teilnimmt, und daß der regiert, der Kain nach dem Opfer bestraft, und daß der sich kümmert, der den Gemordeten vom Mörder zurückverlangt, und daß der Gericht hält, der den gottlosen Totschläger in gerechter Ahndung verflucht. Ein solcher Gedankengang liegt bei diesem Beispiel gewiß nahe; aber wir sollen uns auch nicht wundern, wenn jetzt heilige Menschen Übles erdulden, da wir doch sehen, daß schon damals Gott den ersten Heiligen sogar durch das größte Verbrechen töten ließ. Warum er das erduldet hat, kann weder die menschliche Schwachheit mit voller Einsicht erkennen, noch ist jetzt Zeit dazu, es zu erörtern. Inzwischen reicht es hin, zu beweisen, daß alles dies nicht aus Nachlässigkeit und Sorglosigkeit Gottes geschieht, sondern nach seiner weisen Anordnung zugelassen wird. Keineswegs aber dürfen wir das ungerecht nennen, worin wir Gottes Urteil nicht leugnen können, weil der Wille Gottes die höchste Gerechtigkeit ist. Denn nicht deswegen sind die Handlungen der Gottheit ungerecht, weil der Mensch die Allgewalt göttlicher Gerechtigkeit nicht erfassen kann. Aber wir wollen zu unserem Thema zurück.

7. Die Sintflut

Wir sehen also aus dem Gesagten, daß nichts aus Nachlässigkeit Gottes geschehen ist, sondern, daß einiges Gottes Vorsehung so anordnete, einiges seine Geduld zuließ anderes sein Urteil als Strafe verhängte. Aber manche glauben vielleicht, wir hätten unsere Behauptungen nur an wenigen Menschen bewiesen; wir wollen sehen, ob wir das gleiche auch an der Gesamtheit offenkundig machen können. Als mit der Zahl des Menschengeschlechtes auch dessen Gottlosigkeit wuchs und sich vervielfachte, „da sah Gott“, so erzählt die Heilige Schrift, „daß die Bosheit der Menschen auf Erden groß und das gesamte Denken ihres Herzens jederzeit auf das Böse gerichtet war; und es reute ihn, daß er den Menschen auf der Erde erschaffen habe; und im innersten Herzen von Schmerz erfüllt, sagte er: Ich werde den Menschen, den ich geschaffen, von der Erde vertilgen. Betrachten wir, wie in all diesem sowohl die Sorge als auch die Strenge des Herrn in gleicher Weise zutage tritt! Denn erstens sagt die Schrift: „Gott aber sah“; zweitens: ,,im innersten Herzen von Schmerz erfüllt“ und drittens: ,,ich werde den Menschen vertilgen, sprach er, den ich erschaffen habe.“ Wenn es nun von Gott heißt, er sehe alles, so zeigt sich darin seine Fürsorge; wenn geschrieben steht, es schmerzte ihn, so kommt dadurch der Abscheu des Erzürnten zum Ausdruck, in der Strafe aber die Strenge des Richters. Es reute also Gott, sagt die Heilige Schrift, daß er den Menschen auf der Erde gemacht hatte, nicht als ob Gott einer solchen Regung unterworfen oder von irgendeiner Leidenschaft beherrscht wäre; sondern die Heilige Schrift redet mit uns, um uns den wahren Sinn der Schriften voll zum Verständnis zu bringen, sozusagen in menschlicher Art, und zeigt, wenn sie von Reue Gottes spricht, die Macht des Erzürnten auf. Der Zorn der Gottheit ist nämlich die Strafe für den Sünder. Was folgt nun? ,,Als Gott sah, daß die Erde verwüstet sei, sagte er zu Noe: Das Ende allen Fleisches ist vor mir gekommen; erfüllt ist die Erde von ihnen her, und ich werde sie mit der Erde vertilgen“ Was nachher? ,,Es brachen auf“, heißt es ,,alle Brunnen der großen Tiefe, und die Schleusen des Himmels öffneten sich, und es kam ein Regen über die Erde vierzig Tage und vierzig Nächte.“ Und gleich darauf: ,,Alles Fleisch wurde vernichtet, das sich auf Erden bewegte.“ Und dann: „Es blieb nur Noe übrig und die mit ihm in der Arche waren.“ Ich möchte nun die fragen, die behaupten, Gott kümmere sich nicht um menschliche Dinge, ob sie glauben, daß er sich in jener Zeit um die Erde gekümmert und sie gerichtet habe. Ich glaube nämlich, nicht einmal, sondern zweimal hat er gerichtet; denn indem er die Guten rettete, erwies er sich als gütigen Vergelter; und indem er die Bösen bestrafte als strengen Richter. Aber das scheint vielleicht bei den Törichten weniger Beweiskraft zu haben, weil es vor der Sintflut, also sozusagen in einem anderen Zeitalter, geschah. Als ob Gott damals ein anderer gewesen wäre oder nachher nicht mehr die gleiche Sorgfalt für die Welt hätte hegen wollen! Mit Gottes Hilfe könnte ich an jeder einzelnen Generation nach der Sintflut meine Behauptungen beweisen. Aber einerseits würde das zu lang, anderseits genügt der Hinweis auf bestimmte und bedeutende Ereignisse. Denn der Gott der großen und der kleinen Dinge ist der gleiche; und darum kann man auch im Kleinen die Wahrheit erkennen, die im Großen bewiesen wird.

8. Abraham. Sodoma und Gomorrha

Als Gott nun nach der Sintflut das Menschengeschlecht gesegnet und durch diesen Segen eine ungeheuere Menschenmenge hervorgebracht hatte, redete er zu Abraham vom Himmel und befahl ihm, sein Vaterland zu verlassen und ein anderes aufzusuchen. Er wird gerufen, er folgt; er wird geführt, und er läßt sich nieder. Aus einem Armen wird ein Reicher, aus einem Unbedeutenden ein Mächtiger, aus einem verachteten Heimatlosen ein hochgeachteter Würdenträger. Aber damit Gottes Geschenke nicht als ganz unverdiente Gaben erscheinen, wird der durch Unglück geprüft, der sich des Glückes erfreut hatte. Es kommt Mühe, Gefahr, Furcht über ihn. Er wird gequält durch Auswanderung, heimgesucht durch Verbannung, mit Schmach beladen, seiner Gattin beraubt Gott befahl ihm, seinen Sohn zu opfern; der Vater bot ihn an und opferte ihn wenigstens dem Willen nach. Wieder Verbannung, wieder Furcht, der Neid der Philister, der Raub des Abimelech, Zwar viel Unglück, aber doch ebensoviel Trost; denn wenn er auch von soviel Leid bedrängt wird, wird er doch von allem befreit. Was läßt sich nun daraus folgern? Ist nicht in all den angeführten Fällen Gott es, der beobachtet und auffordert und führt und sorgt und bürgt und schützt und beschenkt und prüft und erhöht und bestraft und richtet? Er ist Beobachter, da er aus allen einen auswählt, den er als den besseren erkennt; er ist es, der zur Tat drängt, indem er ihn ruft; er ist Führer, indem er ihn ins unbekannte Land geleitet; er ist bekümmert, da er bei der Eiche erscheint; er ist Bürge, indem er Zukünftiges verspricht; er ist Beschützer, da er ihn unter wilden Völkern behütete; er ist Geber, da er bereicherte; er ist Prüfer, indem er ihn durch Unglück versuchen wollte; er ist es, der erhöht, weil er ihn mächtiger machte als alle; er ist Rächer, indem er ihn an seinen Feinden rächte; Richter, indem er gleichzeitig mit der Strafe richtete. Bald nach diesem Ereignis redet Gott wieder und sagt: „Das Geschrei von Sodoma und Gomorrha hat sich gemehrt, und ihre Sünde ist zu schwer geworden.“ Das Geschrei von Sodoma und Gomorrha, sagte er, hat sich gemehrt. Schön sagt er von den Sünden, sie könnten schreien. Laut muß zweifellos das Geschrei der Sünde sein, da es von der Erde zum Himmel dringt. Warum aber versichert er, daß die Sünden der Menschen sozusagen schrien? Wohl, weil Gott sagen will, daß seine Ohren vom Lärm der Sünde hallen, damit die Strafe für die Vergehen nicht länger aufgeschoben wird. Ja wahrlich, es muß ein Geschrei, und zwar ein großes Geschrei sein, wenn die Güte Gottes dem Geschrei der Sünden unterliegt und sich gezwungen sieht, die Sünder zu strafen. Es zeigt der Herr also, wie ungern er sogar die größten Sünder bestraft, indem er sagt, das Geschrei von Sodoma sei zu ihm heraufgedrungen. Damit will er sagen: Meine Barmherzigkeit rät mir zwar zur Schonung, aber das Geschrei der Sünden zwingt mich zur Strafe. Was geschah nun nach diesen Worten? Es werden Engel nach Sodoma geschickt; sie machen sich auf den Weg, sie treten ein in die Stadt; sie werden von der Dienstwilligkeit der Guten gewartet, von der Ungerechtigkeit der Bösen belästigt. Die Ruchlosen werden geblendet, die Rechtschaffenen werden gerettet. Loth wird mit seinen teueren Angehörigen aus der Stadt hinausgeführt, die Stadt mit ihren gottlosen Bewohnern verbrannt. Hat nun Gott, so frage ich hier, aus seinem Richteramt heraus oder ohne ein Richteramt auszuüben, über die Bösen Feuer gesandt? Wer behauptet, Gott habe die Sodomiten nicht als Richter bestraft, beschuldigt ihn der Ungerechtigkeit. Wenn er aber in Vollzug eines Gerichtes die Bösen vernichtet, so hat er gerichtet. Natürlich hat er gerichtet, und zwar wie im künftigen Gericht. Denn wie es offenbar ist, daß zur Strafe der Bösen im Jenseits die Hölle brennen wird, so hat Sodoma und die benachbarten Städte eine Flamme vom Himmel verzehrt. In jenem irdischen Gericht, in dem er über das gottlose Volk Feuergluten vom Himmel sandte, wollte Gott das künftige Gericht ankündigen. Auch der Apostel sagt, Gott habe ein warnendes Beispiel aufgestellt für alle, die in Zukunft Schlimmes tun wollten, indem er die Städte Sodoma und Gomorrha durch Vernichtung bestrafte, obwohl auch in dieser Handlungsweise mehr Barmherzigkeit als Strenge lag. Barmherzigkeit war es, daß er die Strafe so lange hinausschob Gerechtigkeit, daß er doch einmal strafte. Und indem Gott Engel nach Sodoma sandte, wollte er uns beweisen, daß er sogar die Bösen wider Willen straft; wenn wir lesen, was die Engel von den Sodomiten zu erdulden hatten, und die ungeheure Größe der Verbrechen, die Schändlichkeit der Sünden, die Lüsternheit der Begierden sehen, so will uns Gott dadurch beweisen, daß er sie nicht zugrunde richten wollte, sondern daß sie selbst ihren Untergang mit Gewalt erzwangen.

9. Moses und der Zug der Israeliten durch die Wüste

Zahllose Beispiele könnte ich noch anführen; aber ich fürchte, es möchte scheinen, ich hätte eine ganze Geschichte zusammengeschrieben, während ich mich anstrenge, die Sache genügend zu beweisen. Moses, in der Einsamkeit seine Herde weidend, sieht den brennenden Dornbusch, hört Gott aus dem Dornbusch, nimmt seine Befehle entgegen, wird durch Macht erhöht, zum Pharao geschickt. Er kommt hin, spricht, wird verachtet und – siegt. Ägypten wird geschlagen, Pharaos Ungehorsam gezüchtigt, und zwar nicht auf eine Art, sondern so, daß der Frevler durch die Mannigfaltigkeit der Plagen noch mehr gequält wird. Und zuletzt? Zehnmal empört er sich, zehnmal wird er geschlagen. Und was sagen wir dazu? Ich bin der Ansicht, daß man in diesen Vorgängen Gott sowohl als Lenker wie auch als Richter der Menschendinge erkennen müsse. Es steht fest, daß in Ägypten das Gericht Gottes nicht einmal, sondern viele Male stattfand. Denn so oft er das sich empörende Ägypten schlug, ebenso oft richtete er. Aber was folgte nach dem Erzählten? Israel wird entlassen, feiert das Paschafest, beraubt die Ägypter und zieht bereichert fort. Es reut den Pharao, er zieht ein Heer zusammen, erreicht die Flüchtigen, der Lagerplatz verbindet sie, Finsternis trennt sie; das Meer wird trocken, Israel schreitet hinüber und wird durch den geduldigen Gehorsam der Wogen befreit. Pharao folgt, das Meer stürzt sich wieder über ihn, die Flut bedeckt und vernichtet ihn. Ich glaube, daß in diesen Geschehnissen Gottes Gericht nicht schwer zu erkennen ist und zwar nicht nur sein Gericht, sondern auch seine Mäßigung und Geduld. Es war Geduld, daß die aufrührerischen Ägypter oft geschlagen werden mußten; und es war Gericht, daß er die hartnäckigen Frevler mit dem Tode bestrafte. Nach diesen Ereignissen zieht das Volk der Hebräer siegreich, ohne Krieg gefühlt zu haben, in die Wüste. Es zieht seine Straße ohne Straße, es macht seinen Weg ohne Weg. Gott geht ihm voran, es ist geehrt durch das göttliche Bündnis, stark durch himmlische Führung; es folgt der beweglichen Säule, die wie eine Wolke am Tage, wie ein Feuer bei Nacht ist, die im Wechsel der Farbe sich dem Wechsel der Tageszeiten anpaßte, so daß sie sich vom Licht des Tages durch ihre dunkelgraue Farbe deutlich abhob und die Finsternis der Nacht durch feurigen Glanz erhellte. Dazu kommt noch, daß plötzlich Quellen entsprangen; dazu kommt, daß heilsame Wasser flossen, mochten sie so gespendet oder so verwandelt sein, daß sie ihr Aussehen bewahrten, ihre Natur aber änderten. Dazu kommt, daß aus den Gipfeln der Berge Bäche hervorbrachen, daß staubige Gefilde von nie gesehenen Wassern überströmten; dazu kommt, daß Vogelscharen ins Lager der Dahinziehenden flogen, daß Gott in seiner nachsichtigen Güte nicht nur der Notdurft des Lebens, sondern auch der Gaumenlust der Menschen entgegenkam. Vierzig Jahre gab er Speise, die täglich vom Himmel aufgetischt wurde; das Firmament ließ beständig süße Nahrung wie Tau herabtropfen; sie floß nicht nur zum Lebensunterhalt, sondern gewährte auch Freude. Dazu kommt weiterhin, daß die Menschen an keinem ihrer Glieder Mehrung oder Verlust merkten, die Nägel nicht wuchsen, die Zahne nicht ausfielen, die Haare immer gleich blieben, die Füße nicht wund wurden, die Kleider und Schuhe nicht zerrissen und daß so die wunderbare Ausdehnung der Menschen sich erstreckte bis auf die wertlosen Kleider. Und dazu: zur Erziehung des Menschengeschlechtes steigt Gott auf die Erde hernieder; Gottsohn macht sich menschlichen Blicken sichtbar, das zahllose Volk wird zu vertrauter Gemeinschaft mit der Gottheit zugelassen, durch göttliche Freundschaft geehrt. Und dann der Donner, die Blitze, die schrecklichen Posaunenklänge vom Himmel, ein furchtbares Erdröhnen des ganzen Äthers, der Himmel tost von unheimlichem Lärm; und Feuer und Finsternis und die Wolke, die Gott umhüllt; und der Herr, der ganz aus der Nähe sprach; und das Gesetz, das aus göttlichem Munde erklang; und die von Gottes Finger hingeschriebenen Buchstaben, Zeilen, Seiten, ein Buch aus Stein. Ein lernendes Volk, ein lehrender Gott; Himmel und Erde eine Schule, da Engel und Menschen fast untereinander gemischt sind. Denn so, steht geschrieben, hat Gott zu Moses gesprochen, als er die Worte des Volkes dem Herrn überbracht hatte: „Jetzt will ich zu dir hinkommen in einer finsteren Wolke, damit mich höre das Volk mit dir reden.“ Und gleich darauf: „Siehe, die Donner begannen zu rollen, Blitze leuchteten, und eine dichte Wolke bedeckte den Berg.“ Desgleichen: „Er stieg herab auf den Berg Sinai, auf den Gipfel des Berges.“ Gleich darnach: „Er redete mit Moses, während alle zuschauten, wie die Wolkensäule vor der Türe des Zeltes stand; und sie standen und beteten an der Türe ihrer Zelte. Es sprach aber der Herr zu Moses von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde zu reden pflegt.“ Ist es nach all diesen Vorgängen nicht klar, daß Gott Sorge trägt um die Menschen, daß er ihnen so Großes gibt, so Großes gewährt, daß er das kleine Menschlein am Gespräch mit sich teilnehmen läßt und es sozusagen zum heiligen freundschaftlichen Verkehr zuläßt, ihm seine von unvergänglichen Reichtümern volle Hand öffnet, ihn mit dem Becher voll Göttertrank und mit himmlischer Speise nährt? Was für eine größere Sorgfalt in seiner Leitung, so frage ich, was für eine größere Liebe kann er ihm gewähren als daß die Menschen während sie noch auf dieser Welt lebten, bereits einen Schein künftiger Seligkeit genossen?

10. Gott sorgt für uns wie für die Israeliten, wenn wir auch seine Sorge nicht erkennen wollen

Doch an dieser Stelle mag mir vielleicht eingewandt werden, Gott habe zwar einstmals so für die Menschen Sorge getragen, tue das aber jetzt nicht mehr. Wie kommen wir zu solcher Meinung? Vielleicht deshalb, weil wir nicht täglich Manna essen, wie jene damals, während wir doch Äcker voll von Weizen abernten können? Weil wir keine Wachteln mehr fangen, die den Menschen in die Hände fliegen, während wir doch alle Arten von Vögeln, Haustieren und Wild verzehren? Weil wir nicht mehr mit offenem Munde die aus Felsen entspringenden Quellwasser auffangen, während wir doch unsere Weinkeller mit dem Saft der Trauben füllen? – Ich sage noch mehr: Wir behaupten, Gott vernachlässige uns, während er früher für die Menschen gesorgt habe; aber, wenn wir die Güter der Vergangenheit statt der gegenwärtigen erhalten könnten, wir würden es ganz und gar verschmähen, jene Zustände auch nur zu wünschen. Denn wir wollten unsere jetzigen Güter nicht verlieren, um die zu erlangen, die jene damals hatten, nicht weil wir jetzt Besseres hätten, als das Volk zu jener Zeit hatte, sondern weil auch jene, die doch täglich durch Gottes Fürsorge vom Himmel genährt wurden, die alte Begierde des Bauches den Gütern, die sie gerade besaßen, vorzogen. Denn sie waren schändlicherweise traurig im Gedanken an die Fleischspeisen und mürrisch, weil sie schmähliches Verlangen nach Zwiebeln und Knoblauch trugen; nicht als ob ihre frühere Nahrung besser gewesen wäre, sondern weil sie damals das gleiche taten, wie wir jetzt. Sie verschmähten, was sie besaßen, und sehnten sich nach dem, was sie nicht hatten; wir stellen die damaligen Zustände über die jetzigen, nicht weil wir jene immer haben möchten, wenn wir die Möglichkeit der Wahl hätten, sondern weil es ein häufiges Laster des menschlichen Herzens ist, immer das Versagte zu wünschen, und weil, wie einmal gesagt wurde, uns das Fremde, den Fremden das Unsrige besser gefällt. Dazu kommt noch eine fast allgemeine Eigenschaft der Menschen, nämlich Gott immer undankbar zu sein; durch dieses eingewurzelte, fast angeborene Übel sind wir alle aneinandergeschmiedet, und man verkleinert die Wohltaten Gottes, um sich nicht als Schuldner bekennen zu müssen. Aber davon genug! – Wir wollen jetzt in die Bahn, die wir schon längst beschritten haben, zurückkehren. Meiner Meinung nach haben wir unsere Behauptungen zwar schon hinlänglich bewiesen; doch wenn es angenehm ist, wollen wir noch einiges hinzufügen. Denn es ist besser, mit den Beweisen mehr als das unbedingt Notwendige zu tun, als hinter der Wichtigkeit der Aufgabe zurückzubleiben.

11. Weitere Beispiele aus der Geschichte Israels: Das goldene Kalb, der Sabbatschänder, der Gotteslästerer, Nadab und Abiu, Mirjam und Aaron

Vom Joch des Pharao befreit, sündigte dann das Volk der Hebräer am Berge Sinai und wurde sogleich vom Herrn für seinen Fehltritt bestraft. So nämlich steht geschrieben: „Es schlug der Herr das Volk wegen der Sünde mit dem Kalb, das Aaron gemacht hatte.“ Konnte Gott ein schärferes und augenfälligeres Gericht über die Sünder halten, als daß er die Strafe der Sünde auf dem Fuße folgen ließ? – Aber warum traf die Verurteilung nicht alle, da doch das ganze Volk schuldig war? Weil nämlich der gütige Gott nur einen Teil mit der Schärfe seines Richterspruchs traf, um die anderen durch dieses Beispiel zu bessern und allen gegenüber seine Strenge durch die Züchtigung, seine Milde durch die Verzeihung zu beweisen. Strenge nämlich war es, da er strafte, Güte, da er schonte, obgleich beides in ungleichen Ausmaßen. Mehr wurde der Güte Raum gelassen als der Strenge. Da nämlich der Herr überaus nachsichtig ist, ist er immer mehr zur Barmherzigkeit geneigt als zur Rache; denn obgleich Gottes Züchtigung in der Bestrafung eines Teiles des jüdischen Volkes der Gerechtigkeit und der Strenge Rechte einräumte, beanspruchte doch seine Milde den größeren Teil des Volkes für sich. Und dies tat er damals vorzüglich aus einer ganz besonderen Barmherzigkeit mit der zahllosen Menge des Volkes, damit nicht alle, die Schuld auf sich geladen, auch die Strafe vernichte. Aber gegen gewisse Personen und Familien ist, so lesen wir, das Gericht Gottes unerbittlich, so dort, wo einer getötet wird, weil er sich erfrechte, Holz zu sammeln, während das Volk den Sabbat feierte. Denn obgleich nämlich dieses Menschen Tat an sich nicht als Schuld erschien, so machte ihn doch das Gebot des Ruhetags zum Schuldigen. Oder: Als zwei miteinander stritten, wurde der eine, der Gott lästerte, mit dem Tode bestraft. So nämlich steht geschrieben: „Siehe, der Sohn eines israelitischen Weibes, den sie von einem Ägypter geboren, zankte unter den Söhnen Israels mit einem israelitischen Mann. Und da er den Namen Gottes gelästert und ihm geflucht, wurde er vor Moses geführt.“ Gleich darauf heißt es: „Sie legten ihn ins Gefängnis, bis sie erkännten, was der Herr gebieten würde. Dieser redete zu Moses und sprach: Führe den Lästerer vor das Lager, und alle, die es gehört, sollen die Hand auf sein Haupt legen, und das ganze Volk soll ihn steinigen.“ Ist Gottes Gericht nicht ganz augenscheinlich, und wurde nicht der Richterspruch, ganz wie bei einem menschlichen Gericht, durch eine Entscheidung des Himmels herbeigeführt? Zunächst wurde der Verbrecher gefaßt, dann sozusagen vor einen Richterstuhl geführt, zum dritten angeklagt, dann in den Kerker geworfen, zuletzt kraft eines himmlischen Urteils bestraft. Und nicht schlechthin bestraft wurde er, sondern erst nach Anhörung der Zeugen, damit offenbar Gerechtigkeit und nicht Gewalt den Frevler verurteile. Dieses Beispiel zielte auf eine Besserung aller ab, damit ferner sich niemand das zuschulden kommen lasse, was das ganze Volk an diesem einen bestraft habe. Nach dieser Art des Richtens verfährt Gott überall auch jetzt und ist er immer verfahren, damit die von einzelnen getragene Buße der Besserung aller diene. So war es auch, als Abiu und Nadab, Männer aus priesterlichem Geschlecht, durch Feuer vom Himmel vernichtet wurden. An ihnen wollte Gott nicht nur zeigen, daß es ein Gericht gab, sondern auch, daß dieses Gericht immer drohend gegenwärtig sei. Denn so steht geschrieben: „Als Feuer von dem Herrn ausgegangen und das Brandopfer ergriffen, nahmen Nadab und Abiu, Söhne Aarons, Rauchfässer und legten Feuer und Rauchwerk hinein und brachten fremdes Feuer dem Herrn dar, was ihnen nicht geboten war. Und es ging Feuer von dem Herrn aus und fraß sie, und sie starben vor dem Herrn.“

Was wollte er anders zeigen, als daß seine Rechte immer über uns ausgestreckt ist und sein Schwert beständig droht, da er den Fehltritt der beiden sogleich unmittelbar bei der Tat bestrafte? Fast nicht eher waren die Sünder mit ihrem Frevel zu Ende, als auch die Strafe schon eintrat. Das ereignete sich aber nicht nur in diesem Falle, sondern auch in vielen anderen. Indem nämlich jene nicht wegen gottloser Gesinnung, sondern wegen gedankenlosen Leichtsinns bestraft wurden, zeigte Gott, welcher Strafe sich die schuldig machen, die aus Verachtung der Gottheit einen Fehler begehen, da ja die schon von Gott geschlagen wurden, welche nur aus Unüberlegtheit gesündigt hatten; und er wollte auch klar machen, welche Schuld die auf sich laden, die gegen die Anordnung ihres Herrn handeln, da schon jene so schwer bestraft wurden, die ohne seine Anordnung gehandelt hatten. Doch auch damit wollte Gott durch das heilsame Beispiel eines Gerichtes für unsere Besserung Sorge tragen, auf daß alles Laienvolk einsähe, wie sehr es den Zorn Gottes fürchten müsse, da nicht einmal die Söhne des Priesters durch das Verdienst ihres Vaters der augenblicklichen Strafe entrissen, noch durch das Vorrecht des heiligen Amtes gerettet wurden. Doch was soll ich von denen sagen, deren Leichtsinn sozusagen sich an Gott selbst heranwagte und sich zu einem Unrecht gegen den Himmel auswuchs? Maria redet gegen Moses und wird bestraft. Sie wird aber nicht nur bestraft, sondern bestraft nach gerichtlichen Formen. Zuerst nämlich wird sie vor das Gericht gerufen, dann angeklagt, zum dritten gezüchtigt; in den Scheltworten des Herrn muß sie den Urteilsspruch entgegennehmen, im Aussatz aber die Strafe der Sünderin erleiden, Diese Züchtigung demütigt aber nicht nur Maria, sondern auch Aaron. Denn obwohl der Hohepriester nicht durch Aussatz entstellt werden durfte, hat auch ihn die Züchtigung des Herrn geschlagen; und nicht nur das, sondern in der Strafe, die Maria erdulden muß, wird auch Aaron wie ein Mitschuldiger bestraft. Maria nämlich wird mit Krankheit gezüchtigt, damit Aaron durch die Schmach bestraft werde. Und damit wir ferner erkennen daß in manchen Fällen das göttliche Gericht unerbittlich sei, übt er ja nicht einmal auf die Fürbitte des Beleidigten hin Nachsicht. Wir lesen nämlich, daß Gott zu Aaron und Maria so gesprochen hat: „Weshalb habt ihr euch nicht gescheut, meinen Diener Moses zu beschimpfen? Und erzürnt ging er von dannen. Und siehe, Maria ward weiß von Aussatz wie Schnee. Und es rief Moses zu dem Herrn und sprach: ,Ich bitte, o Herr, heile sie!‘ Ihm antwortete der Herr: „Wenn ihr Vater ihr ins Angesicht gespuckt, sollte sie dann nicht wenigstens zehn Tage schamrot sein? Man sondere sie sieben Tage außerhalb des Lagers ab und dann rufe man sie wieder.“ Über diesen Punkt unserer Einteilung und dieses Stück der Abhandlung mag das Angeführte genügen. Es würde nämlich kein Ende nehmen, wollten wir alles erörtern; ja, es wäre schon zu lange, alles ohne nähere Besprechung auch nur aufzuzählen. Dennoch wollen wir noch etwas hinzufügen.

12. Strenges Gericht über Israel in der Wüste

Der Auszug aus Ägypten reut das Volk der Hebräer: es wird bestraft; es ist unwillig über die Ermüdung und Anstrengung der Reise: es wird gezüchtigt; es verlangt nach Fleisch und wird geschlagen. Obgleich es täglich Manna ißt, verlangt es danach, die Begierde des Bauches mit Leckerbissen zu stillen. Die Begierde wird gestillt, aber gerade in dieser Sättigung liegt Qual, „Denn noch“, so sagt die Heilige Schrift, „war die Speise in ihrem Munde, da entbrannte der Zorn des Herrn wider sie, tötete sehr viele von ihnen und ließ die Auserwählten Israels nicht weiterziehen.“ Og empört sich gegen Moses, er wird vernichtet; Kore lästert, er sinkt in die Erde; Dathan und Abiron murren, sie werden verschlungen, „Denn es öffnete sich die Erde“, heißt es, „und verschlang Dathan und bedeckte die Rotte Abiron .“ Zweihundertfünfzig Fürsten, so bezeugt die Heilige Schrift, die in der Volksversammlung mit Namen aufgerufen worden waren, erhoben sich gegen Moses. „Und als sie gegen Moses und Aaron sich empört, sprachen sie: Es muß euch genügen, daß die ganze Gemeinde aus Geheiligten besteht; weshalb erhebt ihr euch über das Volk des Herrn?“ Und was geschah? „Feuer ging aus vom Herrn und tötete die zweihundertfünfzig Männer, die Rauchwerk darbrachten.“ Aber obwohl so große Ereignisse eintraten, war die Sorge des Himmels doch nutzlos. Sehr oft wurde Züchtigung angewendet, doch eine Besserung erfolgte nicht. Wie nämlich auch wir trotz immer wiederholter Geißelhiebe Gottes uns nicht bessern, so wurden jene trotz so vieler Heimsuchungen nicht bekehrt. Was steht nämlich geschrieben? „Es murrte die ganze Gemeinde der Kinder Israel am folgenden Tage gegen Moses und Aaron und sprach: Ihr habt das Volk des Herrn getötet.“ Und was ereignete sich daraufhin? Sofort wurden vierzehntausendsiebenhundert Menschen geschlagen und durch Feuer vom Himmel verzehrt. Da sich nun damals doch die ganze Menge des Volkes versündigt hatte, warum traf die Strafe nicht alle? Besonders da bei der oben erwähnten Empörung des Kore niemand mit dem Leben davonkam? Warum wollte Gott dort die ganze Menge der Sünder zugrundegehen lassen, hier nur einen Teil? Weil nämlich der Herr voll ist von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit und ebenso seiner Milde viele Rechte einräumt durch Verzeihen wie seiner Strenge durch Strafe. Und so gab er damals der Zucht den Vorzug, auf daß die Bestrafung aller Schuldigen der Besserung der Gesamtheit diene; hier aber ließ er seine Barmherzigkeit walten, damit nicht das ganze Volk zugrunde ging. Doch obgleich er so barmherzig gehandelt, verurteilte er zuletzt doch alle zum Tode, weil bei einem Teil des Volkes auch die so oft wiederholte Züchtigung nichts nützte. Das sollte uns Furcht einflößen und zu unserer Besserung dienen, damit wir nicht durch das Verderben jener bestraft werden, wenn wir durch deren Beispiel gar nicht gebessert werden. Es besteht nämlich über ihr Schicksal kein Zweifel: Obwohl das ganze Volk der Hebräer aus Ägypten zu dem Zweck ausgezogen war, um ins Land der Verheißung zu kommen, betrat es doch keiner bis auf zwei heiligmäßige Männer. So nämlich steht geschrieben: ,,Es redete der Herr zu Moses und Aaron und sprach: Wie lange noch murrt dieses grundschlechte Volk gegen mich? So wahr ich lebe, spricht der Herr: Wie ihr heute vor mir gesprochen, so will ich euch tun. In der Wüste sollen euere Leiber liegen bleiben,“ Wie weiter? „Euere Kinder“, heißt es, „von denen ihr sagtet, sie würden eine Beute der Feinde, will ich hineinführen, damit sie sehen das Land, welches ihr verschmäht. Euere Leiber sollen in der Wüste liegen bleiben.“ Und was erfolgte? „Alle“, heißt es, „starben und wurden geschlagen vor dem Angesichte des Herrn,“ Vermißt man irgendetwas bei all diesen Vorgängen? Willst du den Lenker sehen? Siehe, er greift bessernd in die Gegenwart ein und trifft Anordnungen für die Zukunft. Willst du den strengen Richter wahrnehmen? Siehe, er bestraft die Schuldigen. Willst du den Gerechten und Milden sehen? Er schont die Unschuldigen. Willst du überall den Richter sehen? Sieh, überall wird Gericht gehalten. Denn als Richter klagt er an und als Richter herrscht er; als Richter fällt er den Urteilsspruch, als Richter verdirbt er die Schuldigen, als Richter belohnt er die Unschuldigen.

II. Buch

1. Zeugnisse der Heiligen Schrift für die Gegenwart Gottes

Die angeführten Beispiele genügen, um zu beweisen, daß Gott immerdar ein überaus besorgter Wächter über uns ist, ein gütiger Lenker und ein sehr gerechter Richter. Aber vielleicht denkt einer von den weniger Einsichtigen: Wenn Gott jetzt noch alles so regiert wie ehedem, warum sind dann die Bösen mächtig, die Guten gedrückt? Und während doch ehedem die Bösen den Zorn Gottes zu fühlen bekamen, die Guten seine Barmherzigkeit, scheint es jetzt, als litten sozusagen die Guten unter seinem Zorn und empfingen die Schlechten seine Gnade. Später möchte ich diesem Einwand begegnen. Zunächst etwas anderes: Ich habe doch versprochen, diese drei Punkte, die Gegenwart Gottes, seine Lenker- und seine Richtertätigkeit auf dreifache Art zu beweisen: durch die Vernunft, durch Beispiele, durch Zeugnisse. Und weil Vernunftbeweise und Beispiele bereits erledigt sind, so bleibt uns noch der Beweis durch Zeugnisse, obgleich ja auch schon die angeführten Beispiele für Zeugnisse gelten könnten, weil mit Recht das ein Zeugnis genannt werden kann, wodurch die Wahrheit einer Behauptung bewiesen wird. Welcher von den drei angeführten Punkten soll nun eher durch Zeugnisse aus der Heiligen Schrift bewiesen werden, die Gegenwart, die Lenker- oder die Richtertätigkeit? Ich glaube, die Gegenwart, weil der, der regieren oder richten will, zweifellos gegenwärtig sein muß, um alles, was es auch sei, regieren oder richten zu können. Die Heilige Schrift spricht nun in ihren Büchern also: „Überall schauen die Augen Gottes auf die Guten und auf die Bösen.“ Siehe, da hast du den gegenwärtigen Gott; siehe, wie er alles beobachtet, wie sein Auge über alles wacht! Deshalb nämlich sagt die Heilige Schrift, daß Gute und Böse von Gott gesehen werden, um zu beweisen, daß nichts von ihm vernachlässigt werde, und um zu zeigen, daß er alles durchforsche. Um das besser zu verstehen, höre, was der Heilige Geist auch an einer anderen Stelle der Heiligen Schrift bezeugt: „Die Augen des Herrn sind über denen, die ihn fürchten, damit er ihre Seelen vom Untergang errette und ihren Hunger stille.“ Warum heißt es nun von Gott, er schaue auf die Menschen? Natürlich, um sie zu bewahren und zu beschützen. Denn das Herniederschauen der huldreichen Gottheit ist ein Gnadengeschenk für die hienieden wandelnden Menschen. Denn auch an anderer Stelle sagt der Heilige Geist; „Das Auge des Herrn wacht über die Gerechten, und sein Ohr ist ihren Bitten geneigt.“ Sieh, wie gütig Gott nach der Schrift mit den Seinen umgeht! Wenn sie nämlich sagt, das Auge des Herrn wache über die Gerechten, so zeigt sie die Liebe des Wachenden; wenn sie sagt, seine Ohren seien Bitten immer geneigt, so wird die Freigebigkeit dessen, der regiert, aufgezeigt. Ja, wenn sie sagt, Gottes Ohr sei den Bitten der Gerechten immer geneigt, so spricht sie nicht nur von einem Zuhören, sondern gewissermaßen sogar von einem Gehorsam Gottes. Denn wie neigt sich Gottes Ohr den Bitten der Gerechten? Wie anders, als indem er immer hört, immer erhört, schnell dem Gehörten Gewährung zusagt und auf die Erhörung die Erfüllung folgen läßt? Immer ist also das Ohr unseres Herrn bereit, immer aufmerksam die Bitten der Heiligen zu hören. Wie glücklich wären wir alle, wenn auch wir Gott so schnell hören würden, wie wir gelesen haben, daß er uns hört! Aber vielleicht sagst du: Wenn zu lesen ist, Gott sehe auf die Gerechten, so diene das unserer Sache wenig, weil die Aufmerksamkeit Gottes nicht allgemein sei, wenn sie nur den Gerechten durch besondere Güte zuteil werde. Zwar steht schon weiter oben das Zeugnis der Heiligen Schrift, daß die Augen Gottes auf die Guten und die Bösen schauen. Wenn aber du auch jetzt noch einen stärkeren Beweis willst, so beachte das Folgende, denn es wird hinzugesetzt: „Das Antlitz des Herrn ist über den Missetätern, damit er ihr Andenken von der Erde vertilge.“ Du siehst nun zweifellos ein, daß du keinen Grund zur Klage hast, Gott schaue nicht auch auf die Bösen; denn es ist dir klar, daß die Aufmerksamkeit des Herrn im allgemeinen zwar allen gilt, daß sie aber infolge der Ungleichheit der Verdienste verschiedene Formen zeigt. Die Guten werden beachtet, um gerettet, die Bösen, um vernichtet zu werden. Wahrhaftig, an letzteren hast auch du teil, der du leugnest, daß der Mensch von Gott beachtet werde; sieh daher nicht nur mit aller Klarheit ein, daß Gott auf dich herabschaut, sondern erkenne auch ohne Rückhalt an, daß du zugrunde gehen wirst. Denn da das Auge des Herrn zu dem Zweck über die Missetäter wacht, um ihr Andenken von der Erde zu vertilgen, so mußt du, der du frevelhafterweise leugnest, daß Gott herabblicke, durch deine Verworfenheit den Zorn dessen erfahren, der wirklich herabsieht. Soweit über das Gegenwärtigsein und das Schauen Gottes.

2. Schriftbeweise für die Lenkertätigkeit Gottes

Nun wollen wir sehen, ob der, der herniederschaut, auch regiert! Schließt ja doch schon die Tatsache des Schauens einen Grund zum Regieren in sich, weil er ja nicht deswegen herabsieht, um hinterher das Gesehene wieder zu vergessen; es ist doch klar, daß er schon deswegen nicht gleichgültig sein kann, weil er sich überhaupt würdigt herabzuschauen; besonders da ja die oben angeführte Schriftstelle bezeugte, Gott sehe auf die Bösen zu ihrem Verderben, auf die Guten zum Heile. Schon dadurch wird also das Walten der göttlichen Regierung bewiesen; das heißt nämlich gerecht die Zügel der Regierung führen und die einzelnen Menschen je nach ihren Verdiensten verschieden behandeln. Aber höre doch noch ein weiteres Zeugnis hierüber. Im Psalm sagt der Heilige Geist zu Gott Vater: „Der du Israel regierst, merke auf!“ Israel heißt: „Gott sehend“. Nun sehen ihn aber auch die treugläubigen Christen im Glauben und im Gemüt. Und so heißt es, daß er, mag er auch der Lenker aller sein, ganz besonders jenen seine Führung zuteil werden lasse, welche die göttliche Leitung besonders verdienen. Daher mußt auch du, wer immer du sein magst, wenn du ein Christ bist, glauben, du werdest von Gott geführt. Willst du aber mit den anderen Christen gar nicht glauben, daß du von Gott regiert wirst, so mußt du dich als außerhalb der Christenheit stehend betrachten. Aber wenn du, wie schon oben gesagt, mehr das verlangst, was alle Menschen, nicht das, was nur die Christen angeht: siehe, die Heilige Schrift spricht klar aus, daß Tag für Tag alles nach dem Willen der Gottheit regiert und unaufhörlich von Gott gelenkt wird. „Er selbst nämlich“, heißt es, „liebt Einsicht und Ordnung.“ Und es gibt keinen anderen Gott, der sich um alles sorgte. „Denn da du gerecht bist“, heißt es, „ordnest du alles in Gerechtigkeit und leitest uns mit großer Sorgfalt.“ Hier siehst du, wie Gott unablässig ordnet, unablässig leitet. Aber an dieser Schriftstelle wird nicht nur von der göttlichen Leitung, sondern auch von der menschlichen Würdigkeit gesprochen. Wenn es nämlich heißt: „Du leitest uns“, so wird damit auf die Macht der Regierung, wenn geschrieben steht, „mit großer Sorgfalt“, so wird damit auf die hohe Würde des Menschen Bezug genommen. Und auch anderswo steht beim Propheten: „Erfülle ich nicht Himmel und Erde?“ Warum er alles erfüllt, erklärt er selbst: „Ich bin bei euch, um euch zu beseligen.“ Siehe, der Herr zeigt uns nicht nur seine Herrschaft, von der das All erfüllt ist, sondern auch die gewaltige Wohltat eben dieser Erfüllung. Denn die Frucht dieser Erfüllung mit der Gottheit ist, daß sie dem Angefüllten das Heil bringt. Deshalb sagt auch in der Apostelgeschichte der heilige Paulus: „In ihm leben wir und bewegen wir uns und sind wir.“ Zweifellos ist der mehr als der Lenker des Lebens, in dem die Bewegung des Lebenden liegt. Der Apostel sagt nämlich nicht, wir werden von ihm bewegt, sondern wir bewegen uns in ihm; er wollte damit lehren, daß im Innern der göttlichen Kräfte unser ganzes Wesen wurzle, weil wir in der Tat in dem leben, aus dem wir gerade das herleiten, was wir sind. Aber auch der Heiland selbst sagt im Evangelium: „Ich bin bei euch alle Tage bis ans Ende der Welt.“ Er sagt nicht nur, er sei bei uns, sondern er sei alle Tage bei uns. Und du, du undankbarer Mensch, du behauptest, daß der sich nicht um uns kümmere und nicht auf uns Rücksicht nehme, der ohne Aufhören bei uns ist? Was tut er denn bei uns? Ist er etwa dazu bei uns, daß er sich nicht um uns kümmere, daß er uns vernachlässige? Und wie paßt es zusammen, daß er, der den Frommen seine Gegenwart gewährt, um die Gottlosen sich nicht kümmert? „Siehe“, sagt er, „ich bin bei euch bis ans Ende der Welt.“ Fürwahr, herrlich verstehen wir die Liebe Gottes, wenn wir ihn verleumden, er vernachlässige uns, da er von sich bezeugt, er wolle uns in Ewigkeit nicht verlassen. Er wollte uns dadurch zeigen, daß seine Liebe und sein Schutz uns nie verlassen, da schon seine Gegenwart uns nie fehle. Wir machen die Liebe Gottes zur Verachtung für uns, wir verwandeln die Zeugnisse seiner Liebe in Beweise des Hasses. Wenn er sagt, er sei gegenwärtig, so wollen wir das mehr als ein Zeichen seines Hasses gelten lassen denn seiner Liebe. Denn hätte der Herr gesagt, er werde fern von uns sein, so könnten wir ihm, da er ja abwesend ist, weniger Nachlässigkeit vorwerfen. Es zeigt von tieferer Verachtung und heftigerer Ablehnung, uns immerdar zu vernachlässigen und trotzdem niemals von uns zu weichen. Und er muß noch größeren Haß gegen uns im Herzen tragen, wenn er nur zu dem Zwecke bei uns bleibt, um uns zwar nie seine Gegenwart zu entziehen, aber immer seine Liebe zu verweigern. Aber fern sei es, von dem gütigsten und barmherzigsten Gott zu glauben, er wolle immer bei uns sein, um uns offenbar gerade durch seine Anwesenheit um so größere Geringschätzung zu erzeigen! Fern sei es, diese Lästerung auszusprechen! Denn ich glaube, sogar im ganzen Menschengeschlecht gibt es keinen, der so schlecht wäre, daß er deswegen mit irgendeinem Mitmenschen beisammen sein wollte, weil er ihn nicht liebt, und seine Gegenwart nur dazu zu benützen wünschte, um ihn unmittelbar aus seinem Haß heraus um so mehr verachten zu können. So mag uns die menschliche Natur selbst lehren und überzeugen, ob wir nicht deshalb bei irgendeinem Menschen sein wollen, weil wir den lieben, dessen Gegenwart wir wünschen. Und eben, weil wir lieben, wünschen wir auch, daß unsere Gegenwart dem Geliebten nütze. Was wir nicht einmal einem schlechten Menschen absprechen können, sprechen wir Gott ab und machen Gott schlechter als den schlechtesten der Menschen, da er gesagt haben soll, er wolle deshalb bei uns sein, um uns gerade durch seine Gegenwart um so hochmütiger zu übersehen. Aber davon genug!

3. Schriftbeweise für Gottes Richtertätigkeit auf Erden: Aus der Geschichte Davids

Aus den Zeugnissen der Heiligen Schrift haben wir schon genügend bewiesen, daß Gott alles sieht und lenkt; es bleibt noch übrig darzutun, daß das meiste auf dieser Welt auch von ihm gerichtet wird. Als der fromme David durch Nabal auf dem Karmel ungerechten Schimpf hatte ertragen müssen und es hinausschob, sich selbst zu rächen, bekam er sofort Sühne durch Gottes Eingreifen. Deshalb sprach er, als kurz darauf sein Gegner vernichtet und durch Gottes Hand niedergeworfen war, also: „Gepriesen sei der Herr, der meine Schmach an Nabal gerichtet hat!“ Als ihn der Sohn verfolgte und aus dem Königreich vertrieben hatte, rächte ihn bald der Herr als Richter, und er rächte ihn nicht nur, sondern rächte ihn noch in vollerem Maße, als er, um dessen Genugtuung es ging, selbst es wollte. Denn Gott wollte zeigen, daß ihn die Unbill unschuldig Leidender härter treffe als die Dulder selbst. Denn wenn seine Rache größer ist, als es dem Wunsche des Beleidigten entspricht, was will er anders zu verstehen geben, als daß er in dem Beleidigten sich selbst räche? Und als der Sohn, der sich gegen den Vater erhoben hatte, an einem Kreuze hing, das nicht von Menschenhänden gemacht war, da wurde ihm, so berichtet die Heilige Schrift, die von Gott gewährte Rache also gemeldet: „Ich bringe gute Botschaft, mein Herr und König! Gerichtet hat heute der Herr für dich gegen alle, die wider dich aufgestanden.“

4. Davids Buße

Du siehst also, wie die göttlichen Schriften durch heilige Zeugen erweisen, daß Gott schon auf dieser Welt, wie wir oben gesagt haben, nicht bloß durch beispielhafte Taten, sondern unter Anwendung der ausdrücklichen Bezeichnung „Gericht“ als Richter waltet. Aber vielleicht magst du glauben, das sofortige Gericht über seine Gegner sei vorzugsweise einem heiligen Mann von Gott gewahrt worden. Die Zeit würde mir nicht ausreichen, wenn ich über die Urteilssprüche Gottes in dieser Welt und über sein Gericht reden wollte. Aber damit du deutlich einsiehst, daß Gott sein heiliges Richteramt nicht so sehr um der Personen als vielmehr um der Tatsachen willen ausübt, so höre, wie der richtende Gott, der sonst beständig für seinen Knecht David ein so klares Urteil gab, gerade auch gegen David öfter entschied. Und dabei handelte es sich nicht um viele Menschen oder, was Gott vielleicht noch stärker hätte bewegen können, um heilige, sondern es war in der Sache eines einzigen Menschen, und noch dazu eines Barbaren. Einen Mann wie David hätte hier die Person des Beleidigten in keiner Weise belastet, wenn nicht die Schwere der Tat Strafe verlangt hätte. Nachdem Urias, der Chettäer, ein Mann aus einem gottlosen und feindlichen Volk, getötet war, ergeht an David sofort das Wort des Herrn: ,,Den Chettäer Urias hast du mit dem Schwert ermordet, und seine Frau hast du dir zur Frau genommen; ihn aber hast du erwürgt mit dem Schwerte der Söhne Ammons. Und so soll für immer das Schwert nicht aus deinem Hause weichen. So spricht der Herr: Siehe, ich werde Unheil für dich aus deinem eigenen Hause erstehen lassen und werde dir deine Frauen vor deinen Augen hinwegnehmen und sie einem anderen geben, daß er im Angesichte der Sonne ihnen nahe. Denn wenn du es auch heimlich getan hast, so werde ich doch diese Drohung im Angesichte von ganz Israel und angesichts der Sonne ausführen.“ Was sagst du nun dazu, der du glaubst, unser ganzes Tun werde von Gott nicht nur nicht gerichtet, sondern überhaupt gar nicht bemerkt? Siehst du nicht, daß auch die geheime Schuld, die David einmal auf sich geladen, dem Auge Gottes keineswegs entging? Daraus sollst auch du, der du – ich glaube zum Trost für deine Sünden – meinst, unsere Handlungen würden von Gott nicht beachtet, erkennen, daß Christus immer auf dich schaut. Du sollst erkennen, daß du bald bestraft werden mußt, weil du ja siehst, daß nicht einmal der heiligmäßige David einen einzigen Fehltritt in der Heimlichkeit seiner innersten Gemächer verbergen noch sich vor der zeitlichen Strafe wenigstens durch das Vorrecht seiner großen Taten schützen konnte. Was sagt nämlich der Herr zu ihm? „Deine Frauen werde ich vor deinen Augen hinwegnehmen“ und „das Schwert soll für immer nicht aus deinem Hause weichen.“ Du siehst, wie schnell über einen so großen Mann das Gericht für einen einzigen Fehler kommt. So folgte die Verurteilung auf die Sünde, und zwar ein Urteilsspruch, der sofort ausgeführt wurde, nichts erließ und auf der Stelle den Träger der Schuld züchtigte, ohne die Sühne für die Schuld auf die Zukunft zu verschieben. Und deshalb sagte der Herr nicht: Weil du das getan hast, wirst du das kommende Gericht Gottes fühlen und dereinst vom Feuer der Hölle gequält werden, sondern es heißt, du wirst hienieden Pein erleiden und du wirst die Schärfe des Schwertes göttlicher Strenge, das schon über deinem Nacken schwebt, ertragen müssen. Und was folgte dann? Der Schuldige erkennt seine Schuld an, er demütigt sich, er ist zerknirscht, er bekennt und trauert, er bereut und bittet ab. Er verzichtet auf die Edelsteine des Königs und legt die von eingewirktem Golde knisternden Gewänder ab; er zieht den Purpur aus, nimmt das ehrende Diadem vom Haupte, sein Äußeres wandelt sich. Mit seinem Schmuck wirft er den ganzen König beiseite und nimmt die Gestalt eines reumütigen Flüchtlings an, den freiwillig gesuchtes Elend schützen soll. Durch Fasten magert er ab, Durst dörrt ihn aus, er zerfließt in Tränen, kerkert sich in Einsamkeit ein. Und obwohl ein König mit so bedeutendem Namen, größer durch Heiligkeit als durch Macht, über alle hervorragend durch die Vorzüge seiner früheren Verdienste, mit solcher Inbrunst fleht, geht er nicht frei aus. Und die Frucht dieser so großen Buße ist nur, daß er der ewigen Strafe nicht überantwortet wird. In diesem Leben aber verdient er sich keine Nachsicht. Denn was sagt schließlich der Prophet zu dem Büßer? ,,Weil du veranlaßt hast, daß die Feinde des Herrn lästern, wird der Sohn, der dir geboren wird, sterben.“ Zur Strafe der bitteren Kinderlosigkeit wollte Gott dem liebenden Vater auch noch diese Einsicht in die furchtbare Züchtigung hinzufügen, so daß er, der trauernde Vater, selbst als die Ursache des Todes seines heißgeliebten Kindes erschien; denn den aus dem Verbrechen erzeugten Sohn tötete wieder das Verbrechen, das ihn ins Dasein gerufen hatte.

5. Davids weitere Schicksale: Die Verbrechen Ammons und Absalons und seine Flucht

Das also ist der Anfang der göttlichen Strafe. Es ist zwar die erste Ahndung, nicht aber die einzige. Denn es folgte eine lange Reihe schwerer Plagen, und in völlig lückenloser Kette wichen die Leiden nicht von seinem Hause. Thamar wird von Ammon in der Leidenschaft geschändet, Ammon von Absalon erwürgt. Der eine Bruder begeht zwar ein großes Verbrechen, der andere aber übt seine Rache auf noch schlimmere Art aus. Dabei aber wird David, der Vater, durch beider Tat bestraft. Zwei Söhne sündigen, aber drei werden durch die Sünde von zweien vernichtet. Thamar verliert ihre Jungfrauschaft, in Ammon beklagt er auch das Verderben Absalons. Und es ist schwer, zu sagen, welches Sohnes Verlust ein so guter Vater härter ertrug, jenes, der hienieden durch seines Bruders Hand getötet wurde, oder dessen, der sich mit eigener Hand in das Verderben im Jenseits stürzte. Und von jetzt an häuft sich nach dem Worte Gottes das Unglück unübersehbar. Lange muß der Vater die Nachstellungen des Sohnes erdulden; er wird aus der Herrschaft vertrieben und flieht, um dem Tod zu entgehen. War dieser Sohn wohl in höherem Grade unkeusch als grausam? Weil er den Vater nicht durch Mord beiseite schaffen kann, beschimpft er ihn durch Blutschande, und zwar durch eine Blutschande, die über die Gewöhnliche Blutschande noch hinausgehoben wird durch den Eifer, die Verbrechen anzuhäufen. Denn diese Tat, die auch im Verborgenen geschehen schon abscheulich ist, vollbrachte er bei der Verfolgung des Vaters in aller Öffentlichkeit. So wurde durch dieses fluchwürdige Verbrechen nicht nur der Vater in seiner Abwesenheit entehrt, sondern auch die Augen der ganzen Welt wurden durch die offene Blutschande beleidigt. Und wenn wir uns dazu das ganze Bild dieser Flucht vergegenwärtigen: was bot es für einen Anblick, wenn ein so großer König mit so bedeutendem Namen, höher und größer als alle Könige, erhaben über die Welt, vor fast allen seinen Angehörigen mit nur ganz wenigen Sklaven fliehen muß, armselig im Vergleich zu dem, was er einst war, vereinsamt gegenüber der Schar, die ihn sonst umgab, auf der Flucht in Furcht, in Schmach, in Trauer: ,,mit bedecktem Haupt und bloßen Füßen einhergehend“, sagt die Schrift. Er überlebte sein früheres Glück; er ist von sich selbst verbannt; fast möchte man sagen, er lebt schon nach sich. Er war soweit herabgesunken, daß seine Knechte ihn beschimpfen konnten (das ist hart), oder daß er Mitleid fand (das ist noch härter): Siba 4ernährte ihn, und Semei 5durfte ihn ohne Scheu öffentlich lästern. So sehr war er durch Gottes Gericht ein anderer geworden, daß ihn, den vielleicht der ganze Erdkreis gefürchtet hatte, ein Feind ins Gesicht hinein schmähen durfte.

6. Auch fromme Männer der Heiligen Schrift rufen ein zeitliches Gericht Gottes herbei

Wo bleiben nun die, die behaupten, Gott beachte die menschlichen Dinge nicht? Siehe nur, wie oft die heiligen Zeugen an der Person eines einzigen Menschen uns gelehrt haben, daß Gott sie nicht nur beachtet, sondern auch gerichtet hat! Und warum dies alles? Wozu anders, als daß wir einsehen sollen, das Gericht und die Strafe des Herrn seien zukünftig in der Welt dieselben wie in der Vergangenheit? Und deshalb lesen wir, daß manchmal auch heilige Menschen durch das Gericht Gottes gezüchtigt wurden, damit wir erkennen, daß wir von Gott, dem Richter, auch in diesem Leben gerichtet werden können. Denn, wie Gott immer ist, so ist auch seine Gerechtigkeit ewig; wie die Allmacht des Herrn niemals Einbuße erleidet, so ist auch sein Gericht unabänderlich; wie Gott in seinen Gesetzen beharrlich ist, so dauert auch seine Gerechtigkeit immer fort. Und so fordern fast alle Heiligen in der Heiligen Schrift, in Furcht schwebend vor drohenden Gefahren und den Schwertern der Verfolger, daß ein Gericht Gottes schon in der Zeit in Kraft trete. So nämlich sagt der Gerechte im Psalm: „Richte mich, o Gott, und scheide meinen Handel wider ein unheiliges Volk!“ 1Und damit seine Worte nicht auf das zukünftige Gericht Gottes bezogen werden können, fügt er gleich hinzu: ,,Und vom ungerechten und arglistigen Manne rette mich!“ Wenn er also um Befreiung aus den Händen des Verfolgers fleht, so verlangt er doch ein zeitliches Gericht Gottes. Und mit Recht ruft er im Bewußtsein seiner guten Sache nicht so sehr die Gnade Gottes an als vielmehr sein Gericht, weil ein gerechtes Gericht immer die beste Stütze für eine gute Sache ist. Auch an anderer Stelle ist das ganz klar ausgesprochen: „Richte, o Herr, die mir Unrecht tun! Bekämpfe die, welche mich bekämpfen! Ergreife die Waffen und den Schild, erhebe dich zu meiner Hilfe!“ Du siehst, daß auch an dieser Stelle nicht die Strenge eines zukünftigen Gerichtes, sondern der Urteilsspruch eines gegenwärtigen verlangt wird. Denn das will er damit sagen, wenn es heißt: nimm den Schild und ergreife das Schwert! Den Schild nämlich zum Schutz, das Schwert zur Rache. Nicht als ob Gott bei seinem Gericht dieser Rüstung bedürfe; aber weil in dieser Welt die Bezeichnungen für diese schrecklichen Dinge Werkzeuge schrecklicher Gerichte sind, bringt auch er, da er um Verurteilung und Bestrafung seiner Feinde bittet, die Gewalt göttlicher Rache mittels der Worte für irdisches Gericht zum Ausdruck und spricht zum menschlichen Verständnis in Bezeichnungen für menschliche Dinge. Schließlich zeigt derselbe Prophet, was für ein Unterschied zwischen dem gegenwärtigen und dem zukünftigen Gericht Gottes sei. Denn wie spricht er zu Gott über die Entscheidungen des Gerichtes Gottes hienieden? ,,Du sitzest auf dem Thron, der du mit Gerechtigkeit richtest.“ Was aber über das zukünftige und ewige Gericht? ,,Er wird richten“, heißt es, „den Erdkreis nach Billigkeit“, und wiederum: „Richten wird er die Völker in Gerechtigkeit.“ Also unterscheidet er schon durch das Präsens und durch das Futur in den Verben die Zeit beider Gerichte. Um nämlich das Gericht auf dieser Welt zu bezeichnen, heißt es: Du richtest. Um aber das Gericht im Jenseits von dem im Diesseits zu unterscheiden, setzt er nachher hinzu: Er wird richten. Diese Beweise aus der Vernunft, durch Beispiele und Zeugnisse, die Gottes Sorge um uns, seine Regierung und sein Gericht aufzeigen, mögen genügen, besonders deshalb, weil auch das Folgende alles dem gleichen Ziele dienen wird. Wenn uns nunmehr Gott, dessen Sache wir führen, die Kraft dazu verleiht, werden wir versuchen, die Einwände der Regner gegen das Gesagte vorzubringen und zu widerlegen.

III. Buch

1. Gottes Vorsehung, durch die Heilige Schrift bezeugt, bedarf eigentlich keiner weiteren Beweise

Es ist gut so: Die Grundlagen sind gelegt zu dem Werk, das in frommem Bemühen begonnen, aus Liebe zum Dienste Gottes übernommen wurde. Und deshalb sind sie nicht auf schwankendem Sumpfboden errichtet noch mit vergänglichem Stein erbaut, sondern stark durch die Verwendung geweihten Mörtels und fest gefügt durch die Kunst göttlichen Lehramtes. Es sind Grundmauern, die, wie Gott selbst im Evangelium sagt, weder durch rasende Winde erschüttert, noch durch Überschwemmung von Flüssen unterwühlt, noch durch Regengüsse zerstört werden können. Da nämlich dieses Werk sozusagen durch die gleiche Hand wie die göttlichen Bücher aufgebaut wurde und durch das Bindemittel heiliger Schriften Festigkeit erhielt, muß notwendiger Weise durch unsern Herrn Jesus Christus das, was geschaffen ist, ebenso fest sein wie das, was geschaffen hat. Denn dieses Gebäude erhält seine Standhaftigkeit aus seiner Wurzel, und es kann nicht ins Wanken gebracht werden, solange seine Gründer aufrecht stehen. Denn wie bei einem irdischen Gebäude niemand die Wände niederreißen kann, wenn er nicht Steine und Mörtel losgerissen hat, so vermag keiner das von uns aufgerichtete Gebäude zu zerstören, außer er zerstörte zuerst das Material, aus dem es von unten bis oben errichtet ist. Weil das Gebäude nun niemals auf irgendeine Weise ins Wanken gebracht werden kann, so hoffen wir mit gutem Grund auf seine Unzerstörbarkeit, da es doch durch unvergängliche Stützen zusammengehalten wird. Wenn dies nun alles sich so verhält, und alles, was in dieser Welt geschieht, von Gott umsorgt, gelenkt, gerichtet wird, erhebt sich die Frage, warum die Lage der Barbaren um so vieles glücklicher ist als die unsere und warum auch unter uns selbst das Los der Guten härter ist als das der Bösen. Warum die Rechtschaffenen darniederliegen, die Ruchlosen stark sind; warum gerade den ungerechten Gewalten alles unterliegt. Ich könnte mit gutem Grunde und ganz folgerichtig sagen: ich weiß es nicht. Ich kenne nämlich die geheimen Pläne der Gottheit nicht. Mir genügt die Stimme des Himmels, um mir diese Tatsache annehmbar zu machen. Gott sagt, wie in den vorausgegangenen Büchern bereits bewiesen wurde, daß er alles beachte, regiere, richte. Wenn du wissen willst, was du festhalten mußt, so hast du dazu die Heilige Schrift. Du tust am besten, wenn du das festhältst, was du gelesen hast. Frage mich also nicht, warum Gott das, wovon wir gesprochen haben, so einrichte. Ich bin ein Mensch, ich verstehe die Geheimnisse Gottes nicht; ich wage nicht, sie zu erforschen, und fürchte mich sogar, solches zu versuchen, weil es schon sozusagen eine Art gotteslästerlicher Frechheit ist, mehr wissen zu wollen, als freigegeben ist. Es genüge dir, wenn Gott bezeugt, daß von ihm alles geleitet und geordnet wird. Warum fragst du mich, weshalb der eine größer ist, der andere kleiner, der eine elend, der andere glücklich, der eine stark, der andere schwach? Warum Gott das tut; ich weiß es nicht. Aber es genügt für eine lückenlose Beweisführung vollständig, aufzuzeigen, daß dies aus Gottes Hand kommt. Denn wie Gott über aller menschlichen Vernunft steht, so muß mir auch die Erkenntnis, daß von Gott alles getan werde, mehr gelten als die Vernunft. Es ist also nicht nötig, in dieser Sache noch etwas Neues zu hören; statt aller Vernunftgründe mag Gott als der Urheber genügen. Und du darfst auch nicht von den göttlichem Willen entsprungenen Taten die einen gerecht, die anderen ungerecht nennen weil du alles, wovon du siehst und überzeugt bist, daß es von Gott getan wird, mehr als gerecht nennen mußt. Das also kann von der Regierung und der Richtertätigkeit Gottes ganz unbedenklich und sicher behauptet werden. Es ist auch nicht notwendig, daß ich dafür noch Beweise anführe, weil es schon dadurch bewiesen wird, daß Gott es sagt. Wenn wir daher lesen, Gott habe gesagt, er schaue immerfort die ganze Erde, so nehmen wir die Tatsache seines Schauens allein deshalb hin, weil er von seinem Schauen spricht. Wenn wir lesen, er lenke alles, was er geschaffen hat, so beweisen wir die Tatsache seiner Regierung, weil er seine Regierung bezeugt. Wenn wir lesen, er ordne alles in zeitlichem Gericht, ist seine Richtertätigkeit glaubhaft, weil er selbst seine Richtertätigkeit bestätigt. Alles andere, nämlich die menschlichen Aussprüche, bedürfen irgendwelcher Beweise und Zeugen; das Wort Gottes aber ist sich selbst Zeugnis, weil das, was die unverfälschte Wahrheit spricht, ein unverfälschtes Zeugnis der Wahrheit sein muß. Aber weil unser Gott wollte, daß wir durch die heiligen Schriften etwas von den Geheimnissen seines Geistes und seiner Gedanken wissen sollten, weil die Weissagungen der Heiligen Schrift gewissermaßen dem Geiste Gottes entspringen, will ich nicht verschweigen, was Gott durch die Seinen erkannt oder verkündet haben wollte. Eines nur möchte ich wissen, bevor ich zu reden anfange, ob ich mit Christen oder mit Heiden sprechen soll. Wenn ich es nämlich mit Christen zu tun habe, so zweifle ich nicht, beweisen zu können, was ich mir vorgenommen habe. Wenn aber mit Heiden, so verschmähe ich jeden Beweis, nicht weil es mir an Beweisgründen fehlte, sondern weil ich an dem Nutzen meiner Worte verzweifle. Wenn ein böswilliger Hörer den Beweis nicht annimmt, so ist das nämlich eine unfruchtbare und eitle Arbeit. Aber, weil ich glaube, daß es keinen Menschen gibt, der Christi Namen trägt, aber nicht als Christ betrachtet werden will, will ich doch mit Christen verhandeln. Mögen andere daher in der Gottlosigkeit und im Unglauben der Heiden verharren, ich bin es zufrieden, wenn Christen meine Worte billigen.

2. Die Christen sollen nicht über Unglück klagen, weil sie nicht einmal die wichtigsten Gebote Gottes befolgen

Du fragst also vorwurfsvoll, was das bedeute, daß wir Christen, die wir an Gott glauben, unglücklicher als alle sind. Als Antwort könnte mir hier das Apostelwort an die Gemeinden dienen: „Niemand lasse sich in Trübsalen beunruhigen; denn ihr selbst wißt, daß wir dazu bestimmt sind!“ Wenn nun der Apostel sagt, wir seien von Gott dazu bestimmt, Leiden, Unglück, Traurigkeit zu ertragen, was Wunder, wenn wir alle Übel ertragen müssen, die wir doch zur Erduldung jeglicher Widerwärtigkeit im Kampfe stehen? Aber weil viele das nicht wissen und meinen, die Christen dürften als Lohn für ihren Glauben von Gott verlangen, daß sie, weil sie frommer sind als alle Völker, auch stärker seien als alle, darum wollen wir uns bei ihrer Meinung und Ansicht etwas aufhalten. Doch laßt uns sehen, was es heißt, treu an Gott glauben! Denn da wir auf dieser Welt einen so großen Lohn für unsern Glauben und unsere Treue beanspruchen, müssen wir betrachten, von welcher Art unser Glaube und unsere Treue sein müssen. Was ist also Glauben und Treue? Ich meine, treu an Christus glauben, was gleichbedeutend ist mit: Gott treu sein, das heißt, Gottes Gebote treu beobachten. Wie nämlich die Diener reicher Leute oder die Verwalter, denen prachtvolles Hausgerät oder reich gefüllte Vorratskammern anvertraut werden, zweifellos nicht treu genannt werden können, wenn sie das ihnen anvertraute Gut verschleudern, genau so sind die Christen untreu, wenn sie die von Gott ihnen zugewiesenen Güter zugrunde richten. Nun erhebt sich freilich die Frage, welches die Güter sind, die Gott den Christen zuteilt. Was anders als alles, wodurch wir glauben, das heißt alles, wodurch wir Christen sind? Zuerst natürlich das Gesetz, dann die Propheten, drittens das Evangelium, viertens die apostolischen Schriften, zuletzt das Geschenk der neuen Wiedergeburt, die Gnade der heiligen Taufe, die Salbung mit göttlichem Chrisam: denn wie einst bei den Hebräern, dem als Gottes Eigentum auserwählten Volk, nachdem die Richterwürde in die Königsgewalt übergegangen war, Gott die bewährtesten und auserlesensten Männer durch die Königssalbung zur Herrschaft berief, so wären auch alle Christen, wenn sie nach Empfang der kirchlichen Salbung alle Gebote Gottes gehalten hätten, für den Himmel berufen, um den Lohn für ihre Mühen zu empfangen. Auf allen diesen Dingen nun beruht der Glaube. Laßt uns also sehen, wer diese Glaubensgeheimnisse bewahrt, so daß er als gläubig angesehen werden kann; denn der ist notwendiger Weise ungläubig, wie wir gesagt haben, der das Glaubensgut nicht bewahrt. Ich verlange nun nicht, daß er alles tue, was die Testamente beider Zeiten befehlen. Ich verzichte auf die Strenge des alten Gesetzes, ich verzichte auf die Drohungen der Propheten, ich verzichte auch auf das, worauf keineswegs verzichtet werden kann, auf die strengen Vorschriften der apostolischen Bücher oder auf die Lehre der Evangelien, überreich an jeglicher Vollkommenheit. Nur an ganz wenige Gebote denke ich und frage, wer sie befolgt. Ich nenne nicht die Gebote, vor denen viele so sehr zurückscheuen, daß sie dieselben beinahe verwünschen. Wahrlich, so sehr nimmt bei uns die Ehrfurcht und die Scheu vor Gott zu, daß wir das für hassenswert halten, was wir aus unfrommer Gesinnung nicht tun! Wer will noch hören, daß der Heiland uns verbietet, in Sorge an den morgigen Tag zu denken? Wer nimmt sein Gebot an, mit einem Rock zufrieden zu sein? Daß er uns vorschreibt, ohne Schuhe zu gehen, wer glaubt es noch tun zu müssen? Nein, wer findet das überhaupt noch erträglich? Deshalb übergehe ich das. So weit ist unser Glaube, worauf unser Vertrauen beruht, zurückgegangen, daß wir für überflüssig halten, was der Herr uns zum Heile gereichen lassen wollte. „Liebet“, sagt der Heiland, „eure Feinde, tuet Gutes denen, die euch hassen, und betet für euere Verfolger und Verleumder.“ Wer tut das alles? Wer läßt sich herbei, für seine Feinde das, was Gott befohlen hat, ich sage nicht einmal in seinen Wünschen, sondern wenigstens seinen Worten nach zu tun? Wenn sich aber einer zwingt, dies zu tun, tut er es mit dem Munde, nicht mit dem Herzen. Er leistet zwar den Dienst in Worten, aber die Gesinnung des Herzens ändert er nicht. Und wenn sich deshalb einer soweit beherrscht, daß er für seinen Gegner betet, so redet er nur, er bittet nicht. Es wäre zu lange, über jedes einzelne zu reden. Aber etwas will ich doch noch hinzufügen, damit wir einsehen, wie wir nicht nur nicht allen seinen Worten folgen, sondern kaum irgendeinem seiner Gebote gehorchen. Und deshalb ruft der Apostel aus: „Wer da glaubt, er sei etwas, da er doch nichts ist, der betrügt sich selbst.“ Denn das fügen wir unsern Vergehen noch hinzu, daß wir uns noch für gut und heilig halten, während wir doch in allen Dingen voll Schuld sind; und so werden die Sünden unserer Ungerechtigkeit noch gehäuft durch die Anmaßung, gerecht zu sein. „Wer seinen Bruder haßt“, sagt der Apostel, ,,der ist ein Mörder.“ Wir können also erkennen, daß viele Mörder sind, die sich für unschuldig halten, weil, wie wir sehen, ein Mord nicht nur durch die Hand eines Totschlägers, sondern auch durch die Gesinnung eines Hassers vollzogen wird. Daher kommt es auch, daß der Heiland die Gesetzesvorschrift durch eine noch strengere Strafe verschärft, indem er sagt: ,,Wer seinem Bruder ohne Grund zürnt, ist des Gerichtes schuldig.“ Der Zorn ist der Vater des Hasses. Und deshalb wollte der Heiland den Zorn unmöglich machen, damit nicht aus ihm der Haß entstehe. Wenn also nicht nur der Haß, sondern auch der Zorn uns vor dem Gericht Gottes zu Schuldigen macht, so erkennen wir daraus klar, daß, wie überhaupt keiner frei sein kann von Zorn, so überhaupt keiner frei sein kann von Schuld. Gott geht aber dem Sinn dieses Gesetzes sozusagen bis in die letzte Faser nach und schneidet den letzten Ast, das letzte Zweiglein ab, indem er spricht: „Wer aber sagt: Narr, wird des höllischen Feuers schuldig sein. Wer zu seinem Bruder sagt: Rakka, wird des Hohen Rates schuldig sein.“ Was für eine Art Schmähung Rakka ist, wissen viele nicht; sie wissen aber sehr gut, wie schmachvoll es ist, einem Narrheit vorzuwerfen. So machen die Menschen eher von ihrem Wissen als von ihrer Unwissenheit Gebrauch; sie wollen lieber, daß ihre Schuld wegen der ihnen bewußten Schmähung im göttlichen Feuer gesühnt wird, als daß sie wegen der unbewußten Beschimpfung vor dem Rat menschlicher Richter abgeurteilt werden.

3. Auch das Streben nach größerer Vollkommenheit ist nicht rein genug

Wenn dem so ist, und alle Gebote des Herrn von uns nicht nur nicht beachtet, sondern fast in ihr Gegenteil verkehrt werden, wann wollen wir dann jene größeren erfüllen? „Denn“, sagt der Heiland, „wer nicht all seinen Gütern entsagt, kann mein Jünger nicht sein. Und: „Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir nachfolgt, ist meiner nicht wert,“ Und wer sich Christ nennt, muß so wandeln, wie Christus gewandelt ist. Sicher ist, daß diese Vorschriften nicht nur jene nicht erfüllen, die den Vergnügungen und Eitelkeiten der Welt folgen, sondern auch die, die auf weltliche Wünsche verzichtet haben. Denn die auf Reichtümer zu verzichten scheinen, verzichten nicht so, daß man einen vollkommenen Verzicht bemerken könnte; und von denen man glaubt, sie trügen das Kreuz, die tragen es so, daß sie durch den Namen des Kreuzes mehr Ehre genießen, als Qual beim Leiden haben. Und wenn auch alle diese manches von diesen Dingen in guter Absicht täten, so würde doch zweifellos keiner das verwirklichen, daß er so seinen Lebensweg geht, wie der Heiland ihn gegangen ist. „Wer“, sagt der Apostel, „behauptet, er bleibe in Christus, muß so wandeln, wie Christus gewandelt ist.“

4. Paulus als Vorbild in der Nachfolge des Herrn

Aber vielleicht halten manche die Vorschriften der Apostel für hart. Schwer jedenfalls sind sie, wenn sie mehr Pflichten von anderen fordern, als ihre Urheber selber auf sich nehmen. Wenn aber die Apostel den andern viel weniger auferlegt haben als sich, so sind sie nicht nur nicht als Überstrenge Lehrer, sondern als sehr nachsichtige Eltern zu betrachten, weil sie die Lasten die sie aus nachsichtiger Liebe den Kindern vom Nacken nehmen, in frommem Eifer sich selbst auferlegen. Was sagt nämlich einer von ihnen zu den Gläubigen der Kirche? „Meine Kindlein, die ich abermals gebäre, bis Christus in euch ausgestaltet ist.“ Und wiederum: ,Seid meine Nachahmer, so wie auch ich Nachahmer Christi bin!“ Er befiehlt uns, ihn nachzuahmen; er, der sich selbst auferlegt hatte, Christus nachzufolgen. Und es ist wohl keinem zweifelhaft, daß er selbst Christus nachgeahmt hat. Christus nämlich hat sich für uns der Welt hingegeben: und er selbst sich für Christus. Christus hat für uns Kummer und harte Drangsale erduldet: und das gleiche hat er für Christus getan, Christus hat für uns Schmach gelitten: und das gleiche tat er für Christus. Christus hat für uns Marter und Tod ertragen: und das gleiche hat er für Christus getan. Und nicht ohne Grund sagt er im Bewußtsein seiner Verdienste: „Ich habe den guten Kampf gekämpft, den Glauben bewahrt; im übrigen ist mir die Krone der Gerechtigkeit hinterlegt.“ Da nun Paulus Christus so nachgeahmt hat, laßt uns sehen, wer von uns als Nachahmer des Apostels erscheint! Denn er schreibt von sich zuerst, daß er niemand je Anstoß gegeben habe, sondern sich in allem als Diener Gottes benommen, in großer Geduld, in Trübsalen, in Nöten, in Schlägen, in Kerkern, in Geißelungen. Und an einer anderen Stelle vergleicht er sich mit anderen und sagt: „Wessen aber einer sich rühmt (ich rede in Torheit), dessen rühme auch ich mich. Sie sind Diener Christi (ich rede noch mehr wie ein Tor), ich noch mehr: durch Mühseligkeiten in großer Zahl, durch Kerker in Fülle, durch Mißhandlungen über die Maßen, durch Todesgefahren oftmals. Fünfmal bekam ich von den Juden vierzig Streiche weniger einen, dreimal wurde ich mit Ruten geschlagen, einmal gesteinigt, dreimal litt ich Schiffbruch.“ Allerdings: obgleich wir von den übrigen Tugenden, die der Apostel nennt, keine geübt haben, können wir ihn freilich in dem einen Punkt übertreffen, wo er von seinem dreimaligen Schiffbruch spricht. Wir haben nämlich nicht bloß dreimal Schiffbruch erlitten: fast unser ganzes Leben ist ein Schiffbruch. Denn so lasterhaft ist das Leben aller geworden, daß es fast keinen Christen gibt, der nicht fortgesetzt Schiffbruch zu erleiden scheint.

5. Wir müssen auch in ungefährlicher Zeit getreu unsere Pflicht erfüllen

Aber vielleicht wendet jemand ein, es sei jetzt nicht mehr die Zeit, daß wir für Christus ertragen, was seinerzeit die Apostel erduldeten. Es ist wahr: es sind nämlich keine Heiden mehr Fürsten, es gibt keine gewalttätigen Verfolger mehr; nicht mehr wird das Blut der Heiligen vergossen, noch der Glaube durch Martern auf die Probe gestellt. Unser Gott ist zufrieden, wenn wir ihm in Frieden dienen, wenn wir ihm nur durch die Reinheit unbefleckter Taten und die Heiligkeit eines makellosen Lebens gefallen. Desto mehr schuldet ihm unser Glaube und unsere Frömmigkeit, weil er Geringeres von uns verlangt und Größeres zugestanden hat. Und da es jetzt christliche Fürsten gibt und keine Verfolgung mehr herrscht und unser religiöses Leben nicht mehr beunruhigt wird, müssen wir wenigstens durch geringere Dienste Gott mehr zu gefallen trachten, weil wir durch härtere Prüfungen nicht mehr gezwungen werden, unseren Glauben zu beweisen; denn wer das Kleinere treu erfüllt, beweist, daß er auch in größeren Dingen ein tüchtiger Vollstrecker göttlichen Willens sein wird, wenn die Lage es erfordert.

6. Die Christen der Gegenwart befolgen die Gebote der Nächstenliebe nicht

Lassen wir also das beiseite, was der heilige Paulus ertrug; ja, übergehen wir auch, was wir in den später über die Kirche verfaßten Büchern über die Leiden der Christen lesen, die zur Pforte der Himmelsburg auf den Stufen ihrer Leiden hinaufstiegen und sich sozusagen aus Folter und Hochgericht eine Leiter gemacht haben! Laßt uns sehen, ob wir wenigstens in jenen geringeren und allgemein bindenden Pflichten religiöser Hingebung den Geboten des Herrn zu entsprechen versuchen, die wir als Christen in voller Ruhe und zu jeder Zeit erfüllen können! Christus befiehlt, nicht zu streiten. Wer gehorcht diesem Befehl? Er befiehlt nicht nur schlechthin, sondern sein Befehl ist so eindringlich, daß er sogar von uns verlangt, den Gegenstand des Streites aufzugeben, wenn wir uns nur vom Streit befreien. ,,Wenn einer“, sagt er, „vor Gericht mit dir streiten und deinen Rock nehmen will, so überlaß ihm auch den Mantel.“ Wo sind die, so frage ich, die ihren räuberischen Gegnern nachgeben? Ja, wo sind die, die nicht versuchen, ihre Gegner zu berauben? So weit sind wir davon entfernt, mit dem Rock auch noch etwas anderes aufzugeben, daß wir, wenn nur irgend möglich, den Gegnern Mantel und Rock wegnehmen. So voller Demut gehorchen wir nämlich den Geboten Gottes, daß es uns nicht genügt, unsern Gegnern auch nicht das kleinste Kleidungsstück zu überlassen: nein, wir möchten vielmehr, soviel an uns liegt, und wenn es die Verhältnisse gestatten, ihnen alles entreißen. Diesem Gebot schließt sich aber ein gleiches, ganz ähnliches an; der Herr sagt nämlich: „Wenn jemand dich auf die rechte Wange schlägt, biete ihm auch die andere dar!“ Wie viele, glaubt ihr, gibt es, die dieser Rede in Bescheidenheit Gehör schenken, oder die, wenn sie sich den Anschein geben, als gehorchten sie ihr, im Geist damit einverstanden sind? Und wie wenige gibt es, die, wenn sie einen Schlag erhalten haben, nicht viele für den einen zurückgeben? Soweit sind sie davon entfernt, dem Zuschlagenden die andere Wange zu bieten, daß sie sich nur dann als Sieger betrachten, wenn sie den Gegner nicht im Empfangen, sondern im Verabreichen von Schlägen übertroffen haben. „Alles, was ihr wollt“, sagt der Heiland, „daß euch die Menschen tun, das sollt ihr ihnen auch tun.“ Den einen Teil des Satzes kennen wir so gut, daß wir ihn nie außer acht lassen; über den anderen Teil aber gehen wir so hinweg, als wenn wir ihn gar nicht kannten. Denn was wir von anderen für uns getan haben wollen, wissen wir sehr gut; was wir selbst andern tun sollen, wissen wir nicht. O daß wir es doch wirklich nicht wüßten! Die Schuld unserer Unwissenheit wäre geringer nach jenem Ausspruch: „Wer den Willen des Herrn nicht kennt, wird mit wenigem bestraft; wer ihn aber kennt und nicht tut, mit vielem,“ So aber ist die Beleidigung um so größer, weil wir einen Teil des heiligen Ausspruches zu unserem Nutzen und Vorteil ganz gern anerkennen, den anderen dagegen zur Beleidigung Gottes mißachten. Dieses Wort hat der heilige Apostel Paulus in der Ausübung seines Predigeramtes noch stärker ausgebaut: „Niemand suche das Seine, sondern das des Nächsten!“ Und wiederum: „Indem jeder nicht das Seine im Auge hat, sondern das des andern.“ Du siehst, wie treu er das Gebot Christi befolgte: denn wenn der Heiland uns gebietet, für die anderen ebenso zu sorgen wie für uns selbst, so befiehlt uns jener mehr auf den Vorteil der andern als auf den eigenen bedacht zu sein, Paulus, ein guter Diener eines guten Herrn und ein vortrefflicher Nachahmer eines einzigartigen Lehrers, der, in den Fußtapfen seines Herrn wandelnd, durch den Tritt seiner Füße die Spuren des Herrn sichtbarer und ausgeprägter gemacht hat. Was tun wir Christen nun von dem, was Christus oder der Apostel befiehlt? Ich glaube, weder das eine noch das andere. Denn soweit sind wir davon entfernt, unter Hintansetzung unseres Vorteils für den des Nächsten zu sorgen, daß wir alle lieber zum Nachteil der anderen auf den eigenen Nutzen bedacht sind.

7. Es ist nicht erlaubt, unter den Geboten Gottes eine Auswahl zu treffen

Aber wir scheinen vielleicht nur die schwereren Gebote herauszugreifen, die keiner erfüllt, und die, wie man glaubt, überhaupt nicht erfüllt werden können, während wir die andern übergehen, die erfüllt werden können und von allen erfüllt werden. Aber zunächst ist da zu beachten, daß es keinem Diener gestattet ist, aus den Befehlen seines Herrn nach seinem Belieben die auszuwählen, die er befolgen, und die, die er nicht befolgen will, und in unverschämter Anmaßung das anzunehmen, was ihm gefällt, und zurückzuweisen, was ihm mißfällt. Glauben ja doch auch die irdischen Herren keineswegs mit Gleichmut dulden zu können, wenn die Sklaven teils auf ihre Befehle hören, teils sie übersehen und nach eigenem Gutdünken das tun, was sie tun zu müssen glauben, das mißachten, was sie mißachten zu müssen meinen. Denn wenn die Sklaven den Herrn nach eigenem Belieben folgen, gehorchen sie nicht einmal in den Dingen, in denen sie Gehorsam leisten. Wenn nämlich der Diener von den Befehlen seines Herrn nur diejenigen ausführt, die er ausführen will, so erfüllt er nicht den Willen seines Herrn, sondern seinen eigenen. Wenn nun wir, die wir doch schwache Menschlein sind, von unsern Dienern durchaus nicht verachtet sein wollen, die in ihrer Eigenschaft als Bedienstete zwar unter uns stehen, als Menschen aber uns gleich sind: wenn das so ist, wie ungerecht ist es also von uns, den himmlischen Herrn zu verachten, da wir doch, trotzdem wir selbst Menschen sind, von Menschen unseresgleichen uns nicht verachten lassen wollen. Außer wir wären etwa so klug und von so tiefer Einsicht, daß wir, während wir doch die Ungerechtigkeit unserer Diener nicht ertragen wollen, verlangen, Gott solle sich unsern Ungerechtigkeiten unterwerfen, und daß wir glauben, es sei Gottes würdig, das zu erdulden, was zu ertragen eines Menschen unwürdig sei. Aber um zum Obigen zurückzukehren: wenn es welche gibt, die meinen, wir führten nur die größeren Gebote Gottes an und verschwiegen die geringeren, so beklagen sich diese, wie wir nun einsehen, ganz überflüssigerweise. Es besteht nämlich keine gerechte Veranlassung, einige herauszugreifen, wo doch alle erfüllt werden müssen. Wie es nämlich – ich habe es schon gesagt – den Dienern irdischer Herren durchaus nicht freisteht, auszuwählen, welche von den Befehlen des Gebieters sie erfüllen wollen, welche nicht, so müssen auch wir, die wir Diener unseres Herrn sind, es für durchaus unstatthaft halten, entweder, was uns gefällt, zu unserem Vergnügen zu tun, oder was uns mißfällt, in stolzer Anmaßung zu verwerfen.

8. Nicht einmal die geringeren Gebote werden von den Christen erfüllt

Aber verweilen wir doch noch bei jenen, die vielleicht deshalb nicht wollen, daß wir von den größeren Geboten Gottes sprechen, weil sie glauben, die geringeren zu erfüllen. Nicht als ob es zum Heile genügte, wenn wir unter Verachtung des Größeren das Geringere tun, entsprechend dem Wort: „Wer das ganze Gesetz beobachtet, aber es in einem Punkt übertritt, hat sich in allem schuldig gemacht.“ Und obgleich es demnach nicht genügt, nur immer das Kleine und Kleinste zu tun, verweile ich doch dabei, von Kleinerem zu reden, um zu zeigen, daß der größte Teil aller Christen auch nicht einmal die kleinen und kleinsten Gebote gehalten hat. Unser Erlöser hat den Christen verboten zu schwören: aber man kann mehr finden, die sehr oft falsch schwören als solche, die überhaupt nicht schwören. Er verbietet auch zu lästern: wessen Rede ist aber nicht Lästerung? Denn die ersten Geschosse jedes Zornes sind immer Lästerungen; und was wir in unserer Schwachheit nicht können, wünschen wir im Zorn, und so bedienen wir uns bei jeder Erregung und Verärgerung der Verwünschungen als Waffe. Dadurch beweist jeder einzelne klar, daß er alles tun wollte, was er seinen Feinden wünscht, wenn er die Macht dazu besäße. Aber weil wir alle so leichtfertig von unserer Zunge frevelhaften Gebrauch machen und den Geboten des Herrn nicht gehorchen, so glauben wir, daß es auch bei Gott nur leicht wiege, wenn er in der Heiligen Schrift befiehlt: „Die Lästerer werden das Reich Gottes nicht besitzen.“ Daraus können wir ersehen, wie schwerwiegend und verderblich die Lästerung ist, da sie allein vom Himmel ausschließt, wenn auch andere gute Werke geschehen sind. Christus befiehlt, daß der Neid fern von uns sei. Wir dagegen beneiden nicht nur Fremde, sondern auch die Nächsten, überschütten nicht nur Feinde, sondern auch unsere Freunde mit unserer Mißgunst. So stark ist fast in aller Herzen die Herrschaft dieses Lasters: die Lust zu essen hat zwar eine Grenze, aber die Lust an der Ehrabschneidung kennt keine Grenze. Denn immer werden wir wenigstens von Speise, niemals aber von Ehrabschneidung satt. Vielleicht aber ist die Strafe für dieses Vergehen leicht. „Der Ehrabschneider“, sagt die Heilige Schrift, „soll ausgerottet werden.“ Wahrlich, eine schwere und fürchterliche Strafe, aber trotzdem keine Besserung. Wenn nur einer nicht aufzuhören braucht, den anderen zu zerreißen, hält er das für so wertvoll, daß er auch sich selbst nicht schont. Aber die Vergeltung für diese Sünde ist vollauf gerecht, da sie nur ihren Urheber trifft: jener, dem die Ehrabschneidung gilt, erleidet nämlich gar keinen Schaden; nur der wird bestraft, aus dessen Munde sie kommt. Aber ich glaube, man hält uns für wahnsinnig, wenn wir dies wiederholen; doch kann ich es ertragen, für wahnsinnig zu gelten. War vielleicht der Herr auch wahnsinnig, da er durch seinen Apostel befahl: „Alles Gezanke und alle Bosheit soll von euch entfernt werden?“ Beides bleibt bei uns beständig, aber mehr die Bosheit als das Gezanke. Denn Zankworte sind nicht immer auf unsern Lippen, die Bosheit aber immer in unseren Herzen, Und deshalb glaube ich, daß, wenn auch der Zank unter uns aufhörte, die Bosheit dennoch bliebe. Unser Gott befahl, ohne Murren und Klagen zu leben. Wann aber hätte es die nicht beim Menschengeschlecht gegeben? Wenn es heiß ist, jammern wir über die Dürre; wenn es regnet, beklagen wir Überschwemmung; ist ein Jahr etwas unfruchtbar, beschweren wir uns über die Unfruchtbarkeit; ist es fruchtbar, über die schlechten Preise. Wir wünschen den Überfluß; und haben wir ihn bekommen, dann erheben wir Klage. Was läßt sich Frevelhafteres, was Schmählicheres anführen als dieses? Auch dann klagen wir über die Barmherzigkeit Gottes, wenn er gibt, worum wir bitten. Gott verlangte, daß von seinen Dienern jegliches Ärgernis, auch das der Augen, fern bleibe, und deshalb sagt er: ,,Wenn einer ein Weib anschaut, um es zu verlangen, hat er schon in seinem Herzen Ehebruch mit ihr begangen.“ Daraus können wir deutlich sehen, welchen Grad von Keuschheit der Heiland von uns verlangt, da er sogar die allzu große Freiheit des Blickes beschneidet. Da er nämlich weiß, daß die Augen sozusagen die Fenster unserer Seele sind, und alle Sünden und Leidenschaften durch die Augen wie auf den natürlichen Wegen in unser Herz dringen, will er sie draußen ganz vernichten. Sie sollten nicht, wenn sie erst im Blick gekeimt hätten, dann im Inneren aufgehen und vielleicht in der Seele durch Wachstum ihrer Wurzelfasern zu einer todbringenden Gefahr erstarken. Deshalb sagt der Herr, die wollüstigen Blicke schamloser Menschen trügen die Sünde des Ehebruchs in sich, so daß der, welcher ehrlich den Ehebruch meidet, seinen Blick bewachen muß. Weil der Heiland also die Seinen zur Pflege einer vollkommenen und reinen Heiligkeit anleiten wollte, befahl er, daß sie auch das Geringste meiden sollten, weil ja so rein wie das Auge auch das Leben des Christen sei. Und wie das Auge Verunreinigung durch Staub nicht erleiden dürfe, soll der Blick ungetrübt bleiben, so dürfe unser Leben auch nicht einen Flecken der Unzucht an sich tragen. Daher sagt auch der Herr im Folgenden: „Wenn dich dein Auge ärgert, reiß es aus, und wenn dich deine Hand ärgert, haue sie ab: es ist dir besser, daß eines deiner Glieder verloren gehe, als daß dein ganzer Leib in die Hölle geworfen werde.“ Wenn wir also nach Gottes Wort durch Ärgernis in die Hölle stürzen, so opfern wir mit Recht unsere Hände und Augen, um der Hölle entgehen zu können. Nicht als ob jemand sich seiner Glieder berauben müsse; aber wir sind auf ein gewisses Zusammenleben mit unserer häuslichen Bedienung so notwendig angewiesen, daß wir diese sozusagen bisweilen wie Augen oder Hände benützen; da berauben wir uns nun mit Recht solcher Dienste auf dieser Welt, um nicht die Qualen ewigen Feuers zu erdulden. Denn wo es um Bedienung oder Leben geht, da entäußert sich ein Christ mit mehr Grund der Bedienung als des Lebens.

9. Ungeheuer ist die Zahl und das Maß unserer Sünden

Da nun unser Herr uns befahl, in all den angeführten Geboten ihm Gehorsam zu leisten: wo sind die, die Gott in all diesen Vorschriften oder in nur ganz wenigen gehorchen? Wo sind die, die ihre Feinde lieben oder den Verfolgern Wohltaten erweisen, oder die Bösen im Gutestun übertreffen, die den Schlagenden die Wange darbieten, die den Räubern ihres Eigentums dieses ohne Streit überlassen? Wo ist der, der der Ehrabschneidung gar keinen Platz einräumt, der niemand durch seine Schmähsucht beleidigt, der seinen Mund in Stillschweigen beherrscht, auf daß er nicht in bittere Schmähungen ausbreche? Wie viele gibt es, die auch nur diese geringsten Anforderungen erfüllen, um nicht von den früher besprochenen größeren Verpflichtungen zu reden? Da sich nun das so verhält und von uns gar keines von den göttlichen Geboten erfüllt wird, warum unterstehen wir uns, über Gott zu klagen, da Gott vielmehr über uns alle klagen könnte? Warum schmerzt es uns, wenn wir bei Gott kein Gehör finden, da wir doch selbst Gott nicht hören? Weshalb murren wir, daß Gott nicht auf die Erde herabschaue, da wir selbst doch nicht zum Himmel aufblicken? Warum ist es uns lästig, wenn unsere Bitten von Gott mißachtet werden, da seine Vorschriften von uns mißachtet werden? Gesetzt den Fall, wir seien unserm Herrn gleichgestellt: was für ein Grund zu gerechter Klage besteht, wenn einer das erleiden muß, was er selbst getan hat? Abgesehen davon, kann ich leicht beweisen, daß wir keineswegs das erleiden, was wir tun, und daß Gott mit uns viel milder vorgeht, als wir mit ihm: aber inzwischen wollen wir nach der Regel verfahren, nach der wir begonnen haben. So sagt nämlich der Herr selbst: „Ich habe zu euch gerufen, und ihr habt mich nicht gehört; und ihr werdet zu mir rufen, und ich werde euch nicht hören.“ Was ist billiger, was gerechter? Wir haben nicht gehört, wir werden nicht gehört. Wir beachten nicht, wir werden nicht beachtet. Welcher von den irdischen Herren, so frage ich, würde sich damit begnügen, mit den Seinen auf dem Fuß zu leben, daß er seine Diener einfach nicht achtet, weil er von ihnen nicht geachtet wurde? Aber wir begehen mit der Verachtung Gottes nicht bloß den Fehler wie die Diener, die ihre irdischen Herren verachten; denn die größte Mißachtung der Diener besteht in diesem Falle dann, daß sie nicht tun, was ihnen aufgetragen wird. Wir aber tun nicht nur mit allem Eifer, aller Anstrengung das Gebotene nicht, sondern wir handeln auch noch den Geboten zuwider. Gott befiehlt, daß wir uns alle gegenseitig teuer seien; wir zerreißen einander in gegenseitiger Anfeindung. Gott befiehlt, daß alle den Notleidenden von dem Ihren mitteilen; gar alle aber greifen lieber nach fremdem Eigentum. Gott befiehlt auch, daß jeder Christ seine Augen in Zucht halte. Wie wenige gibt es, die sich nicht im Schmutz der Unkeuschheit wälzen? Und dann – schwer und traurig ist es, was ich sagen werde – die Kirche selbst, die in allem Versöhnerin Gottes sein sollte, was ist sie anders als Verhöhnerin Gottes? Und ganz wenige, die das Böse fliehen, ausgenommen, was ist die ganze Christengemeinde anders als ein Auswurf von Lastern? Wie wenige findet man in der Kirche, die nicht Trinker, Schwelger, Ehebrecher, Hurer, Räuber, Schlemmer, Banditen oder Mörder sind? Und was das Schlimmste bei all diesem ist: fast all dies geschieht ohne Ende. Ich wende mich an das Gewissen aller Christen; von all diesen angeführten Frevlern und Verbrechern – wie wenig Menschen gibt es, die nicht etwas davon sind, wie wenige, die nicht alles sind! Leichter findet man einen, der alles ist, als einen, der nichts ist. Und nichts von dem, was wir gesagt haben, kann etwa als allzu strenges Urteil gelten: ich werde noch viel mehr sagen. Leichter findet man solche, die aller dieser Übeltaten schuldig sind, als solche, die nicht aller schuldig sind; leichter solche, die die größeren Verbrechen begangen haben als die geringeren, das heißt eher solche, die größere mitsamt den kleineren Übeltaten, als solche, die nur kleinere ohne die größeren vollbracht haben. Solchen schimpflichen Sitten ist fast die ganze Christenheit anheimgefallen, so daß es im ganzen christlichen Volk sozusagen eine Art Heiligkeit ist, weniger lasterhaft zu sein. Deshalb ehren manche die Kirchen oder besser die Tempel und Altäre Gottes weniger als das Haus des unbedeutendsten Gemeinderichters. Denn die Schwelle nicht nur erlauchter Machthaber, sondern auch einfacher Vorsteher oder Beamten ohne weiteres zu überschreiten, erlauben sich nicht alle; nur die, die entweder der Richter rief oder die ein Geschäft dahin führte oder denen ihre eigene hohe Würde den Eingang gestattete; und wenn einer unverschämterweise eingedrungen ist, so wird er entweder geschlagen oder hinausgeworfen oder irgendwie an seiner Ehre oder an seinem Ansehen bestraft. Zu den Tempeln aber oder besser zu den Altären und in die Heiligtümer Gottes dringen alle Sünder und Verbrecher unterschiedslos vor, ohne irgendwelche Furcht vor der Würde des Heiligen. Nicht als ob nicht alle zum Gebet vor Gott eilen müßten, sondern weil der, der zur Versöhnung hineingeht, nicht zur Verhöhnung herausgehen soll; denn es ist nicht ein und dasselbe, um Nachsicht bitten und den Zorn herausfordern. Das ist nämlich eine neue Art der Ungeheuerlichkeit: fast alle tun beständig das, wessen sie sich anklagen. Und diejenigen, die die Kirche betreten, um ihre früheren Sünden zu beweinen, kommen heraus (um neue zu begehen). Doch was sage ich, sie kommen heraus? Fast noch in ihrer Andacht und in ihren Gebeten sinnen sie über dieses Neue nach. Etwas anderes tun die Lippen, etwas anderes die Herzen der Menschen; und während sie in Worten die vergangenen Sünden beklagen, sinnen sie im Inneren auf neue; so hilft das Gebet eher dazu, die Sünden zu vermehren als sie abzubitten. Damit der Fluch der Heiligen Schrift sich an ihnen erfülle, daß sie sogar von ihrem Gebet aufstehen als Verdammte und ihr Gebet selbst ihnen zur Sünde werde. Wenn nun endlich jemand wissen will, was solche Menschen im Tempel denken, so lese er das Folgende. Wenn nämlich der Gottesdienst zu Ende ist, so eilen alle zu ihren gewöhnlichen Beschäftigungen: die einen stehlen, die andern betrinken sich, andere treiben Unzucht, wieder andere gehen auf Raub aus. So tritt es deutlich zutage, daß sie das während ihres Aufenthaltes im Gotteshaus überlegten, was sie ausführen, gleich nachdem sie dieses verlassen haben.

10. Vornehme wie Niedrige frönen den gleichen Lastern

Nun glauben aber einige, daß für diese Verbrechen und schimpflichen Laster, von denen ich gesprochen habe, nur die Sklaven und die verworfensten Menschen in Betracht kämen, daß aber der Name der Freigeborenen nicht mit solchen Schandflecken besudelt sei. Aber was ist das Leben aller Geschäftsleute anderes als Betrug und Meineid, was anderes das der Hofleute als Ungerechtigkeit, das der Beamten als Verleumdung, was anderes ist das Leben aller Soldaten als Raub? Aber du glaubst vielleicht, das könne man bei solchen Leuten schon ertragen. So nämlich, meinst du, sind ihre Taten wie auch ihr Beruf, und deswegen braucht man sich nicht zu wundern, wenn sie ihrem Beruf gemäß handeln. Als ob Gott wollte, daß irgendeiner Schlechtes tue oder einen üblen Beruf habe und als ob es gar keine Beleidigung der göttlichen Majestät wäre, wenn man sieht, wie die niedrigeren Menschen die größten Verbrechen begehen, besonders da die ungeheure Menge dieser Leute den weitaus größten Teil des Menschengeschlechtes ausmacht. Und zweifellos: die Beleidigung der Gottheit ist dort größer, wo die Zahl der Sünder größer ist. Aber jeglicher Adel, sagst du, ist frei von diesen Lastern, Aber das ist zu wenig, weil der Adel in der ganzen Welt nicht mehr bedeutet als ein Mensch in einem großen Volk. Aber wir wollen doch sehen, ob dieser, wenn auch kleine Teil, frei von Schuld ist. Doch zuerst laßt uns betrachten, was die Heilige Schrift von solchen Leuten sagt: „Höret, meine geliebtesten Brüder (so klagt der Apostel das Volk Gottes an), hat nicht Gott die Armen in dieser Welt auserkoren zu Reichen im Glauben und zu Erben des Reiches, welches Gott denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt verunehrt den Armen. Sind es nicht die Reichen, welche euch vergewaltigen? Lästern nicht sie den schönen Namen, nach welchem ihr genannt werdet?“ Das ist ein wichtiger Ausspruch des Apostels, wenn nicht etwa die Vornehmen glauben, sie seien davon nicht betroffen, weil nur von den Reichen die Rede ist. Aber entweder sind die Adeligen die gleichen wie die Reichen oder, wenn es außer den Adeligen noch Reiche gibt, sind auch die gewissermaßen adelig; denn so elend ist es um unsere Zeit bestellt, daß nur der Allerreichste für ganz vornehm gehalten wird. Aber die Streitfrage, ob der Apostel von einem von beiden oder von beiden gesprochen hat, kann leicht beigelegt werden. Denn es macht nichts aus, von welchem Teil hauptsächlich die Rede ist, weil der Ausspruch sicher auf beide paßt. Wer von den Adeligen oder von den Reichen fürchtet sich überhaupt noch vor dem Laster? Doch, da habe ich Falsches gesagt: Viele fürchten sich zwar davor, aber sehr wenige meiden es. An anderen verabscheuen sie, was sie sich selber immer gestatten, und erheben sonderbarerweise wegen derselben Verbrechen Klage, die sie selbst verüben. In der Öffentlichkeit verfluchen sie, was sie im Verborgenen tun; und deswegen verurteilen sie mehr sich selbst durch ihr eigenes Verdikt, während sie andern das Urteil zu sprechen meinen. Aber lassen wir diese größeren Sünder beiseite! Gibt es überhaupt einen Reichen oder Adeligen, der die Unschuld bewahrt oder seine Hände von allen Verbrechen ferne hält? Überflüssigerweise sage ich: „von allen“. Hielten sie sich wenigstens von den größten fern! Denn kleinere Sünden zu begehen, das beanspruchen die Vornehmeren ja ohnehin als ein Privileg, das ihnen von Rechts wegen zukommt. Deshalb rede ich von den leichteren Fehlern gar nicht. Sehen wir doch zu, ob von jenen zwei Hauptlastern irgendeiner frei ist, von Mord und Unzucht! Denn wer ist noch nicht befleckt mit Menschenblut oder wer rein vom Schmutz der Unzucht? Eines von diesen beiden genügt zur ewigen Strafe, aber beinahe jeder Reiche hat beides sich zuschulden kommen lassen.

11. Die Menge der Lasterhaften kann von den wenigen Guten nicht gerettet werden

Aber, denkt einer von diesen Leuten, ich tue solches nicht mehr. Ich lobe dich, wenn du es nicht tust, aber doch hast du es wohl früher getan, und überhaupt niemals getan haben und aufgehört haben ist nicht das gleiche, Wenn aber dem so wäre, was nützte es, wenn einer von Verbrechen absteht und viele in Sünden verharren? Die Bekehrung eines einzigen hebt die Laster der meisten nicht auf: und um Gott zu versöhnen, genügt es nicht, wenn einer die Sünde aufgibt, während das Menschengeschlecht in seiner Gesamtheit ihn beleidigt, besonders, da der, welcher sich bekehrt, um dem ewigen Tode zu entrinnen, doch wirklich schon einen großen Vorteil von seiner Bekehrung hat, wenn er für seine Person entrinnt; um so weniger ist es ihm möglich, von andern die Strafe der Verdammung abzuwenden. Es wäre nämlich unerträglicher Stolz und höchste Sühne forderndes Vergehen, wenn einer sich für so gut hielte, daß er glaubte, auch die Bösen könnten durch ihn gerettet werden. Indem Gott von einem bestimmten Land oder vielmehr einem sündhaften Volk spricht, sagt er: „Wenn drei Männer sind, Noe, Daniel und Job, werden sie die Söhne und Töchter nicht befreien. Sie allein aber werden gerettet.“ Niemand, glaube ich, wird so unverschämt sein, daß er wagte, sich mit solchen Männern zu vergleichen; denn wenn einer auch jetzt danach strebte, Gott zu gefallen, so wäre es doch höchste Ungerechtigkeit, sich für gerecht zu halten. Und dadurch ist jegliche falsche Hoffnung und Meinung aufgehoben, die uns etwa auf den Glauben brächte, die zahllose Menge verlorener Menschen könne durch die Fürbitte der wenigen Guten von den zeitlichen Übeln befreit werden. Da nun nämlich keiner den oben genannten gleich ist, welche Hoffnung kann da irgend jemand noch haben, daß die zahllosen gottentfremdeten Bösen durch die so wenigen Guten befreit werden können, da jene gottvertrauten Heiligen nicht einmal das von Gott erreichen konnten, daß sie in ihren Kindern ihr eigenes Fleisch und Blut retteten? Und mit Recht. Mögen auch alle Kinder samt und sonders als Fleisch und Blut der Eltern gelten, so dürfen sie dennoch nicht für Fleisch und Blut derer gehalten werden, von denen sie sich durch ihre schlechte Gesinnung immer weiter entfernten, weil durch die Schlechtigkeit entarteter Sitten in solchen Menschen die Wohltaten der Natur vernichtet werden. So kommt es, daß auch wir, die wir Christen heißen, die Kraft eines solchen Namens durch Lasterhaftigkeit und Schlechtigkeit verlieren. Denn es nützt gar nichts, einen heiligen Namen zu tragen ohne gute Sitten, weil ein Leben, das im Mißverhältnis zum Bekenntnis steht, die Ehre eines erlauchten Titels durch die Gemeinheit unwürdiger Taten aufhebt. Da wir nun sehen wie fast kein Glied aller Christen, fast kein Winkel aller Kirchen nicht befleckt ist mit jeglicher Schmach und mit dem Schmutz aller möglichen Todsünden, warum schmeicheln wir uns überhaupt noch mit dem Namen eines Christen? Sind wir doch gerade um dieses hochheiligen Namens willen um so schuldiger, weil unser Leben dem heiligen Namen widerspricht. Deshalb beleidigen wir Gott unter dem Ehrenschild des Glaubens noch mehr, weil wir, für den Glauben bestellt, in Sünden leben.

IV. Buch

1. Der christliche Name ohne christliches Leben ist wertlos

Wir wollen uns also nicht weiter beschäftigen mit jenem Vorrecht des christlichen Namens, von dem wir oben sprachen, das uns den Glauben gibt, wir müßten auch stärker sein als alle Völker, weil wir frömmer seien als alle. Denn da, wie wir oben gesagt haben, der Glaube des Christen darin besteht, daß er sich treu Christus hingibt, und die treue Hingabe an Christus in der Haltung seiner Gebote besteht, so folgt daraus ohne Zweifel, daß der Treulose keinen Glauben hat und daß der Christus sich nicht hingibt, der seine Gebote verachtet. Und durch all diese Gedankengänge kommen wir darauf zurück, daß der offenbar kein Christ ist, der die Werke eines Christen nicht tut. Denn der Name ohne Leistung, ohne die zu ihm gehörige Pflichterfüllung ist nichts. Denn, wie jemand in seinen Schriften sagt, was ist ein Vorrang ohne hohe Verdienste anderes als ein Ehrentitel ohne ehrbaren Namen, oder was ist eine Würde an einem Unwürdigen anderes als ein Zierat im Schmutz? Um also die gleichen Worte auch in unserm Falle zu gebrauchen, was ist ein heiliger Name ohne Verdienste anderes als Zierat im Schmutz? So hat es auch das göttliche Wort in der Heiligen Schrift bezeugt, indem es sagte: „Ein goldener Ring in der Nase eines Schweines ist eine schöne und törichte Frau.“ Und auch an uns ist der christliche Name wie ein goldenes Schmuckstück. Wenn wir ihn unwürdigerweise tragen, gleichen wir Schweinen mit einem Schmuck. Wer endlich noch deutlicher erkennen will, daß Worte ohne Taten nichts sind, der beachte, wie unzählige Völker auch ihren Namen verloren, wenn ihre Leistungen aufhörten. Als einst die zwölf Stämme der Hebräer von Gott auserwählt worden waren, erhielten sie zwei heilige Namen: sie wurden Volk Gottes und Israel genannt; so nämlich lesen wir; „Höre, mein Volk, und ich werde reden; Israel, ich will dir Zeugnis geben.“ So waren die Juden einst beides, jetzt nichts mehr. Denn ein Volk, das die Verehrung Gottes längst aufgegeben, kann nicht „Volk Gottes“ heißen, noch kann es „Gott schauend“ genannt werden, da es den Sohn verleugnete, wie geschrieben steht: „Israel hat mich nicht erkannt, und mein Volk hat mich nicht verstanden,“ Deswegen spricht auch anderswo unser Gott vom Volk der Juden zum Propheten: „Nenne seinen Namen; Nicht mein Volk“; wiederum zu den Juden selbst: „Ihr seid nicht mein Volk, und ich bin nicht euer Gott,“ Weshalb er aber das von ihnen gesagt, zeigt er selbst anderswo deutlich; er sagt nämlich: „Die Quelle des lebendigen Wassers, den Herrn, haben sie verlassen.“ Und wiederum: „Das Wort des Herrn haben sie verworfen, und keine Weisheit ist in ihnen.“ Ich fürchte, daß das damals von ihnen nicht mit größerem Recht gesagt wurde, als es jetzt von uns gesagt werden könnte; denn auch wir gehorchen den Worten des Herrn nicht; und weil wir die göttlichen Gebote nicht befolgen, tragen wir gar keine Weisheit in uns. Außer wir glaubten etwa, es sei weise von uns, Gott zu verachten, und wir hielten es für die höchste Klugheit, Christi Gebote abzulehnen. Man könnte schon mit gutem Grund annehmen, wir glaubten solches; denn mit solcher Übereinstimmung gehen wir alle den Sündenweg, als wenn wir auf Grund höchst kluger, gemeinschaftlicher Beratung sündigten. Aus welchen Gründen täuschen wir uns unter diesen Umständen selbst, indem wir wähnen, weil wir Christen heißen, könne uns trotz der Sünden, die wir begehen, der gute Name etwas helfen? Sagt ja doch der Heilige Geist, nicht einmal der Glaube ohne die Werke könne den Menschen nützen. Und doch ist es noch viel besser, den Glauben zu haben als den Namen; denn der Name ist nur eine Bezeichnung für einen Menschen, der Glaube aber eine Frucht des Geistes. Und dennoch bezeugt der Apostel, daß diese Glaubensfrucht fruchtlos sei ohne die Werke, indem er sagt: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“ Und wiederum: „Wie der Leib ohne den Geist, so ist der Glaube ohne Werke tot.“ Er fügt noch härtere Worte hinzu, um die zu vernichten, die sich auf ihren christlichen Glauben etwas zugute tun.

2. Wir leiden nur, was wir verschuldet, auch wenn wir dies nicht anerkennen wollen

Doch da entgegnet mir einer: „Du hast Glauben, und ich habe Werke, Zeige mir deinen Glauben ohne Werke, ich aber will dir aus den Werken meinen Glauben zeigen.“ Dadurch gibt er doch zu erkennen, daß die guten Werke sozusagen Zeugen für den christlichen Glauben seien, weil ein Christ seinen Glauben ohne gute Werke überhaupt nicht beweisen könne. Und wenn er deshalb nicht beweisen könne, daß er ein Christ sei, sei er überhaupt dafür zu halten, als sei er keiner. Denn wie nichtig dies zu erachten sei, das zeigt er im Folgenden sofort, indem er einem Christen sagt: „Du glaubst, daß ein einziger Gott ist. Du tust wohl daran. Auch die Teufel glauben und schaudern.“ Betrachten wir, was der Apostel an dieser Stelle sagen wollte! Laßt uns nicht hadern mit den göttlichen Aussprüchen, sondern ruhig dabei verweilen; wollen wir ihnen nicht widersprechen, sondern daraus Nutzen ziehen. „Du glaubst“, sagt das göttliche Wort zu einem Christen, „daß ein einziger Gott ist. Du tust wohl daran. Auch die Teufel glauben und schaudern.“ Irrte der Apostel, als er den Glauben eines Christen mit dem eines Teufels verglich? Keineswegs! Er wollte nur beweisen, wovon oben die Rede war, daß man ohne gute Werke, sich nur mit dem Glauben brüstend, nichts beanspruchen darf. Deshalb sagt er, daß auch die Teufel an Gott glaubten. Wie nämlich die Teufel trotz ihres Glaubens an Gott in ihrer Verderbtheit verharren, so hätten auch gewisse Menschen sozusagen den Glauben der Teufel, weil sie von ihren schlechten Taten nicht ließen und doch behaupteten, an Gott zu glauben. Zur Schmach und Verdammung der sündigen Menschen fügt er noch hinzu, daß die Dämonen nicht bloß an Gottes Namen glauben, sondern ihn auch fürchten und vor ihm schaudern. Das will soviel sagen als: Was schmeichelst du dir, o Mensch, wer immer du auch seist, mit deiner Gläubigkeit, die ohne Furcht und Gehorsam gegen Gott nichts ist? Da haben die Teufel noch etwas vor dir voraus. Du hast nämlich nur eines, sie haben zwei; du hast die Gläubigkeit, nicht aber die Furcht; jene haben die Gläubigkeit und die Furcht zugleich. Was wunderst du dich also, wenn wir vom Unglück betroffen werden? Was staunst du, wenn wir gezüchtigt werden, wenn wir in die Gewalt der Feinde kommen, wenn wir schwächer sind als alle? All unser Elend, unsere Schwäche, unsere Niederlagen, die Gefangenschaft und die Peinen einer schmählichen Knechtschaft beweisen die Schlechtigkeit des Knechtes und die Güte des Herrn. Inwiefern Schlechtigkeit des Knechtes? Weil ich nämlich wenigstens teilweise erleide, was ich verdiene. Inwiefern Güte des Herrn? Weil er zeigt, was wir verdienen, wenn er auch nicht alles verhängt, was wir verdienen. Durch eine gar milde und gütige Züchtigung will er uns lieber zur Bessserung führen, als daß wir zugrunde gehen. Wir sind ja, was unsere Verbrechen anlangt, der Todesstrafe schuldig. Er aber will mehr Barmherzigkeit als Strenge walten lassen und uns durch die Anwendung einer milden Strafe bessern, ehe er uns durch die Plage einer gerechten Züchtigung zugrundegehen läßt. Gewiß weiß ich: die Schläge sind uns schmerzlich. Aber warum wundern wir uns, wenn Gott uns Sünder züchtigt, da wir doch auch unsere Diener züchtigen, wenn sie sich verfehlen? Wir sind ungerechte Richter: wir wollen nicht, daß wir kleinen Menschen von Gott gepeitscht werden, während wir doch Menschen unseresgleichen peitschen. Aber ich wundere mich nicht, wenn wir hierbei so ungerecht sind. Wir sind eben von Natur wie nichtswürdige Sklaven. Wir wollen sündigen, aber nicht geschlagen werden. Unser Lebenswandel ist der gleiche, wie der unserer Sklaven; alle wollen wir ungestraft sündigen. Ich möchte doch alle befragen, ob ich lüge. Ich behaupte, keiner, mag er auch ein noch so großes Verbrechen begangen haben, gibt sich damit zufrieden, daß er gefoltert werden muß. Daraus läßt sich auch ersehen, wie ungerecht und falsch es ist, wenn wir anderen gegenüber so streng, gegen uns so überaus nachsichtig, mit anderen so hart, mit uns so nachgiebig sind. Bei ein und demselben Verbrechen strafen wir andere, uns sprechen wir frei. Fürwahr, eine unerträgliche Selbstverherrlichung 2und Anmaßung! Unsere Schuld wollen wir nicht anerkennen und wagen es doch, uns über andere als Richter aufzuspielen. Was kann ungerechter oder verkehrter sein als wir? Das gleiche Verbrechen, das wir bei anderen schwer bestrafen, halten wir bei uns für annehmbar. Und deshalb ruft uns der Apostel nicht ohne Grund zu: „Darum bist du unentschuldbar, o Mensch, der du richtest. Denn worin du einen andern richtest, verdammst du dich selbst; du tust dasselbe, was du verurteilst.“

3. Die Herren sind so lasterhaft wie die Sklaven

Aber, sagt einer von den Reichen, wir tun nicht dasselbe, wir tun wirklich nicht dasselbe wie die Sklaven. Aus dem Sklavenvolk nämlich sind die Diebe und Flüchtlinge, aus dem Sklavenvolk die, die dem Gaumen und dem Bauch dienen. Es ist wahr, das sind Sklavenlaster. Aber zahlreicher und größer sind die der Herren, wenn auch nicht aller. Einige nämlich machen eine Ausnahme, aber nur sehr wenige. Diese nenne ich deshalb nicht, daß es nicht den Anschein hat, als lobte ich sie dadurch und als stellte ich die anderen dadurch an den Pranger, daß ich sie nicht nenne. Zunächst nun; wenn Sklaven Diebe sind, so werden sie vielleicht durch Armut zum Stehlen gezwungen; denn wenn auch der gewöhnliche Lohn bezahlt wird, so entspricht dieser doch nur mehr der Gewohnheit als dem wirklichen Bedürfnis. Er entspricht zwar der Regel, wird aber dem tatsächlich Notwendigen nicht gerecht. So macht der Mangel sogar die Schuld weniger schuldbar, weil der Dieb zu entschuldigen ist, der gegen seinen Willen zum Stehlen gezwungen erscheint. Auch die Heilige Schrift scheint in gewisser Hinsicht halb und halb die Vergehen aller Armen zu entschuldigen, indem sie sagt: „Nicht groß ist die Schuld, wenn einer stiehlt; denn er stiehlt, um die hungernde Seele zu sättigen.“ Er stiehlt, um seine Seele zu sättigen. Und deshalb dürfen von uns die nicht so sehr beschuldigt werden, die von der Heiligen Schrift entschuldigt werden. Was wir aber von den Diebstählen der Sklaven sagen, das gilt auch von der Flucht. Von der Flucht sogar noch mehr, weil die Sklaven zur Flucht nicht nur durch Notlage, sondern auch durch Mißhandlung getrieben werden. Sie fürchten die Aufseher; sie fürchten die Silentiarier, die Verwalter. Und zwar so, daß sie bei all diesen Peinigern niemandem weniger als Sklaven angehören als ihren Herren. Von allen werden sie geschlagen, von allen gequält. Was läßt sich noch weiter sagen? Viele Sklaven flüchten zu ihren Herren, so fürchten sie ihre Mitsklaven. Daher dürfen wir die Flucht dieser Leute nicht so sehr ihnen, den Flüchtlingen, anrechnen, als denen, die sie zur Flucht zwingen. Die Unglückseligen erleiden Gewalt: sie wollen dienen und werden zur Flucht gezwungen. Sie wollen keineswegs den Dienst ihrer Herren verlassen, aber die Grausamkeit ihrer Mitsklaven läßt sie nicht dienen. Man sagt auch, sie seien lügnerisch; zur Lüge werden sie ebensosehr durch die Härte der stets gegenwärtigen Strafe gedrängt; wenn sie sich vor Qualen bewahren wollen, lügen sie. Was gibt es da zu wundern, wenn ein Sklave in der Furcht lieber lügt, als sich geißeln läßt? Man beschuldigt sie auch der Schlemmerei und Gefräßigkeit: auch das ist nichts Neues; wer oft Hunger gelitten hat, sehnt sich mehr nach Sättigung. Doch zugegeben: er mag wohl keinen Hunger nach Brot haben, Hunger nach Genüssen hat er sicher; und deshalb muß man ihm verzeihen, wenn er mit größerer Gier das verlangt, was ihm beständig abgeht. Doch du Adeliger, du Reicher, der du alle Güter im Überfluß hast, der du gerade deswegen durch gute Werke Gott mehr ehren solltest, weil du seine Wohltaten ohne Unterlaß genießest, wir wollen sehen, ob du, ich sage nicht, heilige, ob du auch nur schuldlose Taten aufzuweisen hast. Wer von den Reichen ist, wie ich oben sagte, mit Ausnahme von wenigen, nicht mit allen Verbrechen belastet? Und wenn ich wenige ausnehme: könnte ich doch mehr, könnte ich alle ausnehmen! Die Unschuld der meisten wäre Heil für alle. Und ich spreche jetzt von keiner bestimmten Person, nur von jener, welche die Schuld, von der ich spreche, in sich fühlt. Wer sich im Gewissen dessen nicht schuldig weiß, was ich sage, braucht nichts von dem, was ich sage, als Tadel für seine Ungerechtigkeit aufzufassen. Findet er aber, daß die genannten Fehler in ihm wohnen, möge er denken, nicht mein Mund spreche so zu ihm, sondern sein Gewissen. Um nun zunächst von den Lastern der Sklaven zu sprechen: Ist der Sklave ein Flüchtling, so bist auch du einer, du Reicher und Vornehmer. Denn alle fliehen ihren Herrn, die das Gesetz des Herrn verlassen. Was beschuldigst du, Reicher, den Sklaven? Du tust das gleiche wie er. Jener läuft seinem Herrn davon, du dem deinen. Aber du bist deswegen schuldbarer als jener, weil er vielleicht einem schlechten Herrn entläuft, du einem guten. Du beschuldigst den Sklaven der mangelnden Enthaltsamkeit im Essen: bei ihm kommt das selten vor wegen des Mangels, bei dir täglich wegen des Überflusses, Du siehst also, daß die Worte des Apostels dich besonders treffen, ja sogar dich allein, denn worin du einen andern richtest, verurteilst du dich selbst. Du tust ja dasselbe, was du verurteilst; ja nicht einmal nur dasselbe, sondern noch viel Größeres und Schlechteres. Bei jenem bestrafst du eine nur selten vorkommende Unmäßigkeit im Essen, du dehnst beständig durch Völlerei deinen Wanst aus. Auch Diebstahl ist deiner Meinung nach ein Sklavenlaster. Aber auch du, Reicher, begehst einen Diebstahl, wenn du beanspruchst, was Gott verboten hat; denn alle begehen Diebstahl, die Unerlaubtes verüben.

4. Raubgier der Reichen und hohen Beamten

Aber warum spreche ich in so gedrängter Kürze und sozusagen nur in Anspielungen von diesen Dingen, da doch durch ganz offene Taten nicht nur Diebstähle, sondern auch Räubereien der Reichen erwiesen sind? Denn wo gibt es einen Armen, der neben einem Reichen in seinem Handel und Wandel noch sicher ist? Denn durch den Aneignungsschwindel der Mächtigen verlieren die Schwachen entweder das Ihre oder sich selbst zusamt dem Ihren, wie denn auch nicht mit Unrecht von den Vertretern beider Gattungen die Heilige Schrift bezeugt, indem sie sagt: ,,In der Wüste ist der wilde Esel die Jagdbeute des Löwen; so sind die Armen Weidegründe für die Reichen.“ Doch diese Gewaltherrschaft müssen nicht nur die Armen, sondern fast alle Menschen ertragen. Was anderes bedeutet für manchen Hohen seine Würde als Proskription von Städten? Was anderes bedeutet gewissen Leuten, die ich nicht nennen will, ihr Präfektenamt als Beutemacherei? Es gibt keine stärkere Ausplünderung der Armen als seitens der Machthaber. Dazu werden nämlich die Ehrenstellen von einigen wenigen gekauft, um sie mit Ausplünderung aller zu bezahlen. Was kann unwürdiger und ungerechter sein? Die Unglücklichen erlegen den Kaufpreis für Würden, die sie nicht kaufen; vom Handel wissen sie nichts, wohl aber vom Zahlen; damit wenige glänzen können, wird eine Welt vernichtet. Der Ehrgeiz eines einzigen ist der Ruin der ganzen Welt. Das wissen die beiden Spanien, denen nur noch der Name übrig geblieben ist; das wissen die afrikanischen Provinzen, die es gegeben hat; das weiß das verwüstete Gallien, mag auch seine Verwüstung nicht allgemein sein; und so führt es in ganz wenigen Winkeln noch ein kümmerliches Schattendasein, weil ab und zu doch die Redlichkeit von ein paar Menschen dem Lande wieder aufhalf, das die Raubsucht der Vielen ausgesaugt hat.

5. Die Laster des Mordes und der Unzucht bei den Vornehmen

Aber vom Schmerz überwältigt sind wir zu weit abgeschweift. Um daher zum früheren Thema zurückzukehren: was für ein Gebiet gibt es noch, in dem die Vornehmen sich nicht mit Lastern der Sklaven beflecken? Es sei denn, daß sie das, was sie an den Sklaven als fehlerhaft bestrafen, bei sich für erlaubt halten! An solche Übergriffe, wie sie die oben genannten Vornehmen verüben, darf der Sklave nicht einmal denken. Doch, ich sage die Unwahrheit Einige von den Sklaven nämlich, die vornehm geworden, haben Ähnliches oder Größeres verbrochen. Aber das kann den Sklaven ja keineswegs angerechnet werden, daß für einige ihre Lage als Sklaven sich so günstig wandte. Morde sind auch bei den Sklaven selten aus Schrecken oder Furcht vor dem Tode; bei den Reichen jedoch kehren sie immer wieder wegen der zuversichtlichen Hoffnung auf Straflosigkeit. Es müßte denn sein, daß wir ungerechterweise die Taten der Reichen zu den Verbrechen rechnen, weil jene glaubten, ein Recht auszuüben, wenn sie ihre Sklaven töten, nicht aber ein Verbrechen zu begehen. Doch nicht nur darin, auch bei der Ausübung gemeiner Unzucht treiben sie Mißbrauch mit dem gleichen vermeintlichen Vorrecht. Wie viele Reiche gibt es noch, die den Treueid der Ehe heilig halten? Wen reißt nicht rasende Leidenschaft in den Abgrund? Wem wird nicht sein Heim und seine Familie zum Hurenhaus? Und wer folgt nicht seinem wahnsinnigen Begehren, mag ihn die Hitze seiner ruchlosen Leidenschaft hinreißen zu wem es auch sei? Demgemäß sagt das göttliche Wort von solchen Personen: „Wie liebestolle Pferde sind sie gegen die Weiber geworden.“ 1Was anderes, als daß diese Worte für ihn gelten, beweist der, der im Beischlaf alles erreichen will, was er in seiner Augenlust begehrte? Von Konkubinen zu sprechen, erscheint vielleicht sogar ungerecht, weil dies im Vergleich zu den oben besprochenen Lastern sozusagen fast noch eine Art von Reinheit ist, wenn einer mit wenigen Ehefrauen sich begnügt und über eine bestimmte Anzahl von Gattinnen hinaus seine Lust im Zaume hält. Gattinnen habe ich gesagt, denn soweit ist man in der Schamlosigkeit gekommen, daß viele ihre Sklavinnen für Ehefrauen halten. Aber würde man sie nur als Gattinnen behandeln, wenn man sie schon für solche hält! Das aber ist noch verderblicher und abscheulicher, daß einige, obwohl sie eine ehrenhafte Ehe eingegangen sind, sich doch wieder andere Weiber aus dem Sklavenstand nehmen, indem sie die Würde und Heiligkeit der Ehe durch gemeine und entartete Unzucht herabziehen. Sie schämen sich nicht, die Männer ihrer Sklavinnen zu werden, und zerren die Würde der ehrbaren Ehe hinein in die lastererfüllten Schlafkammern der Sklavinnen. Würdig wären sie, auch in dem Stande jener zu leben, deren Liebesgemeinschaft sie sich für würdig halten.

6. Die Herren sind lasterhafter als die Sklaven, besonders auch durch Steuerbedrückung der Armen

Ohne Zweifel werden nun sehr viele von denen, die entweder vornehm sind oder doch dafür gehalten werden wollen, mit Hochmut und Verachtung dies aufnehmen, weil ich, wenn wir genau betrachten, was ich geredet habe, behaupte, gewisse Sklaven seien weniger lasterhaft als die Herren. Da ich aber nicht von allen, sondern nur von solchen, die wirklich so sind, gesprochen habe, darf niemand irgendwie zornig werden, der sich in keinem Fall als solchen erkennt, damit er nicht gerade durch sein Zürnen zu der Schar eben dieser Leute zu gehören scheint. Ja vielmehr sollte jeder von den Adeligen, die solche Laster verabscheuen, über diese Leute in Zorn geraten, weil sie durch überaus schlechte Taten den Schild des Adels beflecken. Denn mögen solche Menschen auch das christliche Volk im allgemeinen schwer belasten, so beschmutzen sie doch durch ihre Gemeinheit besonders die, als deren Teil sie gelten. Wir haben also gesagt, daß manche Vornehme schlechter seien als Sklaven; und wir hätten es zu Unrecht gesagt, bewiesen wir unsere Behauptungen nicht. Nun, wenigstens von dem größten Laster ist beinahe der ganze Sklavenstand frei. Hat etwa einer von den Sklaven eine Schar von Konkubinen? Befleckt er sich mit der Sünde der Vielweiberei und hält er wie die Hunde und die Schweine alle die für seine Frauen, die er seiner Lust unterjochen kann? Freilich kann man darauf entgegnen, daß solche Taten den Sklaven unmöglich sind; wenn sie könnten, würden sie dieselben auch verüben. Das glaube ich auch; aber ich kann etwas nicht als geschehen annehmen, wenn ich nicht sehe, daß es wirklich geschieht. Wieviel ruchlose Gesinnung, wieviele schlimme Leidenschaften sich bei ihnen auch finden mögen: keiner wird bestraft für ein Verbrechen, das er nicht begeht. Es ist hinlänglich sicher, daß die Sklaven schlecht und abscheulich sind. Aber frei Geborene und Vornehme sind um dessentwillen noch fluchwürdiger, weil sie trotz ihrer höheren Stellung schlechter sind. So kommt es, daß wir notwendigerweise zu dem Ergebnis in dieser Sache gelangen, daß nicht etwa die Sklaven von der Schuld der Schlechtigkeit freizusprechen sind, sondern daß die meisten Reichen im Vergleich zu den Sklaven noch härter verurteilt werden müssen. Denn es ist doch eine verbrecherische Raubtat, die man kaum gebührend schildern kann: In einer Zeit, in der der römische Staat entweder schon tot ist oder doch sicher in den letzten Zügen liegt, und dort, wo er noch zu leben scheint, von den Fesseln der Abgaben wie von Räuberhänden gedrosselt dahinstirbt, in einer solchen Zeit finden sich so viele Reiche, deren Abgaben die Armen zahlen müssen, das heißt, es finden sich viele Reiche, deren Abgaben die Armen töten. Und wenn wir sagten, es finden sich sehr viele, so fürchte ich, es wäre richtiger zu sagen: alle. So wenige sind nämlich frei von diesem Laster – wenn es überhaupt welche sind -, daß wir in den Reihen derer, die wir die Vielen nannten, fast alle Reichen finden können. Vor einiger Zeit hat man einigen Städten Erleichterungen zugestanden; was haben sie anderes bewirkt, als daß sie alle Reichen steuerfrei machten, die Abgaben der Armen aber häuften? Jenen wurden alte Abgaben nachgelassen, diesen neue aufgebürdet. Jene wurden durch Entlastung von den geringsten Pflichten bereichert, diese durch neue, außerordentlich große gedrückt. Jene wurden durch Verringerung der leicht zu tragenden Lasten noch reicher, diese gingen zugrunde infolge der Vermehrung der Bürde, die sie schon vorher kaum tragen konnten. Und so brachte jene Abhilfe die einen ganz ungerechter Weise in die Höhe, die anderen richtete sie zugrunde; für die einen war sie ein Gnadengeschenk, für die anderen ein tödliches Gift, beide Male ein gemeines Verbrechen. Daraus erkennen wir, daß nichts verbrecherischer sein kann als Reiche, die durch ihre Hilfe die Armen zugrunde richten, und nichts unglücklicher als die Armen, weil sie sogar durch die Mittel, die allen helfen sollen, zugrunde gehen müssen.

7. Die Gutgesinnten, besonders die Diener Gottes, werden von ihren Standesgenossen verachtet

Und dann, was soll das heißen, was ist das für eine Heiligkeit, daß ein Vornehmer, wenn er sich Gott zuwendet, sogleich die Ehre des Adelstandes verliert? Welche Ehre genießt Christus in einem christlichen Volk, in dem der Dienst Gottes entadelt? Denn sogleich, wenn einer versucht, besser zu sein, wird er von Schlechteren mißachtet und mißhandelt; und deshalb müssen alle sozusagen schlecht bleiben, um nicht für niedrig gehalten zu werden. Und darum ruft der Apostel nicht ohne Grund aus: „Die ganze Welt liegt im Argen.“ 1Und das ist wahr. Mit Recht heißt es, alles liegt im Argen, wenn die Guten keinen Platz mehr finden können. Denn so ist alles voll Ungerechtigkeit, daß entweder alle, die leben, schlecht sind, oder die Guten durch Verfolgung von Seiten der Überzahl gequält werden. Wenn daher ein Angesehener sich dem Dienste Gottes zuwendet, wie wir sagten, hört er auf der Stelle auf, angesehen zu sein. Wenn einer nämlich das Kleid ändert, ändert er auf der Stelle auch die Würde. War er hoch gestellt, so wird er verächtlich; war er geachtet, so wird er gemein; war er reich an allen Ehren, jetzt wird er beladen mit aller Schmach. Da wundern sich einige Weltleute und Ungläubige, wenn sie die Ungnade und den Zorn Gottes ertragen, da sie doch Gott in allen seinen Heiligen verfolgen. Alles ist auf den Kopf gestellt, alles in sein Gegenteil verkehrt. Ist jemand gut, so wird er wie ein Böser verachtet; ist er schlecht, wird er wie ein Guter geehrt. Es ist daher nicht merkwürdig, wenn wir von Tag zu Tag Schlimmeres erdulden, da wir von Tag zu Tag schlimmer werden. Einerseits verüben die Menschen täglich neue Schandtaten, von den alten aber lassen sie nicht ab. Neue Verbrechen entstehen, ohne daß die alten aufgegeben werden.

8. Nicht Gott bestraft uns, wir bestrafen uns selbst

Wo ist da Grund zur Klage? Wie hart und widrig auch sei, was wir erdulden, immer noch leiden wir Geringeres, als wir verdienen. Warum klagen wir, daß Gott hart mit uns verfährt? Wir verfahren mit Gott um vieles härter. Wir erbittern ihn durch unser sündenbeflecktes Leben und zwingen ihn gegen seinen Willen zur Strafe. Ist auch Gottes erhabener Geist durch keinen Ausbruch des Zornes zu erregen, so liegt doch in unsern Sünden ein solches Ärgernis, daß er durch uns zum Zorn gezwungen wird. Wir tun seiner Güte, um den Ausdruck zu gebrauchen, Gewalt an und legen sozusagen Hand an seine Barmherzigkeit. Obwohl es eine Folge seiner Güte ist, daß er uns ständig verschonen will, wird er durch unsere Sünden gezwungen, die von uns begangenen Frevel zu strafen. Und wie jene zu tun pflegen, die stark befestigte Städte belagern und wohlbewehrte Zitadellen einnehmen und stürzen wollen – sie gehen zweifellos mit allen Arten von Geschossen und Maschinen gegen sie vor -, so kämpfen wir, um die Barmherzigkeit Gottes zu überwinden, mit allen unmenschlichen Verbrechen wie mit allen Arten von Geschossen. Und wir glauben, Gott sei ungerecht gegen uns, während wir doch selbst am ungerechtesten gegen Gott sind. Denn jedes Christen jegliche Schuld ist ein Unrecht gegen die Gottheit. Denn wenn wir das von Gott Verbotene begehen, treten wir die Gebote des Herrn mit Füßen; und deshalb ist es ruchlos, in unserm Unglück die göttliche Strenge anzuklagen. Uns selbst müssen wir vielmehr anklagen. Denn wenn wir begehen, wofür wir gezüchtigt werden müssen, sind wir selbst die Urheber unserer Qual. Warum also klagen wir über die Bitternis der Strafe? Jeder einzelne von uns bestraft sich selbst. Und deshalb paßt jenes Wort des Propheten auf uns: „Siehe, ihr alle zündet das Feuer an und gebt der Flamme Nahrung; geht ein in die Glut eueres Feuers und der Flamme, die ihr angezündet habt!“ 1Denn das ganze Menschengeschlecht stürzt sich auf diese Art in die ewige Strafe, wie die Heilige Schrift darlegt. Zuerst nämlich zündet es das Feuer an, dann gibt es den Flammen Nahrung; zuletzt geht es hinein in die Glut, die es bereitet hat. Wann zündet denn der Mensch zuerst sich das ewige Feuer an? Doch dann, wenn er zu sündigen anfängt. Wann gibt er der Flamme Nahrung? Wenn er immerfort Sünden auf Sünden häuft. Wann aber wird er eingehen in das ewige Feuer? Dann, wenn er das Maß aller Frevel durch eine Unzahl stetig anwachsender Verbrechen bis zum Überfließen vollgemacht hat, wie unser Heiland zu den Führern der Juden sagt: „Macht das Maß euerer Väter voll, ihr Schlangen, ihr Natterngezücht!“ Sie waren nicht mehr weit vom Vollmaß der Sünden entfernt, da ihnen der Herr selber sagte, sie sollten die Sünden bis oben häufen. Ohne Zweifel sollten sie deswegen, weil sie schon des Heiles nicht wert wären, die Zahl der Frevel vollmachen, um dadurch zugrunde zu gehen. Nachdem daher auch das Alte Testament erzählt, daß die Sündenzahl der Amorrhäer voll sei, berichtet es, daß die Engel zu dem guten Loth also gesprochen hätten: „Führe all die Deinigen aus dieser Stadt heraus; denn wir werden diesen Ort vertilgen, weil ihr Geschrei sich gemehrt vor dem Herrn, der uns geschickt, sie zu verderben.“ Schon längst, fürwahr, hatte jenes lasterhafte Volk das Feuer angezündet, durch das es zugrunde gehen sollte. Und nachdem seine Laster das Vollmaß erreicht hatten, verbrannte es in den Flammen seiner Frevel. So schlecht hatte es gegen Gott gehandelt, daß es die Höllenstrafe, die eigentlich erst im jenseitigen Gericht verhängt wird, schon im Diesseits aushalten mußte.

9. Unsere Schuld ist besonders groß, weil sie die Fürsorge und Liebe Gottes verkennt

Aber es gibt niemand, wird jemand sagen, der einen solchen Untergang verdiente, weil niemand in seinem Laster mit jenen zu vergleichen ist. Vielleicht mag das wahr sein. Aber was tun wir, da der Heiland selbst alle, die sein Evangelium verachten, für schlechter als jene erklärte? Denn über Kapharnaum spricht er: „Wenn in Sodoma die Wunder geschehen wären wie in dir, es stände wohl noch bis auf den heutigen Tag. Ich sage euch aber, dem Lande der Sodomiten wird es erträglicher gehen am Tage des Gerichtes als dir.“ Wenn er sagt, die Sodomiten seien weniger verdammenswert als alle, die das Evangelium vernachlässigen, so ist wahrlich ein ganz sicherer Grund vorhanden, daß auch wir, die wir in so vielen Punkten das Evangelium vernachlässigen, noch Schlimmeres fürchten müssen, besonders, da wir mit den gewöhnlichen und gewissermaßen vererbten Lastern nicht mehr zufrieden sein wollen. Vielen genügen nämlich die gewöhnlichen Sünden nicht mehr; nicht mehr genügt ihnen der Streit, nicht Verleumdungen und Raub, nicht mehr genügen ihnen Weingelage und schwelgerische Gastmähler, es genügen ihnen nicht falsche Zeugnisse, Meineide, es genügen nicht Ehebrüche, nicht Morde, kurz, all das genügt nicht, was, obwohl unmenschlicher Wildheit entsprungen, in Wirklichkeit immer noch zu den menschlichen Missetaten gerechnet werden muß. Aber gotteslästerliche Menschen wagen es, in ihrer Raserei Hand an Gott selbst zu legen! ,,Denn sie setzten“, wie es von den Gottlosen geschrieben steht, „an den Himmel ihr Maul; ihre Zunge ergeht sich auf Erden; und sie sprechen: Wie soll Gott es wissen, wie gäbe es Kenntnis beim Höchsten?“ Ferner; „Nicht wird es sehen, noch wird es merken der Gott Jakobs.“ Auf solche kann man mit Recht jenes Wort des Sängers anwenden: „Der Tor spricht in seinem Herzen: es gibt keinen Gott.“ Denn die behaupten, Gott sehe nichts, sind nicht weit davon entfernt, dem auch das Sein abzusprechen, dem sie das Sehen absprechen, und zu behaupten, der, der nichts sehe, sei überhaupt nicht. Und mag auch fast keine schlechte Handlung sich auf Vernunft gründen, weil Verbrechen nicht mit Vernunft in Verbindung gebracht werden können: eine noch unvernünftigere und wahnsinnigere Annahme gibt es nicht. Denn was ist so verrückt, als wenn einer zwar nicht leugnet, Gott habe alle Dinge geschaffen, wohl aber, daß er sie lenke, und daß er bekennt, Gott sei der Schöpfer, vernachlässige aber seine Geschöpfe? Gerade, als ob er sich deswegen die Erschaffung aller Dinge hätte angelegen sein lassen, um seine Schöpfung zu vernachlässigen. Ich dagegen behaupte, Gottes Sorge für seine Geschöpfe gehe soweit, daß ich beweisen will, sie habe schon vor der Erschaffung bestanden! Die Sache selbst zeigt das nämlich ganz klar. Denn er hätte nichts geschaffen, wenn er sich nicht um die Schöpfung schon gekümmert hätte, bevor er etwas schuf; ist doch auch bei den Menschen niemand so stumpfsinnig, daß er etwas macht und vollendet, nur, um sich dann nicht mehr darum zu kümmern. Denn, wer einen Acker bebaut, bebaut ihn dazu, um das Angebaute zu erhalten. Und wer einen Weinberg pflanzt, tut das, um das Gepflanzte zu behüten. Und wer beginnt, sich eine Herde zu schaffen, tut das, um auf die Vermehrung der Tiere Sorgfalt zu verwenden. Wer ein Haus baut oder einen Grund legt, der nimmt doch all das, was er in diesen Anfangsarbeiten leistet, nur in der Hoffnung auf ein künftiges Heim auf sich. Aber was spreche ich da von den Menschen, da auch die kleinsten Lebewesen alles mit der Zielrichtung auf die Zukunft tun? Die Ameisen, die in ihren unterirdischen Gängen verschiedene Arten von Feldfrüchten zu verbergen pflegen, schleppen deswegen alles zusammen und häufen es auf, weil sie aus Liebe zu ihrem Leben auch das Angesammelte lieben. Wenn die Bienen die Grundlagen zu den Waben legen oder aus den Blüten den Staub herauslesen, was treibt sie anderes zum Thymian hin als das eifervolle Verlangen nach Honig, was anderes zu gewissen Blüten als die Liebe zu den Nachkommen? Gott also, der auch den kleinsten Lebewesen diese Liebe zum eigenen Werk einflößte, soll nur sich allein der Liebe zu seinen Geschöpfen beraubt haben, besonders, da alle Liebe zum Guten aus seiner gütigen Liebe auf uns überging? Er selbst nämlich ist die Quelle und der Ursprung von allem; und weil wir in ihm, wie geschrieben steht, leben und uns bewegen und sind, haben wir von ihm auch jegliche Liebe empfangen, mit der wir unsere Kinder lieben. Denn die ganze Welt und das ganze Menschengeschlecht ist ein Kind seines Schöpfers. Und gerade durch diese Liebe, durch die er uns unsere Kinder lieben ließ, wollte er uns zu erkennen geben, wie sehr er seine Kinder liebe. Denn wie nämlich, so lesen wir, „das Unsichtbare an ihm durch das Erschaffene erkannt und geschaut wird“, so wollte er uns seine Liebe zu uns durch die Liebe zeigen, die er uns zu den unsrigen eingeflößt hat. Und wie er, so steht geschrieben, alles Väterliche im Himmel und auf Erden nach sich selbst benannt haben wollte, so sollten auch wir seine Vaterliebe anerkennen. Was aber spreche ich von Vaterliebe? Es ist ja noch viel mehr als Vaterliebe. Das beweist das Wort des Heilandes, der im Evangelium sagt: „Denn so hat Gott die Welt geliebt, daß er seinen einzigen Sohn für das Leben der Welt hingab.“Aber auch der Apostel sagt: „Gott hat seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern ihn für uns alle hingegeben; wie sollte er mit ihm uns nicht alles gegeben haben?“

10. Weil Gott uns geliebt, schulden wir die größte Gegenliebe

Das ist es also, was ich oben sagte, daß Gott uns mehr liebt als ein Vater seinen Sohn. Es ist ja klar, daß Gottes Liebe die Liebe zu Kindern weit überragt, da er unsertwegen seines Sohnes nicht geschont hat; ja, noch mehr: eines gerechten Sohnes, eines eingeborenen Sohnes, eines Sohnes, der Gott ist. Was kann noch Höheres gesagt werden? Das geschah für uns, das heißt für Schlechte, für Ungerechte, für überaus Gottlose. Wer kann diese Liebe Gottes zu uns ermessen, außer er betrachtet, daß die Gerechtigkeit Gottes so groß ist, daß kein Schatten von Ungerechtigkeit auf ihn fallen kann? Denn nach dem Urteil der menschlichen Vernunft hätte einer Unrecht getan, wenn er für die schlechtesten Sklaven einen guten Sohn hätte töten lassen. Aber eben deswegen ist Gottes Güte um so unschätzbarer und sein Walten um so wunderbarer, weil die Größe seiner Gerechtigkeit vom Menschen so wenig erfaßt werden kann, daß dem schwachen menschlichen Verstande die Größe seiner Gerechtigkeit fast als Ungerechtigkeit erscheint. Deshalb sagt der Apostel, um unserm Urteil die Unermeßlichkeit der göttlichen Barmherzigkeit wenigstens einigermaßen nahe zu bringen: „Weshalb ist Christus, da wir noch Gottlose waren, in der Zeit für die Gottlosen gestorben? Stirbt doch kaum jemand für einen Gerechten.“ Durch diesen einen Satz zeigt er uns die Güte Gottes. Denn, wenn kaum einer für einen ganz Gerechten den Tod auf sich nimmt, so bewies Christus die Größe seines Opfers, indem er für Ungerechte starb. Aber warum der Herr das getan, lehrt er uns, wenn er im folgenden sagt: „Gott aber bewährt seine Liebe gegen uns dadurch, daß Christus für uns gestorben ist zur Zeit, da wir noch Sünder waren. Wievielmehr werden wir jetzt, da wir durch sein Blut gerechtfertigt sind, durch ihn vom Zorn befreit sein!“ Dadurch also bewährt er seine Liebe, daß er für Gottlose gestorben ist; denn die Wohltat, die Unwürdigen erwiesen wird, hat einen höheren Wert. Deshalb heißt es auch: Es bewährt Gott seine Liebe zu uns. Wie bewährt er sie? Dadurch, daß er sie uns ohne unser Verdienst schenkt. Hätte er sie Heiligen mit hohen Verdiensten zukommen lassen, so hätte er offenbar nicht gegeben, was er nicht zu geben brauchte, sondern nur geleistet, was er mußte. Was geben wir ihm für dies alles wieder, oder besser gesagt, was sollten wir ihm wiedergeben? Zunächst nämlich das, wovon der fromme Prophet bezeugt, daß er es schulde und wiedergeben werde, mit den Worten: ,,Was soll ich dem Herrn vergelten für alles, was er mir getan? Den Kelch des Heiles will ich empfangen und den Namen des Herrn anrufen.“ Die erste Wiedervergeltung besteht also darin, daß wir Tod für Tod schenken und alle für den sterben, der für uns gestorben ist, obgleich unser Tod viel weniger wert ist als der seine. So kommt es, daß wir, auch wenn wir den Tod auf uns nehmen, dennoch unsere Schuld nicht bezahlen. Da wir aber Größeres nicht geben können, so scheinen wir doch alles zurückzugeben, was wir zurückgeben können. Das ist also, wie gesagt, die erste Wiedervergeltung. Die zweite aber ist, daß wir unsere Schuld wenigstens durch Liebe bezahlen, wenn wir es schon durch den Tod nicht können. Denn deshalb wollte der Erlöser, wie der Apostel sagt, uns allen durch seinen Tod für uns seine Liebe beweisen, um uns durch das Beispiel seiner Liebe hinzureißen, für seine so große Liebe ein ebenso großes Entgelt zu leisten. Und wie die Naturkräfte jene wunderbaren Edelsteine hervorbringen, welche, nahe an Eisen herangebracht, sogar den härtesten Stahl sozusagen durch Ausatmen ihrer Liebe zu sich heraufziehen, so macht es auch jener, der wertvollste und herrlichste Edelstein des himmlischen Reiches. Indem er vom Himmel niederstieg und so sich uns, wenngleich ganz harten Menschen, näher verband, riß er uns gewissermaßen mit den Händen seiner Liebe zu seinem Herzen hin, damit wir seine Gaben und Wohltaten erkennen und einsehen sollten, was wir eigentlich für einen so gütigen Herrn tun müßten, da er für seine schlechten Diener soviel getan. Dann würde erfüllt werden, was der Apostel sagt, wir würden um seiner Liebe willen den ganzen Tag getötet, und weder Verwirrung noch Angst noch Verfolgung noch Hunger noch Blöße noch Schwert könnten uns trennen von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus, unserm Herrn, ist.

11. Wie aber vergelten wir diese Liebe ?

Da es nun ganz klar ist, daß wir Gott dies alles schuldig sind, so laßt uns sehen, was wir für all unsere Schuld vergelten. Was anderes als all das, wovon wir oben sprachen, alles Unziemliche, alles Unwürdige, alles Gott Beleidigende, gottlose Handlungen, schandvolle Sitten, Trunkenheit und Schwelgerei, blutige Taten, schmutzige Gelüste, rasende Leidenschaften und alles das andere, was zwar im Bewußtsein lebt, aber nicht ausgesprochen werden kann. „Denn“, sagt der Apostel, „was im geheimen von jenen geschieht, ist schmählich auszusprechen.“ Doch dies nicht allein. Denn dies ist alt und gehört sowohl der Vergangenheit als auch der Gegenwart an. Schwerer und beklagenswerter ist, daß wir den alten Sünden neue hinzufügen, und zwar nicht nur neue, sondern sogar heidnische, ungeheuerliche, in der Kirche Gottes vorher nicht gesehene. Wir schleudern verruchte Reden gegen Gott, lästern und schmähen ihn, indem wir sagen, Gott kümmere sich um nichts, Gott habe nicht acht, Gott sei nachlässig, Gott regiere nicht und deswegen sei er unbarmherzig und geizig, unmenschlich, rauh und hart. Denn, wenn man von einem sagt, er sei achtlos, sorglos, nachlässig, was fehlt da noch, daß er rauh, hart, unmenschlich genannt werde? O blinde Unverschämtheit! O gotteslästerliche Frechheit! Es genügt uns nämlich nicht, daß wir, eingeschnürt von unzähligen Sünden, in allen Dingen Gottes Schuldner sind, nein, wir müssen auch noch seine Ankläger sein! Und was für eine Hoffnung, so frage ich, hat der Mensch, der, des Gerichtes schuldig, den Richter selbst anklagt?

12. Unsere Sünden wiegen deshalb besonders schwer, weil wir Christen sind

Wenn also, so entgegnet man, Gott auf die menschlichen Dinge sieht, sich um sie kümmert, sie liebt, sie leitet, weshalb läßt er zu, daß wir schwächer und elender sind als alle Völker? Warum duldet er, daß wir von den Barbaren besiegt werden? Warum, daß wir unter die Botmäßigkeit der Feinde geraten? Um mich kurz auszudrücken: Er läßt uns, wie ich schon oben gesagt habe, diese Leiden erdulden, weil wir diese Leiden verdienen. Beachten wir nämlich die Schandtaten, die Laster, die Verbrechen des römischen Volkes, von denen wir oben gesprochen, dann werden wir erkennen, ob wir des Schutzes wert sind, wenn wir in solcher Verderbtheit leben. Weil daher sehr viele damit, daß wir elend und schwach sind, beweisen wollen, Gott nehme sich der Dinge auf Erden nicht an: was verdienen wir denn überhaupt? Wenn er uns nämlich, trotzdem wir in solchen Lastern, in solcher Ruchlosigkeit leben, sehr stark, sehr blühend, sehr glücklich sein ließe, könnte gerade dadurch vielleicht der Verdacht aufkommen, als ob Gott die Verbrechen der Römer nicht beachte, wenn er sie trotz ihrer so großen Schlechtigkeit und Verworfenheit glücklich sein ließe. Da er uns aber wegen unserer so großen Lasterhaftigkeit und Ruchlosigkeit ganz erniedrigt und elend sein läßt, tritt es klar zutage, daß Gott auf uns sieht und über uns urteilt, weil wir erdulden, was wir verdienen. Aber wir glauben keineswegs, daß wir das verdienen; und deshalb sind wir noch schuldbarer und strafwürdiger, weil wir nicht einsehen, was wir verdienen. Denn die lauteste Anklägerin schlechter Menschen ist ein unverschämtes Pochen auf Unschuld. Denn unter vielen, die sich gleicher Verbrechen schuldig gemacht haben, ist keiner strafbarer als der, der sich nicht für einen Verbrecher hält. Deshalb können wir unseren Sünden nur diese eine noch hinzufügen, daß wir uns für unschuldig halten. Zugegeben, antwortet einer, wir mögen Sünder sein und noch dazu große, so sind wir doch sicher und unleugbar besser als die Barbaren; und deshalb ist es immer offenbar, daß Gott sich nicht um die menschlichen Dinge kümmert, weil wir, trotzdem wir besser sind, den Schlechteren unterworfen werden. Ob wir besser sind als die Barbaren, werden wir später noch sehen. Das aber ist zweifellos sicher: Wir sollen besser sein. Und deshalb sind wir schlechter, weil wir nicht besser sind, obwohl wir es doch sein müßten. Denn je angesehener der Stand, desto ärger die Schuld. Und wenn die Person des Sünders höher gestellt ist, dann ist auch die Häßlichkeit der Sünde größer. Diebstahl ist zwar bei jedem Menschen eine böse Tat; aber verdammenswürdiger ist ohne Zweifel ein Senator, wenn er stiehlt, als irgendeine niedrige Person. Unzucht ist allen untersagt; aber viel schwerer ist es, wenn ein Kleriker, als wenn einer aus dem Volk Unzucht treibt. Deshalb irren auch wir, die wir Christen und Katholiken heißen, schwerer, wenn wir uns mit ähnlichen Lastern beflecken wie die Barbaren. Denn furchtbarer ist unsere Sünde, da wir sie als Träger eines heiligen Namens begehen. Wo das erhabenere Vorrecht, da ist auch die größere Schuld. Der Glaube, zu dem wir uns bekennen, klagt nämlich selbst unsere Verirrungen an. Schuldhafter ist die Unkeuschheit dessen, der Reinheit gelobt hat; häßlicher ist es, wenn sich einer betrinkt, der sonst Nüchternheit zur Schau trägt. Nichts ist schmählicher als ein Philosoph, der niedrigen Lastern nachjagt; denn außer der Häßlichkeit, welche die Laster an sich tragen, wird er gerade durch den Namen eines Lebensweisen noch mehr gebrandmarkt. Und wir haben vor dem ganzen Menschengeschlecht uns zur christlichen Lebensweisheit bekannt; und deshalb muß man uns für schlechter ansehen und halten als alle Heiden, weil wir unter dem Namen eines so erhabenen Bekenntnisses leben und, obwohl zum Glauben bestellt, doch nur sündigen.

13. Die Römer haben zwar ein besseres Sittengesetz als die Barbaren, leben aber nicht danach

Aber ich weiß, daß es sehr vielen unerträglich erscheint, wenn wir schlechter genannt werden als die Barbaren. Aber was bedeutet das? Es nützt doch unserer Sache nichts, wenn uns dieser Vorwurf unerträglich erscheint. Es erschwert vielmehr unsere Schuld, wenn wir uns für besser halten, da wir doch schlechter sind. ,,Denn wer“, sagt der Apostel, „glaubt, er sei etwas, da er nichts ist, betrügt sich selbst; der Mensch aber prüfe sein Tun.“ Unseren Werken müssen wir glauben, nicht unserer Meinung; der Vernunft, nicht der Sinnlichkeit; der Wahrheit, nicht unserem Wunsche. Da es also einigen unerträglich vorkommt, daß wir für schlechter oder doch nicht viel besser als die Barbaren gehalten werden, so laßt uns sehen, inwiefern wir besser sind und welchen Barbaren wir überlegen sind. Bei jedem Barbarenvolk gibt es nämlich zweierlei Arten: die Ketzer und die Heiden. Was nun das göttliche Gesetz anbelangt, sage ich, daß wir unvergleichlich besser sind als diese alle; was aber das Leben und die Lebenshaltung angeht, so muß ich mit Schmerz beklagen, daß wir schlechter sind. Trotzdem möchten wir dies, wie schon oben gesagt, nicht vom gesamten römischen Volk behaupten. Ich nehme nämlich zunächst alle Gottgeweihten aus, dann auch einige Weltleute, die den Gottgeweihten gleich sind oder, wenn das zuviel gesagt ist, wenigstens ähnlich durch die Ehrbarkeit und Rechtschaffenheit ihrer Handlungen. Die übrigen sind entweder alle oder fast alle schuldbeladener als die Barbaren. Schuldbeladener sein, das heißt aber schlechter sein. Da es einigen unvernünftig und lächerlich vorkommt, daß wir für schlechter oder doch nicht viel besser als die Barbaren gelten sollen, so laßt uns sehen, wie schon gesagt, inwiefern wir schlechter sind und welchen Barbaren wir nachstehen. Ich behaupte also, daß außer den Römern, die ich kurz vorher genannt habe, die übrigen alle oder fast alle schuldbeladener seien und ein verwerflicheres Leben führten als die Barbaren. Du wirst vielleicht zornig, wenn du das liesest, und verurteilst das, was du liesest. Aber ich scheue deine Kritik nicht. Verurteile, wenn ich lüge; verurteile, wenn ich nicht beweise; verurteile, wenn ich nicht darlege, daß meine Behauptungen auch in der Heiligen Schrift enthalten sind! Wir halten uns also für besser als alle Völker der ganzen Welt; und ich selbst, der ich behaupte, die Römer seien in den meisten Dingen schlechter, leugne nicht, daß sie in manchen besser seien. Was, wie ich gesagt habe, das Leben und die Sünden anlangt, sind wir schlechter; was das katholische Sittengesetz anlangt, sind wir unvergleichlich besser. Aber da ist zu beachten: wenn das Gesetz gut ist, so kommt das nicht von uns; wenn aber unser Lebenswandel schlecht ist, so kommt das von uns. Und die Güte des Gesetzes nützt uns nichts, wenn unser Lebenswandel schlecht ist. Das gute Gesetz ist nämlich ein Geschenk Christi, das schlechte Leben aber fällt uns zur Last. Deswegen sind wir um so schuldiger, wenn wir ein gutes Gesetz zu hüten haben, aber schlechte Hüter sind. Oder eigentlich sind wir gar keine Hüter, weil wir schlecht sind; denn ein schlechter Hüter kann gar nicht Hüter genannt werden. Wer eine heilige Sache nämlich nicht in heiliger Weise beobachtet, beobachtet sie überhaupt nicht; und deshalb ist das Gesetz, das wir zu beachten hätten, unser Ankläger.

14. Unsere Sünden sind die gleichen wie die der Barbaren

Lassen wir also das Vorrecht des Gesetzes, das uns entweder nichts nützt oder höchstens zu gerechter Strafe verurteilt, beiseite und vergleichen wir das Leben der Barbaren mit unseren Bestrebungen und Sitten und Lastern! Ungerecht sind die Barbaren, und wir sind es auch; habsüchtig sind die Barbaren, und wir sind es auch; treulos sind die Barbaren, und wir sind es auch; lüstern sind die Barbaren, und wir sind es auch; schamlos sind die Barbaren, und wir sind es auch; voll von Ruchlosigkeiten und Lastern sind die Barbaren, und wir sind es auch. Aber vielleicht kann mir entgegengehalten werden: wenn wir den Barbaren an Lasterhaftigkeit gleich sind, warum sind wir ihnen nicht an Macht gleich? Wenn die Ruchlosigkeit ähnlich ist und die Schuld die gleiche, müßten wir da nicht so stark sein wie diese, oder müßten nicht wenigstens sie so schwach sein wie wir? Das ist wahr; und daraus ergibt sich nur der eine Schluß, daß diejenigen auch die Schuldigeren sind, die die Schwächeren sind. Wie beweisen wir das? Einfach mit dem Hinweis, den wir oben gemacht haben, daß Gott alles nach seinem Urteil tue. Wenn nämlich, wie geschrieben steht, die Augen des Herrn an jedem Ort auf Gute und Böse schauen und nach dem Apostel das Urteil Gottes sich der Wahrheit gemäß über alle Gottlosen vollzieht, so sehen wir, daß wir, die wir nicht aufhören, Böses zu tun, nach dem Urteil des gerechten Gottes die Strafe für unsere Bosheit aushalten. Aber, so entgegnest du, die Barbaren begehen die gleichen Sünden, und dennoch sind sie nicht so unglücklich wie wir. Das ist aber der Unterschied: Wenn die Barbaren das gleiche tun wie wir, so liegt doch in unserer Sünde eine größere Beleidigung. Es können nämlich unsere und der Barbaren Laster gleich sein, aber die Sünden bei diesen Lastern sind für uns notwendigerweise schwerer. Denn alle Barbaren sind entweder Heiden oder Ketzer, wie schon oben gesagt. Von den Heiden will ich zuerst sprechen, weil ihr Irrtum älter ist. Der Stamm der Sachsen ist wild, die Franken sind treulos, die Gepiden unmenschlich, die Hunnen unzüchtig. Das Leben all dieser heidnischen Barbaren ist Lasterhaftigkeit. Aber haben ihre Laster das gleiche Gewicht wie die unsrigen? Ist die Unzüchtigkeit der Hunnen so verbrecherisch wie die unsere? Ist die Treulosigkeit der Franken so strafbar wie die unsrige? Verdient die Trunkenheit eines Alemannen soviel Tadel wie die eines Christen? Oder ist die Raubgier eines Alanen so verdammenswert wie die eines Christen? Wenn ein Hunne oder ein Gepide betrügt, was ist daran sonderbar, da er das eigentlich Schuldhafte an der Falschheit gar nicht kennt? Wenn ein Franke einen Meineid schwört, was tut er da Merkwürdiges, da er doch den Meineid als eine bloße Redensart, nicht als ein Verbrechen ansieht? Und ist es sonderbar, daß die Barbaren dies glauben, da sie doch Gott und sein Gesetz nicht kennen, wenn fast der größte Teil des römischen Volkes so glaubt, obwohl er weiß, daß er sündigt? Um von anderen Menschenklassen zu schweigen, betrachten wir nur die Scharen der syrischen Händler, die fast den größten Teil aller Städte in Besitz genommen haben: Ist ihr Leben etwas anderes als ein Sinnen auf List und ein ständiges Lügendreschen? Oder halten sie nicht die Worte für völlig verloren, die sie nicht zu ihrem Vorteil sprechen können? Soviel Ehre erweisen sie Gott, der den Eid verbietet, daß sie jeden Falscheid als ganz hervorragenden Nutzen betrachten. Was ist also merkwürdig daran, wenn die Barbaren betrügen, da sie das Verbrecherische des Betruges nicht kennen? Sie tun nämlich nichts in Verachtung der göttlichen Vorschriften, da sie die Vorschriften Gottes gar nicht kennen, weil man gegen ein Gesetz, das man nicht kennt, nicht sündigen kann. Unsere ganz besondere Schuld ist das, daß wir zwar das göttliche Gesetz lesen, aber das geschriebene Gesetz immer verletzen; daß wir sagen, wir kennen Gott, aber seine Befehle und Vorschriften immer mit Füßen treten. Und da wir so ihn verachten, während wir glauben und uns rühmen, ihn zu verehren, ist sogar das, was als Gottesverehrung erscheint, ein Unrecht.

15. Mißbrauch heiliger Namen beim Schwören

Um endlich von anderen Sünden zu schweigen: wen gibt es noch unter den Weltmenschen, wenige ausgenommen, der deshalb den Namen Christi nicht immer im Munde führte, um falsch zu schwören? Daher ist auch bei den Adeligen und Nichtadeligen die Schwurformel schon ganz gewöhnlich geworden: bei Christus, ich tue das; bei Christus, ich vollführe das; bei Christus, nichts anderes werde ich sagen; bei Christus, nichts anderes werde ich tun! Und weiter: bis dahin ist es schon gekommen, daß, wie ich vorher von den heidnischen Barbaren gesagt habe, Christi Name nicht mehr einen heiligen Eid, sondern eine bloße Redensart bedeutet. Denn so wenig gilt bei den meisten dieser Name, daß sie niemals weniger daran denken, etwas zu tun, als wenn sie bei Christus schwören, etwas zu tun. Und wenn geschrieben steht, du sollst den Namen Gottes, deines Herrn, nicht eitel nennen, so ist die Ehrfurcht vor Christus so tief gesunken, daß unter den übrigen Eitelkeiten der Welt fast nichts eitler erscheint als der Name Christi. Übrigens schwören viele bei Christi Namen, daß sie nicht nur läppische und weibische Dinge, sondern auch Verbrechen ausführen werden. Folgende Redensart führen solche Leute im Munde: Bei Christus, ich nehme das und jenes fort; bei Christus, ich schlage ihn; bei Christus, ich bringe ihn um! Soweit ist es schon gekommen, daß man glaubt, wenn man bei Christi Namen schwört, werde das Verbrechen zu einer frommen Tat. Ich will erzählen, was mir selbst einmal passiert ist. Vor einiger Zeit legte ich auf Bitten eines Armen hin bei einem Vornehmen Fürsprache ein und beschwor ihn, dem unglücklichen und dürftigen Menschen nicht den letzten Lebensunterhalt wegzunehmen, ihm nicht den letzten Halt und die letzten Einkünfte, auf die sich seine Armut stützen konnte, zu rauben. Da blickte jener, der mit wütendem Verlangen nach des Armen Vermögen strebte und seine Beute schon in leidenschaftlicher Hoffnung und brennender Gier verschlungen hatte, mit rollenden und trotzigen Augen auf meinen Mund; glaubte er doch, daß ihm von mir das weggenommen werde, was er selbst dem andern noch nicht weggenommen hatte. Dann antwortete er, daß meine Bitte von ihm durchaus nicht erfüllt werden könne, gerade als ob er dies auf einen wahrhaftigen Befehl und auf ein heiliges, geschriebenes Gesetz hin tue, die er auf keinen Fall umgehen könne. Und als ich ihn nach dem Grund fragte, warum dies nicht geschehen könne, brachte er etwas ganz Ungeheuerliches vor, wogegen man einfach nichts mehr einwenden durfte: „Ich habe geschworen“, sagte er, „ich muß die Güter jenes Menschen wegnehmen. Sieh also, ob ich das unterlassen kann und darf, was ich sogar unter Anrufung des Namens Christi zu tun gelobt habe!“ Darauf ging ich weg – was hatte ich auch anders tun sollen, nachdem mir eine so gerechte und heilige Sache vorgetragen worden war? – Hatte ich doch gehört, daß es auch ein heiligmäßiges Verbrechen geben kann!

16. Nicht die Heiden, sondern die Christen lästern Gott

Hier frage ich nun alle, die noch bei gesundem Menschenverstand sind: Wer hätte je geglaubt, daß menschliche Leidenschaft und Anmaßung bis zu solcher Schmähung Gottes sich versteigen werde, daß sie sogar ein Unrecht gegen Christus in Christi Namen zu tun vorgeben? Ein unglaubliches, schauderhaftes Treiben! Woran wagt sich nicht eine ruchlose Gesinnung! Man bewaffnet sich mit dem Namen Gottes, um zu rauben; man macht Gott sozusagen zum Urheber seines Frevels; und obwohl Christus alles Böse verwehrt und bestraft, so behauptet man doch, sein Verbrechen für Christus zu begehen. Wir beklagen uns über das Unrecht der Feinde und wir legen den Falscheid der heidnischen Barbarei zur Last. Wieviel geringer ist die Sünde, wenn jene bei den Dämonen falsch schwören, als wenn wir dies bei Gott tun! Und wieviel unbedeutender ist das Verbrechen, den Namen Jupiters zu verspotten als den Christi! Dort ist es ein toter Mensch, bei dem man schwört; hier der lebendige Gott, bei dem man falsch schwört; dort ist es nicht einmal ein Mensch, hier der höchste Gott. Da hier der Eid bei Gott von heiligster Bedeutung ist, muß der Meineid notwendiger Weise ein sehr großes Verbrechen sein; da dort so gut wie kein Eid geleistet wird, ist es klar, daß auch kein Meineid geleistet wird; denn da es Gott nicht ist, bei dem geschworen wird, ist es kein Meineid, wenn man falsch schwört. Wer endlich wissen will, wie wahr das ist, der höre, wie der heilige Apostel Paulus gerade das, was wir sagen, verkündigt; er sagt nämlich so: „Wir wissen aber, daß das Gesetz alles, was es sagt, denen sagt, die unter dem Gesetz sind.“ Und nochmals sagt er: „Wo kein Gesetz, da ist auch keine Übertretung.“ In diesen beiden Sätzen unterscheidet er ganz klar zwei Teile des Menschengeschlechtes: solche, die außerhalb des Gesetzes sind, und solche, die unter dem Gesetz leben. Welche sind nun die unter dem Gesetz Stehenden? Wer anders als die Christen? So sagt ja der Apostel selbst von sich: „Ohne Gesetz Gottes bin ich nicht, sondern unter dem Gesetz Christi lebe ich.“ . Wer ist daher ohne Christi Gesetz? Wer anders als die Heiden, die das Gesetz des Herrn nicht kennen? Und daher sagt er von diesen: „Wo kein Gesetz ist, da ist auch keine Übertretung.“ Dadurch allein zeigt er, daß nur die Christen Übertreter des Gesetzes sind, wenn sie sündigen; die Heiden aber, die das Gesetz nicht kennen, ohne Gesetzesübertretung sündigen, weil niemand ein Gebot übertreten kann, das er nicht kennt. Nur wir sind daher Übertreter des göttlichen Gesetzes, die wir, wie geschrieben steht, das Gesetz lesen und es nicht halten; und deshalb ist unser Wissen nichts anderes als Schuld, da wir das Gesetz nur dazu kennen, um mit größerer Verfehlung zu sündigen. Denn was wir durch die Schriftlesung in unserm Innern erkannt haben, treten wir in unsern Lüsten verächtlich mit Füßen. Und darum ist mit Recht das folgende Apostelwort an alle Christen gerichtet: „Du, der du dich des Gesetzes rühmst, entehrst Gott durch Übertretung des Gesetzes. Denn der Name Gottes wird durch euch unter den Heiden verlästert.“ Welches Vergehens die Christen schuldig sind, kann aus dieser einen Äußerung erkannt werden: sie lästern den Namen Gottes. Und obwohl uns durch die Schrift auferlegt ist, alles zur Ehre Gottes zu tun, tun wir im Gegenteil alles zu seiner Schmach, Und obwohl unser Heiland uns täglich zuruft: „So laßt euer Licht vor den Menschen leuchten, damit die Menschenkinder euere guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist“, leben wir im Gegenteil so, daß die Kinder der Menschen unsere bösen Werke sehen und unsern Vater lästern, der im Himmel ist.

17. Vom Leben der Christen schließen die Heiden auf Christi Lehre

So liegen die Dinge; und da können wir uns noch mit dem großen Vorrecht des Christennamens schmeicheln, wenn wir so handeln und leben, daß wir gerade deshalb eine Schande für Christus bedeuten, weil wir ein Christenvolk heißen! Und anderseits bei den Heiden, wo findet sich da etwas Ähnliches? Kann man von den Hunnen sagen: „Sieh, wie die leben, die Christen genannt werden?“ Und etwa von den Sachsen und Franken: „Schau, was die treiben, die behaupten, sie seien Christen?“ Wird etwa durch die wilden Sitten der Mauren das hochheilige Gesetz verunehrt? Verführen etwa die noch so unmenschlichen Sitten der Skythen und Gepiden zur Schmähung und Lästerung des Namens des Erlösers? Kann von irgendeinem von diesen gesagt werden: Wo ist das katholische Gesetz, an das sie glauben? Wo sind die Vorschriften über Frömmigkeit und Keuschheit, die sie lernen? Sie lesen die Evangelien und sind schamlos, sie hören die Apostel und betrinken sich, sie folgen Christus und rauben, sie führen ein sündhaftes Leben und behaupten, sie hätten ein heiliges Gesetz? Kann man von irgendeinem dieser Völker das sagen? Keineswegs; von uns aber gilt alles dies; in uns leidet Christus Schmach; in uns duldet das christliche Gesetz Erniedrigung. Für uns also gilt das oben Gesagte: Sieh, wie die sind, die Christus verehren! Vollkommen falsch ist es also, wenn sie sagen, sie lernen Gutes, wenn sie sich rühmen, die Vorschriften eines heiligen Gesetzes in Besitz zu haben. Wenn sie nämlich Gutes lernen würden, wären sie gut. Wie die Gläubigen, so der Glaube! Ohne Zweifel sind sie das, was sie gelehrt werden. So ist es auch offenbar, daß ihre Propheten Unzucht lehren, und die Apostel, die sie lesen, die Missetaten gebilligt haben, und die Evangelien, an denen sie sich bilden, das verkünden, was sie treiben. Heilig wären endlich die Handlungen der Christen, wenn Christus Heiliges gelehrt hätte. Der Verehrte kann also an seinen Verehrern gemessen werden. Wie kann der ein guter Lehrer sein, dessen Schüler, wie wir sehen, so schlecht sind? Aus ihm sind ja die Christen, ihn hören sie, ihn lesen sie. Man hat es ganz leicht, Christi Lehren zu verstehen: Schau nur zu, was die Christen treiben, und du kannst genau wissen, was Christus lehrt. Was für eine verkehrte und schlechte Meinung die Heiden immer über das heilige Herrenopfer hatten, lehren die grausamen Untersuchungen unmenschlicher Verfolger, welche glaubten, bei den Opfern der Christen geschehe nur Unreines und Abscheuliches. Sie glaubten, den Anfang unseres Gottesdienstes bildeten zwei sehr große Laster, zuerst Mord und dann, was schwerer noch ist als Mord, Blutschande. Und nicht nur Mord und Blutschande, sondern, was noch verbrecherischer ist als selbst Blutschande und Menschenmord, Blutschande an ehrwürdigen Müttern und Mord an unschuldigen Kindern; sie glaubten, diese würden von den Christen nicht nur getötet, sondern auch, eine noch abscheulichere Untat, aufgegessen. Und das alles, um Gott zu versöhnen, als ob er durch irgendeine Tat mehr beleidigt werden könnte; um ein Verbrechen zu sühnen, als ob es ein größeres geben könnte; um das Opfer wohlgefällig zu machen, als ob der Herr irgend etwas mehr verabscheuen könnte; um das ewige Leben zu verdienen, gerade als ob es etwas Besonderes wäre, durch so scheußliche Verbrechen dahin zu gelangen, selbst, wenn es mit solchen Mitteln überhaupt erreicht werden könnte.

18. Die Sünden der Christen sind besonders schwer, weil sie die Heiden zur Gotteslästerung veranlassen

Wir können also erkennen, wofür die Heiden die Christen hielten, die Gott mit solchen Opfern verehrten, oder wie verzerrt sie Gott selber sahen, der diesen Gottesdienst gelehrt. Und warum das? Aus welchem anderen Grunde als wegen derer, die sich Christen heißen, es aber nicht sind, die durch ihre Verbrechen und Laster den Namen der Religion schänden, die, wie geschrieben steht,1zugeben, daß sie Gott kennen, durch ihre Taten ihn aber leugnen, da sie verabscheuenswürdig und ungläubig sind, untüchtig zu jeglichem guten Werk. Um ihretwillen wird, wie wir lesen, der Weg verlästert, und der heilige Name Gottes des Herrn wird durch die Flüche räuberischer Menschen geschmäht. Was für eine schwere, eine besondere Sühne heischende Sünde es ist, den Namen der Gottheit den Heiden zur Lästerung auszuliefern, das lehrt uns auch das Beispiel des seligen David: Dieser wurde zwar um seiner sonstigen Gerechtigkeit willen begnadigt und gewürdigt, der ewigen Strafe für seine Vergehen durch ein einziges Bekenntnis zu entrinnen; für dieses Verbrechen aber konnte er trotz des Schutzes der Buße keine Verzeihung erlangen. Denn nachdem er seinen Fehler eingestanden hatte, sagte der Prophet Nathan zu ihm: ,,Gott hat deine Sünde weggenommen; du wirst nicht sterben“; aber sofort fügt er hinzu: ,,aber weil du den Feinden des Herrn um dieses Wortes willen Anlaß zum Lästern gegeben hast, wird der Sohn, der dir geboren ward, sterben“. Und was geschah dann? Er legt die Königskrone ab, wirft die Edelsteine weg, zieht den Purpur aus, entfernt allen Glanz der Königswürde, und an Stelle von alldem, einsam, seufzend, eingeschlossen, mit einem Sack bekleidet, von Tränen feucht, befleckt von der Asche, fleht er mit so vielen Bitten und Klagen um das Leben seines Kindes und bestürmt den gütigsten Gott in so eindringlichen Gebeten. Obwohl er so bat und beschwor, konnte er doch nicht erhört werden, während er so fest geglaubt hatte, daß er von Gott erlangen werde, was er so heiß erflehte, ein Glaube, der sonst eine starke Stütze für einen Bittenden ist. Daraus kann ersehen werden, daß es gar kein strafwürdigeres Vergehen gibt, als den Heiden Veranlassung zur Gotteslästerung zu geben. Wer sich nämlich schwer verfehlt, ohne daß andere Gott lästern, stürzt nur sich in die Verdammnis. Wer aber andere veranlaßt, Gott zu lästern, reißt viele mit sich in den Tod und ist notwendiger Weise für so viele schuldig, als er mit in die Schuld hineingezogen hat. Und nicht nur das: sondern wenn ein Sünder so sündigt, daß er durch seine Sünde anderen nicht Veranlassung zur Gotteslästerung gibt, so schadet diese Sünde ihm, dem Sünder, ganz allein. Er verunehrt aber nicht den heiligen Namen Gottes durch frevlerische Lästerungen und Flüche anderer. Wer aber durch seine Sünde anderen Veranlassung zur Gotteslästerung gibt, dessen Sünde geht über das Maß menschlichen Frevels hinaus, weil er durch die Schmähungen unendlich vieler anderer Gott eine unnennbare Beleidigung zufügt.

19. Die Christen haben gegen das Gesetz größere Verpflichtungen als die Heiden, weil sie das Gesetz kennen, die Heiden aber nicht

Das aber ist, wie gesagt, ein besonders schweres Laster der Christen, daß nur ihretwegen Gott gelästert wird, um ihretwillen, die Gutes lernen und Böses tun, die, wie geschrieben steht, Gott in Worten bekennen und durch die Tat verleugnen, die, wie eben der Apostel sagt, im Gesetz ruhen und seinen Willen kennen und das Bessere billigen, die das Urbild des Wissens und der Wahrheit im Gesetze haben, die verkünden, man dürfe nicht stehlen, und doch stehlen, die lesen, man dürfe nicht ehebrechen, und die doch ehebrechen, die sich im Gesetz rühmen und durch Übertretung des Gesetzes Gott entehren. Und gerade deswegen sind die Christen schlechter, weil sie besser sein müßten. Sie stehen nicht ein für das, was sie bekennen, und bekämpfen ihr Bekenntnis durch ihre Sitten: Verdammenswürdiger nämlich ist die Bosheit, für die der Name der Rechtschaffenheit zum Ankläger wird; und ein frommer Name ist eine schwere Belastung für einen Frommen. Daher sagt auch der Heiland in der Apokalypse zu dem lauen Christen: „O daß du warm wärest oder kalt! Weil du aber lau bist, will ich anfangen, dich auszuspeien aus meinem Munde.“ Jedem Christen befiehlt der Herr, von Glaubensgeist zu erglühen. So nämlich steht geschrieben: „Seien wir im Geiste glühend, dienend dem Herrn!“ In dieser Glut des Geistes zeigt sich nämlich der Eifer religiösen Glaubens. Wer am meisten von diesem Eifer hat, erweist sich als glühend im Glauben; wer überhaupt nichts davon hat, der gibt sich als kalt und heidnisch zu erkennen; wer aber zwischen beiden steht, das heißt gar nichts ist, ist für den Herrn ein lauer und verhaßter Christ, und deshalb sagt er zu ihm: „O daß du warm wärest oder kalt! Nun aber, da du lau bist, will ich anfangen, dich auszuspeien aus meinem Munde.“ Damit will er sagen, wenn du die Wärme und Treue der guten Christen hättest oder doch die Kälte und Unwissenheit der Heiden; entweder würde dein warmer Glaube dich dem Herzen Gottes nahe bringen, oder es würde doch für jetzt die Unkenntnis des Gesetzes dich einigermaßen entschuldigen; nun aber, da du Christus schon anerkannt hast und den vernachlässigst, den du anerkannt hast, wirst du, der du sozusagen durch die Kenntnis des Glaubens in den Mund Gottes aufgenommen worden bist, wegen deiner Lauheit wieder ausgeworfen. Das legt auch der heilige Apostel Petrus ganz klar auseinander, indem er von den Lasterhaften und Lauen, das heißt, den Christen, die ein schlechtes Leben führen, sagt: „Besser wäre es für sie, die Wahrheit nicht zu kennen, als nach gewonnener Erkenntnis von dem gegebenen Gebote wieder abzuweichen. Ihnen geht es, wie es in einem wahren Sprichwort heißt: Der Hund kehrt zurück zu seinem Auswurf, und das Schwein badet sich immer wieder im schmutzigen Morast.“ Damit wir nun deutlich erkennen, dies gelte von jenen, die mit dem Christennamen in Schmutz und Unreinheit der Welt leben, so höre, was an derselben Stelle von diesen geschrieben steht: „Wenn sie der Befleckung der Welt durch die Erkenntnis unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus entronnen sind und dann sich wieder verlocken und überwinden lassen, werden die letzten Dinge schlimmer sein als die ersten.“ Ebenso drückt sich der heilige Apostel Paulus aus: „Die Beschneidung nützt zwar, wenn du das Gesetz beobachtest; übertrittst du aber das Gesetz, so ist deine Beschneidung Vorhaut geworden.“ Daß aber unter der Beschneidung das Christentum zu verstehen sei, lehrt er selbst ganz klar, indem er sagt: „Beschneidung sind wir, wenn wir im Geiste Gott dienen und nicht auf das Fleisch vertrauen.“ Und daraus ersehen wir, daß er die schlechten Christen mit den Heiden vergleicht, und nicht nur vergleicht, sondern sie ihnen fast nachsetzt, indem er sagt: ,,Wenn also der Unbeschnittene die Satzungen des Gesetzes beobachtet, wird nicht seine Vorhaut für Beschneidung gerechnet werden? Und wird die Vorhaut von Natur, die das Gesetz erfüllt, nicht dich verdammen, der du trotz Buchstaben und Beschneidung Übertreter des Gesetzes bist?“ Daraus erkennen wir, wie schon oben gesagt, daß wir um vieles schuldbarer sind, die wir Gottes Gesetz haben und es verachten, als die, die es überhaupt nicht haben noch kennen. Denn niemand verachtet, was er nicht kennt. ,,Die Begierde“, sagt der Apostel, „kannte ich nicht, wenn nicht das Gesetz vorschriebe: du sollst nicht begehren!“ Denn die fallen nicht vom Gesetz ab, die keines haben, weil – so steht geschrieben – es keine Übertretung gibt, wo kein Gesetz ist.“ Und wenn deswegen die nicht vom Gesetz abfallen, die keines haben, verachten sie auch keine Gesetzesvorschriften, weil sie keine haben, weil, wie gesagt, niemand verachten kann, was er nicht kennt. Wir aber sind Verächter ebenso gut wie Übertreter und deswegen schlimmer als die Heiden, weil jene die Gebote Gottes nicht kennen, wir aber sie kennen; jene haben sie nicht, wir haben sie; jene unterlassen, was sie nie gehört; wir treten mit Füßen, was wir gelesen. Und so ist bei ihnen die Unwissenheit, bei uns die Übertretung. Denn es ist ein geringeres Vergehen, das Gesetz nicht zu kennen, als es zu verachten.

V. Buch

1. Nicht das Gesetz, sondern dessen Übertretung ist verderblich

Ich weiß, daß gerade die Ungläubigsten und Unfähigsten, die göttliche Wahrheit aufzunehmen, meinen Darlegungen entgegenhalten können: Wenn die Schuld der ungläubigen Christen so groß sei, daß sie mehr sündigen, indem sie die Gebote des Herrn, die sie kennen, nicht beachten, als heidnische Völker, die sie nicht kennen, so wäre für diese ihre Unwissenheit heilsamer als die Erkenntnis gewesen; und gegen sie spräche eigentlich nur die Tatsache, daß sie die Wahrheit erkannt haben. Darauf ist zu sagen, daß ihnen nicht die Wahrheit schadet, sondern ihre Laster, nicht das Gesetz, sondern ihre Sitten. Setze dagegen gute Sitten voraus, und die Gesetzesvorschriften sind für uns. Nimm die Laster weg, und das Gesetz nützt uns. Wir wissen nämlich, sagt der Apostel, daß das Gesetz gut ist, wenn es richtig angewendet wird. Wende daher das Gesetz richtig an und du hast selbst das Gesetz gut gemacht. „Wir wissen“, heißt es, „daß das Gesetz gut ist, wenn man es rechtmäßig anwendet, bedenkend, daß das Gesetz nicht für den Gerechten gegeben ist.“ Deshalb fange an, gerecht zu sein, und du wirst frei vom Gesetz sein; denn das Gesetz kann nicht gegen die Sitten aufstehen, weil es in den Sitten seinen Halt hat. „Denn wir wissen“, heißt es, „daß das Gesetz gut ist, wenn man es rechtmäßig anwendet, bedenkend, daß das Gesetz nicht für den Gerechten gegeben ist, sondern für die Ungerechten und die Widerspenstigen, für die Verbrecher und Gottlosen und Sünder und wider alles, was sonst noch gegen die gesunde Lehre verstößt.“ Deswegen, o Mensch, ist nicht so sehr das Gesetz dir feindlich, als du dem Gesetz; und das Gesetz handelt durch seine guten Vorschriften nicht dir zuwider, sondern du handelst gegen das Gesetz durch dein schlechtes Leben. So ist also das Gesetz für dich, du aber gegen das Gesetz. Das Gesetz sorgt für dich, indem es Heiliges lehrt; du trittst gegen dasselbe auf, indem du Schlechtes tust; und zwar nicht nur gegen das Gesetz trittst du auf, sondern auch gegen dich. Deswegen nämlich handelst du gegen das Gesetz und gegen dich, weil in ihm dein Heil und dein Leben liegt. Und darum gibst du dein eigenes Heil preis, wenn du dich von dem Gesetz wendest. Unsere Klage über das göttliche Gesetz ist nichts anderes als die Klage eines ungeduldigen Kranken über den besten Arzt, wenn er durch seine Schuld seine Krankheit vergrößert und dann die Unerfahrenheit des Arztes beschuldigt. Gerade als ob durch Vorschriften irgendeine Krankheit geheilt werden könnte, wenn der Kranke ihnen nicht gehorcht; oder als wenn die vom Arzt befohlene Lebensweise jemand heilen könnte, wenn der Leidende selbst sie nicht einhält. Was hilft dem Magen Absinth, wenn sofort wieder Süßigkeiten darauf folgen? Was nützt dem Wahnsinnigen das Stillschweigen seiner Umgebung, wenn sein eigenes Geschrei ihn tötet? Und was kann ein Gegengift einem nützen, wenn sofort wieder Gift nachgeschüttet wird? Und für uns ist das Gesetz das Gegengift, unsere Lasterhaftigkeit aber das Gift. Das Gegengift des Gesetzes kann uns nicht heilen, weil uns das Gift unserer Laster tötet. Aber wir haben darüber schon früher genug gesagt und werden, wenn das Thema es verlangt, mit der Hilfe des Herrn auch später noch davon sprechen.

2. Auch die Häretiker sind nicht so schuldig wie die Rechtgläubigen

Wir haben oben zwei Arten oder Abteilungen von Barbaren unterschieden: die Heiden und die Häretiker. Da wir aber über die Heiden meiner Meinung nach genügend gehandelt haben, wollen wir auch, wie die Sache verlangt, die Häretiker einer Erörterung unterziehen. Denn es könnte jemand sagen: Wenn das göttliche Gesetz auch von den Heiden nicht verlangt, Gebote zu erfüllen, die sie nicht kennen, so verlangt es das doch von den Häretikern, da diese die Vorschriften kennen. Denn jene läsen das gleiche wie wir, bei ihnen gebe es die gleichen Propheten Gottes, dieselben Apostel, dieselben Evangelisten; deshalb werde das Gesetz von ihnen nicht weniger vernachlässigt als von uns, ja sogar noch viel mehr. Denn da sie die gleichen Vorschriften läsen wie unsere Leute, handelten sie doch viel schlimmer als wir. Du sagst also, jene läsen das gleiche wie wir. Wie soll das das gleiche sein, was einstmals von schlechten Schriftstellern böswillig verunechtet und schlecht überliefert worden ist? Und deswegen lesen sie schon nicht das gleiche, weil das keineswegs das gleiche genannt werden kann, was in irgendeinem wesentlichen Teil verfälscht ist. Denn was die Vollständigkeit verloren hat, besitzt auch keine Unversehrtheit mehr; und was der Kraft der göttlichen Geheimnisse beraubt ist, bewahrt in keiner Weise sein eigentliches Wesen. Nur wir haben daher die heiligen Schriften vollständig, unverletzt, unversehrt, wir, die wir sie an der Quelle trinken oder sie, aus reinstem Born geschöpft, vermittelst einer unverfälschten Übertragung in uns aufnehmen; nur wir lesen sie gut. Und wenn wir sie doch so gut erfüllen würden, wie wir sie lesen! Doch ich fürchte, daß wir das, was wir nicht gut beobachten, auch nicht gut lesen, weil es ein geringeres Vergehen ist, Heiliges nicht zu lesen, als das Gelesene zu übertreten. Die übrigen Völker haben das Gesetz Gottes nämlich überhaupt nicht, oder es ist abgeschwächt und tödlich getroffen. Und deswegen haben die, die ein solches Gesetz haben, überhaupt keines. Und wenn es einige Barbarenvölker gibt, die scheinbar in ihren Büchern die Heilige Schrift weniger verfälscht und verstümmelt besitzen, so ist sie doch durch die Überlieferung ihrer früheren Lehrer verdorben; und deshalb haben sie mehr die Überlieferung als die Schrift selbst, weil sie nicht das festhalten, was die Wahrheit des Gesetzes ihnen rät, sondern was eine verdorbene, schlechte Überlieferung hineingelegt hat. Die Barbaren, die römischer, ja sogar menschlicher Bildung bar sind, die überhaupt nichts wissen, als was sie von ihren Lehrern hören, befolgen das, was sie hören; und so müssen sie, die, unkundig aller Lesekunst und Wissenschaft, das Geheimnis des göttlichen Gesetzes mehr durch die Lehre als durch eigene Lektüre aufnehmen, auch mehr die Lehre behalten als das Gesetz selber. Deshalb ist für sie die Überlieferung ihrer Lehrer und deren eingewurzelte Lehre soviel wie das Gesetz, weil sie nur das wissen, was sie gelehrt werden. Häretiker sind sie daher, aber ohne es zu wissen. Nach unserer Meinung sind sie Häretiker, nach der ihren sind sie es nicht. Denn so sehr halten sie sich für katholisch, daß sie sogar uns mit dem Namen Häretiker beschimpfen. Was daher jene für uns sind, das sind wir für sie. Wir sind sicher, daß sie der göttlichen Zeugung eine Schmach antun, wenn sie sagen, der Sohn sei geringer als der Vater. Jene meinen, wir beleidigen den Vater, weil wir beide für gleich halten. Bei uns ist die Wahrheit, aber jene behaupten zuversichtlich, sie seien in ihrem Besitz. Wir ehren Gott; aber jene meinen, ihr Glaube gereiche Gott zur Ehre. Sie erfüllen ihre Pflicht nicht; doch halten sie das für höchste religiöse Pflichterfüllung. Sie sind gottlos, aber halten das für wahre Frömmigkeit. Sie irren also, aber guten Glaubens, nicht aus Haß gegen Gott, sondern aus Liebe zu ihm; denn sie glauben, daß sie Gott ehren und lieben. Obwohl sie nicht den rechten Glauben haben, halten sie das doch für die vollkommene Liebe zum Herrn. Inwieweit sie für diesen Irrtum und diese falsche Meinung am Tage des Gerichtes Strafe verdienen, kann niemand wissen außer der Richter. Inzwischen aber behandelt sie Gott, wie ich glaube, mit Geduld, weil er sieht, daß sie zwar nicht den rechten Glauben haben, doch in der Liebe eines frommen Wahnes irren, besonders aber, da er weiß, daß sie aus Unkenntnis sündigen, während die Unsrigen die Vorschriften ihres Glaubens vernachlässigen. Und so sündigen jene durch die Schuld ihrer Lehrer, die Unsrigen durch ihre eigene; jene in Unkenntnis, diese mit Wissen; jene tun, was sie für recht halten, die Unsrigen das, was sie als verkehrt erkannt haben. Und deshalb erträgt Gott jene nach seinem gerechten Urteil in Geduld, uns züchtigt er mit Strafe; denn der Unwissenheit kann bis zu einem gewissen Grade verziehen werden, die Verachtung verdient keine Nachsicht. So nämlich steht geschrieben: ,,Ein Knecht, der den Willen seines Herrn nicht kennt und ihn nicht tut, wird nur wenig gezüchtigt. Wer ihn aber kennt und nicht tut, wird viel gezüchtigt.“

3. Gottes Absichten bei der Duldung der Häretiker

Daher brauchen wir uns nicht zu wundern, wenn wir mit vielem Leid geschlagen werden, da wir nicht aus Unkenntnis, sondern in Widersetzlichkeit sündigen. Obwohl wir nämlich das Gute kennen, handeln wir nicht gut; und obwohl wir den Unterschied zwischen Gut und Bös kennen, halten wir uns an das Böse. Wir lesen das Gesetz, treten aber die Gesetzesvorschriften mit Füßen; und nur zu dem Zweck lernen wir die Befehle und Gebote Gottes kennen, daß wir trotz aller Verbote um so schwerer sündigen. Wir behaupten, Gott zu verehren, gehorchen aber dem Teufel. Und nach all dem wollen wir von Gott Gutes empfangen, während wir doch Frevel auf Frevel häufen. Wir wünschen, daß Gott unseren Willen tue, während wir seinen Willen nicht tun wollen. Wir handeln, als ob wir über Gott stünden. Wir verlangen, daß Gott ständig unserem Willen gehorche, obwohl wir immerfort seinem Willen zuwiderhandeln. Aber jener ist gerecht, mögen auch wir ungerecht sein; er züchtigt die, die er für strafbar hält; er erträgt die, die er der Duldung für wert erachtet. Mit beidem will er an ein Ziel gelangen; die Züchtigung soll bei den Katholiken die Lust zu sündigen zügeln, und die Nachsicht soll die Häretiker die volle Wahrheit erkennen lassen; besonders, da er weiß, daß sie vielleicht des katholischen Glaubens nicht unwürdig sind; muß er doch sehen, daß sie bei einem Vergleich ihres Lebens vor den Katholiken den Vorzug verdienen. Alle die, von denen wir sprechen, sind entweder Vandalen oder Goten; denn von der zahllosen Menge der römischen Ketzer reden wir nicht. Wir vergleichen sie auch weder mit den Römern noch mit den Barbaren, weil sie an Glaubenslosigkeit schlimmer sind als die Römer und an Schlechtigkeit der Lebensführung ärger als die Barbaren, Aber das hilft uns nicht nur nicht, sondern beschuldigt uns nur noch mehr, als wir selbst uns beschuldigen, weil auch die, von denen wir so Schlimmes sagen müssen, Römer sind. Daraus können wir ersehen, was der ganze römische Staat verdient, da ein Teil der Römer Gott durch die Lebensführung beleidigt, ein Teil durch Glaubenslosigkeit und Lebensführung zugleich, ganz abgesehen davon, daß seinerzeit auch der Abfall der Barbaren selbst von der Schlechtigkeit der römischen Regierung ausging; und deshalb lastet auch noch die Schuld auf uns, daß die Barbarenvölker Häretiker wurden.

4. Bei den Römern herrschen größere Laster als bei den Goten und Vandalen, z.B. die Proskriptionen gegen die Armen

Was daher den Lebenswandel der Goten und Vandalen anlangt: in welchen Punkten können wir uns ihnen voranstellen oder auch nur uns mit ihnen vergleichen? Um zuerst von der gegenseitigen Liebe und Zuneigung zu sprechen, die der Herr als die vorzüglichste Tugend lehrt und die nicht nur die Heilige Schrift, sondern auch Christus persönlich empfiehlt, indem er sagt: „Daran soll man erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr einander liebet“ -: fast alle Barbaren, wenn sie nur ein Volk unter einem König sind, lieben einander; fast alle Römer verfolgen einander. Welcher Bürger beneidet nämlich nicht seinen Mitbürger? Wer erweist dem Nachbarn volle Nächstenliebe? Alle nämlich sind, wenn auch nicht örtlich, so doch durch ihre Abneigung getrennt; wenn auch die Wohnung sie eint, durch die Gesinnung sind sie weit voneinander entfernt. Und wenn es nur – mag auch das schon ein ganz arges Übel sein – wenn es nur Mitbürger und Nachbarn wären! Noch schwerer wiegt es, daß nicht einmal Verwandte die Rechte der Verwandtschaft anerkennen wollen. Wer macht sich zum Nächsten seiner nächsten Angehörigen? Wer zollt der Liebe, was er nach seiner eigenen Erkenntnis wenigstens dem Namen schuldig ist? Wer ist das im Geiste, was er dem Namen nach ist? Wer fühlt sich im Herzen so verwandt wie dem Blute nach? In wem flackert nicht die fahle Flamme böser Eifersucht? Wessen Sinn beschleicht nicht der Neid? Wem ist nicht das Wohlergehen des Nächsten eine Qual? Wer hält nicht das Glück des andern für sein eigenes Unglück? Wer ist so zufrieden mit seinem eigenen Glück, daß er auch das des anderen wünscht? Ein neues, schier unbeschreibliches Laster haftet jetzt den meisten an; es ist ihnen zu wenig, wenn sie selbst glücklich sind; es muß auch der Nächste unglücklich sein! Und dieses Laster, so wild, so ganz aus dieser Gottlosigkeit kommend, so fremd den Barbaren, so vertraut den Römern, besteht darin, daß man sich gegenseitig austreibt und proskribiert; nein, nicht gegenseitig, das wäre ja fast noch erträglicher, wenn jeder das erduldete, was er selbst verübt hat; noch schwerwiegender ist es, daß die meisten von ganz wenigen proskribiert werden, für die die öffentlichen Ausweisungen eine besondere Beute ergeben, die die Schuldforderungen der Staatskasse in einen Gewinn ihrer Privatkasse verwandeln. Und das tun nicht nur die Höchsten, sondern auch die Niedrigsten, nicht nur die Richter, sondern auch die Untergebenen der Richter. Denn wie viele große Städte, ja sogar Landstädte und Dörfer gibt es noch, wo nicht ebenso viele Tyrannen leben wie Beamte? Aber vielleicht sind sie noch stolz auf diesen Titel, weil er Macht und Ehre bedeutet. Denn auch die Räuber freuen sich fast alle und prahlen, wenn ihr Ruf noch furchtbarer ist als sie selber. Was gibt es noch für einen Ort, wo nicht von den Leitern der Gemeinde das letzte Hab und Gut der Witwen und Waisen verschlungen wird und mit diesem das fast aller Gottgeweihten? Denn auch diese sind für sie wie Witwen und Waisen, weil sie im Eifer ihres Bekenntnisses sich nicht verteidigen wollen oder aus Unschuld und Demut es nicht können. Niemand von diesen ist sicher und überhaupt niemand, außer die Höchststehenden, bleibt verschont von Verwüstung, Raub und Plünderung, außer die, die selbst wie die Räuber sind. Zu einem solchen Zustand, nein, zu einem solchen Verbrechen ist es allenthalben gekommen, daß keiner heil bleiben kann, wenn er nicht selber schlecht ist.

5. Viele Römer verzichten darauf, Römer zu bleiben und flüchten zu den Barbaren

Aber, da es so viele gibt, welche die Guten berauben, so gibt es vielleicht auch einige, welche bei der Beraubung zu Hilfe eilen, damit sie, wie geschrieben steht, „den Dürftigen und Armen aus der Hand des Sünders befreien“. Es gibt keinen, der Gutes tut, fast keinen einzigen. Deswegen heißt es, „fast keinen einzigen“, weil die Guten so selten sind, daß es „fast kein einziger“ zu sein scheint. Denn wer läßt Gequälten und Leidenden Hilfe angedeihen, da nicht einmal die Priester des Herrn der Gewalttätigkeit ruchloser Menschen Widerstand leisten? Denn die meisten von ihnen schweigen oder benehmen sich so, als schwiegen sie, auch wenn sie reden; und zwar tun das viele nicht aus Schwachheit, sondern mit Absicht, wie sie glauben, und nach vernünftiger Überlegung. Die offenkundige Wahrheit wollen sie nicht vorbringen, weil die Ohren der ruchlosen Menschen sie nicht ertragen können; und sie fliehen sie nicht nur, sondern hassen und verfluchen sie auch; und haben sie sie gehört, so fürchten und scheuen sie dieselbe nicht nur nicht, sondern verachten sie in ihrem hartnäckigen Stolz mit noch größerer Feindschaft. Und deshalb schweigen auch die, die reden könnten, ja bisweilen verschonen sie sogar die Bösen; die ganze kraftvolle Wahrheit wollen sie nicht vorlegen, um sie nicht durch eine allzu heftige Vorstellung der Wahrheit noch schlechter zu machen. Unterdessen werden Arme ausgeplündert, seufzen Witwen, werden Waisen mit Füßen getreten; ja, es ist soweit gekommen, daß viele von ihnen, und zwar nicht solche aus niedrigem Geschlecht und mit guter Bildung, zu den Feinden fliehen, um nicht unter dem Druck der staatlichen Verfolgung zu sterben. Sie suchen bei den Barbaren die Menschlichkeit der Römer, weil sie bei den Römern die barbarische Unmenschlichkeit nicht ertragen können. Und obwohl sie von denen, zu denen sie flüchten, in Gebräuchen und Sprache abweichen, ja sogar schon, wenn ich so sagen darf, durch den üblen Geruch der Leiber und der Barbarenkleider sich abgestoßen fühlen, wollen sie doch lieber bei den Barbaren unter der ungewohnten Lebenshaltung leiden als bei den Römern unter ungerechter Wut. Deshalb wandern sie scharenweise entweder zu den Goten oder zu den Bagauden oder zu anderen Barbaren, die ja allenthalben herrschen; und es reut sie nicht, hinübergewandert zu sein. Denn lieber leben sie unter dem Schein der Gefangenschaft frei als unter dem Schein der Freiheit als Gefangene. Deswegen wird der Name des römischen Bürgers, der einst nicht nur hoch geschätzt, sondern auch um viel Geld gekauft wurde, jetzt aus freien Stücken verschmäht und gemieden; und er gilt nicht bloß als geringwertig, sondern sogar fast als verabscheuungswert. Und was kann ein noch schlagenderer Beweis für die römische Ungerechtigkeit sein, als daß sehr viele ehrenwerte Adelige, denen das Römersein höchstes Ansehen und Ehre hätte bringen sollen, durch die Grausamkeit und Ungerechtigkeit der Römer soweit gekommen sind, daß sie keine Römer mehr sein wollen? Und daher kommt es, daß auch die, die nicht zu den Barbaren fliehen, doch gezwungen werden, Barbaren zu sein, wie zum Beispiel ein großer Teil der Spanier und ein nicht geringerer der Gallier, und endlich alle, welche wegen der auf dem ganzen Erdkreis verbreiteten römischen Ungerechtigkeit keine Römer mehr sein können.

6. Auch das Bagaudenwesen ist nur eine Folge der Unterdrückung

Nun will ich von den Bagauden sprechen, die durch schlechte und grausame Richter beraubt, niedergeschlagen, getötet wurden, und die nach Verlust des Rechtes römischer Freiheit auch die Ehre des römischen Namens verloren. Wir geben ihnen selbst Schuld an ihrem Unglück, wir geben ihnen in ihrem Unglück einen Namen, wir belasten sie mit einem Namen, den wir selbst geschaffen haben; wir nennen sie Rebellen, wir nennen sie Verworfene, die wir doch zwangen, Verbrecher zu werden. Denn wodurch anders wurden sie Bagauden als durch unsere Ungerechtigkeiten, durch die Ruchlosigkeit der Richter, durch die Proskriptionen und Räubereien derer, die das Amt staatlicher Steuereinhebung zu eigenem Gewinn und Vorteil mißbrauchten, und die die Steuerlisten zu einem Feld für ihre Beutelust gemacht haben? Die nach Art der wilden Tiere die ihnen Anvertrauten nicht regierten, sondern verschlangen, und nicht nur an dem geraubten Hab und Gut dieser Menschen sich sättigten, wie das doch die meisten Räuber gewöhnlich tun, sondern sie auch zerrissen und sozusagen von ihrem Blute sich nährten? Und so kam es, daß diese Menschen, gewürgt und getötet durch die Räubereien der Richter, anfingen, wie Barbaren zu leben, weil man sie keine Römer sein ließ. Sie waren es zufrieden, etwas zu sein, was sie nicht waren, weil man ihnen nicht gestattete, zu sein, was sie gewesen waren; und sie waren gezwungen, wenigstens ihr Leben zu verteidigen, weil sie sahen, daß sie die Freiheit schon völlig verloren hatten. Und was geschieht jetzt anderes als damals, das heißt, daß die, die noch keine Bagauden sind, gezwungen werden, es zu sein? Was nämlich die Gewalttaten und Ungerechtigkeiten anlangt, so zwingt man sie, es sein zu wollen; durch ihre Schwachheit werden sie daran gehindert. So sind sie also sozusagen wie Gefangene, vom Joch der Feinde gedrückt; sie müssen die Pein ertragen aus Not, nicht nach ihrem Willen; ihr Herz sehnt sich nach Freiheit, aber sie schmachten in tiefster Knechtschaft.

7. Die Reichen verschonen sich und belasten die Armen

So nun wird mit fast allen Niedrigen verfahren; durch eine Ursache werden sie in zwei ganz verschiedene Richtungen gedrängt. Höchste Gewalttätigkeit zwingt sie, nach Freiheit zu streben; aber eben diese Gewalttätigkeit, die das Wollen hervorruft, verhindert das Können. Aber vielleicht kann man es noch zum Guten anrechnen, daß diesen Wunsch doch nur Menschen hegen, die eigentlich nichts sehnlicher begehren, als zu diesem Wunsche nicht gezwungen zu werden; denn was sie wünschen, ist tatsächlich ihr höchstes Unglück. Es würde ihnen nämlich viel besser gehen, wenn sie zu diesem Streben nicht gezwungen wären. Denn was anderes können diese Unglücklichen wünschen, sie, die immer wieder einsetzendes, ja sogar ununterbrochenes Verderben durch die staatliche Steuereintreibung erleiden; die immer schwere, vollständige Gütereinziehung bedroht, die ihre Häuser verlassen, um nicht sogar im eigenen Heim gequält zu werden; die in die Verbannung gehen, um die Martern nicht aushalten zu müssen? Milder sind die Feinde gegen sie als die Steuereinnehmer. Die Tatsachen zeigen das: sie fliehen zu den Feinden, um gewalttätiger Enteignung zu entgehen; und sogar das wäre, obwohl hart und unmenschlich, doch weniger schwer und bitter, wenn alle es in gleicher Weise und gemeinsam zu ertragen hätten. Aber noch unwürdiger und verdammenswerter ist es, daß nicht alle die Last aller tragen, ja, daß sogar die Abgaben an die Reichen die Armen bedrängen und die Schwächeren die Lasten der Stärkeren tragen. Und der einzige Grund, warum sie es nicht mehr ertragen können, ist der, daß die Last der Unglücklichen größer ist als ihre Tragfähigkeit. Zwei verschiedene und einander ganz entgegengesetzte Leiden müssen sie erdulden: Neid und Armut. Der Neid erscheint bei dem, was sie zahlen müssen, die Armut bei dem, was sie zahlen können. Ziehst du das in Betracht, was sie erlegen müssen, so möchtest du meinen, sie hätten Überfluß; siehst du aber darauf, was sie besitzen, so wirst du finden, daß sie arm sind. Wer kann die Größe dieser Ungerechtigkeit ermessen? Sie müssen zahlen wie Reiche und sind arm wie Bettler. Und noch viel mehr will ich sagen: Bisweilen machen die Reichen, für welche die Armen zahlen, selbst die Steuerzuschläge. Man mag vielleicht einwenden: wenn doch ihre Vermögenseinschätzung so hoch und ihre Steuern so groß sind, wie kann es dann sein, daß diese selbst ihre Zahlungsverpflichtungen vergrößern wollen? Ich behaupte aber gar nicht, daß sie diese für sich vergrößern, denn sie tun es ja nur deswegen, weil sie es nicht für sich tun. Ich will sagen, wie sie es machen. Sehr häufig kommen neue Boten, neue Geschäftsträger, von den höchsten Behörden geschickt; sie werden wenigen Vornehmen zum Verderben sehr vieler anderer empfohlen. Für diese werden nun neue Geschenke festgelegt, neue Steuerausschreibungen angesetzt. Die Mächtigen entscheiden, was die Armen zahlen sollen; die ,,Gnade“ der Reichen bestimmt, was eine Menge von Unglücklichen verlieren soll. Sie selbst spüren ja das nirgends, was sie beschließen. Aber, entgegnest du, Gesandte der Obrigkeit muß man doch ehren und mit offenen Händen empfangen. Gut, ihr Reichen, seid dann auch die ersten beim Zahlen, die ihr die ersten beim Beschlüssefassen seid! Seid die ersten in der Freigebigkeit mit Geld, wie ihr die ersten in der Freigebigkeit mit Worten seid! Was du von dem Meinen gibst, gib auch von dem Deinen! Allerdings wäre es ja das Richtigste, du würdest, wer du auch seist, der du allein die Gunst erhaschen willst, auch ganz allein die Ausgaben tragen. Aber wollen wir Armen uns einmal euerm Willen, ihr Reichen, fügen; was ihr, die Wenigen, befehlt, wollen wir alle zahlen; das ist ganz gerecht, das ist ganz menschlich. Euere Beschlüsse belasten uns mit neuen Verpflichtungen; veranlaßt wenigstens, daß auch die Pflichten uns und euch gemeinsam werden! Denn, was kann es Ungerechteres und Empörenderes geben, als daß ihr allein, die ihr alle anderen zu Schuldnern macht, frei von Schulden seid? Und so zahlen die unglücklichen Armen alles, wie wir gesagt haben, und wissen gar nicht, aus welchen Gründen oder zu welchem Zweck sie es zahlen. Denn wem ist es gestattet, zu fragen, warum er zahlen muß, oder wer darf sich erkundigen, wieviel er eigentlich schuldet? Aber dann kommt dies klar an die Öffentlichkeit, wenn die Reichen miteinander streiten, wenn sich einige von ihnen darüber entrüsten, daß ohne ihren Rat und ihre Mitwirkung Beschlüsse gefaßt worden sind. Dann kann man einige ausrufen hören: O unwürdige Tat! Zwei oder drei setzen fest, was viele verdirbt! Von wenigen Mächtigen wird entschieden, was von vielen Unglücklichen gezahlt werden soll. Denn jeder Reiche tut es nur seiner Ehre zuliebe, daß er in seiner Abwesenheit keine Beschlüsse gefaßt haben will; keiner aber tut es der Gerechtigkeit zuliebe, daß er etwa ungerechte Beschlüsse nicht in seiner Anwesenheit zuläßt. Was sie an den anderen zu tadeln hatten, das setzen sie dann später selbst fest, entweder, um sich für die vergangene Übergehung zu rächen oder um ihre Macht zu behaupten. Und deshalb sind die unglücklichen Armen in einer Lage wie zwischen zwei aufeinander tosenden Sturmwinden mitten auf dem Meer: bald geht der Wogenschwall der einen, bald der der anderen über sie hinweg.

8. Unrecht und Bedrückung zwingen die Armen zur Aufgabe der Freiheit

Aber natürlich werden die, die in einer Hinsicht böse sind, in anderer als maßvoll und gerecht befunden, und sie gleichen die Bosheit in einer Sache durch Gerechtigkeit in einer anderen wieder aus. Denn wie sie mit der Last neuer Steuerausschreibungen die Armen beschweren, so unterstützen sie sie auch wieder durch die Zuwendungen neuer Hilfsmittel; einerseits bedrücken sie die Niedrigen außerordentlich durch neue Abgaben, anderseits erleichtern sie ihr Los sehr wirksam durch neue Hilfsmittel. Mit nichten; in Wirklichkeit ist die Ungerechtigkeit in beiden Punkten gleich groß. Denn wie sie bei der Unterdrückung der Armen die ersten sind, so sind sie die letzten bei ihrer Wiederaufrichtung. Wenn nämlich die Regierung, wie jüngst erst geschehen, wirklich einmal für die heruntergekommenen Städte etwas tun und in etwa die Tributlasten vermindern zu müssen glaubt, dann teilen sofort die Reichen allein diese Erleichterung unter sich auf, die für alle gelten sollte. Wer erinnert sich dann der Armen? Wer ruft die Niedrigen und Dürftigen zum gemeinschaftlichen Genuß dieser Wohltat? Wer läßt den, der der erste ist beim Tragen der Last, bei ihrer Erleichterung auch nur an letzter Stelle sein? Und weiter: man hält die Armen überhaupt nicht für Steuerzahler, wenn man ihnen nicht ein Übermaß von Steuern auferlegt. Wenn aber die Hilfsmittel verteilt werden, dann fallen sie aus der Reihe der Steuerzahler fort. Und da meinen wir, wir hätten nicht die Strafe göttlicher Strenge verdient, wenn wir die Armen immer so bestrafen; oder glauben wir etwa, daß Gott gegen uns gar nicht gerecht zu sein braucht, da wir in einem fort ungerecht sind? Wo oder bei welchen Völkern herrschen diese üblen Zustände außer bei den Römern? Wer ist so ungerecht wie wir? Die Franken kennen dieses Verbrechen nicht; die Hunnen sind frei von solchem Frevel; nichts davon findet man bei den Vandalen, nichts bei den Goten; weit entfernt davon, daß die Barbaren bei den Goten solches erdulden müßten; nicht einmal die Römer, die bei ihnen leben, müssen es erdulden. Deshalb ist es der einzige Wunsch aller dort lebenden Römer, niemals mehr unter die Botmäßigkeit der Römer kommen zu müssen. Ein einziges und einstimmiges Gebet gibt es bei den dort lebenden Römern, es möchte ihnen vergönnt sein, das Leben, das sie führen, mit den Barbaren weiter zu führen. Und wir wundern uns, daß die Goten von den Unsrigen nicht besiegt werden, da die Römer lieber bei ihnen als bei uns sind! Deshalb wollen unsere Brüder nicht nur nicht von ihnen zu uns zurückkommen, sondern sie verlassen uns, um zu ihnen zu fliehen. Und ich für meinen Teil kann mich nur wundern, daß nicht überhaupt alle dürftigen und armen Steuerzahler es so machen. Es gibt dafür nur einen Hinderungsgrund, nämlich den, daß sie ihre geringe Habe und ihre Hütten und ihre Familien nicht hinüberbringen können. Denn da die meisten, um der gewaltsamen Steuereintreibung zu entgehen, ihre dürftigen Äcker und Behausungen verlassen müssen, wie sollten sie da nicht wünschen, wenn irgendwie möglich, das mit sich zu nehmen, was zu verlassen man sie zwingt? Weil sie also das nicht tun können, was sie lieber möchten, tun sie, wozu allein sie imstande sind: sie liefern sich nämlich Größeren zu Schutz und Schirm aus, ergeben sich den Reichen als Hörige und begeben sich sozusagen unter deren Gewalt und Botmäßigkeit. Und ich würde diesen Zustand gar nicht für drückend oder unwürdig erachten, im Gegenteil, die Großen zu dieser ihrer Macht beglückwünschen, der die Armen sich ausliefern, wenn jene diese Schutzherrschaft nicht verkauften, wenn ihre vorgebliche Verteidigung der Niedrigen aus Menschlichkeit geschähe, nicht aus Habgier. Das ist grausam und außerordentlich bitter, daß sie auf diese Weise scheinbar die Armen schützen, um sie zu berauben, daß sie so die Unglücklichen verteidigen, um sie durch ihre Verteidigung noch unglücklicher zu machen. Denn alle die, die scheinbar geschützt werden, weisen, schon bevor sie den Schutz genießen, fast ihre ganze Habe den Beschützern zu; und so verlieren die Söhne das Erbe, damit die Vater einen Schutz genießen. Der Schutz der Eltern wird mit der Bettelarmut der Kinder erkauft. So sieht die Hilfe und die Schirmherrschaft der Großen aus: nichts teilen sie ihren Schützlingen zu, sich selbst aber alles. Unter der Bedingung wird den Eltern zeitweise etwas überlassen, daß den Kindern für die Zukunft alles genommen werde. Die Großen verkaufen also – und zwar manche um ganz schweres Geld – alles, was sie bieten. Aber, was sage ich: sie verkaufen es! Wenn sie doch auf gewöhnliche und allgemeine Art verkauften, dann bliebe vielleicht den Käufern auch etwas übrig. Aber das ist ja eine ganz neue Art von Kauf und Verkauf! Der Verkäufer gibt nichts her und empfängt alles; der Käufer empfängt nichts und verliert alles ganz und gar. Und da es doch bei jedem Kaufvertrag so ist, daß der Käufer der Beneidenswerte und der Verkäufer der Dürftige zu sein scheint, weil der Käufer kauft, um sein Vermögen zu vermehren, der Verkäufer zu dem Zweck verkauft, es zu verringern, ist dies eine unerhörte Art des Handelns. Das Vermögen des Verkäufers wächst, den Käufern bleibt nichts als nur der Bettelstab. Das ist doch untragbar und ungeheuerlich und so, daß es denkende Menschen, ich darf nicht sagen, nicht ertragen, nein, kaum mehr hören können. Die meisten Armen und Unglücklichen werden ihrer kleinen Habe beraubt und aus ihren Gütchen hinausgeworfen; und nachdem sie alles verloren haben, müssen sie für das verlorene Vermögen auch noch Steuern auf sich nehmen. Den Besitz sind sie los geworden, die Besitzsteuer werden sie nicht los. Vermögen haben sie keines und werden doch mit Abgaben überschüttet. Wer kann ein solches Übel abwägen? Eindringlinge sitzen auf ihrer Habe, die Steuern dafür müssen die Unglücklichen statt der Eindringlinge zahlen. Nach dem Tode des Vaters haben die Kinder auf Grund der Rechtsnachfolge ihre Äcker nicht mehr und gehen doch an den Leistungen für diese Äcker zugrunde. Und was anderes wird durch dieses große Verbrechen erreicht, als daß die, die durch private Eingriffe ihrer Habe beraubt worden sind, durch öffentliche Bedrückung noch völlig vernichtet werden, und daß die, denen durch Raub das Vermögen genommen wurde, nun durch Steuereintreibung auch ums Leben kommen? Deshalb suchen einige von denen, über die wir reden, die entweder klüger sind, oder die die Not klüger gemacht hat, Grundstücke der Großen auf und werden Kolonen, wenn sie Haus und Hof entweder durch gewaltsame Enteignung verlieren oder, von den Steuerboten vertrieben, sie verlassen, weil sie ihren Besitz ja doch nicht halten können; und wie die, die der Schreck vor dem Feinde vertrieb, sich in feste Plätze begeben oder andere nach Verlust der angebornen Freiheit verzweifelt in irgendein Asyl sich flüchten, so nehmen auch diese das Joch eines verachteten Hintersassen auf sich, weil sie weiterhin ihren angestammten Wohnsitz und die Würde ihrer Abkunft doch nicht erhalten können; soweit hat sie die Not getrieben, daß sie Heimatlose nicht nur ihrem Vermögen nach, sondern auch ihrem Stande nach sind, daß sie nicht nur aus ihrer Habe hinausgedrängt sind, sondern auch aus ihrem ganzen Selbst und mit sich selbst all das Ihre verlieren; sie sind ganz ohne Eigentum und verlieren dazu Recht und Freiheit.

9. Gottes Gericht ist gerecht, wir aber erkennen es nicht

Und obwohl ein so unglückliches Schicksal drückt, wäre dieses bis zum Äußersten getriebene Elend noch erträglich, wenn nicht ein allerletztes hinzu käme. Das aber ist noch drückender und bitterer, daß sich zu diesem Unglück ein noch grausameres hinzugesellt. Sie werden nämlich wie Fremde aufgenommen; auf Grund ihres Wohnsitzes werden sie Eingeborne und nach Art der mächtigen Zauberin, welche Menschen in Tiere verwandelt haben soll, werden auch alle die, die auf den Grundstücken der Reichen Aufnahme gefunden, verwandelt wie durch die Zauberei mit dem Becher der Circe. Denn allmählich halten die Reichen die, die sie wie Flüchtlinge und Fremdlinge aufnahmen, wie Leibeigene; die offenbar Freien werden Sklaven. Und da wundern wir uns, wenn uns die Barbaren gefangen nehmen, da doch wir unsere eigenen Brüder zu Gefangenen machen! Es ist gar nicht verwunderlich, daß Städte verwüstet und zerstört werden. Lange arbeiteten wir durch Unterdrückung der Massen darauf hin, daß wir infolge von Gefangensetzung der Nächsten selbst allmählich Gefangene wurden. Nun fühlen wir – freilich viel später, als wir verdienten -, nun fühlen wir endlich am eigenen Leib, was wir getan haben; und nach den Worten der Heiligen Schrift genießen wir das Werk unserer Hände, und nach Gottes gerechtem Gericht bezahlen wir unsere Schulden. Wir haben uns der Verbannten nicht erbarmt: siehe, jetzt sind wir selbst verbannt; Fremde haben wir in betrügerischer Absicht aufgenommen: siehe, nun müssen wir selbst auswandern und werden betrogen. Weil es die Zeit so fordere, überlisteten wir Freigeborne: siehe, wir leben jetzt selbst auf fremdem Boden und fürchten schon solche Forderungen. O wie groß ist der Unglaube und die Blindheit eines bösen Sinnes! Wir erdulden Verurteilung nach dem Richterspruch Gottes und erkennen noch nicht an, daß wir verurteilt werden. Und einige Fromme wundern sich, daß durch unser Beispiel die übrigen nicht gebessert werden, die bis jetzt nichts solches zu erdulden hatten, wenn doch wir selbst, die wir bereits von Gott geschlagen werden, durch die qualvolle Strafe für unsere Ungerechtigkeit nicht besser werden. O unerträglicher Stolz! Sehr viele erdulden die Strafe für ihre Sünden, und niemand läßt sich herbei, die Gründe für die Strafe zu erkennen. Aber der Grund, der diesen Stolz erzeugt, ist klar; weil wir nämlich, auch wenn wir etwas erdulden, doch noch nicht das erdulden, was wir verdienen. Denn die Barmherzigkeit Gottes ist so groß, daß er, wenn er auch will, wir sollten etwas erleiden, uns doch nicht alles erdulden läßt, weil er die Bösen züchtigt, aber nicht das Böse vergilt; weil er lieber will, wir möchten unsere Sünden erkennen, als ihre Last aushalten, so, daß er uns durch sanfte und heilsame Rutenstreiche zeigt, was wir eigentlich auszuhalten verdienten, aber uns doch nicht die ganze verdiente Strafe auferlegt, gemäß dem Ausspruch des heiligen Apostels: „Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße hinführt? Aber wegen deiner Härte und deines unbußfertigen Herzens sammelst du dir Zorn am Tage des Zornes.“ Und fürwahr, wir handeln wirklich so, wie der Apostel sagt. Gott ruft uns zur Reue, aber wir sammeln nur Zorn an. Gott lädt uns ein zur Verzeihung, und wir häufen täglich die Beleidigung. Mit unsern Sünden tun wir Gott Gewalt an, wir selbst bewaffnen den Zorn der Gottheit gegen uns. Wir zwingen Gott, wider seinen Willen unsere unmenschlichen Verbrechen zu rächen; fast ist es, als ob wir ihm nicht gestatteten, uns zu verschonen. Denn an ihm kann niemals auch nur das leiseste Anzeichen von Ungerechtigkeit haften oder in Erscheinung treten. Trotzdem handeln wir so, daß er ungerecht erscheinen könnte, wenn er unsere ungeheueren Frevel nicht bestrafte.

10. Manche heucheln Bekehrung und begehen doch große Verbrechen, auch gegen ihre größten Wohltäter

Aber vielleicht war einer einmal ein Sünder und ist es jetzt nicht mehr? Aber, gibt es irgendein Maß in den Missetaten und scheiden nicht die Menschen eher vom Leben als von der Ungerechtigkeit? Wer stirbt nicht zugleich mit seinen Freveltaten und wer wird nicht zusamt ihnen, nein, mitten in ihnen bestattet? In Wahrheit kann von ihnen das prophetische Wort gesagt werden: ,,Ihre Gräber sind ihre Heimstätten auf ewig, und sie gleichen dem unvernünftigen Vieh und sind ihm ähnlich geworden.“ Ja, wären sie nur wie Tiere! Besser wäre es, in tierischer Unvernunft vom Wege abgeirrt zu sein! Das aber ist schlimmer und verbrecherischer, daß sie nicht aus Unkenntnis Gottes, sondern aus Verachtung gesündigt haben. Aber das sind natürlich nur Laien, keine Kleriker, nur Weltleute und auch einige Ordensleute, die unter dem Schein der Religion ihren weltlichen Lastern frönen; die nach ihren ehemaligen schändlichen Freveltaten sich dem Namen nach der Heiligkeit verschrieben haben, und nicht der Lebensweise, sondern nur ihrem äußeren Bekenntnis nach andere geworden; die nur den Namen, nicht aber die Lebensführung geändert haben, die das Wesen des göttlichen Dienstes mehr im Kleid als in der Handlungsweise erblicken; die nur ihr Gewand, nicht aber ihre Sinnesart gewechselt haben. Warum glauben die sich geringerer Falschheit schuldig, von denen man zwar sagt, sie hätten gewissermaßen Buße getan, die aber ebenso wenig ihre alten Sitten wie ihre Lebensgewohnheiten ablegen? Denn sie benehmen sich in fast allem so, daß man nicht so sehr glauben möchte, sie hätten vorher für ihre Sünden Buße getan, als daß sie nachher sogar die Buße reute, und daß sie vorher ihr schlechtes Leben nicht so sehr reute als nachher ihr Versprechen, gut leben zu wollen. Sie wissen, daß ich die Wahrheit sage, und sie bekennen, daß auch ihr Gewissen mir Recht gibt; es sind das viele andere; aber besonders jene Ordensleute, die um neue Ehrenämter sich bewerben, und, nachdem sie dem Namen nach Buße getan haben, die höchsten und vorher nicht innegehabten Machtstellen sich kaufen. So weit ging ihr Wunsch, nicht bloß Weltleute, sondern sogar mehr als Weltleute zu sein, daß ihnen das nicht genügte, was sie vorher waren! Nein! sie wollten nachher noch mehr sein, als sie gewesen waren. Wie sollte es diese nicht reuen, Buße getan oder auch an Bekehrung und an Gott gedacht zu haben, die zwar ihrer eigenen Gattinnen, nicht aber des Raubes fremden Eigentums sich enthielten; die zwar die Enthaltsamkeit des Leibes predigen, aber der Wollust und Ausschweifung des Geistes sich hingeben? Ja, das ist eine ganz neue Art von Bekehrung! Das Erlaubte tun sie nicht, Unerlaubtes begehen sie. Sie enthalten sich des ehelichen Beilagers und enthalten sich nicht des Raubes. Was unternimmst du, törichter Wahn? Die Sünden hat Gott verboten, nicht die Ehe. Euere Taten stimmen nicht mit eueren Bestrebungen überein; ihr dürft keine Freunde der Verbrechen sein, die ihr euch Eiferer für die Tugend heißt! Ganz verkehrt ist euer Tun. Das ist keine Bekehrung, sondern Abkehrung! Die ihr schon längst, wie das Gerücht geht, die ehrbare Ehe aufgegeben habt, wendet euch endlich vom Laster ab! Und es wäre gerecht, daß ihr jedes Laster aufgebt; aber doch, wenn nicht jedes, weil ihr das vielleicht für zu hart und unmöglich haltet, so doch das größte und verruchteste Laster! Es mag sein, daß neben dir, wer du auch seist, keine Nachbarn bestehen können; es mag sein, daß keine Armen leben können; du magst vielleicht ein Verfolger vieler Armen und ein Berauber Unglücklicher sein; du magst ein Bedrücker aller sein, wenn es nur Fremde sind; aber, so bitte ich, schone doch wenigstens die Deinigen; und wenn nicht alle die Deinigen – weil du auch das vielleicht für zu schwer und drückend hältst, alle die Deinen zu schonen, – so schone wenigstens die von den Deinen, die dich nicht nur ihren Verschwägerten und anderen Verwandten, sondern sogar den aufs engste mit ihnen verbundenen Menschen und ihren teuersten Angehörigen vorgezogen haben! Doch, was rede ich von Angehörigen und Kindern? Sie haben dich fast ihren eigenen Seelen und ihren Hoffnungen vorgezogen. Zwar nicht in lobenswerter Weise; und der, der so gehandelt hat, erkennt nun selbst seinen Irrtum, Aber was geht das dich an, dem gerade dieser Irrtum zugute kam? Umso mehr schuldest du ihm ja, weil er aus übergroßer Liebe zu dir gesündigt hat. Er ist blind geworden aus Neigung zu dir und wird nun von allen gebrandmarkt und getadelt. Du aber bist um so mehr in seine Schuld geraten, weil er sich um der Liebe zu dir willen von allen beschuldigen lassen mußte.

11. Mahnung zur Umkehr

Was treffen wir Ähnliches bei den barbarischen Goten? Wer von ihnen schadet dem, von dem er geliebt wird? Wer verfolgt den, der ihm Gutes tut? Wer wird ermordet von dem Dolch seines Freundes? Du verfolgst die Liebenden; du schlägst die Hände ab, die dir Geschenke anbieten; du tötest die Nächsten, die dir wohlwollen; und du fürchtest dich nicht? Du erbebst nicht? Was würdest du tun, wenn du das gegenwärtige Gericht Gottes nicht auch durch die Züchtigung am eigenen Leibe zu fühlen bekommen hättest? Zu deinen früheren Lastern fügst du noch neue Vergehen hinzu. Bedenke, was dich erwartet, wenn du noch schwerer sündigst, da sogar geringere Fehler durch Dämonen gestraft zu werden pflegen! Begnüge dich doch damit, so bitte ich, deine Freunde und Gefährten zu berauben! Begnüge dich damit, daß die Armen gequält sind! Laß es bei der Ausplünderung von Bettlern sein Bewenden haben! Beinahe niemand kann in deiner Nähe ohne Furcht, niemand kann sicher sein. Leichter erträgt man Gießbäche, die von Alpenbergen niederstürzen, oder Feuerflammen, die vom Winde angefacht werden. So gehen ja nicht einmal die Schiffer zugrunde – um dieses Gleichnis zu gebrauchen – die durch die Gefräßigkeit der Charybdis oder von den bekannten Hunden der Scylla verschlungen werden. Du verjagst deine Nachbarn aus ihren kleinen Besitzungen, deine Nächsten aus Wohnung und Besitz. Willst du denn, wie geschrieben steht, allein auf der Erde wohnen? Das ist nämlich das einzige, was du nicht erreichen kannst. Du magst nämlich alles in Besitz nehmen, du magst alles an dich reißen: immer wirst du einen Nachbarn finden. Schau dir einmal, bitte, andere an, zu denen du, du magst wollen oder nicht, aufschauen mußt! Schau dir andere an, die du, du magst wollen oder nicht, selber bewundern mußt: höher sind sie als die andern durch ihre Würde, ihnen gleich aber durch ihre Selbsteinschätzung; größer sind sie durch ihre Macht und geringer durch ihre Demut. Du, zu dem ich nun spreche, weißt ja selbst, von wem wir reden; und du, über den wir nun klagen, mußt auch anerkennen, wen wir mit diesem Lob ehren. Und wenn es nur viele wären, die man loben könnte! Der Edelmut der meisten brächte allen Heil. Aber zugegeben, du willst nicht lobenswert sein, warum willst du, so frage ich, verdammenswert sein? Warum ist dir nichts lieber als Ungerechtigkeit, nichts angenehmer als Habsucht, nichts teuerer als Raub? Warum hältst du nichts für wertvoller als die Schlechtigkeit, nichts für hervorragender als die Raubgier? Lerne sogar von einem Heiden das wahrhaft Gute: durch Liebe und Güte muß man geschützt sein, nicht durch Waffen. Es täuschen dich daher deine Ansichten; es hält dich die Ruchlosigkeit deiner verdorbenen und verblendeten Gesinnung zum besten. Wenn du rechtschaffen, wenn du mächtig, wenn du groß sein willst, mußt du die übrigen an Ehrenhaftigkeit, nicht an Bosheit übertreffen. Ich habe einmal irgendwo gelesen: „Niemand ist schlecht, außer der Tor. Wenn er nämlich weise wäre, möchte er lieber gut sein.“ Und du, wenn du noch zur Vernunft zurückkehren kannst, lege die Bosheit ab, wenn du Weisheit besitzen willst! Wenn du nämlich ganz weise und ganz vernünftig zu sein wünschest, mußt du dich ganz selbst aufgeben und völlig umändern. Verlaß daher dich selbst, damit du nicht von Christus verlassen wirst! Verstoße dich selbst, damit du von Christus aufgenommen wirst! Verliere dich selbst, damit du nicht verlorengehest! „Wer nämlich“, sagt der Heiland, „seine Seele um meinetwillen verlieren wird, wird sie finden.“ Liebe daher diesen so heilsamen Verlust, damit du das wahre Heil erlangest! Denn du kannst von Gott gar nicht freigesprochen werden, wenn du dich nicht selbst verurteilst.

VI. Buch

1. Nicht nur einer von uns, sondern fast alle sind schlecht oder streben danach, schlecht zu sein

Lange haben wir persönliche Gespräche geführt; und es scheint, wir hätten die für Abhandlungen geltenden Regeln verletzt. Ohne Zweifel denkt der Leser (wenn es einer ist, der das aus Liebe zu Christus Geschriebene um Christi willen liest) – er denkt oder sagt von mir; „Wenn es schon ein allgemeiner Gegenstand ist, der behandelt wird, wieso gehört es dazu, sich über eine Person so sehr zu verbreiten? Mag – man könnte es immerhin so annehmen – der, von dem die Rede war, so sein: aber schadet die Lasterhaftigkeit des einen der Tugend des andern, oder, was noch weittragender ist, wird durch die Verbrechen einer Person die Gesamtheit geschädigt?“ Ich kann durch schlagende Zeugnisse beweisen, daß sie geschädigt wird. Achan stahl einst von dem Gebannten, und das Verbrechen eines Menschen wurde zum Verderben für alle. David ließ das Volk Israel zählen, und der Herr bestrafte seinen Irrtum durch die Niederlage des ganzen Volkes. Rapsakes sagte etwas zu Gottes Schimpf; da erschlug der Herr die Menge von 185 000 Menschen, weil die freche Zunge eines einzigen Gottlosen geschmäht hatte. Und deswegen befiehlt der heilige Apostel Paulus nicht ohne Grund, einen lasterhaften Menschen aus der Kirche hinauszuwerfen; und warum er das befiehlt, zeigt er, indem er sagt: ,,Ein wenig Sauerteig durchsäuert die ganze Masse.“ Daraus ersehen wir sehr deutlich, daß sehr oft auch nur ein schlechter Mensch das Verderben vieler ist. Also muß der Leser zurecht einsehen, daß es nicht überflüssig war, wenn ich oben von einem Bösen etwas gesagt habe, Denn man liest, daß sehr häufig der Zorn der göttlichen Majestät durch einen einzigen Frevler entzündet wird. Aber ich will meine Rede gar nicht wörtlich genommen haben. Es ist nämlich nicht notwendig zu glauben, daß einer allen schade, da ja alle einander Schaden bringen. Es ist nicht angemessen zu meinen, daß alle durch einen in Gefahr kommen, da alle durch sich selbst gefährdet werden. Denn alle miteinander stürzen sich selbst ins Verderben oder, um mich weniger stark auszudrücken, fast alle. Wäre es also wohl gut für das christliche Volk, daß die Zahl der Schlechten entweder geringer oder doch wenigstens ebenso groß wäre wie die der Guten? O beweinenswertes Elend! Beklagenswertes Unglück! Wie unähnlich sich selbst ist das christliche Volk jetzt geworden, wie ganz anders, als es einst gewesen! Damals hat der Apostelfürst Petrus Ananias und Saphira mit dem Tode bestraft, weil sie gelogen hatten. Auch der heilige Paulus hat einen einzigen Bösewicht aus der Kirche ausgestoßen, damit er nicht durch seine Berührung eine große Zahl beflecke. Nun sind wir sogar schon mit gleicher Zahl auf beiden Seiten zufrieden. Doch, was sage ich, wir sind zufrieden? Wir müßten frohlocken und einen Freudentanz aufführen, wenn es uns gelänge, diese Gleichheit zu erreichen. Siehe, wie weit sind wir zurückgesunken, wie tief gesunken seit jener Sittenreinheit des christlichen Volkes, in der sich einst alle unbefleckt erhielten! Siehe, wie tief sind wir gefallen, daß wir glauben, die Kirche selig preisen zu sollen, wenn sie wenigstens soviele Gute als Böse in ihrem Schoße bärge! Denn wie sollten wir sie nicht glücklich preisen, wenn die Hälfte ihrer Angehörigen schuldlos wäre, da wir sie jetzt ja fast in ihrer Gesamtheit als schuldbelastet beklagen müssen? So haben wir schon längst überflüssigerweise über einen einzigen Bösewicht gesprochen, überflüssigerweise die Verbrechen eines einzigen beklagt. Eigentlich müßte man ja über alle oder doch über fast alle weinen und trauern. Denn entweder sind sehr viele so, oder, was nicht weniger schlimm ist, sie wünschen so zu sein; sie arbeiten daran, durch böse Werke und Taten nicht unebenbürtig zu erscheinen. Und deswegen sind sie, obwohl sie weniger Schlechtes tun, weil sie weniger zustande bringen, doch nicht weniger schlecht, weil sie ja auch nicht weniger schlecht sein wollten, wenn sie nur könnten. In ihren Wünschen sind sie schlecht, und mit ihrem Willen geben sie nicht nach – das einzige, was sie tun können -; und soweit sie die Möglichkeit haben, streben sie danach, es andern vor zutun. Auf diesem ganz verschiedenen Gebiet herrscht der gleiche Wetteifer wie unter den Guten; ebenso wie die Guten wünschen, alle an Redlichkeit der Gesinnung zu übertreffen, so verlangen auch die Bösen, alle an Schlechtigkeit zu überragen. Denn wie es der Ruhm der Guten ist, täglich besser zu werden, so der aller Schlechten, noch schlechter zu werden; und wie die Besten wünschen, den Gipfel aller Tugend zu erklimmen, so wünschen die Schlechten, die Siegespalme in allen Verbrechen an sich zu reißen. Und noch dazu halten zu unserm Unglück die Unsern, das heißt gerade die Christen, wie wir gesagt haben, die Schlechtigkeit für Weisheit. Von ihnen sagt Gott im besonderen: „Die Weisheit der Weisen werde ich vernichten und die Einsicht der Klugen verwerfen;“ und wenn der Apostel sagt: „Wenn einer weise scheint, so werde er ein Tor, damit er weise sei,“ so will er sagen, wenn einer weise sein will, sei er gut, weil niemand wirklich weise ist, außer der wahrhaft Gute. Wir dagegen, in der Verkehrtheit und Lasterhaftigkeit unserer bösen Gedanken und, wie Gott sagt, in unserem verwerflichen Sinn, weisen das Gutsein als Torheit zurück; und da wir die Bosheit als Weisheit lieben, glauben wir, daß wir täglich um so klüger werden, je schlechter wir sind.

2. Das Volk sündigt durch den Besuch grausamer Schauspiele und die Teilnahme an heidnischem Aberglauben

Und was für eine Hoffnung auf Besserung, so frage ich, ist bei uns vorhanden, bei uns, die wir nicht durch eine irrtümliche Meinung zum Bösen hingeführt werden, sondern im Eifer unseres schlechten Willens uns bestreben, immer schlechter zu erscheinen? Und das ist der Grund, warum ich schon längst geklagt habe, daß wir viel schlechter sind als die Barbaren, weil diese ihre Unkenntnis des Gesetzes entschuldigt, uns aber die Kenntnis des Gesetzes anklagt. Jene lieben aus Unkenntnis der Wahrheit, weil sie nicht wissen, was gut ist, das Böse statt des Guten; da wir die Kenntnis der Wahrheit haben, wissen wir sehr wohl, was gut ist. Zuerst gibt es fast kein Verbrechen und keine Schandtat, die nicht in Schauspielen vorkommen: dort ist es höchstes Entzücken, wenn Menschen sterben oder, was noch schrecklicher und furchtbarer ist als der Tod, zerrissen werden, wenn der Wanst der wilden Tiere mit Menschenfleisch sich füllt; wenn Menschen zur Freude der Zuschauer und zum Vergnügen der Umstehenden verschlungen werden, so werden sie fast ebenso sehr durch die Blicke der Menschen als von den Zähnen der wilden Tiere aufgefressen. Und die Kosten davon fallen dem ganzen Reiche zu; denn mit großer Sorgfalt wird das betrieben und vorbereitet. Man sucht verborgene Orte auf, man durchforscht unwegsame Waldtäler; unentwirrbares Walddickicht wird durchstreift, die wolkentragenden Alpen werden erstiegen, die tiefsten Täler durchwandert; und damit Menschenfleisch von wilden Tieren verschlungen werden kann, darf die ganze Natur kein Geheimnis mehr haben. Aber das, so wendest du ein, geschieht nicht immer. Sicherlich. Es ist auch eine herrliche Entschuldigung für einen Irrtum, daß dieser nicht immer geschieht. Als ob überhaupt jemals geschehen dürfte, was Gott verletzt, oder das Böse deshalb gut würde, weil es nicht immer geschieht. Denn auch die Mörder töten nicht immer Menschen und sind dennoch Mörder, auch dann, wenn sie nicht töten, eben, weil sie sich bisweilen mit Mord beflecken. Und alle Räuber rauben nicht immer; aber sie hören dennoch nicht auf, Räuber zu sein, weil sie ihrer Gesinnung nach auch dann nicht vom Raub abstehen, wenn sie gerade in der Tat keinen Raub begehen. So sind alle die, die an solchen Schaustellungen Freude haben, auch dann in ihrem Herzen nicht unschuldig an den Freveln dieser Schauspiele, wenn sie gerade nicht zuschauen; denn sie möchten ja immer dabei sein, wenn sie nur könnten. Aber das ist nicht das einzige; es gibt noch anderes, Wichtigeres. Was denn? Halten nicht auch heute noch die Konsuln Hühner wie gottesfrevlerische Heiden? Und werden nicht Weissagungen aus dem Vogelflug zu gewinnen gesucht? Und geschieht nicht fast alles, was einstmals sogar die alten Heiden für albern und lächerlich hielten? Und da dieses alles gerade die tun, die den Jahren den Namen geben, und mit denen das neue Jahr seinen Anfang nimmt, wie können wir da glauben, daß die Jahre gut für uns weitergehen, die mit solchen Dingen beginnen? Und wenn doch, wie dies nur wegen der Konsuln geschieht, dadurch auch nur die geschändet würden, für die es geschieht! Das Verderblichste und Schwerwiegendste ist vielmehr das: Weil es mit Einwilligung aller geschieht, wird die Ehrung von ganz Wenigen allen zum Verbrechen; und so entflieht beinahe niemand in der ganzen Welt der Schuld, obwohl jedes Jahr nur zwei Konsuln ihr Amt antreten.

3. Unsittlichkeit der Schauspiele

Aber von diesen Dingen reicht das Gesagte; denn wie ihr selbst zur Entschuldigung anführt, geschehen sie nicht immer. Nun will ich aber doch von den täglichen Schändlichkeiten sprechen: Legionen von Dämonen müssen ihre Art und ihre unendliche Zahl ausgedacht haben, so daß auch ehrliche und rechtschaffene Herzen zwar einige von ihnen verachten und niederhalten, aber alle kaum ganz überwinden können. Es ist ungefähr so: Wenn zum Kampfe gerüstete Heere in dem Gelände, über das nach ihrer Kenntnis die feindlichen Scharen kommen müssen, entweder in Abständen Fallgruben anlegen oder Pfähle da und dort einrammen oder gefährliche Fußangeln anbringen, so fällt zwar einer nicht in all diese Hinterhalte hinein, keiner aber entgeht ihnen ganz. So haben auch die Dämonen in diesem Leben dem Menschengeschlecht so viele verführerische Listen bereitet, daß einer, auch wenn er die meisten von ihnen meidet, doch auf irgendeine Weise gefangen wird. Und weil es zu lange wäre, jetzt von all diesem zu sprechen, von den Amphitheatern, den Gesängen, den Spielen, den Aufzügen, den Athleten, Seiltänzern, den Pantomimen und übrigen Wunderdingen, die zu nennen man überdrüssig ist, weil es schon Ekel erregt, solche Schlechtigkeit auch nur zu kennen: weil das zu weit führen würde, spreche ich jetzt von der Unsittlichkeit in Zirkus und Theater. Was dort geschieht, ist nämlich so schmutzig, daß man es nicht nur nicht nennen, sondern nicht einmal daran denken kann, ohne sich zu beflecken. Denn andere Laster nehmen fast nur Teile von uns in Anspruch, so schmutzige Gedanken das Herz, schamlose Blicke die Augen, schlechte Reden die Ohren, so daß, wenn auch ein solcher Teil gefehlt hat, die übrigen wenigstens ohne Sünde sein können. In den Theatern aber bleibt nichts frei von Schuld, weil die Herzen durch böse Lust, die Ohren durch Reden, die Augen durch das Gesehene beschmutzt werden. Das ist alles so schändlich, daß man ohne Verletzung des Schamgefühls es nicht darlegen, nicht aussprechen kann. Wer kann seine Schamhaftigkeit erhalten und von jenen Nachahmungen schändlicher Dinge sprechen, von jenen gemeinen Worten und Witzen, von jenen schamlosen Bewegungen, jenen scheußlichen Gebärden? Wie abscheulich sie sind, kann man schon daraus erkennen, daß sie eine Wiedergabe ihrer selbst verbieten. Denn einige, sogar sehr schwere Verbrechen, können genannt und verurteilt werden, ohne die Rechtschaffenheit des Erzählers zu verletzen: so der Mord, der Raub, der Ehebruch, Gottesfrevel und andere derartige Dinge. Nur die Unsittlichkeit der Theater kann man ehrbarerweise nicht einmal anklagen. So ergibt sich, wenn man diese Laster anklagen will, für den Ankläger die ungewöhnliche Sachlage, daß er, mag er auch zweifellos ehrbar sein, ohne Schaden für seine Ehrbarkeit sie doch nicht nennen und an den Pranger stellen kann. Denn andere Frevel beflecken die, die sie begehen, nicht die, die sie sehen oder hören; wenn du zum Beispiel einen Gotteslästerer hörst, wirst du nicht durch den Frevel befleckt, weil du im Innern nicht beistimmst; und wenn du zu einem Raub hinzukommst, beschmutzt dich die Tat nicht, weil du sie im Herzen verabscheust. Nur die Gemeinheiten der Theater sind es, die eine gemeinsame Schuld bei Spielern und Zuschauern bewirken. Denn da die Zuschauer das billigen und gerne sehen, handeln sie alle mit durch ihre Schaulust und ihre Zustimmung, so daß auf sie besonders das bekannte Apostelwort zutrifft: „Des Todes würdig sind nicht bloß die Täter, sondern auch die, die ihnen zustimmen.“ Deshalb treibt bei diesen unzüchtigen Darstellungen das ganze Volk ohne Ausnahme im Geiste Unzucht. Und die etwa zufällig rein ins Theater Gekommenen kehren als Ehebrecher heim. Denn nicht nur dann, wenn sie heimgehen, sondern auch wenn sie kommen, treiben sie Unzucht. Denn schon gerade dadurch, daß einer Unzüchtiges begehrt, indem er unsauberen Dingen zueilt, ist er selbst unrein.

4. Unsere Frevel machen es Gott unmöglich, uns zu beschützen

So verhält es sich wirklich. Siehe, was alle oder fast alle Römer treiben! Und wenn es so ist, klagen wir, die wir solches tun, daß wir von der Gottheit vernachlässigt werden. Wir sagen, Gott verlasse uns, während doch wir Gott verlassen. Nehmen wir nämlich an, daß unser Herr sich um uns bekümmern wollte, auch wenn wir es nicht verdienen: laßt uns sehen, ob er es könnte! Zahllose Tausende von Christen weilen heutzutage bei Vorführungen von schändlichen Dingen. Kann Gott nun auf solche Menschen Rücksicht nehmen? Kann er sich um die kümmern, die im Zirkus toben, die in den Theatern ehebrechen? Oder wünschen wir vielleicht oder halten wir es für würdig, daß Gott, wenn er uns im Zirkus und im Theater sieht, auch das mit uns anblickt, was wir sehen, und mit uns die gleichen Schändlichkeiten wahrnimmt, die wir wahrnehmen? Denn eines von beiden ist notwendig: entweder, daß er, wenn er sich würdigt, auf uns zu schauen, folglich auch das sieht, was an unserem Aufenthaltsort geschieht, oder daß er, wenn er von diesen Dingen – worüber kein Zweifel besteht – die Augen abwendet, in gleicher Weise sie auch von uns wendet, die wir dort weilen. Und trotz dieser Tatsachen handeln wir doch, wie ich geschildert habe, und zwar ohne Unterlaß. Oder glauben wir vielleicht nach Art der alten Heiden, wir hätten einen eigenen Gott für Theater und Zirkus? Jene handelten nämlich einst so, weil sie glaubten, ihre Götter hätten Wohlgefallen an diesen Dingen. Warum tun wir solches, die wir sicher wissen, daß unser Gott das haßt? Gewiß, wenn wir wüßten, daß Gott diese Schändlichkeiten gefallen, dann würde ich nicht verhindern, sie unaufhörlich zu begehen. Wenn es aber in unserem Gewissen lebt, daß Gott das verabscheut und verflucht, daß in diesen Dingen ein Vergnügen für den Teufel und ebenso eine Beleidigung Gottes liegt, wie können wir da sagen, wir verehren Gott in der Kirche, da wir doch in der Schamlosigkeit der Spiele immer dem Teufel dienen, und das mit vollem Bewußtsein, mit Absicht und mit Fleiß? Und was für eine Hoffnung werden wir bei Gott haben, so frage ich, die wir nicht zufällig oder aus Unwissenheit Gott verletzen, sondern wie die Giganten, von denen wir lesen, daß sie in wahnsinnigem Streben sich am Himmel versuchten und zu den Wolken emporsteigen wollten? So bestürmen auch wir durch die Beleidigungen, die wir Gott in der ganzen Welt immer zufügen, sozusagen mit Einwilligung aller, den Himmel. Christus also – o ungeheuerlicher Wahnsinn! – Christus bieten wir Zirkusspiele und Mimen dar, und besonders dann, wenn wir von ihm etwas Gutes bekommen, wenn unser Wohlergehen von ihm gesteigert wird, oder wenn uns die Gottheit einen Sieg über die Feinde schenkt, Was tun wir da augenscheinlich anderes, als wenn wir einen Wohltäter beleidigten, oder einen, der freundlich zu uns spricht, mit Beschimpfungen überschütteten, oder einem, der uns küßt, den Dolch ins Gesicht stießen? Ich frage alle Mächtigen und Reichen dieser Welt, was für eine Strafe der Knecht verdient, der gegen einen guten und gnädigen Herrn Schlimmes sinnt, ihn, der Dank verdiente, beschimpft, und ihm die Freiheit, die er empfangen, mit Schmähungen vergilt. Ohne Zweifel wird der des größten Verbrechens für schuldig erklärt, der Gutes mit Schlechtem vergilt, obgleich er nicht einmal Schlechtes mit Schlechtem vergelten dürfte. Das also tun auch wir, die wir Christen heißen; wir erzürnen den barmherzigen Gott durch unsere Unsittlichkeit; wir verletzen den Gütigen durch unser schmutziges Leben; den zärtlich Liebenden verwunden wir durch unsere Sünden.

5. Die Christen vergelten das Opfer des Erlösers mit Lastern

Christus also (o ungeheuerlicher Wahnsinn!), Christus bieten wir Zirkusspiele und Mimen an; Christus geben wir für seine Wohltaten die Scheußlichkeiten der Theater; Christus bringen wir die Opfer schändlichster Spiele dar! Natürlich hat uns das unser für uns im Fleisch geborener Heiland gelehrt; das hat er entweder selbst oder durch den Mund der Apostel verkündigt! Deshalb unterzog er sich der Niedrigkeit menschlicher Geburt und nahm die Demütigung irdischen Ursprungs auf sich. Deshalb lag er in der Krippe, er, dem die Engel dienten, während er dalag. Deshalb wollte er sich in armselige Windeln wickeln lassen, er, der in Windeln den Himmel regierte. Deshalb hing er am Kreuzesholz, und die Welt fürchtete den Hangenden. „Euretwegen“, sagt der Apostel, „ist er arm geworden, da er reich war, damit ihr durch seine Armut reich würdet.“ Und weiter sagt er: „Und obgleich er in der Gestalt Gottes war, hat er sich bis zum Tode erniedrigt, ja bis zum Tode am Kreuze.“ Das hat uns also jedenfalls Christus gelehrt, als er solches für uns erduldete. Herrliche Vergeltung lassen wir seinem Leiden zuteil werden, indem wir, da wir durch seinen Tod Erlösung gewannen, ihm ein schändliches Leben dafür zurückzahlen, „Es erschien nämlich“, sagt der heilige Apostel Paulus, „die Gnade unseres Herrn Jesus Christus, und sie erzieht uns, der Gottlosigkeit und allen weltlichen Lüsten zu entsagen und in der jetzigen Welt nüchtern und gerecht und gottselig zu leben in Erwartung der seligen Hoffnung und der Ankunft der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Heilandes Jesus Christus, der sich für uns hingab, um uns von aller Ungerechtigkeit zu erlösen und für sich ein Volk zu reinigen, das ihm angenehm, guter Werke beflissen ist,“ 3Wo sind sie, die das tun, weswegen nach dem Worte des Apostels Christus gekommen ist? Wo sind sie, die weltliche Wünsche fliehen, wo sie, die ein frommes und gerechtes Leben führen, die durch gute Werke zeigen, daß sie die Hoffnung auf Seligkeit hegen und ein unbeflecktes Leben führen und gerade dadurch beweisen, daß sie das Reich Gottes erwarten, indem sie sich es verdienen? „Jesus Christus, der Herr, kam“, so heißt es, „um sich selbst ein angenehmes Volk zu reinigen, ein Volk, das nach guten Werken strebt.“ Wo ist jenes reine Volk? Wo ist jenes angenehme Volk? Wo ist das Volk der guten Werke, wo das Volk der Heiligkeit? „Christus“, sagt die Heilige Schrift, „hat für uns gelitten und uns ein Beispiel hinterlassen, auf daß wir seinen Fußtapfen folgen.“ Natürlich, wir folgen den Fußtapfen des Heilands in den Zirkusspielen; wir folgen seinen Fußtapfen in den Theatern! Ein solches Beispiel hat uns Christus hinterlassen, von dem wir lesen, daß er geweint, nicht aber, daß er gelacht habe. Und beides für uns: denn weinen zeugt von Trauer der Seele, lachen von Verderbnis der Zucht. Und deshalb sagt er; „Weh euch, die ihr lacht, denn ihr werdet weinen!“ Und: „Selig, die ihr weint, denn ihr werdet lachen!“ Uns aber genügt es nicht, zu lachen und uns zu freuen; wir müssen uns in Sünden und irgendeinem Wahnsinn freuen; unser Lachen muß mit Unsittlichkeit und mit Lastern gemischt sein.

6. Der Besuch der Schauspiele verstößt gegen die Grundlage des Glaubensbekenntnisses

Was ist das, so frage ich, für ein Irrtum, was für eine Torheit? Können wir uns etwa nicht beständig freuen und lachen, ohne unser Lachen und unsere Freude zu einem Verbrechen zu machen? Oder halten wir eine Freude für etwas Fruchtloses, und freut es uns nicht, zu lachen, ohne ein Verbrechen zu begehen? Was für eine Sünde, so frage ich, was für ein Wahnsinn! Lachen wir, so bitte ich, so maßlos, wie wir wollen; freuen wir uns so dauernd wie möglich, wenn es nur in Unschuld geschieht! Welche Torheit, welcher Wahnsinn, zu glauben, Lachen und Freude seien nicht so viel wert, wenn sie nicht eine Beleidigung Gottes in sich schließen! Das ist eine Sünde, und zwar eine sehr große! Denn in den Schauspielen liegt gewissermaßen ein Abfall vom Glauben und ein todbringendes Abirren von den heiligen, in seinem Symbolum beschworenen Eiden, Denn welches ist bei der heilbringenden Taufe der Christen das erste Bekenntnis? Was anders, als daß dem Teufel und seiner Pracht und seinen Schauspielen und seinen Werken feierlich widersagt wird? Schauspiele und Gepränge sind sogar nach unserem Bekenntnis Werke des Teufels, Wie kannst du also, o Christ, nach der Taufe in Schauspiele gehen, die du als Teufelswerk bekannt hast? Du hast einmal dem Teufel und seinen Schauspielen widersagt und deshalb mußt du einsehen, daß du mit Wissen und Willen zum Teufel zurückkehrst, wenn du ins Theater gehst. Beidem hast du nämlich gleichzeitig widersagt, und beides hast du für ein und dasselbe erklärt. Wenn du zu einem zurückkehrst, bist du zu beidem gekommen. Ich widersage, so sprichst du, dem Teufel, seiner Pracht, seinen Schauspielen, seinen Werken. Und was dann? Ich glaube, sagst du, an Gott, den allmächtigen Vater, und an Jesus Christus, seinen Sohn. Zuerst widersagt man also dem Teufel und bekennt den Glauben an Gott, weil der, der nicht dem Teufel widersagt, nicht an Gott glaubt; und so verläßt der Gott, der zum Teufel zurückkehrt. Der Teufel aber ist in den Schauspielen und in ihrem Gepränge; und deswegen verlassen wir den Glauben an Christus, wenn wir zu den Schauspielen des Teufels zurückkehren. Auf diese Weise werden alle Eide des Glaubensbekenntnisses gebrochen; und alles, was im Glaubensbekenntnis sonst noch folgt, kommt ins Schwanken und Fallen. Denn nichts vom Späteren bleibt stehen, wenn die Grundlage nicht fest steht. Sag du selbst, Christ, auf welche Weise du die folgenden Punkte des Glaubensbekenntnisses zu halten gedenkst, wenn du seine grundlegenden Wahrheiten aufgegeben hast? Die Glieder sind ohne das Haupt zu nichts nütze und weisen auf ihren Ausgangspunkt zurück; wenn sie also zugrunde gehen, reißen sie alles mit ins Verderben; denn, wenn der Hauptstamm gefallen ist, so ist alles Übrige überhaupt nicht mehr, oder, wenn es doch noch besteht, ist es ohne Nutzen, weil ohne das Haupt nichts besteht, Wer deshalb das Verbrechen, in die Schauspiele zu gehen, für leicht hält, beachte all das, was wir gesagt haben; und er wird sehen, in den Schauspielen liegt nicht Vergnügen, sondern der Tod. Denn den Ursprung des Lebens verlieren, was heißt das anders als dem Tod verfallen? Wo die Grundlage des Glaubensbekenntnisses zerstört wird, wird das Leben selbst erstickt.

7. Die Schauspiele werden den Kirchen vorgezogen

Wieder ist es notwendig, zu der Frage zurückzukehren, die wir schon oft stellten: Gibt es Ähnliches bei den Barbaren? Wo gibt es bei ihnen Zirkusspiele, wo Theater, wo das Laster der Unreinheit in den verschiedenen Formen, wo also den Tod unserer Hoffnung und unseres Heiles? Aber auch, wenn sie – bei Heiden ist ja das möglich – solchen Genüssen nachgingen, so wäre Schuld und Irrtum bei dieser Beleidigung Gottes doch geringer; denn wenn auch die Unkeuschheit der Augen vorhanden wäre, so doch nicht Abirrung von beschworenem Gelöbnis. Was können wir da für uns als Entschuldigung anführen? Wir halten das Glaubensbekenntnis fest und zerstören es; wir bekennen uns zum Geschenk des Heils und verleugnen es zu gleicher Zeit. Wo ist da unser Christentum, da wir nur dazu das Sakrament des Heils empfangen, um hernach nur um so ärger durch den Mißbrauch zu sündigen? Wir ziehen die Schauspiele den Kirchen Gottes vor, wir verachten die Altäre und ehren die Theater; alles endlich lieben, alles verehren wir: nur Gott ist uns im Vergleich zu allem anderen von geringem Wert. Neben allen anderen Beweisen ist auch diese Tatsache eine Bestätigung meiner Behauptung. Wenn es sich nämlich trifft, was natürlich oft der Fall ist, daß am gleichen Tag ein Kirchenfest und öffentliche Spiele gefeiert werden, so frage ich alle auf ihr Gewissen, welcher Ort eine größere Menge christlicher Männer sieht, der Zuschauerraum der öffentlichen Spiele oder das Haus Gottes, und ob alle lieber in die Kirche eilen als ins Theater und die Reden der Evangelien mehr lieben als die der Chortänzer, mehr die Worte des Lebens als die des Todes, mehr die Worte Christi als die des Mimen. Es ist kein Zweifel, daß wir das mehr lieben, was wir vorziehen. Denn an allen Tagen, an denen die verderblichen Spiele stattfinden, gleichgültig, welche Kirchenfeste gefeiert werden -, kommen die, die sich Christen heißen, nicht in die Kirche; sondern, wenn solche, die aus Unwissenheit zufällig kamen, hören, daß Spiele sind, verlassen sie die Kirche wieder, auch wenn sie schon drinnen sind. Der Tempel Gottes wird verachtet, damit man ins Theater laufen kann. Die Kirche leert sich, der Zirkus wird voll: Christus lassen wir am Altar im Stich, um ehebrecherisch mit unlauteren Blicken die Augen an der Unkeuschheit der Spiele zu weiden. Und deshalb sagt Gott der Herr ganz mit Recht zu uns: „Wegen eurer Unlauterkeit seid ihr verbannt und fortgejagt worden.“ Und wieder: ,,Es sollen verheert werden die Altäre dieses Gelächters.“

8. Nur an den Stätten der Zerstörung oder infolge allgemeiner Armut haben die Schauspiele teilweise aufgehört

Aber vielleicht kann jemand darauf antworten: nicht in allen römischen Städten wird es so getrieben. Es ist wahr, ich gehe sogar noch weiter und sage, immer geschieht das jetzt nicht einmal dort, wo es früher immer geschehen ist. Es geschieht nicht mehr in der Stadt Mainz; aber nur, weil sie zerstört und vernichtet ist. Es geschieht nicht mehr zu Köln; aber nur, weil es von Feinden voll ist. Nicht mehr geschieht es in der glänzenden Stadt Trier; aber nur, weil sie durch viermalige Zerstörung zu Boden liegt. Es geschieht endlich nicht in sehr vielen gallischen und spanischen Städten. Und deswegen, weh uns und unsern Vergehen, weh uns und unserer Unkeuschheit! Was für eine Hoffnung haben die christlichen Völker vor Gott, wenn diese Bosheiten in den Römerstädten seit dem Zeitpunkt nicht mehr geschehen, seit dem sie unter die Botmäßigkeit der Barbaren kamen? So sind Lasterhaftigkeit und Unreinheit sozusagen verschwistert mit den Römern; sie gehören gewissermaßen zu ihrem Geist und ihrem Wesen, weil diese Laster überall dort vorherrschen, wo Römer sind. Aber das dürfte eine harte und ungerechte Anklage sein. Hart ist sie fürwahr, wenn sie falsch ist. Aber wie, antwortest du, wie soll sie nicht falsch sein, da die Geschehnisse, von denen die Rede ist, jetzt nur mehr in ganz wenigen Römerstädten vorkommen? Sehr viele beflecken sich nicht mehr mit der Makel dieser Unreinheiten; und mag es auch noch Heimstätten des alten Irrtums geben: keineswegs dürfte mehr das geschehen, was früher geschah. Wir müssen daher beide Behauptungen einer Betrachtung unterziehen, das heißt fragen, was das bedeutet, daß es bis jetzt noch Orte und Herbergstätten für die Spiele gibt, die Spiele aber aufgehört haben sollen. Die Orte und Wohnstätten dieser Schändlichkeiten gibt es also deswegen heute noch, weil früher diese Unreinheiten dort geschahen. Jetzt werden dort deswegen keine Spiele abgehalten, weil sie wegen der Armut und des Elendes der Zeit nicht gehalten werden können. Daß es daher früher geschah, entsprang der Lasterhaftigkeit; daß es jetzt nicht mehr geschieht, entspringt nur der Not. Die Zwangslage des Fiskus und die Bettelarmut der römischen Staatskasse erlauben es nicht, daß überall für bloße Possenspiele verlorene Summen verschleudert werden. Mag auch heute noch so vieles zugrunde gehen und sozusagen in den Schmutz geworfen werden, sehr viel kann doch nicht mehr vernichtet werden, weil nicht mehr sehr viel da ist, was vernichtet werden könnte. Denn, wenn es nach dem Verlangen unserer Lust und unserer unreinen Vergnügungssucht ginge, so wünschten wir in der Tat nur dazu noch mehr zu besitzen, um mehr auf diesen Sumpf der Schändlichkeit verwenden zu können. Und wieviel wir verschwenden wollten, wenn wir reich und vermögend wären, geht daraus hervor, daß wir trotz unserer Armut soviel verschwenden. Das ist der Untergang und das Verderben in den gegenwärtigen Sitten, daß die Lasterhaftigkeit immer noch mehr zugrunde richten will, obwohl die Armut schon nichts mehr zum Zugrunderichten hat. Es ist also kein Grund vorhanden, daß wir uns irgendwie schmeicheln könnten, indem wir sagen, nicht in allen Städten geschehe das, was früher geschehen ist. Deswegen nämlich geschieht das nicht mehr überall, weil manche Städte, wo es geschah, nicht mehr sind; und wenn schon es hier lange geschehen konnte, so hatte es eben zur Folge, daß die Stätten nicht mehr bestehen können, an denen solches geschah. So spricht nämlich Gott selbst durch den Propheten zu den Sündern; ,,Es gedachte dessen der Herr, und es ging ihm zu Herzen, und nicht vermochte fürder der Herr, es zu ertragen ob der Bosheit euerer Bestrebungen und ob der Greuel, welche ihr vollbrachtet; deshalb ward euer Land zur Wüste und zum Entsetzen und zum Fluche,“ Dadurch ist es schon gekommen, daß der größte Teil des römischen Reiches zur Wüste geworden ist und zum Entsetzen und zum Fluch.

9. Die Lust nach Spielen ist trotz allen Elendes nicht verschwunden

Und wenn das doch nur früher geschehen wäre und die römische Lasterhaftigkeit jetzt damit aufhörte! Vielleicht würde der Herr, wie geschrieben steht, sich unserer Sünden erbarmen, Denn unaufhörlich fügen wir eine Sünde an die andere, häufen Frevel auf Frevel; und da der größte Teil von uns schon verlorengegangen ist, trachten wir nur danach, daß wir alle verlorengehen. Wer, so frage ich, sieht, daß ein anderer neben ihm getötet wird, und fürchtet sich nicht selbst? Wer erblickt das brennende Haus seines Nachbarn und wendet nicht alle Kraft auf, um selbst nicht durch den Brand vernichtet zu werden? Wir sehen nicht nur unsere Nachbarn brennen, sondern der größte Teil unseres Leibes steht selbst in Brand. Und was für ein Unglück ist das! O des Frevels! Wir stehen in Brand, wir brennen und trotzdem fürchten wir die Flammen, die an uns lodern, nicht. Denn daß, wie ich sagte, nicht mehr überall geschieht, was früher geschah, ist wohltätige Folge des Elends, nicht unserer Zucht. Leicht ist es mir, das zu beweisen. Stelle die Zustände früherer Zeiten wieder her, und sogleich ist wieder überall das, was früher war. Noch mehr sage ich: Was die Wünsche der Menschen anlangt, so sind diese Dinge, obwohl sie nicht mehr überall sind, in Wirklichkeit doch noch überall vorhanden, weil das römische Volk sie überall haben will. Wenn nämlich ein Mensch eine schlechte Tat nur notgedrungen nicht ausführt, so wird die Begierde nach der Schändlichkeit statt der Handlung verurteilt. Denn, wie ich gesagt habe, nach dem Ausspruch unseres Herrn hat der einen Ehebruch in seinem Herzen begangen, der ein Weib ansieht, um es zu begehren. Daraus können wir ersehen, daß wir, auch wenn wir schändliche und verdammenswürdige Taten notgedrungen nicht begehen, schon für den Willen zum bösen Werk verurteilt werden. Doch was rede ich vom Willen? Fast alle tun diese Dinge, wenn sie irgendwie können. Denn wenn die Bewohner irgendeiner Stadt nach Ravenna oder nach Rom kommen, dann sind sie ein Teil des römischen Volkes im Zirkus, ein Teil des ravennatischen Volkes im Theater. Niemand halte sich daher durch seinen augenblicklichen Wohnort oder durch sein gelegentliches Fehlen für entschuldigt! Alle sind zu einem geworden durch diese schändlichen Dinge, weil sie sich selbst im Verlangen danach zusammenschließen. Und wir schmeicheln uns noch dazu mit der Rechtschaffenheit unserer Sitten, mit der Seltenheit unserer Schandtaten! Ich gehe noch weiter: Nicht nur werden die schmutzigen und schändlichen Spiele aufgeführt wie früher, sondern sie werden noch mit viel größerer Schuldhaftigkeit betrieben als ehedem. Damals blühten alle Teile des römischen Reiches unversehrt; der Reichtum des Staates ließ die Vorratskammern eng erscheinen; die Bürger aller Städte hatten Überfluß an Reichtum und Vergnügen; kaum konnte das Ansehen der Religion bei einem solchen Überfluß an allem die Sitten in Zucht halten. Allenthalben wurden an den meisten Orten damals Schauspieler für diese schändlichen Vergnügen unterhalten; aber alles war auch voll und übervoll. Niemand bedachte den Aufwand des Staates, niemand die Ausgaben, weil man die Kosten nicht spürte. In gewissem Sinne suchte der Staat sogar nach einer Gelegenheit, wo er Geld verschwenden konnte, weil er seine Einnahmen schon gar nicht mehr unterbringen konnte; und deshalb hat sich die Überfülle des Reichtums, die beinahe alles Maß überschritten hatte, auch auf leichte und seichte Dinge ergießen können. Was aber soll man jetzt sagen? Der ehemalige Besitz ist von uns gewichen, die reichen Mittel früherer Zeiten haben uns verlassen, elend sind wir und dennoch hören wir nicht auf, ausgelassen zu sein. Sonst kommt wohl die Armut unmündigen Verschwendern zu Hilfe; und wenn sie aufhören, reich zu sein, hören sie auch mit dem Laster auf. Wir dagegen sind eine neue Art von Entmündigten und Verschwendern: der Reichtum ist bei uns geschwunden, unsere Schlechtigkeit aber dauert an. Die Ursache unserer Verderbnis liegt bei uns nicht, wie bei anderen Menschen, in äußeren Lockungen, sondern wir tragen sie im Herzen, und unsere Lasterhaftigkeit ist das gleiche wie unsere Geisteshaltung, so daß wir durch den Verlust des Reichtums nicht zur Besserung geführt werden, sondern aus Liebe zum Bösen zu sündigen fortfahren.

10. Keine Beleidigung Gottes ist für gering zu erachten

Groß sind die Laster der Römer, mit denen die Barbaren sich nicht beflecken; und obgleich ich schon genug davon geredet habe, muß ich doch noch vieles Fehlende hinzufügen. Aber dazu ermahne ich euch, bevor ich meine Ausführungen beginne, daß niemand eine Art von Schuld, durch welche Gott beleidigt wird, für leicht ansehe. Es ist nämlich niemand gestattet, einen berühmten und mächtigen Mann zu entehren; und wenn ihn doch einer an der Ehre kränkt, wird der Schuldige nach den gesetzlichen Bestimmungen verhaftet und als Urheber der Beleidigung mit Recht verurteilt. Gibt es aber ein Verbrechen, das größere Sühne verlangt, als wenn jemand Gott beleidigt? Denn mit der Würde des Beleidigten wächst immer die Schuld des Beleidigers, weil notwendigerweise die Schuld des Übeltäters um so schwerer ist, je höher der steht, der die Schmach zu erdulden hat. Und das ist der Grund, warum wir im Gesetz lesen, daß auch die, die sich scheinbar leicht gegen ein göttliches Gebot verfehlt haben, dennoch sehr streng bestraft wurden. Daraus sollen wir erkennen, daß nichts, was mit Gott in Zusammenhang steht, für geringfügig erachtet werden darf, weil auch eine scheinbar kleine Schuld groß wird durch den Umstand, daß die Gottheit beleidigt wird. Was tat denn auch Oza, der Levite Gottes, gegen das göttliche Gebot, indem er die schwankende Lade des Herrn zu halten versuchte? Nichts war darüber im Gesetz vorgeschrieben. Und doch mußte er sofort sterben, als er danach griff, nicht, weil er in aufrührerischem oder doch pflichtvergessenem Sinn einen Fehler beging, sondern weil er nur in der Ausübung seines Amtes pflichtvergessen war, wenn er sich etwas ohne Befehl anmaßte. Ein Mann aus dem israelitischen Volke, der am Sabbat Holz gesammelt hatte, wurde getötet, und das nach dem Urteil und auf Befehl Gottes, des gütigsten und barmherzigsten Richters, der ohne Zweifel lieber Schonung gewähren als den Tod hätte verhängen wollen, wenn nicht der Grund zur Strenge den zur Barmherzigkeit überwogen hätte. Denn ein Unvorsichtiger mußte zugrunde gehen, damit nicht später alle wegen Unvorsichtigkeit ins Verderben gerieten. Doch, was rede ich von einzelnen? Der ganze Stamm der Hebräer verlor auf dem Zug durch die Wüste einen Teil seiner Angehörigen, weil er sein gewohntes Fleisch verlangte. Und es war doch ein solcher Wunsch noch nicht einmal verboten; aber Gott wollte, so glaube ich, den Gehorsam gegen die Gesetze fördern, um die aufrührerischen Begierden im Zaume zu halten. Das ganze Volk sollte um so leichter erkennen, wie peinlich es vermeiden müsse, was Gott durch seine heiligen Vorschriften verboten, wenn ihn schon solche Taten beleidigten, die er noch nicht durch ein förmliches Gesetz verboten hatte. Das gleiche Volk seufzte auch, daß es soviel Mühe aushalten müsse, und deshalb wurde es mit Strafen vom Himmel gezüchtigt; nicht, weil ein Leidender nicht seufzen dürfte, sondern weil diese Klage undankbar war, da sie gleichsam Gott als den Urheber übermäßiger Mühsal anklagte. Daraus läßt sich ersehen, wie sehr der nach dem Wohlgefallen Gottes trachten muß, der sein Glück in Zufriedenheit genießt, wenn man nicht einmal über das klagen darf, was unangenehm erscheint.

11. Die Teilnahme am heidnischen Aberglauben der Spiele ist eine schwere Versündigung gegen Gott in glücklichen Tagen

Man fragt vielleicht, worauf das alles abziele? Worauf denn zweifellos anderes, als daß eben nichts für gering gehalten werden dürfe, wodurch Gott beleidigt wird? Wir sprechen doch von den öffentlichen Spielen, dem Hohn auf unsere ewige Hoffnung, dem Hohn auf unser Leben. Denn, wenn wir im Theater und im Zirkus uns vergnügen, gehen wir zugrunde gemäß dem Wort der Heiligen Schrift: ,,Der Tor begeht mit Lachen eine Schandtat.“ Und auch wir begehen daher, wenn wir bei schändlichen und unziemlichen Dingen lachen, Schandtaten, und zwar keine ganz kleinen, sondern um so strafwürdigere, weil sie scheinbar klein sind, ihren verderblichen Folgen nach aber eine wahre Pest. Denn zwei sehr große Übel gibt es, nämlich wenn der Mensch sich selbst vernichtet oder wenn er Gott verletzt. Beides wird in den öffentlichen Spielen getan: denn durch die sündhaften Schändlichkeiten wird dort das ewige Heil des christlichen Volkes vernichtet, und durch den gottesräuberischen Aberglauben wird die göttliche Majestät verletzt. Denn ohne Zweifel verletzt dieser Gott, da er den Götzen gilt. In den Gymnasien wird nämlich Minerva verehrt und angebetet, in den Theatern Venus, Neptun in den Rennbahnen, Mars in den Arenen, Merkur in den Ringschulen, und so richtet sich die Pflege des Aberglaubens nach der Art seines jeweiligen Schöpfers. Alles, was es an Unreinheit gibt, wird im Theater ausgeübt; jede Ausschweifung in den Palästren, alle Unmäßigkeit im Zirkus, alle Raserei im Zuschauerraum. Hier herrscht Schamlosigkeit, dort Gemeinheit; hier Unmäßigkeit, dort Wahnsinn; überall aber ein Dämon, ja, an jedem einzelnen Schauplatz von Spielen herrschen alle dämonischen Ungeheuer auf einmal. Denn sie haben den Vorsitz auf den ihrer Verehrung geweihten Plätzen. Und deshalb liegt in Schauspielen solcher Art nicht nur eine Verlockung, nicht nur Lasterhaftigkeit; es ist vielmehr eine Art Gottesraub, wenn ein Christ solchem abergläubischen Treiben sich zugesellt; nimmt er doch an der Verehrung derjenigen teil, an deren Festen er sich freut. Obgleich dies nun immer ein sehr schweres Vergehen ist, so wird es gerade dann noch unerträglicher, wenn unser besonderes Unglück oder unser besonderes Glück es über das alltägliche Maß hinaus strafwürdig macht, weil man im Unglück Gott noch inständiger um Versöhnung bitten muß und im Glück ihn noch weniger beleidigen darf. Versöhnt muß er nämlich werden, wenn er zürnt; verletzt darf er nicht werden, wenn er gnädig ist. Denn das Unglück kommt durch den Zorn Gottes, das Glück durch seine Gnade, Wir aber tun von allem das Gegenteil. Du fragst, inwiefern? Höre: Zunächst, wenn Gott infolge seiner Barmherzigkeit sich erhören läßt (denn niemals leben wir so, daß wir verdienten, erhört zu werden), aber wenn er einmal, wie ich gesagt habe, gleichsam sich selbst erhört und uns Tage des Friedens gibt, reichen Erfolg, Ruhe in der Fülle aller Güter und einen Überfluß, der über unsere Wünsche hinauswächst, so werden wir durch solches Glück und solches Wohlleben verdorben; und zugleich beflecken wir uns so durch die Üppigkeit und Schlechtigkeit unserer Sitten, daß wir Gottes und unser selbst ganz vergessen. Und obwohl jegliche Frucht eines gottgeschenkten friedlichen Lebens nach dem Wort des Apostels darin besteht, ,,daß wir ein ruhiges und stilles Leben in aller Frömmigkeit und Reinheit führen“,2benützen wir die von Gott gegebene Ruhe nur dazu, um in Trunkenheit und Ausschweifung, in Schandtaten und Raub, in jeglicher Art von Verbrechen und Ruchlosigkeit zu leben. Gerade als ob die Wohltat des Friedens ein Freibrief wäre für die Schändlichkeit und wir Waffenruhe und Frieden von Gott nur deshalb geschenkt bekämen, um desto freier und sorgloser sündigen zu können. Unwürdig sind wir daher der Geschenke des Himmels, da wir die Wohltaten Gottes nicht richtig gebrauchen und aus einem Untergrund zu guten Werken nur einen Stoff zu Lastern machen. So kommt es, daß sogar der Friede gegen uns zeugt, weil wir so mit ihm umgehen; und es frommt nicht, etwas zu empfangen, wodurch man schlechter wird. Wer kann das glauben? Wir verändern die Natur der Dinge durch unsere Ungerechtigkeiten; und was Gott durch ein Geschenk seiner Güte gut machte, das machen wir schlecht durch unsere schlechten Sitten.

12. Aber auch die Heimsuchungen der verheerenden Völkerwanderung haben das Volk nicht gebessert; das Beispiel Karthagos

Aber natürlich werden wir, die wir durch das Glück verdorben werden, durch das Unglück gebessert; und die ein langer Friede maßlos gemacht hat, führen Wirrnisse zum Maße zurück? Wurden die Bewohner der Städte, die im Glück schamlos gewesen waren, durch das Unglück rein? Hörte etwa die Trunkenheit, die in Ruhe und Überfluß gediehen war, wenigstens bei feindlicher Plünderung auf? Durch viele Niederlagen ist Italien schon verwüstet worden; hörten die Laster der Italer deshalb auf? Die Stadt Rom wurde belagert und erobert; haben also die Römer aufgehört, in ihrem Wahnwitz Gott zu lästern? Barbarenvölker haben die gallischen Gaue überschwemmt: ist also die Schuld der Gallier, was die verworfenen Sitten anlangt, nicht die gleiche geblieben wie früher? Die Volksscharen der Vandalen sind nach Spanien hinübergestiegen: geändert hat sich nur das Schicksal der Spanier, nicht geändert ihre Lasterhaftigkeit. Und damit schließlich kein Teil der Welt vom schrecklichen Verderben unberührt bleibe, fuhr der Krieg über die Wogen des Meeres dahin. Er hat die meergeschützten Städte verwüstet, er hat Sardinien und Sizilien, die Kornkammern des Fiskus, verheert und so gleichsam die Lebensader durchschnitten; er nahm Afrika selbst, gleichsam die Seele des Staates, hinweg. Was dann? Nachdem Barbarenvölker jenes Land besetzt hatten, hat vielleicht da die Furcht den Lastern ein Ende gemacht? Oder, wie sich für den Augenblick sogar die schlechtesten Sklaven zu bessern pflegen, hat wenigstens der Schrecken von ihnen Bescheidenheit und Zucht erzwungen? Wer kann dieses Unglück ermessen? Um die Mauern von Cirta und Karthago ließen Barbarenvölker ihre Waffen erklirren – die Kirche von Karthago aber raste im Zirkus, schwelgte in den Theatern. Die einen wurden draußen gemordet, die anderen trieben drinnen Unzucht. Ein Teil des Volkes war draußen in der Gefangenschaft der Feinde, ein Teil drinnen in der Gefangenschaft der Laster. Es ist unentschieden, wessen Schicksal schlimmer war. Jene waren draußen gefangen dem Leibe nach, aber diese drinnen dem Geiste nach; und von den zwei tödlichen Übeln ist es für einen Christen leichter, wie ich meine, die Gefangenschaft des Leibes als die der Seele auszuhalten, gemäß jener Lehre des Erlösers im Evangelium, viel schwerer sei der Tod der Seele als der des Leibes. Oder glauben wir etwa, jenes Volk sei der Seele nach nicht geknechtet gewesen, das bei der Gefangennahme der Seinen sich noch freute? War der im Herzen und dem Sinne nach nicht gefangen, der während der Todesqualen der Seinen lachte? der nicht einsah, daß mit dem Mord der Seinen auch er selbst ermordet werde? der nicht glaubte, daß der Tod der Seinen sein eigner Tod sei? Tosender Lärm, um mich so auszudrücken, war außerhalb und innerhalb der Mauern, außen von Kämpfen, innen von Spielen; das Schreien der Sterbenden mischte sich mit dem Geschrei der Rasenden; und kaum konnte man vielleicht das Geheul der Volksgenossen unterscheiden, die im Kampfe fielen, und das Geschrei derer, die im Zirkus lärmten. So geschah es; und was bezweckte ein solches Volk anderes, als daß es seinen Untergang geradezu selbst erzwang, selbst wenn Gott es von sich aus noch nicht hätte vernichten wollen?

13. Auch die Ereignisse bei der Zerstörung einiger gallischer Städte sind ein Beweis

Aber was spreche ich von solchen, die ganz fern von uns liegen, gleichsam in einem anderen Erdteil? Weiß ich doch, daß auch auf heimischem Boden und in gallischen Städten fast alle vornehmen Männer durch ihr Unglück schlechter geworden sind. Denn ich sah Menschen, von Haus aus Adelige, mit hohen Würden bekleidet; sie waren zwar schon ausgeraubt und geplündert, aber doch war ihr Vermögen weniger zerstört als ihre Sitten. Obwohl sie ausgeraubt und entblößt waren, war doch vom Vermögen noch etwas übrig geblieben, nichts aber von der Zucht. Soviel schlimmere Feinde waren sie gegen sich selbst, als die Feinde von außen, daß sie selbst sich noch mehr zerstörten, als sie von den Barbaren schon zerstört waren. Es ist traurig zu berichten, was wir gesehen haben, daß ehrenwerte Greise, altersschwache Christen, während der Untergang schon der Stadt drohte, der Gaumenlust und Ausschweifung sich hingaben. Was soll man hier zuerst anklagen? Daß sie angesehen waren oder daß sie Greise waren oder Christen oder dem Untergang nahe? Wer hielte so etwas für möglich bei Greisen, sogar wenn sie in Sicherheit sind, sogar bei jungen Leuten, wenn sie in Gefahr sind, oder überhaupt je bei Christen? Sie lagen bei Gastmählern, vergessend ihrer Ehre, vergessend ihres Alters, vergessend ihres Standes, vergessend ihres Namens, die Führer des Staates, mit Speisen vollgepfropft, vor Trunkenheit sinnlos, mit wüstem Geschrei, in taumelndem Wahnsinn, nichts weniger als bei Sinnen, nein vielmehr, da sie ja immer so lebten, erst recht bei ihren Sinnen. Ja, so war es; aber ich muß noch viel mehr sagen: nicht einmal der Untergang der Stadt machte dieser Verworfenheit ein Ende. Die reichste Stadt der Gallier ist ja viermal erobert worden. Es ist klar, von welcher ich rede. Die erste Einnahme hätte für die Besserung genügen können, so daß nicht die Wiederholung der Sünden zu einer Wiederholung der Zerstörung geführt hätte. Doch, was geschah? Es ist unglaublich, was ich erzähle. Die Dauer der Heimsuchungen brachte eine Vermehrung der Verbrechen mit sich. Wie sich nämlich jenes Schlangenungeheuer, von dem die Fabeln erzählen, nach jeder Erlegung vervielfachte, so wuchsen auch in der berühmtesten Stadt der Gallier die Verbrechen infolge eben der Schicksalsschläge, die sie eindämmen sollten, so daß man glauben könnte, die Strafe für die Sünden sei sozusagen die Mutter neuer Laster. Ferner: soweit ist es infolge der Vermehrung der täglich neu aufkeimenden Sünden gekommen, daß man leichter jene Stadt ohne Bewohner, als auch fast nur einen ihrer Bewohner ohne schwere Schuld finden könnte. So ist es also in jener Stadt. Wie steht es in einer anderen, nicht weit entfernten Stadt, fast ebenso prächtig wie diese? Ist dort der Zusammenbruch des Wohlstandes und der Sitten nicht der gleiche? Denn außer den gewöhnlichen Vorgängen, daß nämlich durch die hauptsächlichsten Sünden, Habsucht und Trunkenheit, alles zusammengebrochen ist, herrschte dort bis jetzt eine so rasende Gier nach Wein, daß die Häupter jener Stadt nicht einmal von den Gastmählern aufstanden, als schon der Feind in die Stadt eindrang. So deutlich wollte ihnen Gott, wie ich glaube, den Grund für ihren Untergang zeigen, daß sie sogar während ihres Unterganges die Sünde begingen, wegen der sie zugrunde gehen mußten. Und ich selber sah dort beweinenswerte Dinge, und zwar ohne jeden Unterschied zwischen Knaben und Greisen. Die gleiche Possenhaftigkeit, der gleiche Leichtsinn! Alles auf einmal: Schwelgerei, Trinkgelage, Untergang, Alles taten sie in gleicher Weise: spielten, betranken sich, trieben Ehebruch. Alte und angesehene Leute waren bei den Gastmählern ausschweifend; zum Leben waren sie fast schon zu schwach, beim Wein aber außerordentlich leistungsfähig; untauglich zum Gehen, stark im Trinken, wankend beim einfachen Schreiten, leichtfüßig beim Tanz. Noch mehr? So weit kamen sie durch all die angeführten Sünden herab, daß sich an ihnen das Wort der Heiligen Schrift erfüllte: „Wein und Frauen führen zum Abfall von Gott.“Denn während sie tranken, spielten, Ehebruch trieben und sich toll gebürdeten, fingen sie schon an, Christus zu verleugnen. Und nach all dem wundern wir uns, wenn sie die Zerstörung ihres Glücks erleiden mußten, da sie doch schon so lange vorher in ihrem Herzen zusammengebrochen waren? Niemand glaube daher, jene Stadt sei erst bei ihrer Zerstörung zugrundegegangen; wo nämlich solches geschehen ist, ist der Untergang dem Untergang bereits vorausgegangen.

14. Überall mußte die Blindheit der Bewohner den Untergang herbeiführen

Ich habe nun von den ausgezeichnetsten Städten gesprochen. Was läßt sich von den übrigen, in verschiedenen Teilen Galliens gelegenen Städten sagen? Sind sie nicht infolge ganz ähnlicher Laster ihrer Bewohner untergegangen? Denn so hat das Verbrechen von allen Besitz ergriffen, daß sie nicht einmal ihre eigene Gefahr fürchteten. Man sah die Gefangenschaft voraus, aber man fürchtete sie nicht. Die Furcht war den Sündern dahingeschwunden, damit sie ihnen nicht ein Schutz sein könnte. Daher ließen sich die Barbaren fast unter den Augen aller nieder, und trotzdem fürchtete sich niemand; keine Stadt wurde bewacht. So groß war die Blindheit des Geistes oder besser gesagt die der Sünde, daß keiner etwas tat, um den Untergang aufzuhalten, obwohl zweifellos keiner untergehen wollte. Überall herrschte Sorglosigkeit und Trägheit, überall Nachlässigkeit und Schwelgerei, überall Trunkenheit und Schlafsucht, gemäß jenem Wort, das für solche geschrieben steht: „Schlaf vom Herrn war über sie hereingebrochen.“ Schlaf wird nämlich eingeflößt, damit das Verderben folgen kann. Wenn nämlich, wie geschrieben steht, ein Sünder nach Vollendung seiner Ungerechtigkeit den Untergang verdient, wird die Vorsicht von ihm genommen, daß er nicht im Augenblick des Untergangs noch entrinne. So viel über diese Dinge! Denn klar genug habe ich nach meiner Meinung meine Behauptung bewiesen, daß nämlich nicht einmal im größten Unglück die Laster der Bürger jemals aufgehört hätten, bis zur Vernichtung ihrer Städte.

15. Das schlimmste Beispiel hat das viermal zerstörte Trier gegeben

Aber das alles war vielleicht, es ist nicht mehr so und hat irgendeinmal aufgehört. Allerdings: wenn heute überhaupt noch eine Stadt oder eine Provinz, von himmlischen Plagen heimgesucht oder durch feindliche Plünderung verwüstet und gedemütigt, sich bekehrt und bessert, und nicht fast alle Völker römischen Stammes eher zugrundegehen als sich bekehren und eher selbst aufhören zu leben als in ihren Lastern zu leben! Das kann ich in Kürze beweisen. Durch drei unmittelbar aufeinanderfolgende Zerstörungen ist die Hauptstadt der Gallier ausgetilgt worden; und obwohl die ganze Stadt verbrannt war, wuchsen die Leiden noch nach den Zerstörungen. Denn die, welche die Feinde bei der Einnahme nicht getötet hatten, wurden nachher vom Unglück erreicht; denn alles, was bei der Zerstörung dem Tode entronnen war, überlebte nachher das Unheil nicht. Die einen starben in lang dauernden Todesqualen an tieferen Wunden, die anderen, bereits angesengt durch das Feuer des Feindes, peinigte nach dem Brand die Qual. Die einen starben vor Hunger, die anderen infolge ihrer Blöße; die einen siechten dahin, die anderen erfroren, und so fielen alle miteinander durch verschiedene Todesarten einem gemeinsamen Tod anheim. Und was weiter? Durch das Verderben einer Stadt wurden auch andere getroffen. Überall, was ich selbst gesehen und ausgehalten habe, lagen nackte und zerfleischte Leichen beiderlei Geschlechts, die den Anblick der Stadt schändeten, von Vögeln und Hunden zerrissen; Verderben für die Lebenden war der üble Geruch der Toten. Der Tod hauchte neuen Tod aus. Und so mußten auch die, die bei der Zerstörung in der genannten Stadt nicht dabei gewesen waren, die Leiden fremden Untergangs mit ertragen. Und was nach diesem, so frage ich, was nach diesem allem? Wer kann die Größe dieses Wahnsinns ermessen? Wenige Adelige, die das Verderben überlebt hatten, forderten von den Kaisern Zirkusspiele, 1sozusagen als höchstes Trostmittel für die zerstörte Stadt. O hätte ich für diesen Gegenstand entsprechende Beredsamkeit, um dem Unwillen über diese Vorgänge gebührenden Ausdruck zu verleihen, auf daß die Klage so mächtig werde, wie der Schmerz über das Geschehene groß ist! Wer kann nämlich ermessen, welcher der genannten Punkte zuerst zum Gegenstand einer Anklage gemacht werden soll, die Gottlosigkeit oder die Torheit, die Ausschweifung oder der Wahnsinn? Denn alles liegt darin eingeschlossen. Denn was ist gottloser, als etwas zur Beleidigung Gottes zu erstreben? Oder was ist törichter, als über das nicht nachzudenken, was man verlangt? Oder welche Ausschweifung ist so verworfen, als sich mitten in der Trauer nach Ausschweifungen zu sehnen? Was ist wahnsinniger, als im Unglück sein und sein Unglück nicht einsehen? Unter all diesen Dingen liegt im Wahnsinn die geringste Schuld, weil dort der Wille nicht sündigt, wo in Raserei gefehlt wird. Um so mehr sind die anzuklagen, von denen wir sprechen, weil sie bei gesunden Sinnen wie Wahnsinnige handelten. Zirkusspiele also, ihr Trierer, wünscht ihr, und zwar trotz der Verwüstung, trotz der Einnahme, nach der Niederlage, nach dem Blutvergießen, nach Qualen, nach Gefangenschaft, nach all den Katastrophen eurer zerstörten Stadt? Was ist beweinenswerter als diese Torheit, was beklagenswerter als dieser Wahnsinn? Ich gestehe, ich hielt euch für sehr unglücklich, als ihr die Zerstörung erlitten hattet; aber ich sehe euch noch unglücklicher, da ihr Schauspiele verlangt. Ich glaubte nämlich, daß ihr bei euren Niederlagen Vermögen und Besitz verloren hättet; ich wußte aber nicht, daß ihr Verstand und Einsicht eingebüßt habt. Theater verlangt ihr also, einen Zirkus fordert ihr von den Häuptern? Für welchen Stand, frage ich, für welches Volk, für welche Stadt? Für eine verbrannte und zerstörte Stadt, für ein gefangenes und hingemordetes Volk, welches entweder zugrundegegangen ist oder in Trauer lebt: wenn noch etwas davon übrig ist, so ist es ganz im Unglück versunken; alle sind entweder in Trauer und Angst oder von Tränen erschöpft oder niedergeschlagen in ihrer Verlassenheit. Kaum weiß man, wessen Schicksal schlimmer und härter ist, das der Getöteten oder das der Lebendigen. Denn so groß ist das Unglück der Überlebenden, daß es das Leid der Toten noch übersteigt. Du verlangst also öffentliche Spiele, Trierer? Wo, ich frage dich, sollen sie abgehalten werden? Etwa über dem Grab und der Asche? Etwa über den Gebeinen und dem Blut der Erschlagenen? Welcher Teil der Stadt ist frei von all diesen Schrecken? Wo wurde kein Blut vergossen? Wo sind keine Leichen hingestreckt? Wo findet man keine zerhauenen Glieder von Gemordeten? Überall herrscht der Anblick einer eingenommenen Stadt, überall der Schrecken der Gefangenschaft, überall ein Bild des Todes. Die Überlebenden aus dem unglücklichsten Volk liegen auf den Grabhügeln ihrer Toten, und du verlangst Zirkusspiele? Von Brand geschwärzt ist noch die Stadt, und du willst eine festliche Miene aufsetzen? Alles ist in Trauer, du bist lustig. Und darüber hinaus forderst du durch deine schändlichen Gelüste Gott heraus und reizest den Zorn der Gottheit durch schlimmsten Aberglauben. Wahrlich, ich wundere mich durchaus nicht, ich wundere mich nicht, daß diese Leiden über dich gekommen sind, die daraus folgten. Denn weil dich drei Katastrophen nicht gebessert haben, verdientest du durch die vierte unterzugehen.

16. Die Strenge und die Güte Gottes verfehlen bei uns ihren Zweck

Dies alles habe ich ein wenig ausführlicher dargelegt, um zu beweisen, daß wir alle unser Unglück nicht wegen der fehlenden Fürsorge und wegen der Nachlässigkeit Gottes erlitten, sondern nach Recht und Gerechtigkeit, nach seinem Richterspruch, als billigen Ausgleich und vollauf gebührende Wiedervergeltung; daß ferner kein Teil des römischen Reiches oder des römischen Volkes, durch irgendwelche, wenn auch noch so heftige Schläge des Himmels getroffen, jemals sich gebessert hat. Und deshalb verdienen wir keineswegs, ein Glück zu genießen, weil wir uns durch Unglück nicht bessern. Aber trotz unserer Unwürdigkeit wird uns bisweilen auch Gutes geschenkt, weil der gütige Herr wie ein verzeihender Vater uns zwar manchmal für unsere Sünden gedemütigt werden, aber doch nicht lange niedergeschlagen sein läßt, und die Seinigen bald um der Zucht willen mit Unglück schlägt, bald in seiner Nachsicht ihnen Ruhe gewährt. Die besten und erfahrensten Ärzte lassen den mit verschiedenen Krankheiten Behafteten verschiedene Heilmethoden angedeihen: den einen helfen sie durch süße Medizinen, den anderen durch bittere; die einen heilen sie durch Ausbrennen mit heißen Eisen, die anderen durch weiche, lindernde Umschläge; die einen schneiden sie mit harten Eisen, die andern beträufeln sie mit angenehmem, mildem Öl; und trotz der großen Verschiedenheit der Heilmittel wird immer das gleiche, die Gesundheit, angestrebt. So macht es auch unser Gott: wenn er uns manchmal durch strengere Strafen im Zaume hält, so behandelt er uns gleichsam mit Brenneisen und Operationsmesser; wenn er uns aber wieder glücklichere Tage schenkt, dann tröstet er uns gewissermaßen durch das Öl und lindernde Umschläge. Durch verschiedene Heilmittel will er uns zu ein und derselben Gesundheit führen. Auch die nichtsnutzigsten Sklaven, die schwere Strafen nicht bessern, pflegen gütige Worte zu bekehren; und die sich durch Schläge ihren Herren nicht unterworfen haben, unterwerfen sich auf Wohltaten hin. Auch die Kinder und fast alle trotzigen Buben, welche Drohungen und Stockhiebe nicht artig machen, bringen bisweilen Spielzeug und freundliche Worte zum Gehorsam. Daraus müssen wir ersehen, daß wir schlechter sind als die schlechtesten Sklaven und törichter als die unvernünftigen Kinder, da uns weder Foltern bessern wie die schlechten Sklaven, noch Schmeicheleien bekehren wie die kleinen Kinder.

17. Was sollten wir tun, wenn Gott uns schont?

Nun, wie die Strafe keinen Teil des römischen Volkes besserte, habe ich meiner Ansicht nach genügend klar dargelegt. Es bleibt uns noch zu beweisen, wie auch kein Geschenk und keine Freundlichkeiten Gottes uns bessern. Welches sind aber die Geschenke und Freundlichkeiten Gottes? Was denn anders als unser Friede und unsere Ruhe und ungestörtes Glück, das unserem Wünschen und Wollen so entgegenkommt? Etwas aber wollen wir, weil es der Gegenstand erfordert, auch besonders besprechen. So oft wir in Furcht, in Angst, in Gefahren sind, wenn entweder Städte von Feinden belagert werden, Provinzen durch Verwüstung zerstört und Glieder des Staates von irgendwelchen Heimsuchungen betroffen werden, erheben wir im Gebet um Hilfe die Hände zum Himmel; wenn nun durch die Hilfe göttlichen Erbarmens die Städte gerettet wurden oder die Verwüstung aufhörte oder die feindlichen Heere zerstreut wurden und durch Gottes gnädige Fügung die ganze Furcht verschwand, was tun wir dann gleich nachher? Natürlich, glaube ich, wir bemühen uns, dem Herrn, unserm Gott, durch Andacht, Ehrfurcht, Verehrung die Wohltaten zu vergelten, die wir von ihm empfangen haben. Das nämlich wäre zu erwarten; und es ist auch im täglichen Leben so der Brauch, daß man dem, dem man Dank schuldet, auch den Dank abstattet und der Schenkende wieder beschenkt wird. So tun vielleicht auch wir; und indem wir Gott wenigstens auf menschliche Weise vergelten, geben wir ihm Gutes zurück, da wir Gutes von ihm empfangen haben. Wir eilen sogleich in die Häuser des Herrn, wir fallen zu Boden, wir beten weinend vor Freude, schmücken die Schwellen der Kirche mit Geschenken, füllen die Altäre mit Weihegaben; und weil wir selbst durch sein Geschenk festlich gehoben sind, geben wir auch seinen Tempeln das Antlitz unserer Festlichkeit oder wir verzichten zum mindesten – und das liegt ihm ebenso am Herzen – auf die früheren Laster unseres Lebens, schlachten die Opfertiere unserer guten Werke, und für unsere neue Freude bringen wir die Opfer einer neuen Bekehrung dar; wir erklären endlich aller Unreinheit den heiligen Krieg, fliehen den Wahnsinn der Zirkusspiele, verfluchen die abscheulichen Theateraufführungen, geloben dem Herrn ein neues Leben; und um seinen dauernden Schutz zu erlangen, opfern wir selbst uns Gott.

18. Wir tun aber gerade das Gegenteil; darum werden wir ohne Aufhören gezüchtigt

Das also, was wir angeführt haben, müßte für die jüngsten Wohltaten Gottes geschehen; laßt uns nun sehen, was wirklich geschieht! Man läuft sofort zu den Spielen, man fliegt zur tollen Lust; das Volk ergießt sich in die Theater, die ganze Masse tobt im Zirkus. Gott erweist uns Wohltaten, daß wir gut seien; wir dagegen häufen Böses auf Böses, so oft wir Gutes empfangen. Er ruft uns durch seine Wohltaten zur Rechtschaffenheit, wir stürzen uns in die Ruchlosigkeit; er ruft uns durch seine Wohltaten zur Buße, wir stürzen uns in die Ausgelassenheit; er ruft zur Keuschheit, wir stürzen uns in die Unsittlichkeit. Herrlich, fürwahr, antworten wir auf die Geschenke Gottes, vortrefflich erkennen wir seine Gaben an und ehren sie! Ebenso viele Beleidigungen geben wir zurück, als wir Wohltaten von ihm empfangen. Oder ist das vielleicht keine Beleidigung Gottes oder kann es eine ärgere geben, da doch der allergrößte Dank am Platze wäre? Aber weil die Sünde in uns so eingewurzelt ist, daß wir schon nicht mehr anders sein können als lasterhaft, außer, wenn wir überhaupt nicht mehr leben, welche Hoffnung haben wir da auf einen guten Erfolg? Wer aus Unwissenheit sündigt, bessert sich, wenn er seinen Irrtum erkannt hat; wer der Religion unkundig ist, beginnt seine Sitten zu ändern, wenn er seine Glaubensgemeinde geändert hat; wer endlich, wie ich gesagt habe, in allzu großem Wohlergehen und Sicherheitsgefühl sündigt, der hört auf, verworfen zu sein, sobald die Sorglosigkeit ein Ende genommen hat. Wir aber fehlen weder aus Unwissenheit, noch sind wir in Unkenntnis über die wahre Religion, noch werden wir durch zu üppiges Wohlleben und Sorglosigkeit verdorben. Von allem ist gerade das Gegenteil der Fall. Wir kennen die Religion, und Unwissenheit entschuldigt uns nicht; den Frieden und den Reichtum früherer Zeiten besitzen wir nicht mehr; alles, was wir hatten, wurde uns genommen oder es wurde verändert; nur unsere Laster wuchsen. Nichts ist uns übrig geblieben von Frieden und früherer Wohlhabenheit, außer unsere Verbrechen, die kein Glück haben aufkommen lassen. Denn wo ist die alte Macht und Würde der Römer? Einst waren die Römer die tapfersten, jetzt sind sie kraftlos; die alten Römer wurden gefürchtet, wir fürchten uns; jenen zahlten die Barbarenvölker Steuer, wir sind den Barbaren steuerpflichtig. Die Feinde verkaufen uns den Genuß des Lichtes. Daß wir überhaupt noch heil sind, verdanken wir einem Handelsgeschäft. O unser Unglück! Wie weit sind wir herabgekommen! Und dafür sagen wir den Barbaren Dank, von denen wir uns selbst um Geld erkaufen. Was kann es Verächtlicheres oder Elenderes geben als uns? Und wir glauben nach all dem noch zu leben, da unser Leben uns so teuer zu stehen kommt! Ja, obendrein machen wir uns noch lächerlich. Das Geld, das wir zahlen, nennen wir ein Geschenk. Wir nennen eine Gabe, was ein Kaufpreis ist, und zwar ein Kaufpreis für eine sehr harte und unglückselige Lage. Alle Gefangenen erhalten die Freiheit, wenn sie einmal losgekauft sind; wir kaufen uns immer los und sind doch niemals frei. Die Barbaren verfahren mit uns nach Art der Herren, welche Sklaven, die für ihre Dienste nicht notwendig sind, gegen ein Pachtgeld ausleihen. Ähnlicherweise sind auch wir niemals von dem Dienst frei, für den wir bezahlen; denn wir zahlen beständig Abgaben, nur zu dem Zweck, um ohne Ende zu zahlen.

VII. Buch

1. Rom stirbt und lacht

Da ich am Schluß des nun beendeten Buches über die Schwäche und das Elend des römischen Volkes ziemlich viel gesagt habe, so scheint das vielleicht in Widerspruch zu stehen zu dem Gegenstand, den wir hier behandeln. Ich weiß nämlich, daß man an dieser Stelle einwenden kann, dadurch werde sehr klar bewiesen, daß Gott sich nicht um die menschlichen Dinge kümmert. Haben ja doch die Römer einst, als sie heidnisch waren, gesiegt und geherrscht, und jetzt als Christen werden sie besiegt und müssen Knechte sein. Um diesen Einwand zu entkräften, könnte das genügen, was schon längst über fast alle heidnischen Völker gesagt worden ist, nämlich, daß die schwerer sündigen, die wissentlich das Gesetz Gottes mißachten, als die, die es unwissentlich nicht erfüllen. Aber dennoch werden wir, wenn Gott es will, mit seiner Hilfe klar erweisen – wir sind ja nun einmal bei dem Punkt unseres Themas angelangt, da wir über die alten Römer reden müssen – daß damals die Gunst des Herrn gegen jene ebenso gerecht war, wie jetzt seine Strenge gegen uns gerecht ist, und daß es ebenso in der Ordnung war, wenn Gott die Römer damals durch seine Hilfe emporhob, wie es jetzt in der Ordnung ist, wenn wir bestraft werden. Und wenn die Strafe selbst nur etwas nützte! Das ist noch viel ernster und trauriger, daß auch nach der Bestrafung keine Besserung eintritt. Der Herr will uns durch seine Züchtigung heilen, aber auf die Behandlung folgt keine Heilung. Wie groß ist dieses Übel! Zugvieh und Kleinvieh wird durch Schneiden geheilt. Die angefaulten Fleischteile von Maultieren, Eseln, Schweinen, werden mit dem Brenneisen abgebrannt und zeitigen einen Erfolg der ärztlichen Brennkunst. Sogleich, wenn die Fäulnis des kranken Körpers weggebrannt oder weggeschnitten ist, wächst an Stelle des abgestorbenen Fleisches frisches nach. Wir werden gebrannt und geschnitten; aber nicht einmal durch schneidende Messer und glühende Eisen werden wir geheilt; ja, was noch schlimmer ist, gerade durch die Kur werden wir immer schlechter. Und deshalb widerfährt uns nicht ohne Grund, was dem Klein- und Großvieh widerfährt, das an unheilbaren Krankheiten leidet. Denn in allen Teilen der Welt finden wir unser Ende durch Mord und Totschlag, weil wir uns durch Heilkuren nicht bessern lassen. Man beachte doch nur, um nicht längst Gesagtes zu wiederholen, wie es in dem Punkte steht, den ich kurz vorher erwähnt, daß wir nämlich ebenso elend wie schwelgerisch sind. Es mag nun sein, daß das die Laster der Glücklichen sind (obwohl niemand gleichzeitig schlecht und glücklich sein kann; denn wo die wahre Rechtschaffenheit nicht ist, gibt es auch kein wahres Glück), es mag also dennoch sein, daß das die Laster eines langen Friedens und gesicherten Wohlstandes sind. Warum aber, so frage ich, sind sie da, wo kein Friede, wo keine Sicherheit herrscht? Fast im ganzen römischen Reiche gibt es ja keinen Frieden und keine Sicherheit mehr? Warum dauern allein die Laster fort? Wer, so frage ich, kann Ausgelassenheit bei einem Bettler ertragen? Verbrecherischer ist ja verschwenderische Armut und erbärmlicher ein hungriger Possenreißer. Und die ganze römische Welt ist armselig und ausschweifend. Welcher Arme, so muß ich wieder fragen, denkt an Possen? Wer denkt in Erwartung der Gefangenschaft an den Zirkus? Wer fürchtet den Tod und lacht? Wir spielen trotz der Furcht vor der Gefangenschaft, und mitten in der Todesangst lachen wir. Man möchte glauben, das ganze römische Volk sei mit sardonischem Kraut gesättigt worden; es stirbt und lacht. Und deshalb folgen in fast allen Teilen der Welt Tränen auf unser Lachen, und deshalb kommt auch in der Gegenwart über uns das Wort unseres Herrn: „Wehe über euch, die ihr lacht, denn ihr werdet weinen!“

2. Auch durch andere Laster sind die Römer schlechter als die Barbaren, die jetzt mit Recht die herrlichsten Länder besitzen

Aber da wir so lange von den Spielen und den öffentlichen Schändlichkeiten gesprochen haben, möchte man vielleicht glauben, daß wir nur insofern schlechter seien als die Barbaren, als jene solche nicht veranstalten, während wir es tun. Im übrigen aber befleckten wir uns nicht so mit den Verbrechen fleischlicher Lust und mit dem Schmutz unheilvoller Unzucht. Vergleichen wir, wenn es gestattet ist, auch in diesem Punkt die Römer mit den übrigen Nationen! Und schwerlich können sie mit irgend welchen Völkern besser verglichen werden als mit denen, die Gott mitten in den römischen Staat hineinstellte und zu Besitzern und Herrn des römischen Bodens machte. Obwohl über die Gerichte Gottes nicht gestritten werden kann, wollen wir doch sehen, ob Gott, als er uns den besten Teil unseres Eigentums genommen und den Barbaren gegeben, mit Recht jenen gegeben hat, was er uns genommen und jenen gegeben hat. Niemand zweifelt, daß die Aquitanier und Neunvölkerstämme 1in fast allen Teilen Galliens das Mark und den Kern aller fruchtbaren Gebiete inne haben; und nicht nur fruchtbares Land besitzen sie, sondern auch, was bisweilen der Fruchtbarkeit vorgezogen wird, ein angenehmes, ein schönes, ein genußreiches Land. So reich ist hier die ganze Gegend mit Weinbergen durchzogen oder von blühenden Wiesen bedeckt oder durch Äcker belebt oder mit Obstbäumen besät oder durch Haine lieblich verschönt oder von Quellen berieselt oder von Flüssen durchströmt oder von Saatfeldern bekränzt, daß die Besitzer und Herren eines solchen Landes wahrhaftig nicht nur einen Teil dieses Erdbodens inne zu haben scheinen, sondern das Abbild des Paradieses. Was aber geschah nach all diesem? Ohne Zweifel hätten die Gott eifrig dienen sollen, die er vorzugsweise mit überreichen Gaben und Wohltaten bedacht hatte. Was wäre richtiger und würdiger gewesen, als daß die, denen Gott allem Anschein nach durch seine Gaben sozusagen ganz besonders gefallen wollte, auch ihrerseits durch Gottesdienst und Frömmigkeit Gottes Wohlgefallen hätten erwecken wollen, besonders da Gott von uns nichts Drückendes, nichts Schweres fordert. Er ruft uns nämlich nicht zum Pflug oder zur Hacke, nicht zum Aufbrechen des Bodens und zum Umgraben der Weinberge; er fordert endlich nicht das von seinen Dienern, was wir von den unsrigen verlangen; denn was sagt er? „Kommet alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken. Nehmet auf euch mein Joch und lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen; und ihr werdet Ruhe finden für euere Seelen; denn mein Joch ist süß und meine Bürde ist leicht“. Gott ruft uns also nicht zur Mühe, sondern zur Erquickung. Denn was fordert er von uns, was sollen wir ihm nach seinem Befehl anderes schenken als einzig und allein den Glauben, die Keuschheit, die Demut, die Nüchternheit, die Barmherzigkeit, die Heiligkeit? All das drückt uns nicht, sondern schmückt uns. Und nicht nur das; sondern deswegen schmücken diese Tugenden das gegenwärtige Leben, um das zukünftige noch mehr schmücken zu können. O guter, o gnädiger, o unermeßlich barmherziger Herr! Der uns darum in der Gegenwart die Gaben der Gottverbundenheit verleiht, um nachher sogar die Geschenke uns zu vergelten, die er jetzt spendet. So hätten ohne Zweifel die Aquitanier sein müssen, und zwar, wie gesagt, in ganz besonderem Maße so, weil sie ganz besondere Gaben Gottes besaßen. Und was kam nach all diesem? Was erfolgte darauf? Was anders als gerade das Gegenteil? In fast allen Teilen Galliens sind sie wie die ersten an Reichtum so die ersten auch an Lasterhaftigkeit. Denn nirgends gibt es ruchlosere Vergnügungen, nirgends ein schmutzigeres Leben, nirgends verderbtere Zucht, Eine solche Vergeltung erstatteten sie dem Herrn für seine heiligen Wohltaten, daß sie in eben dem Maße, als er sie durch seine Guttaten zur Versöhnung anlocken wollte, sich Mühe gaben, ihn durch ihre Laster zu erbittern.

3. Durch das Laster der Unzucht haben sich besonders die Aquitanier befleckt

Oder ist das etwa falsch und sage ich es mehr aus Haß als aus Wahrheitsliebe? Ich gebrauche nicht die Art von Beweisen, die andere in Prozessen anzuwenden pflegen: ich führe nämlich nicht einige wenige oder fremde oder ungeeignete Zeugen an. Ich will die selbst fragen, die solches getan haben. Wenn sie leugnen, haben wir falsch gesprochen. Sie gestehen aber und, was noch schlimmer ist. sie gestehen so, daß ihnen das Geständnis keinen Schmerz bereitet. Denn jetzt beim Geständnis haben sie die gleiche Gesinnung wie zuerst bei der Tat. Wie sie sich damals nicht geschämt haben, Schandtaten zu begehen, so reut es sie jetzt durchaus nicht, die Frevel getan zu haben. Ausgenommen sind nur ganz wenige, fast heilige und ausgezeichnete Männer, die, wie jemand aus ihnen selbst sagt, „durch Geldspenden sich von ihren Sünden erlösten“; ausgenommen sind diese, sage ich, von denen wir mit Recht glauben, daß sie auch in dieser allgemeinen Überschwemmung mit Lastern geringere Verbrechen sich zuschulden kommen ließen, und die daher verdienten, von der Gottheit zur Besserung geführt zu werden. Denn der beleidigt seinen Herrn nicht in vollem Ausmaße, für den Versöhnung aufgespart wird. Und weiterhin glaube ich, daß dieser immerhin sogar bei der Sünde Gott im Auge behalten hat, weil er es von ihm erlangen konnte, daß er nicht länger im Irrtum verweilte. Die übrigen aber, ja fast die meisten, und zwar zu gleicher Zeit auch die Vornehmen, sind fast alle gleich; fast ein einziger Schlund sind die Kehlen aller, fast ein einziges Bordell ist ihrer aller Leben. Was rede ich von Bordellen? Sogar ein Bordell halte ich noch für weniger schuldhaft. Die Dirnen in den öffentlichen Häusern kennen das eheliche Band nicht; und deshalb beflecken sie nicht, was sie nicht kennen. Sie sind der Sünde der Schamlosigkeit schuldig, aber die Schuld des Ehebruches trifft sie nicht. Dazu kommt noch, daß es wenig Bordelle gibt und wenig Dirnen, die in ihnen sich zu einem elenden Leben verurteilt haben. Bei den Aquitaniern aber, welche Stadt ist da in ihren reichsten und vornehmsten Vierteln nicht wie ein Hurenhaus gewesen? Wer von den Mächtigen und Reichen hat nicht im Schmutz der Lüste gelebt? Wer hat sich nicht in einen Abgrund voll schmutzigsten Unrats gestürzt? Wer hat der Gattin die eheliche Treue gehalten? Ja, was die Leidenschaft der Wollust anlangt, wer hat seine Gattin nicht unter die Zahl seiner Mägde herabgewürdigt und das Sakrament der heiligen Ehe so tief herabgezogen, daß niemand im Haus infolge der Verachtung des Gatten tiefer zu stehen schien als die, die auf Grund ihrer ehelichen Würde die erste gewesen wäre?

4. Die Herren trieben Unzucht mit ihren Sklavinnen

Es mag vielleicht einer denken, es sei doch nicht ganz so, wie ich sage: es hätten nämlich dort die Familienmütter ihre Rechte gehabt, und sie hätten die Ehre und die Macht der Herrin besessen. Es ist wahr; sie hatten vielleicht unbeschränktes Herrschaftsrecht, aber kein unangetastetes Eherecht. Und wir fragen jetzt nicht, welches das Vorrecht der Frau gewesen sei, sondern wie verdorben die Zucht der Männer. Ich möchte aber auch nicht zugeben, daß dort die Hausfrauen die Herrschaft ungeschmälert besessen hätten; denn wer immer das Recht der Ehe nicht unverletzt und in vollem Ausmaße besitzt, hat auch das der Herrschaft nicht unversehrt. Nicht viel mehr fehlt bei der Frau von der Niedrigkeit der Sklavinnen, wo der Hausherr der Gatte der Sklavinnen ist. Und wer von den reichsten Aquitaniern ist das nicht gewesen? Welchen Herrn haben schamlose Mägde nicht mit Recht als Ehebrecher oder als Ehemann für sich genommen? „Wie geile Rosse sind sie gegen Weiber geworden; ein jeder wiehert nach der Gattin seines Nächsten.“ 1Aber jene, von denen das geschrieben steht, haben vielleicht durch geringere Sünden und, wie ich glaube, durch eine geringere Anzahl von Vergehen und geringere Leidenschaftlichkeit gefehlt. Diese aber wieherten wirklich wie geile Rosse nicht nur nach wenigen, sondern nach fast allen ihren Sklavinnen; daß heißt, sie wieherten nach ihren eigenen Herden; und nach Art der Tiere, die man „Herdenmännchen“ heißt, stürzten sie sich, toll von der Raserei glühender Wollust, auf jede beliebige Frau, zu der die schamlos brennende Glut sie zuerst hinzog. Ich frage nun die Weisen: Wie müssen wohl unter diesen Umständen die Familien gewesen sein, da die Familienväter so waren? Wie groß muß da die Verderbtheit der Sklaven gewesen sein, wo die Herren so schlecht waren? Wenn das Haupt nämlich krank ist, ist nichts gesund; und gar kein Glied kommt seiner Bestimmung nach, wenn das Wichtigste keinen Bestand hat. In seinem Haus aber ist der Herr sozusagen das Haupt des Leibes, und sein Leben ist für alle die Richtschnur ihres Lebens. Das Schlimmste an dieser Sache ist, daß alle lieber nach Schlechterem greifen und eine schlechte Lebenshaltung leichter Gute schlecht macht als eine gute die Bösen bessert. Da also auch gute und ehrenwerte Familienväter die Diener nicht besser machen können, wie groß muß man sich da die Verderbnis in einer Familie vorstellen, wo die Herren ein Beispiel von Sittenlosigkeit waren? Freilich ist nicht nur das Beispiel allein ein Übel gewesen, sondern auch eine gewisse Vergewaltigung und Nötigung, weil die Sklavinnen sich gegen ihren Willen genötigt sahen, ihren schamlosen Herren zu gehorchen und die Begierde der Gebieter einen Zwang für die Untergebenen bildete. Daraus kann man ersehen, wie tief der Schmutz der schändlichen Schamlosigkeit war, wo es den Frauen unter ihren unzüchtigen Herren nicht gestattet war, keusch zu sein, auch wenn sie gewollt hätten.

5. Die Wende ihres Schicksals hat diese Menschen nicht gebessert

Aber der Beweis für all das läßt sich natürlich schwer erbringen, und von den vergangenen Lastern und Schändlichkeiten gibt es keine Spur mehr. Aber auch jetzt noch sind viele von diesen fast noch schlechter als sie waren, mögen sie auch heimatlos sein und im Vergleich zu ihrem früheren Reichtum dürftig leben. Schlechter sind sie aber nicht nur in einer Hinsicht: denn, mögen sie auch das gleiche tun wie früher, so sind sie trotzdem schon dadurch tiefer gesunken, daß sie vom Verbrechen nicht ablassen. Wenn auch ihre Schandtaten der Art nach nicht größer sind, so sind sie doch zahlreicher; und so wachsen sie zwar nicht durch die Neuheit der Verbrechen, aber häufen sich doch durch die Wiederholung. Dazu kommt noch, daß, wie ich schon gesagt habe, das auch Greise tun, auch Arme. Beides nämlich ist eine Steigerung des Verbrechens. Weniger ungeheuerlich ist es, wenn junge Leute, wenn Reiche sündigen. Denn was für eine Hoffnung auf Besserung besteht da noch, wenn der Mensch sich von der gewohnten Unlauterkeit weder durch das Elend der Armut noch durch das nahe Lebensende abbringen läßt? Es mag sein, daß einige sich trösten mit der törichten Annahme, sie würden lange leben, oder mit der Hoffnung, sie würden schon einmal Buße tun: ist es aber nicht doch eine unerhörte Art von Ungeheuerlichkeit, wenn einige auch noch im Tode lasterhaft sind? Wenn es so steht, was läßt sich da überhaupt noch weiter sagen? Aber trotzdem fügen wir an dieser Stelle hinzu, daß viele dies heutzutage tun, obwohl sie mitten unter Feinden und in täglicher Angst und Furcht wie Gefangene leben. Obwohl sie Gott wegen ihres unreinen Lebens den Barbaren ausgeliefert hat, lassen sie auch unter den Barbaren nicht von ihrer Unkeuschheit ab.

6. Die Römer sind schamlos, die Germanen keusch

Aber vielleicht sind auch die Feinde so, unter denen sie leben, daß diese Dinge sie erfreuen, und daß sie heftigen Anstoß daran nehmen würden, wenn sie sähen, daß die Römer keusch sind, während sie selbst in Unzucht leben. Selbst wenn das so wäre, so dürfte die Schlechtigkeit anderer keineswegs uns auch schlecht machen; denn es ziemt jedem Menschen mehr, sich vor sich selbst als gut als vor einem anderen sich als schlecht zu erweisen. Und man muß mehr danach streben, Gott durch Rechtschaffenheit als den Menschen durch Gottlosigkeit zu gefallen. Und wenn daher auch einer unter unkeuschen Barbaren lebte, müßte er doch mehr nach der Keuschheit streben, die ihm nützt, als nach der Unkeuschheit, die den sittenlosen Feinden gefällt. Aber was kommt zu unserm Unglück noch hinzu? Unter züchtigen Barbaren leben wir in Unzucht. Ja, ich sage sogar noch mehr: Die Barbaren nehmen sogar an unserer Unkeuschheit Anstoß. Einem Goten ist es bei den Goten nicht gestattet, ein Hurer zu sein; nur die Römer erlauben sich auf Grund des Vorrechtes ihres Stammes und ihres Namens, mitten unter ihnen unzüchtig zu leben. Und was für eine Hoffnung, so frage ich, haben wir so bei Gott? Wir lieben die Unkeuschheit, die Goten verfluchen sie; wir fliehen die Reinheit, jene lieben sie; Buhlerei ist bei ihnen ein strafwürdiges Verbrechen, bei uns eine Zierde. Und glauben wir, daß wir vor Gott bestehen können, glauben wir, daß wir gerettet werden können, wenn jedes Verbrechen der Unkeuschheit, jede schamlose Schändlichkeit von den Römern gestattet, von den Barbaren aber bestraft wird? Da frage ich nun die, die uns für besser halten als die Barbaren; sie mögen sagen, was von diesen Dingen auch nur ganz wenige Goten tun oder was davon alle oder doch fast alle Römer unterlassen! Und da wundern wir uns, wenn Länder wie das der Aquitanier oder das unsrige von Gott den Barbaren gegeben wurden, da die Barbaren die Gebiete, welche die Römer mit ihrer Unkeuschheit besudelt haben, nun durch ihre Keuschheit wieder reinigen?

7. Der Gegensatz zwischen Spaniern und Vandalen

Aber vielleicht ist das nur so bei den Aquitaniern. Laßt uns auch noch in andere Teile der Erde wandern, damit es nicht scheint, als sprächen wir nur von den Galliern. Haben denn die Spanier nicht die gleichen oder sogar noch größere Laster zugrundegerichtet? Wenn der Zorn des Himmels sie auch irgendwelchen anderen Barbaren ausgeliefert hätte, so hätten sie, die Feinde der Reinheit, schon die gerechte Strafe für ihre Schandtaten erduldet. Aber um die Verurteilung der Unkeuschheit noch klarer herauszustellen, kommt bei diesen hinzu, daß sie in der Hauptsache den Vandalen, das ist den keuschesten Barbaren, ausgeliefert wurden. Auf zweifache Weise wollte bei der Einnahme Spaniens Gott zeigen, wie sehr er die Lust des Fleisches hasse und die Reinheit liebe: einmal, indem er die Vandalen ganz allein wegen ihrer Reinheit zu Herren machte, und dann, weil er die Spanier ganz allein oder doch zum größten Teil wegen ihrer Unkeuschheit unters Joch beugte. Was weiter? Hätte es denn auf dem ganzen Erdkreis nicht tapferere Barbaren gegeben, denen Spanien hätte ausgeliefert werden können? Viele, ohne Zweifel, ja, wenn ich mich nicht täusche, sogar alle. Aber deshalb hat Gott den schwächsten Feinden alles überliefert, um zu zeigen, daß nicht die Kräfte alles ausmachen, sondern die gute Sache, und daß wir nicht durch die Tapferkeit der einst so feigen Feinde niedergeworfen, sondern nur durch die Unreinheit unserer Laster überwunden wurden, auf daß an uns sich das Wort bewahrheite, das der Herr zu den Juden sprach: ,,Gemäß ihrer Unreinheit und Ungerechtigkeit habe ich ihnen getan, mein Antlitz habe ich von ihnen abgewendet.“ Und anderwärts zu demselben Volke: „Der Herr wird ein Volk über dich herführen aus der Ferne“, und, so sagt er weiter, „mit den Hufen ihrer Rosse werden sie alle deine Straßen zertreten und dein Volk mit dem Schwerte töten.“ Und es ist alles an uns erfüllt worden, was das göttliche Wort gesagt hat, und die über alle hereingebrochene Strafe ist die Einlösung der furchtbaren Drohung des Himmels.

8. Die Vandalen sind zwar schwach; aber nach den Zeugnissen der Heiligen Schrift hat Gott oft den Schwachen den Sieg verliehen

Es haben also fast alle Barbarenvölker Römerblut getrunken, alle haben unsere Eingeweide zerrissen; warum nun hat unser Gott den mächtigsten Staat und die reichsten Völker römischen Namens vorzüglich in die Gewalt der einstmals feigsten Feinde gegeben? Warum? Natürlich nur, damit wir erkennen sollten, was ich oben gesagt habe, daß die Verdienste ausschlaggebend seien, nicht die Kräfte; und daß auch der Umstand uns zur Demütigung und Strafe gereiche, daß wir den Feigsten ausgeliefert würden; und daß wir sogar darin den Schlag der göttlichen Hand verspürten, daß nicht die tapfersten unter den Feinden, sondern die feigsten uns unterjochten. Denn so lesen wir, daß Gott, wenn er deutlich zeigen wollte, daß große Werke von ihm vollbracht würden, entweder durch wenige oder durch die Niedrigsten die Sache ausführen ließ, damit nicht das Werk der göttlichen Hand menschlicher Kraft zugeschrieben werde. So ist nämlich auch der Feldherr Sisara, vor dem das Heer der Hebräer zitterte, von einer Frau geschlagen worden, und den Städteeroberer Abimelech hat die Hand eines Weibes getötet, und die eisengepanzerten Schlachtreihen der Assyrer fielen durch das Eingreifen einer Witwe. Doch, um nicht nur von Frauen zu reden: wollte Gott nicht den Benedad, den König von Syrien, dem außer seinem zahllosen Volke zweiunddreißig Könige und ebenso viele Heere dienten, deshalb von wenigen Dienern der Fürsten besiegt werden lassen, daß man den Spender eines solchen Sieges erkenne? Auch gegen die Madianiten, die, wie das Buch der Richter erzählt, wie Heuschrecken alles überschwemmt hatten, wird dem Gedeon befohlen, mit wenigen zu kämpfen, nicht etwa, weil er kein größeres Heer gehabt hätte; sondern es wird ihm verboten, viele in den Krieg zu führen, damit die Menge sich nicht ein Verdienst am Siege anmaßen könne. Nachdem er daher dreißigtausend Bewaffnete gesammelt hatte, sprach der Herr also zu ihm: „Zahlreiches Volk ist bei dir, und nicht wird Madian gegeben in seine Hand.“ Und was geschah? Den Mann, der gegen zahllose Tausende von Barbaren kämpfen sollte, ließ Gott nur dreihundert Mann behalten. Er befahl, die Zahl der Soldaten so zu verringern, daß sich die kleine Schar von dem mit göttlicher Hilfe vollbrachten Werk nichts anmaßen konnte. Und warum der Herr das tat, erklärte er deutlich mit den Worten: „Nicht rühme sich Israel wider mich und sage: durch meine Kraft wurde ich gerettet.“ Es sollen das hören, so rufe ich aus, alle Ruchlosen, es sollen das hören alle Anmaßenden, es sollen das hören alle Übermächtigen; alle sollen hören, was Gott sagt: „Nicht rühme sich Israel gegen mich und sage: durch meine Kraft wurde ich gerettet.“

9. Die Überheblichkeit derer, die Gott nicht die Ehre geben, wird bestraft

Es mögen das hören, so sage ich, alle, die sich gotteslästerlich des Gegenteils rühmen; es sollen das hören die, die ihre Hoffnung auf Menschen setzen! Gott sagt, daß alle diejenigen ihm widersprechen, die sich anmaßen, durch eigene Kraft sich befreien zu können. Wer von den Römern aber redet nicht so? Wer denkt nicht so? Wer von uns lästert nicht in dieser Beziehung fortwährend den Herrn? Alle sind sich bewußt, daß der Staat keine Kräfte mehr besitzt; und doch erkennen wir nicht einmal an, wessen Wohltaten wir es verdanken, daß wir überhaupt noch leben. Denn wenn uns Gott einmal gegen unsere Hoffnung und ohne unser Verdienst etwas Gutes schenkt, so schreibt der eine es dem Schicksal zu, der andere dem Zufall, der andere der Anordnung der Führer, ein anderer der Klugheit, ein anderer der Behörde, wieder ein anderer der Schutzherrschaft, keiner aber Gott. Und da wundern wir uns, wenn uns die göttliche Hand manche Dinge nicht gibt, da wir ihr doch alles absprechen, was sie gewährt hat! Denn was tun wir anders, wenn wir das Gute, das sie uns schenkt, entweder dem Erfolg des Zufalls oder der Tapferkeit der Feldherrn oder irgendwelchen anderen nichtigen Erscheinungen zuschreiben? Nach diesem Verfahren müßten wir der Erde danken, daß wir jedes Jahr ihre Früchte ernten, und den Weinbergen, daß wir Weinlese halten, und dem Meer, daß wir Fische fangen, und den Wäldern, daß wir Holz fällen, und den Schafen, daß wir uns bekleiden, und dem übrigen Vieh, daß wir uns mit seinem Fleisch sättigen können. Denn was hat es für einen Sinn, daß wir dem für andere Gaben dankbar sein wollen, dem wir für seine größten Wohltaten den Dank versagen? Oder wer unseresgleichen ist damit zufrieden, daß jemand ihm etwas als empfangen anrechnet, dem er die bedeutendsten von seinen Gaben abspricht? Wenn wir auch Gott für nichts gebührend danken können, so wäre es doch zu wenig, wollten wir ihm nur für das Dank erstatten, was er uns zum täglichen Leben gibt. Wir versagen ihm aber den Dank, wenn er uns in der Not hilft und uns aus Gefahren befreit und uns mitten unter den Barbaren immerdar beschützt und erhält. Aber die Goten machen es nicht so; die Vandalen machen es nicht so; obwohl sie von schlechteren Lehrern unterrichtet sind, so sind sie in diesem Punkt doch besser als die Unsrigen. Ich möchte freilich annehmen, daß einige sich durch das Gesagte beleidigt fühlen. Aber man muß mehr an das denken, was wahr ist, als an das, was etwa beleidigt; und deshalb sage ich es immer wieder: nicht so machen es die Goten, nicht so die Vandalen. Wenn sie im Unglück sind, erbitten sie Hilfe von Gott, und ihr Glück nennen sie ein Geschenk der Gottheit. Dies bewies auch unser Unglück im letzten Krieg. Denn als die Goten in Furcht waren, maßten wir uns an, unsere Hoffnung auf die Hunnen zu setzen; jene setzten sie auf Gott. Als jene den Frieden verlangten, verweigerten wir ihn; als jene ihre Bischöfe sandten, schickten wir sie zurück. Jene ehrten auch in fremden Priestern Gott, wir verachteten ihn sogar in unseren eigenen. Je nach der Handlungsweise beider Teile war auch der Ausgang der Dinge. Jenen wurde trotz ihrer größten Angst die Siegespalme verliehen; über uns brach trotz unseres übermäßigen Stolzes die Niederlage herein, so daß damals an ihnen und an uns das Wort unseres Herrn sich deutlich als wahr erwies: ,,Wer sich erhöht, wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt, wird erhöht.“Jene nämlich wurden erhöht für ihre Demut, wir wurden gestürzt für unsere Überhebung.

10. Der römische Feldherr des letzten Krieges ist ein Beispiel dafür

Deswegen erkannte das jener von unseren Feldherrn, der eben die feindliche Stadt an demselben Tage als Gefangener betrat, an dem als Sieger in sie einzuziehen er sich angemaßt hatte. Er bewies die Wahrheit des Prophetenwortes: „Denn nicht in des Menschen Ermessen liegt sein Weg, noch steht es dem Manne zu, daß er wandle und seine Schritte lenke.“ Denn weil er glaubte, daß sein Weg in seinem Belieben liege, fand er weder die Richtung, noch kam er auf den Weg des Heils. „Schmach ist ausgegossen“, wie wir lesen, „über den Fürsten; er irrte unwegsam, und nicht war er auf dem Wege“; „in nichts ist er hingeschwunden wie verrinnendes Wasser.“ Hierin wurde nun, abgesehen von dem unglücklichen Ausgang der Dinge selbst, das gegenwärtige Gericht Gottes offenbar, da er das selbst erleiden mußte, was zu tun er sich angemaßt hatte. Denn weil er glaubte, er könne ohne die Hilfe Gottes und ohne seinen Willen den Feind fangen, wurde er selbst gefangen. Die höchste Einsicht und Weisheit nahm er für sich in Anspruch und zog sich so für seine Überhebung Schmach und Schande zu. Die Fesseln, die er für andere bereithielt, mußte er selbst sich anlegen lassen. Und was für ein Urteil Gottes, so frage ich, konnte deutlicher sein, als daß er Beute wurde, wo er hoffte, Beutemacher sein zu können; als daß er dem Triumphe dienen mußte, während er selbst triumphieren wollte; daß er umzingelt, erfaßt, gefesselt wurde, daß er die Arme auf den Rücken gebunden tragen mußte, und die Hände, die er für Kriegerhände hielt, gefesselt sah; daß er den Kindern und Weibern zum Schauspiel wurde und sah, wie die Barbaren ihn verspotteten; daß er das Gelächter der Menschen beiderlei Geschlechts aushalten; und daß er, der den höchsten Stolz eines tapferen Mannes hatte, den Tod eines Feiglings sterben mußte? Und wenn das doch ein schnell wirkendes Heilmittel für die Laster wäre, nicht lang dauernde Qual! Jener aber, um von der Größe seiner Strafen zu sprechen, welkte in langsamem, lang dauerndem Siechtum in einem Kerker der Barbaren dahin und sank bis zu diesem Grad des Elendes herab, daß sogar die Feinde mit ihm Mitleid hatten; und das empfinden die Menschen meistens bitterer und härter als die Strafe selbst. Und warum das? Aus welch anderem Grunde zweifellos als weil, wie ich schon gesagt habe, jene demütig vor Gott sind, wir uns gegen ihn auflehnen; weil jene den Sieg in Gottes Hand suchen, wir in der unsrigen, die noch dazu gottesräuberisch und ruchlos ist; und das ist noch schlimmer und verderblicher, als daß es nur unsere Hand ist. Ja sogar der König der Feinde betete, wie es die Überlieferung berichtete und bewies, mit einem Bußhemd bekleidet, auf dem Boden hingestreckt bis zum Tage der Schlacht. Vor dem Krieg lag er im Gebet, und zum Krieg erhob er sich vom Gebet. Bevor er mit eigener Hand die Schlacht begann, kämpfte er durch sein Flehen, und so schritt er vertrauensvoll in den Kampf, da er im Gebete den Sieg schon gewonnen hatte.

11. Auch die Vandalen siegen wegen ihrer Demut und Frömmigkeit

Ganz ähnlich ist das auch bei den Vandalen. Als diese sich in Spanien niedergelassen hatten, zogen die Unsrigen gegen sie, und zwar mit ebensolchen stolzen und anmaßenden Hoffnungen, sie zu besiegen, wie auch jüngst gegen die Goten; gleich mächtig waren Stolz und Hochmut, gleich fürchterlich war auch der Zusammenbruch. Es kam über unser Heer das Prophetenwort: „Der Herr wird vernichten dein Vertrauen, und kein Glück wirst du haben.“ Wir vertrauten nämlich auf unsere Weisheit und Tapferkeit entgegen dem Gebote Gottes, der sagt: „Nicht rühme sich der Weise in seiner Weisheit, noch der Starke in seiner Stärke. Sondern wer sich rühmt, rühme sich, mich zu erkennen und zu verstehen, weil ich der Herr bin.“ Deshalb sind wir nicht unverdientermaßen besiegt worden. Jene wandten sich an bessere Hilfe als die Unsrigen. Denn während wir mit unsern Waffen und Hilfstruppen hochmütig prahlten, kämpfte auf der Seite der Feinde das Buch des göttlichen Gesetzes gegen uns an. Zu dieser Macht flüchteten die Vandalen in ihrer Furcht und Verwirrung, um uns eine Reihe göttlicher Aussprüche entgegenzuhalten und den ihnen entgegenziehenden Feinden das im heiligen Buch Geschriebene kundzutun, gerade wie die Stimme der Gottheit selbst. Hier nun frage ich, wer das auf unserer Seite jemals getan hat oder wer nicht ausgelacht worden wäre, wenn er dies zu tun für notwendig gehalten hätte. Ja, ausgelacht hätte man ihn, wie von den Unsern fast alles Religiöse verlacht wird. Und was kann uns daher das Vorrecht des religiösen Namens nützen, daß wir uns Katholiken heißen, daß wir uns damit brüsten, Gläubige zu sein, daß wir die Goten und Vandalen mit dem Schimpfnamen Ketzer verächtlich belegen, da wir selbst in ketzerischer Schlechtigkeit leben? Deswegen trifft auf uns vollauf das Wort zu, das die Heilige Schrift den auf ihr Gesetz vertrauenden gläubigen Juden zuruft: „Wie könnt ihr sagen, wir sind weise und das Gesetz Gottes ist bei uns?“ ,,Vertrauet nicht“, heißt es wieder, ,,auf Lügenworte, indem ihr sagt: der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn, der Tempel des Herrn ist es! Wenn ihr eure Wege und Absichten heiligt, dem Fremdling, der Waise und der Witwe keine Schmach antut, noch unschuldiges Blut an diesem Ort vergießt, so will ich bei euch wohnen an diesem Orte von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Daraus erhellt also deutlich, daß wir uns ganz überflüssig den Namen eines Katholiken anmaßen und mit ihm prahlen, wenn wir dies nicht tun. Aber davon ist schon weiter oben genügend gesagt worden und wird vielleicht noch geredet werden. Und es ist nicht nötig, Weiteres darüber zu erörtern, wo ja Gott fortwährend sein Gericht ausübt. Denn die Tatsachen zeigen, wie Gott über uns oder über die Goten oder über die Vandalen urteilt. Jene wachsen von Tag zu Tag, wir nehmen ab. Sie machen Fortschritte, wir werden gedemütigt; jene blühen, wir verwelken; so kommt in Wahrheit über uns jenes Wort, das die Heilige Schrift von Saul und David spricht: „David wuchs und ward immer stärker, das Haus Saul aber nahm täglich ab.“ „Denn gerecht“, wie der Prophet sagt, „gerecht ist der Herr, und gerecht sein Gericht,“

12. Gott ist es, der die weit gewanderten Vandalen zu VolIziehern seines Gerichtes macht

Wir werden also auch in einem gegenwärtigen Gericht von Gott gerichtet, und deshalb ist ein ganz feiges Volk zu unserer Schmach und zu unserem Verderben erweckt worden. Es zieht von Ort zu Ort, wandert von Stadt zu Stadt und verwüstet alles. Zuerst hat es sich von seinem Heimatland über das nahe gelegene Germanien ergossen, das dem Namen nach barbarisch, der Herrschaft nach römisch war. Nachdem diese als erste das Verderben erreicht hatte, stand das Land der Belgier in Flammen, dann der Reichtum der verschwenderischen Aquitanier und dann das ganze Binnenland von Gallien; aber dieses ging nur ganz allmählich in Flammen auf, damit der eine Teil durch das warnende Beispiel sich bessere, während der andere vom Verderben getroffen wurde. Aber wo findet sich bei uns eine Besserung, oder welcher Teil des Römerreiches bekehrt sich, mag er auch bedrängt sein? „Alle“, wie wir lesen, „wichen ab, alle sind zugleich unnütz geworden,“ Und deshalb ruft der Prophet zum Herrn und spricht: „Du hast sie geschlagen, aber es hat sie nicht geschmerzt; du hast sie zermalmt, aber sie wollten keine Zucht annehmen. Sie haben ihre Stirnen härter gemacht als Fels und wollten sich nicht bekehren.“ Wie genau das auch für uns zutrifft, lehren die Tatsachen. Lange Zeit hindurch wurde Gallien verwüstet; also ist das benachbarte Spanien gebessert worden? Nein, ganz verdientermaßen – sie kannten weder Furcht noch Besserung – fingen die Spanier Feuer an dem Brand, der die Gallier verzehrt hatte. Dabei aber ist das, wie ich oben gesagt habe, das Frevelhafteste und Schlimmste, daß, um mich so auszudrücken, zwar die Glieder der Sünder brannten, ihre Laster aber nicht geheilt wurden. Und deshalb wurde Gott durch unsere Vergehen gezwungen, die Heimsuchungen des feindlichen Überfalls von Ort zu Ort, von Stadt zu Stadt auszudehnen, und die Volksstämme, die fast von den äußersten Grenzen der Erde aufgebrochen waren, auch über das Meer zu schicken, um die Verbrechen der Afrikaner zu bestrafen. Konnten sie denn nicht, von ihrer Heimaterde weggeführt, innerhalb der gallischen Grenzen bleiben? Oder wen fürchteten sie, so daß sie nicht blieben, da sie doch von uns unangetastet bis zu jener Zeit alles verwüstet hatten? Aber zugegeben: in Gallien hatten sie Furcht. Aber wie war es in Spanien, wo sie sogar unsere Heere im Kampf zermalmt hatten? Fürchteten sie da, sich niederzulassen und zu bleiben, da sie schon Sieger waren, da sie schon triumphierten? Glückte es ihnen doch zu solchem Stolz auf ihre Tapferkeit emporzusteigen, daß sie nach den Erfahrungen des lange vorbereiteten Krieges erkennen konnten, daß ihnen die Streitkräfte des römischen Volkes auch mit barbarischen Hilfstruppen nicht gewachsen sein konnten.

13. Auch Afrika hat die Züchtigung durch sie vollauf verdient

Sie hätten also dort bleiben können und brauchten sich nicht zu fürchten. Aber jene Hand vom Himmel, die sie zur Bestrafung der Frevel der Spanier dorthin gezwungen hatte, wies sie an, auch nach Afrika hinüberzugehen, um es zu verwüsten. Ja, sie selbst gestanden, es sei nicht ihr Werk, das sie ausführten, sie würden vielmehr durch göttlichen Befehl gedrängt und getrieben. Daraus kann man ersehen, wie groß unsere Frevel sind, wenn Barbaren gegen ihren Willen angetrieben werden, zu wandern, um unser Land zu verwüsten und uns zu peinigen, gemäß jenem Wort, das der König der Assyrer sprach, als er das Land Israel verwüstete: „Bin ich ohne den Willen des Herrn hinaufgezogen an diesen Ort? Der Herr sprach zu mir: zieh hinauf in dieses Land und verwüste es!“ Und anderswo sagt das heilige Wort: ,,Dies spricht der Herr der Heerscharen, der Gott Israels: Siehe, ich sende und führe herbei Nabuchodonosor, den König von Babylon, meinen Knecht: kommen wird er und schlagen das Land Ägypten.“ Daraus können wir ersehen, daß alles, was unter Drangsalen zu leiden hat, nach dem Urteil Gottes geschlagen, aber auch, wie ich schon oft erwähnt, wegen seiner Sünden vernichtet wird. Und darum darf alles, was der Sünden wegen geschieht, nicht Gott zugeschrieben werden; denn mit Recht wird ein Geschehnis jener Ursache zugeschrieben, die das Geschehnis herausforderte. Denn auch der Mörder wird, wenn der Richter ihn zum Tode verurteilt, durch sein Verbrechen bestraft; und wenn der Räuber oder Tempelschänder von Flammen verzehrt wird, verbrennt er durch sein Vergehen. Daher ist auch der Übergang der Vandalen nach Afrika nicht göttlicher Strenge, sondern den Verbrechen der Afrikaner zur Last zu legen. Denn bevor jene hinüberfuhren, hatten diese sie durch ihre schwere und lang dauernde Bosheit hinübergezogen. Und deshalb müssen wir einsehen, daß es ein Ausfluß göttlicher Güte war, wenn er die lang verdiente Strafe hinausschob, eine Folge der Frevel und Fehler aber, wenn einmal das sündige Volk empfing, was es verdiente. Außer wir glaubten etwa, die Afrikaner hätten das nicht verdient, obschon niemand es mehr verdient hätte, da bei ihnen gleichzeitig alle Arten von Ruchlosigkeit und Unsittlichkeit zusammenkamen. Denn wenn die übrigen Menschen auch von einigen schändlichen Lastern gefesselt sind, sind sie in andere doch nicht verwickelt. Sind sie auch nicht frei von Trunkenheit, so sind sie doch ohne Bosheit; glühen sie auch von Sinnenlust, so sind sie doch nicht rasend vor Raubgier; gegen viele spricht zwar der Mangel an Enthaltsamkeit des Leibes, aber die Einfalt des Geistes spricht wieder für sie. Bei fast allen Afrikanern aber findet sich nichts von dieser Zweiseitigkeit, das heißt, das Gute ebenso wie das Schlechte, weil alles nur schlecht ist. So gründlich wurde die ursprüngliche Reinheit der Natur ausgetrieben, und die Laster haben in ihnen eine zweite Natur geschaffen.

14. Das Unglück Afrikas im Lichte einer Prophetie Ezechiels 

Denn abgesehen von sehr wenigen Dienern Gottes, was war das ganze Gebiet von Afrika anders als ein Haus der Laster, ähnlich jenem Kessel, von dem der Prophet sagt: ,,O Stadt des Blutes, Topf, woran der Rost hängt und nicht abgeht, weil das Blut nicht von ihm läßt !!“ Er vergleicht, wie wir sehen, die Stadt mit einem Kessel und die Gottlosigkeit mit Blut, damit wir nämlich einsehen, daß die Ungerechtigkeit des Volkes so an einer Stadt haftet, wie das kochende Blut an einem Kessel. Das läßt sich vergleichen mit folgendem Ausspruch der Heiligen Schrift: ,,Das ganze Haus Israel ist mir gemischt mit Erz und Eisen und Zinn und Blei, und in der Mitte ist Silberschlacke. Darum sage dieses: So spricht der Herr: weil ihr alle verwandelt seid in eine einzige Schlacke, will ich euch zusammenschmelzen und euch erhitzen mit dem Feuer des Grimms.“ Es sind einander ganz unähnliche Arten von Metallen, die die Heilige Schrift erwähnt. Und wie werden diese verschiedenen Dinge in dem nämlichen Schmelztiegel zusammengeschmolzen? Mit der Verschiedenheit der Metalle wird die Unähnlichkeit der Menschen bezeichnet. Und deshalb wird auch das Silber, ein edleres Metall, in eben dasselbe Feuer geworfen, weil jene auch einen Geist von edlerer Beschaffenheit durch ihr entartetes Leben vernichtet haben. So lesen wir auch, daß der Herr von dem Fürsten von Tyrus durch den Propheten gesagt hat: „Menschensohn, erhebe ein Klagelied über den König von Tyrus und sage zu ihm: Dies spricht der Herr, Gott: Du Siegel des Ebenmaßes, Krone der Schönheit warst du in der Wonne des Paradieses; jedes köstliche Gestein war deine Hülle: Karneol, Topas und Smaragd.“ Und wiederum: „Mit Silber und Gold“, heißt es, „hast du deine Schatzkammern gefüllt, durch die Fülle des Handels hast du gefüllt deine Vorratskammern.“ Ist das nicht alles so, daß es aufs Haar genau von den Afrikanern gesagt erscheint? Wo gibt es nämlich größere Schätze, wo lebhafteren Handel, wo vollere Vorratskammern? Mit Gold, heißt es, hast du deine Schatzkammern gefüllt durch die Größe deines Handels, Ich füge noch mehr hinzu: Afrika war einmal so reich, daß es mir scheint, als hätte die Fülle seines Handels nicht nur seine Schatzkammern gefüllt, sondern auch die der ganzen Welt. Und was kam dann? „Dein Herz“, heißt es, „erhob sich ob deiner Schönheit, ob der Menge deiner Frevel warf ich dich zu Boden.“ Wie paßt das auf das mächtige Afrika, und inwiefern scheint es niedergeworfen zur Erde? Wie anders, als daß es sozusagen auch seine himmlische Würde verloren hat, als es die Höhe seiner alten Macht verlor? „Und ich werde“, so heißt es, „Feuer aus deiner Mitte senden, und es wird dich verzehren.“ Was ist wahrer als dies? Mitten aus ihrer Ruchlosigkeit ging ein Feuer der Sünde hervor, das das Glück früherer Zeiten verschlang. „Und alle“, heißt es, „die dich gekannt unter den Völkern, werden über dich trauern.“ Wir könnten nicht glauben, daß das auf jene paßte, wenn nicht die Verwüstung des afrikanischen Bodens dem Menschengeschlecht zur Trauer geworden wäre. „Zunichte“, heißt es, „bist du geworden, und nicht mehr wirst du sein in Ewigkeit“ Wie dort bereits alles der Vernichtung anheimgefallen ist, ist genugsam bekannt. Es fehlt nur noch, daß die Strafen, die in den gegenwärtigen Übeln sich zeigen, auch eine Fortsetzung in der Ewigkeit erfahren.

15. Bei den Afrikanern herrschen alle Laster in höchstem Maße

Das möge Gott in der Liebe seiner Barmherzigkeit nicht dulden! Denn wenn unsere Frevel nur nach dem Verdienst entlohnt würden, so sollte man meinen, daß er es zulassen müsse. Denn welches Verbrechen wurde dort nicht immer begangen? Und ich rede gar nicht von allen, weil sie fast alles Maß überschreiten und man sie in ihrer Größe gar nicht wissen und kennen kann. Ich spreche einzig und hauptsächlich vom Schmutz der Unreinheit, und, was noch schwerer ist, vom Gottesraub. Ich übergehe in etwa die Wut der Leidenschaften, das Laster des ganzen Menschengeschlechts; ich will auch absehen von der unmenschlichen Habsucht, sie ist ein Nationallaster fast aller Römer; es bleibe unerwähnt die Trunksucht, die Vornehmen und Geringen gemeinsam ist; ich will schweigen von Hochmut und Aufgeblasenheit; diese sind ja eine so ausschließliche Domäne der Reichen, daß sie glauben, etwas von ihrem Recht zu verlieren, wenn davon sich jemand etwas anmaßen wollte; es mag endlich übergangen werden fast alles Unrecht, das durch Betrug, Falschheit, Meineid geschieht. Keine römische Stadt war davon je frei, wenn auch dieses Laster in besonderem Maße den Afrikanern eigentümlich war. Denn wie in den untersten Kielraum eines tiefen Schiffsbauches aller Schmutz zusammenfließt, so strömten auch in ihrem Lebenswandel sozusagen von der ganzen Welt die Laster zusammen. Ich kenne nämlich keine Ruchlosigkeit, die dort nicht alles Maß überstiegen hätte, da immerhin auch die heidnischen wilden Völker, mögen sie auch ihre besonderen Stammeslaster haben, doch nicht alle fluchwürdigen Laster in sich vereinigen. Das Volk der Goten ist treulos, aber züchtig; die Alanen sind unzüchtig, aber weniger treulos; die Franken sind lügnerisch, aber gastfreundlich; die Sachsen sind wild und grausam, aber von bewundernswerter Keuschheit; alle Völker haben, kurz gesagt, zwar ihre besonderen Fehler, aber auch einige gute Eigenschaften. Ich kenne aber kein Laster, das nicht bei fast allen Afrikanern herrschte. Ist Unmenschlichkeit anzuklagen, so sind sie unmenschlich; ist es die Trunksucht, so sind sie betrunken; ist es die Falschheit, so sind sie die Hinterlistigsten; ist es der Betrug, so sind sie die größten Betrüger; die Begierde, sind sie die Begierlichsten; die Treulosigkeit, sind sie die Treulosesten. Ihre Unreinheit und Gotteslästerung können unter diesem allem noch gar nicht mit genannt werden, weil sie durch die oben aufgezählten Verbrechen die Laster anderer Völker, durch diese letzteren aber ihre eigenen übertroffen haben.

16, Die Laster Karthagos

Um zunächst von der Unsittlichkeit zu reden: Wer weiß nicht, daß ganz Afrika immer in schmutzig düsteren Fackeln der Lust gebrannt hat? Daß man es nicht für ein Land und einen Wohnort von Menschen, sondern für einen Ätna unreiner Flammen hätte halten können? Denn wie der Ätna in seinem Inneren in der Glut seiner feurigen Natur brennt, so glühte auch jenes fortwährend im Feuer abscheulicher Unzucht. Ich will gar nicht, daß man in diesem Punkt meinen Behauptungen glaube, ich rufe das Zeugnis des Menschengeschlechts an. Wer weiß nicht, daß überhaupt alle Afrikaner ganz allgemein unkeusch sind, außer etwa die zu Gott bekehrten, das heißt solche, die ein gläubiges, gottgeweihtes Leben begonnen haben? Aber das ist so selten und unerhört, wie es selten erscheinen kann, daß irgendein Gaius nicht mehr Gaius oder irgendein Seius nicht mehr Seius ist. So ungewohnt und unerhört ist es, daß ein Afrikaner nicht unsittlich ist, als es neu und unerhört ist, daß ein Afrikaner kein Afrikaner ist. So allgemein nämlich ist bei ihnen die Sünde der Unkeuschheit, daß jeder von ihnen, der aufhörte, schamlos zu sein, nicht mehr als Afrikaner gelten würde. Ich will nicht die einzelnen Orte durchgehen oder über die einzelnen Städte sprechen, damit es nicht scheine, als suchte und forschte ich mit Einseitigkeit nach dem, was ich sagen möchte. Ich begnüge mich nur mit einer von allen dortigen Städten, ihrer Führerin und gewissermaßen ihrer Mutter. Jene lag auch immer im Wettstreit mit der Hochburg Rom, einst in Waffentaten und Tapferkeit, dann in Glanz und Würde. Karthago meine ich, die hauptsächlichste Gegnerin der Stadt Rom und auf afrikanischem Gebiet soviel wie Rom. Daher genügt es allein mir als Beispiel und zum Zeugnis, weil es beinahe alles in sich geschlossen hat, wodurch auf der ganzen Welt ein geordnetes Staatsleben verwaltet und geleitet wird. Dort waren nämlich alle Anstalten für öffentliche Ämter, dort die Schule für die freien Künste, dort die Hörsäle der Philosophen und endlich alle Übungsstätten für Sprachstudium und Lebensführung; dort lagen auch Truppenkörper und mächtige Generale; dort war ein Sitz der Prokonsularwürde, dort ein ständiger Richter und Befehlshaber, dem Namen nach ein Prokonsul, der Macht nach aber ein Konsul; dort waren endlich alle Verwaltungsämter und der Sitz von Würden, die sich sowohl dem Grad als auch der Bezeichnung nach unterschieden; die Aufsichtsbehörden über alle Straßen und Wege, die fast alle Gegenden der Stadt und alle Teile des Volkes unter ihrer Leitung hatten. Mit diesem Karthago also begnügen wir uns als Beispiel und zum Zeugnis für die übrigen, um nämlich zu erkennen, wie jene Städte waren, die weniger Einrichtungen für eine rechtschaffene Verwaltung hatten, wenn wir sehen, wie es in der aussieht, wo immer die höchsten Staatslenker waren. An dieser Stelle bin ich nahe daran, mein Versprechen zu bereuen, das ich weiter oben gegeben habe, daß ich nämlich alle Verbrechen der Afrikaner übergehen und nur von ihrer Unkeuschheit und Gotteslästerung reden will. Ich sehe nämlich eine Stadt, in der es von Lastern wimmelt; ich sehe eine Stadt, die von Schlechtigkeit aller Art bis zum Sieden erhitzt ist, voll von Menschenscharen, aber noch voller von Menschenschande; voll von Reichtum, aber noch voller von Lastern; die Bewohner übertreffen einander an Ruchlosigkeit ihrer Schandtaten; die einen wetteifern in Raubgier, die andern in Unreinheit; die einen sind von Weingenuß erschlafft, die anderen vollgefressen und aufgedunsen; diese mit Kränzen umwunden, jene mit Salben beschmiert, alle durch alle möglichen Ausschweifungen entkräftet und verdorben und fast alle durch einen Sündentod niedergeworfen; zwar nicht alle betrunken mit Wein, aber alle trunken von der Sünde. Man könnte glauben, die ganze Volksmasse sei außer Rand und Band, sei nicht bei Sinnen, sei im Kopf nicht in Ordnung, nicht fest auf den Füßen und falle wie Rotten betrunkener Zecher haufenweise übereinander her. Wie schwer sündhaft ist aber erst das Folgende, der Art nach zwar verschieden, aber an Ruchlosigkeit gleich, außer es ist darin verschieden, daß es noch ärger ist. Ich meine die Beraubung der Waisen, die Bedrückung der Witwen, die Mißhandlung der Armen. Diese seufzen täglich zu Gott und flehen um ein Ende des Unglücks und, was das Allerschwerste ist, unter dem Druck bitterer Not rufen sie bisweilen nach der Ankunft der Feinde; und manchmal haben sie es von Gott erreicht, daß sie endlich die Verheerungen von seiten der Barbaren mit allen gemeinsam ertragen konnten, die sie vorher von seiten der Römer allein ertragen mußten.

17. Das Hauptlaster der Afrikaner war die Unzucht in allen Formen

Aber lassen wir es dabei bewenden und übergehen wir dies alles, weil es fast im ganzen römischen Reich so getrieben wird und weil ich versprochen habe, hier über diese Sünden nur wenig zu reden. Hatte denn die Unzucht und Unkeuschheit, von der ich spreche, nicht allein zur Zerstörung Afrikas hingereicht? Denn welcher Stadtteil war nicht voll Schmutz, welche Straße oder welche Gasse innerhalb der Stadt war nicht ein Hurenhaus? Fast alle Scheidewege, fast alle Straßen durchzogen sozusagen Fallgruben der Lüste oder überspannten gleichsam Netze, daß auch die, die solche Dinge gänzlich verabscheuten, sie doch kaum meiden konnten. Man hätte sozusagen die Wachtposten der Räuber sehen können, welche den vorüberziehenden Wanderern ihre Habe raubten, die in einem engmaschigen Netz von Hinterhalten alle Fußpfade, alle Wegbiegungen, alle Herbergen umgarnt hatten, daß kaum einer so vorsichtig war, daß er nicht in irgendwelche hinterhältigen Schlingen hineingeriet, mochte er sich auch von den meisten freigehalten haben. Alle Bürger dieser Stadt stanken nach dem Schmutz der Unzucht; sie hauchten einander mit dem unflätigen Geruch der Unreinheit an. Aber sie schauderten dennoch nicht über diese schauderhaften Dinge, denn alle waren von der gleichen Abscheulichkeit befallen. Man hätte glauben können, daß dort eine Kloake der Lüsternheit und der Unzucht war, daß der Schmutz sozusagen von allen Straßen und Abzugskanälen sich dort gesammelt habe. Und was für eine Hoffnung konnte es dort noch geben, wo man außer dem, was im Tempel des Herrn war, fast nichts als Schmutz sehen konnte? Aber, was sage ich, im Tempel des Herrn? Das bezieht sich nur auf die Priester und den Klerus; über diese will ich nicht sprechen, weil ich dem Dienste meines Herrn die Ehrfurcht bewahre und weil ich sie allein am Altare für so rein halte, wie wir es von dem einzigen Lot auf dem Gebirge lesen, während Sodoma zugrunde ging. Was aber das Volk anlangt, wer ist in jener so zahllosen Zahl keusch gewesen? Keusch sage ich? Wer war kein Hurer, kein Ehebrecher und das ohne Aufhören, ohne Ende? Deshalb ist es notwendig, daß ich wieder und wieder ausrufe: Welche Hoffnung konnte jenes Volk noch haben, da doch bisweilen schon ein Ehebrecher die kirchliche Gemeinschaft befleckt, dort aber, unter sovielen Tausenden, wenn man genau nachforschen würde, sogar in der Kirche kaum ein Reiner zu finden ist? Ich muß noch viel mehr sagen: Wäre das nur das einzige, was ich gesagt habe, und wären die unkeuschen Männer damit zufrieden, sich nur durch Unzucht mit schmutzigen Weibern zu beflecken! Schlimmer und verbrecherischer aber ist es, daß jene Dinge, über die der heilige Apostel Paulus in größtem Seelenschmerz klagt, sich fast bei allen Afrikanern gefunden haben; daß Männer den naturgemäßen Umgang mit Frauen verließen und gegeneinander in ihrer Begierde entbrannten, daß Männer an Männern Schandtaten verübten und den gebührenden Lohn für solche Verirrungen an sich selbst empfingen. Und wie sie es nicht für wert erachteten, im Sinn zu tragen, gab sie Gott einem widernatürlichen Fühlen preis, so daß sie Ungebührliches taten. Sagte der heilige Apostel das von Barbaren und wilden Völkern? Nein, sondern von uns, das heißt besonders von den Römern. Diese haben die Afrikaner, da sie sie einst an Macht und Hoheit nicht übertreffen konnten, an Unkeuschheit überboten; das allein haben sie vermocht. Wer immer daher glaubt, daß er mir mit Recht zürne, soll mehr dem Apostel zürnen, weil er das, was wir von den Afrikanern sagten, von ihren Herrn, den Römern, behauptete.

18. Die Laster wurden dort sogar öffentlich verübt

Aber vielleicht geschah das, wovon wir reden, sogar im Verborgenen, oder vielleicht sorgten die Beamten für öffentliche Sittlichkeit allenthalben dafür, daß die Augen der Bürger nicht an öffentlich betriebenen Lastern Anstoß nähmen. Wenn das geschehen wäre, wären zwar viele durch ihr eigenes Treiben beschmutzt worden, aber es hätten doch nicht alle ihre Augen und Herzen befleckt. Und gewöhnlich erhält eine Schandtat, wenn sie im geheimen verübt wird, noch nicht den Charakter eines öffentlichen Frevels. Aber über allem Fluch eines riesenhaften Vergehens steht es, wenn man das größte Verbrechen begeht und sich dessen nicht schämt. Was konnte es dort, so frage ich, Ungeheuerlicheres geben? In einer christlichen Stadt, in einer kirchlichen Stadt, die einst die Apostel durch ihre Lehre unterrichtet hatten, die die Märtyrer mit ihrem Leiden gekrönt hatten, übernahmen Männer beieinander die Rolle von Frauen, und das ohne einen Schatten von Scham, ohne irgendeine schamhafte Hülle. Und als ob es noch zu wenig Frevel wäre, wenn durch diese Sünde nur ihre Täter befleckt wurden, wurde so das Verbrechen durch das Bekenntnis vor aller Öffentlichkeit auch zum Verbrechen der ganzen Bürgerschaft. Es sah das nämlich die ganze Stadt und duldete es; es sahen es die Richter und regten sich nicht darüber auf; das Volk sah es und klatschte Beifall und dehnte auch die Gemeinschaft von Schmach und Sünde über die ganze Stadt aus. Wenn sie nämlich auch nicht die Tat selbst allen gemeinsam machte, so machte sie doch die Zustimmung allen gemeinsam. Aber vielleicht kam einmal ein Ende dieses Frevels oder irgendeine Bekehrung von dieser Sünde. Wer kann es glauben oder auch nur hören, daß Männer nicht nur ihren natürlichen Geschlechtsverkehr in weibische Preisgabe wandelten, sondern daß sie auch das Aussehen, den Schritt, die Kleidung und überhaupt alles änderten, was zum Geschlecht und zum Aussehen des Mannes gehört! So sehr war alles in sein Gegenteil verkehrt worden, daß, obwohl Männer sich über nichts mehr schämen sollten, als wenn sie Weibliches an sich zu haben scheinen, doch gewisse Männer nichts für schändlicher hielten, als wenn sie in irgendeiner Beziehung als Männer erschienen.

19. Die Unzucht einiger weniger befleckt das ganze Volk

Aber nur wenige, wirst du sagen, bedeckten sich dadurch mit Schande; und was nicht von der Mehrzahl vollbracht wurde, konnte auch der Gesamtheit nicht schaden. Ich habe aber schon oben gesagt, daß beim Volk Gottes sehr oft das Verbrechen auch nur eines einzigen Menschen vielen zum Verderben wurde. Zum Beispiel infolge des Diebstahls des Achar stürzte das Volk nieder; durch den Eifer Sauls brach die Pest aus, durch die Volkszählung des frommen David kam ein großes Sterben. Die Kirche Gottes gleicht nämlich einem Auge. Wenn auch nur ein kleines Schmutzteilchen in ein Auge fällt, verdunkelt es das ganze Licht; und wenn an dem Leib der Kirche auch nur wenige Schmutziges tun, verfinstern sie beinahe den ganzen leuchtenden Glanz der Kirche. Und so nannte der Heiland selbst den hauptsächlichsten Teil der Kirche ein Auge, indem er sagte; „Das Licht deines Körpers ist dein Auge. Ist dein Auge gesund, so wird auch dein ganzer Leib hell sein; ist aber dein Auge schadhaft, so wird auch dein ganzer Leib finster sein.“ Daher sagt auch der Apostel: „Wisset ihr nicht, daß ein wenig Sauerteig die ganze Masse verdirbt?“ Trotzdem möchte ich sagen, daß dieses Laster nicht im geringen Maße geherrscht hat, sondern maßlos, nicht weil die meisten weichlich waren, sondern weil die Weichlichkeit von wenigen die Schande der meisten ist. Denn mögen es auch wenige sein, die solche Schmach an sich geschehen lassen, so sind es doch viele, die durch den Schmutz der Wenigen befleckt werden. Wie nämlich eine Dirne viele zu Ehebrechern macht, so schändet der abscheuliche Verkehr weniger Verweichlichter fast den größten Teil des Volkes. Und ich weiß nicht, welche von ihnen vor Gott schlimmer sind, da sie in den heiligen Schriften zum gleichen Schicksal verdammt werden. ,,Denn weder Weichlinge“, heißt es, ,,noch Knabenschänder werden das Reich Gottes besitzen.“ Darüber muß man also noch mehr seufzen und trauern, daß ein solches Laster ein Verbrechen des ganzen Staates zu sein schien und die gesamte Würde des römischen Namens mit dem Schmachzeichen eines furchtbaren Frevels gebrandmarkt wurde. Wenn nämlich Männer Frauenkleider anzogen und die Schritte noch kürzer machten wie Weiber; wenn sie sich gewisse Abzeichen einer greuelvollen Unzucht anhängten und mit Frauenschleiern und -binden das Haupt verhüllten, und das öffentlich in einer römischen Stadt, dort, in der bedeutendsten und berühmtesten Stadt: was anders war das als eine Schmach für das römische Reich, da es erlaubt war, mitten im Herzen des Staates ein so fluchwürdiges Verbrechen zu begehen? Ja, eine allmächtige Regierung, die dieses Riesenverbrechen verhindern könnte, bekennt sozusagen, daß es mit Notwendigkeit geschieht, wenn sie es mit Wissen zuläßt. Denn derjenige, in dessen Hand die Verhinderung liegt, befiehlt eine Tat, wenn er sie nicht verhindert.

20. Die Vandalen haben sich nicht mit widernatürlichen Lastern befleckt

Weil der Schmerz mich drängt, frage ich ein zweites Mal die, die mir zürnen, in welchen barbarischen Volksstämmen solches jemals geschehen ist oder wo es ohne öffentliche Strafe geschehen dürfte. Aber, um nicht allzulange über diesen Punkt im unklaren sein oder ihn untersuchen zu müssen, wollen wir die Eroberer Afrikas selbst mit den Völkern Afrikas vergleichen! Laßt uns sehen, was Ähnliches von den Vandalen gemacht worden ist! Und gewiß: die Barbaren sind durch ihre Erhebung aufgeblasen, stolz auf ihren Sieg, ausgelassen durch die Fülle ihrer Reichtümer und Ergötzungen; und sicher: auch wenn sie immer enthaltsam und züchtig gewesen wären, so hätten sie sich doch infolge einer solchen Fülle glückhafter Ereignisse ändern können; hatten sie ja doch, wie in den heiligen Schriften geschrieben steht, ein fruchtbares, von Milch und Honig fließendes Land betreten, ein Land, welches sozusagen übervoll war von einer Menge aller Freuden. Dort wäre es keineswegs merkwürdig gewesen, wenn ein barbarisches Volk in Schwelgerei verfallen wäre, wo sogar die Natur selbst gleichsam in allem Reichtum schwelgt. Wer möchte nicht annehmen, daß die Vandalen, nachdem sie diese Gegenden betreten hatten, im Sumpf der Laster und Unreinheiten untergegangen wären oder daß sie, um mich möglichst gelinde auszudrücken, wenigstens das getan hätten, was die Afrikaner ständig getan hatten, in deren Rechte sie eingetreten waren? Und sicher hätte man sie für sehr enthaltsam und maßvoll halten müssen, wenn nur das eingetreten wäre, daß das Glück selbst sie nicht verderbter gemacht hätte. Denn wie wenige Weise gibt es, die das Glück nicht ändert, deren Lasterhaftigkeit nicht mit der Gunst ihres Schicksals wächst? Und deshalb ist es sicher, daß die Vandalen überaus maßvoll gewesen sind, wenn sie als Sieger ebenso blieben, wie sie als Gefangene und Unterjochte gewesen waren. Es ist also in einer solchen Überfülle von Reichtum und in solchem Luxus keiner von ihnen verweichlicht worden. Erscheint das geringfügig? Freilich waren doch auch die Römer für gewöhnlich dadurch in aller Welt bekannt. Aber was soll ich noch hinzufügen? Es gab keinen, der sich mit der Unkeuschheit der dortigen römischen Weichlinge befleckt hätte. Freilich das wurde bei den Römern schon seit langem so eingeschätzt, daß man es eher für eine Tugend als für ein Laster hielt, und jene sich eine größere männliche Kraft zuschrieben, die die meisten Männer durch widernatürlichen Verkehr geschwächt hatten. So kam es ja auch, daß einst Marketender den Heeren römischer Jünglinge folgten und ihnen für ihre Verdienste auf den Kriegszügen dies sozusagen als Entlohnung ihrer Leistungen zuerkannt wurde, daß sie, weil sie tapfere Männer gewesen waren, Männer in Weiber verwandeln durften, O der Schande! Und das waren Römer; noch mehr sage ich, das waren Römer nicht aus unserer Zeit; aber doch, um nicht die Alten anzuklagen: es waren Römer, aber keine aus ganz alter Zeit, sondern natürlich schon verdorben, schon ausschweifend, bereits sich und den Ihren unähnlich, und mehr Griechen ähnlich als Römern, so daß, wie wir schon oft gesagt haben, es keineswegs wunderbar ist, wenn der römische Staat einmal erleidet, was er schon lange verdient.

21. Die Vandalen bekämpfen die Unsittlichkeit, indem sie im Gegensatz zu den Römern ihre eigenen Gesetze befolgen

Diese Unkeuschheit also fing vor dem Evangelium Christi bei den Römern zu herrschen an und hat, was noch schlimmer ist, auch nach dem Evangelium nicht aufgehört, Und wer bewundert nach all dem nicht die Völkerscharen der Vandalen? Nachdem sie die reichsten Städte betreten hatten, wo diese Dinge allenthalben getrieben wurden, haben sie sich die Vergnügungen verdorbener Menschen auf die Art zu eigen gemacht, daß sie die verdorbenen Sitten von sich wiesen und nun im Genuß all des Guten sind, indem sie die Befleckung mit dem Bösen vermieden. Solche Lobsprüche für diese könnten genügen, auch wenn ich nichts weiter mehr sagte: sie haben die Unkeuschheit unter Männern verabscheut; ich füge noch mehr hinzu: auch die Unzucht mit Frauen haben sie verabscheut. Sie flohen Lasterhäuser und Bordelle, sie flohen Beischlaf und Berührung mit Dirnen. Kann das irgendwem glaublich erscheinen, daß die Römer das zugelassen, die Barbaren aber es verabscheut haben? Oder kann man dem Gesagten noch etwas hinzufügen? Ja, man kann es, und es ist etwas viel Wichtigeres. Denn es ist zu wenig, wenn wir gesagt haben, daß sie häßliche Dinge gemieden haben, es kann jemand unehrbare Dinge verabscheuen und sie doch nicht abschaffen; ein großes und einzig dastehendes Verdienst aber ist es, wenn man sich nicht nur selbst durch den Schmutz nicht beflecken läßt, sondern auch noch dafür Sorge trägt, daß andere niemals sich beflecken. Denn der ist in gewissem Sinne Fürsorger für das Heil der Menschen, der sich nicht nur bemüht, selbst gut zu sein, sondern auch zu erreichen sucht, daß andere vom Bösen abstehen. Großartig ist das, in der Tat, was wir sagen, großartig und erhaben! Wer könnte glauben, daß die Vandalen in römischen Städten das getan haben? Jede unlautere Fleischeslust liegt ihnen nämlich fern. Aber wie fern? Nicht wie die Römer von solchen Dingen abzurücken pflegen, die festsetzen, man dürfe nicht stehlen, und stehlen doch, die gebieten, man dürfe nicht ehebrechen, und brechen die Ehe als die ersten. Allerdings könnte man es kaum stehlen nennen; denn, was sie betreiben, das ist nicht Diebstahl, sondern Raub. Es bestraft nämlich der Richter bei anderen den Unterschleif, obwohl er selbst Unterschleif betreibt; er bestraft den Raub und ist doch selbst ein Räuber; er bestraft den Meuchelmord und ist selbst ein Mörder; er straft das Aufbrechen von Schlössern und Türen, obwohl er selber Städte verwüstet; die Plünderung der Häuser straft er und plündert dabei selbst Provinzen aus. Und wenn das nur jene täten, die eine Amtsgewalt inne haben, und denen ihre Ehrenstelle das Recht gibt, Raub auszuüben! Ärger und unerträglicher ist es, daß das auch Privatleute tun, die früher die gleichen Ehrenstellen innegehabt haben. Das einmal verwaltete Amt gestattet es ihnen noch, immer das räuberische Faustrecht zu handhaben. Wenn sie aufgehört haben, ein öffentliches Amt zu bekleiden, so behaupten sie doch immer noch eine private Gewalt zu ihren Räubereien; und so ist die Gewalt, die sie einst als Richter besaßen, doch noch weniger drückend als die, die sie jetzt im Privatleben besitzen; denn in jener werden sie doch öfter abgelöst, in dieser niemals. Sieh da, was Gesetzesvorschriften vermögen! Sieh da, was die Bestimmungen und Verordnungen nützen, die jene am meisten mißachten, die sie ausführen sollen! Freilich werden die Niedrigen und Verachteten zum Gehorsam gezwungen; die Armen werden angehalten, den Befehlen zu folgen; und wenn sie nicht gehorchen, werden sie bestraft. Man wendet hier nämlich dieselbe Art des Verfahrens an wie bei den Steuern: sie allein sind den Geboten des Staates Untertan, wie sie auch allein Steuern zahlen. Und so wird trotz aller Gesetze und trotz aller Gerechtigkeitsparagraphen doch das Verbrechen der größten Ungerechtigkeit begangen, da die geringen Leute das als etwas Heiliges beobachten müssen, was die Mächtigen wie wertlosen Plunder beständig mit Füßen treten.

22. Ihre Vorschriften bekämpfen die Unsittlichkeit in vollem Umfang

Von Entrüstung über die Verhältnisse getrieben, habe ich die begonnene Ordnung der Darstellung etwas außer acht gelassen. Nun will ich zum oben Gesagten zurückkehren. Ich habe ausgeführt, daß die Gemeinwesen von Afrika voll von ungeheuerlicher Unkeuschheit waren und unter ihnen besonders die Königin und Herrin; die Vandalen aber seien von all diesem nicht befleckt worden. Ganz anders waren also die Barbaren, von denen wir reden, die unsere Sünde und Schande bessern sollten. Sie säuberten ganz Afrika vom Greuel weichlicher Männer, sie scheuten auch die Berührung mit Dirnen. Und sie scheuten sie nicht bloß oder brachten sie zeitweilig zum Aufhören, sondern sie haben völlig damit aufgeräumt. O gütiger Herr! O milder Erlöser! Wieviel bewirkt durch dich der Eifer für Zucht, durch welchen die Laster der Natur geändert werden können, wie sie durch jene verändert wurden! Aber wie wurden sie verändert? Es ist nämlich von Nutzen, nicht nur über den Erfolg zu sprechen, sondern auch über die Ursachen des Erfolges. Schwierig ist es, die Schamlosigkeit durch Wort und Befehl wegzubringen, wenn sie nicht völlig ausgerottet worden ist; und schwierig ist es, Keuschheit durch Worte zu erzwingen, wenn sie nicht in der Tat eingeführt wird. Jene wußten das, und sie vernichteten die Unzucht auf eine Weise, daß sie die Dirnen schonten. Sie töteten die unglücklichen Mädchen nicht, um ihre Sorge für Beseitigung des Lasters nicht durch Grausamkeit zu beflecken und, während sie den Wunsch hegten, die Sünde zu vernichten, bei deren Ausrottung selbst zu sündigen. Aber so besserten sie die Irrenden, daß ihre Tat wohl ein Heilmittel, aber keine Strafe war. Sie befahlen nämlich allen Dirnen, zwangsweise eine Ehe zu schließen; sie verwandelten das unzüchtige Gewerbe in ein Eheleben und erfüllten so das Wort und Gebot des Apostels, jede einzelne Frau solle ihren Mann haben und jeder Mann seine Frau. Weil die Unenthaltsamkeit ohne diese Erlaubnis zu fleischlichem Umgang nicht im Zaum gehalten werden konnte, wurde die Begierde des Leibes so gesetzlich gemacht, auf daß die Unenthaltsamkeit keine Sünde mehr in sich schließe. Dabei war nicht nur vorgesehen, daß die Frauen, die nicht ohne Männer sein könnten, Männer hätten, sondern daß sie auch durch Beschützer im eigenen Hause bewahrt würden, da sie sich selbst nicht zu bewahren verstanden. Und indem sie beständig unter der Leitung des Ehemanns standen, sollte sie die eheliche Aufsicht vor Bösem bewahren, auch wenn die Gewöhnung an die einst getriebene Unzucht sie zu einer schlechten Tat verleiten wollte. Um die böse Begierde zu unterdrücken, erließen sie auch strenge Verordnungen zur Keuschheit und hielten die Unkeuschheit mit dem Schwert der Gesetze im Zaume. So wurde die Keuschheit beider Geschlechter im Haus durch das eheliche Leben, in der Öffentlichkeit durch die Furcht vor den Gesetzen erhalten; und so wurde die Enthaltsamkeit durch doppelten Schutz gefördert; denn in der Familie war etwas, was man liebte, und draußen etwas, was man fürchtete. Diese Gesetze selbst sind aber keineswegs gleichartig mit jenen, die die Unreinheit teilweise so entfernen, daß sie sie teilweise gestatten, oder mit jenen römischen Erlassen, welche die Hurer zwar von fremden Ehefrauen fernhielten, an alle öffentlichen Dirnen aber heranließen, indem sie den Ehebruch zwar verboten, aber Bordelle erbauen ließen. Sie fürchteten natürlich, die Menschen möchten allzu keusch und rein werden, wenn sie sie vollständig von jeder Unsittlichkeit frei hielten! Nicht so die, von denen wir sprechen: sie verhinderten Hurerei ebenso wie Ehebruch; sie wollen, daß die Frauen keinem im Fleische angehören sollten als ihrem Gatten, und daß die Männer sich keiner beigesellen sollten als ihrer Gattin. Sie lassen fleischliche Lust nicht über das gesetzliche Ehebett hinausdringen; sie richten ihre Gesetze nach der Regel des göttlichen Gesetzes ein, so daß sie nichts für erlaubt hielten, was Gott nicht erlaubt wissen wollte. Und daher glaubten sie, keinem Menschen etwas gestatten zu dürfen, außer das, was allen von der Gottheit erlaubt worden war.

23. Die Barbaren haben gesiegt, weil sie anderen sittlichen Grundsätzen huldigten als die Griechen und Römer

Ich weiß, daß manchen unerträglich scheint, was ich da rede. Aber wir müssen handeln, wie die Verhältnisse es fordern, nicht wie unsere Willkür es haben möchte. Wer immer es sein mag, der sich über meine Ausführungen entrüstet, der wird mir wohl sagen: ist nicht immer Sokrates für den weisesten von allen gehalten worden, sogar nach dem Zeugnis des delphischen Gottes, der gewissermaßen der Fürst der Philosophen wie der Götter war? Laßt uns also sehen, welche Gesetze Sokrates über die Reinheit aufgestellt hat und welche jene, von denen wir sprechen. Keiner, sagt Sokrates, soll eine eigene Gattin haben; die Ehe muß allen gemeinsam sein. So wird nämlich die Eintracht der Städte wachsen, wenn alle Männer sich den Frauen ohne Unterschied beigesellen und wenn alle Frauen allen Männern ohne Unterschied sich hingeben und so alle Männer die Gatten aller Frauen werden und alle Frauen die Eheweiber aller Männer. Haben wir je einmal erfahren, daß ein Verrückter oder ein Besessener, einer, der von allem möglichen Wahnsinn befallen ist, so etwas gesagt hätte? Du, größter aller Philosophen, sagst, daß auf diese Weise alle Männer aller Frauen Gatten seien und alle Frauen aller Männer Gattinnen und alle Kinder die Nachkommen von allen! Und ich sage, daß so kein Mann auch nur einer Frau Gatte ist und keine Frau auch nur eines Mannes Eheweib und kein Kind der Sohn auch nur irgendwelchen Vaters. Denn, wo alles vermischt und durcheinander ist, kann niemand etwas als sein Eigentum in Anspruch nehmen. Und es genügte dem weisesten Philosophen – so nennen ihn wenigstens einige – nicht, das zu lehren; er führte es auch aus. Er hat nämlich seine Frau einem anderen Mann übergeben, wie auch der Römer Cato, der Sokrates Italiens. Das sind Beispiele von römischer und attischer Weisheit: soweit es an ihnen lag, machten sie alle Männer zu Kupplern ihrer Frauen. Aber dennoch gewann Sokrates den Sieg, der über diese Dinge Bücher verfaßte und solche Schamlosigkeiten der Nachwelt überlieferte. Daher hat er noch mehr Grund, sich seiner Lehren zu rühmen: was seine Weisheit angeht, machte er aus der Welt ein Hurenhaus. Man sagt, er sei ungerechterweise von seinen Richtern verurteilt worden; und das ist wahr; mit größerem Rechte hätte ihn das Menschengeschlecht verurteilt, weil er solches verkündigt hat, und zweifellos hat es ihn auch verurteilt. Denn indem in diesem Punkt alle seine Lehre verworfen haben, haben ihn alle nicht nur durch die Kraft eines Urteilsspruchs, sondern, was viel mehr ist, durch ihre Lebensführung verurteilt, und das mit Recht. Man vergleiche doch mit den Anordnungen des Sokrates die Gebote jener, denen Gott den Befehl gab, über Afrika zu herrschen! Jener setzte fest, daß fast niemand seine eigene Frau habe, diese, daß gar niemand eine besäße, die nicht die seine sei; jener wollte, daß jede Frau sich allen Männern hingeben sollte, diese, daß keine Frau einen anderen als ihren Mann kennen sollte; jener verlangte eine vermischte und verworrene Zeugung, diese eine reinlich geschiedene und geordnete; jener wollte, daß in allen Häusern gehurt werde, diese in keinem. Jener versuchte in allen Wohnungen Dirnenlager zu errichten, diese haben sie aus den Städten entfernt; jener wollte, daß alle Jungfrauen sich preisgäben, diese machten die Dirnen keusch. Und wenn das nur der Irrtum des Sokrates gewesen wäre, nicht auch der meisten, ja fast aller Römer! Diese eifern in anderen Punkten keineswegs dem Leben des Sokrates nach, folgen aber in diesem den Anordnungen des Sokrates; denn mehrere Männer haben sehr viele Weiber, und zahllose Weiber haben mehrere Männer. Sind daher nicht alle Städte voll von Hurenwinkeln und stinken nach Bordellen? Ich sage: alle; sicher aber sind es gerade die vornehmsten und feinsten. So zeigt sich die Würde, ja sogar das Vorrecht in den großen Städten, daß sie den übrigen soweit an Unkeuschheit voranstehen, als sie sie an Größe übertreffen. Und was für eine Hoffnung, so frage ich, kann der römische Staat noch haben, wenn doch die Barbaren keuscher und reiner sind als die Römer? Es ist noch zu wenig, was wir sagen: welche Hoffnung auf Leben oder Verzeihung können wir bei Gott haben, wenn wir bei den Barbaren Keuschheit sehen und nicht in gleicher Weise keusch sind? Erröten wir doch und schämen wir uns! Schon bei den Goten ist niemand unkeusch als die Römer, bei den Vandalen nicht einmal mehr die Römer. So sehr drang bei ihnen der Eifer für die Keuschheit durch, so stark war die Strenge der Zucht. Nicht allein, daß sie selbst keusch sind, nein, ich muß eine ganz neue Tatsache anführen, eine unglaubliche, eine fast unerhörte Tatsache: sie haben sogar die Römer keusch gemacht! Wenn es die menschliche Schwachheit erlaubte, so wollte ich über meine Kräfte hinaus schreien, daß es im ganzen Reiche widerhallte: schämt euch überall, ihr römischen Völker, schämt euch eures Lebens! Beinahe keine Stadt ist frei von Hurenwinkeln, keine frei von Unlauterkeit außer jene, in die die Barbaren eingezogen sind. Und da wundern wir uns, wenn wir unglücklich sind, die wir so unkeusch sind! Wir wundern uns, wenn wir von den Feinden an Kräften besiegt werden, die wir uns an Ehrbarkeit übertreffen lassen! Wir wundern uns, wenn diejenigen unsere Güter besitzen, die unsere Laster verfluchen! Weder gibt ihnen die natürliche Kraft des Leibes den Sieg, noch ist unsere natürliche Schwäche schuld an unserer Niederlage. Niemand soll sich etwas anderes einreden, niemand etwas anderes glauben. Unsere lasterhaften Sitten allein haben uns besiegt.

VIII. Buch

1. Wir selbst sind die Ursache unserer Leiden

Ich glaube, ja ich bin überzeugt, daß den meisten die große Ausdehnung dieser meiner Schrift widerwärtig ist, besonders, da sie die Lasterhaftigkeit unserer Sitten geißelt. Alle wollen nämlich nur gelobt werden, niemandem ist der Tadel angenehm. Ja, was noch viel schlimmer ist, jeder noch so schlechte, jeder noch so verworfene Mensch möchte lieber verlogenerweise gelobt, als mit Recht getadelt werden; und er will sich lieber durch den Spott unwahrer Lobsprüche täuschen als durch heilsame Ermahnungen sich retten lassen. Und was soll man unter solchen Umständen tun? Soll man sich dem Willen gottloser Menschen fügen? Und wenn jene wollen, daß man ihnen leichtfertige Lobsprüche darbringt, geziemt es dann uns, Leichtfertiges und Lächerliches vorzubringen? Besonders da gläubige Männer nicht einmal die verspotten dürfen, die verspottet werden wollen, wie auch die nicht mit einer Lüge gepriesen werden dürfen, die sich mit dem Titel eines falschen Lobes schmücken lassen wollen. Man darf nämlich nicht so sehr das in Betracht ziehen, was jeder von ihnen zu hören wünscht, als was uns zu sagen geziemt, besonders, da der Prophet sagt: „Weh denen, die das Süße bitter nennen oder das Bittere süß!“ 1Und so ist auf alle Weise die Wahrheit festzuhalten, auf daß die Worte auch den Tatsachen entsprechen und das Süße für süß, das Bittere für bitter ausgegeben wird; das gilt besonders hier bei unserem heilsamen Werk, da unsere Ungerechtigkeiten von den meisten Gott zur Last gelegt werden, und wo man sich anmaßt, Gott anzuklagen, um nicht selbst schuldig zu erscheinen. Denn wenn man lästerlich behauptet, er sei sorglos und nachlässig und leite die menschlichen Angelegenheiten entweder nicht nach Gerechtigkeit oder gar nicht, was tut man da anders, als daß man Gott der Trägheit, des Mißbrauchs seiner Macht und der Ungerechtigkeit anklagt? O Blindheit und menschlicher Wahnsinn! O Raserei unvernünftiger Torheit! Gott nennst du sorglos und nachlässig, o Mensch! Wenn du irgendeinen freien Mann mit solchem Schimpf verletztest, machtest du dich einer unverschämten Beleidigung schuldig; fügtest du das aber einem nur einigermaßen Vornehmen und Hochgestellten zu, müßtest du auch noch die Strafe des öffentlichen Rechtes über dich ergehen lassen. Unmündigen oder Verschwendern macht man solche Vorwürfe, einen besonderen Schimpf tut man verworfenen Jünglingen an, wenn man ihnen sagt, sie mißbrauchten ihr Vermögen, sie kümmerten sich nicht darum und vernachlässigten es. O gotteslästerliche Worte! O gemeine Frechheiten! Wir belegen Gott mit Ausdrücken, die wir unter den Menschen nur für die Verdorbensten anwenden. Und trotzdem wird nicht nur dies gesagt, nein, auch mit dem Vorwurf der Ungerechtigkeit wird er gebrandmarkt, wie ich schon vorher angeführt habe. Wenn wir nämlich nicht das erleiden, was wir verdienen, und wenn wir unschuldig unsere gegenwärtigen Übel ertragen, so nennen wir Gott ungerecht, weil er uns ohne Grund Leiden aufbürdet. Aber, antwortest du, er befiehlt es nicht so sehr, er läßt es vielmehr zu. Lassen wir es dabei bewenden! Aber, so frage ich, wie groß ist denn der Unterschied zwischen einem Befehlenden und einem Erlaubenden? Wer nämlich weiß, daß wir dies ertragen, und das Leiden verhindern könnte, der ist ohne Zweifel der Ansicht, daß wir ertragen müssen, was er uns ertragen läßt. Daraus ersehen wir, daß die Zulassung und Verhängung unserer Leiden seinem richterlichen Urteil entspringt. Denn da alles unter heiliger Herrschaft steht und der Wille Gottes alles leitet, ist alles, was wir an Übeln und Strafen täglich zu ertragen haben, eine Maßregelung aus der Hand Gottes. Durch unsere Sünden lassen wir dieses Strafgericht aufflammen und fachen es beständig an. Wir selbst entzünden das Feuer göttlichen Zornes und entfachen den Brand, in dem wir brennen, so daß immer, sooft wir diese Leiden erdulden, auch zu uns mit Recht das Prophetenwort gesprochen werden kann: „Gehet ein in das Feuer, das ihr angezündet habt!“ 2Und so bereitet sich nach heiligem Ausspruch der Sünder selbst seine Leiden. Wir haben also keinen Grund, unser Unglück Gott zuzuschreiben. Wir selbst sind die Urheber unserer Drangsale. Gott ist gütig und barmherzig und will, wie geschrieben steht niemand zugrunde richten oder schlagen. Wir tun alles Feindselige gegen uns selbst. Es gibt nichts Grausameres gegen uns als wir selbst. Wir, so sage ich, wir quälen uns gegen den Willen Gottes. Aber es scheint nun, daß ich mir selbst widerspreche, indem ich oben gesagt habe, daß wir von Gott unserer Sünden wegen bestraft werden, jetzt aber behaupte, daß wir uns selbst bestrafen. Beides ist wahr; von Gott nämlich werden wir bestraft, aber wir veranlassen die Strafe. Da wir aber alle selbst unsere Strafe herbeiführen, wem ist es da zweifelhaft, daß wir uns selbst durch unsere Vergehen strafen? Denn wer die Veranlassung zu seiner Bestrafung gibt, bestraft sich selbst gemäß jenem Wort: „Ein jeder wird in den Schlingen seiner Sünde verstrickt.“ Wenn also böse Menschen durch die Schlingen ihrer Sünden verstrickt werden, so verstrickt sich der Sünder ohne Zweifel selbst, wenn er sündigt.

2. Unter den afrikanischen Christen herrscht noch Götzendienst

Aber weil wir über die Unsittlichkeit der Afrikaner schon vieles gesagt haben, wollen wir über ihre Gotteslästerungen wenigstens einiges vorbringen. Bei den meisten herrschte dort beständig ausgesprochenes Heidentum. Innerhalb der Grenze ihres Vaterlandes bargen sie nämlich einen heimlichen Greuel, ich meine jene Caelestis, 1die Dämonin der Afrikaner. Dieser haben, wie ich glaube, die alten Heiden eine so schöne, wohllautende Benennung gegeben, damit sie, wenn sie schon sonst nichts Göttliches an sich hatte, wenigstens einen göttlichen Namen besäße, und auf daß sie, weil sie aus eigenem Vermögen keine Macht hatte, wenigstens durch ihren Namen an Würde gewänne. Wer war in jenen Götzendienst nicht eingeweiht? Wer war ihm nicht vielleicht schon durch seine Herkunft und von Geburt an geweiht? Und ich spreche nicht von Menschen, die sowohl dem Leben als auch dem Namen und dem Bekenntnis nach Heiden waren und die durch ihren Irrtum, aber auch durch ihren Namen unheilig waren. Erträglicher und weniger frevelhaft ist das Heidentum bei solchen, die sich auch zu ihm bekennen. Verderblicher jedoch und barbarischer war es, daß viele, die sich zu Christus bekannten, in ihrem Herzen den Götzen dienten. Wer von denen, die sich Christen nannten, betete nicht jene Caelestis gleich nach Christus an oder, was viel schlimmer ist, noch vor Christus? Wer hat nicht, voll von dem Gestank heidnischer Opfer, die Schwelle einer Kirche überschritten und ist nicht, behaftet mit dem üblen Geruch der Dämonen, selbst zum Altar Christi emporgestiegen? Gerade als ob es nicht ein weniger abscheuliches Verbrechen gewesen wäre, überhaupt nicht in den Tempel des Herrn zu kommen als in solcher Verfassung! Denn ein Christ, der gar nicht in die Kirche kommt, macht sich der Nachlässigkeit schuldig; wer aber so kommt, eines Gottesraubes. Denn es ist ein geringeres Vergehen, wenn Gott gar keine Ehre erwiesen wird, als wenn ihm Schimpf angetan wird. Und deshalb erwiesen alle, die solches taten, Gott keine Ehre, sondern raubten sie ihm. Denn sie haben die Ehrenbezeugung, die gewissermaßen der Kirche zukommt, dem Götzen dargebracht. Denn Dienstwilligkeit an zweiter Stelle kommt doch nur der Ehre desjenigen zugute, dem die ersten Ehren erwiesen werden. Sieh, das war der Glaube, das war die Religion, das war das Christentum der Afrikaner, und zwar der Vornehmsten! Sie nannten sich Christen, Christus zur Schmach. Und doch sagt der Apostel: „Nicht könnt ihr den Kelch des Herrn trinken und den Kelch der Dämonen; nicht könnt ihr teilnehmen am Tische des Herrn und am Tisch der Dämonen.“ Jenen war es nicht genug, mit dem Kelch Gottes den der Dämonen zu trinken; sie zogen diesen sogar vor; und es genügte ihnen nicht, den Tisch der Dämonen mit dem Tisch des Herrn gleichzustellen; sie kamen nach dem Kult eines verruchten Aberglaubens zu den Tempeln Gottes und hauchten an den heiligen Altar Christi mit ihrem teuflischen Atem den widerwärtigsten Gestank.

3. Der Haß gegen die Diener Gottes

Aber, entgegnest du, nicht alle haben solches getan, sondern nur die Mächtigsten und Höchstgestellten. Geben wir dies zu! Aber wenn gerade die reichsten und mächtigsten Häuser den Staat in Verwirrung bringen, so müßtest du einsehen, daß durch den gotteslästerlichen Aberglauben von ein paar Leuten die ganze Stadt befleckt wurde. Denn für niemand ist es zweifelhaft, daß alle Familien entweder ihren Herren ähnlich oder noch schlechter als ihre Herren sind; freilich, öfter kommt es vor, daß sie schlechter sind; und wenn auch gute Herren sogar sehr schlechte Sklaven haben, so ist leicht einzusehen, wie dort alle Hauswesen gewesen sein müssen, da die Knechte, die schon an sich schlecht waren, durch die Schlechtigkeit ihrer Herren noch verdorbener wurden. Zugegeben also, daß das, was wir behaupteten, nur auf die Mächtigsten und Höchststehenden zutraf! War aber das weniger belastend, was vornehm und gering gemeinsam hatte? Ich meine den bis zur Verfluchung gesteigerten Haß gegen alle heiligmäßig lebenden Menschen. Es ist nämlich eine Art Gottesraub, die Diener Gottes zu hassen. Wenn nämlich einer unsere Sklaven schlägt, schlägt er uns selbst durch dieses Unrecht an unseren Dienern. Und wenn einer den Sohn eines anderen mißhandelt, trifft er die Liebe des Vaters durch den dem Kinde zugefügten Schmerz; so wird auch die göttliche Majestät beleidigt, wenn jemand einen Diener Gottes verletzt; denn der Herr sagt selbst zu seinen Aposteln; „Wer euch aufnimmt, nimmt mich auf, und wer euch verachtet, der verachtet mich.“ Der überaus gütige und wohlwollende Herr macht die Ehre und Schmach seiner Diener zu seiner eigenen Ehre und Schmach; so daß keiner glaube, wenn er einen Diener Gottes verletzt, er verletze nur einen Menschen. Denn zweifellos kommt zu dem den Dienern Gottes zugefügten Unrecht noch ein Unrecht gegen Gott selbst. Gott selbst bezeugt dies in seiner huldvollen Liebe den Seinen mit den Worten: „Wer euch anrührt, rührt gleichsam meinen Augapfel an.“ Um die Zartheit seiner Liebe zu kennzeichnen, nennt er den zartesten Teil des menschlichen Körpers, damit wir klar einsehen, daß Gott durch eine ganz kleine Beleidigung seiner Heiligen verletzt wird, wie die menschliche Sehkraft durch einen ganz kleinen Schlag verletzt wird. Die Afrikaner verfolgten und haßten also die Diener Gottes und in ihnen Gott selbst.

4. Schwere Mißhandlungen der Priester und Mönche

Aber man fragt vielleicht, auf welche Weise sich dieser Haß äußerte. Nun, so, wie auch der Haß der Juden gegen Christus sich äußerte; sie sagten nämlich zu ihm: „Du bist ein Samaritan und hast einen bösen Geist“, verlachten ihn, verfluchten ihn, spieen ihm ins Gesicht und knirschten mit den Zähnen gegen sein Haupt. Daher sagte unser Erlöser, der das tragen mußte, auch in den Psalmen: „Alle, die mich sehen, höhnen mich, verziehen den Mund und schütteln das Haupt“, und anderswo: „Sie haben mich versucht und mit Gelächter verlacht, gegen mich mit ihren Zähnen geknirscht.“ So zeigt sich auch der Haß der Afrikaner gegen die Mönche, das sind die Heiligen Gottes, weil sie dieselben verlachten, verschmähten, weil sie ihnen nachstellten und sie verfluchten, weil sie fast alles gegen sie taten, was die Juden in ihrer Gottlosigkeit gegen den Heiland taten, bevor es endlich zur Vergießung seines göttlichen Blutes kam. Aber jene, entgegnest du, haben keinen Heiligen getötet, wie wir es von den Juden lesen. Ob sie welche töteten, weiß ich nicht; ich will es nicht behaupten; aber jedenfalls ist es eine vortreffliche Verteidigung, wenn bei ihnen von einer heidnischen Verfolgung nur das fehlte, was den äußersten Höhepunkt einer Verfolgung bildet. Nehmen wir also an, es seien dort keine Heiligen getötet worden! Aber wir können es nicht ändern, daß die nicht sehr verschieden von Mördern sind, die mit tödlichem Haß hassen, besonders da der Herr selbst sagt: „Wer seinen Bruder ohne Grund haßt, ist ein Mörder.“ Freilich haben sie die Knechte Gottes nicht ohne Grund verfolgt. Denn wer könnte sagen, ohne Grund, da es doch Menschen waren, die sich in ihrem Leben und in allen ihren sittlichen Bestrebungen von ihnen unterschieden, in denen sie von ihrem Wesen nichts sahen, weil alles Gott gehörte? Ein sehr ausschlaggebender Grund für Streit ist die Verschiedenheit der Willensrichtungen, weil es überhaupt nicht oder kaum geschehen kann, daß jemand an einem anderen das liebe, was ihm widerstrebt. Deshalb haßten die Afrikaner die Frommen nicht ohne Grund, wie ich gesagt habe, da sie erkannten, alles an jenen stehe zu ihnen in feindseligem Widerspruch. Sie nämlich lebten in beständiger Bosheit, die andern in Unschuld; sie lebten in Fleischeslust, die andern in Keuschheit; sie in Hurenhäusern, jene in Klöstern; sie fast immer in Gesellschaft des Teufels, jene ohne Unterlaß in Gemeinschaft mit Christus. Nicht ohne Grund geschah es also, daß in den Städten Afrikas und besonders innerhalb der Mauern Karthagos das ebenso unglückliche wie ungläubige Volk es kaum mehr ohne Schimpfen und Fluchen mit ansehen konnte, wenn einer im Mönchsgewand, bleichen Antlitzes und die einstmals wallenden Locken bis auf die Haut geschoren, einherschritt. Kam einmal ein Diener Gottes aus den Klöstern der Ägypter oder von den heiligen Städten von Jerusalem oder aus den heiligen und ehrwürdigen Orten der Wüste zum Gottesdienste in die Stadt, so erlitt er Schmähungen, Lästerungen und Verwünschungen, sobald er dem Volk unter die Augen kam. Und nicht nur das: durch das ruchlose Gelächter lasterhafter Menschen und das verächtliche Pfeifen der Spötter wurde er wie mit Ochsenriemen geschlagen. Wahrlich, es war so, daß ein mit den Verhältnissen nicht Vertrauter bei einem solchen Anblick meinen konnte, es werde nicht ein Mensch verspottet, sondern ein neuartiges, ganz ungewöhnliches Ungeheuer vertrieben und zur Stadt hinausgejagt.

5. Dafür erleiden die Afrikaner nur gerechte Strafe

Das also war der Glaube der Afrikaner, besonders der Karthager. In größerer Sicherheit konnten einst die Apostel heidnische Städte betreten; und jene wilden, gottesräuberischen Barbarenrotten haben ihr erstes Kommen und ihren Anblick viel weniger verabscheut. Das heilige Gefäß der Auserwählung, den heiligen Apostel Paulus, hörte das Volk der Athener geduldig an mochte es auch noch so abergläubisch sein – als er von der Verehrung und der Majestät des einen Gottes sprach. Die Lykaonier gerieten sogar in solche Verwunderung, daß sie glaubten, die Apostel seien keine Menschen, weil sie sahen, daß in ihnen die Kraft Gottes wohnte. Innerhalb Karthagos aber war es den Dienern Gottes kaum möglich, ohne beschimpft und verflucht zu werden, auf den Plätzen und Straßen sich zu zeigen. Manche halten das nicht für eine Verfolgung, weil sie nicht auch getötet wurden. Auch die Räuber bedienen sich dieser Redensart, indem sie sagen, sie hätten denen das Leben geschenkt, denen sie es nicht nehmen. In jener Stadt war das aber nicht so sehr eine Wohltat von seiten der Menschen als von seiten der Gesetze; schon das Zwölftafelgesetz verbot ja, einen Menschen ohne richterliches Urteil zu töten. Daraus erkennt man, welch großes Vorrecht die Religion des Herrn da genoß, wo es den Dienern Gottes nur deswegen möglich war, der Ermordung durch Christenhand zu entgehen, weil ein heidnisches Recht sie schützte. Und da wundern wir uns, wenn jene nun die Barbaren aushalten müssen, wenn wir doch sehen, daß die Heiligen unter ihnen wie unter Barbaren litten. Gerecht ist also der Herr, und gerecht ist sein Gericht. Wie es geschrieben steht, ernten sie auch das, was sie gesät haben. So zeigt es sich, daß der Herr wirklich von der Ruchlosigkeit dieses Volkes gesagt hat: „Vergeltet ihm nach seinen Werken; nach allem, was es getan, tut auch ihm, weil es sich gegen den Herrn erhoben!“ Daher dürfen wir uns nicht wundern noch uns entrüsten, weil jene von den Menschen nun einige Leiden zu erdulden haben; viel ärger ist das Böse, das sie selbst vorher gegen Gott verübt haben, wenn nach der Verschiedenheit der Personen ihre Leiden und ihre Missetaten abgewogen werden.

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