Über das Fasten, gegen die Psychiker

Von Tertullian

1. Kap. Da die Psychiker die montanistischen Lehren in Betreff der Ehe als Häresie bezeichnen, so wäre es zu verwundern, wenn sie nicht dasselbe hinsichtlich der strengeren Fasten täten; denn Fleischeslust und Gaumenlust hängen aufs engste zusammen und bedingen einander.

Ich würde mich wundern, wenn jene Psychiker bloß in den Banden der Sinnenlust lägen, infolge derer sie öfters heiraten, und sie nicht auch von der Gefräßigkeit beherrscht würden, infolge derer sie Feinde des Fastens sind. Etwas Unerhörtes wäre Wollust ohne Gaumenlust; denn diese beide sind so miteinander vereint und verwachsen, daß sie überhaupt nicht getrennt werden können; sonst müßten die Schamteile nicht am Bauche sitzen. Schaue nur auf den Körperbau, und siehe: es ist ein Bezirk. So entspricht der Anordnung der Körperteile auch die Aufeinanderfolge der Laster. Erst der Bauch, und dann folgt sofort die mit der Mästung des Bauches unten verbundene Wollust. Durch die Gefräßigkeit kehrt die Geilheit ein. Ich erkenne also den bloß psychischen Glauben an der Beflissenheit, mit der er auf das Fleisch gerichtet ist. In ihm geht er ganz auf, da er ebenso zu vielem Fressen wie zum vielen Heiraten geneigt ist. So kommt es, daß er, von diesem Standpunkt aus mit Recht, gegen die pneumatische Disziplin, die ihm ihrer Wesenheit nach feindlich gegenübersteht, auch in Bezug auf diesen Punkt ihrer Enthaltsamkeit Anklagen erhebt, deshalb nämlich, weil sie der Gaumenlust Zügel anlegt, zuweilen durch gänzliche Enthaltung von Speisen oder durch spätes Essen oder durch trockene Speisen, gerade so wie sie es hinsichtlich der Sinnenlust durch Gestattung nur einer Ehe tut.

Es ist mir bereits widerwärtig, mit solchen Leuten streiten zu müssen; ja man muß sich sogar schämen, über Dinge zu hadern, deren Verteidigung eigentlich schon eine Verletzung der guten Sitte ist. Doch wie könnte ich Keuschheit und Mäßigkeit verteidigen ohne Herabsetzung ihrer Gegner! Wer diese Gegner sind, ich will es ein für allemal angeben: Es sind die auswendigen und inwendigen Würste der Psychiker. Diese sind es, die dem Paraklet Widerspruch bereiten; ihretwegen werden die neuen Prophezeiungen verworfen, nicht etwa deswegen, weil Montanus, Priszilla und Maximilla einen neuen Gott predigen, nicht weil sie Christum auflösen, nicht weil sie irgendeine Regel des Glaubens oder der Hoffnung umstoßen, sondern weil sie offen lehren, man müsse öfter fasten als heiraten. Über die Art und Weise, wie man es in Betreff des Heiratens halten soll, habe ich bereits eine Verteidigung der Monogamie herausgegeben. Jetzt dreht sich der Kampf um Kasteiungen in Bezug auf Speise und Trank, um die zweite oder vielmehr um die erste Art der Enthaltsamkeit.

Sie erheben gegen uns die Anklage, daß wir besondere Fasten beobachten, daß wir die Stationen sehr häufig bis zum Abend ausdehnen, daß wir sogar Xerophagien halten, indem wir die Speisen trocken bereiten, ohne alles Fleischwerk, ohne alle Brühe und saftige Früchte, und daß wir in Speise und Trank uns jedes Weinsaftes enthalten. Dazu kommt die Enthaltung vom Bade, welche zu der trockenen Nahrung stimmt. Sie werfen uns also Neuerung vor, und hinsichtlich ihrer Unerlaubtheit erheben sie die Einrede, sie sei von vornherein entweder für Häresie zu halten, wenn sie auf bloß menschlicher Anmaßung beruhe, oder für Pseudoprophetie zu erklären, wenn sie sich als Befehl des Geistes ausgebe. So bekommen wir von beiden Seiten das Anathem zu hören, wenn wir anders lehren.

2. Kap. Die Psychiker wollen bloß einige bestimmte Fasttage halten und in leichter Weise. Sie verwerfen die Stationsfasten und besonders die Xerophagien als häretische Neuerung. Tertullian verhöhnt ihre Ansichten.

Was nämlich die Fasten angeht, so halten sie uns entgegen, es seien von Gott bestimmte Tage dazu angeordnet, wie wenn im Levitikus der Herr dem Moses den zehnten des siebenten Monats als Versöhnungstag vorschreibt. „Heilig“, heißt es, „wird euch der Tag sein, und ihr werdet eure Seele kasteien, und jede Seele, welche sich an diesem Tage nicht kasteiet, wird aus dem Volke ausgerottet werden“. Ohne Zweifel seien im Evangelium, so behaupten sie, nur diejenigen Tage zum Fasten festgesetzt, an welchen der Bräutigam hinweggenommen ist, und diese seien die einzigen gesetzmäßigen Fasttage der Christen; denn die alten Einrichtungen des Gesetzes und der Propheten seien abgeschafft. Wo es ihnen gerade paßt, da verstehen sie ganz gut, was es heißt: „Das Gesetz und die Propheten bis auf Johannes“. Im übrigen sei also, wie man es beliebe, nach freiem Ermessen zu fasten, je nach der Zeit und den Umständen eines jeden, nicht aber nach Vorschrift, wie eine neue Disziplin es wolle. So hätten es die Apostel auch gehalten; sie hätten kein weiteres Joch bestimmter Fasten, das von allen gemeinschaftlich gehalten werden müsse, auferlegt, demnach auch keine Stationen, die zwar ihre bestimmten Tage, die Mittwoche und Freitage, haben, aber nach Belieben ihren Verlauf nehmen sollen, nicht nach einer gesetzlichen Vorschrift und nicht über die letzte Tagesstunde hinaus, da ja auch das Gebet in der Regel mit der neunten Stunde schließe, entsprechend dem in der Apostelgeschichte berichteten Beispiele des Petrus. Die Xerophagien aber seien ein Ausdruck für eine neue und nachgeäffte Übung, die dem heidnischen Aberglauben sehr nahekomme; sie seien nach der Art jener Reinigungsriten, die den Apis, die Isis und die große Göttermutter rein machen durch Enthaltung von gewissen Speisen, während doch der in Christo freigewordene Glaube nicht einmal dem jüdischen Gesetze gegenüber zur Enthaltung von gewissen Speisen verpflichtet sei und ein für allemal der ganze Fleischmarkt vom Apostel freigegeben worden sei, der da mit seinem Abscheu belege sowohl die, welche das Heiraten verbieten, als die, welche Enthaltung von gewissen Nahrungsmitteln gebieten, die Gott erschaffen hat. Darum seien wir die schon damals im voraus Gestraften, wir „diejenigen, welche in den letzten Zeiten vom Glauben abweichen, welche den die Welt verführenden Geistern Gehör geben und ein durch die Lehren der Lügner ausgebranntes Gewissen haben“. Ausgebrannt, sagt ihr? mit welchem Feuer denn? Etwa mit demjenigen, womit wir die wiederholten Heiraten in die Wege leiten und alle Tage unsere Mahlzeiten kochen?! Ebenso behaupten sie, der gegen die Galater geführte Schlag treffe auch uns, da auch wir gewisse Tage, Monate und Jahre beobachteten. Sie schleudern uns dabei auch den Ausspruch des Isaias entgegen: „Nicht ein Fasten wie dieses hat sich der Herr auserkoren“, d. h. keine Enthaltung von Speisen, sondern die Werke der Gerechtigkeit, die er darauf folgen läßt, und daß der Herr selbst gegenüber aller Ängstlichkeit in Betreff der Nahrung im Evangelium die kurze Antwort gegeben habe, „nicht durch das, was in den Mund eingeht, werde der Mensch verunreinigt, sondern durch das, was aus dem Munde kommt,“ da er auch selbst aß und trank, so daß er sogar die Zensur erhielt: „Siehe, dieser Mensch ist ein Fresser und Säufer“. Auch der Apostel lehre, daß nicht die Speise uns Gott wohlgefällig macht, so daß wir weder einen Vorzug haben, wenn wir essen, noch einen Verlust erleiden, wenn wir nicht essen.

Durch diese und ähnliche derartige Ideen gelangen sie mit aller Schlauheit sogar schon dahin, daß jeder seinem Bauche willfähriger wird und die Pflicht der vollständigen oder teilweisen Enthaltung von Speisen oder des auf eine spätere Zeit verschobenen Essens für überflüssig und nicht so sehr notwendig hält; denn Gott stelle ja die Werke der Gerechtigkeit und Unbescholtenheit höher. Wir kennen die Künste der Überredung zum fleischlichen Wohlleben recht gut; wir wissen, wie leicht sich sagen läßt: Es ist nur notwendig, aus ganzem Herzen im Glauben zu bekennen: Ich will Gott lieben und den Nächsten wie mich selbst; denn an diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten, nicht aber an der Leerheit des Magens und der Eingeweide.

3. Kap. Da Befriedigung der Eßlust den Anlaß zur ersten Sünde und zur Erbsünde gab, so muß der Trieb nach Speise und Trank in besonders energischer Weise gezügelt werden.

Daher ist es unsere erste Pflicht, zu befestigen, was in Gefahr ist, heimlich untergraben zu werden, nämlich wieviel gerade diese Leerheit bei Gott gilt, und vor allem, woher gerade der Grund dafür, daß man sich Gott auf diese Weise geneigt machen kann, hervorgegangen ist. Denn dann wird die Notwendigkeit der Befolgung anerkannt werden, wenn das Gewicht des Grundes, der auf die Schöpfungsgeschichte zurückzuführen ist, ins rechte Licht gestellt wird. Adam hatte von Gott das Gesetz empfangen, nicht zu kosten vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen; er sollte sterben, wenn er davon kostete. Aber auch er wurde damals nach der geistigen Ekstase, worin er jenes große Sakrament in Christus und in der Kirche geweissagt hatte, zum Psychiker, faßte nicht mehr, was des Geistes war, gab lieber dem Bauche nach als Gott, achtete mehr auf das Futter als auf das Gebot und verkaufte sein Heil um eines Gaumengenusses willen. So aß er und ging zugrunde, er, der sonst, wenn er sich von einem einzigen Bäumchen hätte enthalten wollen, des Heiles sicher gewesen wäre. Hier also sollte der Psychikerglaube schon seinen Samen erkennen und seine Begierde nach den fleischlichen Dingen sowie seinen Widerwillen gegen geistige von da ableiten.

Ich halte also fest, daß die Gaumenlust, die von Anfang an ein Mörder ist, durch die Peinen und Qualen der Leerheit des Magens bestraft werden müßte, auch wenn Gott gar keine Fasten vorgeschrieben hätte. Indem er mir jedoch zeigt, warum Adam gestorben ist, versetzte er mich in die Möglichkeit, das Heilmittel der Beleidigung zu erkennen, er, der mir gezeigt hatte, wodurch er beleidigt worden war. Nach Belieben essen, wie und wann ich könnte, das sollte ich für Gift halten und demgemäß den Hunger als Gegengift nehmen, mich dadurch von der uranfänglichen Todesursache, die auch auf mich mit der Abstammung selbst übergegangen ist, reinigen, in der festen Überzeugung, daß Gott das wohlgefällig sei, dessen Gegenteil ihm mißfällig war, und in dem festen Vertrauen, daß das Streben nach Enthaltsamkeit dem gefallen werde, von dem ich erfahren hatte, daß er die Unenthaltsamkeit als schuldbar verdammte. Ferner, da er selbst auch das Fasten empfiehlt und eine schlotternde Seele – nämlich eine im eigentlichen Sinne durch Entbehrung von Speise schlotternde Seele1 – ein Opfer nennt, wer kann da noch zweifeln, daß der innere Grund aller Abtötungen in Bezug auf Speise und Trank der gewesen sei, daß durch abermaliges Verbot einer Speise und Beobachtung der Vorschrift die Erbsünde gesühnt würde, und so der Mensch Gott in derselben Sache und durch denselben Gegenstand Genugtuung leiste, durch den er ihn beleidigt hatte, d. h. durch Versagung der Speise. So sollte er das Licht seines Heiles auf die entgegengesetzte Weise durch Nichtessen wieder anzünden, wie er es durch Vollere! ausgelöscht hatte, und zum Ersatz für das eine Unerlaubte viel Erlaubtes verschmähen.

4. Kap. Tertullian sucht dem Einwände zuvorzukommen, warum alsdann Gott nicht gleich nach dem Sündenfalle die sündhafte Schwäche des Menschen durch ein umfassendes Fastengebot zu heilen bestrebt gewesen sei.

Dieser Grund wurde bei der Vorsehung Gottes, die alles nach den Zeiten passend einrichtet, wohl aufbewahrt, und es möge niemand von der Gegenpartei, um unsere Proposition umzustoßen, fragen: Warum hat denn Gott nicht sofort irgendeine Kasteiung in Bezug auf Speise und Trank angeordnet, sondern vielmehr die Einräumungen noch ausgedehnt? Denn im Anbeginn hatte er dem Menschen bloß Kräuter und Baumerzeugnisse als Nahrung zugesprochen: „Siehe, ich habe euch alles samentragende Kraut auf Erden, welches seinen Samen ausstreut, gegeben, und jeder Baum, welcher Frucht von keimfähigen Samen an sich trägt, wird euch zum Genusse dienen“. Später aber hat er unter Aufzählung aller ihm unterworfenen Tiere der Erde, der Vögel des Himmels, des sich auf Erden Bewegenden, der Fische des Meeres und alles Kriechenden zu Noë gesagt: „Sie werden euch zur Speise dienen; ich habe euch alles wie die grünen Kräuter übergeben, aber Fleisch, das noch im Blute sein Leben in sich hat, sollt ihr nicht essen“. Eben dadurch, daß er bloß das Fleisch, dessen Leben nicht mit dem Blute ausgeströmt ist, vom Genusse ausnimmt, ist es klar, daß er den Gebrauch alles andern Fleisches erlaubt hat.

Darauf geben wir zur Antwort, es paßte sich nicht, den Menschen, der soeben sogar das so leichte Verbot einer einzigen Frucht nicht hatte halten können, noch mit irgendeinem Gebote der Enthaltsamkeit zu belasten. Da er schlaff war, so mußte er eben durch die Freiheit erstarken. Ebenso genügte nach der Sintflut bei der Wiederherstellung des Menschengeschlechtes vorläufig das einzige Gebot der Enthaltung von Blut, während alles andere erlaubt war. Denn der Herr hatte bereits seine richtende Tätigkeit in der Sintflut gezeigt und außerdem auch noch Drohungen ausgesprochen, indem er das Blut von der Hand des Bruders und von jedem wilden Tiere zurückforderte. So hat er denn, die Gerechtigkeit des Gerichtes vorbereitend, der Freiheit Spielraum gegeben, durch Nachsicht die Sittenzucht angebahnt, alles gestattet, um einiges hinwegzunehmen, mit der Absicht, mehr zu fordern, wenn das Anvertraute größer sein würde, Enthaltung zu befehlen, nachdem Einräumung vorausgegangen wäre, damit, wie gesagt, die Ursünde durch Übung größerer Enthaltsamkeit bei Gelegenheit größerer Freiheit desto mehr gesühnt würde.

5. Kap. Sobald Gott die Juden zu seinem Volke auserwählt hatte, gab er ihnen auch Speiseverbote zur Strafe für ihre Gier.

Sobald die Auserwählung des Gott befreundeten Volkes begann und die Wiederherstellung des Menschen eingeleitet werden konnte, wurden sofort alle jene Gesetze und Gebräuche auferlegt, auch solche, welche Einschränkungen in Bezug auf Speise und Trank enthielten. Einiges wurde als unrein ganz untersagt, damit der Mensch einst um so eher die Fasten ertrüge, wenn er gegenüber gewissen Dingen eine beständige Enthaltung geübt hätte. Denn auch das erste Volk hatte den Fehltritt des ersten Menschen wieder aufgefrischt und sich mehr dem Bauche als Gott zugetan gezeigt, da es, durch die mächtige Hand Gottes und seinen hohen Arm aus der harten Sklaverei Ägyptens befreit und zum Herrn jenes Landes, das da von Milch und Honig floß, bestimmt, sich sofort am Anblick der vorratslosen Wüste ärgerte, über den Verlust der Fülle Ägyptens seufzte und gegen Moses und Aaron murrte: „O, daß wir doch gestorben wären, getroffen von der Hand des Herrn im Lande Ägypten, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot in Fülle aßen! Warum hast du uns herausgeführt in diese Einöden, so daß diese ganze Menge vor Hunger stirbt?“ In derselben Bevorzugung des Bauches wollte es über seine Führer, diese Vertrauten Gottes, sich beklagen, die es durch sein Verlangen nach Fleisch und seine Rückerinnerung an die Fülle Ägyptens sehr erzürnte. „Wer wird uns Fleisch zu essen geben; es kamen uns in den Sinn die Fische, die wir in Ägypten umsonst aßen, sowie die Kürbisse und Melonen, Lauch, Zwiebeln und Knoblauch. Aber jetzt ist unsere Seele dürr und nichts als Manna sehen unsere Augen“. So mißfiel auch ihnen die Xerophagie des Engelsbrotes; der Duft von Knoblauch und Zwiebeln war ihnen lieber als der himmlische Wohlgeruch. Darum eben wurde ihnen, da sie so undankbar waren, alles Angenehmere und Schmackhaftere entzogen, um zugleich die Gaumenlust zu züchtigen und die Enthaltsamkeit zu üben, damit erstere gestraft, letztere ihnen beigebracht werde.

6. Kap. Ein gefüllter Magen macht den Geist zu göttlichen Dingen unlustig, das Fasten hingegen macht ihn dafür empfänglich.

Jetzt wollen wir das allgemeine Bewußtsein darüber befragen, falls es ein unmotiviertes Verfahren von uns war, die Gründe, warum Kasteiungen in Speise und Trank von Gott gewollt und von uns um Gottes willen zu üben seien, in den beim Uranfang gemachten Erfahrungen zu suchen. – Die Natur selbst wird uns sagen, wie sie uns vor dem Genuß von Speise und Trank, so lange als die Zunge sozusagen noch jungfräulich ist, in Bezug auf jene Dinge hinzustellen pflegt, die nur mit dem Sinne vollführt werden dürfen, womit man das Göttliche behandelt: ob wir nicht viel kräftigeren Geistes, ob wir nicht viel lebhafteren Herzens sind, als dann, wenn das ganze Gebäude des inneren Menschen, mit Speisen vollgestopft und von Wein überschwemmt, mit der Bereitung der Auswurfstoffe sich abarbeitet und so zu einem Orte geworden ist, wo nur an die bevorstehenden Stuhlentleerungen gedacht wird, und es nichts gibt, was näher läge, als das Sinnen auf Lüsternheit. „Das Volk aß und trank und stand auf, um sich zu belustigen“. Man berücksichtige bei diesen Worten die Ehrbarkeit der Hl. Schrift, die keine Belustigung getadelt haben würde als nur eine schamlose.

Wie wenige übrigens werden aber an Religion denken, wenn die Stätte des Erinnerungsvermögens in Beschlag genommen ist und die der Weisheit dienenden Glieder behindert sind!? Niemand wird, wie es sich gehört, gebührt und nützlich ist, Gottes eingedenk sein zu einer Zeit, wo es die Gewohnheit mit sich bringt, daß der Mensch sich selbst abhanden kommt. Essen und Trinken bringt der ganzen Sittenzucht Tod oder Wunden bei. Ich will ein Lügner sein, wenn nicht der Herr selbst, wo er Israel Gottvergessenheit vorwirft, der Völlerei die Schuld beimißt: „Der Liebling ward dick und ward fett und breit und verließ Gott, der ihn geschaffen hat, und fiel ab vom Herrn, seinem Heilande“. So befiehlt er denn auch in demselben Buch Deuteronomium, diese Ursache zu meiden, und sagt: „Wenn du issest und trinkest und schöne Häuser bauest, bei der Vermehrung deiner Schafe und Rinder, deines Goldes und Silbers, soll sich dein Herz nicht überheben und du des Herrn deines Gottes nicht vergessen!“ Er hat der Verderbnis durch den Reichtum noch die gewaltige Gier der Eßlust vorangestellt; ihr dienen selbst die Reichtümer. Durch sie nämlich war das Herz des Volkes verhärtet worden, so daß es mit den Augen nicht sah und mit den Ohren nicht hörte und mit dem Herzen, das von fetten Speisen umstrickt war, nicht dachte; er verbot deren Genuß mit Nennung der Namen, indem er den Menschen anleitete, nicht auf zu volle Nahrung bedacht zu sein.

Wessen Herz erschien dagegen weit mehr aufwärts gerichtet als durch Fett beschwert? Es war das Herz dessen, der über die Kräfte der menschlichen Natur hinaus vierzig Tage und ebensoviel Nächte das Fasten fortsetzte, indem ihm der geistige Glaube die Kraft verlieh, der mit seinen Augen die Herrlichkeit Gottes sah, mit seinen Ohren die Stimme Gottes hörte und in seinem Herzen das Gesetz Gottes überdachte, welches schon damals lehrte, daß der Mensch nicht allein vom Brot lebe, sondern in jedem Worte Gottes, während das besser genährte Volk selbst den Anblick des Moses, der von Gott selbst ernährt und dessen Hunger durch seinen Namen gestillt worden war, nicht andauernd zu ertragen vermochte. Verdienterweise also zeigte sich ihm der Herr auch im Fleische, ihm, dem Genossen seiner Fasten, und ebenso auch dem Elias. Denn auch Elias hatte sich zuerst dadurch, daß er die Hungersnot herabrief, dem Fasten bereits hinlänglich geweiht. „So wahr der Herr lebt“, sagt er, „vor dessen Angesicht ich stehe, es wird kein Tau oder Regen fallen in diesen Jahren“. Darauf, nach einer einzigen Mahlzeit und einem Trunk, den er, von einem Engel aufgeweckt, gefunden hatte, floh er vor den Drohungen der Jezabel und kam, nachdem vierzig Tage hindurch sein Magen leer und sein Mund trocken gewesen, zum Berge Horeb, wo er in einer Höhle einkehrte. Zu welchem freundschaftlichen Verkehr mit Gott wurde er da zugelassen! „Was tust du hier, Elias?“ Klingt dieser Ruf nicht viel freundlicher als: „Adam, wo bist du?“ Dieser Ruf war dem Menschen, der gegessen hatte, eine Drohung, jener dem fastenden eine Schmeichelrede. So große Bevorzugung bewirkt der Abbruch an Speise und Trank; er macht den Menschen zu einem Hausgenossen Gottes, gesellt den Gleichen in Wahrheit dem Gleichen zu. Denn wenn der ewige Gott, wie er durch Isaias bezeugt, niemals hungert, dann wird die Zeit, wo der Mensch Gott gleich wird, die sein, wo er ohne Nahrung lebt.

7. Kap. Beispiele aus dem Alten Testament zum Beleg dafür, daß durch das Fasten die Gnade Gottes erlangt wird.

So sind wir denn nunmehr bereits bei den Beispielen angelangt, bei denen wir die Macht dieser Dienstleistung an dem hervorgebrachten Nutzen erwägen können, da sie sogar die Wiederaussöhnung des erzürnten Gottes mit dem Menschen bewirkt. Israel, das Samuel beim Wasserschöpfen zu Maspha versammelte, hatte gesündigt; aber es sühnte seine Sünde mit solcher Geschwindigkeit durch Fasten, daß es zugleich die Gefahr des Kampfes zerstreute. Gerade als Samuel das Ganzopfer darbrachte – durch nichts wurde, wie wir erfahren, die Milde Gottes so sehr hervorgerufen, als durch die Enthaltsamkeit des Volkes – und als die Fremdlinge zur Schlacht heranrückten, da erscholl sofort der Donner des Herrn über dieselben mit lauter Stimme; sie gerieten in Verwirrung und Bestürzung vor dem Angesicht Israels; die Männer Israels rückten aus Maspha aus, verfolgten die Fremdlinge und schlugen sie bis Bethor, die Ungesättigten die Satten, die Unbewaffneten die Bewaffneten. Das ist die Stärke derer, die Gottes wegen fasten. Der Himmel streitet für sie. Da hast du eine Norm für die Erhaltung des Schutzes, die auch in den geistigen Kämpfen notwendig gilt.

Ebenso als Sennacherib, der König der Assyrier, nach der Einnahme mehrerer Städte, Israel Lästerungen und Drohungen durch Rhapsakes entbot, war es nichts anderes, was ihn seinem Vorsatze entgegen nach Äthiopien trieb. Was war es anders, was die 184.000 Mann von seinem Heere durch einen Engel wegraffte, als die Verdemütigung des Königs Ezechias? Nachdem diesem die Grausamkeit des Feindes berichtet war, zerriß er sein Kleid, zog einen Sack an und befahl durch Isaias den ältesten Priestern, in demselben Anzuge Gott anzugehen; Fasten begleitete natürlich die Gebete. Denn in der Gefahr nimmt man sich keine Zeit zum Essen, und im Bußsacke denkt man nicht an Sättigung. Immer ist Nichtessen im Gefolge der Trauer, so wie Lustigkeit sich zum Wohlleben hinzugesellt. Durch diese Folge der Trauer, nämlich durch das Fasten, wurde auch die sündige Stadt Ninive vom angedrohten Untergange befreit. Denn die Reue über die Verbrechen hatte ihr das Fasten dringend genug empfohlen, das drei Tage lang gehalten wurde, wobei auch das Vieh, obwohl ihm Gott nicht zürntet gequält wurde. Sodoma und Gomorrha wären davongekommen, wenn sie gefastet hätten.

Dieses Hilfsmittel kannte auch Achab, Als ihn Elias nach seiner Übertretung, seinem Götzendienst und der Ermordung des Naboth, der wegen des Weinberges von Jezabel umgebracht worden war, zur Rede stellte: „Du hast gemordet und das Erbe in Besitz genommen. An dem Orte, wo die Hunde Naboths Blut geleckt haben, werden sie auch das deinige lecken“ – da verdemütigte er sich selbst, hüllte seinen Leib in einen Sack, fastete und schlief auf einem Sacke. Da erging das Wort des Herrn an Elias: „Hast du wohl gesehen, wie Achab vor meinem Angesichte Ehrfurcht hatte. Deswegen, weil er mich gefürchtet hat, werde ich kein Unheil herbeiführen in seinen Tagen, sondern in den Tagen seines Sohnes werde ich es heraufführen“, der nicht fastete. So ist das Fasten ein Werk der Ehrfurcht gegen Gott, durch welches auch Anna, die früher unfruchtbare Gattin des Elkana, ihre Bitten an Gott richtete, und mit Leichtigkeit erlangte, daß ihr von Speise freier Leib mit einem Sohne erfüllt wurde, der noch dazu ein Prophet war.

Allein nicht bloß eine Umkehrung der Natur, Abwendung von Gefahren oder Vergebung für Vergehungen, sondern auch Erkenntnis der Geheimnisse wird das Fasten bei Gott verdienen. Schau hin auf das Beispiel Daniels. Das Traumgesicht des Königs setzt alle Weisen in Verwirrung; sie gestehen, daß durch menschliches Vermögen das darüber Hinausliegende nicht erkannt werden könne. Bloß Daniel, der auf Gott vertraut und weiß, was er zur Erwerbung der göttlichen Gnade tun muß, fordert einen Zeitraum von drei Tagen, fastet mit seinen Mitbrüdern und, nachdem er so seine Gebete verstärkt hat, wird er über den Verlauf und die Bedeutung des Traumgesichtes vollständig belehrt, die Weisen des Tyrannen werden verschont, Gott verherrlicht, Daniel geehrt. Auch später sollte er keine geringere Gnade von Gott empfangen, als er im ersten Jahre des Königs Darius in der Erinnerung an die von Jeremias verheißenen Zeiten sein Angesicht zu Gott wendete in Fasten, Sack und Asche. Der zu ihm entsandte Engel verkündete ihm gleich im Anfang den Beweggrund des göttlichen Erbarmens: „Ich bin gekommen“, sagte er, „dir zu zeigen, inwiefern du der Erbarmung wert bist“, nämlich infolge des Fastens. Wie vor Gott des Erbarmens wert, wurde er den Löwen in der Grube furchtbar, wohin ihm, da er sechs Tage nichts zu essen hatte, der Engel die Mahlzeit brachte.

8. Kap. Im Neuen Testament haben wir gleich an der Schwelle das Beispiel der Prophetin Anna und das Fasten Christi.

Wir werden auf das Weitere noch zurückkommen. Denn jetzt beeilen wir uns, zu den Beweisen aus dem Neuen Bunde überzugehen. An der Schwelle des Evangeliums steht die Prophetin Anna, die Tochter Phanuels, welche den Knaben Jesus erkannte und vieles über ihn weissagte zum Nutzen derer, die das Heil Israels erwarteten. Nach dem herrlichen Lobestitel einer langjährigen Witwenschaft nach einmaliger Ehe wird sie durch das Zeugnis geschmückt, daß sie fastete. Sie zeigt uns, mit welchen Werken man in der Kirche ausharren müsse, und daß niemand leichter Christum erkenne, als die einmal Verheirateten und die öfters Fastenden. Sodann leitete der Herr selbst seine Taufe, und in seiner Taufe die Taufe aller, mit Fasten ein, obwohl er imstande war, zu bewirken, daß Steine Brot würden, ja sogar, daß die Fluten des Jordan eventuell Wein seien, wenn er nämlich wirklich ein Fresser und Säufer gewesen wäre. Im Gegenteil, er ließ den neuen Menschen zur Beschämung des alten auftreten mit der Fähigkeit, Speisen zu verschmähen, um dadurch dem Teufel, der ihn aufs neue durch die Eßlust zu versuchen strebte, zu zeigen, daß er jedem Appetit überlegen sei. Er schrieb sodann für das Fasten als Gesetz vor, daß man es ohne Traurigkeit verrichte. Denn warum sollte ein Heilsmittel etwas Trauriges sein? Auch lehrte er, daß die schlimmsten Dämonen durch Fasten zu bekämpfen seien. Wie sollte es auch auffallend sein, daß der böse Geist durch dasselbe Mittel verjagt wird, durch das der Hl. Geist zur Einkehr bewogen wird?! So lesen wir auch in Betreff des Hauptmannes Cornelius, sein Fasten habe Erhörung gefunden, so daß die Gnade des Hl. Geistes mit der Gabe der Prophetie über ihn zu kommen sich beeilte, bevor er getauft war. Soviel ich weiß, zählt auch der Apostel im zweiten Briefe an die Korinther unter seinen Mühen, Gefahren und Beschwerden neben Hunger und Durst häufiges Fasten auf.

9. Kap. Verteidigung der Enthaltung von einzelnen Speisen und der Xerophagie.

Diese Hauptart der Kasteiungen in Bezug auf Speise und Trank kann in Betreff der kleineren Betätigungen der Abstinenz bereits das Urteil begründen, daß auch sie in ihrer Weise nützlich und notwendig seien. Denn die Enthaltung von einigen bestimmten Nahrungsmitteln ist ja ein teilweises Fasten. Sehen wir uns also die Xerophagien auf ihre angebliche Neuheit und Torheit einmal an, ob nicht auch in ihnen ein ebenso alter als heilsamer Religionsgebrauch geübt werde. Ich kehre zurück zu Daniel und seinen Gefährten, welche Gemüse als Kost und Wasser als Trank den Schüsseln und Weinkrügen des Königs vorzogen. Infolgedessen sahen sie, damit ja niemand für ihr leibliches Aussehen bange, noch schöner aus und waren außerdem auch noch geistig geschmückt. Denn Gott gab den Jünglingen Wissenschaft und Einsicht in alle Literatur, und dem Daniel besonders noch Einsicht in jedes Wort, sowie in Traumgesichte und in alle Weisheit, wodurch er auch noch gerade die Mittel erkannte, durch die man von Gott die Kenntnis der Geheimnisse erlangt. Als er dann im dritten Jahre des Cyrus, des Perserkönigs, in die Betrachtung einer Vision verfiel, ersah er sich noch eine andere Art der Verdemütigung aus. „In jenen Tagen“, heißt es, „trauerte ich, Daniel, drei Wochen hindurch, feines Brot aß ich nicht, Fleisch und Wein kamen nicht in meinen Mund, und ich salbte mich nicht mit Öl, bis die drei Wochen um waren“. Nach deren Verlauf wurde der Engel ausgesandt, der ihn also anredete: „Daniel, du bist ein erbarmenswerter Mann, fürchte dich nicht; denn vom ersten Tage an, wo du deine Seele der Betrachtung und der Verdemütigung vor Gott hingegeben, wurde dein Wort erhört, und ich bin gekommen wegen deines Wortes“. So vertreiben also die erbarmenswerte Übung und die Verdemütigung der Xerophagie die Furcht, neigen das Ohr Gottes herab und machen der Erkenntnis verborgener Dinge teilhaftig.

Ich kehre auch zu Elias zurück. Warum brachte jener gewisse Engel ihm zu Bersabe in Judäa, nachdem er ihn aus dem Schlafe geweckt hatte, ohne Zweifel bloß Brot und Wasser, da ihn doch die Raben gewöhnlich mit Brot und Fleisch gesättigt hatten? Fehlte es etwa an Raben, die ihm bessere Kost bringen konnten, oder war es dem Engel vielleicht zu beschwerlich, irgendwoher von dem Mahle eines Königs einen Diener mit einer wohlversorgten Schüssel zu entführen und sie zu Elias hinüberzutragen, wie dem hungernden Daniel in der Löwengrube das Mittagsmahl der Schnitter gereicht wurde? Nein, es mußte ein Beispiel aufgestellt werden, welches lehrte, daß man zur Zeit der Bedrängnis, Verfolgung und jeglicher Not in Xerophagie leben müsse. Durch eine solche Lebensweise brachte David seine Exomologese zum Ausdruck, indem er Asche als Brot aß, d. h. ein Brot, so trocken und grau wie Asche, und seinen Trank mit Tränen mischte, anstatt mit Wein. Denn auch die Enthaltung vom Wein hat ihre Vorrechte; sie war es, die Samuel Gott empfahl und Aaron heiligte. In Betreff des Samuel sagte seine Mutter: „Wein und Berauschendes wird er nicht trinken“. Sie selbst lebte nämlich in gleicher Enthaltsamkeit; so betete sie zu Gott. Und zu Aaron sprach der Herr: „Wein und Meth sollt ihr nicht trinken, du und dein Sohn nach dir, wenn ihr das Gezelt betretet oder zum Altar hinaufsteiget, damit ihr nicht sterbet“. Also werden die des Todes sterben, welche in der Kirche Gott nicht in Nüchternheit dienen. Darum macht er auch Israel, seinem Sohne, den Vorwurf: „Meinen Geheiligten habt ihr Wein als Trank gegeben“. Auch diese Beschränkung des Trankes ist ein Teil der Xerophagie.

Indessen, wo die Enthaltung vom Weine durch Gott vorgeschrieben oder vom Menschen gelobt wird, da muß auch eine Verminderung der Speisen vorausgesetzt werden, welche dem Trank die Ordnung vorzeichnet. Wie die Speise, so der Trank. Es ist nicht wahrscheinlich, daß jemand das Opfer seines Gaumens Gott halb bringen, bei Wasser nüchtern und im Essen schwelgerisch sein sollte. Daß auch der Apostel die Xerophagie gekannt habe, er, der Größeres durchgemacht hatte, Hunger, Durst und vieles Fasten, der Trinkgelage und Schmausereien verworfen hatte, dafür kann man einen hinlänglichen Beweis schon auf seinen Schüler Timotheus gründen. Indem er denselben ermahnt, wegen seines Magens und seiner anhaltenden Schwäche ein wenig Wein zu gebrauchen, dessen sich dieser nicht wegen einer Vorschrift, sondern aus Andacht enthielt (sonst würde es für den Magen besser gewesen sein, bei der Gewohnheit zu bleiben), hat er die Enthaltung von Wein als etwas Gottgefälliges anempfohlen und sie nur infolge einer Notwendigkeit widerraten.

10. Kap. Verteidigung der montanistischen Praxis hinsichtlich der sogenannten Stationsfasten.

In gleicher Weise klagen die Gegner unsere Stationsfasten der Neuerung an, weil sie anbefohlen werden und manchmal bestimmt werde, sie bis auf den späten Abend auszudehnen, und sie behaupten, man müsse diese Obliegenheit nach freiem Ermessen vollziehen und nicht über drei Uhr nachmittags fortsetzen, natürlich ihrer Gewohnheit entsprechend. Allein, was die Frage in Betreff des Anbefohlenwerdens angeht, so werde ich alle Punkte mit einer Antwort erledigen.

Für jetzt spreche ich nur mit Rücksicht auf einen speziellen Punkt dieser Sache, über das Zeitmaß, und muß vorab an sie selbst die dringliche Frage richten, auf welche Gründe hin sie die Methode, um drei Uhr die Stationsfasten abzubrechen, vorschreiben. Wenn sie es tun, weil Petrus und seine Gefährten, wie geschrieben steht, zur neunten Gebetsstunde in den Tempel gingen, so frage ich, wer beweist mir denn, daß sie an jenem Tage ein Stationsfasten gehalten haben, und daß man diese Stunde für den Schluß und die Beendigung des Stationsfastens ansehen müsse? Umgekehrt, man könnte eher finden, daß Petrus um zwölf Uhr in das Obergemach hinaufging, um Speise zu sich zu nehmen, erst aber um zu beten, und könnte darum mit größerem Rechte die Mittagsstunde als Schlußstunde für diese Übung festsetzen, welche anscheinend dieselbe nach dem Gebet zum Abschluß bringen sollte. Ferner wird in derselben Schrift des Lukas auf die dritte Gebetsstunde hingewiesen, in welcher die mit dem Hl. Geiste Ausgerüsteten für betrunken gehalten wurden, und auf die sechste, in welcher Petrus in das Obergemach stieg, sowie auf die neunte, zu welcher Zeit sie den Tempel betraten, – warum sollten wir da nicht schließen, daß, unbeschadet der unbeschränkten Freiheit, immer und überall zu beten, doch diese drei, im gewöhnlichen Leben schon ausgezeichneten Stunden, welche die Einteilung des Tages bilden, nach welchen sich die Geschäfte verteilen, und die öffentlich ausgerufen werden, auch für das Gebet zu Gott besonders in Gebrauch gewesen seien? Das legt auch das Beispiel Daniels nahe, der dreimal am Tage betete, natürlich unter Bevorzugung gewisser Stunden, die aber keine anderen waren, als gerade die vornehmsten Tagesstunden, die dann später die Apostel einhielten, der dritten nämlich, der sechsten und der neunten. Daher würde ich vielmehr sagen, Petrus habe nach altem Herkommen die neunte Stunde festgehalten, indem er zum dritten Male betete, in Beobachtung der letzten Gebetspflicht.

Dieses sage ich um derentwillen, welche glauben, nach der Norm Petri zu verfahren, die sie doch nicht kennen, nicht als wollten wir die neunte Stunde verwerfen, die wir sowohl am Mittwoch als am Freitag sehr oft innehalten, sondern weil wir für die Gebräuche, welche infolge einer Tradition beobachtet werden, dann um so mehr einen würdigen Grund anführen müssen, wenn sie der Autorität der Hl. Schrift entbehren, bis sie durch irgendein himmlisches Charisma entweder ihre Bestätigung oder ihre Berichtigung finden. „Wenn ihr es etwa nicht wisset“, heißt es, „so wird Gott es euch offenbaren“. Wenn man also auch den Paraklet, den Einführer in die gesamte Wahrheit, der alle diese Dinge bestätigt, beiseite läßt, so erwäge man doch, ob wir nicht einen angemesseneren Grund für Beobachtung der neunten Stunde vorbringen, einen Grund, den man auch dem Petrus wird beilegen dürfen, wenn er damals ein Stationsfasten gehalten hat. Dieser Grund ist nämlich herzunehmen vom Tode des Herrn; wenn man desselben auch zu jeder Zeit eingedenk sein soll ohne Unterschied der Stunden, so werden wir doch zu dieser Stunde, entsprechend dem Worte „Station“, selbst nachdrücklicher auf ihn hingewiesen. Die Soldaten, die niemals ihres Fahneneides vergessen, gehorchen auf Wachtposten oder Stationen noch besser. Daher ist die Kasteiung bis zu der Stunde fortzusetzen, in welcher der von der sechsten Stunde an verfinsterte Erdkreis seinem verstorbenen Herrn gegenüber seine Trauerpflicht erfüllte, und wir kehren zu derselben Zeit zur Fröhlichkeit zurück, wo auch die Welt das Licht wieder erhielt. Wofern dies besser zu den christlichen Religionsgebräuchen paßt, da es mehr zur Verherrlichung Christi dient, kann ich aus demselben, im Verlauf der Sache liegenden Grund ebensogut festsetzen, daß der Verlauf des Stationsfastens bis zu einer späteren Stunde fortdauere, so daß wir bis abends fasten, weil wir die Zeit des Begräbnisses des Herrn abwarten, jene Stunde, wo Joseph den erbetenen Leichnam abnahm und begrub. Daher ist es sogar unehrerbietig, wenn der Diener seinen Leib früher erquickt, als der des Herrn erquickt wurde.

So viel darüber; dieses wollte ich, durch die Beweisführung der Gegner herausgefordert, gegenüberstellen, Vermutungen durch Vermutungen zurückweisend, und zwar sind, wie ich glaube, die meinigen zuverlässiger. Sehen wir uns nun um, ob uns nicht aus dem Altertum Dinge ähnlicher Art zustatten kommen. War nicht im Buche Exodus die bekannte Haltung des Moses, der gegen Amalek durch Gebet bis zum Sonnenuntergang kämpfte, eine bis zum Abend fortdauernde Station? Glauben wir etwa, daß Jesus Nave, als er die Amorrhäer bekämpfte, an jenem Tage, da er sogar den Elementen Stillstand gebot, zu Mittag gespeist habe? „Es stand die Sonne still in Gabaon und der Mond in Ajalon, es standen die Sterne und der Mond in einer Station, bis sich das Volk an seinen Feinden gerächt hatte, und es stand die Sonne mitten am Himmel. Als sie sich aber zum Untergange und zu Ende des Tages neigte, da war kein Tag so wie dieser, weder vorher oder nachher“, nämlich keiner so gefällig, daß Gott, wie es heißt, „auf die Stimme eines Menschen hörte“, der, der Sonne gleichkommend, so lange im Dienste einer Station, die sogar über den Abend hinaus andauerte, ausharrte. Sicher ist, daß Saul, ebenfalls im Kampfe befindlich, ganz offenbar dieselbe Leistung anbefahl: „Verflucht sei der Mann, der Brot ißt bis zum Abend, bis ich Rache genommen habe an meinem Feinde, und das ganze Volk genoß nichts“, und doch floß die ganze Gegend (von Honig). Gott legte dem Edikt in Betreff jenes Stationsfastens ein solches Ansehen bei, daß Jonathan, Sauls Sohn, obwohl er, von dem bis zum Abend gebotenen Fasten nichts wissend, ein wenig Honig genossen hatte, alsbald durch das Los seines Fehltritts überführt wurde und mit knapper Not durch die Fürbitte des Volkes von der Todesgefahr befreit wurde. Er war der Gaumenlust, wenn auch nur einer geringen, schuldig. Auch als Daniel im ersten Jahre des Königs Darius in Sack und Asche fastend vor Gott eine Exomologese hielt: „Siehe, da kam“, heißt es, „während ich noch mein Gebet sprach, der Mann, den ich zu Anfang im Traume gesehen hatte, schnell geflogen und näherte sich mir um die Stunde des Abendopfers“, Das ist doch ein bis zur späten Stunde fortgesetztes Stationsfasten, das, das Fasten bis zum Abend ausdehnend, das Opfer des Gebetes vor Gott fruchtbringender macht.

11. Kap. Verteidigung des Parakleten und seiner Prophetien, worin die genannte Praxis empfohlen wird, gegen den Vorwurf der Neuheit, der Häresie und diabolischer Inspiration.

Denjenigen, welche in Aufregung zu geraten pflegen, wenn sie von unsern Einrichtungen hören, ist vermutlich dies alles unbekannt, oder sie kennen es vielleicht nur durch die Vorlesung1, nicht aus aufmerksamer Betrachtung, wie denn bei dem vielgerühmten großen Haufen der Psychiker die Ungebildeten überhaupt den meisten Einfluß ausüben. Deshalb haben wir die einzelnen Arten des Fastens, der Xerophagien und Stationen, durchgegangen, um an dem Beispielvorrat beider Testamente zu zeigen, welchen Nutzen die Verschmähung, Verkürzung und Verschiebung des Essens bringe, und so diejenigen widerlegen, welche diese Dienste als zwecklos diskreditieren, um ferner zu zeigen, welchen Rang sie stets in der Religionsübung eingenommen haben, und so diejenigen aus dem Felde schlagen, welche diese Dinge der Neuheit anklagen. Was beständig da war, ist nicht neu, und was Nutzen bringt, ist nicht zwecklos. Auch liegt es auf der Hand, daß einige von diesen Verrichtungen von Gott dem Menschen vorgeschrieben und so zum Gesetz wurden, andere, vom Menschen Gott dargebracht, zur Erfüllung von Gelübden dienten. Bildet doch auch ein Gelübde, das von Gott angenommen wurde, für die Nachwelt ein Gesetz infolge des Ansehens des Annehmenden; denn, wer eine Handlung gebilligt hat, hat damit anbefohlen, daß man sie von nun an üben soll.

Von diesem Gesichtspunkte aus findet nun auch indirekt das Dilemma unserer Gegner seine Widerlegung, wenn sie nämlich sagen: Entweder ist es Pseudoprophetie, wenn eine Geistesstimme diese Übungen vorgeschrieben hat, oder aber es ist Häresie, wenn menschliche Anmaßung sie erfunden hat. Denn wenn sie jene Norm tadeln, nach der sich diese Dinge im Alten Testament vollzogen, und infolgedessen wieder die Bedenken gegen dieselben2 aufwärmen, welche die Feinde des Alten Bundes gegen sie erheben könnten, dann müssen sie entweder auch jene Dinge verwerfen oder aber diese unsere Praxis, da sie früher offen geübt wurde, annehmen. Dies ist unbedingt notwendig, besonders deshalb, weil unsere Praxis ganz demselben Gott gilt, wie die Beispiele im Alten Testament, mag sie nun eingesetzt sein von wem sie will, von einem Geistbegabten oder bloß von einem Gläubigen. Denn zweifelsohne wird bei uns allen, die wir Verehrer eines einzigen Gottes, des Schöpfers und seines Christus sind, Häresie und falsche Prophetie darnach beurteilt werden, ob eine verschiedene Gottheit ins Spiel kommt oder nicht. Darum machte es mir bei Verteidigung dieses Punktes gar keinen Unterschied, und ich lasse ihnen die Wahl, welche Stellung sie einnehmen wollen.

Es ist ein Teufelsgeist, behauptest du, o Psychiker. – Gut, und wie kommt es, daß er zu Ehren unseres Gottes Verrichtungen anbefiehlt, und zwar solche, diekeinem andern dargebracht werden sollen als unserem Gott? Entweder behaupte, daß der Teufel mit unserem Gott gemeinschaftliche Sache mache, oder der Satan möge für den Paraklet gehalten werden. Aber, so behauptest du, es sei ein Mensch, der als ein Antichrist auftritt; denn mit diesem Namen werden die Häretiker bei Johannes belegt. – Wie kann er dann, wer er auch sei, diese Dienstleistungen in unserem Christus für unsern Herrn angeordnet haben, da doch selbst die Antichristen, die anscheinend für Gott eintreten7, gegen unsern Christus auftreten? Von welcher Seite, meinst du, hat der Geist bei uns seine Bestätigung erhalten, da er doch das befiehlt oder gutheißt, was unser Gott beständig anbefohlen und gutgeheißen hat? Allein ihr setzt auch hier dem lieben Gott wieder Grenzpfähle, wie in Bezug auf die Gnade, so auch in Bezug auf die Disziplin, wie in Bezug auf die Charismen, so auch in Bezug auf die sittlichen Gebräuche. Die Gott zu erweisenden Dienste sollen ebenso aufhören wie seine Wohltaten, und so leugnet ihr, daß er immerfort noch Pflichten auferlege, weil auch hier das Wort gelten soll: „das Gesetz und die Propheten gehen nur bis auf Johannes“. Es fehlt nun bloß noch, daß ihr alles beseitigt, da ja, soweit es auf euch ankommt, alles so überflüssig ist.

12. Kap. Verhöhnung der Psychiker als Bauchdiener wegen eines Vorfalles, der sich mit einem Märtyrer bei der letzten Verfolgung zugetragen haben soll. 

Ihr seid auch in dieser Hinsicht voll und satt zur Herrschaft eingegangen1; ihr fallt in keine Sünden, die man mit Fasten austreiben müßte; ihr habt keine Offenbarungen nötig, die man durch Xerophagien erzwingen muß; ihr fürchtet auch keine besonderen Anfechtungen, die man mit Hilfe von Stationsfasten durchkämpfen müßte. Gesetzt auch, der Paraklet sei von Johannes‘ Zeiten an verstummt, so würden wir selbst unsere eigenen Propheten vor allem zu dem Zweck geworden sein, ich sage bereits nicht, um den Zorn Gottes zu besänftigen, oder seinen Schutz und seine Gnade zu erlangen, sondern ich sage, um uns selbst gegen die letzten Zeiten zum voraus zu wappnen, indem wir uns jegliche Verdemütigung auferlegen, da man den Kerker ertragen lernen, sich auf Hunger und Durst einüben, an ein Leben unter Fasten und Ängsten sich gewöhnen muß. Auf diese Weise wird der Christ gleich so in den Kerker eintreten, wie er aus ihm heraustreten soll, als einer, der dort keine Strafe leiden, sondern nur eine Schule durchmachen, nicht die Foltern dieser Welt erdulden, sondern nur einen schuldigen Dienst verrichten soll, als einer, der um so zuversichtlicher aus dem Gefängnis zum Kampfe schreitet, da er schon ganz aufgebraucht ist und gar kein Fleisch mehr an sich hat, so daß die Folter kein Objekt mehr findet, indem er von bloßer und ausgetrockneter Haut wie mit einem Panzer umgeben und gegen die Krallen wie gehörnt ist, der sein Blut schon im voraus vergossen hat, als wäre es ein Hindernis für die Seele, die auch selbst sich schon beeilt, den Körper zu verlassen, da sie durch häufiges Fasten mit dem Tode schon ganz nahe Bekanntschaft gemacht hat.

Eure Mode ist es freilich, für unsichere Märtyrer in den Gefängnissen Garküchen zu errichten2, damit sie nicht aus der Gewohnheit kommen, des Lebens nicht überdrüssig werden und sich an der Disziplin der ihnen ungewohnten Entbehrungen nicht stoßen. Diese hatte auch jener euer neulicher Märtyrer, der nicht einmal Christ war, noch nicht einmal angerührt. Nachdem ihr ihn, den ihm bewilligten freien Gewahrsam benutzend, eine Zeitlang gemästet und durch alle möglichen Bäder, als wären sie besser wie die Taufe, durch alle Erholungsarten der feinen Welt, als wären dies die verborgenen Schätze der Kirche, und durch alle Reize des diesseitigen Lebens, als stände es über dem ewigen, nachdem ihr ihn durch all dieses, wie mir scheint, recht eingeweiht hattet, gabt ihr ihm, damit er kein Verlangen nach dem Tode bekomme, am letzten Tage, am Tage des Verhörs, in aller Frühe gewürzten Wein als Gegengift ein und schwächtet ihn damit so, daß er, als er nur mit ein paar Krallen etwas gekitzelt – soviel fühlte er noch in seiner Betrunkenheit – und vom Präsidenten gefragt wurde, welchen Herrn er bekenne, nicht mehr zu antworten imstande war, und darauf wegen seines Schweigens gefoltert, bloß zu schluchzen und zu stöhnen vermochte, und so über diesem Ableugnen hinstarb. Deshalb also sind die, welche die Schule der Mäßigkeit predigen, falsche Propheten, deshalb also sind die, welche sie beobachten, Häretiker! Was hindert euch also noch, den Paraklet, den ihr in Montanus leugnet, bei Apicius5 zu suchen.

13. Kap. Der Behauptung der Psychiker, man dürfe in solchen Dingen am Herkommen nichts ändern, hält Tertullian ihre eigene Praxis entgegen, wonach die Bischöfe Fasttage anordnen. Auch bei Abhaltung von Konzilien wird gefastet. Die Konzilien in den griechischen Landesteilen.

Ihr erhebt die Einrede, die Gebräuche, die zum christlichen Glauben gehören, seien festgesetzt durch die Schrift und die Tradition der Vorfahren, und es sei keine Observanz mehr hinzuzufügen, weil Neuerungen verboten seien. Haltet diese Position, wenn ihr könnt! Denn siehe, ich klage euch an, daß ihr, auch außer dem Passah, auch an ändern Tagen als an jenen, an welchen der Bräutigam weggenommen ist, fastet; auch legt ihr die Halbfasten der Stationen ein und lebt zuweilen bloß von Wasser und Brot, wie es einem jeden gut scheint. Ihr gebt allerdings zur Antwort, daß man dies nach eigenem Dafürhalten zu tun habe, nicht auf Befehl. Ihr habt also eure Position aufgegeben, indem ihr über die Tradition hinausgeht und Dinge beobachtet, die nicht festgesetzt sind. Was soll es aber heißen, deinem Gutdünken einzuräumen, was du dem Befehle Gottes, deines Herrschers, nicht einräumst?! Dem menschlichen Willen soll mehr erlaubt sein als der Macht Gottes?! Ich bin der Ansicht, der Welt, nicht aber Gott gegenüber Freiheit zu besitzen. Wie es meine Sache ist, Gott von freien Stücken einen Dienst zu leisten, so ist es Sache Gottes, ihn anzubefehlen. Ich muß ihm nicht nur gehorchen, sondern auch seine Huld erschmeicheln. Ersteres erweise ich ihm auf seinen Befehl, letzteres tue ich nach meinem Ermessen.

Es kommt mir gut zustatten, daß auch die Bischöfe die Gewohnheit haben, dem gesamten Volke Fasten aufzuerlegen, ich meine nicht in der Absicht, um Geldbeisteuern zusammenzubringen, wie es bei euch aus Geldsucht geschieht, sondern nur zuweilen und wegen irgendeiner kirchlichen Bekümmernis. Wenn ihr daher auf den Erlaß eines Menschen hin, und zwar alle zusammen als eine Einheit, Akte der Verdemütigung vornehmt, wie könnt ihr denn an uns dieselbe Einheit, in der wir fasten, Xerophagien und Station halten, zum Gegenstand des Tadels machen, es sei denn, daß wir damit gegen Senatsbeschlüsse oder Kabinetsordres der Fürsten, die gegen die verbotenen Vereinigungen gerichtet sind, verstoßen?! Als der Hl. Geist in allen Ländern, wo er wollte, und durch den Mund von Personen, die er frei auswählte, seine Kundgebungen erließ, hat er in Voraussicht der bevorstehenden Prüfungen der Kirche und der Plagen der Welt in seiner Eigenschaft als Paraklet, d. h. als Beistand, um den Richter zu besänftigen, dergleichen Verrichtungen als Heilmittel angeordnet, so, nimm an, auch jetzt, um die Zucht der Mäßigkeit und Enthaltsamkeit zu üben. Wir, die wir ihn angenommen haben, beobachten konsequenterweise auch, was er damals festgesetzt hat. Blicke hin auf die Annalen des Judentums, und du wirst keine Neuerung darin finden, wenn das, was den Vätern vorgeschrieben wurde, die ganze Nachkommenschaft in ererbter religiöser Betätigung fortan beobachtet.

Außerdem werden in den griechischen Ländern an bestimmten Orten jene Versammlungen aus allen Kirchen, die man KonzilienÚ nennt, abgehalten, durch die sowohl alle wichtigeren Dinge gemeinschaftlich verhandelt werden, als auch eine Repräsentation der gesamten Christenheit in ehrfurchtgebietender Weise gefeiert wird. Wie angemessen ist dies, sich unter dem guten Wahrzeichen des Glaubens von allen Seiten um Christus zusammenzuscharen! Siehe, „wie schön und lieblich ist es, wenn die Brüder einmütig zusammenwohnen“. Du weißt diese Psalmenstelle freilich nur dann zu singen, wenn du es dir mit mehreren andern gut schmecken lässest. Jene Versammlungen aber liegen vorher den Stations- und sonstigen Fasten ob und wissen so zu trauern mit den Traurigen, und dann erst sich zu freuen mit den Fröhlichen, Wenn nun auch wir solche feierliche Gebräuche, für die doch damals das gegenwärtige Wort Gottes schützend eintrat, in den verschiedenen Provinzen als solche üben, die miteinander im Geiste versammelt sind, so ist das ein Gesetz der Religion.

14. Kap. Die Praxis der Montanisten in Bezug auf das Fasten wird durch den Tadel des Apostels (Gal. 4,10) nicht getroffen. Sie unterscheidet sich nicht einmal wesentlich von der der Psychiker oder überhaupt der in der Kirche herkömmlichen Praxis.

Wenn wir also für die Feier dieser Gebräuche bestimmte Zeiten, sei es Tage, sei es Monate, sei es Jahre innehaben, machen wir es dann wie die Galater? Allerdings wäre das der Fall, wenn wir das jüdische Zeremonialgesetz und die Festtage des Gesetzes beobachteten. Denn diese sind es, die der Apostel verwirft, indem er den Fortbestand des Alten Testaments als in Christo begraben verbietet und den des Neuen aufstellt. Wenn „die Schöpfung in Christo eine neue ist“, so müssen auch die Gebräuche neue sein: oder aber, wenn der Apostel die Feier bestimmter Zeiten, Tage, Monate und Jahre überhaupt gänzlich beseitigt hat, warum feiern wir denn im Kreislauf des Jahres das Pascha im ersten Monate? Warum bringen wir die darauffolgenden fünfzig Tage in aller Fröhlichkeit zu? Warum widmen wir den Mittwoch und Freitag der Woche den Stationen, und den Freitag dem Fasten, wiewohl ihr manchmal auch den Samstag noch hinzunehmt, an welchem doch, aus dem anderweitig angeführten Grunde, niemals außer am Passah gefastet werden soll. Für uns ist sicherlich jeder Tag, vermöge der allgemeinen Weihe, ein Feiertag. Es liegt also auch beim Apostel, der nur Neues und Altes voneinander scheidet, kein Grund vor, einen Unterschied zu machen. Auch hier dürfte doch euer ungleichartiges Verfahren lächerlich werden, indem ihr in Bezug auf dieselbe Sache uns einerseits der Neuerung anklagt, und andererseits uns vorwerfet, daß wir zur gesetzlichen Norm des Alten Bundes zurückkehren.

15. Kap. Die Ansichten des Apostels Paulus über das Fasten und den Unterschied der Speisen. Das Verhalten des Herrn in dieser Hinsicht.

Er spricht auch eine Mißbilligung gegen diejenigen aus, „welche Enthaltung von Speisen befehlen“. Aber es ist dies nur ein Akt der Voraussicht des Hl. Geistes, der damit bereits zum voraus jene als Häretiker verdammt, die da eine beständige Enthaltung vorschreiben würden, in der Absicht, dadurch die Werke des Schöpfergottes zu zerstören und zu verachten. Solche finde ich bei Marcion, bei Tatian, bei Jupiter, einem jetzt lebenden Häretiker, früherem Pythagoreer, aber nicht beim Paraklet. Denn wie geringfügig sind bei uns die Speiseverbote. Im ganzen Jahre bringen wir Gott nur zwei Wochen Xerophagien, und diese nicht einmal vollständig, dar – denn die Sabbate und Sonntage sind ausgenommen -, wobei wir uns von Dingen enthalten, deren Genuß wir nicht verwerfen, sondern nur aufschieben. Dagegen trifft Paulus euch, die ihr diese Dienstleistung herabwürdigt, wenn er in seinem Briefe an die Römer sagt: „Richtet nicht um der Speise willen das Werk Gottes zugrunde.“ Welches Werk? Dasjenige, wovon er sagt: „Es ist gut, kein Fleisch zu essen, und keinen Wein zu trinken“. „Denn wer in diesen Dingen ihm dient, der ist unserem Gott wohlgefällig und macht ihn sich geneigt“4. „Der eine glaubt, alles essen zu sollen, der andere aber ist schwach und genießt nur Gemüse. Wer ißt, der mißachte nicht den, der nicht ißt. Wer bist du, daß du über einen fremden Knecht Gericht hältst? Sowohl der Essende als der Nichtessende sage Gott Dank“. Wenn er aber schon nach seiner bloß menschlichen Ansicht verbietet, Streit anzufangen, um wieviel mehr auf Grund des göttlichen Willens! So wußte er einige, die Kasteiungen und Verbote in Betreff der Nahrung auferlegten, zu mißbilligen, da sie aus Verachtung und nicht zu religiöser Übung Enthaltsamkeit übten, diejenigen aber zu loben, welche es taten, um den Schöpfer zu ehren, nicht um ihn zu beschimpfen. Und wenn er dir auch zum Fleischmarkt freien Zutritt gegeben, und dir den Genuß von allem, mit Ausnahme des den Götzen Geopferten, gestattet hat, so hat er doch das Reich Gottes nicht an den Fleischmarkt gekettet. Denn er sagt: „Das Reich Gottes besteht nicht im Essen und Trinken“, und: „Die Speise empfiehlt uns nicht bei Gott“, und er sagt das nicht, damit du glaubst, er meine damit die trockene Speise, sondern er meint vielmehr die mit Brühe versehene und sorgfältig zubereitete; denn wenn er hinzusetzt: „Wir werden weder etwas gewinnen, wenn wir essen, noch etwas verlieren, wenn wir nicht essen“, so ruft er das mehr dir zu, der du zu gewinnen glaubst, wenn du issest, zu verlieren, wenn du nichts issest, und darum jene Dinge heruntersetzest. 

Wie unwürdig ist es ferner, den Umstand, daß der Herr ohne Unterschied ißt und trinkt, zugunsten deiner Ausgelassenheit zu deuten! Ich sollte doch meinen, der, welcher nicht die Satten, sondern die Hungernden und Dürstenden glücklich gepriesen hat, der hätte doch auch gefastet, er, der für seine Speise ausgab, nicht, was die Jünger dafür hielten, sondern die Vollbringung des Werkes des Vater, er, der lehrte, sich um die Speise zu bemühen, die Bestand hat zum ewigen Leben, der anordnete, daß man auch im regelmäßigen Gebete nur um Brot bitten soll, nicht um die Reichtümer eines Attalus. So hat auch Isaias nicht in Abrede gestellt, daß Gott das Fasten geschätzt habe, sondern er gibt nur an, welches Fasten ihm nicht gefiel. „An den Tagen eures Fastens“, sagt er, „zeigt sich euer Wille, und alle von euch Abhängigen bedrücket ihr; bei Streit und Prozessen fastet ihr, und ihr schlaget zu mit Fäusten. Ein solches Fasten habe ich nicht gewünscht“, sondern ein solches, wie er es im darauffolgenden beschrieb, und damit nicht aufgehoben, sondern gutgeheißen hat.

16. Kap. Gott strafte die Übertretungen der von ihm gebotenen Enthaltsamkeit von Speisen. Beispiele dafür aus dem Alten Testament. Sogar Heiden und Juden üben sie und stehen darin über den Psychikern.

Auch wenn er die Werke der Gerechtigkeit höherstellt, so will er sie doch nicht ohne Opfer, d. h. ohne eine Seele, die sich durch Fasten kasteiet. Sicher ist er jener Gott, dem auch das Volk, als es unenthaltsamen Gaumens war, sowie der Prophet und der Priester mißfiel. Noch stehen die Denkmäler ihrer Begierlichkeit, wo das Volk begraben liegt, das nach Fleisch lüstern war und sich den Magen bis zum Übelwerden mit Wachteln überfüllte. Der alte Heli stürzt an der Pforte des Tempels tot zu Boden, seine Söhne fallen in der Schlacht, die Schwiegertochter stirbt im Wochenbett, Diese Heimsuchungen hatte die unverschämte Familie, die die Fleischopfer unterschlug, von Gott verdient. Als Sameas, der Mann Gottes, der vom König Jeroboam eingeführten Idololatrie den Untergang prophezeite, nach der Verdorrung und sofortigen Wiederherstellung der Hand des Königs und nach der Berstung des Altars vom König wegen dieser Wunderzeichen eingeladen wurde, damit ihm Genugtuung zuteil werde, da weigerte er sich offen, dort überhaupt Speise anzurühren; denn es war ihm von Gott verboten worden. Da er aber bald nachher von einem andern Greise, der sich lügenhaft für einen Propheten ausgab, sich leichtsinniger Weise beköstigen ließ, wurde er zufolge des Wortes Gottes, das auf dem Fleck noch über Tisch an ihn erging, nicht bei seinen Vätern begraben. Unterwegs von einem Löwen, dem er begegnete, niedergestreckt, bei Fremden begraben, büßte er für jene Preisgabe des Fastens5.

Das wären Beispiele sowohl für das Volk als auch für die Bischöfe, sogar für die Geistbegabten, wenn diese sich eine Unenthaltsamkeit des Gaumens zuschulden kommen lassen. Nicht einmal in der Unterwelt nehmen die Vermahnungen ein Ende; dort wird der reiche Prasser für seine Gelage bestraft, der arme Lazarus aber für sein Fasten erquickt; für beides lagen die Vorschriften des Moses und der Propheten vor. Denn auch Joël rief aus: „Heiliget ein Fasten, verkündet eine Aufwartung“, indem er voraus erkannte, daß auch andere Apostel und Propheten Fasten verordnen und Dienste, welche Gottes warten, predigen würden. Daher hat man auch von denen, welche durch die Reinerhaltung ihrer Götzenbilder, durch die Ausschmückung ihrer Altäre und ihre allstündliche Begrüßung sich die Götter geneigt zu machen suchen, gesagt, sie besorgen eine Aufwartung.

Sogar die Heiden lassen Verdemütigungen aller Art gelten. Wenn die Witterung stockt und die Jahreszeit Dürre zeitigt, so werden Prozessionen mit bloßen Füßen angesagt, die Magistratspersonen legen ihre Purpurkleider ab, die Fasces werden rücklings getragen, sie sagen die Gebetsformel her und bringen immer wieder Opfer dar. In manchen Kolonien aber bringt man außerdem noch, in Säcke gehüllt und mit Asche bestreut, in alljährlicher Feier den Götzen in flehender Weise ein Fasten dar, und die Bäder und Schenken bleiben bis drei Uhr nachmittags geschlossen. Nur ein Feuer ist in den Straßen zu sehen, das auf den Altären. Wasser findet sich nicht einmal in den Schüsseln. Man denkt an eine ninivitische Landestrauer.

Sicher wird das jüdische Fasten überall gehalten, indem die Juden mit Hintansetzung ihrer Tempel bereits an jedem Meeresgestade und überall im Freien zu bestimmten Zeiten ihr Gebet gen Himmel senden. Und obwohl sie dabei durch Putz und Schmuck diesen Trauerdienst schänden, so affektieren sie doch Enthaltsamkeit und sehnen sich nach der Erscheinung des säumenden Abendsternes, der ihre Pflicht normiert.

Daß du, unsere Xerophagien lästernd, sie dem Keuschheitsfest der Isis und Cybele vergleichst, das ist so schlimm noch nicht. Ich lasse die Vergleichung als ein Zeugnis gelten. Es dürfte sich daraus ergeben, daß sie göttlichen Ursprungs sind, indem der Teufel, der Nachäffer der göttlichen Dinge, sie nachahmt. Aus der Wahrheit baut sich die Lüge auf, aus der Religion setzt sich der Aberglaube zusammen. Darum stehst du um so irreligiöser da, je mehr der Heide willig ist. Jener bringt seine Gaumenlust dem Idol zum Opfer, du willst sie Gott nicht zum Opfer darbringen. Denn dein Gott ist der Bauch, die Bauchhöhle dein Tempel, der Wanst dein Altar, der Koch dein Priester, der Fettdunst vertritt dir den Hl. Geist, die Gewürze sind deine Charismen, dein Prophezeien besteht im Rülpsen.

17. Kap. Bitterer Tadel der Agapen der Psychiker. Schluß.

Du, o Psychiker, der du der Gaumenlust soviel nachgibst, hast wirklich, wenn ich die Wahrheit sagen soll, den Vorzug des Altertums und rühmst mit Recht dein höheres Alter. Ich habe allzeit gewußt, daß Esau einen Jäger nach Wildpret bedeute; gerade so wie er, bemühst du dich überall, Krametsvögel aufzutreiben, wie er, kommst du vom Felde deiner laxen Sittenzucht heim, wie er, bist du schwach im Geiste. Wenn ich dir ein mit Obstgelee rot angemachtes Linsenmus vorsetze, so wirst du sofort alle deine Vorrechte verkaufen; bei dir brodelt die Agape1 in den Kochtöpfen, der Glaube dampft in der Küche, die Hoffnung liegt auf den Tellern. Die Agape aber wird um so höher gehalten, weil bei Gelegenheit derselben deine Jünglinge bei den Schwestern schlafen. Natürlich, Anhängsel der Gaumenlust sind Ausgelassenheit und Wollust. Diese Verbindung kannte auch der Apostel sehr wohl; er schickte die Worte voraus: „Nicht in Trinkgelagen und Schmausereien“, und ließ folgen: „auch nicht in den Kammern der Unzucht“. Zum Sündenregister deiner Gaumenlust gehört es, daß bei euch die Ehre der Vorsitzenden in einer doppelten Portion besteht, während der Apostel ihnen nur doppelte Ehre zugebilligt hat, einesteils als Brüdern, andernteils als Vorgesetzten. Als der Heiligste gilt bei euch immer der, welcher am regelmäßigsten mitschmaust, die verschwenderischsten Gastmähler veranstaltet und sich am besten aufs Bechern versteht.

Mit Recht weiset ihr als Leute, die bloß auf das Seelische und Fleischliche etwas halten, das Pneumatische von euch. Wenn die Propheten den Beifall solcher Leute gefunden hätten, wären sie meine Männer nicht. Warum predigt ihr nicht konsequent: Lasset uns essen und trinken; denn morgen werden wir sterben! Wir unsererseits tragen dagegen kein Bedenken, unumwunden die Vorschrift zu geben: Brüder und Schwestern, fastet, damit wir nicht vielleicht morgen sterben! Wir wollen offen unsere sittlichen Grundsätze vertreten!

Wir sind davon überzeugt, daß die, „welche im Fleische leben, Gott nicht gefallen können“, nicht etwa die, welche in der Substanz des Fleisches leben, sondern in der Sorge um dasselbe, in der Liebe, in den Werken und im Willen des Fleisches. Die Magerkeit mißfällt uns nicht, denn Gott hat das Fleisch nicht nach dem Pfunde abgewogen, wie er auch dem Geist kein Maß gesetzt hat. Ein abgemagerter Leib wird hoffentlich leichter durch die schmale Pforte des Heiles eingehen, schneller wird ein leichter Körper auferweckt werden, länger wird sich ein vertrockneter Leib im Grabe halten. Es mögen sich die Faustkämpfer und die olympischen Spieler mästen! Jenen steht das Streben nach Leibesumfang wohl an, die da der Kräfte des Leibes bedürfen, und dennoch gewinnen auch sie durch Xerophagien ihre Stärke. Unsere Kräfte aber sind anderer Art, eine andere ist unsere Stärke, wie auch andere unsere Kämpfe sind. „Unser Kampf geht nicht gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Mächte der Welt und die Geister der Bosheit“. Gegen sie hat man nicht mit Fleisch und Blut, sondern im Glauben und mit starkem Geiste standzuhalten. Besser gemästete Christen mag Bär und Löwe wohl gut gebrauchen können, nicht aber Gott; freilich wird man sich auch zum Kampf gegen wilde Tiere durch Magerkeit einüben müssen.

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