Traktate (Predigten und Ansprachen)

Von Zeno von Verona (um 370)

Buch 1

Traktat I. Der Glaube.

Das Wesen des Glaubens besteht nicht im Wissen des Gesetzes (Glaubensinhaltes) und im wissenschaftlichen Erweis desselben, sondern in der Bereitwilligkeit zu glauben, die aus dem Willen des Menschen hervorgeht (Kap. 1). Die Kenntnis des Gesetzes (Glaubensinhaltes) ist zwar in verschiedener Hinsicht von hohem Wert. Sie vermittelt der Menschheit den Willen Gottes, bringt die Vorschriften für die Lebensführung zur Darstellung, stellt die Sünde in ihrer Verwerflichkeit dar usw. Aber Abhandlungen über den Glauben bedeuten nicht den Glauben selbst (Kap. 2). Die Frage nach der Berechtigung von Abhandlungen über den Glauben oder einen Glauben der Abhandlung läßt sich dahin beantworten: Die „Abhandlung über den Glauben“ unterstellt den Glauben der Kunst der „Geschwätzigkeit“. Aber auch „der Glaube der Abhandlung“ kann beitragen zur Zerstörung des Glaubens. Es gibt zahlreiche Abhandlungen und zahlreiche Glaubensformeln. Bei ihrer Verschiedenheit muß man sich für eine entscheiden. Sie alle anzunehmen, erzeugt eine Vielheit im Glauben. Sie stehen im Gegensatz zu dem alten Glaubensbegriff (Kap. 3). Das Wesen des Glaubens besteht nicht in der Darlegung des Glaubensinhaltes, sondern in der Bereitwilligkeit zu glauben. Diese Bereitwilligkeit bedarf auch nicht der Ergänzung durch eine Darlegung des Glaubensinhaltes. Zwar ist eine solche nicht wertlos. Aber sie ist nicht der Glaube selbst, der durch die Darlegung nicht gewonnen und nicht verloren werden kann (Kap, 4). So legt sich die Warnung nahe, durch Beweisführung göttliche Dinge, besonders die Gottheit selbst, untersuchen zu wollen. Die Heilige Schrift bietet Gelegenheit zur Betätigung von Gesetzeserfahrung, Und wer den „Glauben des Geistes“ (Charisma) zu haben glaubt, möge dessen Gaben in die Tat umsetzen. Das Unterfangen aber, die ewige Gottheit des Sohnes und des Heiligen Geistes zu erforschen, grenzt an Gottlosigkeit. Davor warnt die Heilige Schrift (Kap. 5). Alle derartigen Untersuchungen führen zu Streit, und Streit zerstört den Glauben und die Liebe. In ihnen besteht aber die wahre Religiosität (Kap. 6).

Der Traktat findet seine Erklärung in dem Mißtrauen, das sich in weiten Kreisen gegen die Abhandlungen über die Trinität, besonders aber gegen die zahlreichen sich widersprechenden Glaubensformeln geltend machte, die in den letzten zwei Jahrzehnten des arianischen Streites aufgetreten waren. Schon auf der Kirchweihsynode von Antiochien 341 waren drei Formulierungen der ,,Fides“ aufgetreten, von denen eine später als Synodalformel galt. Auf der wenige Monate später ebenfalls in Antiochien tagenden Synode wurde eine neue vierte vereinbart. Es folgten die verschiedengestaltigen Formeln von Sirmium aus den Jahren 351, 357, 358, 359. In ähnlichen Worten hatte sich auch schon Hilarius gegen die Verwirrung gewandt, die dadurch entstanden: „Seit der Synode von Nicaea wird nur mehr über den Glauben geschrieben. Und während man sich über die Worte streitet, … der eine den anderen anathematisiert, ist keiner mehr ein Schüler Christi.“ Er glaubte sich entschuldigen zu müssen, wenn er Glaubensformeln erklärte: es ist eine Notwendigkeit, die durch die Arianer aufgedrungen ist. Was im religiösen Empfinden des Geistes verschlossen bleiben sollte, wird der Gefahr menschlicher Aussprache ausgesetzt. Und ebenso hat später Ambrosius sich mehr als einmal gegen derartige Untersuchungen gewandt und erklärt, die Tiefen der Gottheit mehr fürchten als ergründen zu wollen.

Der Traktat fällt in seiner Entstehung wohl in die ersten Jahre der Wirksamkeit Zenos, die unter dem Eindruck der erwähnten Formulierungen standen. Er darf wohl trotz der Vermutungen der Herausgeber Ballerini und Giuliari, die ihn mehr als einen Brief denn als Predigt betrachten, als solche angesprochen werden. Die Form der Anrede und die Mahnung im Schlußkapitel scheinen darauf hinzudeuten.

Das größte Glück für den Christgläubigen ist es, das Wesen des Glaubens zu kennen. Seine Eigenart und seine Größe besteht darin, daß er keinem Menschen von einem andern übermittelt wird, sondern aus seinem eigenen Willen hervorgeht. Ist er, wie manche glauben, vom Munde eines Lehrers abhängig, so wird er zweifellos untergehen, sobald der Lehrer seine Tätigkeit einstellt oder anders lehrt. Und weiter: Die Übermittlung des Gesetzes (Glaubensinhaltes) wird wertlos sein, wenn nicht schon vorher der Glaube vorhanden ist, der ehrfurchtsvoll die Übermittlung aufnimmt, der, einerseits sich selbst, andrerseits ihr vertrauend, ihr den Erfolg sichert: denn einem, der nicht Glaubenswillen besitzt, kann sie die Frucht, wie sie der Gläubige gewinnt, nicht vermitteln. So hat ja schließlich auch Abraham Gott durch seinen Glauben gefallen ohne das Gesetz und das jüdische Volk ihm mißfallen durch seinen Unglauben mit dem Besitz des Gesetzes. So kann kein Zweifel sein: das Gesetz kann nicht bestehen ohne den Glauben; der Glaube aber kann bestehen ohne das Gesetz. Die unzählbare Menge, die in ihrer schlichten Einfalt ganz glücklich dahinlebt, stünde immer noch unter der Herrschaft des Todes, wenn nur diejenigen, die das Gesetz kennen, die Rechtfertigung verdienten. Nun steht geschrieben: „Der Buchstabe tötet, der Geist macht lebendig;“ und: „Wir stehen nicht unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade“; und sie drängt uns, Gott zu lieben und ihm allein zu dienen im Geheimnis der einmal gläubig angenommenen geeinten Dreifaltigkeit, nicht etwa auf Grund von Beweisführung, nicht auf Grund von Notwendigkeit, sondern aus freiem Willen heraus. Darum ist es meines Erachtens ganz klar, daß der schlichte Einfältige besser ist als der zu sehr Klügelnde. Der Einfältige schenkt jedem Worte Gottes schlechthin Glauben; der Klügelnde aber, durch allzu große Weisheit ein Tor geworden, bringt durch seine eitlen Grübeleien sich selbst in Verwirrung.

Nun kann freilich jemand sagen: Wenn dem so ist, so hat ja das Gesetz für niemanden einen Wert. Doch so ist’s nicht gemeint. Das Gesetz hat einen Wert, ja einen sehr großen Wert. Durch das Gesetz wird den Völkern der Wille Gottes kund gemacht; durch das Gesetz erhält die Lehre von himmlischer Lebensführung ihre Zusammenfassung und ihren Halt; durch das Gesetz wird jede Gattung von Sünde in ihrer Schlechtigkeit herausgestellt, damit nicht einer aus Unerfahrenheit zugrunde gehe. Das Gesetz hört nicht auf zu mahnen, so daß niemand sein Vergehen mit Unkenntnis zu entschuldigen vermag; bald mit Strenge, bald mit Milde weist es auf den Lohn hin, weist es auf das Schwert hin, in der Absicht, jedem das zu geben, was er sich selbst wählt, so daß es das, was es tut, auf Grund Rechtens vollzieht. Es fordert von denen, die zu ihm kommen, die Erklärung der Bereitwilligkeit zum Glauben, weil es ihren Glauben selbst nicht zu sehen vermag; und wenn es aus der sittlichen Lebensführung deren Fehlen feststellt, so straft es ihn, den es belehrt hat, sofort als einen Glaubenslosen; es erklärt überhaupt, nur aus dem Grund gegeben worden zu sein, um dem Glauben sein Recht gegen die Ungläubigen zu schaffen. Und schließlich: Nimm die Sünde weg, so hört die Herrschaft des Gesetzes auf! Denn so steht geschrieben: „Das Gesetz ist nicht für den Gerechten gegeben, sondern für den Sünder.“ Da „der Gerechte aus dem Glauben lebt“, so lebt der Ungläubige ungerecht. So irrt derjenige, der eine Darlegung des Gesetzes (Glaubensinhaltes) schon als Glaube betrachtet; er vermischt zwei ganz verschiedene Dinge. Eine Darlegung entwickelt einerseits das Gesetz nach seinem Inhalt, aber andererseits entwurzelt sie den Glauben; denn Glaube ist nicht mehr vorhanden, wenn man nach ihm sucht. Und dann: Das Gesetz ist für alle gemeinsam, der Glaube ist Privatsache des einzelnen. Das Gesetz ist immer aus dem Buche der Genesis zu entnehmen; der Glaube hat seine feste Wurzel allein im freien eigenen Entschluß. Das Gesetz wandert von dem einen zum andern; der Glaube geht unter, wenn er einmal auch nur in einer Richtung von seinem Standpunkt abweicht. Das Gesetz kann sich nur an das Gewissen des Menschen wenden, aber nicht in dasselbe hineinsehen; der Glaube reinigt das Gewissen bis ins Mark, damit es auch nicht im Innersten noch eines Vergehens sich schuldig fühle; denn ein Mensch, der sein Gewissen nicht fürchtet, fürchtet auch Gott nicht. Und weiter: Das Gesetz wird nur in Bruchstücken gelernt und gelehrt; es wird nicht in seinem ganzen Inhalt erfaßt und nicht in seinem ganzen Inhalt im Gedächtnis behalten; es werden für dasselbe von jedermann die Beweisgründe geltend gemacht, wie sie) seiner Geistesanlage entsprechen; es wird von allen erstrebt und von keinem erfüllt. Es bringt nur den Willen Gottes zur Kenntnis, aber nicht seinen Ursprung oder sein Wesen.

Daraus ergibt sich: Wir müssen wissen, ob wir eine Abhandlung über den Glauben oder den Glauben einer Abhandlung gelten lassen wollen. Sprechen wir von einer Abhandlung über den Glauben, so gehen wir sehr in die Irre; das Wesen des Glaubens erträgt es nicht, sich der Kunst der Geschwätzigkeit (Rhetorik) zu fügen, die nur darauf ausgeht, den Glauben durch ihre eigenen Bemühungen zur Anerkennung zu bringen; was von anderer Seite einer notwendigen Ergänzung bedarf, kann nicht auf Vollkommenheit Anspruch erheben (wie es doch der Glaube tun muß). Fangen wir aber an, von dem Glauben einer Abhandlung zu sprechen, so liegt damit weder ein Glaube von uns, noch von ihr selbst, noch von dem Verfasser vor, dem sie zugeschrieben wird. Denn während die Abhandlung den Glauben aufbaut, zerstört sie ihn gerade durch die Beweisführung, mit der sie ihn aufbaut. Sie gibt auch keinem etwas, was er nicht schon hat; ja sie wird mit ihrer Untersuchung eher dahin führen, daß er es nicht hat. Zudem sehe ich, daß es viele Abhandlungen gibt — die Namen ihrer Verfasser beweisen es (wenn man sie beiseite ließe, gäbe es vielleicht gar keinen Streit) — und demnach auch viele Glauben (Glaubensformulierungen), und zwar ganz neue, die ihr Entstehen der Streitsucht und Streitlust verdanken. Und da man darunter kaum einen wahren finden kann, glaube ich, daß man sie zum Verkauf ausgestellt hat, damit sie nicht Mangel an Anhängern haben. Aber was man von all dem wählen soll, kann man nicht wissen oder begreifen: Was immer einen unsicheren Stand hat, kann nie zum festen Besitz werden. Die Wahl des einen bedeutet Ablehnung des andern; nimmt man alle zugleich an, so daß man bald mehr Glauben (Glaubensformulierungen) als Worte hat, so wird man im Gegenteil gar nichts haben; denn die Abhandlung, die solche Glaubensformulierungen hervorgerufen hat oder sie sogar täglich hervorruft, kann auch in Zukunft solche hervorrufen. Und andererseits zerstört sie dieselben wieder, wenn sie im Kampf mit Gegnern sie mit der ganzen Kraft ihrer Begabung und Beweise widerruft und widerlegt. Wenn es, was doch eine Notwendigkeit ist, nur einen Glauben gibt, jenen edlen, alten Glauben, der, wie ich erinnere, nicht durch eine Abhandlung, sondern schon in seinem Entstehen älter ist als das Gesetz; jenen Glauben, der den Besitz Gottes schon vorher durch den Glauben an Gott verdiente, der nicht erst zu glauben lernte, sondern ihn schon vorher in die Tat umgesetzt hat: 1 so sage mir doch diese unglückselige Erfindung von Abhandlungen, wozu denn ihr Kampf nützt. Sie sagt ja wohl: damit der Glaube nicht untergeht, wenn (infolge Mangels an Belehrung) schlecht geglaubt oder gelehrt wird. Aber wie verhängnisvoll solche Begründung ist, werden wir gleich sehen.

Ich frage nun: Besteht der Glaube aus dem gelehrten Wissen oder aus der Bereitwilligkeit zum Glauben oder aus beidem? Besteht er aus dem gelehrten Wissen: dann haben diejenigen keinen Glauben, die nicht lesen können, aber auch diejenigen nicht, die es können; denn auch sie vermögen keineswegs durch Begründungen ihre Kenntnis und Beobachtung des Gesetzes zur Vollendung zu bringen. Besteht aber der Glaube in der Bereitwilligkeit zum Glauben: dann bedarf er keiner Erklärung; sobald einmal dieser Glaube vorhanden ist, so ist damit schon durch die Tatsache, daß geglaubt wurde, der Glaube fertig, und er kann nicht mehr kleiner und nicht mehr größer werden. Besteht er aus beidem, so ist der Glaube der Patriarchen nur ein halber, und man muß ihnen noch Bücher mit unserer Begründung zusenden, damit sie zur Vollkommenheit gelangen können. O wie armselig ist ein Glaube, den Worte zusammenstellen! O wie gebrechlich, wenn seine Glieder täglich durch verschiedene Beweisführung auseinandergerissen werden! O wie schutzlos, wenn er alle Augenblicke des Schutzes von Königen, Richtern, Reichen und, was noch schlimmer ist, zuweilen auch von Heiden bedarf! Wie schmählich und schlüpfrig, wenn über ihn das Urteil von Außenstehenden sich lustig macht! Wie ehebrecherisch gezeugt, wenn er nicht weiß, wen er zum Vater hat! Wie lächerlich, wenn er beim Streit von zwei Christen von dem einen, wenn die Überredung nicht gelingt, Unglaube, wenn sie gelingt, Glaube genannt wird! Wie unwahrhaftig, wenn er in Parteibildungen sich auswirkt! Wie ist er öffentlicher Verachtung preisgegeben, wenn seine Geheimnisse Gegenstand des Geredes bei Nichteingeweihten sind! Wie anmaßend, wenn er mehr seiner neumodischen Überlieferung Glauben geschenkt wissen will als dem Altertum, als Gott dem Herrn selbst, der da spricht: „Ihr verwerfet das Gebot Gottes und setzet eure Überlieferung an seine Stelle!“

Ich sage das nicht, als ob ich der Wohltat, die in der gelehrten Darlegung liegt, den Dank versagt wissen möchte: ich sage es, damit jeder wisse, daß der Glaube etwas anderes ist als die Abhandlung darüber, daß der Glaube durch die Abhandlung nicht gegeben, nicht erkannt, nicht vernichtet werden kann. Er kann nicht gegeben werden: denn wenn er mit Worten gegeben wird, kann er auch mit Worten wieder genommen werden. Ebensowenig kann er erkannt werden: denn es kann vorkommen, daß jemand etwas anderes auf den Lippen trägt als im Innern seines Herzens. Und so kann er auch nicht einmal vernichtet werden: denn wenn es ein wahrer Glaube ist, kann er nichts anderes sein, als er eben ist. Und wenn es also nicht in des Menschen Macht steht, die Geheimnisse des Glaubens zu schauen, so nützt, mein Bruder, zu nichts dein Grübeln, zu nichts dein Streiten. Denn gerade der, den du von deinen eigenen Anhängern als den gläubigsten betrachtest, ist ein Ungläubiger; und derjenige, den du für einen Ungläubigen hältst, ist gläubig. Ja, vielleicht kann einer sich selbst für sehr gläubig halten, weil er gewandt zu reden weiß, während in Wirklichkeit der wahrhaft gläubig ist, der bei der heiligen Predigt seine Geistesschärfe nicht überspannt; es ist ja so weit gekommen, daß man unsern Glauben selbst mit einer Beleidigung Gottes herzustellen sucht. Daß es so kommen werde, hat schon Salomon vorausgesagt und uns auch zur Vorsicht gemahnt mit den Worten: „Besser ist ein Mensch, dem es an Weisheit mangelt, der aber Gott fürchtet, als derjenige, der überreich ist an Klugheit, aber das Gesetz übertritt.“Und wiederum „Du sollst nicht so sehr weise sein wollen und nicht mehr sinnen, als notwendig ist.“ Und ähnlich sagt Paulus: „Sei nicht hoff- artig, sondern fürchte dich!“

Wenn nun dem so ist, warum zerstörst du das Gesetz durch das Gesetz? Warum entthronst du den Glauben unter der Vorspiegelung von Glauben? Warum suchst du sogar die Quelle der Gottheit mit philosophischen Beweisen auszuschöpfen? Wenn du deine Kenntnis des Gesetzes zeigen willst, gut: helle die Dunkelheiten in den Lesungen auf! Lege dar, daß das Gesetz nicht mit sich in Widerspruch steht! Lege dar, daß alles, was es kündigt, glaubwürdig ist! Denn wenn du nur einen Teil desselben anerkennst, den andern ablehnst: wie kannst du für das Gesetz Glauben verlangen, das du doch als unglaubwürdig darstellst, indem du nicht alles glaubst? Wenn du aber den Glauben des Geistes dein eigen nennst, dann laß auch eine Kraft desselben schauen! Dann befiehl den Bergen, daß sie sich versetzen. Dann soll die Wildheit der Löwen sich legen und ihr Rachen dich bewundernd liebkosen. Unter deinen Schritten soll die schwellende Meereswoge unbeweglich wie Marmor zum festen Boden werden.  Durch die wogenden Fluten des brandenden Meeres soll ein Fisch als Nachen getreulich deinen Glauben tragen. Halte den Lauf der Sonne und des Mondes mit dem Zügel deines Gebetes zurück von dem Kerker, der sie beim Untergang aufnimmt! Das lodernde Feuer des glühenden Ofens soll seine Natur besiegt sehen und selbst durch dich und mit dir Kühlung empfinden. Rufe die Seelen der Verstorbenen wieder in die frühere Heimat des Lebens zurück und belebe sie mit deinem Hauch! Verscheuche von den Leidenden die Krankheiten, heile ihre Gebrechen! Freue dich in Anfechtungen und Martern für den Namen des Herrn! Wenn Hartes kommt, zeige, daß du einen Glauben besitzest, dem Senfkörnlein vergleichbar!7 Wenn du dich aber gar in brennendem Ehrgeiz nach weltlichem Ruhm erkühnst, unter dem Schlagwort von Gesetz und Glauben die Ewigkeit der Geburt des Sohnes und des Heiligen Geistes aus Gott, die nach dem Rechte, nach dem er aus sich selbst ist, unvergleichlich und unbegreiflich ist, mit Beweisgründen in den Kreis deiner Untersuchung zu ziehen, sie zu prüfen, abzumessen und abzugrenzen, so wage ich darauf nichts zu sagen; denn es dürfte besser sein, unwissend zu scheinen, als gottlos zu sein. Aber ich habe doch etwas, was sich für mich gegen dich erhebt: Das Gesetz selbst, durch das du mich, der ich vielleicht weniger erfahren bin, zur Sünde reizest, wendet sich mit Kraft gegen dich, widerlegt dich, besiegt dich. Denn Salomon spricht: „Trachte nicht nach dem, was zu hoch für dich ist, und suche nicht zu ergründen, was über deine Kräfte geht. Nur auf das, was dir Gott geboten, sei allezeit bedacht; dann wirst du bei vielen seiner Werke nicht vorwitzig sein. Denn viele hat ihr Dünkel schon zu Fall gebracht und in Eitelkeit ihren Sinn gefangen gehalten.“ Und ähnlich schreibt Paulus für einen Grübler: „O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unbegriffen sind seine Gerichte, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat den Gedanken des Herrn erkannt?“ Und du willst sein Wesen ergründen? Und noch an einer anderen Stelle hat er sich über das, worum sich’s handelt, klar ausgesprochen, wenn er Timotheus unterrichtet mit den Worten: „Ich habe dich gemahnt, einigen einzuschärfen, nicht eine verkehrte Lehre anzunehmen und nicht auf Fabeln und endlose Geschlechtsregister zu achten, die mehr zu Streitfragen als zur wahren Erkenntnis Gottes führen, die im Glauben besteht. Denn das Endziel des Gebotes ist die Liebe, die aus reinem Herzen, einem guten Gewissen und einfältigem Glauben kommt.“

Wenn du also ein Diener Gottes bist, so meide törichte und ungeschickte Fragen, die nur zu Streitigkeiten führen! Ein Diener Gottes darf nicht streiten; denn Streit ist der Feind der Liebe und des Glaubens. Und wer diese beiden verliert, kann weder Göttliches noch Menschliches erkennen. Das beachte, wenn du Religion besitzest! Das bewahre, wenn du wahrhaft gottesfürchtig bist! Vermeide es, über das zu disputieren, was die Grenze menschlichen Erkennens überschreitet! In gewissem Sinn leugnet Gott, wer ihn beweist; denn eine Verteidigung läßt man nur einem Schwachen zuteil werden; und der kann Gott nicht mehr Ehrfurcht entgegenbringen, der da meint, es sei seiner Begabung zu verdanken, daß Gott anerkannt wird. Im übrigen: Das ist die wahre Größe des Glaubens, daß der Mensch Gott treu dient; daß er auf ihn allein sein Vertrauen setzt; daß er erkennt, daß er seine Bezeichnung Fidelis (der Gläubige) von Fidelitas (Glaubenswilligkeit) und Fiducia (gläubiges Vertrauen) trägt; daß er ein schuldloses Leben führt; daß er nur mit einem guten Gewissen, aber nicht mit Geschwätzigkeit, die in Wirklichkeit die Mutter von Sünde ist, Gott zu erkennen wagt; daß er die eine Fülle der Macht der Dreifaltigkeit, die als einem im Geist, als eine im Glauben erfaßt wird, nicht verletzt, sondern verehrt.

Traktat II. Hoffnung, Glaube und Liebe.

Hoffnung, Glaube und Liebe bilden die Grundlagen der christlichen Vollkommenheit. Zunächst erweist sich die Hoffnung als eine treibende Kraft im Leben jedes Menschen und auch jedes Christen (Kap. 1). Aber die Hoffnung wurzelt im Glauben. Ihre Bedeutung ist eine große. Doch immer steht sie, wie schon das Beispiel Abrahams ergibt, im Zusammenhang mit dem Glauben (Kap. 2). Ureigenster Besitz des Menschen ist der Glaube. Zahlreiche Beispiele aus dem Alten und Neuen Testament berichten von seiner Wirksamkeit (Kap. 3). Die Königin aller Tugenden ist die Liebe. Ohne sie verlieren Glaube und Hoffnung ihren Wert. Sie hat ihnen gegenüber Vorzüge, und ihre Wirksamkeit erstreckt sich auf alles (Kap. 4). Selbst die Welt des Tierreiches und der Elemente kennt ein Gesetz der Liebe. Nach dem Worte des Herrn ist sie das größte Gebot und steht auch über dem Gesetz (Kap. 5). Die Liebe überragt die Hoffnung und den Glauben und alle Tugenden, wie der Fall des Judas, die Häresien und auch Paulus erkennen lassen (Kap, 6). Daraus ergibt sich die Pflicht der Liebe Gottes und des Nächsten (Kap. 7). Doch ist diese Liebe nicht zu verwechseln mit der irdischen sinnlichen Liebe, deren Folgen sehr unheilvoll sind und die deshalb von den Weisen der Welt wie von der Heiligen Schrift abgelehnt wird (Kap. 8). Die wahre Liebe gehört Gott und stammt von Gott. Sie veranlaßte ihn zur Schöpfung und Erlösung, wirkt sich im ganzen Leben aus und kann selbst Gott genannt werden.

Drei Dinge bilden die Grundlagen christlicher Vollkommenheit: Hoffnung, Glaube und Liebe. Und sie erscheinen so innig miteinander verbunden, daß das eine das andere nicht entbehren kann. Was will die Arbeit des Glaubens, wenn ihr nicht die Hoffnung vorschwebt? Und wenn nicht der Glaube vorhanden ist, wie soll die Hoffnung selbst erstehen? Und beide hören auf, wenn man ihnen die Liebe nimmt. Denn es kann der Glaube nicht ohne die Liebe und die Hoffnung nicht ohne den Glauben ihre Wirksamkeit entfalten. Wenn demnach ein Christ vollkommen sein will, muß er auf diese drei Dinge eingestellt sein. Fehlt ihm auch nur eines, mangelt seinem Tun die Vollendung. Vor allem müssen wir uns nun die Hoffnung auf die zukünftigen Dinge1 vor Augen halten; denn wir sehen klar, daß ohne sie selbst die gegenwärtigen keinen Bestand haben. Ja, nimm die Hoffnung weg, so kommt die ganze Menschheit in einen Zustand der Erstarrung, Nimm die Hoffnung weg, so hört alle Kunst und Wissenschaft auf. Nimm die Hoffnung weg, so ist alles weg. Was tut denn auch noch ein Knabe bei einem Lehrer, wenn er nicht eine Frucht seines Wissens erhofft? Wozu vertraut der Schiffer sein Fahrzeug der Tiefe des Meeres an, wenn ihm niemals ein Gewinn, niemals der von ihm ersehnte Hafen winkt? Warum achtet der Soldat, ich sage nicht die Strapazen des eisigen Winters oder des glühenden Sommers, nein, sein eigenes Leben nicht, wenn er nicht die Hoffnung auf zukünftigen Ruhm in sich trägt? Wozu streut der Landmann noch den Samen aus, wenn er nicht als Ertrag seines Fleißes eine Ernte erwartet? Wozu glaubt der Christ noch an Christus, wenn er nicht zugleich glaubt, daß dereinst die Zeit der ewigen Seligkeit kommen wird, die ihm von Christus verheißen ward?

Aber die Hoffnung geht aus dem Glauben hervor; und wenn sie sich auf die Zukunft richtet, so ist sie doch mit Recht vom Glauben abhängig. Wo kein Glaube ist, ist auch keine Hoffnung, Der Glaube bildet den Grund der Hoffnung, die Hoffnung den Ruhm des Glaubens, Denn den Lohn, den die Hoffnung in Aussicht hat, verdient der Glaube, Und dieser kämpft zwar für die Hoffnung, aber der von ihm errungene Sieg ist sein Sieg. Wir müssen nun, meine Brüder, uns fest an die Hoffnung klammern und sie bewahren mit aller Kraft, Ihr muß unser tapferes Bemühen gelten. Denn sie ist unseres Lebens unerschütterlicher Grund, ein unüberwindliches Bollwerk und Geschoß zugleich gegen des Teufels Angriffe, ein undurchdringlicher Panzer für unsere Seele, eine kurze Zusammenfassung wahrer Gesetzeskenntnis, der Schrecken der bösen Geister (Dämonen), die Kraft der Märtyrer, die Schönheit der Kirche, ja ihre Schutzmauer, die Dienerin Gottes (des Vaters), die Freundin Christi, die Genossin des Heiligen Geistes, Die Dinge der Gegenwart und der Zukunft sind ihr untertänig; die einen, weil sie dieselben verachtet, die andern, weil sie dieselben schon im voraus als ihr eigen betrachtet. Und sie braucht nicht zu fürchten, daß sie nicht eintreten könnten: sie trägt ja dieselben in den ihr eigenen Kräften in sich. Das liegt darin ausgesprochen, daß „Abraham gegen die Hoffnung an die Hoffnung (Gott) geglaubt hat, daß er der Vater vieler Völker werden würde“. Gegen die Hoffnung ist das, was unmöglich ist und als unmöglich erscheint; aber es wird möglich eben durch die Hoffnung, wenn dem Worte Gottes unbedenklich und zuversichtlich Glauben geschenkt wird; denn so spricht der Herr: „Alles ist demjenigen möglich, der glaubt.“ So „hat denn Abraham Gott geglaubt, und es wurde ihm angerechnet zur Gerechtigkeit.“ Er war deshalb gerecht, weil er gläubig war; „denn der Gerechte lebt aus dem Glauben.“ Er war deshalb gläubig, weil er Gott glaubte, Hätte er nicht geglaubt, so hätte er weder gerecht noch Vater der Völker werden können. Es ist also klar, daß das Wesen von Hoffnung und Glaube eines und unlöslich verbunden ist; und wenn beim Menschen irgendein Stück von den beiden Dingen mangelt, ersterben beide.

3. Der Glaube ist nun am meisten unser ureigenster Besitz, Denn so spricht der Herr: „Dein Glaube hat dich gesund gemacht.“ Und wenn er unser Besitz ist, so müssen wir ihn als solchen bewahren, um so auf Grund Rechtens anderes, was noch nicht unser ist, erhoffen zu können. Es wird ja niemand einem Verschwender sein Vermögen anvertrauen, niemand einem Fahnenflüchtigen die Ehre des Triumphes zuteil werden lassen, besonders da geschrieben steht: „Wer hat, dem wird im Überfluß gegeben werden; wer aber nicht hat, dem wird auch das, was er hat, genommen werden.“ Der Glaube war es, Brüder, durch den Henoch es verdiente, daß er gegen das Naturgesetz mit seinem Leib entrückt ward. Der Glaube war es, durch den Noe gerettet ward und niemand mehr am Leben traf, mit dem er über das Ereignis der Sintflut hatte sprechen können. Der Glaube war es, durch den Abraham zur Freundschaft Gottes kam. Der Glaube war es, durch den Isaak unter allen andern hervortrat. Der Glaube war es, durch den Jakob im Kampf mit Gott zu obsiegen vermochte. Der Glaube war es, durch den Joseph Ägypten sich untertänig machte,  Der Glaube war es, der für Moses im Roten Meer ein festes Land wie Glas schuf.  Der Glaube war es, der, um dem Wunsche von Jesus Nave Gewährung zu schenken, Sonne und Mond mit Außerachtlassung des Maßes ihres regelmäßigen Laufes seine Zügel anlegte. Der Glaube war es, der dem waffenlosen David über den bewaffneten Goliath den Siegestriumph verschafft hat. Der Glaube war es, der Job inmitten seiner zahlreichen und ungeheuren Leiden nicht der Verzweiflung anheimfallen ließ. Der Glaube war es, der für den blinden Tobias zum Arzte wurde. Der Glaube war es, der vor Daniel den Rachen der Löwen zuband. Der Glaube war es, der für Jonas den Walfisch zum Kahne wandelte. Der Glaube war es, der allein dem Heer der makkabäischen Brüder den Sieg errang. Der Glaube war es, der den drei Jünglingen die Feuerflammen zur angenehmen Kühlung brachte. Der Glaube war es, der Petrus die Kühnheit einflößte, mit dem Fuß auf dem Meere zu wandern. Der Glaube war es, durch den die Apostel viele von den ansteckenden und grindigen Beulen der fressenden Geschwüre des entstellenden Aussatzes befreiten und ihnen die reine Haut wiedergaben. Der Glaube war es, sage ich, durch den sie den Blinden zu sehen, den Tauben zu hören, den Stummen zu reden, den Lahmen zu gehen, den Gichtbrüchigen den Gebrauch ihrer Glieder wieder aufzunehmen, den Dämonen aus den Besessenen auszufahren, ja selbst den Toten aus ihren Gräbern mitsamt den Leichenzugteilnehmern zurückzukehren geboten, so daß alle sich wunderten, wie die Tränen, die ob der Verwaisung geweint waren, zu Tränen der Freude wurden»

Aber, Brüder, es würde zu weit führen, sich in Einzelheiten einzulassen. Das um so mehr, als die Liebe ihre stärkeren Rechte geltend macht, sie, die alle Vorzüge in so hohem Maße ihr eigen nennt, daß sie schon von Rechts wegen die Königin von allen ist. Der Glaube mag mit Kräften Triumphe feiern, wie er will, und die Hoffnung mag vieles und Großes in Aussicht stellen: ohne die Liebe haben beide keinen Bestand; der Glaube vor allem nicht, wenn er nicht sich selbst liebt, und die Hoffnung nicht, wenn sie nicht geliebt wird. Und weiter: Der Glaube nützt nur sich selbst; die Liebe nützt allen. Weiter: der Glaube kämpft nicht umsonst; die Liebe ist gewohnt, auch ohne auf Dank zu rechnen, ihre Gaben auszuteilen. Weiter: Der Glaube geht nicht auf einen andern über; die Liebe geht nicht nur auf einen andern über — das ist zu wenig gesagt —, sie geht auf das ganze Volk über. Und weiter: Der Glaube ist nur wenigen eigen, Liebe aber allen. Und weiter: Hoffnung und Glaube sind auf eine gewisse Zeit beschränkt; die Liebe hat kein Ende, sie wächst jeden Augenblick; und je mehr die Liebenden einander Liebe erweisen, desto größer wird ihre gegenseitige Liebesschuld. Sie liebt auch niemanden aus Rücksicht auf ihre eigene Persönlichkeit; denn sie versteht es nicht, zu schmeicheln. Sie liebt nicht um der Ehre willen; denn sie ist nicht ehrgeizig. Sie liebt nicht um des Geschlechtes willen; für sie sind beide Geschlechter nur eines. Sie liebt nicht nur eine Zeitlang; denn sie ist nicht wankelmütig. Sie ist nicht eifersüchtig; denn sie weiß nicht, was Neid ist. Sie wird nicht aufgeblasen; denn sie hegt die Demut. Sie denkt nichts Arges; denn sie ist einfältig. Sie zürnt nicht; denn sie erträgt auch gern das Unrecht. Sie täuscht nicht; denn sie hält getreu ihr gegebenes Wort. Sie verlangt nichts; denn sie hat nichts notwendig als ihr Sein, Die Liebe ist es, die das flache Land, die Städte und Völker bis zur Stunde in Ruhe und Frieden erhält. Die Liebe ist es, die in der Umgebung der Könige die Schwerter für sie gefahrlos macht. Die Liebe ist es, die Kriege unterdrückt, Streitigkeiten aus der Welt schafft, Rechte auf ihre Ansprüche verzichten läßt, Gerichsthöfe milde stimmt, den Haß ausrottet, den Zorn erstickt. Die Liebe ist es, die das Meer durchschifft, den Erdkreis umwandert, durch den Handel den Nationen das Notwendige vermittelt. Und, Brüder, ein kurzes Wort über ihre Macht! Alles, was die Natur einem Ort versagt hat, übermittelt ihm die Liebe» Sie ist es, die als eheliche Liebe zwei Menschen durch das ehrwürdige Sakrament vereinigt zu einem Fleisch. Sie ist es, die der Menschheit durch die Geburt das Sein ermöglicht. Ihr ist es zu danken, daß die Gattin teuer ist, die Kinder gut geartet, die Väter wahre Väter sind. Ihr ist es zu danken, daß andere uns wie wir uns selbst, ja noch mehr als wir uns selbst, nahestehen, ja unsere Freunde sind. Ihr ist es zu danken, daß wir unsere Sklaven wie Kinder lieben und umgekehrt sie uns gern als ihre Herren verehren. Ihr ist es zu danken, daß wir nicht nur Bekannten oder Freunden, sondern oftmals auch solchen, die wir niemals gesehen, Liebe erweisen. Ihr ist es zu danken, daß wir auch von den Alten noch Tugenden aus Büchern oder Bücher über ihre Tugenden kennen.

Aber warum soll ich länger bei Verhältnissen von Menschen weilen, als ob nur sie die Empfindung der Liebe besäßen? Sehen wir nicht, daß jede Art von Lebewesen durch Zusammenschluß, durch Vereinigung das Vorhandensein von Liebe zum Ausdruck bringt, und daß alle ihre Betätigungen sich gleichsam in einer Sinnesrichtung unter der Leitung der Liebe vollziehen, so daß jeder einsieht, daß das nicht möglich ist ohne eine Einrichtung einer schon in der Natur liegenden Freundschaft? Wie sie für sich selbst in Bedrängnissen gegenseitig einstehen, zeigen die fast täglich vorkommenden Beispiele des so ergötzlichen Kampfes der Schweine, die ja allen bekannt sind. Wenn eines von ihnen einmal zufällig von einem frechen, grimmigen Wolf entdeckt wird und ihm in den Angriffen dieses Tyrannen Gefahr droht, rennen alle augenblicklich zusammen und kommen dem Bedrängten zu Hilfe; oftmals setzen sie sich beinahe den Waffen des Feindes geradezu um die Wette aus; durch ein furchtbares Gegrunze bringen sie ihn außer Fassung; sie lassen ihre schwärzlichen Hauer hervortreten und leisten mit ihnen wie mit einer Art Schild Widerstand; und so gelangen sie verhältnismäßig durch Liebe leicht zum Siege, wo sie ihn einzeln durch ihre Stärke allein kaum zu erringen vermöchten. Und sogar die Elemente, Brüder, die ganz verschiedenartig sind und sich ganz widerstreiten, wären längst dem Untergang verfallen, wenn sie nicht sich gegenseitig ausgleichende Eigenschaften mäßigender Art besäßen und sie so eine wohlwollende Liebe in treulicher Fortführung eines immerwährenden Ehebündnisses verbunden hielte. Es gibt tatsächlich nichts, was ohne Liebe angenehm, ohne sie friedlich, ohne sie treu, ohne sie sicher, ohne sie rühmlich, ohne sie gottverbunden, ohne sie vollkommen sein könnte.

Und schließlich hat der Herr selbst auf die Frage, welches das höchste Gebot des heiligen Gesetzes sei, es ausgesprochen: ,,Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen, aus deiner ganzen Seele und aus deiner ganzen Kraft. Und ein zweites ist diesem gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. An diesen zwei Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Damit ist es klar, daß die Liebe das Wesen aller göttlichen Tugenden ausmacht, ihre von der Natur gegebene Lehrmeisterin ist. Sie wird zwar aus dem Gesetz erlernt, aber in das Dasein muß sie treten im Herzen der Menschen. Das Gesetz hängt von der Liebe, nicht aber die Liebe vom Gesetz ab; denn so sagt die Heilige Schrift: „Für den Gerechten ist das Gesetz nicht gegeben, sondern für den Sünder.“ Sünder ist ein Mensch, der die Liebe Gottes nicht hat; und so untersteht er dem Gesetz, das den Zorn wirkt. Vielleicht könnte jemand sagen: Demnach ist das Gesetz zu verachten; es ist dem Gerechten nicht notwendig, dem Sünder ist es eine Last. Doch nein, Brüder! Das Gesetz ist im Gegenteil hoch zu verehren: es ist der Spiegel der Wahrheit, es ist sozusagen die starre Form der Liebe; es legt das, was es vom Gerechten gelernt hat, auch dem Ungerechten zur Befolgung nahe; es ist für beide Seiten herrlich: dem einen dient’s zum Ruhm, dem andern zur Besserung.

Es steht also fest, daß das Wesen des Christentums mehr in der Liebe als in der Hoffnung und dem Glauben begründet liegt. Ein Beispiel bezeugt das ganz klar. Judas Iskariot, der Verräter des Herrn, verlor Hoffnung und Glaube, weil die Liebe nicht in ihm blieb. So gibt es auch da und dort Veranlassung zu Häresien und Schismen, wenn Glaube und Hoffnung aufgeblasen sich losreißen von dem Grund der Liebe. Was aber nicht nur diese beiden, sondern auch alle anderen Tugenden ohne die Liebe sind, mögt ihr erkennen aus dem Hinweis des Paulus: „Und wenn ich vollen Glauben hätte, so daß ich Berge versetzen könnte, hätte aber die Liebe nicht, so bin ich nichts. Und wenn ich meine ganze Habe zur Speisung der Armen verteilte, und wenn ich meinen Leib hingäbe, damit ich verbrannt werde, hätte aber die Liebe nicht, so habe ich keinen Nutzen davon.“ Denn die Liebe, Brüder, liebt alles, „glaubt alles, hofft alles, duldet alles. Die Liebe höret niemals auf zu bestehen.“ Nicht mit Unrecht legt deshalb Gott der Herr die Liebe des Nächsten nahe; er setzt voraus, daß sie allein halten kann, was er gebietet.

Erste Pflicht der Liebe ist es nun, es dankbar auf Gott zurückzuführen, daß wir geboren sind; es anzuerkennen, daß wir ihm allein es danken, daß wir am Leben sind; schlechthin nichts mehr im Innersten unseres Herzens zu belassen, was wir auf Grund eines anderen Rechts als des seinigen bestehen lassen möchten. Erst dann, Brüder, wenn Gott auf unsere aus solcher Ehrfurcht heraus ergangene Einladung in uns Wohnung zu nehmen beginnt, oder wir in ihm (Johannes sagt ja: „Gott ist die Liebe; wer in der Liebe bleibt, der bleibt in Gott und Gott in ihm“)— erst dann, Brüder, erwidern wir die Liebe, die er uns erzeigt, in gebührender Weise, weil durch einen Tausch das, was sein ist, auf uns übergeht. Als zweite Pflicht ergibt sich die, daß wir auch den Nächsten in demselben Grade lieben wie uns selbst. Um so mehr, da solches auch die Rechte der gegenseitigen Verwandtschaft fordern. Denn der Prophet sagt: „Ein Gott hat euch geschaffen. Ist er nicht der Vater von euch allen?“ Wer also noch das Bewußtsein seiner hohen Abkunft in sich trägt, liebt seinen Bruder; und er erwartet nicht erst eine Mahnung von Seiten des Gesetzes, daß diese Liebe nicht irgendwie verletzt werden darf; ja er liebt sich in dem Bruder so sehr, daß er sich ohne ihn haßt. Es kommt noch etwas Besonderes hinzu: Gott hat den Menschen nach seinem Bild und Gleichnis geschaffen, damit wir in der Betrachtung des Abbildes Ehrfurcht vor dem wahren Urbild empfinden. Und das geht so weit, daß alles, was wir an Gutem oder Bösem irgendeinem Menschen tun, als Gott selbst getan gilt. Nicht mit Unrecht sagt Johannes, der ganz besonders die Geheimnisse des Herrn zu deuten weiß: „Wenn einer sagt, ich liebe Gott, und hasset seinen Bruder, so ist er ein Lügner. Denn wie kann derjenige, der seinen Bruder nicht liebt, den er doch sieht, Gott lieben, den er nicht sieht?“ Kämpfen wir deshalb, Brüder, miteinander in edlem Wettstreit gegenseitiger Liebe! Bringen wir in der würdigen Verehrung des Abbildes Gottes zum Ausdruck, was wir dem Urbild selbst schulden. Wir wissen ja, daß derjenige, der das Abbild verletzt, damit das Urbild selbst trifft und dadurch seine Seele ins Verderben stürzt. Ein Beweis für das Gesagte liegt nahe. Wird nicht jemand, der das Bild eines berühmten Königs (der aber doch immerhin nur ein Mensch ist) aus irgendeinem Grunde verletzt, sofort wegen des Verbrechens des Sakrilegs mit dem Tode bestraft? Um wieviel mehr ist stärkste Vorsicht in der Sache Gottes geboten, Gottes, vor dem allein die Kräfte der Natur sich beugen, die sogar für den König Gegenstand der Furcht sind!

Aber es ergibt sich die Notwendigkeit, daß jeder die Eigenart der echten Liebe kennt, damit nicht unter dem Klang ihres Namens die Regel der Wahrheit bloßgestellt wird. Es gibt nämlich auch eine andere Liebe, die unserem Heil völlig entgegensteht. Man stellt sie ganz passend in der Gestalt eines Menschen dar; denn sie erweist sich als der Zeit und der Vergänglichkeit unterworfen. Sie wird in der Malerei in der Gestalt eines Knaben abgebildet, weil ihre verführerische Schlüpfrigkeit auch in den Jahren des Greisenalters nicht zur Beherrschung kommt. Sie erscheint nackt, weil ihr Wollen Schamlosigkeit ist. Sie erscheint mit Flügeln versehen, weil sie schnellstens auf alles sich stürzt, was sie in ihrer Lust erfaßt. Sie erscheint mit Pfeilen und Fackeln, weil ihre Waffe immer mit unerlaubten, glühenden Begierden gespickt ist. Sie erscheint blind, weil sie, einmal entflammt, nicht auf Alter, nicht auf Geschlecht, nicht auf Gestalt, nicht auf Stand, nicht einmal auf das hochheilige Gefühl der Verwandtenliebe Rücksicht nimmt. Sie war es, die mit ihren Fackeln das Herz der Eva in Flammen setzte. Sie war es, die mit ihren Pfeilen Adam tötete. Sie war es, die den Versuch machte, Susanna entweder der unheilvollen glühenden Leidenschaft der beiden Ältesten gefügig zu machen oder sie der Enthauptung durch das Schwert des Gatten auszuliefern. Sie war es, die Joseph reizte, der Frau Gewalt anzutun; sie fand ihn freilich, auch als sie ihn des Mantels beraubte, nicht zur Unzucht bereit. Sie war es, die die Synagoge zu Fall brachte, als sie ihr die Waffen lieh. Sie ist es, die überall Unruhen stiftet, überall ihr wahnsinniges Wesen treibt. Sie verspricht und hält es nicht; sie gibt und nimmt wieder; sie ist bald traurig, bald fröhlich, bald demütig, bald stolz, bald trunken, bald nüchtern, bald Anklägerin, bald Beklagte. Sie scherzt, sie spielt, sie wird blaß, sie magert ab, sie seufzt, sie ereifert sich, sie gibt nach. Sie greift an oder sie berückt, und es ist schlimmer, wenn sie schmeichelt, als wenn sie rast. Eine Gelegenheit, Schaden zuzufügen, läßt sie auf keinen Fall vorübergehen. Wollt ihr wissen, was für ein Übel sie bedeutet? Sie haßt sich selbst in ihrer eigenen Frucht. Täglich schäumt die ganze Welt auf von dem von ihr verspritzten Gift. Durch ihre unheilvollen Genüsse ist alles so in Verderbnis geraten, daß sie mit Recht den Weisen als verfluchenswert erscheint. Und durch das Wort der Heiligen Schrift wird geboten, daß all das, was in ihrem Bereich sich abspielt, nicht Gegenstand unserer Liebe sein darf; denn Johannes spricht: „Liebet nicht die Welt und nicht das, was in der Welt ist! Wenn einer die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm. Denn alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit des Fleisches und Begierlichkeit der Augen und Hoffart der Welt, die nicht von dem Vater, sondern von der Begierlichkeit der Welt stammt.“ Und weil durch sie der Teufel auf die verschiedenste Weise das Herz der Menschen packt (capit) und betrügt (deeipit), so wurde sie allmählich von ihren der Lust ergebenen Verehrern Cupido genannt.

Wir müssen nun sehen, woher die wahre Liebe kommt, wo sie weilt, wem sie hauptsächlich gilt. Vornehmlich demjenigen, der den Menschen geschaffen hat; der ihm als Geschenk seiner ewigen Liebe sein eigenes Bild verlieh; der ihm den Erdkreis einräumte; der alle Elemente der Welt mitsamt den Lebewesen seiner Herrschaft unterstellte; der die Jahre, die Jahreszeiten, die Monate, die Nächte, die Tage, die zwei helleuchtenden Wagen der königlichen Kreise mit ihrem wohltätigen und angenehmen Wechsel in seinen Dienst gestellt; der ihn, als er durch das unglückselig süße Gift der vorher geschilderten Liebe dem Tode und dem Sitz der Unterwelt verfallen war, durch das Sakrament seiner Majestät wieder ins Leben rief und noch dazu reich machte durch die Anteilnahme am himmlischen Reich 10 Liebe, wie gütig bist du! Wie reich! Wie mächtig! Nichts hat, wer dich nicht hat! Du vermochtest Gott in einen Menschen zu wandeln. Du bestimmtest ihn, sich zu erniedrigen und eine Zeitlang fern von seiner unermeßlichen Majestät zu pilgern. Du hast ihn neun Monate in den Kerker des jungfräulichen Schoßes eingeschlossen. Du hast Eva in Maria wiederhergestellt. Du hast Adam in Christus erneuert. Du hast das heilige Kreuz für die Welt, die bereits verloren war, in Bereitschaft gebracht. Du hast den Tod seiner Macht beraubt, indem du Gott sterben lehrtest. Dein Werk ist es, daß, trotzdem Gott, der Sohn des allmächtigen Gottes, von den Menschen getötet wird, keiner von beiden ihnen zürnt. Du erhältst dem für den Himmel bestimmten Volk das Leben, wenn du Frieden gewährest, den Glauben behütest, die Unschuld schützest, die Wahrheit förderst, die Geduld liebst, die Hoffnung vor Augen hältst. Du schaffst aus Menschen, die in ihrem Charakter, ihrem Lebensalter, ihrem Untertanenverhältnis verschieden sind, nur die eine Natur ihr eigen nennen, auch einen Geist, einen Leib. Du duldest es nicht, daß die glorreichen Märtyrer sich von dem Bekenntnis des christlichen Namens abbringen lassen, nicht durch Folterqualen, nicht durch neue Todesarten, nicht durch Belohnungen, nicht durch freundschaftliche Beziehungen, nicht durch Gefühle kindlicher Liebe, die in ihrem beißenden Schmerz noch schlimmer sind als jeder Folterknecht. Du gibst dich zufrieden, nackt zu sein, um Nackte bekleiden zu können. Für dich wird der Hunger zur Sättigung, wenn dein Brot ein hungriger Armer ißt. Deine Vermögensanlage besteht darin, daß das, was du hast, ganz der Barmherzigkeit gehört. Du allein weißt nicht, was es heißt, sich bitten zu lassen. Du reichst den Unterdrückten oder in irgendeiner Not sich Befindlichen, auch mit Opfern für dich selbst, die rettende Hand. Du bist das Auge der Blinden. Du bist der Fuß der Lahmen. Du bist der verlässigste Schild der Witwen. Du vertrittst an Waisen die Stelle der Eltern, besser als diese selbst. Deine Augen werden niemals trocken, weil entweder Barmherzigkeit oder Freude es nicht zulassen. Du liebst auch deine Feinde in einer Art, daß niemand unterscheiden kann, was für dich noch für ein Unterschied besteht zwischen ihnen und deinen Freunden. Du verbindest himmlische Geheimnisse mit menschlichen Dingen, menschliche Geheimnisse mit himmlischen Dingen. Du bewahrst das Göttliche. Du herrschest im Vater. Du gehorchest im Sohn. Du freust dich im Heiligen Geiste. Du bist in den drei Personen eine und kannst unmöglich getrennt werden; die Verleumdung menschlicher Klügelei berührt dich nicht. Von der Quelle des Vaters ausgehend, bist du ganz im Sohne ausgegossen. Und obwohl du ausgegossen bist, bist du doch vom Vater nicht gewichen. Mit Recht wirst du Gott genannt, weil du allein die Macht der Dreifaltigkeit lenkst.

Traktat III. Die Gerechtigkeit.

Der Traktat stellt unter starker Verwertung von Ausführungen des Laktantius dem Begriff der Gerechtigkeit, wie er in der Welt üblich ist, den Begriff christlicher Gerechtigkeit gegenüber.

Die heidnische Philosophie und ihre Anhänger unterscheiden eine bürgerliche und eine natürliche Gerechtigkeit. Aber in Wirklichkeit nennen sie keine Gerechtigkeit ihr eigen. Die Gerechtigkeit Gottes ist in ihren Augen Torheit. Ihre eigene Gerechtigkeit bezeichnen sie als Weisheit, aber sie ist bei näherem Zusehen Ungerechtigkeit (Kap. 1). Das ist eine Namensverwechslung. Ihre Ungerechtigkeit ist vielmehr Torheit, die wahre Gerechtigkeit Weisheit zu nennen. Nach der Heiligen Schrift soll sich der Weise nicht seiner Weisheit, der Starke nicht seiner Stärke, der Reiche nicht seines Reichtums rühmen. Diese drei: Weisheit, Stärke, Habsucht sind die Grundlage aller Laster und alles Übels auf der Welt (Kap. 2). Die Weisheit dieser Welt ist nicht Gerechtigkeit und nicht Weisheit (Kap. 3). Die wahre Gerechtigkeit ist die Quelle aller Tugenden. Sie fühlt sich nur Gott verantwortlich, hat das Wohl des Nächsten im Auge und äußert sich in Werken der Nächstenliebe (Kap. 4). Auch Christen huldigen der weltlichen Gerechtigkeit, wenn sie den Grundsatz vertreten, zwar nicht fremdes Eigentum zu rauben, aber das eigene zu bewahren. Dieser Grundsatz führt zur Habsucht, die in Wucher und Teilnahmslosigkeit für fremde Not sich äußert (Kap. 5). Der Grundsatz wurzelt in einem falschen Begriff von Eigentum, das Gott gehört und zur Verwendung für den Nächsten zu dienen hat (Kap. 6). Entschuldigungen wie die Sorge für die Kinder haben nach den Worten der Schrift keine Berechtigung (Kap. 7).

Vielleicht möchte einer von meinen gelehrten Zuhörern laut lachen, wenn ich, ein Mann so ganz ungelehrt und unberedt, etwas über Gerechtigkeit zu sprechen wage, ein Gebiet, über dessen Eigenart durch Begabung und Gelehrsamkeit hervorragende Männer in dicken Bänden nichts Sicheres herauszustellen vermochten. Aber ich möchte mich nicht darum kümmern, wie sich jemand über mich lustig macht. In der Kirche Gottes erwartet man nicht geschminkte Rede, sondern reine Wahrheit. Und von der Wahrheit sind diejenigen nicht ohne ihre Schuld abgekommen, die da glaubten, die Gerechtigkeit Gottes bestehe in den Künsten der Beredsamkeit, Und weil sie dieselbe in ihrem Wesen nicht zu fassen vermochten (sie konnten das nicht ohne die Lehre der göttlichen Weisheit, und von ihr hatten sie keine Kenntnis), erklärten sie, daß es zweierlei Arten von Gerechtigkeit gebe, die bürgerliche und die natürliche; auf diesebeiden Arten spielte der Apostel ganz klar an, wenn er an die Römer schrieb: „Da sie die Gerechtigkeit Gottes nicht kennen und ihre eigene aufstellen wollen, unterwerfen sie sich der Gerechtigkeit Gottes nicht.“ Aber da sie von einem zukünftigen Leben nichts halten, nur das im Auge haben, was für das gegenwärtige Leben frommt, und so gegenüber der wahren Gerechtigkeit ihre falsche als die wahre vertreten, haben sie beide Formen der Gerechtigkeit, die sie schon in Händen hatten, sehenden Auges verloren: sie verlieren die Gerechtigkeit Gottes; denn sie halten dieselbe für eine Torheit, weil sie mit aller Kraft darauf hinarbeitet, mehr dem Nebenmenschen zu nützen als sich selbst, nicht nur mit dem Opfer des eigenen Vermögens, sondern, wenn es sein muß, sogar des eigenen Lebens; und sie verlieren ihre eigene Gerechtigkeit; denn auch der größte Tor kann nicht leugnen, daß diese Gerechtigkeit, wenn sie sich auch fälschlich mit dem Namen Weisheit deckt, in Wirklichkeit Ungerechtigkeit ist, weil sie nur auf den eigenen Vorteil bedacht ist, was sich ohne Schädigung von andern schlechthin nicht durchführen läßt.

Übrigens: hätten diese Männer die Möglichkeit gehabt, die wahre Gerechtigkeit kennenzulernen, deren Lohn Unsterblichkeit ist und die nur deshalb mit dem Schleier angeblicher Torheit verhüllt ist, damit sie als eine große Sache mit großen Kräften und großen Anstrengungen erstrebt wird — sie würden unbedenklich lieber als gerechte Toren gelten wollen denn als ungerechte Weise. Um so mehr, da ja ihre Täuschung offen zutage liegt. Es war ihnen ja nicht möglich, die Sache zu verdrehen, sondern nur die Namen, wenn sie die Gerechtigkeit mit der Bezeichnung Torheit, die Ungerechtigkeit mit der Bezeichnung Weisheit zu Unrecht bedachten. Führt man diese Bezeichnungen wieder auf ihre eigentliche Bedeutung zurück und verwendet sie wieder im ursprünglichen Sinn, so findet man, daß vielmehr für die Ungerechtigkeit die Bezeichnung Torheit und für die Gerechtigkeit das Wort Weisheit paßt. Ich will das auch allezeit durch Aussprüche des heiligen Gesetzes beweisen. Es sagt einmal: „Weil die Welt in ihrer Weisheit die Weisheit Gottes nicht erkannt hat, hielt Gott es für das beste, durch die Predigt der Torheit diejenigen selig zu machen, die da glauben.“ Und klarer noch ein andermal: „Wenn einer unter euch sich weise dünkt in dieser Welt, so werde er ein Tor, damit er weise werde. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit bei Gott.“ Und deshalb hat derselbe Gott sich durch den Propheten dahin ausgesprochen; „Es rühme sich kein Weiser ob seiner Weisheit, kein Starker ob seiner Stärke, kein Reicher ob seines Reichtums; wer sich rühmt, soll sich darob rühmen, daß er erkennt und weiß, daß ich der Herr bin, der Barmherzigkeit und Recht und Gerechtigkeit übt auf der Erde.“ Mit wie wenig Worten hat er damit erschöpfend dieses ganze angestrengte Treiben der Welt gezeichnet! Denn es sind diese drei Dinge, die die Grundlage aller Laster sind, durch die die Menschheit wie durch heftige Stürme schiffbrüchig wird und jeden Augenblick in die Gefahr des Untergangs gerät. Die Weisheit nimmt die Backen voll mit einer Fülle von Beweisgründen, weiß ihre Lüge überzeugend und berückend in den Schmuck glänzender Rede zu kleiden, rüstet ihre Stimme mit Posaunenklang und ihre Zunge mit Schwertesschärfe und unterstellt so alle Streitfragen ihrer Entscheidung, sammelt die Massen um sich und hält vor ihnen Reden. Ihre Entscheidung in Streitigkeiten ist so, daß sie Keim zu neuen legt. Sie verursacht Verderbnis und Schlüpfrigkeit der Sitten. Sie ficht mit ihren Gesetzen ihre eigenen Gesetze an. Sie untergräbt das Recht durch Recht, Gibt es jemand, der nicht sieht, daß all ihr Tun niemals recht ist oder recht gewesen ist? Wollt ihr wissen, wie gerecht sie ist? Sie fühlt sich unglücklich, wenn sie nicht die Wahrheit in ihr Gegenteil verwandeln kann. Weiter: Die Stärke, die der Mensch mit wilden Tieren teilt, findet alles Recht in der Gewalt. Was sie mit Gewalt durchzusetzen vermag, gilt ihr als Recht. Ohne jede Achtung vor dem, was bei Gott und Menschen Religion heißt, vernichtet sie ohne Veranlassung mit Feuer und Schwert eine Bevölkerung mit ihrer gesamten Habe, vernichtet Stadt und Land; mit dem Tod wie mit einem Freund vertraut, kennt sie vor nichts Furcht. Alles, was die Weisheit durch ihre Gesetzgebung in schaffendem Fleiß gesammelt, zerstreut sie zuweilen mit geschlossenem Auge mit einem einzigen Schlag. Und an dritter Stelle steht die Habsucht, die mit dem Reichtum verbunden ist; ihren Überfluß suchen die beiden andern in merkwürdiger Hast noch zu steigern. Für sie stellt sich die ganze Welt zum Kampf; ihrem Dienst weiht sich jedes Alter. Ach, welch ein Unrecht! Und was ist das für eine Blindheit: Sie lebt in allen, und alle beschweren sich über sie, als ob dem nicht so sei. Man klagt sie an — aber man huldigt ihr doch.“ Sie bringt die Menschen um — und findet dafür Liebe. Sie ist so recht die unüberwindliche Art des Unglücks: ihr beugt sich die Weisheit und ihr dient die Stärke.

Seht ihr jetzt, daß die Weisheit dieser Welt offenbar nicht Gerechtigkeit ist? Sie ist aber auch nicht die wahre Weisheit. Es ist nun einmal nicht möglich, daß der wahre Weise nicht auch gerecht ist; und es ist nicht möglich, daß der in vollem Sinn wahre Gerechte nicht auch weise ist. Der Gerechte kann nicht töricht sein und der Weise nicht ungerecht. Das sagt ja schon die Vernunft. Denn wer töricht ist, weiß nicht, was gut und bös ist und kann damit nicht wissen, was er verwerfen und was er annehmen soll. Und so begeht er fortwährend Sünden — und das ist das Gegenteil von Gerechtigkeit. Der Gerechte hält sich frei von jeder Sünde; und er tut es deshalb, weil er Kenntnis hat von dem, was gut und bös ist, und darin beruht eben die Weisheit. So kommt es, daß derjenige, der töricht ist, niemals gerecht sein kann, und derjenige, der ungerecht ist, niemals weise. Und wenn einem Menschen, mag er weise oder mag er gerecht sein, eines von den beiden Stücken mangelt, so wird er weder weise noch gerecht sein, wofür sich die vorher erwähnten Männer gehalten haben.

Ich glaube, daß damit das Blendwerk der Welt offen zutage liegt. Und da alle Menschen sich darin besser auskennen, als man sagen kann, ist es unnötig, weiter dabei zu verweilen. Ich will deshalb nunmehr zur wahren Gerechtigkeit übergehen, der Quelle und Mutter aller Tugenden. Mehr als alle andern stellt sie sich auf die Interessen der andern ein und sucht dieselben zu fördern; denn sie weiß, was man vor allem Gott schuldet, und sie sucht nichts für sich und behält nichts als ihr Eigentum, als das, was sie, ohne darüber Aufsehen zu machen, getreulich nach seinem Willen verwaltet. Sie steht vollständig in der Öffentlichkeit und steht in all ihren Kreisen; aber in einer Art, daß sie mehr gespürt als gesellen werden will; dabei ist sie ängstlich besorgt, nicht zu einer Partei zu neigen, selbst nicht in einem Punkt sich Vorwürfe machen zu müssen, niemals bei der Ausführung eines begonnenen Werkes zu ermüden. Sie ist es, die das Joch von Gefangenen durch Loskauf derselben bricht; sie bringt den im Kerker Weilenden Linderung und lernt nur zu gut den Kerker selbst kennen; wachend in wohltuender Pflege teilt sie die Krankheit mit dem Kranken; sie bringt es nicht über sich, hingeworfene Leichen ohne Hülle und Bestattung zu lassen; der eigenen Not vergessend, streut sie still und reich den Samen ihrer Liebe über Armut und Unglück; sie läßt sich dabei nicht erst bitten und läßt sich auch nicht zum Entgelt den Lohn des Lobes spenden: das Eine hält sie für einen großen Verlust, das Letztere für ein Vergehen. Da sie nichts für sich behält, ist sie der Habsucht an beseligender Begierde voraus: die Habsucht nimmt von Menschen Besitz, sie von Gott. Höret noch, wie groß die Liebe, wie groß die Demut ist, in der sie zu dem für sie bestimmten Wohnsitz, zu der ihr in Aussicht gestellten Siegespalme eilt! Wenn jemand sie vor Gericht zieht, um ihr den Rock streitig zu machen, überläßt sie ihm aus freien Stücken auch den Mantel; sie wird geschmäht, und sie segnet; sie wird geschlagen, und sie dankt hierfür; sie wird hingemordet, und sie leistet keinen Widerstand; ja sie betet noch dazu für ihre Mörder zu Gott, Nur eine Sorge beschäftigt sie vornehmlich, nur eines sucht sie aus allen Kräften zu vermeiden: nicht etwa der Welt etwas zu schulden, nichts von dem Gesagten verdientermaßen leiden zu müssen. Leute, welche die göttlichen Schriften nicht gelesen haben oder, wenn sie dieselben gelesen haben, ihnen keinen Wert beimessen — sie machen deren gewöhnliche ungefeilte Sprache dafür geltend, die aber doch zum Ausdruck bringt: „Wenn ihr nicht glaubet, so werdet ihr nicht verstehen“ — solche Leute halten diese Gerechtigkeit für Torheit und machen sich über sie als eine nutzlose Sache lustig; denn wenn sie die Güter der Welt genießen könnte, aber es nicht tue, so sei sie an ihrem Unglück selbst schuld; und das wollen sie nicht glauben, daß der Mensch, der die Gebote Gottes hält und um ihrer Verpflichtungen willen die Freuden der Welt mit Füßen tritt, dereinst, wenn er Sieger sein wird, frei von den Banden des Fleisches, die unermeßliche Seligkeit der verheißenen Unsterblichkeit sein eigen nennen wird.

Aber — was geht es uns an, was sie sagen? Einer der Unsern, ein hervorragender Mann, hat es ausgesprochen: „Gott weiß, daß die Gedanken der Menschen töricht sind.“1 Sie sollen uns unsere Torheit lassen; sie mögen ihre Weisheit für sich behalten. Freilich unter den Anhängern solcher Weisheit sehe ich auch fast alle Christen, die es schon als vollkommene Gerechtigkeit betrachten, wenn man das eigene Gut schützt, das Gut des Nächsten nicht begehrt, die dabei das Gebot der wahren Weisheit unbeachtet lassen, das in den Worten ausgesprochen ist: „Wenn du vollkommen sein willst, so gehe hin und verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen; nimm dein Kreuz auf dich und komm und folge mir nach.“ Ich weiß nicht, was jemand dagegen einwenden könnte. Aber das eine weiß ich, daß keiner unter uns ist, der nicht allezeit darauf ausgeht, mehr zu bekommen, als er bisher hatte. Und wenn er das will, so handelt er schlechthin im Geiste der Habsucht, die eine Feindin der Gerechtigkeit ist. Ja daher kommt es, daß die Scheunen einiger weniger voll von Getreide sind, der Magen von sehr vielen leer bleibt. Daher kommt es, daß die Maßpreise für das Volk noch schlimmer sind als der Mangel. Daher kommen Betrug, Falscheid, Raub, Streitigkeiten, Kriege, Tagtäglich geht man mit den Tränen des Nebenmenschen auf Gewinn aus; die Einziehung seiner Güter wird als geschäftliche Tüchtigkeit erklärt; und die Aneignung fremden Eigentums wird unter dem Vorwand der Wahrung eigener Interessen und der Wirtschaftlichkeit mit den pfiffigsten Beweisgründen betrieben, so daß derjenige, der keinen Verteidiger hat oder harmloser Natur ist, seines Eigentums auf Grund von gesetzlichen Bestimmungen verlustig geht. Und das ist schlimmer als jeder Gewaltakt. Denn das, was mit Gewalt genommen wird, kann man zuweilen wieder zurückbekommen; aber was auf Grund von Anwendung von Gesetzesbestimmungen genommen wird, niemals mehr. Wer es will, mag sich solcher Gerechtigkeit rühmen; aber er soll es wissen, daß der Mensch, der sich mit der Armut des Nebenmenschen bereichert, ärmer ist als der Arme selbst. Wer möchte einen Menschen für gerecht halten, der seinen Vermögensvorteil höher schätzt als die Liebe? Der Motten, Kornwürmer, Würmer füttert, während Menschen Hunger und Blöße leiden? Der sogar das, was er hat, in seinem unglückseligen Geiz nicht nur andern nicht, sondern auch sich selbst nicht gönnt?

Freilich — du wirst sagen: Es ist doch gerecht, wenn ich mein Eigentum wahre, wenn ich nur Fremdes nicht begehre. So pflegten auch die Heiden zu sprechen. Wie das aber in den Augen Gottes Ungerechtigkeit ist, werden wir gleich sehen. Vor allem, mein lieber Christ, möchte ich wissen, was denn dein Eigentum ist, nachdem doch für diejenigen, die Gott fürchten, alles gemeinsam ist? Es steht doch geschrieben: „Die Menge derjenigen, die gläubig geworden, waren ein Herz und eine Seele.“ Und es war unter ihnen kein Unterschied; „und sie nannten nichts von ihrem Besitztum ihr eigen, vielmehr gehörte ihnen alles gemeinsam;“ so wie gemeinsam sind der Tag und die Sonne, die Nacht und der Regen, Geburt und Tod: Dinge, die ohne irgendeine Ausnahme einer Person für die ganze Menschheit gleichmäßig von der göttlichen Gerechtigkeit verteilt sind. Unter solchen Verhältnissen ist ein Mensch, der für sich allein hat, was zum Besten von vielen dienen kann, ohne Zweifel einem Tyrannen nicht unähnlich. Was soll man dazu sagen: Während tagtäglich ein armer Teufel an Bedrückung, Hunger, Ungerechtigkeit zugrunde geht, liebäugelst du mit deinem Gold, hütest dein Silber, betrachtest dein kostbares Kleid, deinen prunkenden und überflüssigen Schmuck als eine hochheilige Sache, sozusagen wie ein Götterbild! Zuweilen richtest du dich damit zurecht, reich in der Öffentlichkeit, reicher noch in deinem stillen Kämmerlein; und es kommt dir dabei nicht zum Bewußtsein, daß ein Mensch, der einem sterbenden Mitmenschen nicht zu Hilfe kommt, trotzdem er es mit solchen Mitteln könnte, geradezu selbst als dessen Mörder erscheint, O wie oftmals knüpft sich an das Geschmeide einer schmuckbeladenen Dame der Mord eines Menschenlebens! Wenn du eines ihrer Schmuckstücke in Geld umsetzest und dasselbe unter einzelne zur Linderung der Not verteilst, so wirst du an ihrem erleichterten Aufatmen erkennen, wie viele es sind, mit deren Armut solcher Schmuck erkauft ist!

Einer sagt: Ich habe Kinder und darf sie nicht um ihre Habe bringen. Das ist so die Entschuldigung des Unglaubens, die der Heilige Geist nicht gelten läßt, wenn er durch Propheten spricht: „Ich war jung und bin alt geworden: und niemals habe ich gesehen, daß ein Gerechter verlassen war und daß seine Kinder um Brot bettelten“ Und ein andermal: „Die Reichen sind arm geworden und haben Hunger gelitten; aber diejenigen, die den Herrn suchen, werden keinen Mangel haben an irgendeinem Gute.“ Und das läßt sich an einem Beispiel sehr leicht nachweisen. Wir erinnern uns an die Erzählung im Buch der Könige: Zur Zeit einer Hungersnot, in der allenthalben das ganze Volk dahinstarb,  gab eine berühmt gewordene Witwe dem Elias auf sein Bitten um Brot den letzten Rest ihrer für sie und ihre Kinder bestimmten Lebensmittel nicht nur zum Teil, sondern ganz und wollte lieber mitsamt ihren Kindern Hungers sterben als gegen die Gerechtigkeit verstoßen; aber für die herrliche Tat erhielt sie von Gott niemals ausgehende Speisevorräte, die stärkster Hunger nicht aufzuessen vermochte: um das Maß, um das sie jeweils verringert wurden, wurden sie wieder vermehrt. Der Stand in den vollen Gefäßen blieb immer unverändert; und alles, was das Bedürfnis für den täglichen Gebrauch wegnahm, ward immer wieder zur früheren Fülle ersetzt. Wenn du also ein guter, ein sorgender, ein die Sache der Kinder fördernder Vater sein willst, so mußt du, wie Abraham, Gott mehr lieben als die Kinder; dadurch verdienst du es, sie gesund, wohlbehalten und glücklich dein eigen zu nennen. Eine Torheit dagegen ist’s, wenn du sie mit einem Vermögen fürs Leben versorgen willst, nachdem du ihnen weder die Geburt gegeben, noch ihnen die Seele eingehaucht hast, noch ihnen Gesundheit verbürgen kannst. Laß also, wenn’s auch spät ist, ab von gotteslästerlicher Rede, im Bewußtsein der Gebrechlichkeit des Menschen: du weißt ja in dem Augenblick, da wir sprechen, nicht, was passieren kann; gib die eitle Entschuldigung auf, die nur Trug ist! Es ist vergeblich, wenn du mit Liebe Habsucht deckst: in Gottes Macht allein steht es, für das Glück der Zukunft zu sorgen.

Traktat IV. Die Keuschheit.

Der Traktat feiert unter starker Verwertung aller rhetorischen Mittel die Tugend der Keuschheit.

Die Keuschheit ist eine Tugend von solchem Adel, daß sie auch ihren Gegnern als verehrungswürdig erscheint. Sie gehört zu den Grundlagen des Menschengeschlechts, ist aber in besonderem Sinn eine Tugend des Christen (Kap. 1). Ihr steht entgegen die Unkeuschheit. Zum Teil unter dem Schein von Keuschheit entfacht sie ihre verderbensvolle Tätigkeit (Kap. 2). Sie weiß sich zu schminken und steht in Verbindung mit der Abgötterei (Kap. 3). Auch in die Ehe greift sie vernichtend ein (Kap. 4). Beispiele der Keuschheit bieten der ägyptische Joseph (Kap. 5) sowie Susanna (Kap. 6). Die Keuschheit stellt eine Königin unter den Tugenden dar und ist als Verherrlichung Gottes besonders zu erstreben (Kap. 7).

Wer Keuschheit übt, erkennt sehr leicht die Größe des Adels, der ihr eigen ist; so stark ist ihre Macht, daß sie auch ihren Gegnern verehrungswürdig wird. Sie ist es, die den Grundlagen der Menschheit Festigkeit gewährt;  sie ist es, die für alle Gefühle schon in der Bezeichnung die Eigenart zum Ausdruck bringt; sie ist es, die die geheiligten Rechte der Eltern, der Gatten, der Kinder schützt; sie ist es, die bei beiden Geschlechtern glänzend in Erscheinung tritt, die in jedem Lebensalter der Bewunderung wert ist, die in keiner Lebenslage eine Unsicherheit kennt, die nur sich selbst getreu bleibt, die allezeit ein gutes Gewissen hat, die schlechthin von allem unabhängig ist und nur eine Furcht kennt: sie könnte das nicht mehr in Wirklichkeit sein, als was sie gilt. In der Einsamkeit, die von Ehebrechern als Gelegenheit bezeichnet wird, fürchtet sie sich selbst als Richter; vor jeder Heimlichtuerei hat sie mehr Scheu als vor der Öffentlichkeit. Sie haßt die unheilvollen Lockungen des Fleisches, in dem sie den Feind sieht; und was ihr die Welt als Genuß oder Gunst bietet, lehnt sie völlig ab in der Voraussetzung, daß sie alles hat, wenn sie rein ist. Sie trägt nach niemanden unreines Verlangen; aber sie sucht auch in niemanden solches für sich zu wecken. Sie bleibt sich gleich an jedem Ort und zu jeder Zeit, mehr bedacht auf ihre Ehrbarkeit als auf ihren Vorteil. Und wollt ihr wissen, worin ihr Glück besteht? Es liebt sie der, der sie hat — und es liebt sie der, der sie nicht hat. Und wenn so oftmals sogar die Heiden sie hoch preisen — freilich verdienstvoll oder auch nur echt kann sie bei ihnen nicht sein, weil sie dabei unter der Herrschaft des unzüchtigen Räubers steht —, um wie viel mehr muß sie in Ehren stehen beim Volk der Christen, das dem Gott dient, der ihr unverletzliche Heiligkeit verleiht? Denn wenn die Kirche deshalb die Braut Christi ist, weil sie keusch ist; wenn ihr deshalb die Ehre der Verbindung zur himmlischen Ehe zuteil ward, weil sie auch nach der Ehe allezeit Jungfrau bleibt: so müssen doch wir, die wir dieser herrlichen Verbindung entstammen, mit aller Kraft darnach streben, den Adel dieser unserer Abstammung nicht nur durch den Hinweis auf diese Beziehung, sondern auch durch treue Ähnlichkeit nachzuweisen. Mit Stolz sage ich es, geliebteste Brüder, daß bei euch die Bejahung solchen Strebens, und zwar ganz unzweifelhaft, in glänzende Erscheinung tritt; ihr zeigt, daß ihr Gott zum Vater habt und ihn für immer haben wollt, indem ihr die Keuschheit, in der Gott wohnt, — ich möchte nicht nur sagen: liebet, sondern sie verherrlicht durch eure trefflichen Sitten. Es ist ein großer Ruhm, das zu verherrlichen, wodurch man selbst verherrlicht wird, das zu bewahren, wodurch man selbst bewahrt wird. Ja, schließlich kommt das euch gezollte Lob dem Lob der Keuschheit gleich: sie verleiht euch Heiligkeit, ihr schenkt ihr Liebe. Durch sie kommt ihr in Verbindung mit Christus: oder vielmehr sie hält durch euch und mit euch Christus umfangen. Durch sie erlangt ihr von Gott dem Vater, um was ihr bittet; oder vielmehr sie, für die ihr unverdrossen arbeitet, erreicht es durch euch, daß sie keine Beschämung zu ertragen braucht, wenn sie mit einer Bitte kommt. Selig zu preisen ist sie, wenn sie schon beim spielenden Kinde sich bemerkbar macht; seliger noch, wenn sie in der heranwachsenden Jugend mit Erfolg Furcht vor dem Falle weckt; am seligsten, wenn sie in den Menschen jugendlicher Vollkraft die Begierden des Fleisches zu ersticken vermag. Sie ist auch beim Greis noch zu ehren, freilich nicht mehr so auffällig zu finden; denn wenn sie auch siegreich bleibt, so muß sie doch ihre Siegespalme mit der Kälte des Alters teilen; der Kampf der Begierlichkeit tritt zurück, wenn unter dem Druck der sich mehrenden Krankheiten auch Glieder von Unzüchtigen keusch werden.

Nun wollen wir ein kurzes, offenes Wort über das wütende Treiben ihrer Gegnerin sprechen, die sich als solche schon aus der Vergleichung ihrer Bezeichnungen erkennen läßt, so daß man sehr leicht erkennen kann, was man erstreben und was man fliehen muß. Denn unter dem Deckmantel des Namens Christi, Brüder, sucht auch der Antichrist sich als keusch darzustellen, um zu verführen; auch er führt das klingende Wort Keuschheit mit sich; aber der Urheber dieser Keuschheit läßt erkennen, welcher Art ihre Früchte sind. Wie toll rast die Un-keuschheit durch die Menschheit; mit den glühenden Stacheln ihrer Begierden verleitet sie das Herz der Menschen in seiner Sinnlichkeit zu unsinnigem Beginnen; sie schont kein Geschlecht, kein Alter, kein heiliges Pflichtgefühl, schont sich selbst nicht; denn ein Mensch, der das Schamgefühl des andern angreift, gibt vorher schon sein eigenes preis. Für sie geht keine Nacht und kein Tag vorüber, die sie in Reinheit verbrächte; immer sinkt sie im Brausen ihres schmutzigen Strudels unter; denn immer steigt mächtig die schmutzige Begierde auf und sucht in der Tat oder in der Phantasie Befriedigung. Sie zahlt dafür Lohn oder sie nimmt solchen in Empfang; sie verführt oder sie läßt sich verführen; sie weckt Liebe und wandelt dieselbe kurze Zeit darauf in Haß. Sie erzeugt unberechtigte Erben; und wenn sie zur Einsicht über das Vergehen kommt, entschuldigt sie es unter dem Vorwand der Liebe zu Kindern. Dagegen die eigenen Kinder verleugnet sie oder versagt ihnen die elterliche Liebe. Sie glaubt durchaus nicht, daß das, was sie mit sich tun läßt oder was sie tut, etwas Schändliches ist, wenn nur das Vorhaben gelingt. Und doch ist sie selbst bei dem Genuß an dem sie sich zu freuen pflegt, wenn es ihr gelang, die Keuschheit des Mitmenschen zu Fall zu bringen, immer unglücklich. Vollends nach vollbrachter Tat haßt sie sich selbst und denjenigen, den sie zu Fall gebracht. Sie hat schon oftmals friedliche Völker in Krieg gestürzt; sie hat schon zuweilen festgegründete Reiche zum Untergang gebracht. Sie hat die Gattinnen von andern durch schändliche und grausame Taten zu Fall gebracht und so Siege gefeiert. Sie hat in ihrer wahnsinnigen Gier gelehrt, Männer mit einem Dirnenlohn, wie er in dieser Form selbst Frauen unbekannt ist, abzulohnen — man sollte es nicht für möglich halten — und so ihre eigene Natur zu Fall zu bringen. Sie hat den Lohn ihrer Lust sogar mit dem Tod von Eltern, Kindern, Gatten und Gattinnen bezahlt. Sie hat zuweilen die Begriffe von Kindesliebe durch widernatürliches Beilager zerstört und dabei die Züchtigen zwar verfolgt, die Unzüchtigen aber ganz verdientermaßen getötet. Ja sie gebiert zeitweilig alles Böse und sie hat auch all das geboren, was noch schlimmer ist: sie ist unter den Götterbildern eine Göttin, aber für ihre Verehrer eine Dienerin. In den Tempeln gibt sie sich als Gegenstand der Verehrung, aber in den Theatern als Trägerin der Heiterkeit, auf den Straßen erscheint sie anstößig, in jedem stillen Schlupfwinkel zur Hingabe bereit. In ihrem Drang, zu reizen, läßt sie nicht Zunge, nicht Auge, nicht Ohr ruhen, scherzt, hofft, wirbt, erhört, eifert, rast, verlegt sich aufs Bitten, verlegt sich auf Zorn und weiß zuweilen mit Gewalt zu erreichen, was sie mit Schmeichelei nicht durchzusetzen vermochte. Sie liebt allezeit mannigfache Abwechslung in ihren sinnlichen Freuden und ist unbefriedigt, weil sie in der Auskostung des Genusses doch nie zur vollen Sättigung kommt. Sie verlangt Dinge zu tun, von denen sie fürchten muß, daß sie in der Öffentlichkeit bekannt werden. Sie wagt schlechthin alles, um alles sich dienstbar zu machen. Sie ist eine neue Art von Ungeheuer: sie haßt die Keuschheit und verlangt gleichzeitig als das zu gelten, was diese gilt.

Inzwischen verschönt sie sich in Anwendung wunderbarer Künste und sucht sich ein Aussehen zu geben, das sie nicht hat. Sie trägt Farben auf sich selbst auf, und in Verwendung mannigfacher künstlicher Schminke eines Lehrmeisters für Verschönerung verhüllt sie ihr Antlitz unter fremden Zügen in der Absicht, nicht das zu sein, was die Natur aus ihr gemacht, sondern was ihr eine augenblickliche Laune beim prüfenden Blick in den Spiegel nahelegt. Bald verbessert, bald zerstört sie die Züge wieder, an denen sie vorher Gefallen gefunden, bald trägt sie andere ein, bald schafft sie ganz neue. So durch das Werk ihrer Hände eine Hydra von Erscheinungen geworden, schreitet sie einher, allezeit frech, da sie ja unter den aufgetragenen Farben nicht erröten kann, fremd der Liebe der Hausgenossen, fremd der Liebe des Gatten, fremd sich selbst — denn was immer wechselt, kann nicht bekannt, kann nicht echt sein. Außerdem liebt sie niemals Gott; denn sie weiß, daß er ein Feind ist ihres Tuns. Sie ist vielmehr eine Sklavin des Teufels; denn sie hat sein Reich in Besitz. Denn sie hat selbst Götter geboren, hat selbst solche zur Welt gebracht, durch die oder in deren Namen der Teufel angebetet wird, aus deren Taten ihre Abstammung sich ergibt. Sie hat den Juppiter durch unzählige verschiedenartige Verbrechen zum höchsten Gott gemacht. Sie hat den Herkules, schlimmer als seine Stiefmutter, durch die Wollust der Omphale schmählich besiegt, ihn, den eine furchtbare Schar von Ungeheuern nicht zu besiegen vermocht hatte. Sie hat die Venus nach vielen Ehebrüchen der ganzen Welt zum Schauspiel bloßgestellt, wie sie am ganzen Körper entkleidet, nur mit den hohlen Händen sich zu bedecken sucht und so auf die Blöße ihrer Seele und ihres Körpers hinweist. Es ist nicht nötig, in Einzelheiten einzugehen. Es war auch das für die Behandlung nicht geziemend — aber es war notwendig, um die Macht der Unkeuschheit zur Darstellung zu bringen, so daß jeder erkennen kann, daß die Wollust in Beziehung steht zum Götzendienst. Ja, ich sage: sie verwandelt die Grüfte der Toten in Tempel, Grabhügel in Altäre, Leichen in Götzenbilder, Totenfeier in Opferfeste, Volksgebräuche in gottesdienstliche Handlungen. So riß sie die Menschheit von der Verehrung Gottes los, indem sie ihr in angenehmer, lockender Art einredete, man müsse das schändliche Tun von schändlichen Menschen feiern und nachahmen.

Ja, sie weckt sogar unglückseligerweise im Widerspruch mit Gottes Gesetz und Gottes Gerechtigkeit in verheirateten Männern die Vorstellung, daß sie sozusagen volles Recht hätten, neben ihrer rechtmäßigen Gattin auch mit andern sich der Sinnenlust hinzugeben; und so bringt sie auch deren Frauen um ihre Schamhaftigkeit; denn diese glauben, wenn sie in ihrer Verlassenheit, in ihrem Drang nach Befriedigung oder auch in ihrem Gram dasselbe tun, damit nur es ihren Männern gleichzutun oder damit Vergeltung zu üben. Deshalb sagt der Herr in seinen Geboten: „Wer sein Weib entläßt, außer im Fall des Ehebruches, führt sie zum Ehebruch.“ Was lockere Ehemänner darauf antworten können, sehe ich nicht. Sie, die sich dadurch verführen lassen, daß die menschlichen Gesetze ihnen ungerechterweise Straflosigkeit gewähren, und infolge ihres eigenen Wollens die wahre Gerechtigkeit nicht erkennen und so sehr gern tun, was sie von seiten ihrer Frauen nicht dulden wollen; sie, die sich dem verabscheuungswürdigen verbotenen Liebesgenuß außerhalb der Ehe hingeben und nicht mehr zufrieden mit schändlichen Schlupfwinkeln, zuweilen — es ist entsetzlich! — sogar vor den Augen ihrer Frauen in wahnsinnigem Beischlaf sich erschöpfen: die Elenden, die nicht einsehen, daß in solcher Sache vor dem Richterstuhl Gottes das, was den Frauen nicht erlaubt ist, auch den Männern nicht erlaubt ist, wie der Apostel Paulus solchen sagt: „Die Frau hat kein Verfügungsrecht über ihren Leib, sondern der Mann; und so hat auch der Mann kein Verfügungsrecht über seinen Leib, sondern die Frau.“  Und da beide ein Fleisch sind, ein geheimnisvolles Abbild göttlichen Werkes darstellen, weil die Frau aus dem Manne gemacht und das Eine an das Andere pflichtmäßig gebunden ist und sie auch durch Recht und Gesetz auf einer Linie stehen, so wird zweifellos jedes von beiden, das den Weg der Pflicht verläßt, untergehen in den ewigen Qualen des furchtbaren Strafgerichts. Aber auch das Tun derjenigen wird nicht straflos ausgehen, die ohne Frauen bleiben, aber in dem Streben, freier zu sündigen, sich die nächstbesten unsittlichen Waren für ihre Lust erkaufen und dabei nicht bedenken, daß alles, was außerhalb einer rechtmäßigen Ehe sich vollzieht, von Unsegen und unehrbar ist: für einen Christen, meine Brüder, gibt es nichts Erlaubtes, als enthaltsam oder verheiratet zu sein.

Ich komme nun zu Beispielen, die für die Behandlung des Gegenstandes gar sehr notwendig sind. Denn mehr als die Rede bedeutet die Tat, damit das Laster der Unkeuschheit und die Tugend der Keuschheit an ein und demselben vorgeführten Beispiel sich erkennen läßt. Joseph, ein hebräischer Jüngling, berühmt durch seine Abkunft, berühmter durch seine Schönheit, am berühmtesten durch seine Sittenreinheit, war unter den Söhnen Jakobs dem Alter nach der Jüngste, dem Geiste nach der Älteste. Er wurde durch den Neid seiner Brüder nach Ägypten gebracht und von den Brüdern verkauft. Aber dort begann die Gattin seines Herrn ihn zu lieben, was noch schlimmer für ihn war als der Haß seiner Brüder. Denn da dieses Weib in wahnsinniger glühender Leidenschaft entbrannte, hatte sie eine Fülle von Gründen sich zurechtgelegt, um ihn zu einer schändlichen Tat zu überreden, suchte ein Alleinsein mit ihm, suchte auch einen einsamen Ort auf, wo oftmals auch eine Jugend, die nicht gereizt wird, Frauen gegen ihren Willen Gewalt anzutun pflegt. Aber als sie ihre Absicht verwirklichen wollte und sehen mußte, daß weder Liebkosungen noch Verheißungen sie zum Ziele führten, suchte sie in Umkehrung des Verhältnisses den Jüngling mit der Hand festzuhalten und mit aller Kraft in ihm an ihrer eigenen Glut das Feuer der Leidenschaft zu entzünden. Aber er ließ sein Kleid, das ihm bei seinem Widerstand gewaltsam entrissen war, zurück und floh nackt aus der Höhle der Unkeuschheit. Doch er war bekleidet mit dem Glanz der Keuschheit, und nach einer auf Verleumdung hin erfolgten Verurteilung wurde er von Gott befreit und zu Ehren gebracht. Denn schließlich wurde er gerechtermaßen zweiter König des Reiches, er, der schon vorher ausgezeichneter König war im Reiche der Schamhaftigkeit.

Auch Susanna, eine hervorragende Frau, bietet ein herrliches Beispiel von Keuschheit, die ein noch schönerer Schmuck war als ihre nicht durch Kunstmittel geschaffene körperliche Schönheit. Zwei von den Ältesten, aber eins in brennender verbrecherischer Leidenschaft, hatten eine unreine Neigung zu ihr gefaßt. Und als sie dieselbe, nur geschützt durch die Mauer der Keuschheit (die allerdings die wahre und ewige Schönheit ist), in der Einsamkeit eines Lustgartens erblickten, wo, wie sie sich erinnerten, dereinst Eva von dem Urheber ihres Tuns betrogen worden war, bauten sie gerade darauf ihren Plan und suchten sie mit List zu Fall zu bringen und drohten ihr den furchtbaren Tod der auf der Tat ertappten Ehebrecherin an, wenn sie nicht schuldig würde und sich füge. Aber Susanna war keine Eva; eine Überlegung, wie sie die schwankende Furcht kennt, ob man die Keuschheit oder das Leben opfern soll, war bei ihr ausgeschlossen; sie rief Gott, den einzigen Zeugen ihres reinen Gewissens, an und zog einen ehrenhaften Tod einem schändlichen Leben vor, in der Überzeugung, es sei besser, vor Menschen schuldig zu erscheinen als vor Gott. Inzwischen setzten ihr die Alten als Ankläger, zu denen sie aus Liebhabern geworden waren, hart zu, vergrößerten noch ihr Verbrechen, indem sie es auf die bedrängte Unschuldige wälzten, und sprachen damit von selbst zuerst über sich die Verurteilung. Aber — es ist unerhört! — man glaubt dem hohen Alter, man glaubt der angesehenen Stellung. Die Ehebrecher triumphieren; die Unschuld wird verurteilt. Schon ward Susanna schuldlos zum Tod geschleppt; schon schrie das ganze Volk nach ihrem Blute; schon hatten auch ihre eigenen Angehörigen unter dem furchtbaren Eindruck des plötzlich gekommenen Ereignisses in bitterem Schmerz das Haupt sinken lassen und jeden Gedanken an Verteidigung aufgegeben. Schon haßte auch sie selbst, die für alle ein Gegenstand des Mißfallens war und nur vor ihrem eigenen Gewissen mit sich zufrieden sein konnte, jede Verzögerung des Todes, der ihrer Schmach ein Ende machen sollte. Da plötzlich erscheint Gott, der niemals durch Trug getäuscht wird, in der Person des Jünglings Daniel. Mit einem Schlag zerstört er das Spiel der Bosheit; rasch wird das eigentliche Verbrechen klargelegt; die Freveltat fällt auf ihre Urheber zurück; die Schmach fällt ab durch die Erklärung der Unschuld. So hat die Keuschheit siegreich Susanna, die man auf die Lügen der Unkeuschheit hin vor Gericht geschleppt hatte, gerechtfertigt und gerächt unter ungeheurem Jubel an die Seite ihres Gatten zurückgeführt.

O Keuschheit! Wie muß man dich bewundern, die du selbst keinen andern Ruhmespreis finden willst als den, daß du bewahrt wirst, zufrieden mit dem einzigen Schmucke eines guten Gewissens! Du bist in den Jungfrauen glückselig, in den Witwen stark, in den Verheirateten treu, in den Priestern rein, in den Märtyrern glorreich, in den Engeln leuchtend, in allen wahrhaft die Königin! Niemals beugst du dich dem Fleische, niemals irgendeinem Gesetz, Aus freiem Entschluß gehst du hervor, aber durch das Gut der Reinheit schaffst du wieder den freien Entschluß; denn der freie Entschluß wird darnach zur Freude für dich, wenn du von ihm dreißig — sechzig — hundertfache Früchte erntest. Du bist reich unter den Armen, reicher noch unter den Reichen« kommst aber in allen gleichmäßig zur höchsten Vollendung, Du bist die Ehre des Leibes, Du bist der Schatz der Seele, Du bist Grundlage, Gipfel und Frucht aller dir gleichartigen Tugenden, Für ein Gelübde, das dir gilt, bist du ein ewig unlösbarer Knoten, Durch dich werden die rechtmäßigen Fasten gehalten. Durch dich empfohlen, finden Gebete schon Erhörung, bevor der Mund sie ausspricht. Du bist das Opfer, das Gott willkommen ist. Du bist der Tempel, der dem Gesetz Gottes entspricht. Du bist das Heiligtum, in dem die Schamhaf tigkeit wohnt. Zu dir weiß das Verderbnis keinen Zutritt zu finden. Durch dich wird die Welt besiegt, die Begierlichkeit aller Art ertötet, der Teufel überwunden. Durch dich verliert der Antichrist seinen Schrecken, hält der Heilige Geist seinen Einzug, wird Christus verherrlicht, wird Gott, der allmächtige Vater, zum Erbarmen gestimmt. Und schließlich wird in Seligkeit im zukünftigen Reich herrschen, wer mit dir dorthin gelangt.

Traktat V. Die Enthaltsamkeit.

Im christlichen Altertum wurde die Enthaltsamkeit im Sinn der Jungfräulichkeit besonders hochgeschätzt. Besonders, nachdem die Verhältnisse seit dem 4. Jahrhundert sozusagen eine Organisation der Idee im Mönchtum gestatteten, haben fast alle Kirchenväter dieser Hochschätzung Ausdruck gegeben. Einer ihrer begeistertsten Vertreter ist Zeno. Er kommt mehrfach darauf zu sprechen (vgl. Einleitung) und hat ihr diesen Traktat gewidmet. Von seiner Grundeinstellung heraus widerrät er auch eine zweite Ehe und nimmt besonders Anlaß, Ehen mit Heiden zu rügen.

Der höchste Triumph christlicher Tugend ist die Beherrschung der menschlichen Natur, Abratung von der Ehe ist zwar in der Welt verpönt, aber maßgebend ist die Mahnung des Apostels (Kap, 1). Eine Vergleichung der Verhältnisse der Jungfrau mit denen der verheirateten Frau ergibt für das religiöse Leben der ersteren Vorzüge; auch sonst bleibt ihr vieles erspart (Kap, 2). Der Hinweis auf Maria ist verfehlt, weil Maria Jungfrau blieb (Kap. 3). Auch die Witwen sollen nach der Mahnung des Apostels nicht mehr heiraten; das legt auch die Erinnerung an den ersten Mann nahe (Kap. 4). Die Gründe für die zweite Ehe, die in dem Bedürfnis der jungen Frau liegen, sind nicht stichhaltig. Verhältnisse können auch bei Verheiratung eine lange Trennung vom Mann notwendig machen. Geduld, nüchternes Leben, Gedanke an den Tod, besonders in Beziehung zu Gott gebracht, sind Heilmittel (Kap. 5). Besonders verächtlich und verwerflich sind die öfteren Ehen von älteren Frauen. Die Warnung vor einer zweiten Ehe gilt auch den Männern (Kap. 6). Noch schärfere Rüge verdienen Ehen mit Heiden. Sie bringen zahlreiche Nachteile für die Frau, besonders für das religiöse Leben, vor allem die Gefahr der Verbindung mit dem Götzendienst (Kap. 7—9).

Wenn vielleicht jemand da ist, meine Brüder, dem es hart und unerträglich dünkt, daß wir zuversichtlich eine Sache besprechen, die fast gegen die Natur ist, so möge er sich alsbald beruhigen; er soll erkennen, daß es der höchste Triumph der Tugend ist, die Natur selbst zu meistern. Aber weil die Leidenschaften immer den Glanz der Tugend trüben, weil jedem das als recht gilt, was ihm zusagt (vollends das, was alle Völker als Gegenstand gleichmäßiger Sehnsucht pflegen), so gilt jeder, der vom Heiraten abrät, zweifellos als ein Feind der Menschheit oder wenigstens als ein Narr. Aber ich fürchte mich nicht davor, was die Öffentlichkeit in ihrem Haß über mich daherredet. Denn ich verurteile die Ehe nicht, aber ich ziehe der Ehe das Bessere vor; ich tue es auf den Rat des Apostels Paulus hin, der da sagt: „Ich aber sage den Unverheirateten und den Witwen: es ist gut für sie, wenn sie so bleiben, wie ich auch. Wenn sie aber nicht enthaltsam sind, dann sollen sie heiraten; denn es ist besser, zu heiraten, als vom Feuer der Leidenschaft aufgezehrt zu werden.“ Und an einer andern Stelle sagt er: „Ich sage das als Zugeständnis, nicht als Befehl; ich wollte aber, daß alle so sind wie auch ich.“ Deshalb ist das Heiraten besser, weil vom Feuer aufgezehrt werden noch schlechter ist. „Es ist alles erlaubt, aber nicht alles frommt.“ So prüfe dich, mein Christ, und wähle, was du willst: die Arznei oder die Gesundheit!

Wenn es demnach am Platz zu sein scheint, wollen wir vergleichen, was für ein Unterschied zwischen einer Jungfrau und einer verheirateten Frau besteht. „Die verheiratete Frau sinnt darüber, wie sie ihrem Mann gefallen könne; die Jungfrau, wie sie Gott gefallen könne.“ Die erstere schmückt sich mit äußerlichen Schmuckgegenständen, die letztere verfügt über reicheren Schmuck, weil sie fremden Schmuck nicht kennt. Die erstere duftet von verschiedenen Salben und Wohlgerüchen, die letztere strömt, liebreicher als jede Wiesenflur, in freudiger Ehrung der einzigen Blume, die sie ihr eigen nennt, den Duft des Himmels selbst aus. Die erstere erlebt Freude an Kindern; aber die letztere bangt nicht vor der Kinderlosigkeit. Die erstere labt sich an deren frühlingsfrischen Liebkosungen und schaut beglückt täglich deren allmähliches Heranreifen; die letztere braucht in ihrem Verzicht und ihrer Abneigung nicht die Last der neun Monate zu tragen, braucht nicht wegen der Unsicherheit der Niederkunft, nicht für das Leben von Mutter und Kind zu seufzen, braucht sich mit keiner der bangen Sorgen zu quälen, wie sie jeden Augenblick herantreten.

Aber es wird jemand einwenden: Auch die Jungfrau Maria hat geheiratet und hat geboren. Es sei eine so wie sie — und ich bin einverstanden. Aber Maria war Jungfrau nach der Eheschließung, nach der Empfängnis, nach der Geburt. Und schließlich: wenn es etwas Besseres gäbe als die Jungfräulichkeit, so hätte es der Sohn Gottes vor allem seiner Mutter gewähren müssen: ihr gewährte er, groß zu sein in der Ehre göttlicher Jungfräulichkeit. Bleibe also in dem Stand, in dem du geboren bist und suche deinen Ruhm darin, Jungfrau zu bleiben! Bewahre, keinem Gesetz dienstbar, die Blume der Jungfräulichkeit, den Schatz deines Glaubens! Sei heilig an Leib und Geist! Mit der Liebe zu Christus ersticke die Fleischesglut! Gar nicht reden will ich von der Herrlichkeit der Auferstehung, die du ja schon hienieden für dich in Anspruch nimmst, weil von ihr der Herr sagt: „Sie werden nicht freien und werden nicht gefreit werden, sondern sie werden sein wie die Engel.“ Ein großes Glück wirst du erringen, wenn du für Gott lebst in Reinheit der Sitten, frei und nicht Dienerin eines Mannes bist.

Und du, Witwe, warum verlangst du nach einer zweiten Ehe, wenn du doch siehst, daß der Apostel schon einer ersten Beschränkung auferlegt? Denn von ihm stammt das Wort: „Die Zeit ist abgekürzt; es sollen künftighin diejenigen, welche Frauen haben, so leben, als ob sie keine hätten; denn die Gestalt dieser Welt vergeht“ Zu der Zeit, da dieses Gebot des Apostels hinausging, vor vierhundert und noch mehr Jahren, waren die Menschen noch lebenskräftiger und die Christen noch sehr, selten. Warum soll ich jetzt, da schon nahezu der ganze Erdkreis selbst christlich ist und die Lebenskraft der Menschen bei der alternden Welt abgenommen hat, mit schmeichelnden Worten die Schärfe der Wahrheit abstumpfen und nicht vielmehr es vollständig darlegen, wie vollkommen die Durchführung der Gottesverehrung eingehalten werden muß? Um so mehr, da bei Salomon geschrieben steht: „Wenn sich deine Kinder auch vermehren, freue dich nicht über sie, wenn nicht die Furcht Gottes sie erfüllt; und freue dich nicht über ihr Leben! Besser ist ein Kind, das Gott fürchtet, als tausend gottlose Kinder.“ Unter solchen Umständen frage ich dich, Witwe, die du oftmals wie eine unerfahrene Jungfrau zu heiraten drängst: Hast du einen guten Mann verloren oder einen schlimmen? Wohlan, antworte! Hast du einen schlimmen Mann verloren und hast doch wieder den Wunsch, zu heiraten, so verdienst du, daß ein noch schlimmerer dich prügelt. Hast du einen guten verloren, so wahre ihm das Siegel der Treue! Er, dem du selbst ein gutes Zeugnis ausstellst, verdient den Schimpf nicht, den er damit erleidet. Wo ist jener erste Tag der Ehe, der euch beiden in eurem Verlangen nacheinander zögernder als die andern Tage herzuziehen schien? Wo ist die festliche Opferung der kostbaren Jungfrauschaft, die euch beiden so süß war? Wo ist die Liebe, die in einer Ehe der Gleichberechtigung und der Einigkeit auch nicht stirbt, wenn von den beiden der eine Teil den andern überlebt? Bist nicht du die Frau, die den aufgebahrten Leichnam ihres Gatten mit ihren Tränen abwusch, mit ihren Küssen abtrocknete, mit ihren abgeschnittenen Haaren bedeckte, Furchen in den Wangen, an der Brust die Flecken, wie sie das Schlagen hervorrief, mehr mit schmutziger Asche als mit dem Trauerkleid bedeckt? Ja, sage ich, bist nicht du es, die den Himmel selbst mit ihren Klagen erschütterte und es hinausrief, nach einem solchen Mann nicht einen Augenblick mehr leben zu können? Die damals mit ihrem durch den Schmerz gedämpften Seufzen, mit ihrem versagenden Atem, mit ihrem auf den Boden sinkenden Körper die Trauergäste schwanken ließ, wem sie mehr ihre Tränen weihen sollten, dem Toten oder der Sterbenden? Wenn du darnach Heiratsgedanken hast, dann war all das Verstellung! Und was ist nun das? Sieh da, du kehrst wieder zu den Schönheitsmitteln zurück, du entleihst wieder die Farbe, die du kurz zuvor so verpönt, der Schminkbüchse! Sieh da, du pflegst wieder sorgfältig dein Haar; du vertauschest die Asche der Trauer mit dem Puderstaub! Unter der Augenschwärze des Spießglaspuders verbirgst du deine Tränen; du legst Schmuckketten um den Hals, dem du den Strick zum Aufhängen zugedacht hattest; du befragst den Spiegel um Orakelsprüche, wie du auf passende Art einen Freier einfangen kannst! Aber was du auch tust, eine Jungfrau wirst du nicht mehr sein, Aber das weiß ich, daß einem, der um eines andern willen seine Gestalt und sein Betragen verändert, nichts fehlt zu einem Ungeheuer.

Aber du wendest ein: mich drängt dazu die Glut meines jugendlichen Alters, Ich glaube es. Aber denke: du hast geheiratet, da reißt schon am nächsten Tag irgendeine dringende Ursache — um von der Gebrechlichkeit des Menschen oder den übrigen Unglücksfällen zu schweigen — dir den Gatten von der Seite, hält ihn, wie es oft vorkommt, zehn Jahre und noch länger weit fern von dir, Was willst du tun? Wirst du in Treue auf seine Heimkehr warten oder wirst du anderweitig ein Heilmittel für deine Glut suchen? Wenn du nun Treue versprichst, so ist das eine Täuschung; deine Erklärung, sie nicht halten zu können, liegt ja schon fest vor. Wenn du aber ein Heilmittel nehmen willst, so kann es zweifellos doch nur darin bestehen, daß du die Flammen deiner Brunst durch die Vorstellung vom Schwert des Gatten dämpfst.  Glaube es mir, die Begierlichkeit findet dort keine Stätte, wo die Geduld vorherrscht, wo man nüchtern lebt, wo man den Tod fürchtet. Stelle daher, was noch besser der Wahrheit und Gerechtigkeit dient, deine Treue und deine Furcht in Beziehungen zu Gott; und wie auch deine Glut sein mag, sie wird sofort erlöschen.

Aber ich verweile bei Dingen, die fast heilig sind, gleich als ob die Verfehlungen, die wirklich zu verfluchen sind, schon gebessert wären. Ich schäme mich, es zu sagen, daß man inmitten eines ernsten Volkes oftmals alte Frauen sieht, die frisch verheiratet sind, die fast mehr Hochzeiten als Geburtstage aufweisen, die man nicht auffordert, daß sie heiraten, sondern denen man wünscht, daß sie im Frieden entschlafen, die näher dem Grabe als einem Brautbett stehen. Und während sie selbst (in Unenthaltsamkeit) untergehen, drängen sie durch ihr beklagenswertes Beispiel auch junge Mädchen zu diesem Untergang. Wo ist ein Sohn, wo ein Gatte, der für solche Frauen Liebe empfindet? Für sie, die verwirrend in die Rechte der Blutsverwandtschaft eingreifen, die die Verdienste ihrer Männer vergessen lassen, die den Lebenden schön tun, den Verstorbenen nachweinen, die bald die früheren, bald die neudazugekommenen Kinder mitsamt den Männern hassen? Und sie sollten im Gegenteil selbst beurteilen, was es bedeutet, was bei solch häufigen Hochzeiten oft vorkommt, daß sie schließlich weder Kinder noch Männer haben. Ebenso liegen die Verhältnisse bei den Ehemännern. Zu ihnen etwas zu sagen, ist überflüssig; denn wenn Mann und Frau in einem Fleische sind, so gilt das dem einen Gesagte beiden. Was ich nun tun soll, wohin ich mich wenden soll, weiß ich nicht. Ich sehe nicht, was ich bei Ermahnungen zum Übertritt zur göttlichen und wahren Religion den Heiden gegenüber rühmend hervorheben soll. Das Glück der Jungfräulichkeit? Sie haben auch ihre Jungfrauen; und wenn sie auch nicht glücklich sind — sie haben sie. Fordere ich auf zum glorreichen Kampf und Sieg der Witwenschaft, so könnten sie uns vielleicht spottend entgegenhalten, daß unsere gottgeweihten Jungfrauen und Witwen um den großen Lohn der Unsterblichkeit, die ihrigen aber ohne Entgelt sich mühen. Aber eines haben wir, in dem wir voraus sind: die Christinnen heiraten mehr entsprechend ihrer Heiligkeit. Und noch dazu: Sie heiraten Heiden! Nicht ohne großen Schmerz oder Gram kann das gesagt werden.

Denn welches Wort, welcher Tadel wäre scharf genug, um das Verhalten von solchen gebührend zu rügen? Von ihnen, die zu ihrem schändlichen Tun noch das Sakrileg fügen, daß sie die Glieder Christi den Sklaven der Dämonen zu eigen geben;  die den Tempel Gottes den Ungläubigen öffnen; die fortwährend sogar das Heiligtum entblößen; die Opfer vermengen, das Licht verlieren und sich der Finsternis freuen, und Götzentempel, nicht ein Privathaus als Heim besitzen? Mit vollem Recht gehen sie zugrunde, sie, die in Undankbarkeit gegen die Gnaden Christi freiwillig wieder zum Tode zurückkehren, dem sie entronnen waren. Denn wenn der Teufel allezeit denen nachgeht, die ihn nicht suchen, so schließet, was er tut, wenn er eingeladen wird, ihm alle Tore zur Schadenstiftung offen stehen und ihm ohne Kampf, ohne jede Mühe den Sieg ermöglichen! Wird er nicht die Frau in seine Gewalt zu bringen suchen, die sich darum beworben, seine Magd zu sein? Was schließlich im Hause, ja was sogar in den Göttertempeln geschieht, kann sich, gläubige Christin, nicht ohne dich vollziehen Und du bist eine unglückliche Frau, wenn du nicht weißt, was im Hause vorgeht; aber sicher bist du noch unglücklicher, wenn du es weißt.

Setzen wir den Fall, der ja oftmal vorkommt, daß ein Fest der verschiedenen Religionen auf denselben Tag fällt, an dem du die Kirche, er die Tempel besuchen soll. Wie wird nun jedes die Vorbereitungen auf sein Opfer treffen? Mit welchen Mitteln? Mit welchen Gefäßen? Mit welchen Dienern? Aber auch in dem Fall, daß diese Dinge gesondert geschehen, nützt es nichts. Denn sie gehen von einem Punkt aus, kehren an einen Punkt zurück und werden, wenn auch nicht durch Vermengung, so doch in der Verbindung mit dem Irrtum eins. Und was soll man dazu sagen, daß sein Opfer ein öffentliches ist, deines ein geheimes? Sein Opfer kann von jedermann frei vollzogen werden, das deinige darf nicht einmal von Christen selbst, die noch nicht die Weihe empfangen, ohne Sakrileg geschaut werden. Schließlich ist es ein erbärmliches Leben, wo die Frau nicht tun darf, was der Mann haben will, wo du voraussetzen mußt, daß er dich nichts tun läßt, wenn er nicht vorher seine Anordnungen fertig hat. Und geschieht das nicht oder findet das Geschehene nicht seinen Beifall, dann hallt das ganze Haus von seinem Streiten, dann wird Gott gelästert; und vielleicht packt er das Gefäß mit deinem Opfer, stößt dich damit auf die Brust, entstellt dir das Gesicht und erweist dir so zuweilen noch einen Gefallen, wenn er dir verbietet, in die Kirche zu gehen. Und doch ist es noch viel schlimmer, wenn du deinem Mann zu Gefallen bist; denn einem sakrilegischen Menschen kann man ohne Sakrileg nicht gefallen. Um es kurz zu machen: Sicher kommt einmal dein Mann vom Tempel nach Hause und erzählt dir notgedrungen, wie die Antworten der Götter auf seine Fragen über euer beiderseitiges Wohl und Zusammenleben ausgefallen sind. Lauten sie schreckenerregend, so wirst du vielleicht in Bestürzung und Furcht, während er selbst untätig bleibt, den Göttern unerlaubte Gelübde darbringen, was ja allerdings auch schon viele getan, die unter gläubigen Ehemännern standen, die noch schlechter waren, nicht Schülerinnen von Eva, sondern Lehrmeister innen; denn Eva hat sich dem Teufel hingegeben, weil sie getäuscht war, diese taten es freiwillig. Sind aber die Antworten friedlich und glückverheißend, so freust du dich sicher darüber und du wirst ihm für solche große Botschaft als willfährige Gattin den Kuß, wenn nicht anbieten, so doch nicht verweigern.

Unglückliche, was tust du? Wahnwitzige, worüber freust du dich? Das ist nicht Friede, sondern Krieg. Das ist nicht ein Kuß, sondern ein Gifttrank. Es ist entsetzlich! Du umarmst Glieder, auf denen noch der Rauch des verbrannten Opfertieres ruht; du trocknest mit deinem Fleisch die Feuchtigkeit des Dunstes der schmutzigen Altäre ab; du scherzest, du liebkosest, du gibst Gewährung. Und wenn gelegentlich von einem Heidenpriester ein Stück von der feierlichen Opferfeier in Empfang genommen und ins Haus gebracht wurde, nimmst du es in Empfang, verwahrst es und bewahrst es auf. Außerdem nimmst du zugleich mit dem Gatten die Speise ein, leerst mit den Lippen schlürfend die letzten Tropfen des dir zugetrunkenen Bechers und weihest gleichsam schonnwieder einen ersten Schluck des nächsten mit deinen Wünschen ein. So nimmst du vollständig und willig den ganzen Geist der Ungerechtigkeit durch deinen Galten in dich auf: der Unselige ist mehr in dir, als er im Tempel zurückgeblieben ist. Nimmst du dich aber in acht und hältst du dich zurück, so wird dein Gatte der Ansicht sein, daß das nicht aus Liebe zur göttlichen Religion, sondern aus Sehnsucht nach irgendeinem andern zur Schändung seiner Ehre geschieht, und er wird die Tugend der Reinheit und Glaubenstreue zu einem Verbrechen stempeln. Gibt es denn etwas Böses, was ein Mann nicht argwöhnt, nicht durchführt, der den grausamen Göttern, den ehebrecherischen Göttern dient? Fliehe daher, Jungfrau, fliehe, Witwe, solche Ehen! Es gibt schlechthin für dich keine Entschuldigung. Kannst du nicht enthaltsam leben, so vervielfältige wenigstens deine Hochzeiten nicht: sonst kannst du an jenem Tag der Auferstehung unter der großen Zahl der Ehemänner nicht mehr feststellen, wessen Gattin du gewesen bist, Sei keine Gottesräuberin: sei keine Verräterin am Gesetz! Warum solltest du einen Heiden heiraten, wenn du einen Christen heiraten kannst?

Traktat VI. Die Geduld.

Wie seine Vorbilder Tertullian und Cyprian, so hat auch Zeno die Geduld im Sinn der Standhaftigkeit des Menschen im Leiden und der Ausdauer im Guten überhaupt zum Gegenstand eines Traktates gemacht. An den benützten Beispielen und einzelnen Gedanken zeigt sich die Lektüre der genannten Schriftsteller. Im übrigen ist er selbständig.

Die Geduld ist die Tugend, der die andern Tugenden zustreben und ohne die keine Tugend sein kann. Ihr Wesen besteht darin, daß sie sich selbst besiegt (Kap. 1). Auch in der Natur zeigt sich die Notwendigkeit der Geduld. Sie findet ihren Ausdruck im Lauf der Sonne und der Gestirne, in den Erscheinungen des Meeres, der Pflanzenwelt und des Tierlebens (Kap. 2). Ungeduldig ist nur der Mensch. Die Ungeduld bringt ihm großen Schaden und hat viel Unglück im Gefolge gehabt. Der Fall Adams, der Brudermord Kains, die Sünde der Sodomiten, die Undankbarkeit der Juden gehen darauf zurück (Kap. 3). Ihr steht die Geduld gegenüber. Ihr Segen zeigt sich an den Beispielen von der Gerechtigkeit Abels und der Rettung Noes aus der Sintflut (Kap. 4), dem glücklichen Ausgang der Opferung des Isaak durch seinen Vater Abraham (Kap. 5), der Gewinnung des Segens und des ehelichen Glückes von seiten Jakobs und der Erhöhung seines Sohnes Joseph (Kap. 6), der schließlichen Zurückgabe des früheren Glückes an den Dulder Job, Die Zeichnung der Geduld Gottes selbst ist in Verbindung mit menschlichen Beispielen nicht angängig. Von ihm geht alle Geduld aus (Kap. 7), Der Traktat klingt aus in einem Lobpreis der Geduld, die alles in sich zusammenschließt (Kap. 8).

Zwar wird das selige Leben, nach dem die Menschheit allezeit in brennender Sehnsucht schmachtet, durch viele Tugenden erstrebt; aber alle laufen doch einmütig gleichsam in einen Hafen ein, den Hafen der Geduld, ohne die man nichts hören, nichts verstehen, nichts lernen und auch nichts lehren kann. Denn tatsächlich ist sie es, auf die alles seinen Blick richtet. Es besteht kein Zweifel: Hoffnung, Glaube, Gerechtigkeit, Demut, Keuschheit, Rechtschaffenheit, Eintracht, Liebe, alle Künste und alle Fähigkeiten, ja selbst die Elemente können nicht bestehen ohne ihre Anweisung, ohne ihre Führung. Sie ist allezeit bereit, demütig, behutsam, klug, umsichtig, in jeder Lage zufrieden, bei jedem Sturmesdrang ruhig. Sie läßt ihre Heiterkeit durch Nebel nicht trüben, Sie kennt keine Reue, Sie weiß nicht, was Streit heißt, Sie vermeidet alle Beleidigungen, oder sie erträgt sie. Man kann fragen, ob man sie für leidensunfähig halten soll; denn wenn sie auch etwas gelitten hat, gibt sie sich, als ob sie nichts gelitten hätte. Vollends ihre Kraft abzuschätzen ist unmöglich: denn für sie besteht der Sieg darin, sich besiegen zu lassen. Keine Gewalt vermag sie von ihrem Platz zu verdrängen, nicht Mühe, nicht Hunger, nicht Blöße, nicht Verfolgung, nicht Furcht, nicht Gefahr, nicht Tod, nicht Folterqualen, die schwerer zu ertragen sind als der Tod selbst, nicht Macht, nicht Ehrgeiz, nicht Glück. Sie bleibt allezeit unerschütterlich; denn sie wird durch eine Art erhabener und göttlicher Mäßigung fest im Gleichgewicht gehalten und bringt alle erregten Geister durch ihre friedvolle Einwirkung zur Ruhe, Und um alles ohne große Mühe zu besiegen, besiegt sie sich selbst zuerst.

Die Naturkräfte könnten nicht das sein, was sie sind: die Elemente würden nicht fortdauernd bestehen; die Zeitabschnitte würden nicht gemäß ihrem vertrauten Zusammenhang zu ihrem regelmäßigen Endpunkt zurückkehren, wenn nicht die Geduld sozusagen wie eine besorgte Mutter über den ordnungsgemäßen Verlauf der Dinge wachte. Denn mag die Sonne noch so sehr abwechselnd die entgegengesetzten Enden der Welt mit wunderbarer Schnelligkeit erleuchten, niemals wird sie vor der geliebten schüchternen Morgenröte erscheinen; und was noch das Größere ist, sie könnte nicht, ich will nicht sagen in zwölf Zeiträume, nein sogar in zwölf Stundenabschnitte sich gleichmäßig verteilen, wenn Ungeduld ihren Lauf beschleunigte. Und wenn auch der Mond, der in seinem einen Monat dauernden Kreislauf manchen nur umherzuirren scheint, niemals den Schein, der sein Alter erkennen läßt, über die Zeit hinaus verlängert, niemals auch ihn abkürzt, — was anderes läßt sich daraus erkennen als die auf Erfahrung gegründete Zucht einer hervorragenden Geduld, die der Anordnung seines Schöpfers dient? Und mag das Meer, wenn es von den Stürmen gepeitscht aufbraust, noch so sehr an seiner ganzen Fläche toben, mit seinen Schaumbergen, die allenthalben wie Glas glänzen und in fortwährendem Wechsel bald zum Himmel emporsteigen, bald den Grund suchen, mit seinen dräuenden Massen von rasenden Wellen: es bricht doch nach dem mattgewordenen Rückschlag seiner letzten Brandung, gleich als ob es das Recht des Festlandes anerkennen und seine Verletzung meiden wollte, in wunderbarer Geduld in sich selbst zusammen und wird durch dieselben Fluten, durch die es zusammengeschlossen wird, auch zurückgehalten. Die Geduld verleiht den grünenden Wiesen, den reifenden Ährenfeldern, den fruchtgebogenen Reben, den grauen Olivenbäumen ihre Fruchtbarkeit wie ihr reizvolles Aussehen; denn sie duldet es nicht, daß die Früchte jeder einzelnen Jahreszeit durch Ungeduld zum Schaden der andern zu früh zur Reife gelangen. Was wollen die reizenden Unterhaltungen der verschiedenen Vögel? Was wollen die im Schreiben geschickten  Kraniche in der Luft mit ihrem steil ansteigenden Flug? Was wollen die unzähligen keilförmig gestalteten, nach dem Alter abgestuften Züge der verschiedenartigen Fische unter ihren Führern? Wenn sie der Forderung der Jahreszeiten gehorchen und in schön anzusehender Ruderfahrt die Wasser durchfurchen oder die Luft durchschneiden, — bedeutet das nicht, daß sie geduldig kommen und geduldig wieder fortziehen?

Der Mensch allein ist voreilig, ist ungeduldig, hat seine Freude an den täglichen verkehrten Umgestaltungen, Er sinnt auf Abwechslung, fühlt sich unglücklich, wenn er der ist, der er ist; er sieht nicht ein, daß es an Wahnsinn grenzt, wenn der Geist nicht in seinem Zustand verharrt. Was ist die Ungeduld anders als ein wankelmütiger Geist, der durch seine zahlreichen heftigen Gemütserregungen sich selbst bekämpft; ein Geist, der auch sich selbst untreu ist; ein Handeln, das unvorsichtig, schwankend, blind, unbedacht, unbeständig, sich vollständig ins Verderben stürzt; eine Sache ohne Inhalt, ein Unternehmen ohne Bedeutung? Sie greift alles zu rasch an, sie bringt alles in einem Augenblick auseinander; sie ist die Mutter von Verbrechen, die Lehrerin von Neugier, der Höhepunkt der Verwegenheit, die Urheberin und Lehrmeisterin von fluchwürdigen Übeln. Es geht auf sie zurück, daß der Tod von Anbeginn der Welt an das Heil der Menschen vernichtet hat und noch vernichtet. Adam befand sich in der Sicherheit des Paradieses und nannte die Herrschaft über den seligen Erdkreis, selbst am seligsten, sein eigen; und er lebte solang glücklich, solang unvertreibbar, als er den Inhalt des königlichen Gebotes beobachtete. Als er aber unglückseligerweise einwilligte, von der verführerischen neidischen Schlange die Ungeduld einzutauschen, und als er von dem (nicht zu berührenden) Baum den verderblich süßen Apfel kostete, da fand er Tränen, da schuf er sich selbst Schmerz und Gram, Dornen und Disteln; und nachdem er selbst die Zerrüttung des Todesschweißes erfahren hatte, hinterließ er noch seinen Nachkommen als Erbe den alle Ordnung zerstörenden Tod, der denn auch bald den Menschenmord erzeugte. Denn es dauerte nicht lange: Ungeduldig lechzte Kain, neidisch wegen der Opfer gäbe seines Bruders, nach dessen Tod; und obwohl Gott sein Tun sieht, wird er zum Brudermörder. Er läßt sich auch durch dessen warnende Stimme nicht zurückhalten, sondern versteift sich immer mehr darauf, bis die schon begonnene böse Tat durch Blutvergießen verdoppelt wird. Es wundert sich der Erdkreis, der noch unbewohnt ist, daß er für zwei zu klein ist. Es wundern sich die Elemente, daß ein Mensch, der nach dem Bild und Gleichnis Gottes geschaffen ward gemordet werden kann und noch dazu von seinem Bruder. Es errötet die unentweihte Erde, die nunmehr durch frommes Blut befleckt ist. Nur der unglückselige Kain jubelt. Und weil er keine Zeugen hatte, glaubt er die Untat nicht begangen zu haben: und doch hat ihn Gott gesehen, sein Gewissen macht ihm Vorwürfe, das Blut des Bruders wird zum Ankläger. Was soll ich sagen von der Ungeduld der Bewohner von Sodoma? Dort, wo Männer von Männern in sündhafter Weise mißbraucht wurden, brannte ein von Gott gesandtes Feuer das Feuer der unnatürlichen Begierde aus; denn ein Regenguß, von Gott vom Himmel herabgesandt, aus Feuer und Schwefel bestehend, vernichtete in stürmischem Strafgericht den Bund, der sich zu dem dort heimischen Frevel zusammengeschlossen, indem Männer, unglückseliger als die ihnen Verfallenen, Fremdlinge mit der Waffe der Scham verfolgten und von hinten schändeten. Die Juden murren laut in Versammlungen; sie zerstören die Altäre Gottes, wenn sie ihrer Anbetung Ausdruck geben; sie töten auf verschiedene Art ihre Propheten; sie suchen in übergroßer Liebe auch Moses zu steinigen; sie kämpfen mit den verschiedensten Mitteln gegen den Herrn und suchen vielen Göttern und Königen zu dienen, sie, die in ihrer Ungeduld dem einen Gotte nicht zu dienen vermochten.

Doch genug der Beispiele von Ungeduld! Man soll nach meiner Meinung nicht geflissentlich das hervorheben, was man zu unterdrücken wünscht. Um so mehr, da es im Wesen der Ungeduld liegt, daß sie niemals in ihrem eigenen Bereiche bleibt, sondern sich ganz in der Öffentlichkeit ausbreitet; daß sie davon lebt, daß man von ihr spricht; daß sie bald da, bald dort aufbraust und blindlings in verschiedenfacher Weise zum Ausdruck kommt; daß sie aber besiegt ist, wenn Totschweigen den Glanz ihres Ruhmes verdunkelt. Kehren wir nunmehr zur Tugend der Geduld zurück, die unsern Vorfahren durch ihre ausgezeichnete Kraft für die Ewigkeit Ruhm und Heil gebracht! Abel ist deshalb Märtyrer, weil er gerecht war;1 und er ist deshalb gerecht, weil er geduldig war; von ihm haben die Märtyrer gelernt, zu dulden, indem sie gern das dulden, was sie nicht verdienen. Noe glaubt auf das Wort Gottes hin, daß die Sintflut, durch die alles Fleisch von Grund aus vertilgt werden sollte, bald bevorstehe, und er bangt davor. Aber er fügt die Arche, die er bauen soll, um mit den Seinen gerettet zu werden, nicht in überstürzter Eile zusammen; und er bringt das so große Werk nicht wie ein Draufgänger oder Narr über Hals und Kopf zur Ausführung, nein — er baut es geduldig, stattet es geduldig aus, bevölkert es geduldig mit verschiedenen Tieren. Er wartet geduldig die Zeit ab, da er einziehen muß, die Tür schließen muß; er verdient es, gerettet zu werden, weil er inmitten der so großen Furcht, die den ganzen Erdkreis erfaßte, sich nicht übereilt, gerettet zu werden.

Nun muß ich die merkwürdige Versuchung Abrahams erwähnen, die ihn gottlos werden ließ, wenn er den Befehl Gottes mißachtete, oder grausam, wenn er den Sohn tötete, wenn er nicht bei Vollziehung seines Auftrags mit einer geradezu einzigartigen und wahrhaft göttlichen Geduld Gottesliebe und Vaterliebe gleichmäßig berücksichtigt hätte, indem er in Hoffnung Gott nicht verweigerte, was er gegen alle Hoffnung von ihm empfangen. Er achtete Isaak, seinen süßen Sohn, für nichts, weil er Gott als Opfer noch süßer war, um ihn schließlich dadurch sich zu erhalten; er bestimmte ihn zur Tötung, um ihn dann doch nicht töten zu müssen; er tut es in der sicheren Überzeugung, daß er nicht unrecht handeln könne durch eine Tat, die auf Veranlassung Gottes geschah. Es ist ein Schauspiel, neu und wahrhaft Gottes würdig I Man kann bei ihm schwer entscheiden, wer geduldiger ist, der opfernde Priester oder das Opfer. Nicht der Vater, der den Tod vollziehen soll, nicht der Sohn, der den Tod erleiden soll, wechselt die Gesichtsfarbe; ihre Glieder zittern nicht in Furcht; ihr Blick ist nicht niedergeschlagen, nicht finster. Keiner bittet, keiner bebt, keiner stammelt eine Entschuldigung, keiner zeigt Unruhe. Damit es nicht doch als Kindesmord erscheint, trägt der Sohn für sich selbst das Holz herbei, auf dem er verbrannt werden soll; der Vater errichtet einen Altar. Der Vater entblößt das Schwert, der Sohn den Nacken. Aus einem Opferwillen, aus einem Gehorsam heraus, und um alles Unheilige fernzuhalten, vollzieht sich mit Sorgfalt und Geduld, was der eine von beiden zur Feier unternimmt. Trotz der so großen Furcht, die in solchem Fall nicht allein der Mensch, sondern sogar die Natur empfindet, sind sie heiter. Das Gefühl tritt allein zurück hinter der Kindesliebe, (beim Vater) die Vaterliebe hinter der Religion. Und für beide (Vater und Sohn) wird die Religion zum Segen. Das Schwert bleibt, durch kein Hindernis gehemmt, in der Mitte schwebend: es staunt, daß es bei dieser schrecklichen Schlachtung (Opferung) nicht zu einem Verbrechen gedient, sondern zu einer Ruhmestat. Was hat das zu bedeuten? Siehe die Unmenschlichkeit wandelt sich zu Glaubenstreue, die Freveltat zu einem Sakrament; der Kindesmörder kehrt, ohne von Blut befleckt zu sein, zurück; derjenige, der geopfert worden, lebt! Beide vermitteln sich gegenseitig Ruhm, beide stellen ein Beispiel der Liebe dar und für alle Zeiten ein wunderbares Zeugnis von Gottesverehrung Brüder, die Welt wäre glücklich, wenn alle auf solche Art Kindesmörder würden!

Jakob hat durch Geduld sowohl den Segen des Vaters als auch den Bruder gewonnen. Er überwindet seinen Zorn, um dereinst sicher zurückzukehren; er empfiehlt das Haus seinem Vater und geht in Ruhe und in versöhnlicher Stimmung von dannen, um so darzutun, daß er das, was er errungen, verdient und nicht erschlichen hatte. Und damit niemand diese Geduld als Furchtsamkeit bezeichne und damit ihren Glanz verdunkle, gestalteten sich auch die Verhältnisse bei der Heimführung seiner Frauen so: Er nimmt Lia als seine Gattin an; er hält auch die ausbedungenen Zeiträume seiner Dienstleistung ein; er nimmt willig alle Aufträge seines Schwiegervaters auf sich. Wäre er ungeduldig gewesen, hätte er, durch dessen Verschlagenheit übervorteilt, nicht abermals um Rachel die gleiche Zeit gedient.  Ähnlich zeigte sich auch Joseph geduldig, als er von den Brüdern von der Weide weggerissen wurde; geduldig, als er in den Brunnen geworfen ward; geduldig, als er auf harte Weise versteigert wurde; geduldig im Kerker, geduldiger noch auf dem Königsthron, und am geduldigsten, als er die heißersehnten Brüder erkannte: denn da, wo die Prahlsucht sich nicht beherrschen kann, beherrschte er sich, nämlich in hoher Ehrenstellung. Das ist wirklich himmlische Geduld, die weder Drangsal, noch Glück, noch Gemütsempfindung aus ihrem Gleichgewicht zu bringen vermag.

Was der Teufel, den man nicht einmal zu ertragen vermag, wenn er schön tut, in Wut gebracht gegen Job zu ersinnen fähig war, läßt sich denken. Um so mehr, da er von Gott die Vollmacht erhielt, zur Prüfung des Gerechten alle Waffen und alle Mittel, die er in seiner alteingewurzelten schrecklichen Bosheit zur Verfügung hatte, zur Anwendung zu bringen. Daher war der Kampf, der da gekämpft ward, ein neuer und kaum glaublicher. Der Teufel kämpft wie noch nie: aber Job kämpft noch stärker dadurch, daß er sich nicht um ihn kümmert. In einem Augenblick vernichtet der Teufel Jobs großes, reiches Besitztum; er begräbt in der Eile seiner übergroßen Grausamkeit, schon bevor er sie tötet, die blühende Schar von dessen heißgeliebten Kindern unter den Trümmern des Daches und der Wände des Hauses, das in heftigstem Sturmwind zusammengestürzt. Und schließlich bedeckt er Job selbst, den er um seinen großen Reichtum gebracht, mit großen Geschwüren, in die er noch gefräßige Würmer einließ, damit so zur Qual des Sterbenden die äußere Wunde zugleich mit dem Menschen durch die innere Wunde zu Ende komme (7). Aber Job wußte, noch weitaus tapferer gegen sich selbst, in ruhiger Erwartung alle Anstrengungen seines Gegners abzuwehren, gewann alles, was dieser Krieg ihm zerstört hatte, in besserem Zustand wieder und hat so den Stand seines früheren Glückes dadurch, daß er keinen Wert darauf legte, nicht verloren, sondern nur geändert.  Die Geduld des Herrn wage ich hier nicht zu erwähnen: es könnte ein Unrecht an Gott sein, wenn er unter Menschen genannt würde; denn ein Lob ist für den nicht entsprechend, dem ein angestellter Vergleich den Vorrang benimmt. Da schlechterdings alle Erwählten und überhaupt alle Seligen es durch seine Gnade sind, ist es eine Schmach, den Herrn zu loben, wenn man nicht einmal seinen Diener gebührend loben kann.

Ach, wie gern möchte ich dich, Geduld, Königin aller Dinge, noch mehr durch mein Leben lobpreisen, wenn ich nur dazu imstande wärel Ich weiß ja, daß du mehr in deiner Lebensführung, in deinen Grundlagen, in deinen Ratschlägen Befriedigung findest als in fremden nichtssagenden Redensarten, und daß du auch nicht so sehr deine Ehre darein setzest, die Tugenden zu vermehren, als sie zur Vollkommenheit zu führen. Du gewährst der Jungfräulichkeit, daß ihre Blume durch keine Krankheit, durch keine Zeit je verblüht. Du bist der sicherste Hafen für die beklagenswerte Witwenschaft, die allezeit in den zahlreichen Stürmen der verschiedenen Lebensperioden steht. Du einigst diejenigen, welche das hochheilige Joch der Ehe auf ihren dessen noch ungewohnten Nacken nehmen, wie ein erfahrener Fuhrmann mit sanftem Zügel zum gleichen Zug nach Arbeit und Liebe. Du lehrtest die Freundschaft, dasselbe zu wollen und dasselbe nicht zu wollen. Du bist für die Sklaverei der einzige und stärkste Trost und verschaffst ihr des öfteren die Freiheit. Du beweisest der Armut, daß sie in ihrer Zufriedenheit mit dem Ihrigen alles besitzt, wenn sie alles erträgt. Du hast die Propheten Christus vorausgesandt. Du hast die Apostel zu innigem Anschluß an Christus gebracht. Du bist für die Märtyrer täglich Mutter und Krone. Du bist die Mauer des Glaubens, die Frucht der Hoffnung, die Seele der Liebe. Du knüpfst in ganz besonderer Art, so wie man gelöste Haare zu einem Scheitelknoten knüpft, das ganze Volk und alle Tugenden zusammen zu Ehr und Zier. Selig, in Ewigkeit selig ist der, der dich immer in sich trägt!

Traktat VII. Die Demut.

Der Traktat stellt eine exegetische Erklärung von Psalm 130, V. 1 und 2 dar. Er weist an vier Stellen starke, zum Teil wörtliche Entlehnungen aus dem Psalmenkommentar des Hilarius auf. Die naheliegende Vermutung, daß der Traktat eine Skizze von Hilarius selbst sei, ist trotzdem mit den Herausgebern Ballerini abzulehnen. Abgesehen von der handschriftlichen Bezeugung verrät der Stil die Autorschaft Zenos, die mehrfach gebrauchte Anrede auch den Charakter einer Predigt. Mit dem Titel „Die Demut“ fügt er sich in die Behandlung der übrigen Tugenden ein; Doch scheint er nicht vollständig oder nur eine Skizze Zenos zu sein; er läßt namentlich die in Zenos ausgearbeiteten Traktaten hervortretende Zusammenfassung und Schlußmahnung vermissen.

Die Beweisführungen der griechischen Philosophie gehen in ihren Zielen viel zu weit. Und sie sind in dem Streben, auch Gott zu erkennen, auch in die Kirche eingedrungen. Das ist nach den Worten der Hl. Schrift als Hochmut zu bezeichnen (Kap. 1). Psalm 130 legt aber die Demut nahe, und zwar zunächst die Demut des Herzens. Sie lehrt auch der Herr, besonders in seiner Menschwerdung (Kap. 2). Weiter lehrt er die Demut der Augen. Von ihrer Vernachlässigung kommen alle Sünden der Fleischeslust, Augenlust, Hoffart des Lebens (Kap. 3). Auch die Fortsetzung des Psalmes im nächsten Vers empfiehlt die Demut. David, der Verfasser des Psalmes, ist hierfür selbst ein Vorbild (Kap. 4). Der nächste Vers zeigt die Übung der Demut als die Erhabenheit der Seele. Hierfür ist Beweis der Bericht über den Pharisäer und Zöllner im Tempel (Kap. 5).

Die Weisen Griechenlands, als die sie gelten wollen, sind mehr als die andern Grübler und haben in ihrem müßigen Streben ihr Herz mehr, als recht ist, ob ihrer überkühnen Beweisführungen erhoben. Wenn dieselben in ihren Worten bis zum Himmel hinaufsteigen; wenn sie die Welt davon überzeugen wollen, daß Gott das ist, was sie ihn sein lassen wollen; wenn sie derselben weismachen, daß sie die Geheimnisse der Natur kennen; wenn sie den Sternen Namen beilegen, der Sonne ihre Aufgaben vorschreiben; wenn sie dem Lauf des Mondes seine Wege anweisen; wenn sie ganz besonders verlangen, daß der Ausspruch ihres Geistes gläubig aufgenommen wird: so haben sie damit sich und andere ins Verderben gestürzt. Denn sie haben ihre aus ihren Schulen stammenden falschen Anschauungen, allerdings unter Änderung der Bezeichnung und der Religion, auch bis in die Kreise der Kirche gebracht, gleich als ob dieselbe durch Träumereien je eine Förderung erfahren hätte, so daß jetzt auch in ihr jeder, der solch wahnwitzige Einfälle, hat, Gott nicht anbeten, sondern ergründen will. Das tun jetzt die Ungläubigen. Aber wir wollen hören, was die göttliche Schrift über sie sagt: Ihre Worte lauten: „Sie haben die Wahrheit unter den Menschenkindern zum Schwinden gebracht. Sie reden Lügen, ein jeder zu seinem Nächsten; ihre Lippen sind voll Trug; sie reden mit doppeltem Herzen. Möge der Herr alle Lippen voll Trug vertilgen und die großspecherische Zunge von denen, die da sagen: Laßt uns unserer Zungen Macht zeigen; unsere Lippen stehen uns bei; wer ist unser Herr?“

Solchen Stolz eines aufgeblasenen Herzens vermied der Prophet, wenn er zum Herrn sprach: „Herr, mein Herz hat sich nicht erhoben.“ Aber, wenn geschrieben steht: „Der Mensch sieht das Äußere, Gott in das Herz,“ erscheint es da nicht frevelhaft oder wenigstens überflüssig, Gott darlegen zu wollen, was er doch weiß. So ist es nicht. Der Prophet legt es dar, aber für uns. Von uns wünscht er, daß wir nachahmen, was er tut und spricht. Wenn er sagt: „Mein Herz hat sich nicht erhoben“, so lehrt er, daß das beste Opfer für Gott ein zerknirschtes Herz ist. Deshalb darf man, meine Brüder, im Glück sich nicht überheben, sondern man muß sich mit dem Zügel der Scheu stets innerhalb der Schranken der Demut zurückhalten, so daß wir es verdienen, zu erfahren, was die Schrift sagt: „Der Herr ist nahe denen, die bedrängten Herzens sind, und hilft denen, die demütigen Geistes sind.“ Und vernehmet auch, wozu der Herr selbst uns mahnt mit gnädigem Verheißungswort: „Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken, Nehmet mein Joch auf euch und lernet von mir; denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen; so werdet ihr Ruhe rinden für eure Seelen.“ Unser Herr, Brüder, ist demütig von Herzen; die unaussprechliche Macht seiner Weisheit und Kraft kommt in seiner Annahme der Menschheit noch in einer bewundernswerteren Art zur Erniedrigung, weil er so groß und so gewaltig ist. Und da erhebt ein grübelnder Mensch sein Herz und sucht die Höhe des Herrn zu fassen, während er ihm in der Demut nicht folgt!

Es folgt dann weiter: Der Prophet sagt: „Und meine Augen sind nicht erhoben.“1Bei den Augen ist die Sache noch bedenklicher. Die Überhebung des Herzens berührt nur wenige, die Überhebung der Augen aber alle. Was von ihnen Johannes seinen Schülern predigt, ist ja allen geläufig. „Liebet nicht die Welt“, sagt er, „noch das, was in der Welt ist.“ Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm; denn alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit des Fleisches und Begierlichkeit der Augen und Hoffart der Welt.“ Die Augen sind es, auf deren Anregung alles geplant, unter deren Führung alles in Angriff genommen, unter deren Hilfe alles vollendet wird, was in der Welt tagtäglich durch Sinnlichkeit, Ehrgeiz, Habsucht zu leidenschaftlichem Ausbruch kommt. Es ist deshalb beides nichtig: Die Überhebung des Herzens erntet keine Früchte, die Über hebung der Augen, die sich vom einen zum andern immer höher richtet, verliert durch ihre flüchtige Unbeständig keit alles, was sie sieht.

Sodann folgt: „Denn ich gehe nicht mit Dingen um, die zu groß und zu wunderbar für mich sind.“ Nun sind aber auch die Aussprüche Gottes groß; nun ist auch er wunderbar in hohen Dingen. Wenn nun der Prophet in Gefahr hätte kommen müssen, wenn er nicht mit solchen Dingen umging, wie kam er dazu, es als ein gutes Werk seinerseits anzurechnen, wenn er von solchen Dingen sich entfernte, mit denen er umgehen mußte? Das Folgende, Brüder, gehört zum Vorausgehenden; denn er spricht von weltlichen Dingen. Er sagt, er sei nicht mit großen und wunderbaren Dingen umgegangen; er meint nicht mit solchen von Gott, sondern er meint: nicht mit solchen, die von den Menschen auf dieser Welt als groß betrachtet werden. Und wenn er beifügt: „Für mich“ (zu groß und wunderbar), so gibt er zu erkennen, daß er niemals hochmütig war, wenn er konnte. Denn niemand überhebt sich leichter, als derjenige, den unerwartet eine hohe Stellung emporgeführt. David war klein, unbeachtet, unbekannt im Haus seines Vaters, und da er immer die Schafe weidete, dort nahezu ein Fremdling. Mit seinen harmlosen Tieren galt er selbst als harmlos. Und so gefiel er Gott. Er wurde zum König gesalbt, zum prophetischen Sänger begeistert: aber er wurde in seinem Königtum nicht stolz und hat als Prophet niemanden in Schrecken versetzt. Er wandte die Macht des Königtums nicht an, um die erfahrenen Beleidigungen zu strafen. Er liebt seine Hasser; er schont seine Feinde; er verzeiht den Söhnen, die den Vater morden wollten; er will sogar seinen Verfolger und, was noch mehr ist, seinen König, der ihm mehrfach von Gott selbst in die Hände gegeben war, lieber immer weiter fürchten als töten; denn er will dankbar für die Veränderung seiner Stellung in Beibehaltung des ihm von Gott gewordenen Amtes demselben gefallen. Er ist als König milde, als Vater liebend, als Prophet bescheiden; er kann alles, aber er laßt alles unbeachtet. Er wird durch die großen und wunderbaren Dinge der Welt kein anderer: er bleibt nach wie vor allenthalben der sanfte und demütige Hirte.

Und darnach fügte er noch bei: „Wenn ich nicht demütig gesinnt war, sondern meine Seele erhob.“ Laßt uns sehen, ob nicht etwa der Prophet sich selbst widerspricht, wenn er sagt, er habe seine Seele erhoben, während er sich doch rühmt, daß er sein Herz nicht erhoben habe. Er widerspricht sich nicht, sondern zeigt nur, daß die Erhabenheit der Seele darin besteht, Stärkeres zu überwinden. Denn: „Wer sicherhöht, der wird erniedrigt, und wer sich erniedrigt, der wird erhöht.“  Das erhobene Herz bedeutet eine Erniedrigung der Seele, das im Zaum gehaltene Herz eine Erhöhung der Seele. Zeugen hierfür sind die beiden Männer, die das Wort des Propheten durch ihr Tun erklären, der Pharisäer und der Zöllner im Tempel. Der Pharisäer hebt in törichter Weise die Hände zum Himmel empor, die Hände, die oftmals für Mordtaten, oftmals für Raub Dienerinnen gewesen. Er hebt anmaßender Weise die Augen empor, die Augen, durch deren Verführung die Welt in ihrem Reiz ersteht. Er spricht laut mit der Zunge, der Zunge, die niemals frei ist von dem Gift der Schlange. Und was der größte Wahnwitz ist: er rühmt sich selbst Gott gegenüber. Der Zöllner betet nicht zu Gott mit einzelnen Gliedern; er betet mit seinem ganzen Wesen. Denn er ist in seiner Furcht durch und durch bescheiden, indem er seine Sünden bekennt; und indem er wiederholt an die Brust schlägt, aus der nach dem Wort des Herrn alle Sünden hervorgehen, züchtigt er sozusagen sein Herz demütig mit seiner Hand; und er erbittet von Gott Verzeihung seiner Sünden nicht mit lauter Stimme, sondern in Stillschweigen. Und nun höret, was jeder erreicht: Derjenige, der sich alles versprochen hatte, ging leer aus; derjenige, der nichts zu erhoffen gewagt, verließ den Tempel gerechtfertigt.

Traktat VIII. Die Furcht.

Wie Traktat VII, so knüpft auch dieser Traktat an ein Psalmwort an. Psalm 127, Vers 1, gibt dem Prediger Veranlassung, über die Furcht, näherhin über die Gottesfurcht zu sprechen. Auch dieser Traktat verrät an wenigstens drei Stellen die Lektüre und Benützung der Ausführungen des hl. Hilarius zu diesem Psalm in seinem Psalmenkommentar.

Die Sprache kennt nur ein Wort für Furcht. Aber es gibt zwei Arten von Furcht, die natürliche Furcht und die Furcht Gottes. Die natürliche Furcht macht sich bei verschiedenen Veranlassungen geltend; die schlimmste ist die Furcht des (bösen) Gewissens (Kap. 1). Aber der Psalmist verheißt die Glückseligkeit nur demjenigen, der Gott fürchtet. Gottesfurcht hat zwar jedes Wesen. Aber die Glückseligkeit tritt nur dann ein, wenn sie nicht aus Notwendigkeit, sondern aus Religiosität hervorgeht. Diese Furcht ist die uns notwendige Furcht (Kap. 2). Von ihr waren Daniel, Jonas, die Apostel, Petrus, Thekla erfüllt. Die andern Arten von Furcht bringen bei Steigerung dem Menschen schließlich den Tod; die Gottesfurcht aber macht ihn unsterblich (Kap. 3).

Das Wort Furcht ist zwar, geliebteste Brüder, dem Wortlaut nach nur ein Wort: zieht man aber die Bedeutung in Betracht, so ist Furcht von Furcht zu unterscheiden. Es gibt nämlich zwei Arten von Furcht: die eine ist die Furcht Gottes, die andere die natürliche Furcht. Die natürliche Furcht entsteht im Menschen; die Furcht Gottes wird gelernt und gelehrt; denn sie besteht nicht im Zittern, sondern ruht auf dem Grunde der Lehre, wie geschrieben steht: „Kommet, Kinder. Höret mich: ich will euch die Furcht Gottes lehren.“ Die natürliche Furcht wird nicht erst gelernt, sie überfällt uns auf Grund unserer Schwachheit; denn du rufst ja nicht etwa auf künstliche Weise die Furcht vor dem Gegenstand deiner Furcht hervor; du fürchtest vielmehr das, was du nicht willst, daß es dir zustößt. Solche Furcht entsteht aus verschiedenen Veranlassungen: so, wenn aus dem Bewußtsein einer Schuld heraus sich mächtig das Gewissen regt; oder wenn die Hand eines Feindes mit dem Schwert drohend das Leben in Gefahr bringt; oder wenn einem Wanderer auf seinem Wege sich eine Schlange entgegenstellt, zum Biß emporgerichtet, mit ihren leuchtenden Schuppen glühend, giftgeschwollen; oder wenn ein wütend gewordenes wildes Tier, nach Blut gierig, unter Gebrüll, das schon aus nächster Nähe kommt, sich dem Fliehenden auf den Rücken stürzen will; oder wenn das Schiff bereits die Steuerruder verloren hat und ächzend inmitten der mit ihm kämpfenden Winde und Wogen vor dem Schiffbruch steht. Das Schlimmste von all dem ist die Furcht des Gewissens; denn alle angeführten und ihnen ähnlichen Dinge gehen vorüber, wenn man sie glücklich überstanden; die Furcht des Gewissens aber verschwindet nicht.

Nun wollen wir sehen, wie es zu verstehen ist, wenn der Prophet sagt: „Glückselig sind alle, die den Herrn fürchten,“ Wenn alle, die den Herrn fürchten, glückselig sind, so gibt es niemanden, der nicht glückselig ist. Denn es gibt kein Volk, es gibt kein Tier, es gibt schließlich überhaupt kein Lebewesen, das nicht Gott fürchtet. Aber: wenn wir plötzlich mit Schrecken Geräusche vernehmen, weil allenthalben die Angeln der Welt erschüttert sind; wenn in ganz ungewohnter Weise der Himmel in schrecklichem Krachen ertönt; wenn schwere Wolken undurchdringliche Finsternis hervorrufen und aus ihr wie Feuerschlangen Flammen an Flammen aufleuchten und zuweilen das Licht des unterbrochenen Tages vortäuschen; wenn unter den Blitzes strahlen vieles, vieles in Flammen aufgeht; wenn die Erde entweder bebt oder sich im geöffneten Krater in sich selbst zurückzieht: so kann dabei von Glückseligkeit da nicht die Rede sein, wo die Furcht nur aus der Not und nicht aus der Religiosität quillt. Hören wir deshalb, wozu die Schrift uns mahnt: „Und nun, Israel, was fordert der Herr, dein Gott, von dir anderes, als daß du den Herrn, deinen Gott, fürchtest und auf seinen Wegen wandelst und ihn liebst und seine Gebote hältst aus ganzem Herzen und aus ganzer Seele, damit es dir gut ergehe.“ Seht ihr nun, daß solche Furcht für uns eine Notwendigkeit ist? Die Furcht, die auf der Liebe Gottes beruht; die aus eigenem freien Willen hervorgeht; die ihre Ehre in der Anerkennung des Willens Gottes sieht; die entschlossen ihren Weg zu allen Arten von Tugenden nimmt; die getreulich allen Geböten Gehorsam leistet; die ohne äußern Zwang in Unschuld lebt und die Gerechtigkeit in besonderem Maße pflegt; die unermüdlich darauf ausgeht, nichts zu fürchten außer Gott, den sie liebt.

Mit der Hilfe dieser Gottesfurcht hat Daniel unbewaffnet den Drachen getötet, der dem Volke ein Schrecken war; und hat, den Löwen vorgeworfen, in Todesgefahr Speise zu sich genommen, er, der, wenn er nicht in Todesgefahr war, zu fasten pflegte. In dieser Furcht vor dem Herrn scheute sich Jonas nicht, sich freiwillig dem Schiffbruch preiszugeben; sein Sturz war mitleiderregend, mitleiderregender noch, daß er im aufgesperrten Rachen des Meerungeheuers begraben ward; und doch erreichte er dadurch den Strand, den er ersehnte, schon bevor er ihn mit den Augen sah ; er war glücklicher in seinem Grab als in seinem Schiff. Während des Gebetes bebte der Berg; aber nur der Berg zitterte, nicht die Apostel. Petrus wird von den Meereswogen getragen; aber er sinkt nicht unter, er wandelt auf ihnen; die Meerestiefe scheut sich, ihn, der sich nicht fürchtet, zu verschlingen; aber ganz verleugnet sie ihre Natur nicht, damit er nicht schließlich nicht glaube, daß er mit dem Fuß auf dem Meere gewandelt. Gegen Thekla  zückt ein erbittertster Ankläger das Schwert seiner Rede; die staatlichen Gesetze wenden mit ihren Vertretern sich in Wut gegen sie; wilde Tiere werden gegen sie zur höchsten Wut gereizt, aber sie zeigen sich milder als die Menschen. Und damit auch gar nichts bei diesem grausamen unmenschlichen Schauspiel fehle, werden auch Meerungeheuer auf sie losgelassen. Und die Jungfrau wird aller ihrer Kleider beraubt, dafür in eine leuchtende Wolke gehüllt. Und während bei soviel Todesvorbereitungen den Zuschauer Furcht erfaßt, überwindet sie selbst furchtlos alle Arten von Schrecken; unversehrt, gleichsam den Erdkreis zu ihren Füßen, verläßt sie die schrek-kensvolle Umfassung des Schauplatzes, der ihr den Tod bringen sollte, nicht beklagenswert, sondern bewundernswert, als triumphierende Siegerin über die Welt, sie, von der alle geglaubt, daß sie so vielen Martern erliegen müsse. Sieh, das ist die Furcht, die notwendig ist! Es ist die Furcht, die nur das eine erstrebt, glückselig zu machen; die durch das Bemühen darum zustande kommt, nicht durch ein Ungefähr; die aus freiem Willen hervorgeht, nicht durch die Not erzeugt wird; die in der Gottesverehrung (Religiosität) wurzelt, nicht im Schuldbewußtsein; die eine Furcht Gottes ist, nicht eine Furcht der Natur. Und wollt ihr wissen, worin ihre Eigenart besteht? Alle Arten von Furcht bringen diejenigen, die sie befallen, in ihrer Steigerung schließlich zum Tod; die Furcht Gottes steigert sich nur zu dem einen Ziel, denjenigen, der sie besitzt, unsterblich zu machen.

Traktat IX. Die Habsucht I.

Die drei folgenden Traktate behandeln die Habsucht. Sie sind wohl nicht aneinander anschließend gehalten, sondern zu verschiedenen Zeiten, aber wegen der Gleichartigkeit von den Herausgebern des Themas zusammengefaßt worden.

Traktat IX zeichnet die Verbreitung der Habsucht, die sie schließlich gar nicht mehr als Verbrechen erkennen läßt. Sie ist die Wurzel aller Übel (Kap. 1). Für sie gibt es keine Hindernisse und keine Rücksichtnahme. Ihre Folgen sind schreckliche, treffen aber zuweilen den Habsüchtigen selbst (Kap. 2). Der Mensch soll sich an den Tod erinnern (Kap. 3). Die Formen der Habsucht sind verschieden (Kap. 4). Und dabei denkt der Mensch nicht an die Gefahren der Habsucht und an das dereinstige Gericht. Im übrigen vermag sie auch keine Befriedigung zu gewähren (Kap. 5). Der Traktat schließt mit einer Anerkennung seiner Zuhörer und dem Ausblick auf das himmlische Jerusalem, das alle Schätze aufweist, aber keine Habsucht kennt (Kap. 6).

Es ist kein vereinzeltes und kein leichtes Verbrechen, Brüder, wenn jemand und vollends wenn ein Christ in den Banden der Habsucht liegt und geblendet durch die unheilvolle Finsternis einer tiefen Nacht elendiglich in den tiefsten Abgrund stürzt. Aber weil die ganze Welt von dem Feuer dieser pestartigen, unauslöschlichen Leidenschaft bis zur Gluthitze mitgerissen ist, hat die Habsucht offenbar aufgehört, ein Verbrechen zu sein; es gibt niemanden mehr, der sie als solches überführen könnte. Denn wo man hinsieht, stürzen alle Menschen in unersättlicher Gier sich auf schändlichen Gewinn; es findet sich schlechthin niemand mehr, der ihr, wenn auch nur für einen Augenblick, die Zügel der Gerechtigkeit anlegen würde. Ohne Ruh und Rast braust sie allezeit auf, wütet, kämpft, raubt, rafft zusammen, bewahrt auf, hält das eigene Gut zäh zurück, trägt nach fremdem Begehr, ist aber weder mit dem eigenen, noch mit dem fremden und auch nicht mit der ganzen Welt zufrieden; sie hat alles und klagt fortwährend über Mangel, Infolgedessen kommt sie nie zu einer Erfüllung ihrer Wünsche, Je reicher sie wird, desto unglücklicher fühlt sie sich; denn sie kennt keine Ruhe und kennt kein Genügen, Mit Recht und Unrecht, mit allen Mitteln, Formen und Listen gewappnet, rast sie dahin, ohne Rücksicht auf eigenes oder fremdes Wohl und Wehe; sie hat nur eine Befürchtung, es könnte einer nichts haben, was sie ihm abzwakken konnte. Darin liegt der Grund, weshalb alle Nationen an Wunden zum Erliegen kommen, die sie sich gegenseitig beigebracht; weshalb Städte über ihren Zusammenbruch zu klagen haben; weshalb vernichtete Fluren sich nicht mehr erholen können; weshalb die Meere mehr wegen der Seeräuber schrecklich sind als wegen ihrer Natur, Die Straßen werden durch Schwerter abgesperrt und getränkt mit Menschenblut; Testamente wundern sich, daß aus ihnen ganz unbekannte Erben zur Verlesung kommen; von vermeintlicher Freundeshand gereichter unheilvoller Gifttrank mordet bedenkenlos schuldlose Menschenleben, Durch eine neue Art wahnsinnigen Hasses wird die Leibesfrucht, schon bevor sie zur Welt kommt, nicht so fast im Schoß der Mutter als in einem Sarg begraben: sie konnte so weder zu einem rechtmäßigen Leben noch zu einem rechtmäßigen Tode kommen. Mit Recht sagt deshalb der Apostel: „Die Wurzel aller Übel ist die Habsucht.“ Denn tatsächlich haben alle die Übel, die wir erwähnt haben, und noch viele andere, ja überhaupt alle Übel, die in einemfort allüberall auftreten, wie sie die Menschheit zu Unrecht zu verurteilen sich bemüht, die Habsucht zur Mutter und Lehrerin, gehen aus ihr hervor und werden durch sie gefördert. So verschluckt die Menschheit das Kamel und seiht die Mücke; die Tropfen der Verbrechen schüttelt sie ab, den Quell aber, aus dem die Ströme der Verbrechen fließen, trinkt sie aus, den Quell der Habsucht.

Für die Habsucht bilden nicht Rechte, nicht Gesetze, nicht irgendeine Ehrenstellung ein Hindernis: denn was sich kaufen und verkaufen läßt, ist von ihr nicht frei. Auch nicht der Adel; denn um seinetwillen eröffnet sie Kredit, ihn umhegt sie, durch ihn sichert sie sich ihren glänzenden Namen, Auch nicht Unantastbarkeit und Festigung: es gibt nichts, was so unantastbar ist, daß es nicht verletzt, nichts, was so fest ist, daß es nicht gestürmt werden könnte — mit Geld. Nicht Blutsverwandtschaft, nicht Freundschaft; denn nicht um seiner selbst willen wird jemand geliebt oder gehaßt, sondern um seines Goldes, seines Silbers, seines Einflusses willen« Sie ist denn auch schließlich die Ursache, warum wir sehen müssen, daß Menschen, die den lieben Namen Bruder tragen, mehr mit dem Schwert vertraut sind als mit sich selbst. Die Ursache, daß wohlbegüterte Eltern diesen heiligen Elternnamen vergessen und zusehen, daß ihre Kinder zur Schande für beide Teile sich dem Bettel ergeben und so sich im Land umhertreiben. Die Ursache, daß Kinder zur Ansicht kommen, daß das lange Leben der Eltern für sie ein Schaden sei, und so an die Natur selbst gewaltsam Hand anlegen, sich schon vor der Zeit in den Besitz des Erbes setzen und die Eltern zwingen, für das Elend noch zu leben, für das Vermögen aber tot zu sein. Es ist entsetzlich! Warum nimmst du, Unglücklicher, dir, was dir doch gehört? Und was wirst du einem Fremden gegenüber tun, der du gegen dich selbst geizig bist? Es ist vom Abscheulichen das Abscheulichste! Indem sie gegenseitig sich ausplündern, sich verfolgen, sich betrügen, billigen sie das Tun von Feinden, loben die Räuber, entschuldigen die Mörder. Und dabei kommt es ihnen niemals zum Bewußtsein, daß schon der morgige Tag nicht in der Macht des Menschen steht, ja auch der Tag nicht, an dem sich ihr Tun vollzieht; denn das, was immer im Fluß ist, läßt es zweifelhaft, was es im nächsten Augenblick bringt. Aber sie, die bei offenen Augen blind sind, dehnen ihre Speicher, ziehen Grundstücke zusammen, fügen Waldstück an Waldstück; und wenn sie den ganzen Erdkreis in Besitz hätten, so würden sie noch unzufrieden sein, daß er Grenzen hat; einen Nachbarn zu haben, ist für sie etwas Unerlaubtes. Sie stellen Landgüter her, tragen aber die Grabdenkmäler ab: sie, die den Tod nicht fürchten, fürchten den Hinweis darauf. So kommt es dann sehr oft vor, daß sie einmal vom Tod überrascht, herumliegen, Hunden, Vögeln, wilden Tieren zum Fraß preisgegeben, überall zerstreut, auf allen Seiten der Vernichtung geweiht, mit halb verzehrten Knochen, ohne noch etwas von ihrem Fleisch an sich zu haben. Sehet, dieses Los entspricht dem Geizhals! Er, der ein gewaltiges Vermögen sein eigen nannte, hat jetzt kein kleines Fleckchen Erde für einen GrabeshügeL Sie hat der berühmte Prophet scharf angelassen, wenn er sprach: ,,Was hat uns unser Hochmut genützt? Und was hat uns das Rühmen mit dem Reichtum gebracht? Vorübergegangen ist alles wie ein Schatten.“ Aber auch der Herr selbst hat gesagt: „Was nützt es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewänne, aber Schaden litte an seiner Seele?“

So geh‘ denn hin, unersättlicher Mensch, und stelle in Verwertung neuer Künste auch noch die Elemente in den Dienst der verfluchten Aufhäufung verderbenbringenden Reichtums! Aber mögen auch deine Gemächer dir in der Fülle buntfarbiger Gegenstände aus kostbaren Edelsteinen leuchten, mag der Boden ächzen unter der Last des aufgehäuften Silbers, mag das ganze Haus in seinem Goldglanz strahlend wetteifern mit der Sonne, mag die Stufenleiter der Ehrenstellen, die du völlig durchlaufen, schließlich nichts mehr aufweisen, was sie dir noch bieten könnte: du mußt dich doch erinnern, daß der Tod weder Reichtum noch Ehren fürchtet. O wie blind ist doch der Sinn der Menschen! Wie verschieden auch die Wege sind, er treibt doch einem Tod entgegen! Der Arme tut es, indem er unglücklich nach Schätzen sucht, die er zu seinem Glück nicht hat; der Reiche, indem er in der Vorstellung lebt, daß er den Reichtum nicht hat, den er doch besitzt. In dem Einen kommt die Habsucht allmählich zum Durchbruch, in dem Andern feiert sie Orgien, aber bei beiden wächst sie, und bei keinem läßt sie nach. Und doch macht in einem einzigen Augenblick ein kleines Fleckchen Erde beide gleich und beide satt, was eine Fülle von Gold mit seinem ganzen ehrgeizigen Streben nicht vermag.

Da wirft der eine sein Geld wie eine Angel aus, um fremdes Vermögen an sich zu ziehen; und wenn es in Außenständen sich befindet, so hört er nicht auf, es durch seine bedenkliche Berechnung zu vermehren, um schließlich in dem Besitz einer großen Summe zu sein, nicht in der Höhe, wie er sie ausgeliehen hat, sondern in einer Höhe, wie sie die Tage und Monate durch ihre Zählung sowie seine Finger herausgestellt haben. Aber freilich sehr oft verliert der Wucherer trotz seiner ihm eigenen Geschäftstüchtigkeit auch alles, wenn durch irgendein Mißgeschick ihm Betrug, Zahlungsunfähigkeit, Flucht, Tod den Schuldner aus den Händen winden. Denn es ist eine Eigentümlichkeit der Habsucht, daß sie noch habsüchtiger macht; und sehr oft schon nahm sie dem ihr Verfallenen mehr weg, als sie ihm gibt. So kommt es oft vor, daß einer, der fremdes Gut an sich reißen will, schließlich verdientermaßen sein eigenes verliert. Dort sperrt ein anderer den Wanderern die Wege ab; er läßt sie nicht zu den Wiesen, nicht zu den Wäldern, nicht zu den Wassern; und obwohl sehr viel von dem Reichtum dieser Dinge unbenutzt bleibt, verweigert er doch den Menschen das, was er den Vögeln, den Schlangen, den wilden Tieren nicht zu verweigern vermag. Und es ist doch wahrlich reiner Wahnsinn, Gaben der Natur zu mißgönnen. Und wieder ein anderer sammelt dort Vorrat von allen Dingen; er wartet klug die Zeit zum Verkaufen ab, mißt schlechter, verlangt höheren Preis, beteuert, nichts zum Verkaufen zu haben, um so sich bitten zu lassen und andern den Hals abzuschneiden. Und wenn doch wenigstens unverfälschte Ware zum Verkauf käme! Außerdem jammert er, wenn das Jahr unfruchtbar ist, jammert noch mehr, wenn es fruchtbar war. Im einen Fall, weil er zu wenig zum Verkauf hat. im andern Fall, weil er nicht allein dazu in der Lage ist. Wollt ihr wissen, wie weit seine Verblendung geht, in der er sich befindet? Er ist Gott gram, wenn er nicht immer auf Kosten allgemeiner Trauer reich wird. So muß es sein. Wenn jemand Gold sucht, findet er ein Schwert!

Und dabei denkt niemand an den Zustand der Gebrechlichkeit des Menschen, niemand an einen Feind, niemand an den Fiskus, niemand an einen Räuber, niemand an einen Hausgenossen, der durch seine Vertrautheit mit den Geheimnissen noch schlimmer ist als alle anderen, niemand an die drohenden Flammen des Tages des Gerichts, durch die wir alle einmal nackt hindurchgehen müssen. Es wird nur eines angebetet, das, von dem geschrieben steht: ,,Die Götter der Heiden sind Gold und Silber,“ und dafür wird gar mancher umgebracht oder er bringt andere um. Ich möchte doch wissen, was für ein Glück diese so große wahnsinnige Leidenschaft in sich schließt, was sie denn ihrem Diener einbringt. Sie bringt kein Fieber zum Rückgang, sie verscheucht keine Krankheiten, sie heilt keine Wunden, sie stillt keine Schmerzen, sie hält den Tod nicht ab — eher bringt sie noch Gesunden den Tod —; man ißt und trinkt niemals in Ruhe, sie steigt nicht mit dem Räuber in die Unterwelt hinab; das einzige ist, daß sie die unglückseligen Augen und das betörte Gefühl mit der Hoffnung auf Erwerb deshalb zu der wilden Gier nach dem verhängnisvollen Goldglanz drängt, damit der Mensch nicht umsonst sein Leben verliert.

Aber, Brüder, ich habe nicht zu Habsüchtigen, ich habe über die Habsüchtigen gesprochen; denn wenn ein solcher hier anwesend wäre, hätte ich nur mit göttlichen Beispielen meine Ausführungen begleiten dürfen. Aber in euch sind Glaube und Frömmigkeit in rühmlicher Weise allezeit lebendig, sie, die fähig sind, die Habsucht zu verdrängen; und darum seid ihr alle nicht so fast würdig, Gold und Silber zu besitzen, sondern es selbst zu sein. Denn ihr seid das lebendige Gold Gottes, ihr seid das Silber Christi, ihr seid der Reichtum des Heiligen Geistes; ihr seid, wenn ihr das irdische Metall verachtet, völlig unabhängig davon der Schatz eures Lebens. Für euch ist jene himmlische Stadt bestimmt, die aus Gold erbaut ist;  in sie kann ohne Zögern eintreten, wer da will; zwölf Tore stehen offen, Wohnungen sind bereitet ohne Zahl, niemand braucht wegen seines Bleibens zu bangen. Es wird ein ganz besonderes Stück unserer uns sicheren Herrlichkeit sein, wenn wir die Gottesstadt durch das zunehmende Wachstum unserer Zahl bis zur Enge füllen, Seid deshalb unbesorgt! In dieser Stadt mangelt niemals etwas, in ihr wird nichts gewaltsam von seinem Zustand entfernt oder entfernt sich selbst davon. Alles Gute und Ewige strömt dort in reicher Fülle. Und was das Wichtigste ist: Niemand hat Mangel, niemand hegt Neid, niemand stiehlt, niemand raubt, niemand ächtet, niemand tötet, niemand wird umgebracht. Alle sind glücklich, alle sind eines Sinnes, alle sind einander stets gleich. Was einem gehört, gehört allen; und was allen gehört, gehört auch dem einzelnen. Und wollt ihr wissen, was dort besonders als Seligkeit empfunden wird? Niemand verbirgt seine Kleider, niemand seine Perlen, niemand seine kostbaren Steine, niemand sein Gold, niemand sein Silber, und auch nicht einer fürchtet einen Diebstahl.

Traktat X. Die Habsucht II.

Der Traktat bewegt sich in ähnlichen Gedankengängen wie der vorausgehende.

Die Herausgeber Ballerini suchten seinerzeit die Zeit der Abfassung näher zu bestimmen. Sie bezogen die Sätze von Kap. 5: „Aber das gilt nicht euch, Brüder, eure Mildtätigkeit ist allen Provinzen bekannt; die Saat eurer Liebe wird ja fast in allen Teilen des Erdkreises gesät. Viele, die durch euch losgekauft wurden, viele, die von der Verurteilung zum Tod befreit wurden, viele, die drückender Lage entrissen wurden, danken es euch“ auf die Schlacht bei Adrianopel (378), deren Folgen durch den Wohltätigkeitssinn der Veroneser gemildert wurden. Auch Ambrosius gedenket in De off, II, 15, 70 und II, 28, 136 ähnlicher Verhältnisse (Dissertatio prima de S. Zenonis tractatibus eiusque aetate § 7). Aber die Worte sind zu unbestimmt, um sich gerade auf die Milderung der Folgen der Schlacht bei Adrianopel beziehen zu müssen, Von Kriegsnöten ist nicht direkt die Rede; Gelegenheit zur Entfaltung des Wohltätigkeitssinnes bot sich auch sonst in jener Zeit genug. Nach den Ausführungen über das Leben Zenos (Einleitung) lebte damals Zeno nicht mehr. Vielleicht aber darf man annehmen, daß die Abfassung des Traktates in die spätere Zeit Zenos fällt.

Wenn nur alle Menschen ebenso leicht, wie sie die Habsucht tadeln, sich der Liebe zu ihr entziehen könnten! Aber sie ist eine Zauberin, ein süßes Übel, und dabei für die ganze Menschheit allezeit ein Fluch. Leuten, die keinen Reichtum besitzen, flößt sie ein heißes Verlangen nach solchem ein; und Leuten, die solchen ihr eigen nennen, läßt sie an ihm keine Befriedigung finden. So reißt sie alle im Sturme zu wahnsinniger Leidenschaft fort, so daß man nicht weiß, ob sie bei dem einen oder bei dem andern größer ist. Sie gleicht einem Feuer, das trockenes Heu zur Nahrung vorfindet und nicht erlischt, bis dasselbe völlig aufgezehrt ist. Leute, die in mittleren Verhältnissen leben, huldigen ihr durch Betrügereien, Reiche durch Mangel an jedem genügsamen Selbstbescheiden, Richter durch Parteilichkeit, Rhetoren durch eine feile und doppelzüngige Beredsamkeit, Könige durch Übermut, Kaufleute durch Übervorteilung, Arme durch eitle Wünsche, Priester Gottes in verlogenem Haß — alle Völker und Nationen durch den Krieg. Wahnsinnig rast sie über den Erdkreis hin, brennend, neue verschiedenartige Kunstgriffe zu ersinnen. Sie kennt keine Ruhe, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht im Krieg und nicht im Frieden. Sie bekommt nie genugj ja, je größer der Gewinn, desto elender wird sie. Sie stellt eine neue Art von Übel dar, weil sie immerzu wächst, ein Absterben nicht kennt. Sie zu brechen vermag nicht der Eltern Liebe, nicht der Kinder Zärtlichkeit, nicht die Zuneigung der Ehegatten, nicht das innige Verhältnis der Geschwister, nicht das Recht der Freundschaft, nicht die Rücksicht auf zarte Waisen, nicht das harte Los der Witwenschaft, nicht das Elend der Armut, nicht die Betrachtung Gottes: all den Genannten schmeichelt oder schadet sie mit allen Mitteln, wie sie eben kann, nur um ihnen zu nehmen, was sie etwa besitzen. Freilich, wen sollte sie schonen, die sogar zu jeder Zeit sich selbst zum Tode drängt, auch um eines armseligen und schändlichen Gewinnes willen?

Armer Mensch! Warum quälst du dich in deinem glühenden eitlen Verlangen nach dem Metall des Goldes und des Silbers mit nutzloser Sorge? Warum häufst du große Massen von Talenten zusammen?  Warum suchst du ruhelos ob unnötiger Sorge Dinge aufzubewahren, die doch einmal hier zurückbleiben werden, sogar ohne dir selbst etwas von ihnen zu gönnen? Obendrein klagst du über Not, du, der du gar nicht weißt, was du besitzest! Was du auch tun magst: Nichts von dem wirst du ins Jenseits mitnehmen. Dinge, die der Natur gehören, lassen sich zwar von einem Ort zum andern bringen, aber ihr nicht endgültig entziehen. Schließlich werden ja auch Gold und Silber, die in mühevoller Arbeit tief dem Schöße der Erde entrungen werden, wiederum der Erde zur Verwahrung anvertraut; es handelt sich bei ihnen um eine Sache, bei der es sich so verhält: ihr Besitz stellt eine trügerische Freude dar; das Bekanntwerden desselben wird ganz sicherlich zu einer Gefahr. Aber es ist nicht nötig, auf Einzelheiten einzugehen. Alle schlimmen Folgen werden schon klar durch den einen Hinweis auf das Prophetenwort: „Die Götzen der Heiden sind Gold und Silber.“ Daraus ergibt sich klar, daß, wer Gold und Silber liebt, nicht allein Götter anbetet, sondern auch deren Sitten und Taten nachahmt. Das läßt sich leicht beweisen, und wir wollen sehen, was demnach unsere Aufgabe ist.

Mein Christ, wenn die Wahrheit gesagt werden soll, so verabscheust du Gold und Silber auf Götzenbildern, aber nicht in deinem Herzen. Du siehst doch, daß auf den unzähligen in runder Münze geprägten Gold- und Silberstücken ebenso wie in den Tempeln sich Bilder und Abzeichen der Könige finden; und es ist gar kein Unterschied, als daß sie in deinem Haus kleiner, im Tempel aber größer sind; gibst du diese Stücke aus, so sind sie Geld; bewahrst du sie auf, so sind sie Götzenbilder. Und du, Dienerin Christi, auch deine Verabscheuung des Götzenbildes ist eine Täuschung; glaube es mir: du bringst ihm innerlich Verehrung entgegen, wenn du seinen Schmuck, sein Bild nicht ablegst. Du schreitest zur Kirche Gottes, den ganzen Leib durch Kunstschmuck verschiedener Art in Gold gehüllt, schwer tragend an dem fluchwürdigen Metall, du, sonst allenthalben empfindsam, aber unter der Last des Geschmeides stark. Schließlich kannst du bei der Unbiegsamkeit deines Schmuckgewandes auch beim Gebet dich nicht verneigen, nicht die Hände ausstrecken, scheust dich auch, die im Geschmeide schwellende Brust auf den Boden niederzuwerfen. Und wenn du die Beichte ablegst, beugst du wohl deinen Nacken, aber nicht aus Demut, sondern infolge deiner Last: du bist mehr um deinen Schmuck als um dein Seelenheil besorgt. Was glaubst du von Gott erbitten zu können, wenn dein Beten gerade mit Dingen sich vollzieht, um derentwillen Gott zürnt! Öffne doch die Augen deines Herzens, und du wirst finden, daß dein Beten mehr eine Beleidigung als ein Gebet ist.

Und schließlich, Brüder, wird eine Frau, die Christus nicht fürchtet, auch ihren Mann nicht fürchten.

Daher kommt es, daß Ehegatten, in völligem Widerspruch mit dem hochheiligen Band der Ehe nur ihr eigenes Interesse verfolgen und jedes — selbstverständlich aus übergroßer Liebe! — nach dem Erbe des andern trachtet. Daher kommt es, daß Eltern ihre Kinder und Kinder ihre Eltern hassen. Daher kommt es, daß die Freundschaft mehr ins Angesicht schmeichelt als im Herzen wohnt. Daher kommt es, daß die ganze Menschheit an ihrem eigenen Untergang und ihrem eigenen Unglück Freude empfindet, weil sie die Seele geringer wertet als das Geld. Daher kommt es, daß Gerechtigkeit, Ehrbarkeit, Frömmigkeit, Glaube, Wahrheit untergehen; daß Gott selbst jeden Augenblick Schmach dulden muß, da seine Gebote verachtet werden, äußerer Tand, Weltliebe ihm vorgezogen werden. Denn zu jeder Sünde, zu jedem Frevel, zu jeder Schandtat, zu jedem Unrecht läßt sich ohne Bedenken ein Mensch herbei, dessen Herz einmal die unersättliche Habgier mit ihrer unheilvollen Glut erfüllt.

Aber das gilt nicht euch, Brüder; eure Mildtätigkeit ist allen Provinzen bekannt; die Saat eurer Liebe wird fast in allen Teilen des ganzen Erdkreises gesät. Viele, die durch euch losgekauft wurden, durch euch von der Verurteilung zum Tod befreit wurden, durch euch drückender Lage entrissen wurden, danken es euch. Euer Haus steht allen Fremdlingen offen. Unter euch sah man seit langem weder einen Lebenden noch einen Toten ohne Deckung seiner Blöße. Die Armen unter uns wissen schon gar nicht mehr, was es heißt, Almosen zu erbitten. Schon machen die Witwen und Bedürftigen euer Testament. Ich könnte noch mehr zum Preise dieses eures glückseligen Tuns sagen, wenn ihr nicht eben die Meinen wäret. Aber eines kann ich in meiner Freude nicht verschweigen: indem ihr für die Armen wuchert, legt ihr alle Mittel, die der Habsucht entzogen werden, ohne Neid befürchten zu müssen, für euch selbst auf Zinsen an. Denn was kann es Reicheres geben als einen Menschen, als dessen Schuldner sich Gott bekennt: er, der gepriesen sei von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Traktat XI. Die Habsucht III.

Der sehr kurze Traktat stellt entweder nur die Zusammenstellung einiger Erläuterungen zu einer im Gottesdienst vorausgegangenen Lesung aus der Hl. Schrift oder eine Skizze zu einer Predigt dar oder er bildet das Schlußkapitel eines verlorenen Traktates, der nach der Zusammenfassung ähnliche Gedankengänge wie die vorausgehenden aufwies.

Brüder! Mit Recht haßt Gott, wie ihr gehört habt, die Habsucht. Sie ist ein unergründliches Verlangen, eine blinde Begierde, eine wahnsinnige Leidenschaft, eine Raubsucht, die keine Grenze hat, eine Spannung, die keine Ruhe findet, die nie zum Ziel ihrer Wünsche kommt, weil sie kein Genügen kennt. Sie bricht die Treue; sie vernachlässigt die Liebe; sie verleugnet die Gerechtigkeit; sie erkennt keine Gefühle an; sie setzt sich über die göttlichen Rechte hinweg; sie macht die menschlichen durch spitzfindige Beweisführungen zunichte, um, wenn möglich, die ganze Welt an sich zu reißen. Wollt ihr wissen, was für eine Art des Unheils sie ist? Sicherlich richtet sie ihre Wut gegen denjenigen, der sie liebt, noch mehr als gegen andere. Doch wer sie überwindet, der wird das ewige Leben haben.

Traktat XII. Über Geist und Körper.

Das Verhältnis von Geist und Körper beschäftigte das christliche Altertum mehrfach. Die Ausführungen des Laktantius in seinen Institutiones divinae (vgl. z. B. II 12; III 12, VII 5 usw.) lassen das erkennen. Zeno selbst zeigt sich mehrfach von ihm beeinflußt. Doch mehr als Laktantius bringt er die Frage in Zusammenhang mit der Menschwerdung des Gottessohnes. Er geht aus von einem Widerspruch, der vorhanden zu sein schien zwischen dem Bericht der Genesis über die Schöpfung des Menschen aus Erde und der Erwähnung eines „zweiten himmlischen Menschen“ in 1 Kor. 15, 47 und der Erwähnung „eines Menschensohnes, der schon vorher im Himmel war und vom Himmel herabstieg“ in Joh. 3, 13. Er löst den Widerspruch mit dem Hinweis auf den Gottessohn, der zugleich Menschensohn war. In der Menschwerdung desselben findet er das Walten der Vorsehung, die Bedeutung der Verbindung von Leib und Seele und das höchste Ziel des Menschen ausgesprochen (Kap. 1). Im 2. Kap. zeichnet er die Veranlassung der Menschwerdung. Gott hat zum Schluß der Weltschöpfung den Menschen als sein Bild geschaffen, seinen Leib aus Erde gebildet, ihm eine Seele eingehaucht, ihn mit Sinnesvermögen und Verstandeskraft ausgestattet. Er gab ihm sein Gebot und gab ihm die Willensfreiheit zur Wahl zwischen Gut und Bös. Der Teufel verführte ihn in der Gestalt der Schlange durch das Weib und stürzte ihn und mit ihm durch die Vererbung das ganze Menschengeschlecht ins Verderben. Krankheit und andere Übel suchen ihn im Leben heim. Schließlich verfällt sein Leib dem Tod, seine Seele aber den ewigen Strafen. Aus Liebe zu seinem Ebenbild stieg der Sohn Gottes, der Schöpfer der Welt, vom Himmel herab, schloß im Schöße der Jungfrau Gott in einem Menschen ein. Er lehrte die Gerechtigkeit, nahm den Tod auf sich und verschaffte dadurch auch der Menschheit den Zutritt zur Unsterblichkeit, Die Menschwerdung offenbart die Vorsehung, das Leiden das Heilssakrament, die Auferstehung das Ziel des Menschen (Kap. 3). Für die letztere ist es von Bedeutung, zu wissen, daß der Mensch aus zwei verschiedenen Elementen, Leib und Seele, besteht und zwei verschiedene Lebensformen aufweist, das körperliche Leben, das von der Natur stammt und kurz ist, und das geistige Leben, das von der Taufe stammt und die Unsterblichkeit genießt. Die beiden Formen stehen aber in beständigem Kampf (Kap, 4). Das Fleisch lädt in verlockenden Formen zum Genuß des Lebens ein (Kap. 5). Dagegen verpflichtet der Geist, diese Genüsse zu fliehen und der Welt zu entsagen (Kap. 6). Das Leben des Geistes ist aber schwerer, weil seine Güter unsichtbar, nur mit Mühe zu erreichen sind und erst der Zukunft angehören, während die Güter des Fleisches der menschlichen Natur mehr zusagen, mühelos zu gewinnen und greifbar sind. Daher wird aus Furcht oder Mangel an Glauben sehr oft den Gütern des Fleisches der Vorzug gegeben (Kap. 7). Aber das bedeutet für den Menschen eine Täuschung; denn das Fleisch und seine Reize sind vergänglich, endigen mit dem Tode und verfallen noch obendrein den Höllenstrafen (Kap. 8). Nur Toren ziehen den Leib der Seele vor. Christen bemühen sich um das Bessere; und es liegt in ihrem freien Willen, zum ewigen Lohn oder zu ewiger Strafe zu gelangen (Kap. 9).

Wenn jemand in dem Streben, den Inhalt des heiligen Gesetzes kennenzulernen oder auch ihn zu widerlegen, des öfteren zur Lektüre des Buches der Genesis von Moses greift, so könnte er vielleicht — wir sehen es ja täglich, daß es Geister gibt, die an spitzfindigen Streitfragen ihre Freude haben1 — uns in Berufung auf ein Wort des Apostels eine verfängliche Frage vorlegen, indem er sagt: „Der erste Mensch stammt aus dem Lehm der Erde, der zweite Mensch stammt vom Himmel“  Es sei, so könnte er sagen (nach dem Bericht der Genesis), doch kein Zweifel, daß nur ein Mensch aus dem Lehm der Erde gebildet wurde und daß ihm aus seiner Seite das Weib genommen wurde zum ehelichen Trost; und von diesen beiden stamme das ganze Menschengeschlecht. Von einem himmlischen Menschen aber sei dort keine Erwähnung, und man könne nicht lehren, daß ein solcher geschaffen oder geboren worden sei. Dazu kommt noch eine andere Erwägung, die sich nachträglich aufdrängt: Es ist ein Widerspruch und eine Torheit, daß der zweite Mensch unsterblich, dagegen derjenige, der sterblich ist, der erste sein solle; denn die Unsterblichkeit schließe -den Begriff der Zeit aus, die Sterblichkeit aber begreife ihn in sich. Und gesetzt den Fall, daß der erste Mensch himmlisch ist, wozu brauchte er dann auch aus Erde zu sein? Ähnlich könne auch ein Wort des Evangeliums mit aufs gleiche gehender Beweisführung erschüttert werden. Da stehe geschrieben: „Niemand ist in den Himmel aufgestiegen außer derjenige, der vom Himmel herabgestiegen ist, der Menschensohn, der im Himmel war.“ Wie könnte wohl ein Menschensohn im Himmel geboren werden, oder wessen Sohn müßte er sein, um vom Himmel herabzusteigen, da doch Wohnsitz und Natur des Menschen weit vom Himmel entfernt sind?

Wohlan, mein Leser, laß den Sinn erstehen, und du wirst die Wahrheit finden. Derjenige, der im Himmel war, ist vom Himmel herabgestiegen; und derjenige, der herabgestiegen ist von dem Himmel, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist, der Menschensohn, der im Himmel war. Menschensohn ist er nur dem Namen nach, nicht nach dem Wesen. Der Herr hat nicht zweimal Fleisch angenommen; aber er mußte als Menschensohn bezeichnet werden, weil er schon vor der Zeit, da er es wurde, durch Vorbilder wie durch zahlreiche Weissagungen offenbarte, was er werden wollte. Die Bezeichnung „Gottessohn“ bezieht sich auf seinen unaussprechlichen Ursprung, die Bezeichnung ,,Menschensohn11 auf ein Geheimnis. Ich will sozusagen mit einem Schlüssel den verborgenen Sinn dieses Geheimnisses zu erschließen suchen. Dann wird jeder leicht das Walten der göttlichen Vorsehung und die hohe Bedeutung der Verbindung von Fleisch und Seele erkennen; erkennen auch, worin das höchste Gut des Menschen besteht.

Brüder! Gott hatte bereits unsere Welt sozusagen als Wohnung für das kommende Menschengeschlecht nach vielen Seiten hin zweckmäßig ausgestaltet, mit den Elementen, Bodenschätzen, lebenden Wesen, Nahrungsmitteln, mit den verschiedensten nützlichen Dingen, großen und kleinen, ausgestattet, so daß für ihren Bewohner auch nicht der geringste Anlaß zur Klage bestand, und sie so mit wunderbarer Kunst vollendet: da schuf er sich selbst nach seinem Bild und Gleichnis  ein Abbild mit Sinneswahrnehmung und Verstandeskraft. Er nahm nämlich Lehm von der Erde und bildete den Menschen und hauchte ihm aus dem Quell seines eigenen Geistes die Seele ein, durch die wir leben; von dem Erdboden (humus) gab er ihm den Namen Erdmann (homo); wie der Vorgang selbst lehrt, wohl deshalb, damit derselbe durch die Betrachtung des Schöpfers  und des Stoffes allezeit seinen Schöpfer fürchte und verehre. Und er unterstellte ihm darnach alle Güter der Welt. Und weil er bereits mit Weisheit ausgerüstet, mit dem Sinnesvermögen ausgestattet war, dazu noch eine eindringliche Belehrung empfangen hatte über das Gebot, zwischen Tod und Leben zu wählen, überließ er ihn seinem eigenen freien Willen. Aber der mißgünstige Verleumder, der deshalb, weil er unvermerkt schleicht (sensim serpat), den Namen Schleicher (Serpens, Schlange) erhalten hat, wußte in seinem abscheulichen Neid, da er’s in seiner eigenen Gestalt nicht vermochte, ihm in fremder Gestalt zu schmeicheln, verleitete ihn durch das Weib zur Übertretung des Gebotes Gottes und brachte ihm so auf elendigliche Weise den Tod. Und mit ihm verfiel in gleicher Weise das ganze Menschengeschlecht, durch die Vererbung des Zustandes zugrunde gerichtet, dem Untergang. Und nicht eine Stätte blieb für irgendeinen Trost. Wie es bis zur Stunde ist, zehrte an dem Menschen, solang er lebte, harte Arbeit, Kummer, Ruhelosigkeit, Schmerz, Krankheit, Elend; und den Leib des Toten und seine so blühende Gestalt zerstörte die in Ewigkeit gefräßige Erde. Seine Seele aber, in die Todesnacht verbannt, peinigte die unversöhnliche Unterwelt mit ewiger Strafe ewigen Kerkers. Nicht Himmel und nicht Hölle hatten Schonung für das Abbild Gottes: der Herrscher Tod hatte es ganz in seine Gewalt genommen.

Lange war das so gewesen. Da stieg der Sohn Gottes, der so kunstvoll die Welt geschaffen, dessen Weisheit keine Grenze hat, dessen Stärke unermeßlich ist, aus Liebe zu seinem Abbild vom Himmel herab; er erleuchtete die gastliche Stätte des jungfräulichen Schoßes mit seinem Glanz; er schloß dortselbst in einem Menschen die Gottheit ein. Er bediente sich der Gestalt und der Verhältnisse eines sterblichen Menschen, Er lehrte, daß Gerechtigkeit Unsterblichkeit verschaffe; durch Wundertaten bestätigte er seine Gebote. Schließlich nahm er den Tod auf sich, um nach dessen Überwindung wieder aufzuerstehen und dem Menschen durch die Menschheit, die er an sich trug, die Hoffnung auf Überwindung des Todes zu bringen und ihm den Zugang zum Lohne der Unsterblichkeit zu eröffnen. So geschah es, daß wie durch das Verdammungsurteil eines Menschen das Verdammungsurteil auf alle Menschen, so auch durch die Rechtfertigung des Einen die Rechtfertigung für das ewige Leben auf alle überging. Seht ihr nun klar, wie in seiner Annahme der Menschheit die (göttliche) Vorsehung, in seinem Leiden das Geheimnis (der Erlösung), in seiner Auferstehung das höchste Gut geborgen liegt?

Für die Betrachtung (dieses letzten Punktes) müssen wir vor allem wissen, daß das Wesen des Menschen aus zwei verschiedenen und sich widerstreitenden Dingen besteht, miteinander in zwieträchtiger Eintracht verbunden, und daß die Seele von den Umrissen des Körpers eingefaßt ist. Und darum sind uns auch zweierlei Arten von Leben von Gott zugewiesen: das eine Leben ist das Leben, in welches wir von der Natur hineingeboren werden, nach einem Gesetz, das uns mit den Tieren gemeinsam ist; es ist das körperliche Leben und deshalb auch kurz; das andere Leben ist das Leben der Seele, das wir uns selbst in diesem Leben durch den Glauben aus dem lebendigen Quell des heiligen Taufbrunnens schaffen; es ist ein vornehmes und ewiges Leben; denn die Seele, welche die Welt überwindet durch Erkenntnis und Bewahrung der wahren Religion und der wahren Gerechtigkeit, wird zum Lohne für ihre geleistete Arbeit der ewigen Seligkeit der Unsterblichkeit teilhaft werden müssen« Daher kommt es, daß im Innern des Menschen allezeit ein heimlicher Kampf tobt, da der eine Teil den andern zu unterjochen sucht, wie der Apostel sagt: „Das Fleisch begehrt wider den Geist und der Geist gegen das Fleisch, denn die beiden widerstreben einander.“

Daher verheißt das Fleisch, das ganz in Genüssen schwelgt, umgeben ist von den verschiedensten Gaben der gegenwärtigen Welt, vielfältige und unermeßliche Schätze, läßt dieselben schauen, bietet sie an, verschenkt sie, stellt auch seine Schönheit zur Schau. Es weiß durch entlehnte Farben seinem Antlitz täglich eine andere, ihm beliebige Gestalt zu geben, wobei der Spiegel dessen Unkenntlichmachung unterstützt. Es ist gepflegt durch die Sorgfalt des Gaumens, glänzend weiß durch das Bad, duftend durch Salben, buntfarbig durch die Kleidung, völlig mit Geschmeide übersät, willkommen bei den zahlreichen festlichen Gelagen, feucht von Wein, mit Edelsteinen geschmückt oder mit Blumen bekränzt, herausfordernd in lockendem Blick und Scherz, blind in Habsucht, aufgepeitscht in Sinnlichkeit, üppig in der Federngruft des sanft schwellenden und wieder nachgebenden Bettes. Der Lust hingegeben, treibt es sich herum in Hainen, an Quellen, auf Wiesen, in Bädern, in Städten und auf dem Land. Inmitten von allen sinnlichen Genüssen ladet es jedes Geschlecht, alle Menschen in allen Altern ein, seiner zu begehren mit dem wohlbekannten Lied: „Kurz und verdrießlich ist die Zeit unseres Lebens, und es gibt keine Erquickung beim Ende des Menschen. Und es ist keiner bekannt, der zurückgekehrt wäre aus der Unterwelt. Denn aus Nichts sind wir geboren, und nachher werden wir sein, als wenn wir nicht gewesen wären, und von unserem Ende gibt es keine Wiederkehr. Sie ist verschlossen, und niemand kehrt zurück.“ Und später: „Darum kommt und laßt uns die gegenwärtigen Güter genießen, das Geschaffene gebrauchen, solang wir jung sind! Köstlicher Wein und Salben seien unser in Fülle! Keine Blüte des Lenzes bleibe ungepflückt! Bekränzen wir uns mit Rosen, eh sie verblühn! Keine Wiese soll es geben, die nicht unsere Lust durchstreift! Überall wollen wir Spuren unserer Freude hinterlassen! Das ist unser Anteil, das unser Los!“

Auf der andern Seite aber steht der Geist, gleichsam als ein Führer mit reichster Erfahrung; und er gebietet, das alles zu fliehen, beständig kampfbereit in Waffen zu stehen, sorgfältig Wache zu halten, das Lager auf allen Seiten zu befestigen, tapfer und unentwegt die Feldzeichen des Königs zu verteidigen. Er gebietet, Hitze, Kälte, Hunger, Durst und alles Ungemach geduldig zu ertragen; er gebietet, die Welt in Entsagung zu verachten, und selbst den Tod, dem ja die ewige Seligkeit folgt, mehr als Lohn des Sieges zu betrachten denn als Tod. In bedeutsamem Wort predigt er durch den Mund von Johannes: ,,Liebet nicht die Welt, noch das, was in der Welt ist, Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm» Denn alles, was in der Welt ist, ist Begierlichkeit des Fleisches, Begierlichkeit der Augen und Hoffart der Welt, die nicht vom Vater, sondern aus der Welt stammt. Aber die Welt wird vergehen und mit ihr ihre Begierlichkeit. Wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit, wie auch Gott in Ewigkeit bleibt.“

Aber da wendet jemand ein: Wenn das mit dem Geist so ist, wie kommt es, daß er trotzdem meist gerade in sich selbst besiegt wird? Vor allem deshalb, weil die Menschheit sich mehr zur Lust als zur Tugend hingezogen fühlt. Dann weil sie mehr den Genuß als die harte Arbeit liebt. Dazu kommt, daß sie die Güter des Fleisches ohne weiteres vorfindet, sie nicht zu suchen braucht; und sie liebt es mehr, Güter, die ihr sofort zur Verfügung stehen, zu genießen, und wenn sie noch so geringfügig sind, als solche, die zwar groß sind, aber erst spät zu erwarten sind. Dagegen die Güter des Geistes sind nicht nur unsichtbarer Art, sind erst in späterer Zeit zu erwarten und liegen außerhalb des Gesichtskreises, sondern befinden sich auch in nur allzusteiler Höhe, so daß niemand sie zu erreichen vermag außer mit höchster Schwierigkeit, großen Mühen und Gefahren. Und weiter: Das Fleisch bewegt sich auf dem Boden, dem auch der Mensch entstammt; der Geist ist diesem fremd. Das Fleisch zieht nicht Verdienste in Berücksichtigung, sondern verteilt seine Gaben allenthalben an den Nächstbesten, besonders an Unwürdige, um die Massen an sich zu ziehen, Der Lohn des Geistes wird nie jemand zuteil, der nicht vorher siegreich die Rechte des Todes hinter sich hat. Das hat zur Folge, daß, sei es aus Furcht, sei es aus Mangel an Glauben, das Gegenwärtige dem Zukünftigen, das Schlechte dem Guten, das Vergängliche dem Beständigen, das Falsche dem Wahren, das Zeitliche dem Ewigen vorgezogen wird.

O wie blind ist doch der Sinn des Menschen! Warum läßt du dich vom flüchtigen Blendwerk der gegenwärtigen fleischlichen Dinge narren? Warum drängst du den Bessern (den Geist), sich dem Schlechteren unterzuordnen? Du kennst doch das Schriftwort: „Alles Fleisch ist wie Gras, und alle seine Herrlichkeit ist wie des Grases Blume.“ Wenn du aber darauf dein Begehren richtest, so erkennst du selbst, daß du tierisch gesinnt bist. Oder liebst du seine Kraft? Jeder Schmerz beugt und bricht sie. Oder seine Schönheit? Sie ist eine leicht wiegende und veränderliche Sache; eine Sache, die ein einziges Fieber oder sonst ein Unfall zerstört. Siehe, die Augen, die den Leib überwachen und führen, versagen, durch irgendeinen Schlag zum Erlöschen gebracht, den Dienst: ist er dann nicht ein lebendiger Leichnam? Siehe, eine schwindsüchtige Lunge läßt, durch starken Auswurf ausgezehrt, alle Knochen ihres Besitzers in ihrer erschreckenden Magerkeit sehen: empfindet nicht dieser fleischlos gewordene, betastbare Schatten bis zu einem gewissen Grade vor sich selbst ein Grauen? Es würde zu weit führen, in Einzelheiten einzugehen. Siehe: eine tödliche Krankheit wirft die ganze Maschine aufs Bett; siehe: von allen Seiten legt sich darauf der Drang des Todes: wird nicht bald sie, die die Herrin der Genüsse war, eine Beute der Krankheiten werden? Und zuletzt nimmt der Tod die noch daliegenden Überbleibsel an sich, und ihr bereitet er noch die Strafen der Hölle! Dann ist das Lustspiel des Fleisches zu Ende, und all der dereinst zur Verschönerung angelegte Schmuck vermag dem Toten nicht zu helfen, wenn er ihm nicht gar schon von den Leuten, die Trauer heucheln, noch vom lebendigen Leibe abgerissen wird«

Und deshalb, meine Brüder, „enthaltet euch als wahre Christen, gleichsam als Fremdlinge und Pilger, von fleischlichen Begierden, die da gegen den Geist streiten.“ Und es soll eure Gesinnung nicht beeinträchtigen, daß ihr das Geheimnis und die Gestalt des Geistes nicht kennt. Denn wenn ihr ihn deshalb geringschätzet, weil ihr ihn nicht seht, so könnt ihr auf ähnliche Weise auch Gott geringschätzen, der ebenfalls unsichtbar ist. Denn wer sein Ebenbild nicht liebt, haßt folgerichtig die Wahrheit. Daher kommt es, daß Toren dem Leib vor der Seele, dem Götzenbild vor Gott den Vorzug geben. Aber wir, die wir den Adam abgelegt und Christum angezogen haben; wir, die wir unter der Anleitung Gottes selbst gelernt haben, welche Macht, welches Ende, welchen Lohn das Fleisch hat, und wie es damit bei der Seele steht; wir, die wir wohl wissen, daß durch den Sieg des Fleisches beide, Leib und Seele, zugrundegehen, durch den Sieg der Seele aber beide gerettet werden: wir wollen dem Besseren nachstreben, doch wenigstens mit nicht geringerem Eifer als wir dem Bösen nachjagen. Entschuldigung gibt es für niemanden, um so weniger, da die Durchführung unserem freien Willen überlassen ist, wie der Prophet sagt: ,,Vor dem Menschen liegt das Gute und das Böse, der Tod und das Leben. Was er wählt, das wird ihm gegeben werden.“ Es ist kein Zweifel: Unser Wille wird der Partei, zu der er sich schlägt, den Sieg verbürgen; er wird aber auch bei deren Auferstehung entweder mit ihr ewigen Lohnes sich erfreuen oder gleichewige Strafe dulden.

Traktat XIII. Die Beschneidung.

Der Traktat knüpft an eine Lesung aus einem Briefe des Apostels Paulus über die Beschneidung an. Welcher von den davon handelnden Abschnitten (besonders Rom. 2, 25—29; 1 Kor. 7, 18. 19; Gal. 5, 2—6; Kol. 2, 11; 3, 9—11) in Frage kommt, ist nicht zu entscheiden. Die Wahrscheinlichkeit spricht nach der im Traktat gemachten Unterscheidung zwischen Beschneidung des Fleisches und des Herzens für Rom. 2, 25—29 oder nach dem Schlußsatz für Kol. 2, 11. Nach den von späterer Hand dem ältesten Kodex von Rheims angefügten Marginal-notizen wurde (wohl in der Kathedralkirche in Rheims) der Traktat als neunte Lektion im Chorgebet verwendet.

Äußeren Anlaß für die Predigt bot wohl der Umstand, daß Verona einen starken Prozentsatz jüdischer Bevölkerung aufwies.

Der Traktat will den Nachweis erbringen, daß die fleischliche Beschneidung des Judentums nicht das Heil zu vermitteln vermag; das vermag allein die geistige Beschneidung, wie sie für die Christen in der Taufe gegeben ist.

Die Juden rühmen sich der Beschneidung. Dieselbe stellt eine Narbe dar, die von einer mit einem Eisen beigebrachten kreisförmigen Wunde herrührt. Aber sie steht zurück hinter der Selbstverletzung der Kybelepriester (Kap. 1). Diese Art der Beschneidung ist eine rein fleischliche und steht sogar im Widerspruch mit dem Sabbatgebot (Kap. 2). Daß die Gerechtigkeit nicht an sie gebunden ist, beweist der Umstand, daß schon der Alte Bund zahlreiche Gerechte ohne Beschneidung aufweist: Abel, Noe, Melchisedech u. a. (Kap. 3), Auch bei Abraham begründete nicht die Beschneidung die Gerechtigkeit; er war schon vorher als gerecht erklärt worden. Er stellte in seiner Beschneidung nur das Vorbild für das fleischliche Volk der Juden, in seiner Gerechtigkeit für das Volk der Christen dar (Kap. 4). Die Beschneidung bewirkt nicht das Heil, sondern weist nur auf die Stelle der ersten Sünde (einer Geschlechtssünde) hin und mahnt, auch die anderen Sünden zu fliehen. Ein Heilmittel dagegen bietet sie nicht. Sie kann der Frau nicht zugute kommen, nützt auch dem Manne nichts; denn die Beschneidung muß eine Beschneidung des Herzens sein. Ist der Geist lasterhaft, so können alle Glieder des Menschen sündigen (Kap. 5). Tatsächlich hat Gott auch diese Vorwürfe dem Judenvolk trotz seiner Beschneidung gemacht. So hat denn auch Moses selbst die geistige Beschneidung gefordert (Kap. 6). Auch auf die bei Josue angedeutete zweite Beschneidung mit steinernen Messern kann sich das Judentum nicht berufen (Kap. 7). Denn Josue war ein Vorbild Christi, der durch Messer aus Stein, nämlich Petrus und die andern Apostel und Jünger, die Beschneidung der Herzen von Sünden vornahm (Kap. 8). Wenn Christus selbst sich beschneiden ließ, so tat er’s, weil er Sohn Davids sein mußte (Kap. 9). Im Gegensatz zur fleischlichen Beschneidung steht die geistige. Sie erstreckt sich auf Frau und Mann. Wie die Schlange durch das Ohr Evas sich Eingang verschafft hatte, so trat auch Christus durch das Ohr (den gläubigen Gehorsam) in Maria ein und heilte die Wunden der Frau. Adam ward durch den gekreuzigten Mann geheilt. Und wie aus Adams Seite die Eva, so trat aus der Seite dieses Mannes in Blut und Wasser, nämlich Taufe und Martyrium, die geistige Frau, die Kirche hervor (Kap. 10). An dieser geistigen Beschneidung (der Taufe) haben alle, Männer und Frauen, Anteil. Sie wirkt zu allen Zeiten und an allen Orten. Sie ist nicht mehr Vorbild, sondern Erfüllung« Die dadurch erworbene Unversehrtheit soll den Christen nicht mehr verlorengehen (Kap. 11).

Es scheint mir notwendig, teuerste Brüder, einmal sorgfältig den Sinn der Beschneidung darzulegen, deren der selige Apostel Paulus nicht nur in dem soeben gehörten Leseabschnitt, sondern auch sonst mehrfach Erwähnung tut, damit der Christ zur Erkenntnis der Wahrheit, der Jude zur Erkenntnis seines Irrtums kommt. Denn der Jude pflegt sehr oft mit großem Wortschwall rühmend hervorzuheben, sie sei die Auszeichnung seines Volkes, sie sei die Kraft des himmlischen Heilssakramentes, sie sei die rechtmäßige Urheberin des ewigen Lebens, sie vermittle die ewige Teilnahme am künftigen Reiche; ohne sie könne schlechthin niemand zur Erkenntnis Gottes gelangen.

Ich halte es deshalb zunächst für notwendig, eine Begriffsbestimmung zu geben, was die Beschneidung ist, damit man mit Recht erkennen kann, welcher Art sie ist. Die Beschneidung, Brüder, ist eine kreisförmige Narbe, die von einer mit einem Eisen beigebrachten runden Wunde herrührt. Wenn der Jude das als einen Ruhm bezeichnet, um von dem, was sonst gesagt wird, zu schweigen, so ist der Ruhm dessen noch größer, der zur Ehre seiner Göttin (die freilich ein altes Schandweib und eine Buhlerin ist) sich nicht nur ein kleines Stück Haut von demselben Glied, sondern gleich das ganze Glied vollständig abschneidet, um es schändlichen Mysterien zu opfern: insofern nämlich, als der Jude nach dem Empfang seines Sakramentes mit diesem Glied noch sündigen kann, der andere es aber mit diesem Glied nicht mehr vermag.

Der Jude steht nun vor der Notwendigkeit, offen zu erklären, ob er die Beschneidung als eine solche fleischlicher Art oder als eine geistiger Art vertreten will. Vertritt er sie als eine geistige, warum rühmt er sich dann des Fleisches? Vertritt er sie als eine fleischliche, so kann sie für die Seele keinen Nutzen bringen: „denn Fleisch und Blut können das Reich Gottes nicht besitzen.“ Dazu kommt, daß die Beschneidung im Widerspruch steht mit dem Sabbatgebot, von dem er betont, daß man dasselbe auf keinen Fall durch irgendeine Arbeit verletzen darf. Denn es kommt doch sehr oft vor, daß ihm am Sabbat ein Sohn geboren wird. Beschneidet er ihn nicht nach dem Gesetz am achten Tage, also am darauffolgenden Sabbat, so muß „das Leben seines Kindes aus dem Volke ausgerottet werden“. Da soll er nun, geliebte Brüder, sich entscheiden, was er will: die Beschneidung vornehmen oder sie verschieben. Nimmt er die Beschneidung vor, so bricht er den Sabbat; nimmt er die Beschneidung nicht vor, so macht er mit dem Untergang des unschuldigen Lebens die Rechte der Beschneidung wertlos; denn allein der achte Tag, nicht der siebente und nicht der neunte, hat von Gott das Privileg der Beschneidung empfangen; und daraus ergibt sich notwendigerweise, daß beides wertlos ist, wenn das eine von den beiden nicht zur Ausführung kommen kann.

Und was sagst du dazu, daß Abel ohne eine solche Wunde als gerecht erfunden wurde? Was sagst du dazu, daß Henoch unverletzt hinweggenommen wurde? Was sagst du dazu, daß Noe, ohne daß er beschnitten gewesen wäre, beim Wüten der Sintflut durch die göttliche Vorsehung dem Menschengeschlecht als Erbe und als Vater aufgestellt ward? Was sagst du dazu, daß Melchisedech, der Hohepriester, der bei Gott besonderes Wohlgefallen fand, diese Narbe nicht kannte? Was sagst du dazu, daß das Volk der Niniviten mit der Vorhaut durch die Barmherzigkeit Gottes gerettet wurde? Gott hätte sicher geboten, alle die Genannten zu beschneiden, wenn er die Beschneidung für sie, die er liebte, als zum Heil notwendig vorausgesehen hätte. Er hätte sicher schon Adam vorher beschnitten gebildet!

Aber vielleicht wendet jemand ein: War denn Abraham ein Sünder, daß er beschnitten wurde? Oder war er gerecht und mußte nicht beschnitten werden? Brüder! Abraham war ein gerechter Mann und wurde trotzdem beschnitten. Wie sagt doch die Heilige Schrift? „Abraham glaubte Gott, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet.“ Sagt sie etwa: Abraham wurde beschnitten, und das wurde ihm zur Gerechtigkeit angerechnet? Da nun Abraham, ebenso wie Henoch und die andern, unbeschnitten gerechtfertigt und erst darnach beschnitten wurde, so ist klar, daß für Abraham die Beschneidung nicht notwendig war, sondern sie nur vorgenommen wurde zur Kennzeichnung des jüdischen Volkes, das ein fleischliches werden sollte. Ihm hat dieselbe keine Förderung gebracht; denn er hat Gott schon vorher gefallen und nicht erst nachher, als er beschnitten wurde; er empfing nicht den Lohn der Beschneidung, sondern der Verheißung, die er sich schon in der Vorhaut verdient hatte. So ist offenbar, daß Abraham in sich das Vorbild des doppelten Volkes trug; durch das Zeichen der Beschneidung zeigte er das jüdische, durch die Gerechtigkeit seines Glaubens das christliche Volk an.

Dazu kommt noch anderes. Die Beschneidung verheißt nicht so fast das Heil: Sie weist vielmehr auf die Stelle und die Veranlassung der Sündenschuld hin. Dadurch, daß Adam mit diesem Glied die verbotene Frucht pflückte, brachte er das Gesetz des Todes für das Menschengeschlecht zur Einführung. Ganz notwendigerweise gab Gott dem wollüstigen Volke dieses Zeichen: indem es die Stelle der von der Stammutter ererbten Schuld (durch die Beschneidung) kennzeichnet, solle es erkennen, daß auch die anderen Sünden zu fliehen sind. Da sagt der Jude: Christ, du hast dich mit deinem eigenen Worte geschlagen. Gerade deshalb behaupte ich ja, das ewige Leben zu besitzen, weil ich weiß, daß mir (in der Beschneidung) in besonderem Sinn ein Heilmittel gegen den Tod von Gott verliehen worden ist. Brüder, der Jude hätte Recht, wenn dieses Heilmittel beiden Geschlechtern hätte zugute kommen können. Da aber die größere Schuld (Evas) zurückbleibt, so muß er sich verloren geben, wenn er nicht die Wahrheit sucht. Denn wenn er auch Adam heilen kann, so kann er doch mit diesem seinem Heilmittel nicht Eva heilen, bei der sicher die Hauptschuld liegt. Und was dann, wenn ich klar sehe, daß sie auch dem Mann nichts nützt? Denn die kreisförmige Auftragung dieses Zeichens hängt doch von der Macht des Herzens ab; ist das Herz nicht durch das Sakrament der wahren Beschneidung gereinigt, so wird der Mensch, um den es sich handelt, für ewig verlorengehen. Denn das Fleisch kann zwar eine Schädigung auf sich nehmen, aber es kann nicht dem Geiste gebieten; vielmehr zwingt der Geist mit königlicher Herrschermacht den Leib, der ihm Untertan ist, in Knechtesdiensten die Wünsche seines Willens zu erfüllen; ist er lasterhaft, so kann jeder soviel Verbrechen begehen, als er Glieder hat.

In dieser Art rügt die Schrift die Juden. Sie beginnt mit den Ohren: „Ich habe zu ihnen gerufen“, sagt sie, „und sie haben nicht gehört. Sie werden rufen zu mir, aber es wird niemand sein, der sie hört.“ Ähnlich spricht sie von den Händen: „Denn eure Hände sind mit Blut befleckt und eure Finger mit Missetaten. Eure Lippen haben Sünde geredet, und eure Zunge sinnt auf Ungerechtigkeit.“ Und wiederum von den übrigen Gliedern: „Ein offenes Grab ist ihr Mund, mit ihrer Zunge handeln sie trügerisch, Natterngift ist unter ihren Lippen; ihr Mund ist voll von Fluch und Bitterkeit, ihre Füße sind schnell zum Vergießen von Blut; Verderben und Unglück ist auf ihren Wegen, und den Weg des Friedens erkennen sie nicht; die Furcht Gottes ist nicht vor ihren Augen.“ Und von der Beschneidung selbst spricht sie in Gleichnissen: „Sie fragten und mit Stäben gaben sie Offenbarungen; vom Geiste der Hurerei waren sie verführt, und sie trieben Unzucht vor ihrem Gott.“ So erkenne denn, Jude, wenigstens in später Stunde, in welch unheilvolle und beklagenswerte Lage dich dein Irrtum bringt, und sag‘ uns, ob du die Beschneidung beobachtest oder das Gesetz. Wenn du die Beschneidung beobachtest, so ist dir das Gesetz nicht notwendig; denn Abraham, der Gerechte, der aus dem Glauben lebte, hat den Besitz Gottes durch seinen Glauben, nicht durch das Gesetz schon vorher verdient. Wenn du das Gesetz beobachtest, so verachte die Beschneidung, wie du sie hast; denn sie ist durch das Gesetz als bedeutungslos erklärt, wie Jeremias sagt: „So spricht der Herr zu den Männern Judas und allen, die in Jerusalem wohnen: Bestellet unter euch ein neues Feld und säet nicht unter die Dornen! Beschneidet die Vorhaut eures Herzens, damit nicht wie ein Feuer ausgehe mein Zorn und alles versenge und niemand da sei, der es lösche.“ Ihr sehet also, Brüder, daß Gott denjenigen, die auf diese Weise beschnitten sind, nicht nur nicht das Heil verheißt, sondern ihnen sogar mit der Strafe des unauslöschlichen Feuers droht, wenn sie nicht dem Gesetze gemäß das Herz beschneiden. Ja, auch Moses selbst, als dessen Schüler sie sich oftmals mit Stolz bezeichnen, wendet sich in gleichem Sinn an Israel mit den Worten: „In den letzten Tagen wird Gott dein Herz beschneiden und das Herz deiner Nachkommenschaft, damit du liebest Gott deinen Herrn.“

Und nun sage ich es euch nochmals: Antworte, Pharisäer, wo liegt dein Herz? Liegt es in der Gegend der Brust: Warum umkreisest du dann mit entstellender Wunde die unten gelegenen Glieder? Liegt es aber, wie du wohl richtig glaubst, in den unteren Gliedern, so bist du zweifellos schlimmer als alle Gotteslästerer, du, der du das Wort des Moses verwirfst und dafür wagst, durch solch einen frevelhaften Opferzoll deines Leibes Gott gefallen zu wollen. Der Jude sagt vielleicht: An mir ist schon auf Befehl Gottes durch Jesus (Nave) diese zweite Beschneidung, die Moses angekündigt hatte, vollzogen. Denn es steht geschrieben: „Und es sprach Gott zu Jesus (Nave): Mache dir besonders scharfe Messer aus Stein; setze dich und beschneide zum zweitenmal die Söhne Israels.“ Lasset uns sehen, Brüder, in welcher Art diese zweite Beschneidung von Jesus Nave mit diesen Messern aus Stein vollzogen worden ist: ob er das Herz oder die Vorhaut beschnitten hat! Auch wenn wir selbst uns auf den Standpunkt der Juden stellen und fleischlich denken, so trifft beide Propheten eine Schuld: entweder macht sich Moses einer Täuschung schuldig, wenn ein schon beschnittenes Glied abermals beschnitten wird, so daß er abermals dasselbe tut oder etwas vernichtet, was gar nicht mehr vorhanden ist; oder ist Jesus Nave ein Mörder, wenn er mit Messern die Herzen der Menschen herausschneidet.

Aber es sei ferne, Brüder, diese Geistesmänner auch nur des geringsten Irrtums zu bezichtigen, um so mehr, da ja bereits erfüllt ist, was die Prophezeiung besagt. Jesus Nave stellte das Vorbild Christi dar, der nach seinen Taten und seinem Namen als der wahre Heiland (Jesus) aller zu erkennen ist. Er, der auch selbst ein Fels genannt ward, hat in Wirklichkeit steinerne Messer gemacht (nicht ohne Grund hat er auch dem Simon, auf den er seine Kirche baute, den Namen Petrus [Fels] gegeben); er hat nämlich in seinen Aposteln und allen seinen Jüngern Männer aufgestellt, durch seine Lehre gebildet und durch die Feile des Heiligen Geistes geschärft, und hat mit ihren Zungen, die da heilsame Lehren verkündeten, gleichsam wie mit geistigen Messern nach dem Wort des Moses bei den an ihn glaubenden Völkern nicht die Vorhaut des Fleisches zur Schädigung des Mensehen, sondern die Vorhaut des sündigen Herzens zu dessen Segen beschnitten.

Aber vielleicht könnte jemand sagen, warum hat er denn selbst das Zeichen des Fleisches empfangen, wenn es ihm nicht notwendig war? Höret, Brüder, den Grund für dieses Tun! Derjenige, der da gekommen war, um dem Menschen wieder das Leben zu bringen, mußte, damit man ihn nicht für eine Scheingestalt hielte, in seiner Menschengestalt alle Forderungen des Gesetzes erfüllen. Er hätte nicht „das Ende des Gesetzes“, nicht der wahre Christus sein können, wenn er irgend etwas unterlassen hätte, was von einem andern für das Heil der Menschen hätte geleistet werden können. Dazu kommt noch, daß er verkündet war als der Sohn Davids nach dem Fleisch; trug er nicht das Zeichen des väterlichen Geschlechtes an sich, so wäre er weder der Sohn Davids gewesen, noch hätte er als Christus anders denn als der Sohn Davids erscheinen können; er wurde beschnitten, weil er den Juden verheißen war; und er wurde mit der Vorhaut geboren, weil er für alle Zeit den unbeschnittenen Heiden das Heil bringen sollte.

Wir sprachen bis jetzt von der ersten Beschneidung, wie sie die Juden haben; nun noch ein kurzes Wort über die zweite Beschneidung, die da die unsrige ist. Sie besitzt soviel Macht, daß sie von einer Frau ihren Anfang nimmt, was der früheren unmöglich war. Ja von dem Weibe, das zuerst gesündigt hatte, geht auch das Heilmittel dieser Beschneidung aus. Weil der Teufel mit seiner Überredung durch das Ohr in Eva sich ein geschlichen, sie verwundet und getötet hatte, darum trat auch Christus durch das Ohr in Maria ein und schnitt alle Laster des Herzens aus. Indem er von einer Jungfrau geboren ward, heilte er die Wunde des Weibes. Hier habt ihr das Zeichen des Heiles! Auf die Schwächung folgte die Unversehrtheit, auf die Geburt die Jungfräulichkeit. In ähnlicher Weise wird Adam durch das Kreuz des Herrn beschnitten. Und weil durch das Weib, das allein den verhängnisvollen Baum berührt hatte, beide Geschlechter den Tod überkommen hatten, darum empfing im Gegensatz dazu durch den Mann, der am Holze hing, die ganze Menschheit wieder das Leben. Und damit der ursprüngliche Zustand wieder vollständig hergestellt erscheine, wurde zuerst der Mann am Kreuz durch den Tod zur Vollendung gebracht; und nachdem er selig entschlafen war, wurde in ähnlicher Weise aus seiner Seite zwar nicht eine Rippe herausgenommen, aber durch den Lanzenstich entstieg ein Strom von Wasser und Blut, die da Taufe und Martyrium bedeuten, der geistige Leib der geistigen Frau, damit in gesetzmäßiger Weise Adam durch Christus, Eva durch die Kirche wiederhergestellt würde.

Und mit diesem Sakrament, Brüder, werden wir, Männer sowohl wie Frauen, beschnitten; durch dieses Zeichen, das nicht nur ein bildliches, sondern ein wirkliches Zeichen des Heiligen Geistes ist, werden wir aufgenommen, Durch diese Beschneidung verlieren wir nichts, sondern wir finden, daß wir gewinnen an himmlischem Wachstum. Wir geben nicht in inhaltloser Feierlichkeit Blut ab, sondern wir behalten das Blut der Keuschheit, das wir dann oftmals in edlem Wettstreit vergießen, wenn wir in der Verfolgungszeit für den Herrn sterben und dadurch den Teufel vernichten, Wir schneiden schließlich das von uns ab, was wir nicht hätten haben sollen, was wir als etwas empfingen, das der böse Feind den Menschen zugebracht, wie der Herr sagt: „Das Himmelreich ist gleich einem Menschen, der guten Samen auf seinem Acker säte; aber als die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen“ Das reißen wir notwendigerweise durch die Beschneidung mit der Wurzel aus, damit wir, gereinigt von ansteckender Berührung mit verderblichem Samen, rein bleiben in der Fülle des Samens des Vaters, Diese Beschneidung wird nicht bei Tag, nicht bei Nacht, nicht durch eine Zeit, nicht durch das Geschlecht, nicht durch eine Stellung, nicht durch einen Ort, nicht durch eine Abstammung abgehalten, den Menschen das Heil zu vermitteln, sondern sie findet sich allezeit bei allen in Herrlichkeit, Die erste Beschneidung schneidet das Fleisch, die zweite die Mängel der Seele, Die erste schneidet mittels des Eisens, die zweite durch den Geist, Die erste schneidet nur einen Teil, die zweite den ganzen Menschen, Die erste schneidet nur den Mann, die zweite beide Geschlechter, Die erste schneidet nur die Vorhaut eines kleinen Stückchens Haut, die zweite die Vorhaut der ganzen weltlichen Begierlichkeit aus. Die erste ist sklavisch an den achten Tag gebunden, der zweiten dienen alle Jahreszeiten, Tage, Stunden, Augenblicke. Die erste bringt vor dem achten Tag oder nach dem achten Tag nicht einmal einem sterbenden Kinde Hilfe, die zweite spendet ihre Heilsgabe von der Wiege der Kindheit angefangen bis zu dem letzten Atemzug jedem Geschlecht in jedem Alter. Die erste freut sich am Blute, die zweite an der Gnade; die erste am Bilde, die zweite an der Wirklichkeit; die erste an einem Verluste, die zweite an einem Gewinne. Die erste lebt als Gefangene unter dem Gesetz, die zweite spendet allen die Freiheit des guten Glaubens in Christus.

So bemühet denn ihr, die ihr „beschnitten seid mit der Beschneidung, die nicht mit der Hand vollzogen ward zur Beraubung des Fleisches, sondern mit der Beschneidung unseres Herrn Jesus Christus“, bemüht ihr euch, daß eure Unversehrtheit nicht verstümmelt wird! Bemühet euch, daß nicht wie die geistige Vorhaut der hereinbrechenden Sünden von Adam und Eva, so auch unseligerweise sich deren Nacktheit wiederhole und zur Verurteilung komme! Bemühet euch, daß nicht der neue Mensch etwas vom Juden oder Heiden an sich zu haben scheine! Denn diese beiden sind fleischlich, und beide sind ohne Frucht. Es kann kein Zweifel sein: Es ist weder die Vorhaut etwas, noch die Beschneidung;  für diejenigen, die gläubig leben, ist allein notwendig die Beobachtung des Willens Gottes.

Traktat XIV. Der Aufbau des geistigen Tempels Gottes.

Der Traktat stellt eine Predigt dar, die Zeno gelegentlich der Einweihung einer Kirche in Verona, wohl der ersten größeren Kirche dieser Stadt, gehalten hat. Von dem erstandenen sichtbaren Bau leitet er über auf den geistigen Kirchenbau, als dem ihm nach dem Wort des Apostels: „Der Tempel Gottes seid ihr, und der Geist Gottes wohnt in euch“ das gläubige Volk selbst gilt. Im Anschluß an die biblischen Schilderungen vom Tempel in Jerusalem und vom himmlischen Jerusalem zeichnet er das Wesen und die Kräfte dieses geistigen Tempelbaues.

Der Redner wünschte, den erstandenen Bau würdig preisen zu können. Aber irdische Tempel besitzen auch Juden und Heiden. Und deren Tempel sind sogar oftmals prächtiger (Kap. 1). Doch irdische Bauten ohne andächtige Beter sind nicht hinreichend und nicht notwendig. Im irdischen Tempel muß der wahre Tempel sein, als den der Apostel das gläubige Volk bezeichnet (Kap. 2). Seine Bestandteile sind anderer Art als die des jüdischen Tempels. Sein Grundstein ist ein Stein (Christus). In ihm fließt ein unversiegbarer Quell (Taufe). Ihn vollenden das Sekretarium, die zwölf Tore, das Zeichen des Kreuzes (Kap. 3). Die Bauleute erhalten besonderen Lohn in den geistigen Gaben der Taufe und Eucharistie (Kap. 4). Wirksame Kräfte zur Aufführung des Baues sind die verschiedenen Tugenden. An ihm haben alle Alter und Stände Anteil (Kap. 5). In dem neuen Kirchenbau möge dieser geistige Bau erstehen (Kap. 6).

Gerne würde ich, geliebteste Brüder, mich sozusagen der Sprache des Triumphes bedienen und durch Worte der Lobpreisung zu dem hohen Schlußstein des neuen Baues einen zweiten setzen. Aber so gut es auch ist, das zu rühmen, was Gottes ist, so stellt doch das, was man mit Heiden oder Juden gemeinsam hat, nichts Einzigartiges dar. Denn auch diese könnten, wenn sie dürften oder wollten, Synagogen erbauen und Göttertempel  errichten, und vielleicht noch reichere. Aber wenn man’s recht betrachtet, so können bei all diesen Bauwerken mehr ihre Baumeister Bewunderung finden als ihre Priester. Und weiter: Findet sich denn nicht in der ganzen Kirche Gottes entweder keine oder nur sehr selten eine Gebetsstätte, die man bis jetzt nur einigermaßen mit den Götzentempeln vergleichen könnte, die beim nächstbesten Zusammensturz in sich selbst zusammensinken? Und wir wissen auch, daß der Tempel Salomos als ein herrliches Bauwerk geschaffen und so durchgeführt war, daß der Beschauer nicht wußte, was er mehr daran bewundern sollte, die Größe, die Bauart, die Ausstattung oder das Baumaterial; denn so vereinigte sich alles zu einer einzigen Herrlichkeit, daß der vergängliche Prachtbau als das rechtmäßige Haus Gottes galt. Wenn dem so wäre, dann würde unsere Kirche niemals mit den Genannten an Schönheit sich messen können.

Aber solche irdische Bauten, die des berufenen und frommen Beters entbehren, erklärt Gott ausdrücklich weder als genügend noch als notwendig für seine Ehre, wenn er sagt: „Der Himmel ist mir Thron und die Erde Schemel meiner Füße. Welches Haus werdet ihr mir erbauen? Welcher Ort dient mir zur Ruhe? Alles das hat meine Hand gemacht.“ Und im Evangelium spricht er: „Jerusalem, Jerusalem, das du die Propheten tötest und steinigest, die zu dir gesandt wurden, wie oft wollte ich deine Kinder versammeln wie die Henne ihre Küchlein unter ihre Flügel sammelt, und du hast nicht gewollt. Sieh, euer Haus wird euch leer zurückgegeben werden.“ Und wiederum: „An dem Tempel wird nicht ein Stein auf dem andern bleiben, der nicht abgebrochen wird.“ Er verwirft also den Tempel, der so unermeßlich groß, so herrlich, so reich ausgestattet war, weil in ihm nicht der wahre Tempel war. Denn diese Zusammenfügung von Wänden ist nur ein Versammlungsort für Menschen; der Tempel Gottes ist das gläubige Volk, wie der Apostel sagt: „Ihr seid der Tempel Gottes, und in euch wohnt der Heilige Geist.“ Ja, so ist es. Denn wie für leblose Götzenbilder auch ihnen ähnliche Tempel passen, so sind für den lebendigen Gott auch lebendige Tempel notwendig. Sie allein weisen das ihnen eigene und immer dauernde Geftige der Priester Gottes auf. Und darin übertreffen wir Juden und Heiden oder überhaupt alle übrigen. Unvergleichlich und wahrhaft Gottes würdig ist die Herrlichkeit, wenn in einer Gesinnung, in einem Glauben, in gleichgestimmter Andacht, der eine für den andern bittend, sich Priester und Tempel (das gläubige Volk) an Gott wenden. Freuet euch, Brüder! Erkennet euren eigenen Aufbau an diesem neuen Tempel, dessen Weite ihr durch eure erfreulich große Zahl schon wieder eng gemacht habt! Denn aus der Tatsache, daß euch der Raum nicht zu fassen vermag, läßt sich ersehen, daß euer Glaube Gott umfaßt. Damit nicht etwa jemand mich um diesen Aufbau.

Im Grund des ganzen Baues liegen nicht wie beim jüdischen Tempel sehr viele Steine, sondern nur ein einziger, aber großer, herrlicher, kostbarer, einzigartiger Stein, der auch allein die ganze Last des viereckigen Turmes trägt. Diesen Bau stützt nicht in verschiedenartiger Weise eine nicht übersehbare starke Reihe von Säulen; denn ihm genügen sieben allein. Mit ihm ist nicht verbunden ein ehernes Meer; denn in ihm befindet sich das lebendige Meer seines ewig sprudelnden Quells, ein Meer, das nicht die Menschen schiffbrüchig werden läßt, sondern die Schiffbrüchigen zu einem seligen Leben führt. Er weist nicht Gold und Silber auf; in seinen Märtyrern schließt er alles zusammen. Er verlangt nicht nach einem Licht der Fenster; denn immerdar leuchtet in ihm die ewige Sonne. Drei unschätzbare Stücke, die sich zu einer vollkommenen Einheit zusammenschließen, sind ihm eigen: Ein geheimer Raum, zwölf immer offene Tore, die vor jedem feindlichen Angriff ein Zeichen schützt, das in der Form des Buchstabens Tau in die Höhe ragt. O es ist eine wunderbare Sache! Täglich wird dieser Bau aufgeführt, täglich wird er eingeweiht. Zu jeder Zeit wird er mit blühenden Blumen und verschiedenen Edelsteinen, Kleinodien, Perlen geschmückt. Und weil er ein lebendiger Bau ist, hat er als Dach nur den Himmel über sich.

Ich will weiter davon sprechen, welcher Lohn, welcher Mundvorrat dort täglich zur Verteilung gelangt. Alle erhalten gleichmäßig ein Brot mit dem Kreuzzeichen darauf, Wasser mit Wein gemischt, Salz, Feuer, Öl,  eine einfache Tunika und einen Denar. Wer ihn mit Freude empfängt und ihn nach dem Empfang nicht wegwirft, sondern in der Arbeit bis zu seinem Ende ausharrt, wird nach Vollendung des Turmbaues in ihm verbleiben und unermeßliche Reichtümer sein eigen nennen.

Es ist auch notwendig, hervorzuheben, was in diesem Tempel geschieht« Der Priester ruft, der Glaube öffnet die Pforte, die Einfalt nimmt die Einführung vor, die Einsicht ladet ein, die Wahrheit überzeugt, die Furcht hält Wache, die Zucht richtet Schranken auf, die Enthaltsamkeit legt Zügel an. In der Not steht unentwegt der Glaube, in der Verborgenheit die Schamhaftigkeit, in der Frühzeit die Unschuld, in der Mitte der Gleichmut, am Ende die Geduld. Der Friede führt zusammen, die Liebe knüpft die Bande, die Besorgtheit behütet, die Gerechtigkeit nimmt die Verteilung vor, die Mildtätigkeit reicht die Gaben, die Reinheit legt Fürbitte ein, der Geist bittet um den Lohn, die Hoffnung stellt ihn in Aussicht, die Weisheit als die Herrin des Hauses bestimmt ihn schon voraus. Freuet euch, ihr Greise: ihr seid die Grundfesten dieses Hauses! Freuet euch, ihr Jünglinge: ihr seid dessen Steine, besser als solche von Diamant! Freuet euch, ihr Kinder: ihr seid die süßen und unbezahlbaren Perlen an dem heiligen Turm! Freuet euch, ihr mit Kindern gesegnete Ehegatten: ihr schneidet Edelsteine, besser als ihr selbst es seid! Freuet euch, ihr Witwen: durch die Vollkommenheit eurer Tugend seid ihr in geistigem Eheband mit dem Eckstein verknüpft! Freuet euch, ihr Jungfrauen: alle diese Herrlichkeit kleidet ihr in Schmuck durch die Ehre eurer Jugendblüte! Freuet euch, ihr Reichen, die ihr durch oftmalige und gerechte Spenden in Wahrheit reich geworden seid: der erwähnte immerwährende Lobpreis des göttlichen Werkes gebührt der durch euch erfolgten Förderung der Ehre des Himmels! Freuet euch, ihr Armen: durch euch und in euch ist das Haus Gottes größer geworden! Denn ihr seid einerseits allen gleich; andrerseits übertrefft ihr alle Maße durch die Größe eurer Schar; denn heilige Reiche gibt es wenig, ihr stellt die größere Zahl!

Das, geliebte Brüder, sind eure Gnadengaben, das sind die Kräfte, durch die das geistige Jerusalem erbaut wird, durch die unsere Stätte heiligen Gebetes und das Volk täglich durch die Vorsehung unseres Gottes und Herrn Christus gestaltet wird. Das ist unsere herrliche Aufgabe. Das ist der Ruhm aller Priester. Dieses Geheimnis, dieser teure Bau, dieser lebendige Bau für Gott bestimmt, kommt zwar im Fleisch zur Ausführung, aber im Geist zur Vollendung. Gott, der allmächtige Vater, aber wird geben, daß wir, wie wir in dieser seiner irdischen Wohnstätte Dank sagen, es in noch reicherem Maße tun im himmlischen Reich mit allen Heiligen.

Traktat XV. Die drei Gattungen von Opfern.

Die Überschrift „Die drei Gattungen von Opfern“ findet sich nur in einer späten Handschrift und mit ihr in der ältesten Venetianerausgäbe. In andern Handschriften trägt der Traktat lediglich die Überschrift „Ein weiterer Traktat“, und andere Ausgaben gaben ihm die Bezeichnung „Zum 49. Psalm“. Die Herausgeber Gebrüder Ballerini und ihnen folgend Giuliari behielten den Titel„ Die drei Gattungen von Opfern“ bei. Er hat eine gewisse Berechtigung; denn der Traktat geht zwar vom 49. Psalm aus und sucht in Kapitel 1 aus Vers 7 und Vers 12 dieses Psalmes die Gottheit Christi zu beweisen, benutzt aber sodann die Sätze: „Opfere Gott ein Opfer des Lobes und bringe dem Allerhöchsten deine Gelübde dar“ (Vers 12), um von dem wahren christlichen Opfer zu sprechen. Der Prediger unterscheidet drei Gattungen von Opfern: das Opfer der Heiden, der Juden und der Christen. Das Opfer der Heiden ist verabscheuenswert und zugleich töricht, weil es leblosen Götterbildern beziehungsweise Dämonen gilt (Kap. 2). Auch die Opfer der Juden hat Gott, wie sich aus Stellen der Hl. Schrift ergibt, verworfen (Kap. 3). Gott wohlgefällig ist das Opfer der Christen, das schon bei Malachias angedeutet ist und das unter dem „Opfer des Lobes“ des 49. Psalmes verstanden ist (Kap. 4), Die Eigenart dieses Opfers liegt darin, daß es ein geistiges Opfer ist. Es muß aber auch mit reinem Geist dargebracht werden (Kap. 5). Demnach kann auch das Opfer von Christen nicht Gott wohlgefällig sein, die auf ihren Gütern noch heidnische Opfer dulden, die heidnischen Gebräuchen huldigen, die durch Unsittlichkeit, Zorn, Hartherzigkeit fehlen oder die reine christliche Lehre mit heidnischen Bestandteilen mischen. Der Traktat klingt aus in die Mahnung zum reinen Opfer (Kap. 6).

Verwertet sind in ihm Gedanken von Tertullian (Ad-versus Judaeos) und den Institutionen des Laktantius (Üb. VI, c. 23; epitome institutionum c. 53). Vermuten darf man vielleicht, daß er auch eine Erklärung des 49. Psalmes im Psalmenkommentar des Hilarius benützte, die verlorengegangen ist.

Die Anrede „Novelle disce Christiane“ (Kap. 2) und „Dulcissimi flores mei“ (Kap. 6) scheint darauf hinzuweisen, daß der Traktat vor den Neugetauften gehalten wurde; und nur sein größerer Umfang bestimmte die Ballerini (und Giuliari), ihn nicht den im zweiten Buch vereinigten Taufreden anzufügen, sondern ihn in das erste Buch einzureihen. Aber andrerseits wählt der Prediger auch andere Anreden (Fratres dilectissimi, Christiani), und Ausführungen wie in Kap. 6 gelten sicher Gemeindemitgliedern, die schon längere Zeit Christen sind. Bei der Betonung der Unterscheidung von drei Opfergattungen mochte er sich besonders an die anwesenden „no-velli Christiani“ wenden; als „flores dulcissimi“ konnte ein Bischof seine sämtlichen, zum großen Teil durch ihn dem Christentum zugeführten Zuhörer bezeichnen.

Liebste Brüder! Bei jeder Sache ist es so: wer nicht ihre äußere Erscheinung und ihre innere Begründung kennt, vermag ihre Wahrheit nicht zu erfassen. Und das war und ist auch der Grund, warum die Juden und Christen, die noch schlechter sind als Juden, nicht glauben, daß der Sohn Gottes Gott ist. Ich wünschte nur, daß solche auf kurze Zeit anwesend wären und ihr Ohr der gegenwärtigen Lesung liehen. Sie sollten uns sagen, wer denn der Gott ist, der da spricht: „Höre, mein Volk, und ich will reden, Israel, und es dir bezeugen: Gott, dein Gott, bin ich.“ Und weiter unten: „Mein ist der Erdkreis und was ihn erfüllt. Soll ich das Fleisch von Stieren essen oder das Blut von Böcken trinken? Opfere Gott ein Opfer des Lobes und bringe ihm deine Gelübde dar! Und rufe mich an am Tage der Trübsal, und ich werde dich retten, und du wirst mich preisen“ Wenn hier der Vater spricht, Brüder, wer ist dann derjenige, dem er so viel Ehre bezeugt? Wer ist derjenige, den er den Allerhöchsten nennt, nachdem doch er allein ist, über dem kein anderer Höherer steht? Wenn es aber Worte des Sohnes sind, der sie seinem Vater gegenüber mit aller Ehrfurcht ausspricht, so müßt ihr erkennen, wie schwer die Ketten der Finsternis sind, in denen der Geist der Ungläubigen gefesselt ringt.

Er spricht: „Opfere Gott ein Opfer des Lobes!“ Damit dich nun, mein Neuchrist, nicht eine irrige Auffassung verführt, mache es dir vor allem zu eigen, daß es drei Gattungen von Opfern gibt. Die eine ist verabscheuenswert, die zweite ist verworfen, die dritte ist rein. Verabscheuenswert ist das Opfer der Heiden, verworfen das der Juden, rein das des Volkes der Christen. Doch wie das Opfer der Heiden verabscheuenswert ist, so ist es auch nichtig. Nichtige Menschen beten nichtige Gebilde an, die unter Verschwendung von Gold und Silber durch die Führung des Zahnes einer Feile zu beliebigen Gestalten, beliebigem Gesichtsausdruck, belieligem Alter geformt worden sind. Was ist das aber für eine Torheit, ein Opfer ihnen darzubringen, die nichts davon wissen; Licht vor ihnen anzuzünden, die nichts davon sehen; Weihrauch für sie zu verbrennen, die ihn nicht einatmen; Gebete an sie zu richten, die sie nicht hören; Schutz von ihnen zu erflehen, die ungescheut ein Dieb stiehlt? Mit Recht zürnt solchen Gott, wie er spricht: „Gehet nicht fremden Göttern nach, um ihnen zu dienen! betet sie nicht an, damit ihr nicht etwa durch die Werke eurer Hände mich zum Zorne reizet und ich euch verderbe!“ Was aber unter den Werken der Menschenhand zu verstehen ist, das erklärt der Heilige Geist im fünfundneunzigsten Psalm, wenn er sagt: „Alle Götter der Heiden sind böse Geister (Dämonen); der Herr aber hat die Himmel gemacht,“ Und im Deuteronomium: „Sie haben den bösen Geistern (den Dämonen) geopfert und nicht Gott.“ Und damit keiner glaube, daß ihm das Sakrileg ungestraft hingehen werde, sagt die Schrift ebenda noch; „Wer den Göttern opfert und nicht dem Herrn allein, der soll ausgerottet werden.“ Das ist Gottes Urteilsspruch, der die Heiden erwartet, wenn sie sich nicht bekehren: sie erkennen ja selbst, daß sie weder einen rechtmäßigen Gott noch ein rechtmäßiges Opfer haben.

Und nun erfahret, daß auch die Opfer der Juden von Gott verworfen sind, der zu ihnen im Buch Isaias spricht: „Was soll mir die Menge eurer Opfer? Ich bin satt von den Brandopfern von Widdern und dem Fette von Lämmern. Ich verlange nicht nach dem Blute von Stieren und Böcken. Wer hat solches von euren Händen gefordert?“ Und ähnlich verkündet der Heilige Geist durch einen andern Propheten: „Gürtet euch und weinet, ihr Priester; trauert alle, die ihr dem Altare dienet! Denn genommen ist vom Hause eures Gottes Speiseopfer und Schlachtopfer.“ Es ließe sich noch vieles sagen. Aber es ist überflüssig, bei Dingen sich aufzuhalten, die ja überhaupt nicht mehr existieren.

Doch ein Beispiel wollen wir noch notwendigerweise anführen, das beweisen möge, daß das Opfer des Juden Gott verhaßt, das des Christen ihm wohlgefällig ist. Beim Propheten Malachias steht geschrieben: „Ich habe kein Wohlgefallen an euch, spricht der Herr, und das Opfer von eurer Hand ist mir nicht genehm. Denn vom Aufgange der Sonne bis zu ihrem Unter gange ist mein Name verherrlicht bei den Heiden, und an allen Orten werden meinem Namen Weihrauch Opfer dargebracht und ein reines Opfer. Denn groß ist mein Name bei den Heiden, spricht der Herr.“  „Opfere Gott ein Opfer des Lobes!“ „Opfere“, spricht er, „Gott“, nicht den Dämonen, „ein Opfer des Lobes“ und nicht des Tadels! „Und bringe dem. Allerhöchsten deine Gelübde dar!“ Alle Ehre führt er auf den Vater zurück, von dem alles stammt. Und wenn er weiterfährt: „Rufe mich an in deiner Trübsal, und ich werde dich erretten“, so bringt er damit zum Ausdruck, daß er alles durch sich selbst ausführt. Das Wort: „Und du wirst mich preisen“, dürft ihr, meine Brüder, nicht so auffassen, als ob er damit bezeugen wolle, daß das Lob für sein Werk ihm allein gebühre — er, der da im Evangelium sagt: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubet mir nicht; aber wenn ihr mir nicht glauben wollt, so glaubet meinen Werken und erkennet, daß der Vater in mir ist und ich in ihm“— nein: das Wort ist der Hinweis auf die eine Majestät, der Ausdruck der unteilbaren Liebe; denn der Preis des Sohnes ist auch der Preis des Vaters, und der Preis des Vaters der Preis von beiden.

Nun aber ist es am Platz, die Eigenart unseres Opfers kennenzulernen. Sie läßt sich leicht aus dem Gegenteil erschließen: Wenn für körperliche Götter ein körperliches Opfer passend ist, so ist jedenfalls für den geistigen Gott ein geistiges Opfer notwendig. Es ist ein Opfer, das nicht aus der Geldtasche, sondern aus dem Herzen hervorgeht; ein Opfer, das nicht in übelriechenden Tieren, sondern in wohlgefälligen Sitten besteht; ein Opfer, das nicht mit blutigen Händen, sondern mit reinen Sinnen dargebracht wird; ein Opfer, das nicht getötet wird, damit es sterbe, sondern das wie Isaak geschlachtet wird, damit es lebe, so wie der Apostel Paulus uns mahnt, in seinen Worten: „Bringet euren Leib als ein lebendiges, heiliges, Gott wohlgefälliges Opfer dar!“ Denn nur das ist ein Gott wohlgefälliges Opfer, wenn eine reine Seele sich selbst dem Herrn opfert. Und wertlos sind alle andern Opfer, wenn der Geist des Opfernden nicht rein ist, wie Salomon im Ekklesiastikus spricht: „Die Gaben der Ungerechten nimmt der Allerhöchste nicht an.“

Aber nun fragt auch euch, ihr Christen, ob ein Opfer von euch wohlgefällig sein kann, von euch, die ihr jede Scholle, jeden Stein, jeden Strauch auf den Besitzungen eurer Nachbarn kennt, nur von den allenthalben rauchenden Heiligtümern auf euren eigenen Gütern nichts wißt, die ihr, wenn man die Wahrheit sagen will, schützt, indem ihr tut, als wüßtet ihr nichts davon. Der Beweis hierfür liegt nahe. Ihr prozessiert ja täglich, damit euch niemand das Tempelrecht streitig mache. Aber nicht allein Christen dieser Art mißfallen Gott: auch diejenigen, die auf den Gräberfluren sich umhertreiben; die vor bereits Verwesungsgeruch an sich tragenden Leichnamen Totenmahlzeiten abhalten; die in ihrer Gier nach Schwelgerei im Essen und Trinken an verrufenen Orten, Flaschen und Kelchen sich Märtyrer schaffen; die abergläubisch auf bestimmte Tage achten, die aus weißen Tagen schwarze ägyptische machen; die Augurien anstellen und in den gewaltsam aufgerissenen Eingeweiden von Tieren über ihr Heil Aufschluß suchen; die das eheliche Band drückend machen, die eheliche Liebe mit Füßen treten und, um heimlichen schändlichen Genuß vor der Öffentlichkeit zu verdecken, untergeordneten Personen die Verwaltung des Hauswesens anvertrauen, nicht aus Vertrauensseligkeit, sondern durch Hang zur Sinnlichkeit hierzu bestimmt; die öffentliche Dirnen sich mit Gewalt gefügig machen und damit deutlich zeigen, daß sie noch erbärmlicher sind als jene; die da im Zorn aufbrausen; die da knirschen in Streitigkeiten; die Verleumdungen ersinnen; die Arme, Witwen, Waisen, um ihre letzte Habe bringen; die, ohne sich um die Gefolgschaft Gottes zu kümmern, göttliche Geheimnisse mit weltlichen Fabeleien vermischen und dabei auch andere zu ihrem Unglück davon abziehen.  Möge jeder zusehen, wie er die Opfergabe genieße oder darbringe! Ist es frevelhaft, Gott unwürdig Opfer darzubringen, so ist es todbringend, unwürdig davon zu genießen. Denn so spricht die Schrift im Buche Levitikus: „Jeder, der rein ist, soll das Opferfleisch genießen. Eine Seele aber, die von dem Fleisch des Opfers des Heiles ißt, das für Gott bestimmt ist, über der aber Unreinheit liegt, eine solche Seele wird zugrunde gehen aus ihrem Volk“ Und wie wir, meine Brüder, uns vor solchen Dingen hüten müssen, so müssen wir andrerseits das, was gut, was rein, was aufrichtig, was fromm, was heilig ist, erstreben, — so wie ihr es tut: „damit die Menschen, wenn sie eure guten Werke sehen, euren Vater preisen, der im Himmel ist“. So sorget denn, ihr meine geliebtesten Sprößlinge, für solche Opfer, die der Heilige Geist gerne darbringt, die der Vater annimmt und über deren Annahme der Sohn, der unser Meister ist, sich rühmt durch den, der gebenedeit ist in alle Ewigkeit!

Traktat XIV. Von der Auferstehung.

Das Thema von der Auferstehung der Toten wurde in der altchristlichen Literatur und wohl auch in der altchristlichen Predigt vielfach erörtert. Die Einwände, die Zeno entgegengehalten werden, sind wohl durchweg populärer Natur gewesen, und in populärer Form bewegt sich auch seine Darlegung. Sein philosophisches Material hat er größtenteils Tertullian (De resurrectione carnis) und Laktanz (Institutionen 1. VII), die Bibeltexte größtenteils den Testimonia des Cyprian HL Buch c. 58 entnommen.

Wer die Auferstehung leugnet, leugnet damit seine zukünftige Seligkeit. Solche Leugnung entstammt meist der Furcht vor dem zukünftigen Gericht wegen begangener Verbrechen. Sie widerspricht sogar der Weisheit dieser Welt; denn schon Plato sprach von der Unsterblichkeit. Um wie viel mehr ist sie Glaubenspflicht für den Christen! (Kap. 1.) Zunächst ist der Beweis zu führen, daß die Seelen mit dem Zerfall des Leibes nicht untergehen, sondern in einen Ort der Strafe oder des Friedens verwiesen werden; daran kann sich erst der Glaube schließen, daß auch das Sichtbare (der Leib) nicht ganz untergehen wird. Die Heiden, die das Letztere nicht glauben, glauben im Widerspruch dazu, ihren Toten Nahrungsmittel bringen zu müssen. Die Philosophen haben sich hauptsächlich mit der Seele beschäftigt und vertraten in Widerlegung einzelner Theorien die Unsterblichkeit derselben. Noch weitergehend haben die Dichter in der Unterwelt einen Ort für die Gottlosen im Tartarus und einen Ort für die Guten im Elysium angenommen (Kap. 2). Der Christ hat verschiedene Beweise für das Fortleben der Seele nach dem Tode. Ein solcher Beweis liegt bei den Besessenen vor, deren böse Geister sich durch die Beschwörung vielfach als die Geister von Verstorbenen zu erkennen geben (Kap. 3). Noch überzeugender sind die Beispiele aus der Heiligen Schrift, wie sie in dem Erscheinen des Geistes des toten Samuel vor Saul, in dem Erscheinen von Moses und Elias bei der Verklärung des Herrn, in der Zwiesprache des reichen Prassers in der Hölle mit dem armen Lazarus in der Seligkeit vorliegen (Kap. 4). Der Herr selbst hat dem rechten Schacher nach dem Tode das Paradies verheißen. Und vor allem ist Jesus selbst auferstanden und hat dadurch der menschlichen Natur, die er angenommen hatte, die Auferstehung gesichert (Kap. 5). Darum ist die übertriebene Trauer, wie sie sich bei Christen vielfach um die Toten findet, unberechtigt (Kap. 6). Es ist ja auch an und für sich leichter, etwas, was schon war, wieder herzustellen, als etwas neuzuschaffen. Gott ist es ja eigen, das zu wirken, was unmöglich scheint (Kap. 7). Auch Beispiele aus der Natur zeigen, daß aus dem Tode Leben sprießt. Solche Beispiele bieten die Sternschnuppen, die unter- und wieder aufgehende Sonne, der Mondwechsel (Kap. 8). Ein Beispiel besonderer Art ist der Vogel Phönix (Kap. 9), sowie das in die Erde gelegte und aufgehende Saatkorn (Kap. 10). Bei der Auferstehung ist ein Unterschied zwischen der Auferstehung der Gerechten und Ungerechten (Kap. 11). Daran schließt sich die Frage nach der leiblichen Gestalt der Auferstehenden. Bei der Auferstehung wird nicht das Fleisch als solches vernichtet. Dasselbe wird schon auf Erden durch die Taufe gereinigt und auf das himmlische Ziel eingestellt und erweist sich durch die Mitteilung des Heiligen Geistes fähig, die Seligkeit zu verdienen (Kap. 12). Ein Analogon hierfür bietet der wilde Ölbaum, der durch die Aufpfropfung eines edlen Reises zum Olivenbaum wird (Kap. 13). Die Frage, ob der Mensch noch zu erkennen ist, wenn das Fleisch untergeht, beantwortet sich dahin, daß das Fleisch nur das Spiegelbild der Seele des Menschen ist, daß vom Leib nur das Unnütze untergeht, das andere umgestaltet wird, das Wesen unberührt bleibt. Solang der Gerechte lebt, ist er im Zustand der Strafe. Nach dem Tode erwartet ihn die ewige Seligkeit (Kap. 14).

Wer die Auferstehung leugnet, der fällt damit von selbst über sein eigenes Leben1 das Todesurteil. Warum sollte ein Mensch verdienen, die Glückseligkeit der Zukunft zu schauen, von dem man sieht, daß er in frevelhaftem Unglauben Gott seine Allmacht abspricht? Aber diejenigen, die das tun, tun es in Rücksicht auf ihre Freveltaten: sie glauben, daß dieselben ungestraft bleiben, weil sie dieselben im geheimen vollbringen. Würden sie ahnen, daß bereits der Tag des Gerichtes in seinem Kommen nahe sei, würden sie zweifellos die Dinge der Gegenwart hassen und die Dinge der Zukunft glauben und zugleich fürchten. Es gibt ja doch niemanden, der so wenig von der Weisheit dieser Welt gekostet hatte, daß er zu behaupten wagte, die Seele gehe zugleich mit dem Leibe unter, das Himmlische falle mit dem Irdischen dem Verderben anheim. Sagt doch der Weiseste der Griechen, es sei der Tod, wenn der Geist im Körper wie in einem Kerker eingeschlossen sei; und es sei das wahre Leben, wenn der Geist aus dieser Kerkerhaft befreit an den Ort zurückkehre, von dem er ausgegangen. Und wenn er so dachte, der Christus nicht gekannt; warum sollte der Christ zweifeln, der da hört, daß eine Auferstehung sein wird, der an sie glaubt, der im voraus mit Sicherheit annimmt, daß sie ihm von Christus bereitet sei?

Vor allem ist nun wohl der Beweis zu führen, daß unsere Seelen nicht mit den Überresten ihrer Leiber und dem Zerfalle dieser ihrer fleischlichen Wohnung beim ersten Tode ebenfalls sich auflösen, sondern daß je nach der Art ihrer Taten die einen in Orte der Strafe verwiesen werden, die andern in Stätten der Ruhe Erquickung genießen. Dann erst kann man glauben, daß auch das wieder zur Auferstehung kommt, was in einer für jeden offenkundigen Weise nicht ganz untergeht. Die Heiden, die das Letztere nicht glauben, eilen doch mit ihren unglückseligen Opfergaben zu den Gräbern und behaupten, daß ihre Toten, die sie in der Ruhe schweigender Nacht wissen, von ihnen zeitweise Speise verlangen; so zeugen sie für die Wahrheit einer Sache, die sie sonst verwerfen. Die Philosophen haben Verschiedenes über die Seele gesprochen; aber in überzeugender Beweisführung, daß sie unsterblich sei, widerlegen sie die haltlosen Aufstellungen eines Epikur, eines Dicaearch, eines Demokrit. Richtiger noch als sie urteilen die Dichter, wenn sie einen doppelten Weg in der Unterwelt annehmen: einen Weg für die Gottlosen, der in den Tartarus, und einen Weg für die Frommen, der in das Elysium führt; und wenn sie daran anschließend noch mehr betonen, daß dort nicht so fast die Gestalten, als vielmehr die Taten der Toten zur Kenntnis kommen und daß sie unbedingt ihren Lohn empfangen, entsprechend dem, was sie in ihren Handlungen aus der Verwaltung in der Welt mitbringen, so sprechen sie mit Recht:

Jeder erduldet, was selbst er verdient hat.

Wir aber, meine Brüder, die nicht eine geistreiche Vermutung, sondern Gott selbst als Lehrer unterrichtet hat, und um derentwillen er zugleich den Beweis an sich selbst erbrachte für das, was er lehrte, wir sind in der Lage, nicht nur zu behaupten, daß die Seelen der Verstorbenen weiterleben, sondern es auch an augenfälligen Tatsachen zu erhärten. Denn die herumschweifenden unreinen Geister  beiderlei Geschlechts brechen mit den Mitteln hinterlistiger Schmeichelei oder auch mit Gewalt in das Haus des Körpers der Lebenden ein, suchen darin für sich ein Versteck und bringen sie in unheilvolle Gefangenschaft. Kommt es aber dann zum Schauplatz des göttlichen Kampfes und werden sie mit der Waffe des heiligen Namens angegriffen, so lernt man den Angreifer kennen; den andern, um den sich der Kampf dreht, wird man bemitleiden. Der Besessene verliert plötzlich seine Farbe, seine Gestalt wird von Naturkraft in die Höhe geworfen, die Augäpfel des Besinnungslosen verdrehen sich zu schauerlichem Schielen, grauenerregend durch Massen von Schaum knirscht die Reihe der Zähne zwischen den blassen Lippen; der Dämon stöhnt, er weint, er zittert vor dem angekündigten Tag des Gerichts, er jammert, daß er ausgetrieben wird; er offenbart sein Geschlecht, er gesteht die Zeit und den Ort, da er den Angriff gemacht, er nennt seinen Namen und die Zeit seines Todes, oder er gibt deutlich durch Zeichen zu erkennen, wer er ist, so daß wir meistens erfahren, daß es sich um Leute handelt, die nach unserm Erinnern in dem Götzendienst verharrt haben und sogar auf gewaltsame Weise aus dem Leben geschieden sind. Und nun antworte mir, der du behauptest, daß nach dem Tode vom Menschen nichts mehr übrig bleibe: Wie sprach dieser Verstorbene, den du gekannt hast, durch einen andern? Du antwortest: Das ist ein Trug der Dämonen. Dann ist der Beweis noch überzeugender, wenn auch Betrüger der Wahrheit Zeugnis geben. Aber warum sollten sie, deren Zeugnis im übrigen wahrheitsgetreu ist, falsche Namen vorgeben, und welchen Grund sollten sie für dieses Vorgehen haben, das Menschen, die sie gerade dem Verderben preisgegeben wissen wollen, zur Furcht Gottes führt, ihnen selbst nicht den geringsten Nutzen bringt? Man könnte nur dann annehmen, daß sie richtig handeln, wenn sie durch die Angabe eines fremden Namens das Besessene behaupten könnten. Aber wenn sie durch die Beschwörung im Namen Gottes auf ihrer geistigen Folter gegen ihren Willen aussagen, wer sie sind und dann gegen ihren Willen ausfahren, so sind sie doch auch zweifellos das, als was sie sich jedem gegenüber bekennen.

Höre noch andere Beispiele, und zwar solche noch sicherer Art. Nach dem ersten Buch der Könige erscheint der ausgezeichnete Priester Samuel, der schon durch das Gesetz des Todes betroffen war, auf Verlangen des Königs Saul demselben nicht nur in zweifelloser Weise gegenwärtig, sondern er antwortet ihm auch auf seine Fragen und weissagt ihm im Zustand des Gestorbenseins freimütiger, als er’s zu Lebzeiten getan. Man kann von ihm sagen: Er ist mehr weggegangen als gestorben. Auch im Evangelium sehen Petrus und die Söhne des Zebedäus Moses und Elias beim Herrn in seinem Glänze stehen, sehen sie, die sie wegen des Hindernisses des Fleisches nicht hätten sehen können, in der Freiheit des Geistes; sie mochten daran erkennen, daß das, was man auf dieser Welt für die Zeit untergehen sieht, doch in der Schatzkammer der Natur geborgen unversehrt ruhen bleibt. Ähnlich erkennt der geizige Reiche in der Hölle,  den eine unermeßliche Kluft von der Glückseligkeit des Armen trennt, in seiner Gluthitze um Kühlung bittend zu spät, daß Lazarus der wahre Reiche ist. Schon tot, bittet er, nur mit dem Finger einer Hand von dem berührt zu werden, dem er zu seinen Lebzeiten die Gabe verweigert hatte. Jetzt haßt er, was er früher ohne Grund geliebt; jetzt macht er die Erfahrung, daß das, was er gehaßt, das Glücklichere ist. Er klagt, daß nichts von all seinen Reichtümern ihm ein Heilmittel bietet gegen die quälende Strafe; und er wäre doch bereit, für einen Augenblick der Ruhe unbedenklich alles hinzugeben, wenn es möglich wäre. Er wünscht, daß wenigstens seinen überlebenden Brüdern eine Warnung zukommt. Inständig bittet er den Vater Abraham, es möge ein Bote an sie abgehen, der sie von der so bedeutungsvollen Angelegenheit unterrichte. Aber Abraham antwortet: ,,Sie haben Moses und die Propheten; wenn sie ihnen nicht glauben, so werden sie auch dem nicht glauben, der von hier aus zu ihnen gesandt wird.“ Damit gibt er klar zu erkennen, daß die Wahrheit nicht auf den Augen des Fleisches, sondern auf dem Glauben der Gläubigen beruht.

Und schließlich hat der Herr diese Beispiele bekräftigt, als er zu dem einen der beiden Räuber, die gleichzeitig mit ihm rechts und links am Kreuze hingen, dem einen, der an ihn glaubte, die Worte sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage dir, heute wirst du bei mir im Paradiese sein.“ Wenn nun ein Mensch, der gestorben ist, für alle Ewigkeit untergeht, so hat der Herr gelogen, wenn er ihm, der von da ab nichts mehr sein sollte, das Paradies verhieß. Aber auch der Mensch, den der Herr selbst angenommen, geht zugrunde, wenn Jesus nicht auferstanden ist. Ist er aber auferstanden, so hat er damit auch dem Menschengeschlecht das Vorbild gegeben; denn um dessentwillen hat Gott in der Menschengestalt die Rechte des Todes zu fühlen auf sich genommen, damit der Mensch durch Gott das Recht der Unsterblichkeit, das er verloren, wieder zurückgewinne. Deshalb sagt der selige Paulus: „Brüder, wir wollen euch nicht in Unkenntnis lassen über das Schicksal derer, die entschlafen sind, damit ihr nicht trauert, wie diejenigen, die keine Hoffnung haben. Wenn wir nämlich glauben, daß Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch diejenigen, die im Glauben an Jesus entschlafen sind, mit ihm emporführen.“ So spricht Gott auch durch den Propheten Ezechiel: ,,Siehe, ich öffne eure Grabmäler und werde euch aus euren Gräbern heraus und in das Land Israel führen. Und ich will meinen Geist in euch geben, und ihr werdet leben.“

Wenn nun aber dem so ist, warum, mein Christ, glaubst du nicht an die zukünftige Auferstehung? Warum betrauerst du so beharrlich diejenigen, die aus dem Verderben dieser Welt in eine bessere hinüberwandern? Es ist doch ein Frevel! Da ist eine Mutter! Mit zerrissenem Kleid, mit zerzaustem Haar, mit zerfleischten Wangen, die ganze Brust blau geschlagen von immer wiederholten Schlägen, rast sie wahnsinnig um die Leiche ihres verlorenen Kindes; sie denkt nicht an die makka-bäische Mutter, die in der grausamen Verfolgung des Antiochus in der festen Hoffnung auf die zukünftigen Dinge ihre sieben Söhne, ich will nicht nur sagen, freudig dahingab, sondern sie vielmehr selbst durch ihre Ermahnungen beglückt dem Tode auslieferte, in der religiösen Überzeugung, daß sie ihre Söhne nicht für die Welt, sondern für Gott geboren habe. Dort ist eine Gattin! Sie schwört, die Vereinsamung nach dem Tode des Gatten nicht ertragen zu können, und klagt, daß es in dem so unglücklich erweiterten Ehebett an ihrer Seite kalt geworden sei. Mit herben Worten klagt sie Gott der Härte an. Sie stört selbst die gottesdienstlichen Feierlichkeiten, in denen in herkömmlicher Weise die Entschlafenen Gott empfohlen werden, zuweilen mit Schmerzausbrüchen, wie sie an dieser Stätte nicht am Platze sind. Mit häßlichem Staub entstellt sie ihre ganze Kleidung und umschlingt mit ihren Armen die beweinte Leiche. Mit zahlreichen Küssen erwärmt sie die kalten Lippen. Mit Strömen von Tränen wäscht sie die ganze Leiche und deckt sie mit ihren ausgerauften Haaren. Ihr Jammergeschrei bringt auch solche, welche der Fall nicht berührt, zu starkem Weinen. Und je reicher sie ist, desto ausgedehnter ist ihr Schmerz — die Arme, die freilich in ihrem übergroßen Schmerz kurz darauf abermals — und wenn’s doch wenigstens nur einmal wäre! — wieder heiratet! Wie sich dabei jemand entschuldigen kann, sehe ich nicht Es fehlt doch nicht an Leuten, die da fragen könnten: Wenn es eine Auferstehung gibt, warum weinst du? Und wenn du es aus Liebe zum Gatten tust, warum heiratest du nachher wieder? Es ist eine fluchwürdige Sache, weder dem Ehegatten die Treue, noch Gott den Glauben zu bewahren. Solcher Tadel trifft auch Männer.

So darf denn ein Christ auf keinen Fall zweifeln, daß die Toten wieder zur Rückkehr in den früheren Zustand auf er weckt werden, und daß sie an dem bestimmten Tag aus dem verborgenen Ort der Natur vor das Angesicht Gottes geführt werden, so wie sie, jeder in seiner Beschaffenheit, in denselben aufgenommen wurden. Denn so sagt der Apostel: „Alle müssen vor dem Richterstuhl Christi offen erscheinen, damit ein jeder empfange das, was er durch seinen Leib verdient hat, nach dem, was er getan hat, sei es Gutes oder Böses.“ Denn leichter, meine Brüder, kann das wiederhergestellt werden, was schon gewesen ist, als geschaffen werden, was vorher gar nicht war. Wenn es vorher gar nicht gewesen ist und es ist jetzt, so wird es um so eher sein können, was es war. Denn das ist gerade die gewöhnliche Art des allmächtigen kunstvollen Schöpfers aller Dinge, die Möglichkeit des unmöglich Scheinenden darzutun; aus dem, was nicht ist, das zu machen, was ist, Natur ohne Zuhilfenahme von Natur zu scharfen, nichts für ganz schwierig zu erachten; ihm mangelt nur das, was er nicht sein will. Es ist die Eigenart Gottes, das zu wirken, was man nicht glauben kann.

Im übrigen leben nicht nur die Menschen, sondern fast alles lebt dadurch, daß es stirbt. Nur weniges von vielem will ich anführen, doch so, daß ich einen zweifellosen Beweis für alles aus dem Wenigen erbringe. Da fallen Sterne jählings vom Himmel, und durch einen Strich von Flammen mit weißlichem Licht, den sie hinter sich zurücklassen, werden sie in der feierlichen Art einer Totenfackel in einer Art von Leichenbegängnis zu ihrem Untergang geleitet. Sucht man aber nach ihnen in der Richtung, wo sie sich losgelöst, so findet man, daß sie nach dem Gesetz des wiederauflebenden Lichtes an ihrem ursprünglichen Platz wieder auferstanden sind. Die Sonne geht jeden Tag auf und an demselben Tag, da sie aufgeht, geht sie unter. Doch erschrickt sie nicht über das Los ihres bevorstehenden Endes, so daß sie etwa ihren Lauf verzögerte, die Stunden und Augenblicke hinauszöge, um dadurch wenigstens ein weniges von ihrem Tag länger am Leben zu bleiben: nein, allezeit getreu, allezeit unverzagt, strebt sie dem Grabe der ihr verschwisterten Nacht zu, im Bewußtsein, daß sie das Leben in sich birgt. Entzöge man ihr den Untergang, nähme man ihr auch den Aufgang. Auch der Mond, der ja alle Züge des menschlichen Daseins an sich trägt, erscheint zuerst mit kaum erkennbarer Sichel, gleichsam aus der Wiege hervorgegangen, im zarten Kindheitsalter, sodann im allmählichen Wachstum als Knabe und Jüngling, schreitet dann in täglicher Zunahme des Alters vorwärts und erfüllt so in den Windungen seines ausgedehnten Laufes seine Aufgaben in der Welt. Hat er aber, zum Vollalter gelangt, durch das goldene Feuer des flammenden, lichtspendenden Rosselenkers, an Mühen seiner Schwester (der Sonne) gleich, die silberne Scheibe seines beschränkten Kreises zur vollen Rundung gebracht, so neigt er sich allmählich zum Altern, bis er, durch das höchste Greisenalter aufgezehrt, durch seinen Tod wieder auflebt und in der regelmäßigen Entzündung des Keimes seines monatlichen Feuers an sein Ende wieder den Anfang anknüpft.

In ähnlicher Weise lehrt der herrliche Vogel Phönix1die Rechte der Auferstehung, er, der den Adel seiner Art nicht von Eltern empfangen hat und nicht Kindern vererbt. Er bildet für sich selbst die beiden Geschlechter, er ist sich selbst Gegenstand ehelicher Liebe, er ist für sich selbst Geschlecht, Anfang und Ende. Er entstammt nicht geschlechtlicher Verbindung, er wird nicht durch eine fremde Amme genährt. Er stirbt nicht gegen seinen Willen, nicht ungefaßt, sondern, wenn die rechte Zeit für seinen Tod gekommen, verbrennt er in höchster Freudigkeit in den Flammen, die von ihm selbst hierzu gerufen worden. Aber das Grab wird für ihn Nest, die glühende Asche zur Amme, der Aschenstaub zum Samen, um den Leib fortzupflanzen, sein Todestag zum Geburtstag. Denn nach kurzer Zeit steigt er in seinem festlichen Grabe wieder auf, nicht ein Schatten, sondern Wirklichkeit; nicht ein Bild, sondern er, der Phönix; nicht ein anderer, sondern wenn auch ein besserer als der andere, so doch derselbe wie früher. Erröte christliches Gewissen! Du magst an so vielen und so großen Dingen erkennen, wie du dereinst wiederum dasselbe sein wirst, was du bist, und doch besser sein wirst, als du bist.

Im übrigen stirbt auch das Samenkorn jeder Getreideart, wenn es in die Erde gesenkt wird, ab und doch lebt in ihm das, was in ihm geborgen ist, wieder auf; es erleidet den Tod nicht bis aufs Mark, sondern es läßt seine Zeugungskraft in den Keim ausströmen; und indem es die Hülle des früheren Körpers sprengt oder vielmehr auf die Ansprüche einer besseren Natur überträgt, erhebt es sein fruchtbares Haupt, geschmückt mit grünenden Ähren, gleichsam von der Unterwelt aufgetaucht in die Höhen, um in vielfältiger Frucht den Ruhm der Fortdauer davonzutragen. Das hat Paulus bestätigt, wenn er dazu bemerkt: „Tor! Das, was du säest, wird nicht lebendig gemacht, wenn es nicht gestorben ist.“ Und er fügt bei: „So verhält es sich auch mit der Auferstehung der Toten; gesät wird der Leib in Vergänglichkeit, auferstehen wird er in Unvergäng-lichkeit; gesät wird er in Unehre, auferstehen wird er in Herrlichkeit; gesät wird er in Schwachheit, auferstehen wird er in Kraft; gesät wird ein seelischer Leib, auferstehen wird ein geistiger Leib.“ Ich glaube, daß nunmehr die Wahrheit der Auferstehung für jedermann klar ist.

Notwendig aber ist es, den Unterschied zu erörtern, der dabei zwischen Gerechten und Ungerechten statthat. Sonst läßt die allgemeine Bezeichnung Auferstehung in der Zusammenstellung mit den Bösen die Herrlichkeit der christlichen Seligkeit zurücktreten. Es gibt zwei Arten der Auferstehung. Die erste Auferstehung ist die Auferstehung der Heiligen. Bei ihr werden dieselben durch das erste Posaunenzeichen des Königs versammelt und nehmen in ungeheurem Triumph Besitz von dem geschilderten Reich der Seligkeit unter dem ewigen Königtum Christi. Die zweite Auferstehung aber ist diejenige, welche die Gottlosen mit den Sündern und allen ungläubigen Heiden bestimmt zur ewigen Strafe, wie der Heilige Geist in den Psalmen spricht: „Deshalb werden die Gottlosen nicht auferstehen im Gericht, und die Sünder nicht im Rat der Gerechten; denn Gott kennt den Weg der Gerechten, und der Pfad der Gottlosen führt zum Verderben.“

Daraus ergibt sich, daß es für uns am Platz ist, zu wissen, welcher Art die Hülle (der Leib) sein wird, in der der Mensch in uns herrschen wird, der dem Himmel entgegenstrebt. Nicht damit jemand, wenn er von unerfüllbarer fleischlicher Hoffnung erfüllt sein sollte, mit dem Fleisch zugrunde geht, mit dem Fleisch, von dem der Apostel sagt: „Fleisch und Blut werden das Reich Gottes nicht besitzen“ Freilich, ich glaube jemand zu hören, der mir entgegenhält: Wenn es sich mit dem Fleische so verhält, warum sprechen wir dann in der Kirche unsern Glauben aus an eine Nachlassung der Sünden und eine Auferstehung des Fleisches? Aber dieser Widerspruch, Brüder, gleicht sich leicht aus, und die Art unserer zukünftigen Gestalt wird klar, wenn man sich an den unversehrten Glauben hält. Ich will die Sache mit wenigen Worten auseinandersetzen. Von allem Fleische gilt: solang es von den sündigen Lockungen dieser Welt und der unheilvollen Finsternis bewegt wird, solang ist es tierisch und befindet sich in einem elenden, hinfälligen und bedauernswerten Zustande. Ist es aber durch den heiligen Glauben des Gläubigen in der heilbringenden Taufe ertötet worden, so ersteht es neu aus dem heiligen Quell des väterlichen Taufbrunnens, nunmehr rein, nunmehr frei, nunmehr fern dem Wandel dieser Welt, nunmehr über den Tod erhaben, nunmehr dem Himmlischen zugewandt; es verachtet nunmehr, ich will nicht nur sagen das Treiben der Welt, sondern, um noch höher in der Ehre zu stehen, sich selbst; es sucht nunmehr nach der Wahrheit, nicht nach dem Bilde; es sehnt sich nach dem Geistigen, nicht nach dem, was sein ist. Von ihm spricht Paulus: „Nicht alles Fleisch ist dasselbe Fleisch. Anders ist das des Menschen, anders das des Zugtiers, anders das Fleisch der Vögel, anders das der Fische. Und es gibt himmlische Körper und es gibt irdische Körper.“ Und wenn es durch den Samen der Unsterblichkeit, von dem schon der weiseste Dichter etwas vorausgeahnt hat, wenn er sagt:

Feurige Kraft jenen Samen belebt und himmlischer
Ursprung, nämlich durch den Empfang des Heiligen Geistes befruchtet wird, so wird es damit fähig, schon vor der Auferstehung Früchte hervorzubringen. Ist dann die Zeit seiner Auflösung und der rechtmäßigen Wiederherstellung gekommen, so kann es seiner Aussaat entsprechend rechtlich verdienen, was wir glauben. Und diese Sache liegt nicht im Ungewissen. Wie der Fürst der Ungerechtigkeit in seinem Neide durch seinen Samen die erstgeschaffenen Menschen aus Engeln zu Menschen herabgedrückt hat, so wird der Herr durch den Samen des Heiligen Geistes alle, die an ihn glauben, von den Toten wieder auf erwecken und zu glorreichen Engeln wandeln.

Dafür wollen wir noch ein klares Beispiel anführen, wenn auch ein Gleichnis nie die Beweiskraft hat wie die Wirklichkeit. Der wilde Ölbaum ist von Natur aus unfruchtbar und bitter. Wird er aber von der Hand eines in solcher Kunst wohlerfahrenen Landmannes mit der nötigen Vorsicht beschnitten, so wird er durch ein fremdes Edelreis geschwängert, wird von diesem, das ernährt, selbst genährt, bis er in der aufgenommenen Saftfülle des Pfropfreises ganz aufgeht, ja selbst Saftfülle wird. Und indem er durch die Hervorbringung eines neuen Sprossen ganz in die angenommene Veredelung übergeht und sich mit neu hervorbrechenden Zweigen schmückt, ist er nicht mehr Ölbaum, sondern Olivenbaum, Er möchte sich sozusagen selbst wundern, daß er, nachdem er doch ein Ölbaum ist, es trotzdem nicht mehr ist. Und wenn nun ein Mensch es dahin bringen kann, daß ein Baum etwas ist, was er nicht war, und dabei doch bleibt, was er ist, um wie viel mehr wird Gott den Menschen auferwecken können zu dem, was er war, bevor er im Paradiese sündigte? Den Vergleich von dem Samen hat schon der seligste Paulus in feiner Art zum Ausdruck gebracht mit seinem Wort: „Wer nach dem Fleisch sät, der wird vom Fleisch Verderben ernten. Wer aber im Geiste sät, der wird vom Geiste ewiges Leben ernten.“ Aber auch der Herr lehrt es klar, wenn er zu den Aposteln spricht: „Das Himmelreich ist gleich einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte; als aber die Leute schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut unter den Weizen.“

Aber vielleicht wendet jemand ein: Wenn das Fleisch zugrunde geht, woran erkennt man denjenigen, der aufersteht? Brüder, das Fleisch ist sozusagen ein Spiegel, der mit der Fülle dessen geschwängert ist, der in ihn hineinblickt, der nicht so fast sein eigenes Bild als vielmehr das Bild dessen an sich trägt, der ihn in Benützung hat. Er zeigt so vielfachen Gesichtsausdruck als jener, dessen Bild er innerlich trägt, traurige oder heitere Bewegungen macht, eine Erscheinung, auf die Paulus hinweist: „Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in rätselhafter Weise, dann aber wird das Angesicht zu Angesicht stehen,“ Zweifellos wird von unserm Leibe, wenn derselbe nach dem Gesetz des Todes gesät wird, nicht das Wesen, nicht die Ebenbildlichkeit (Gottes), sondern nur das, was unnütz ist, vernichtet; das, was gebraucht wird, wird umgestaltet werden, wie geschrieben steht: „Denn dieses Vergängliche muß Unvergänglichkeit annehmen, dieses Sterbliche muß Unsterblichkeit anziehen.“ Das Gewand der Unsterblichkeit wird nicht angezogen, bevor dieses Kleid aus Fleisch, dieses lockende Gift der Seele, nach dem Worte Gottes dahin wieder zurükkehrt, von wo es genommen ist. Denn so spricht Gott zu Adam: „Verflucht sei die Erde in deinen Werken, In Traurigkeit und Seufzen sollst du von ihr essen alle Tage deines Lebens, Dornen und Disteln soll sie dir tragen, und die Frucht des Feldes sollst du essen. Im Schweiße deines Angesichtes sollst du dein Brot essen, bis du zur Erde zurückkehrst,“ Und der Herr selbst spricht in der Gestalt des Menschen, den er angenommen: „Meine Seele ist betrübt bis in den Tod.“Dieses Wort ist nicht so fast ein Ausdruck der Furcht, als vielmehr der Freude und der Unterweisung, Denn schlechterdings konnte derjenige nichts fürchten, der die Toten auferweckte, der die Macht hatte, das Leben zu geben und es wieder zu nehmen, Nein: er wollte damit lehren, daß der Gerechte, so lang er auf dieser Welt lebt, allezeit in Bedrängnis, allezeit in Strafe sich befindet. Hat er aber den Tod, den man fürchten zu müssen glaubt, gekostet, dann eröffnet sich ihm in den seligen Reichen einer ewigdauernden Herrlichkeit die verheißene Seligkeit, die keine Beschwernisse der Welt mehr kennt. Denn so spricht der heilige David: „Kehre zurück, meine Seele, in deine Ruhe; denn der Herr hat mir wohlgetan. Ich habe gerettet meine Seele vom Tode, meine Augen von den Tränen, meine Füße vom Fall. Ich werde dem Herrn gefallen im Lande der Lebendigen.“  Das ist die Seligkeit, die unser harrt, das die Gnade, die unser wartet, Leben wir so, daß auch wir durch den Schmuck guter Werke Gott dem Vater zu gefallen verdienen, wozu uns helfe unser Herr Christus, der da gelobt ist von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Buch 2

Einleitung

Einleitung Buch II.

Das zweite Buch vereinigt 77 Traktate, die meist sehr kurz sind, Sie stehen in den Handschriften zum Teil in anderer Reihenfolge, als sie in der Ausgabe der Gebrüder Ballerini und auch Giuliaris sich finden. Die Ballerini haben dieselben nach bestimmten Gesichtspunkten geordnet und ihnen auch teilweise andere Überschriften gegeben. Die ersten neun Traktate, De genesi oder De fide oder De nativitate u. ä. überschrieben, behandeln die ewige Zeugung und Wesensgleichheit des Sohnes mit dem Vater sowie das Geheimnis der Menschwerdung und Geburt des Herrn, Sie sind meist gegen die Arianer gerichtet. Traktat X—XVII fassen Predigten über Persönlichkeiten des Alten Testamentes zusammen, Traktat XVIII, wohl aus früherer Zeit stammend, ist dem Martyrium des Arkadius gewidmet. Die nächsten elf Traktate sind exegetischer Natur, hauptsächlich Erklärungen zu Isaias, In der letzten Gruppe (Traktat XXX—LXXVII) endlich haben die Herausgeber die in den Handschriften zerstreuten kurzen Ansprachen vor und nach der Taufe zusammengefaßt.

Bei der Kürze der Traktate erübrigt sich die Beifügung einer Inhaltsangabe.

Traktat I. Über die Zeugung (des Sohnes). Gegen die Arianer.

Menschen fleischlicher Sinnesart, geliebteste Brüder, nehmen — nicht im Streben, die Wahrheit zu erkennen, sondern sie auszuhöhlen — jedesmal Anstoß, wenn von katholischer Seite Gott, der Sohn Gottes, der da ist des Vaters höchster Ruhm, als gleich dem Vater gepriesen wird, Und daher kommt es, daß sie sich über die Grundlagen des heiligen Gesetzes hinwegsetzen und in nur zu gewandter Rede vom Ausgang Gottes von Gott völlig schweigen und sofort zu den gewöhnlichen Bezeichnungen Vater und Sohn ihre Zuflucht nehmen, die mit Verstandesgründen erfaßt werden können. Sie sehen nicht ein, daß schon im Eingange der heiligen Offenbarung Gott sich seiner Gottheit und seinem Namen nach mit Gott zusammenstellt und damit alle Vorstellungen menschlichen Denkens ausschließt, Nämlich da, wo er sagt: „Laßt uns den Menschen machen nach un-serm Bilde und Gleichnisse.“ Er sagte nicht: „Mache ihn nach deinem Bilde“, sondern er sagte: „Laßt uns ihn machen nach unserm Bilde“, damit nicht etwa der Sohn, der dereinst den Menschen anziehen sollte, irgendeine Benachteiligung zu erfahren scheine. Seht ihr nicht, Brüder, wie dabei keiner dem andern einen ausdrücklichen Befehl erteilt und keiner bei der Ausführung unbeteiligt ist? O heilige Gleichheit der ungeteilten Gottheit, die sich allein ganz würdig ist! Ein Mensch wird nach dem Bilde und Gleichnisse von zweien geschaffen; aber es läßt sich an ihm nicht entdecken, was nun an ihm von dem einen oder andern stammt. Und wenn nun im Wirken nach außen hin die heilige Gleichheit nicht unterschieden werden kann, wie kann Gott in seinem andern Ich geringer sein? Denn wenn du einem von zweien, die sich in allen Dingen unterschiedlos gleichen, irgend etwas absprichst, weißt du nicht, wem du es absprichst.

2. Aber du sagst: Derjenige, dem der Befehl erteilt wird, ist geringer, Nein! Daraus kann nicht gefolgert werden, daß er geringer ist, weil er die Befehle des väterlichen Herzens vollzieht, von dem er ausgegangen: es ist nicht geringer, Großes zu tun, als Großes zu befehlen, Was immer auch vom Vater ausgesprochen worden ist oder ausgesprochen werden kann, wird nicht ohne den Sohn ausgesprochen; denn der Sohn ist das Wort« Und was immer vom Sohne gemacht worden ist oder gemacht werden kann, wird nicht ohne die Billigung des Vaters gemacht; denn der Sohn ist nicht ohne den Vater, wie er selbst sagt: „Wenn ich nicht die Werke des Vaters tue, so glaubet mir nicht; wenn ihr aber mir nicht glauben wollt, so glaubet meinen Werken und erkennet, daß der Vater in mir ist und ich in ihm.“  Demnach steht fest, daß das gleich ist, was sich gegenseitig mit dem Heiligen Geist umfasst.

Traktat II. Von der Zeugung (des Sohnes).

Wenn jemand einen Feind, von dem er bekämpft wird, nicht völlig überwindet, wird er nie sich in Sicherheit seines Besitzes freuen. Nun gibt es viele, die da zu behaupten wagen, am Anfang sei das Chaos gewesen, das ist eine ungeformte, ungeordnete Masse, in der die Natur verborgen war, die sozusagen in der Zusammenballung ihres Umfangs durch sich selbst in sich selbst beharrte. Dann habe Gott dieselbe getrennt und aus ihr die Welt gebildet und sie zugleich ausgestattet. Wenn nun Gott, wie diese Behauptungen wollen, den Stoff, den er benützte, nicht schuf, derselbe vielmehr, wie er selbst, ewig ist, so gibt es zwei Prinzipien, und zwar solche, die sich widerstreiten. Und damit drängt sich uns notwendigerweise die Frage auf, welches von den beiden das stärkere ist, dasjenige, das Sinnesvermögen besitzt, oder dasjenige, das desselben entbehrt. Wer möchte aber zweifeln, daß dasjenige das stärkere ist, das empfindet, das Verstand hat, das denkt, das bewegt, das in Bewegung sich befindet, das in wunderbarer Umsicht das Chaos selbst soweit gebracht, daß es nicht mehr Chaos war, das dessen Teile geschieden, sie vernunftgemäß verteilt, mit Farben geschmückt, ihre Maßverhältnisse abgegrenzt hat und sie entsprechenden Aufgaben zu dienen hieß. Es ist auch kein Prinzip, was dem Alter verfällt; was ein ganz fremdes Werk geworden ist; was nicht auf seiner eigenen Kraft beruht; was von seinem Wesen losgelöst wird; was der Veränderung unterliegt; was durch fremden Antrieb in Bewegung gesetzt wird; was niemals zum Bewußtsein darüber kommen kann, was es ist, was es war, was es sein wird. Daher ist Gott allein das Prinzip, er, der sich selbst aus sich den Ursprung gegeben. Er allein ist vor allem und nach allem; denn in seine Hand ist alles eingeschlossen. Was er ist, ist er aus sich. Er allein ist sich bewußt seiner Größe und seiner Art. Er allein ist vollkommen; denn ihm kann nichts hinzugefügt und nichts weggenommen werden. Er allein ist allmächtig; denn er hat das All aus dem Nichts hergestellt, regiert es mit seiner Kraft, erhält es mit seiner Majestät. Er allein ist unveränderlich und sich immer gleichbleibend; er kennt für sich nicht den Begriff Alter. Er allein ist ewig; denn er ist der Herr der Unsterblichkeit. Das ist unser Gott, der sich umsetzt in Gott. Das ist der Vater, der, in seinem Wesen unverändert bleibend, sich ganz von neuem setzt in dem Sohne, ohne sich selbst etwas zu nehmen. So freut sich der eine im andern mit der Fülle des Heiligen Geistes im Widerglanze der ursprünglichen Gleichewigkeit. Es ist, wenn man den Vergleich gebrauchen darf, wie mit zwei Meeren, die sich aneinander anlehnen und durch eine Meerenge verbunden sind, welche die Fluten der beiden wechselseitig in eins zusammenströmen läßt: sie sind in ihrer Eigenart, in ihrer örtlichkeit, in ihrer Benennung verschieden, und doch ist es nur eine Kraft, nur ein Wesen, nur eine Natur des Fließens, die in der dreifachen Wassertiefe wirksam ist. Und es kann die unfaßbare und gemeinschaftliche Menge der Flut nicht geteilt werden, da sie in reichem Strome von dem einen in das andere überfließt, beiden zugehört, keinem allein eigen ist. Sie würden geradezu an ihrer Fülle und Schönheit verlieren, wenn man ihnen den Reiz nähme, den das eine vom andern durch ein und dieselbe aufwallende Flut empfängt.

Traktat III. Von der ewigen Zeugung des Sohnes.

Das Prinzip, geliebteste Brüder, ist zweifellos Christus, unser Herr, den der Vater vor aller Zeit in der Tiefe seines Heiligen Geistes, nicht ohne den Sohn zu lieben, aber ohne ihn zu offenbaren, umfaßte. Es ist ein Geheimnis, das nicht geahnt werden kann, und niemand wußte davon als er allein. So zeugt jene unaussprechliche und unerfaßliche Weisheit die Weisheit, die Allmacht die Allmacht. Aus Gott geht Gott hervor, aus dem Ungezeugten der Eingeborene, von dem Ganzen der Ganze, vom Wahren der Wahre, von dem Vollkommenen der Vollkommene. Er besitzt alles vom Vater und entzieht doch nichts dem Vater. Er, der schon im Vater war, bevor er gezeugt wurde, kommt zur Zeugung: ihm gleich in allem, da der Vater ein andres Ich aus sich zeugte, nämlich aus seinem ungeborenen Wesen, in dem er selig bleibend in Ewigkeit einen Sohn zeugte, der alles, was er hat, in gleicher Weise besitzt, der da ist Gott gepriesen in alle Ewigkeit.

Traktat IV. Von der ewigen Zeugung des Sohnes Gottes.

Wie die Heilige Schrift bezeugt, war vor aller Zeit Gott, der ein und derselbe blieb und doch ein anderer, insofern er aus sich sein göttliches Wesen in sich selbst neu setzte, allein der Wisser von seinem Geheimnis. Aus seinem Munde ging der eingeborene Sohn hervor, damit die Welt der Dinge, die noch nicht war, gemacht würde: er, der zunächst der vornehme Bewohner seines (des Vaters) Herzens war, dann aber in die sichtbare Erscheinung treten mußte, weil er berufen war, den Erdkreis zu schaffen und das Menschengeschlecht heimzusuchen, sonst völlig gleich dem Vater; denn was der Vater befahl, daß geschaffen würde, das alles hat der Sohn in wunderbarem Wirken mit seinem Worte zur Ausführung gebracht. Und ihn suchen grüblerische Menschen mit ihren nichtigen Aufstellungen um seine Ehre zu bringen. Arme, die nicht begreifen, daß solche Grübelei nicht zur Erkenntnis führt, aber schuldig macht!

Traktat V. Von dem Glauben oder von der ewigen Zeugung des Gottessohnes.

Der Anfang, Brüder, ist zweifellos Christus, unser Herr, Ihn umschloß vor aller Zeit der Vater, als Gott der seligen Ewigkeit noch beide (sich und den Sohn) gemeinsam mit der nicht geschiedenen Fülle des Heiligen Geistes irgendwie in seinem Bewußtsein verborgen haltend: er umschloß ihn, nicht ohne ihn als Sohn zu lieben, aber ohne ihn von sich zu scheiden. Aber um die Ordnung der Dinge, die ausgedacht waren, zur Ausführung zu bringen, ließ die unaussprechliche Kraft und die unbegreifliche Weisheit aus ihrem Herzen das Wort ausgehen, pflanzte die Allmacht sich fort. Aus Gott wird Gott gezeugt, der alles vom Vater hat und doch ihm nichts nimmt. Der eine ist der Abglanz des andern; die Herrlichkeit, die jeder besitzt, ist gemeinsame Ehre: was der Sohn besitzt, besitzt auch der Vater, und was der Vater besitzt, ist Eigentum beider. Es freut sich der Vater des andern Ich, das er aus sich gezeugt. Wahnwitz aber ist es, Vermutungen darüber anzustellen, wie die Zeugung dessen sich vollzogen, der hervorgegangen. Denn der Sohn legt sich um der geschaffenen Dinge willen Selbstbeschränkung auf, weil die Armseligkeit dieser Welt seine Majestät nicht unverhüllt ertragen könnte. Wenn der Vater befiehlt, daß die Welt werden soll, so wird dieses Werk vom Sohn durch das Wort zur Ausführung gebracht. Wie das aber geschehen soll, wie groß, welcher Art es werden soll, darüber gibt niemand Vorschrift, darnach fragt niemand: es wäre eine Beleidigung des Vaters, wenn solches für den notwendig schiene, der im Schöße des Vaters weilte und so die Vollkommenheit von dessen Willen nicht kennenzulernen brauchte, sondern sie selbst besaß.

2. Und als die Welt vollendet war, wurde als letzter durch den Finger und die Hand Gottes der Mensch aus Lehm gebildet. Es wird ein Gebilde geschaffen, das der Bewegung fähig, aber in keiner Beziehung sich seiner selbst bewußt war. Damit es werde ein Ebenbild Gottes, wird ihm von Gott der Odem eingehaucht zu einer lebendigen Seele. So empfängt der Mensch einen Geist, den er ebenfalls nicht kennt; er sieht ihn nicht eintreten, er kann sein Scheiden nicht hindern. Und da glaubt jemand das Geheimnis Gottes zu kennen, er, der das Geheimnis seines eigenen Leibes nicht kennt? Laßt uns daher, meine Brüder, Gott, den wir gefunden haben, fürchten, lieben und ehren! Denn dazu sind wir geschaffen und geboren. Und diejenigen, die ihn nicht besitzen, mögen ihn wenigstens suchen!

Traktat VI. Über das Schriftwort: Wenn er das Reich Gott und dem Vater übergeben wird.

Die göttliche Schrift widerspricht sich nicht, wenn sie vom Sohne Gottes spricht, sondern sie unterscheidet mit der dabei gebotenen Abwägung zwischen Gott und dem Menschen, den er angenommen hat. Würde sie ihn beständig nur als Gott bezeichnen, so hätten sein Leiden und seine Auferstehung keine Berechtigung mehr, und Christus hätte für die Welt nichts geleistet. Würde sie ihn nur als Mensch bezeichnen, so wie einige glauben, daß er im Schöße der Jungfrau seinen Anfang genommen habe, wo bliebe da noch eine Hoffnung auf eine zukünftige Seligkeit für den Gläubigen, nachdem doch geschrieben steht: „Verflucht ist der Mensch, der seine Hoffnung auf einen Menschen setzt?“ Wo sie ihn nur als Gott bezeichnet, spricht sie in der Genesis: „Und Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde und Gleichnisse“ und in den Psalmen: „Gott aber unser König hat von jeher Heil gewirkt inmitten der Erde.“ Und an einer anderen Stelle: „Dein Thron ist gegründet von jeher, von Ewigkeit her bist du“ Wenn sie aber von demjenigen spricht, in dem Gott und Mensch gemischt sind, fährt sie weiter: „Saget der Tochter Sions: Dein König kommt zu dir, gerecht und als Heiland, sanftmütig, sitzend auf einer jungen Eselin“ Und wiederum: „Erhöhet eure Tore, ihr Fürsten, hoch wölbet euch, ihr ewigen Tore, und einziehen wird der König der Herrlichkeit.“ Und wiederum sprechen die Magier: „Wo ist derjenige, der geboren ist als König der Juden?“

2. Dieser (in dem sich die Gottheit mit der Menschheit vermischt), meine Brüder, ist es, von dem die Propheten vorausgesagt, daß er kommen werde; der dem Fleische nach in der Zeit geboren ward; der da erhaben ist in der Höhe, in Niedrigkeit auf der Erde; der Vater der Zeiten, der Sohn der Jungfrau; der da für sich unsterblich ist, für die Menschheit aber sterben will; der den Tod kostet, um den Tod zu überwinden; der in die Unterwelt hinabsteigt, um die Toten lebendig von dort zurückzubringen. Er ist der Eingeborene, indem er aus dem Vater vor der Entstehung der Welt hervorging; er ist „der Erstgeborene von den Toten“, wie der Apostel sagt, nachdem viele Völker gestorben waren. Er ist es, dem „gegeben ist alle Gewalt im Himmel und auf Erden“, und zwar ist seinem Namen eine neue Gewalt gegeben, wie er selbst sagt: „Ich habe dich verherrlicht auf Erden: ich habe das Werk vollbracht, das du mir zu verrichten gegeben. Verherrliche mich bei dir selbst mit der Herrlichkeit, die ich hatte von Anfang an, bevor die Welt ward“ Und bei der Auferstehung spricht er: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden.“Dieser ist es, der, nur Gott, vom Himmel herabstieg, mit dem Fleisch bekleidet zum Himmel hinaufstieg. Und dieser ist es, sage ich, von dem Paulus spricht: „Wer das Reich empfängt, regiert, und er wird es Gott und dem Vater übergeben“, und so weiter.

3. Mein Christ, warum nimmst du daran Anstoß und warum beurteilst du vom natürlichen Standpunkt aus die göttlichen Geheimnisse der Heilsordnung? Wenn du deshalb vom Sohne geringer denkst, weil er das Reich dem Vater übergeben wird, so ist es noch eine größere Geringschätzung des Vaters, wenn er eine Zeitlang ohne Reich ist. Dazu kommt, daß wir täglich beten: „Zukomme uns das Reich des Vaters“: und wir hoffen: auch des Sohnes! Wenn nun beide ohne Herrschaft sind, dann gibt es für die Zeitlichkeit keine solche. Wenn aber auch nur einen Augenblick die Regierung Gottes aufhört, dann ist es um die Welt und um die ganze Existenz der Welt geschehen. Wenn aber, wie schon die Vernunft deutlich sagt, diese Herrschaft (des Vaters und des Sohnes) schlechterdings nicht aufhören kann, so ist dieselbe vom Schöpfer des Gesetzes selbst dem Menschen, den Gott angenommen hat, und seinen hierfür bestimmten Gerechten überwiesen, aber nicht Gott und nicht dem ewigen Herrscher; um so weniger, da es vom letzteren im Evangelium heißt: „Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben, und er wird herrschen über das Haus Jakobs in Ewigkeit und seines Reiches wird kein Ende sein.“ Und ähnlich sagt Salomo, wenn er von dessen Dienern spricht: „Und wenn sie auch vor den Menschen Qualen erduldet haben, so ist doch ihre Hoffnung voll der Unsterblichkeit; und nachdem sie ein wenig gelitten haben, wird ihnen in vielem Gutes zuteil. Denn Gott hat sie geprüft und seiner würdig befunden. Wie Gold im Feuerofen hat er sie erprobt, und wie ein Brandopfer hat er sie angenommen, und zu seiner Zeit wird er sie heimsuchen. Sie werden zu Gerichte sitzen über die Nationen, und sie werden herrschen über die Völker, und der Herr wird ihr König sein in Ewigkeit.“ Was ist nun zu sagen? Wenn er König sein wird in Ewigkeit, dann hat Paulus geirrt. Wenn er aber das Reich übergeben wird, so täuschen sich die Letztgenannten. Dem ist nicht so. Da gibt es keinen Irrtum, keinen Gegensatz. Paulus spricht von dem zeitlichen Reiche des Menschen, den Gott angenommen hat, in welchem er kommen und richten wird die Lebendigen und die Toten. Das läßt der ganze gelesene Abschnitt erkennen, der da klar darlegt, daß Christus mit seinen Helligen herrschen muß, solang bis alle Herrschaft, alle Obrigkeit, alle Kraft und alle Gewalt gebrochen, seine Feinde unter seine Füße gelegt und der feindliche Tod vernichtet sei. Die Äußerungen der andern aber beziehen sich auf die Herrschergewalt, in deren Besitz der Sohn von Ewigkeit her und für die Ewigkeit weder ein Reich vom Vater empfangen noch ein solches abgeben wird. Denn er hat immer mit dem Vater regiert, wie er selbst nach Johannes sagt: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“. Noch klarer hat das Paulus ausgedrückt in den Worten: ,,Das müßt ihr aber wissen, daß kein Unzüchtiger oder Unreiner oder Betrüger, das heißt ein Götzendiener, einen Erbanteil haben wird im Reiche Gottes und Christi“: er hat damit zum Ausdruck gebracht, daß das Reich des Vaters und des Sohnes eines sei.

4. Mit Recht also wird der Sohn sein Reich übergeben, er, der in seinen Unterweisungen gesagt, daß ein geteiltes Reich keinen Bestand habe, Das ist aber nicht so zu verstehen, Brüder, daß damit der Vater etwas empfängt, was er nicht hat, der Sohn durch die Übergabe etwas verliert, was er bisher besaß: denn der Vater besitzt das schon, was er erhalten wird; und der Sohn braucht das nicht zu vermissen, was er übergeben wird. Der Vater besitzt es ganz, und der Sohn besitzt es ganz: es ist der Besitz von einem, was beiden zugehört; und was einer besitzt, gehört auch jedem einzeln. Denn so spricht der Herr: „Alles, was der Vater hat, ist auch mein;“ und wiederum: „Vater, alles, was mein ist, ist dein, und alles, was dein ist, ist mein,“ Denn der Vater bleibt im Sohne, und der Sohn bleibt im Vater; und er ist dem Vater Untertan, aber nur durch seine ehrfürchtige Gesinnung, nicht durch eine dienende Stellung; aus Liebe, nicht aus Zwang; in einer für ihn ehrenvollen Weise, und zugleich wird durch ihn der Vater geehrt. Daher sagt er:„Ich und der Vater sind eins.“ So ist denn, wie gesagt, der Sohn dem Vater Untertan in einem Gehorsam, der nicht durch eine niedrigere Stellung bedingt ist, sondern aus ehrfurchtsvoller Gesinnung hervorgeht, und er behält mit ihm den einen Besitz des ursprünglichen ewigen Reiches, die eine Wesenheit der gleichen Ewigkeit und der gleichen Allmacht, die eine Gleichheit, die eine Macht der erhabenen Majestät in dem einen Lichte, die eine Würde bei. Verringert man den Sohn in irgendetwas, so bedeutet das eine Geringschätzung des Vaters, dessen ganze Fülle er hat. Es gibt in ihm nichts, was geringer ist; denn ebenso wie der Vater kann er nicht mehr und nicht weniger haben; denn der eine ist in die Fülle des andern eingegossen, so daß Gott alles in allem ist, gepriesen als Vater im Sohne, als Sohn im Vater mit dem Heiligen Geiste. Amen.

Traktat VII. Von der Geburt des Herrn I.

Es gibt zwar mehrere Sekten, die mit ihrem Gerede Christus in beleidigendster Weise herabzusetzen suchen, aber drei von ihnen sind sozusagen die führenden. Dabei geben zwei von ihnen noch vor, daß sie ihm, den sie vernichtet sehen möchten, Verehrung entgegenbringen. Die eine von ihnen behauptet deshalb, Jesus Christus habe aus dem Schöße der Jungfrau Maria seinen Anfang genommen, sei dann um seiner Gerechtigkeit willen zum Gott erhoben worden, aber nicht als solcher geboren. Die andere ist gemäßigter, aber ihr Schaden ist tiefergehend: sie erklärt, daß der Sohn Gottes zwar Gott sei, aber nicht von Ewigkeit her aus dem Glanz des Vaters hervorgegangen sei; und es habe eine Zeit gegeben, da er nicht war. Die dritte Sekte, das Judentum, ist wirklich blind. Denn obwohl sie in ihrem Gesetz, wie sie es zu nennen pflegt, überall liest, daß zwei Personen, des Vaters und des Sohnes, genannt werden, bestreitet sie doch bis zur Stunde, daß Gott einen Sohn habe. Ihnen allen werden Beispiele oder vielmehr die Begründung, die wir geben werden, mit einem Schlag alle Stützen ihrer ganzen Beweisführung entziehen. Vor allem muß das christliche Volk, wenn es nicht in Irrtum fallen soll, notwendigerweise wissen, daß es zwei Geburten unseres Herrn Jesus Christus gibt: die eine, in der er geboren ist, und die andere, in der er wiedergeboren ist. Ist die erste geistig und ohne Mutter erfolgt, so ist die zweite leiblich und ohne Vater. Die letztere ist wunderbarer Art, die erstere unaussprechlich, wie der Prophet sagt: „Wer wird seine Geburt aussprechen?“ Warum sie unaussprechlich ist, mögen wir aus dem Worte des Vaters erkennen. Denn der Herr selbst lehrt es uns: „Mein Herz läßt ein gutes Wort hervorgehen.“ Und bei Salomon spricht er sich dahin aus: „Ich bin aus dem Munde des Allerhöchsten hervorgegangen vor aller Schöpfung.“

2. Lerne doch, du überkluges Menschenkind, unter solchen Verhältnissen dich selbst einschätzen und lege deiner vorlauten Zunge die Zügel des Schweigens an! Es gehört doch zum Wahnwitz, über das Geheimnis des Unsichtbaren und Unbegreiflichen Ansichten aufzustellen, sein Inneres genau untersuchen zu wollen, nachdem man nicht einmal über sein Wirken nach außen Vermutungen anstellen kann. Denn Gott ist das, was er ist; und er ist nicht das, als was ihn der Mensch definieren zu können glaubt. Höret doch, Brüder, was der Apostel Johannes von ihm in seinem Evangelium aussagt: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und Gott war das Wort; dieses war im Anfang bei Gott.“ Es ist eine wunderbare Gabe der in die Augen fallenden Wahrheit, daß sie zwar zerlegt werden kann,  aber doch nicht ihren Zusammenhang mit sich verlieren kann. Wenn nämlich das Wort in Gott ist und Gott das Wort ist und so das Wesen, in dem es sich befindet, dasselbe ist wie derjenige, der es bewohnt: so ergeben sich zwar zwei Personen und zwei Bezeichnungen, aber nur eine Wesenheit der ursprünglichen Ewigkeit und Gottheit, so wie der Herr selbst sagt: „Ich und der Vater sind eins.“ Er sagte das nicht, um die beiden in eins zusammenzufassen und zu vermischen, sondern um uns zu lehren, daß beide die eine Allmacht der Gottheit und der Herrschergewalt besitzen. Es folgen denn auch die Worte darauf: „Alles ist durch ihn gemacht worden, und ohne ihn ist nichts gemacht worden.“

3. Nun, mein so guter Christ, laßt uns sehen, wie sich zwischen Vater und Sohn eine Zeit einfügen läßt. Denn wenn es auf die Zeit zurückzuführen ist, daß der eine dem andern Untertan ist, und nicht auf sie selbst, so ist’s zweifellos so, wie du willst: das Geschaffene ist dann größer als Gott, Aber wenn Christus die Schöpfung aus nichts gemacht hat, der Begriff Zeit aber erst vom Geschaffenen stammt, so ist es doch Ungereimtheit, das Werk zeitlich dem Schöpfer voranzustellen, Und so ist zwischen den beiden (Vater und Sohn) nur der Unterschied, daß sie allein sich gegenseitig kennen. Deshalb spricht bei Isaias der Herr, Gott der Heerscharen, zum Sohne: „Ermüdet ist Ägypten und der Handel der Äthiopier. Die Sabäer, Männer von hohem Wuchs, werden zu dir übergehen, und sie werden deine Diener sein und werden, in Fesseln geschlagen, dir folgen und vor dir sich beugen und dich anflehen: denn nur in dir ist Gott, und außer dir ist kein anderer Gott,“ Und im gleichen Geist spricht Jeremias: „Dieser ist unser Gott, und außer ihm wird kein anderer als Gott gelten. Er erfand den Weg der Weisheit und offenbarte ihn Jakob, seinem Diener, und Israel, seinem Liebling. Darnach erschien er auf Erden und wandelte unter den Menschen.“ In dieser Gestalt lasset ihn uns auch noch kennenlernen am Wort des Heiligen Geistes, der da spricht: „Und er ist ein Mensch, und wer wird ihn erkennen?“  Wie man ihn unter solchen Umständen kennenlernen könnte, hat Isaias kundgetan in den Worten: „So höre denn, Haus Davids: Nicht gering ist euer Kampf mit den Menschen; denn Gott wird den Kampf führen. Deshalb wird euch Gott ein Zeichen geben. Siehe, eine Jungfrau wird in ihrem Schöße empfangen und einen Sohn gebären, und sein Name wird Emanuel genannt werden. Und der Knabe wird Butter und Honig genießen, bevor er das Gute oder Böse erkannt hat.“ Erklärt hat er diese Zeichen an einer andern Stelle in dem Hinweis auf seinen Vorläufer mit den Worten: „Siehe, ich sende meinen Boten her vor deinem Angesicht, der dir den Weg bahnen wird.“ Wer, meine Brüder, ist dieser Bote anders als Johannes der Täufer? Seine Wegbereitung liegt in dem Wort: „Es ist die Stimme des Rufenden in der Wüste; Bereitet den Weg des Herrn, machet eben die Pfade unseres Gottes.“

4. Lasset uns nun sehen, was weiter folgt. Um dieselbe Zeit empfangen zwei einander verwandte Frauen, die eine gegen alle Hoffnung, die andere durch das Wort. Die eine wundert sich, daß sie empfangen, weil sie nichts davon weiß; die andere freut sich, weil sie es weiß. Elisabeths unfruchtbarer Schoß schwillt an durch beglückende Fruchtbarkeit, Mariens Schoß durch die Majestät, Die erstere trägt den Herold in sich, Maria den Richter. Jubelt, ihr Frauen, und erkennet daran die Hebung eures Geschlechtes! Die alte Schuld ist vernichtet: siehe, durch euch gewinnen wir Verbindung mit dem Himmel: die Greisin hat den Boten geboren, die Jungfrau Gott. Das ist unser Gott, der eine Zeitlang seine Würde ablegte, nicht aber seine Macht, aus Liebe zu seinem Menschen, dessen Gestalt und Geschöpflichkeit er annehmen wollte, so daß man von ihm sagte, er sei ein Engel, ein Mensch, ein Kind, ein Bräutigam, ein Riese; er sei gekreuzigt, begraben worden, er sei der Erstgeborene von den Toten: ja dieser ist es, der alles in allem ist, weil durch ihn und in ihm alles ist. Laßt euch, Brüder, nicht irre machen durch das weltliche und geradezu kindische Gerede von unüberlegten Menschen: sie fallen in verschuldeten Irrtum, weil sie der Anschauung sind, daß Gott nicht aus Gott Mensch, sondern aus einem Menschen Gott geworden sei. Würden sie geistig denken, dann würden sie ihn gerade um dessent-willen am meisten preisen, was sie für seine größte Schwäche halten. Denn er wäre nicht mehr der vollkommene Gott, wenn es etwas gäbe, was er sein wollte und nicht sein könnte. Und wollt ihr zum Schluß in einer kurzen Zusammenfassung die Wahrheit wissen? Er ist geworden, was er nicht war, und hörte doch nicht auf, das zu sein, was er vorher gewesen war.

Traktat VIII. Von der Geburt des Herrn II.

Die wahre Erkenntnis des unnahbaren Geheimnisses und der ehrfurchtgebietenden Majestät besteht darin, daß man Gott nur als Gott erkennt und daß man von ihm nichts weiter erforschen darf, als daß man seinen Willen kennenzulernen sucht, ohne den man ihm weder in richtiger Weise dienen noch gefallen kann.1 Darüber hinaus noch mit nichtigen Beweisgründen Vermutungen äußern zu wollen über die Bestimmung, die Gott (der Vater) in seiner Vorsehung über Gott (den Sohn) getroffen, ist nicht Verehrung, sondern Wahnwitz. Umso mehr, wenn dabei Gott, wie die Streithähne glauben, durch die Bestimmung in ein Unterordnungsverhältnis tritt. Sieht man nämlich dabei nur ein wenig von den Bezeichnungen Vater und Sohn ab, so kann man nicht mehr erkennen, wer von beiden eine Beeinträchtigung auf sich nehmen soll; wenn sie nicht etwa beide trifft; denn beide haben nur den einen Namen Gott. So höre denn, mein Christ, der du ein Neuling im Glauben oder nachlässig bist, damit du dich nicht durch irrige Meinung verführen lassest! Es gibt zwei Geburten unseres Herrn Jesus Christus: eine, über die du keine Nachforschungen anstellen darfst, und eine andere, die du erlaubter Weise verkündigen darfst, wenn du dazu in der Lage bist. Die erste Geburt unseres Herrn bleibt allein dem Wissen des Vaters und des Sohnes vorbehalten. Und derjenige, der in gemeinsamem Einverständnis aus der Liebe des väterlichen Mundes hervorgegangen ist, hat nichts, was zwischen ihm und dem Vater läge oder eine Mitwisserschaft besäße. Die zweite aber fand im Fleische statt; und von ihr wissen wir, daß sie in der Erfüllung sich so vollzog, wie es in zahlreichen Prophezeiungen ausgesprochen ist.

2. Denn zur festgesetzten Zeit verbarg Gott, der Sohn Gottes, für eine Weile seine Majestät, verließ seinen himmlischen Thron und schuf sich in dem einem Tempel vergleichbaren Schöße der dafür vorherbestimmten Jungfrau eine Stätte, in die er verborgener Weise eintrat, um einen Menschen hervorzubringen; dort gedachte er zu werden, was er noch nicht war, und doch zu bleiben, was er war. Er vermischte sich mit einem menschlichen Leibe und bildete sich zum Kinde. Der Leib Mariens tritt sich erhebend hervor, nicht infolge von Ausübung ehelicher Pflicht, sondern infolge des Glaubens; nicht durch Mannessamen, sondern durch das Wort. Sie weiß nichts von den Beschwerden der zehnmonatlichen Schwangerschaft; denn sie hat den Schöpfer der Welt empfangen; sie gebiert nicht in Schmerzen, sondern in Freude. Es ist etwas Wunderbares! Jubelnd bringt sie ein Kind zur Welt, das älter ist als die ganze Schöpfung. Und dabei seufzt die Gebärerin nicht, obwohl in solchen Dingen völlig unerfahren. Das Kind begrüßt beim Eintritt in die Welt dieselbe nicht mit Tränen, wie sie gerne dem mühsam dahinschleichenden Leben vorausgehen. Nicht liegt die Mutter von der Anstrengung solcher Geburt erschöpft, bleich, am ganzen Leib aufgelöst darnieder. Nicht ist der Sohn durch irgendeinen Schmutz weder von der Mutter noch von sich selbst verunreinigt; es konnte wirklich nichts Unreines der an sich haben, der gekommen war, um das Menschengeschlecht von Sünde, Schmutz und Makeln zu reinigen. Auch die Reinigungen, die bei einer Verzögerung gefährlich sind, waren bei ihr nicht von schädlichen Folgen für den mütterlichen Schoß begleitet. Bei der jungen Wöchnerin wurden nicht, wie sonst üblich, warme Umschläge zur Anwendung gebracht; denn, meine Brüder, nicht konnte sie solcher bedürfen, die es verdient hatte, den Heiland aller Seelen als Sohn in ihren Schoß aufzunehmen. Wie groß ist doch das Geheimnis des Heiles! Maria empfing ohne Verletzung als Jungfrau, gebar nach der Empfängnis als Jungfrau, blieb auch nach der Geburt Jungfrau. Die Hand der ungläubigen Hebamme, die eine Untersuchung an der Wöchnerin vorgenommen, geriet zum Zeugnis dafür, daß dieselbe auch nach der Geburt in unveränderter Jungfrauschaft befunden ward, in Brand; als sie aber das Kind berührte, erlosch sofort die verzehrende Flamme. So betrachtete sie, die Heilkünstlerin, die zu ihrem Segen neugierig gewesen, bewundernd in dem Weibe die Jungfrau, in dem Kinde Gott; aufjubelnd in mächtiger Freude ging sie, die zu heilen gekommen, geheilt von dannen. So ließ sich Christus in einer Weise als Mensch geboren werden, wie ein Mensch nicht geboren werden kann. Er trug einen Leib ganz in seinem Lichte strahlend ohne Schatten. Er war niedrig nach dem Fleisch, erhaben in der Majestät seiner Allmacht. Und nur deshalb ließ er sich herab, sich mit Fleisch zu bekleiden, damit niemand das Fleisch zur Entschuldigung nehme, wenn der Tag des Gerichtes kommt.

Traktat IX. Von der Geburt und Majestät des Herrn.

Nach der Verheißung, die Gott und seine Propheten gegeben, daß er zur rechten Zeit dem Menschengeschlecht seinen Sohn als Erlöser senden werde, legte derselbe, als die Zeit erfüllt war, auf eine Weile seine Herrlichkeit, doch nicht seine Macht ab, verließ den Himmel und trat unbemerkt als keuscher Gast in das Heiligtum des jungfräulichen Tempels (Schoßes), das als seine Wohnstätte schon vorausgesagt war; dort gestaltete er sich so, wie er sein wollte. Ja, in der Verborgenheit schreitet er zur Ausführung des Werkes, über das er schon lange seine Bestimmungen getroffen. Freiwillig ruht er in dem gesegneten Heim der Keuschheit; und im Schoß der heiligen Jungfrau bereitet er sich einen Leib, um nach seinem Ratschluß geboren zu werden. Dem Menschen völlig angeglichen, birgt sich Gott in der Hülle des Fleisches; er, der die Zeiten in Ewigkeit wandelt, entleiht sein menschliches Leben von der Zeit, Was für ein Wunder! Maria empfängt von dem, den sie gebiert. Ihr Mutterschoß füllt sich durch die (göttliche) Majestät, nicht durch (menschlichen) Samen; eine Jungfrau umschließt ihn, den die Welt und ihre Fülle nicht faßt. Während dieser Zeit bringen ihre (menschlichen) Organe ihren eigenen Schöpfer zur Entwicklung, und das geschaffene Werk (Maria) bekleidet seinen eigenen Bildner mit menschlicher Gestalt. Maria gebiert nicht in Schmerz, sondern in Freude. Es wird ein Sohn geboren ohne Vater und doch auch nicht ganz Sohn der Mutter; denn er verdankt es sich selbst, daß er empfangen ward; und es ist sein Geschenk an die Mutter, daß er geboren ward. Sie selbst staunt am meisten, daß aus ihr ein solcher Sohn hervorgegangen; man würde nicht glauben, daß er von ihr geboren wäre, wenn sie nicht ebenso, wie sie Jungfrau war nach der Empfängnis, es ebenso geblieben wäre nach der Geburt.

2. Das ist eine neue Weltordnung! Durch die Liebe zu seinem Ebenbild läßt sich Gott bestimmen, ein Kind zu werden, das da weint. Er, der gekommen, die Schuld der ganzen Welt zu lösen, läßt sich in Windeln wickeln. In die Krippe eines Stalles läßt.er sich legen, um anzuzeigen, daß er Hirt und Weide sein werde für die Völker. Er, dessen Ewigkeit den Begriff von Alter ausschließt, unterwirft sich den Stufen des Alters. Im Widerspruch mit seinem (göttlichen) Bewußtsein nimmt er wie ein schwacher Mensch alle Leiden auf sich; er tut es, damit dem Menschen, der dem Gesetz des Todes verfallen war, die Unsterblichkeit zuteil werde. Denn darin besteht die Macht Gottes, daß er sein kann, was er nicht ist, und doch bleibt, was er ist. Er ist unser Gott, der gleich ewige Sohn des ewigen Vaters. Er ist Gott und Mensch; denn er steht in der Mitte zwischen dem Vater und den Menschen und zeigt in seinen Schwachheiten die Wirklichkeit seines Fleisches, in seinen Wundertaten die Wirklichkeit seiner Majestät. Er ist unsere Sonne, die wahre Sonne, die die helleuchtenden Feuer der Welt, die Brüder der Sterne und der glänzenden Himmelsstriche an der Fülle des eigenen Lichtes entzündet. Er, der einmal untergegangen ist, ist auch wieder aufgegangen, um nie mehr unterzugehen. Ja, er ist es, den der Kranz der zwölf Sterne, nämlich der zwölf Apostel, umgibt, den auf der Umfahrt um die ganze Welt nicht vier stumme Tiere, sondern die vier Evangelien in ihrer heilbringenden Verkündigung führen. Die Macht, die seinem Kleid und seinem Wagen eigen ist, hat der Prophet ausgesprochen, wenn er sagt: ,,Gott wird wie ein Feuer kommen, und sein Wagen wird wie ein Sturmwind sein, um Rache zu nehmen in seinem Zorne.“

Traktat X. Von Abraham I.

Geliebte Brüder! Welch ein Geschenk Abraham von der göttlichen Liebe empfangen, bezeugen die im Alten Testament erzählten Tatsachen. Welch einen Sohn seine Gattin Sara, die ihm nicht nachstand, noch geboren, nachdem schon ein langes Leben in seinem Lauf vorübergegangen, hat sie bei der Geburt selbst erfahren. Aber nachdem beiden ihr vorgerücktes Alter die Hoffnung auf Nachkommenschaft genommen, verdienten sie noch als Ersatz ein spätgeborenes Kind. Ihr Glaube errang, was die Zeit entzogen; ihre Gläubigkeit erzwang, was die Natur versagt hatte. Abraham, von Gott als unser Patriarch ausersehen, empfing im Greisenalter seinen einzigen Sohn. Es gab nichts, was dem Vater solche Sorge schuf, der in einem Alter war, in dem die Jahre sich bald dem Untergang zuneigen, dem die Zeit zur Erziehung nur mehr knapp bemessen war, dem als Greis der Tod bereits nahe stand. Aber es ist der erste Beweis der Gottesfurcht, wenn man freudig annimmt, was spät gegeben wird, und wenn man in beschwerlichem Greisenalter sich über überkommene Sorgenlast freut. Denn auch Sara lachte, als sie in ihrem Alter noch die Aufgabe der Jugend auf sich nahm. Davon erhielt denn auch das Kind seinen Namen, das später den Beweis erbringen sollte, daß das Sinnen Abrahams Gott geweiht war.

2. Und dieser einzige Sohn des sorgenden Greises, noch ein Kind, dem um so mehr Liebe und Mitleid gebührte, wird zum Opfer verlangt. Wäre bei ihm bei der menschlichen Gebrechlichkeit irgendeine leibliche Krankheit aufgetreten oder hätte ihn das menschliche Todesschicksal getroffen — der Vater hätte bei diesen Schlägen, wenn der Sohn in seinem zarten Alter hätte sterben müssen, kaum weiter zu leben vermocht. Und dieses Kind, an dessen Leben die Liebe des Vaters und der Mutter hing, wird zur Erprobung seines Glaubens durch die Stimme Gottes zum Opfer verlangt. „Abraham“, so sprach Gott, „ich will, daß mir durch deine Hände auf dem Berge ein Opfer dargebracht wird in deinem Sohne: das ist das Opfer, das mir wohlgefällig ist, das ist das Blut, mit dem du mich versöhnen sollst; er gebührt meinem Altar, ihn befehle ich dir jetzt zu schlachten.“ Und Abraham in seiner Gottesfurcht zeigt keine Trauer in seinem Angesicht, und der Schmerz überwältigt den Vater nicht zu Tränen; er freut sich vielmehr und jubelt. Er hat auch keine Befürchtung, daß ihm das als Mord an seinem Sohne angerechnet werde; in dem Drange, seiner Gottesfurcht nachzukommen, erfüllte ihn vielmehr dieser Befehl Gottes mit Freude. So bereitet er in seinem Sohne ein Opfer, und er beeilt sich, das Opfer zur Ausführung zu bringen, damit nicht eine Verzögerung ihm zur Sünde werde. Sofort werden die notwendigen Vorbereitungen für die heilige Handlung getroffen. Man besteigt den Berg. Als dort alles für das geheimnisvolle Opfer hergerichtet war, wurde auch durch den erfreuten Vater nicht minder erfreut der Sohn herbeigeführt, er, der von der Rechten des Vaters getötet werden sollte. Vor der Ankunft auf dem Berg hatte er den Vater gefragt, wo denn das Opfertier sei, das er zubereiten und schlachten werde. Der Vater, sicher des Glaubens seiner Nachkommenschaft, eröffnete dem Sohne, an dem er nicht zweifelte, was der Herr von ihm gefordert, und gab ihm zugleich kund, was er selbst dem Herrn versprochen. Da freute sich der Sohn über den gläubigen Vater, er, der selbst auch sehr starken Glauben besaß. Und er sträubte sich nicht gegen den Tod, den Gott, der ihm das Leben gegeben, befahl. Der Vater freute sich seinerseits über die Freude des Sohnes, und freudig band er die Hände seines einzigen Kindes, die dieser ihm mit größter Willigkeit zur Fesselung bot. Auch die Füße band er ihm zusammen, damit nicht etwa im letzten Augenblick des Todes der zu Opfernde in der Aufregung sich sträube; denn trotz seiner Sicherheit fürchtete der gute Vater, daß der Schmerz dem Tod gegenüber in etwa zum Durchbruch käme.

3. Brüder, oh, was ist das für eine vertrauensvolle Gottesfurcht! Oh, was für ein Vater, der nur auf den Geist sich richtet, Leib und Tod verachtet! Oh, was für ein Vater, der sich seiner Stellung als Diener des Herrn so gut erinnert, daß er vergißt, daß er Vater ist! Was gilt ihm noch der Vater? Siehe, vor seinen Augen liegt der Sohn, mit Stricken gebunden! Wo sind Tränen bei ihm? Wo der Schmerz, wie er sich bei menschlichen Empfindungen geltend zu machen pflegt? Bei so schwerem Geschick seines Sohnes freut er sich und jubelt; er triumphiert, daß er den Herrn dafür gewonnen! Er empfängt auch alsbald den Lohn, den er verdient. Es werden bereits die Vorbereitungen zur Ausführung der von Gott bestimmten Prüfung getroffen. Er entblößt zwar das Schwert, und die damit bewaffnete Rechte hebt bereits die Hand. Aber die Stimme dessen, der das Opfer gefordert, erhebt Einspruch. „Schau rückwärts,“ spricht Gott; ,,und bevor du rückwärts schaust, halt ein!“ Siehe, es ist ein besonderes Verdienst, wenn man sich die göttliche Barmherzigkeit unter dem Druck von schwierigen Verhältnissen verdient. Denn als Abraham rückwärts blickte, fand er ein Opfertier, das er, ohne jemandem zu schaden, opfern sollte. Mit demselben Messer, mit dem er den Sohn zu töten bereits im Begriffe war, schlachtete er den Widder, Vom Sohne weg führte er die Rechte zum Lamm, immer in Freude und Jubel. Der Opfer gegenständ änderte sich — seine Miene änderte sich nicht. Die Freude, mit der er den Widder opferte, war ebenso groß als die Freude, mit der er den Sohn zum Opfer darbot. Wo solcher Glaube war, da gab es keinen Schmerz. Bei diesem Opfer hat nur Gott Mitleid empfunden, der denn auch für ein anderes Opfer Sorge trug. Denn Abraham hatte mit seinem Sohn die Probe so bestanden, daß er, ohne Barmherzigkeit zu erbitten, dieselbe verdiente.

4. Und nun laßt uns sehen, Brüder, was in dem Gesetz verborgen liegt, und laßt uns einen höheren Sinn suchen? Abraham stand nicht unter dem Gesetz, und doch erfüllte er allein das Gesetz. Er, der durch keine Bestimmung des Gesetzes gebunden war, hat das göttliche Recht in seinem ganzen Umfang beobachtet. An seinem Opfer durfte sich auch der erfreuen, der zum Opfer bestimmt wurde. Der Widder blieb im Dornbusch hängen, in die Dornen verwickelt, am Kopfe festgehalten; Er ist es, der an Stelle Isaaks dem Herrn geopfert wurde. Ihn brachte Abraham dar; ihn zu opfern wurde ihm befohlen…

Traktat XI. Von Abraham II.

Denn eine vorher in Aussicht genommene Jungfräulichkeit wird nicht gefordert, aber auch eine später noch verbleibende (eheliche) Enthaltsamkeit wird nicht zurückgewiesen. Zur Beglaubigung hierfür, Geliebte, haben wir einen heiligen Gewährsmann, nämlich Abraham, der dereinst Isaak zum Sohne hatte. Das ist zwar ein einfaches Wort, aber sein Sinn ist ein vieldeutiger. Denn er wurde, Geliebte, empfangen, als seine Eltern schon die Hoffnung auf einen Sohn aufgegeben hatten, auf die Verheißung Gottes hin, als die Blüte der verflossenen Jugend und der Zeugungskraft des Vaters bereits dahin war; er verdankte es nicht so fast seinen Eltern, daß er gezeugt wurde, sondern der göttlichen Verheißung- Und in den letzten Abschnitten ihres Lebens erschloß ein Sohn den Mutterschoß Saras, mit jenem ersten Wort, ihr, der ein achtunggebietendes Greisenalter schon die Ehrfurcht zukommen ließ, wie sie einer Großmutter gebührt. Und dieser Sohn, Geliebte, der unter Verhältnissen, in denen man die Hoffnung auf eine Geburt schon aufgegeben hatte, zum Staunen noch auf die Welt kam, wird in den ersten Jahren seiner Kindheit auf Befehl und Verlangen Gottes ihm als unschuldiger Märtyrer zum Opfer dargebracht. Als ein unbeflecktes Opfer, aber nicht als ein unvorbereitetes Opfer wird er, der vom Herrn als Zeuge zur Erweisung seiner Gottesfurcht gefordert wird, vom Vater herbeigeführt: doch nicht als ein Opfer des Blutes, sondern als ein Opfer des Heiles. Zu solcher Herrlichkeit gelangt die Frucht der späten Geburt, der Kindessegen, der nicht mehr erhofft war.

2. Die Gattin Abrahams, die nicht wußte, daß sie empfangen — sie konnte bei der Erkaltung des Greisenalters von ihrem Schöße kein Kind mehr erhoffen, trug auch nicht das Vertrauen in sich, ein solches austragen zu können —, übernahm nun die Aufgaben der Mutter, nachdem sie schon die Pflichten der Gattin nicht mehr kannte. Und die Geburt erfolgte in einer Zeit, da die Liebesglut bereits die Geschlechtsorgane verlassen hatte. Und, Geliebte, das Kind im Mutterschoß, das sein Sein göttlicher Anordnung verdankte, ward auf ganz wunderbare Weise gebildet, wie sie auch in der Folgezeit nicht mehr zu erhoffen war« Das schon vorübergegangene Alter kehrt wieder zu seinem Ausgangspunkt zurück. Aus der Unfruchtbarkeit erwächst die Fruchtbarkeit zur Erfüllung des Wortes, das beim Propheten geschrieben steht: „Freue dich, Unfruchtbare, die du nicht gebarst, juble auf und rufe es hinaus: Die Verlassene hat viele Söhne!“ Denn sehet nur, Geliebteste, in Sara sind die Nerven durch das Alter zusammengeschrumpft, der Saft ihres Blutes ist schwach geworden, ihre Adern beginnen zu vertrocknen, ihre Haut mit den darunter befindlichen Organen ist spröde, entstellende fahle Blässe zerstört schon fast die menschlichen Gesichtszüge, und in ihren Gliedern lebt kein sinnliches Begehren mehr, Ihrem Körper war nichts mehr von seinem Kraftbestand geblieben. Und doch — dem Kinde im Mutterschoß ward nichts versagt, Sie, deren Alter auf eine Großmutter hinwies, brachte die Geburt zur Ehre der Mutter, obgleich ihr frommer Sinn bei dem verwirrenden Wort von Kindesliebe schwankte, ihr hohes Alter in der Zeit, da ihr Schoß den Sohn gebar, vielmehr einen Enkel wünschte. So gab sie denn auch dem Sohne, den sie gegen alle Vermutung im Widerspruch mit der Zeit und der Natur geboren, den Namen ὅ γελός Isaak (das Lachen); Freude sollte das bekräftigen, was die Gebrechlichkeit des Alters nicht mehr erhofft, Neue Liebe erwacht in den Eltern zu dem Sohne; sein Besitz galt ihnen um so sicherer, als er nach göttlicher Verheißung geboren war, um so süßer, als er spät gekommen, um so glückverheißender, als sie die Hoffnung aufgegeben. Als einziger an der Zahl und zugleich als der erste in ungeteilter Liebe besaß er die ganze Liebe des Vater- und Mutterherzens. Und nun, nachdem er in der beschleunigten Erziehung, die ihm zuteil geworden, herangewachsen, sollte er für Gott ein Opfer, für die Eltern Gegenstand eines frommen Kindesmordes werden,

3. Sehet, Geliebte, so führt Abraham seinen Sohn, der ihm ugegen alle Hoffnung“ geboren war, auf Veranlassung des Herrn zum Altare, um ihn zu opfern. Und es fehlt für diesen Opferdienst auch nicht das Schwert; wie Vater, so sollte er auch Priester sein. Ebenso groß war nach dem Willen Gottes die Sicherheit des Sohnes. Als derselbe nach dem Opfertier Umschau hielt, an dessen Stelle er selbst ausersehen war, fragte er darnach, Aber da werden seine zarten Hände in Fesseln gelegt. Und damit er ja nicht geringer als ein Opferlamm erscheine, umschnürt der Vater ihm auch die Füße mit Banden: er könnte sonst in Aufregung geraten und so nicht ein wohlgefälliges Opfer sein, Doch, Geliebte, der Verdacht mangelnder Vaterliebe wäre verabscheuenswert und darf nicht aufkommen, Abraham gab Gott vor dem Sohne, dem Priester vor dem Vater den Vorzug. Er hätte nicht geglaubt, Liebe zu haben, wenn er nicht sich als gläubig erwiesen hätte. Daher, Geliebte, rüstet er sich unerschrocken zum Vollzug des Opfers. Sicher sucht der Geist, sicherer noch die Hand die Stelle zur Anbringung der Wunde. Zur Schlachtung erhoben schwebt das Schwert in der Luft. Doch dem Knaben flößte das Nahen des Todes keine Traurigkeit ein: kein Zittern sollte den Glauben als schwach erweisen. Bei dieser Standhaftigkeit sowohl des Schlachtenden als auch des Schlachtopfers verdiente der Sohn die Befreiung, da er alle menschliche Furcht von sich bannte. Und hinsichtlich des Glaubens hatte der Vater sein Versprechen eingelöst; und nachdem der Herr den Willen erprobt, hinderte er den Kindesmord.

4. In seiner (Isaaks) Person ist die verehrungswürdige Geburt Christi vorgebildet: doch der Palast des jungfräulichen Mutterschoßes ist noch geheimnisvoller. Ihn hat der Schoß eines verwelkenden Körpers, durch die bildende Kraft der göttlichen Verheißung hierzu fähig gemacht, getragen. Aber gegen ihn, der aus himmlischer Zeugung, nicht aus (menschlichem) Samen hervorgegangen, der unzweifelhaft der Herr ist, entfachten die Juden gottlose Pläne. Und wie man Isaak zum Opferaltar führte, der aber nicht sterben sollte, so schleppten die Bösewichter Christus, der da gleich einem Schuldigen schwieg, aber nur über ihrer Verblendung trauerte, zum Kreuz, um ihn daran zu erhöhen. Aber da die Ewigkeit nicht sterben kann, so auch der Herr nicht nach seiner Bestattung. Den Juden blieb nur der Ärger darüber, daß ihr Wollen verurteilt ward, weil sie ihn nicht als Herrn anerkennen wollten und glaubten, daß er durch ihre Pläne allein bestraft werde, er, bei dem schon seine verspätete Anbetung ein Verbrechen bedeutete. Bei der Grausamkeit solch unmenschlichen Beginnens änderten sogar die Elemente ihre Gestalt; und eher als das Volk der Juden zur Einsicht kommt, offenbart die Natur die Beleidigung, die Gott zugefügt ward. Von ihrem Schöpfer selbst nahm daher der Abscheu Vor ihrem wütenden Tun seinen Ausgang. Die Rotte der Henker schart sich zusammen, und die Spitze ihrer Schwerter richtet sich gegen den Unsichtbaren, der am Kreuze hängt. Aber wie schon gesagt, sie erntete keine Frucht von ihrem frevelhaften Tun. Wie bei Isaak etwas anderes geschlachtet wurde, als zum Opfer dargebracht wurde, so wurde auch bei den Leiden Christi das, was in Adam gesündigt hatte, durch Christus wieder entsühnt.

Traktat XII. Von Abraham III.

Abraham sollte der Vater vieler Völker werden. Er hat die Gerechtigkeit nicht erlernt, sondern sie aus sich selbst heraus verwirklicht. Ihn hat nicht der Besuch von Städten beeinflußt. Er hatte kein Gesetz: sein Leben selbst war Gesetz. Er vernimmt den Befehl Gottes, auszuwandern, seine Verwandtschaft und sein Land zugleich zu verlassen. Und als er darnach aufblickte, sah er mit seinen Augen drei Männer, eilte auf sie zu, verneigte sich, das Antlitz bis zur Erde gebeugt, und bot ihnen an, sein Gast zu sein: „Ruhet aus unter diesem großen Baum!“ Er ließ Weizenmehl kneten, ein Kalb schlachten. Daraufhin ward ihm aus seiner rechtmäßigen Ehe ein Sohn verheißen, nicht auf Grund seines Alters, sondern seines Glaubens. Sara empfängt: ohne Beschwerde trägt sie, die schon nicht mehr gehen konnte, die Bürde. In einem Alter, da das Muttersein aufhört, lernt sie, es zu werden. Welke Brüste weisen Überfluß an Muttermilch auf, und von kraftlosem Alter wird ein sehr kräftiger Knabe genährt. Für den Glauben ist nichts schwer: er besitzt soviel, als er glaubt.

2. Nun lag Isaak, der einzige Sohn, die Hoffnung von Geschlechtern und Völkern, der Ausgangspunkt so vielen Geschehens, noch in den Armen seines liebenden Vaters. Er schloß die Liebe des Vaters in sich zusammen; denn als Einziger, als Spätgeborener, als von Gott Verheißener, als einzige letzte Hoffnung sollte er die Verluste der ganzen vorausgegangenen Unfruchtbarkeit wieder ersetzen. Da bot sich eine Lage, bei der der Glaube von Abraham sich stärker als die Prüfung im Kampfe bewähren sollte. Er erhält den Auftrag, die Glieder des heißgeliebten Sohnes, die er mit Küssen zu bedecken gewohnt war, mit dem Schwert zu töten. Was sollte seine Liebe beginnen? Verschieben ließ sich die Ausführung des Befehls nicht. Mutter, du warst besser daran, als du kinderlos warst: dein Kind ward für das Opferschwert geboren. Und doch empfand niemand bei solchem Schicksal Schmerz, auch die Mutter nicht, die ihn geboren hatte. Niemand zeigt Trauer bei dem Leichenbegängnis des noch Lebenden, und niemand beweint schon vorher mit Tranen die Gehorsamstat des unschuldigen Menschenkindes. Auch der Vater nicht, damit es nicht den Anschein hätte, als schwanke er, wenn er weinte. In seinem Gehorsam führt er mit beherrschter Miene den Sohn zum Opferaltar. Er zückt das Schwert zwischen sich und dem Sohn, sein Herz kämpft für den Glauben, sein Antlitz wird nicht bleich, seine Hand zittert nicht. Der Sohn fragt, wo das Opfertier sei. Und damit sein zartes Alter nicht getötet würde, wies denn auch eine Stimme auf ein solches hin. So brauchte der Vater keine Schlachtung vorzunehmen; denn Gott verlangt nicht Menschenblut. Der gottesfürchtige Henker steckt das Schwert wieder in die Scheide. Es war Pflicht des Vaters, es zu erheben: es war Wille Gottes zu schonen. Weder derjenige, der geopfert werden sollte, hatte Furcht, noch bebte derjenige, der opferte. Und das Opfer unterbleibt nicht, sondern erleidet nur eine Veränderung. Der Vater hat dem Sohn eher zur Rettung verholfen, indem er ihn nicht schonte. Denn der Glaube allein wandelt inmitten von Schwertern ungefährdet, inmitten von wilden Tieren als Freund behandelt, inmitten von Feuerflammen der Kühlung teilhaftig. Dem Glauben allein müssen auch wir die erste Stelle einräumen. Und wir sollen des Vertrauens sein, daß wir, die wir durch den Glauben Söhne Abrahams sind, auch durch ihn dereinst in seinen Schoß gelangen.

Traktat XIII. Der Traum Jakobs.

Wahrhaftig, geliebteste Brüder, das Herz eines Menschen, der den Traum von diesem Mann1 und die in ihm liegenden Geheimnisse kennt, schläft nicht. Denn die Prophetie spricht zwar allezeit in wechselnden Bildern, aber in allen findet sich derselbe Inhalt. So trägt Jakob das Bild Christi in sich. Aber auch der Stein, auf den er nach dem Bericht sein Haupt gelegt hat, ist ein solches: denn das Haupt des Mannes ist Christus, der auch zeitweilig der Eckstein genannt worden ist.  Die Leiter vetsinnbildet die zwei Testamente, die, aus evangelischen Vorschriften der Evangelien zusammengesetzt» die Menschen, die daran glauben und den Willen Gottes vollziehen, sozusagen auf Stufen der Erfüllung zum Himmel hinaufzuführen pflegen. Der Apostel Johannes hat sie in seiner Offenbarung als das zweischneidige Schwert mit einem Griff bezeichnet, das nach seiner Schilderung aus dem Munde Gottes hervorgeht. Das Schwert ist nämlich der Heilige Geist, der einen Griff hat, das heißt, der eine Wesenheit, Kraft, Gottheit und Majestät und Willen des Vaters und des Sohnes aufweist, aber zwei Schneiden besitzt, nämlich die zwei Testamente, durch deren königliche Mahnungen die Gläubigen und Gottesfürchtigen zum Heile gelangen, die Ungläubigen und Treulosen aber bestraft werden. Diese Leiter war es, die der Prophet Isaias als Zange schaute; und er hat in seiner Weissagung berichtet, daß mit ihren (beiden) Schneiden einer der Seraphim vom Altare Gottes eine Kohle nahm, um damit befleckte Lippen rein zu brennen. Unter den befleckten Lippen müssen wir die beiden Völker der Juden und Heiden verstehen: sie waren befleckt durch die Übeltaten ihres früheren Lebens: das Volk der Juden hatte Christus geschmäht und verfolgt, das Volk der Heiden hatte Vielgötterei gepflegt und verabscheuenswerte Gebilde angebetet; nun sind sie, wie man sieht, in dem Bekenntnis des Namens Christi durch die Berührung mit der Kohle zu einem Volk zusammengeschmolzen. Denn die Zusammenschmelzung bedeutet Reinigung und Einigung. Und die Kohle ist das Wort Gottes, der Altar das Gesetz, die Zange die zwei Testamente, welche die Gläubigen in ihren Verpflichtungen aufrecht halten, den Ungläubigen aber (in ihren Strafen) schmerzlich sind.

2. Diese Zange nannte David auch eine Schreibfeder, wenn er sagt: „Meine Zunge ist wie die Schreibfeder eines Schnellschreibers.“ Denn die Schreibfeder, Brüder, ist gespalten und hat zwei Teile, die in ihrem obern Ende zu einer dünnen Spitze sich vereinigen, so daß sie mit beiden einen Buchstaben herstellt. Nimmt man aber einen Teil weg, so ist die Verwendung des andern nutzlos. So gibt es dem ganz entsprechend auch zwei Testamente, die auf ähnliche Weise mit zwei Federspitzen einen Buchstaben schreiben, das heißt, in den zweifachen Aussprüchen des heiligen Gesetzes Christus, den Sohn Gottes, für das geistige Verständnis zur Darstellung bringen. Ohne ihre gegenseitige Unterstützung können sie ihre Aufgabe nicht erfüllen: wie das Neue Testament dem Alten Beglaubigung verschafft, so legt das Alte für das Neue Zeugnis ab: so wie geschrieben steht: „Einmal hat Gott gesprochen, und diese zwei Dinge vernahm ich.“ Aber auch der Herr selbst erwähnt im Evangelium die Leiter ausdrücklich, wenn er zu Petrus sagt; „Wirf die Angel ins Meer aus, und den Fisch, der zuerst heraufkommt, nimm! Und wenn du seinen Mund geöffnet, wirst du zwei Denare finden; gib einen für mich und einen für dich!“ Unter dem ersten Fisch müssen wir Christus verstehen, der von den Toten auferstanden; aus seinem Mund sind die zwei Denare, das sind die zwei Testamente, hervorgegangen, die in der Herrlichkeit des Herrn und in der erfolgreichen Arbeit des Petrus — auf den er ja seine Kirche gebaut hat, — zwei Völkern zum Heile gereichten. Und kein Zweifel kann bestehen, daß das Meer die Welt, die Angel die Predigt bedeutet. Wie die Angel, die in das Meer ausgeworfen wird, den Tod des Fisches anzeigt, so bezeugt die Predigt des Evangeliums, die in die Welt hinausgetragen wird, den Tod und die Wiederkunft des Herrn, wie im Brief an die Korinther geschrieben steht: „Ihr sollt den Tod des Herrn verkündigen, bis er kommt.“ „Öffne den Mund des Fisches“, das heißt: du sollst das Geheimnis der Heilslehre oder das, was ich in Gleichnissen gesprochen, denen erklären, die es nicht verstehen. Anderswo hat er das noch deutlicher allen seinen Jüngern gegenüber ausgesprochen: „Gehet also hin und lehret alle Völker und taufet sie im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes, und lehret sie alles halten, was ich euch befohlen habe“ Du sollst einen für mich und dich geben, das heißt: du sollst mein Kreuz predigen, dich aber in gleicher Weise der Ehre deines Kreuzes freuen.

3. Den Stoff, aus dem die Leiter bestand, auf die der Herr sich stellte, erschließen wir aus einem Worte Davids, der da sagt: „Dein Stab und dein Stock trösten mich,“ Stab und Stock sind jedenfalls die beiden Testamente, die deshalb mit Holz verglichen sind, weil bei seiner Verwendung die Willensmeinung desjenigen, der das Testament gemacht, für immer und in besonders gesicherter Weise niedergeschrieben bleibt, oder deshalb, weil sie gleichsam von verschiedenem Ausgangspunkt aus sich zu einem Glauben vereinigt es verkündeten, daß der Sohn Gottes gekreuzigt werden mußte. Und mit vollem Recht lassen sie Christus auf der Leiter stehen, weil die Geschichte der ganzen Hl. Schrift um seinetwillen und durch ihn als ihren Urheber zur Erfüllung kam. Daher sprach er auch zu seinen Jüngern: „Jeder Schriftgelehrte, der in der Himmelreichspredigt bewandert ist, gleicht einem Hausvater, der aus seinen Schätzen Neues und Altes hervorholt.“

Der Schriftgelehrte, Brüder, ist der Prediger; der Hausvater ist Christus; seine Schätze sind die Wesenheit des Vaters und der Wille des Vaters, die er kraft seiner unverminderten Gottheit besitzt; das Alte und Neue sind die beiden Testamente; ihr sehet richtig, daß der Herr ohne Zweifel sie hier auch in das Gleichnis von den zwei Denaren gekleidet hat, insofern er unter seinen Schätzen die beiden Denare verstanden wissen wollte, unter dem Alten und Neuen die zwei Testamente. Von diesen zwei Denaren erwähnt der Herr auch, daß sie vom Samaritan dem Wirte gegeben wurden für den Mann, der von Räubern angefallen worden war.  Dieses letzte Gleichnis erschließt zweifellos denen, die geistig schauen, das in der Jakobsleiter liegende Geheimnis. Denn in dem Mann, der angefallen worden, ist Adam zu erkennen; in den Räubern der Teufel und die Begier-lichkeit der Eva, in dem Samaritan der Herr, zu dem die Juden sprachen: ,,Er ist ein Samaritan und hat den Teufel.“ Der Wirt ist der Lehrer des Gesetzes; er erhalt die zwei Denare, das sind die heilsamen Lehren der beiden Testamente, nimmt den Menschen, der dem Raubanfall des Teufels und seiner Engel und dieser Welt zum Opfer fiel, durch das ehrwürdige Sakrament in die Herberge, das heißt in die Kirche auf, wo die Schafe Gottes einkehren, und bringt ihm dort durch die täglich gespendete Arznei der Predigt Heilung,

4. Wenn sodann die Rede ist von Engeln, die hinaufsteigen und herabsteigen, so halten manche die hinaufsteigenden für Engel des Lichtes, die herabsteigenden für die Engel der Finsternis. Aber ich finde, geliebteste Brüder, solche Deutung töricht und unpassend: denn weder steigen die Abtrünnigen herab — sie sind nach ihrer Sünde, wie man weiß, niemals mehr in den Himmel aufgenommen worden —, noch steigen die Engel des Lichtes hinauf; sie haben niemals auf der Erde, sondern stets im Himmel ihre Wohnung gehabt. Ich glaube, daß richtig Engel die Menschen genannt werden. Denn zu ihnen spricht der Herr durch den Heiligen Geist: „Ihr seid zwar Götter und insgesamt Söhne des Höchsten, aber ihr werdet sterben wie Menschen.“ Und wir erinnern uns ja auch, daß von Johannes dem Täufer gesagt ist: „Siehe, ich sende meinen Engel vor dir her, der dir den Weg bahnen wird.“ Demnach ist es klar, daß in der Sprache der Propheten ganz allgemein gerechte und ungerechte Menschen als Engel bezeichnet werden. Aber an Beispielen erkennen wir auch, wer die Aufsteigenden und Absteigenden sind. Die Absteigenden sind diejenigen, die der Welt entsagten und sodann wieder zu ihr zurückkehren, diejenigen, von denen der Herr sagt: „Niemand, der seine Hand an den Pflug legt und rückwärts schaut, ist tauglich für das Reich Gottes.“ Und wiederum: „Denket an die Frau Lots!“ Aber auch der Apostel sagt: „Warum kehret ihr wieder zu den schwachen und armseligen Elementen zurück?“ Die Aufsteigenden sind die Gerechten, die durch ihre erprobte Lebensführung täglich in der Herrlichkeit eines geistigen Aufstiegs auf den Stufen der Beobachtung der göttlichen Gebote zum Himmel emporkommen, sie, die der Apostel mahnt, auf die er hinweist mit den Worten: „Wenn ihr auferstanden seid mit Christus, so suchet das, was droben ist, wo Christus ist und zur Rechten Gottes sitzt!“ Wir können es aber auch so verstehen, Brüder, daß es vom den dienenden Engeln gesagt ist, die, wie wir hören, dem Herrn, als er auf Erden wandelte, Dienste geleistet haben,, wie er selbst sagt: „Wahrlich, wahrlich sage ich euchf ihr werdet den Himmel offen sehen und Engel Gottes auf-und absteigen über dem Menschensohn;“ wie es denn auch tatsächlich geschehen ist nach dem Bericht des Evangelisten: „Da verließ ihn der Teufel, und siehe, es kamen Engel herbei und dienten ihm.“ So unterliegt es? keinem Zweifel, daß die Engel des Lichtes und die gerechten Menschen den gleichen Weg haben zu den himmlischen Höhen.

5. So verbindet sich alles zum Endergebnis einer einzigen Frucht; denn obwohl man alles in doppelter Gestalt sieht, stammt es doch aus einer einzigen Wurzel.. Testamente gibt es zwei, aber derjenige, der sie gemacht, ist nur einer. Und die Schreibfeder ist gespalten, aber das Rohr ist nur eines. Und die Zange (Schere) findet ihre Fortsetzung in zwei Schneiden, aber ihr Biß ist ein einziger. Und das Schwert weist zwei Schärfen auf, aber es sind nur die Seiten einer Klinge, Und es sind zwei Denare, aber hinsichtlich ihres Wertes gelten sie als eine einzige Münze. Und die Leiter hat zwei Leiterbalken und zahlreiche Stufen; aber der Aufstieg ist nur einer. Wollt ihr aber, geliebteste Brüder, wissen, was ihre Stufen bedeuten, so höret! Hinneigung, Hörwilligkeit, Verständnis, Glaubensbereitschaft, Furcht, Weisheit, Nüchternheit, Milde, Mäßigung, Keuschheit, Frömmigkeit, Liebe, Glaube, Wahrheit, Demut, Dankbarkeit, Ehrbarkeit, Schamhaftigkeit, Geduld, Beharrlichkeit, Vollendung. Und die Namen der zwei Leiterbalken sind die beiden Testamente. Die Leiter aber wird in ihrem eigentlichen Namen das Kreuz genannt: denn in dem Kreuz hat der Herr Jesus Christus alle Geheimnisse zur Vollendung und Zusammenfassung gebracht, hat auch Adam zum Vater zurückgeführt und allen, die ihni folgen, den Weg zum Himmel erschlossen.

Traktat XIV. Von Juda.

Judas hatte drei Söhne, Her, Aunan und Selon. Er nahm für seinen ältesten Sohn ein Weib mit Namen Thamar als Gattin. Doch da der Sohn böse vor dem Angesicht des Herrn wandelte, wurde er, wie die Heilige Schrift berichtet, von Gott getötet. Der Vater befiehlt dem zweiten, zum Weibe des Bruders zu gehen und dem Bruder Samen zu erwecken; und dieser ging zu ihr, goß aber den Samen auf die Erde. Da auch das Gott als böse erschien, verurteilte er ihn zu gleichem Tode. Gegen eine Verbindung mit dem dritten Sohne machte Judas in der Furcht, er möchte auf ähnliche Weise sterben, bei der Schwiegertochter als Entschuldigung dessen jugendliches Alter geltend; und er befahl dem Weibe, im Hause ihres Vaters als Witwe zu verbleiben und bis zu dessen Heranwachsen auf die Heirat zu warten. Aber während das geschah, starb seine Gattin. Nachdem er sich getröstet hatte, brach er zur Schur seiner Schafe auf. Als Thamar, die den Selon zum Mann herangereift sah und ihn nicht zum Manne bekommen hatte, das berichtet wurde, legte sie ihr Witwengewand ab, zog Sommerkleider an, schmückte sich und stellte sich an einem Orte auf, an dem Judas vorbeikommen sollte. Als er das Weib erblickte, hielt er sie für eine Hure, obwohl sie ihr Gesicht verhüllte und so die Unversehrtheit ihrer Keuschheit zum Ausdruck brachte. Er sprach sie an, verlangte, ihr beiwohnen zu dürfen, und versprach, ihr einen Ziegenbock zu senden. Sie aber erbat ein Pfand für die Einlösung des Versprechens, damit mehr zufrieden als mit dem Lohn. Sie empfing von ihm sein Halsband, seinen Ring und seinen Stab. Als dieser Handel abgeschlossen war, legte sie, die zur Besiegelung desselben empfangen hatte (was solche, die wirkliche Huren sind, hassen und immer vermeiden), ihr Witwengewand wieder an. Unterdessen wurde der Verabredung gemäß der Ziegenbock gesandt. Man fragte nach der Hure und empfing von den Leuten des Ortes die Mitteilung, daß dort niemals eine Hure gewesen sei. Aber bei unserer Thamaris nahm mit der Zunahme der Zeit auch der Leib zu. Und nun beachtet das wunderbare Geheimnis! Sie, die ihr Angesicht verhüllt hatte, verhüllt nicht ihren Leib. Ohne daß der Ankläger Beweislast hat, wird (Judas) berichtet, daß sie als schwangere Witwe der Hurerei schuldig sei. Der Schwiegervater braust in Zorn auf, heißt sie hinausbringen und verbrennen. Aber sie findet sich unerschrocken ein, da sie den Handel nicht für sich aus Unkeuschheit, sondern sozusagen als eine Vorbedeutung für die Zukunft eingegangen hatte, und erklärt ihm, daß sie von dem empfangen habe, dessen Halsband, Ring und Stab sie besitze. Als Judas diese Sachlage erkannte, mäßigte er sich nicht nur in seinem Zorn gegen sie, sondern erklärte sie obendrein als gerechtfertigt.

2. Soweit man den Vorgang verstehen kann, war Judas das Bild teils der Propheten, teils der Patriarchen und Urväter, die um der Gerechtigkeit Gottes willen alle Menschen als ihre Kinder betrachteten. Daher stellt Her als der erste Sohn das Urvolk dar, nämlich die Halbgötter, alle mächtigste Leute und Könige, die in ihrer wilden Kraft und ihrer ungezügelten Sinnlichkeit stritten und den ganzen Erdkreis zugrunde richteten, die außerdem sich selbst statt der Häuser Tempel zusprachen, Altäre für ihren Namen errichteten, sie, die nicht wußten, was für ein Grab sie dereinst fänden; sie versprachen sich den Himmel, sie, über deren Treiben die Erde schamrot geworden wäre, wenn es möglich gewesen wäre; sie erklärten sich schließlich Gott gegenüber selbst als Götter, sie, die von Menschen mit gesunden Sinnen nicht einmal des Namens eines Menschen für würdig erachtet worden wären. Um dieser Ursachen willen wurden sie von Gott nicht allein vernichtet, sondern auch zu ewigem Strafgericht verurteilt.

3. Aunan aber, der zweite Bruder, ist das jüdische Volk, das den Auftrag erhält, des Bruders Samen zu erwecken; aber nicht einen Samen, der von Gott auch mit Recht als verurteilt erschien; sondern es sollte die übrigen Volker, die die ausgesäte Giftsaat der erwähnten Abgötterei verdorben hatte, durch das Beispiel eines guten Lebens und durch die religiösen Mahnungen des heiligen Gesetzes wieder zur Verehrung Gottes erwecken. Aber dieses Volk goß seinen Samen auf die Erde. Natürlich nicht den Samen des Fleisches, sondern den Samen des Herzens. Same des Herzens ist nämlich das Wort Gottes, wie der Herr nach Lukas spricht: „Das Gleichnis hat folgenden Sinn. Der Same ist das Wort Gottes. … An den Weg wird gesät bei denen, welche das Wort hören; dann kommt der Teufel und er nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und gerettet werden.“ Die Erde versinnbildet den Menschen und das Götzenbild, weil ja auch Gott den Menschen aus Erde gebildet hat und der Mensch sich das Götzenbild aus der Erde erstellt. Das Volk goß seinen Samen auf die Erde, das heißt, es vernachlässigte die Gebote Gottes und gab sie hin für die Götzenbilder. Deshalb empfing es ebenso in ähnlicher Weise von Gott das Verdammungsurteil in der Gegenwart; denn ist der verwerflich, der, obgleich er Mensch ist, sich zum Gotte macht, so ist der noch verwerflicher, der einen Gott anbetet, den er sich selbst gemacht.

4. Selon aber, der dritte und jüngste Bruder der Genannten, stellte das Bild des neuen Volkes dar, das aus den Heiden hervorging; Thamar das Bild der Kirche; mit Recht wurde diese ihm nicht zur Gattin gegeben: denn das Volk, das nach der Ankunft Christi durch das geistige Wasser der Taufe im Schöße der Kirche wiedergeboren wird, sollte ja deren Sohn, nicht deren Gatte werden. Judas verliert seine Gattin, das heißt der Glaube der Synagoge erstirbt. Wenn es aber heißt: er habe sich getröstet, so ist dabei sicherlich die Hoffnung auf das Kommen Christi gemeint, der nicht nur den Propheten, die durch den Verfall der Synagoge untröstlich geworden waren, Trost spendete, sondern auch uns alle, wenn wir in irgendeiner Not uns befinden, zu erquicken pflegt. Er bricht auf, um die Schafe zu scheren, das heißt, er verlangt von den gerechten Menschen Früchte guter Werke. Als Thamar das hörte, die im Hause ihres Vaters weilte, das heißt in den Tempeln und den Schandstätten all der Schauspielvergnügungen (denn als der Vater aller, die solch verdorbenes Leben führen, ist deutlich der Teufel gekennzeichnet, wenn der Herr die Juden schilt: ,,Ihr habt den Teufel zum Vater und wollt nach den Gelüsten eures Vaters tun“), legte sie das Witwengewand ab, das heißt sie tat die unreinen Gebräuche einer unreinen Religion ab. Sie zieht Sommerkleider an. Das Sommerkleid, Brüder, ist rein und bewegungsfrei: man kann in ihm leicht Arbeit verrichten und die Hitze des Sommers, das heißt der Versuchung, ertragen; darunter ist zweifellos die Glaubensbereitwilligkeit zu verstehen: wer sie besitzt, muß rein und unbehindert leben. Sie verhüllt ihr Angesicht, um nicht erkannt zu werden; das war eine Notwendigkeit, weil derjenige, der ihre Keuschheit erweisen sollte, Christus, noch nicht gekommen war. Sie wird von ihrem Schwiegervater nicht erkannt: die Propheten waren nämlich zu den Juden, nicht zu den Heiden gesandt. Er hält sie für eine Hure: mit Recht: denn sie diente einem abgöttischen Volke. Er verlangte ihr beizuwohnen: denn es waren mehr die Heiden bereit, der Prophezeiung zu glauben als die Juden, wie der Herr sprach: „Wahrlich, ich sage euch, die Zöllner und die Dirnen werden vor euch in das Himmelreich eingehen.“ Er verspricht ihr einen Ziegenbock; das heißt, er läßt damit erkennen, welcher Lohn dem Sünder für seine Sünde werden wird. Sie lehnt dessen Annahme ab: denn derjenige, der das Sakrament der Dreifaltigkeit empfangen hat, wird in der Zukunft unter die Schafe, nicht unter die Böcke eingereiht. Schließlich wird erzählt, daß sie sich das Halsband, den Ring, den Stab erbeten und empfangen habe. Worauf geht diese Deutung? Das Halsband, geliebteste Brüder, ist das Gesetz, das durch seine heilsamen Ermahnungen zwar nicht den Hals, wohl aber das Herz aller Gläubigen mit verschiedenen Tugenden und mit verschiedenartiger Gnadengabe zu schmücken pflegt. Der Stab kündigte in seinem Holz das Geheimnis des Leidens des Herrn an, wie es ganz klar das Beispiel dartut, das im Buch der Psalmen sich findet und lautet: „Dein Stab und dein Stock trösteten mich. Du deckest vor meinem Angesicht einen Tisch gegen die, die mich bedrängen-, du salbest mein Haupt mit Öl; und dein überströmender Becher — wie herrlich ist er!“ Sicher, Brüder, versinnbildet der Kelch das Blut, der Tisch den Leib, das Öl die Gnade des Heiligen Geistes, der Stab mit dem Stock das Kreuz, an dem der Herr zu hangen sich gewürdigt hat, um den Menschen, dessen Natur er angenommen, in Gott zu wandeln. Der Ring ist das Zeichen des Glaubens, nämlich Christus; durch die Erleuchtung seiner Majestät haben wir eine Prägung und Siegelung erhalten; leben wir rein durch sie, so tragen wir durch den Heiligen Geist sein Bild an uns, zum Schutze unseres Heiles: und das bewahren wir. Daß er mit ihr zusammenkam« war ein Hinweis auf das Geheimnis der heiligen Vereinigung der Gläubigen. Thamar empfängt im Mutterschoße, die Kirche im Herzen: Thamar vom fleischlichen Samen, die Kirche vom Wort. Es wird ihr ein Ziegenbock gesandt, als Zeichen der Versuchung: denn auch derjenige, der der Gerechtigkeit folgt, muß geprüft werden. Schließlich wird die gesuchte Hure nicht gefunden: denn derjenige, der wiedergeboren ist durch das Wasser und den Heiligen Geist, hört auf zu sein, was er war, und fängt an, etwas zu sein, was er nicht war. Es folgt dann, daß sie das Witwengewand von neuem anzog, sicher nicht deshalb, um zu tun, was sie getan hatte, sondern um darüber zu weinen, daß sie getan, was sie tat: denn niemand, und wenn er noch so gerecht ist, kann gerettet werden, wenn er nicht Buße tut, die vorhandenen Sünden tilgt und sich von weiteren fernhält. Thamar wird angeklagt, daß sie aus der Hurerei empfangen habe. Und die Kirche ward von den Ältesten der Juden des Ehebruches am Gesetz beschuldigt, weil sie den Sabbat gebrochen und ihre Traditionen verworfen habe. Thamar zeigt das Halsband, den Ring und den Stab vor und vermochte sich durch das Geheimnis der Dreizahl von der drohenden Strafe zu lösen. Die Kirche aber bringt in Wahrheit selbst im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes nicht nur die gegenwärtigen Feuersgluten des Teufels zum Erlöschen, sondern sie überwindet damit auch den Brand des zukünftigen Gerichtstages. Thamar ging gerechtfertigt von dannen: die Kirche aber wird, verherrlicht durch das Wachstum eurer Zahl und eures Glaubens, mit Christus bleiben in alle Ewigkeit durch unsern Herrn und Erlöser Jesus Christus, der gelobt ist mit dem Vater und dem Heiligen Geiste vor der Zeit, in der Zeit und in Ewigkeit. Amen.

Traktat XV. Von Job.

Geliebteste Brüder! Die Erzählung der heiligen Geschichte ist deshalb zum Lesen auf uns gekommen, damit wir, wenn möglich, wenigstens bis zu einem gewissen Grade die Sitten der Vorfahren nachahmen, wenn wir ihre Tugenden nicht nachzuahmen vermögen; denn sie lebten in so großer Rechtlichkeit, daß es schon ein Stück Glück bedeutet, nur zu erfahren, was sie getan.

So war Job ein Mann, gerecht und wahrhaft, ein Mann, der sich fernhielt von allen Lockungen dieser Welt, lauter in seinem Wandel, lauterer noch in seinem Innern, dabei so umsichtig und untadelig, daß er durch das Zeugnis Gottes (selbst) belobt ward. Es war deshalb nicht unverdient, wenn er, glücklich, ein glückliches Leben führte. Denn er besaß ein glänzendes Haus, einen reichen Besitz, eine reiche Zahl von Kindern, und zwar (was den Eltern besonders willkommen ist) von solchen, die verschiedenem Geschlecht angehörten, Kindern, die sich gegenseitig liebten; täglich brachte er für sie alle Gott Opfer dar. So stark war die Mauer seiner Sittenreinheit und seines Glaubens, die ihn schützend umgab, daß der Teufel sich nicht an ihn herangewagt hätte, hätte nicht Gott ihm hierzu eine Weisung erteilt. Und nun, stellt euch vor, Brüder, wie er wütete, wenn er dazu aufgefordert war, er, den man nicht einmal ertragen kann, wenn er schmeichelt. Und so beginnt jetzt ein Kampf, der berühmt geworden ist. Auf der einen Seite schlägt der Teufel mit allen seinen Waffen einen furchtbaren Lärm, ruft obendrein seine Diener zu Hilfe, läßt schreckenerregend seine Posaune erklingen, entfacht in den Herzen der Räuber ein wütendes Feuer, und in immer sich wiederholenden Angriffen macht er sich allmählich an das ganze Besitztum des Gottesmannes; er vernichtet in einem Augenblick plötzlich mit Raub, Feuer und Schwert dessen ganze Habe. Auf der andern Seite steht Job, stark in seinem tiefverwurzelten Glauben: er wird durch soviele Trauerbotschaften zwar erschüttert, kommt aber nicht ins Wanken; er preist nur Gott und bewahrt seine Habe, indem er sie für nichts achtet… Wie der Teufel merkt, daß er trotz solcher Angriffe nichts ausgerichtet, läßt er die ganze Wut seiner Gottlosigkeit auf die Kinder Jobs ausströmen. Wie sie in gewohnter Weise einträchtig im Hause beim Mahle sitzen, bringt er plötzlich mit aller Kraft die vier Ecken zum Wanken; und indem Wände und Decken zu einem wilden Durcheinander zusammenstürzen, begräbt er die heilige Schar der Geschwister, bevor er sie tötet. Und so sehr hatte er’s auf die Vernichtung der Vaterliebe abgesehen, daß der Schmerz des Vaters bei diesem Massengrab den Verlust nicht ganz zu fassen vermochte, da er nicht wußte, wen er zuerst betrauern müßte, wen er zuerst auffinden würde, wem er zuerst die traurige Pflicht der Bestattung erweisen sollte. Als der Diener Gottes diese Nachricht erhielt, zerriß er seine Kleider, aber nicht, um Gott zu grollen, sondern um ungehindert mit dem Feind zu kämpfen. Brachte er beim Verlust des Vermögens seine Geringschätzung des Reichtums zum Ausdruck, so ließ er bei dem Verlust seiner Kinder den Vater, bei der Strafe an seinem Leibe sein Gerechtsein in den Hintergrund treten. Denn er wurde vom Scheitel bis zu den Fußspitzen vom Feinde mit Krankheit geschlagen; und er war nicht nur da und dort mit zahlreichen Geschwüren bedeckt, sondern ganz und gar eine einzige Wunde geworden. Aber inmitten von all dem sprach er nichts Unrechtes gegen Gott. Er ließ sich weder von seinem Weibe beeinflussen, die ihm zu Unerlaubtem riet, noch gab er den Freunden nach, die ihn verhöhnten: als Sieger über -Grausamkeit und Gottlosigkeit sitzt er auf dem übelriechenden Misthaufen, der voll ist von Würmern, als ob er nichts gelitten hätte, zufrieden allein in der Furcht Gottes. Glücklicher Mann! Er hat durch seine wunderbare Geduld Gott schon jetzt verdient, hat den Teufel besiegt, hat seine Gesundheit wieder erhalten und hat seine Besitztümer und seine Kinder nicht verloren, sondern sie mit andern vertauscht.

2. Soweit man es verstehen kann, geliebteste Brüder, war Job ein Vorbild Christi. Kurz soll ein Vergleich die Wahrheit dessen dartun. Job wurde von Gott als gerecht bezeichnet. Christus ist die Gerechtigkeit (selbst), aus deren Quelle alle trinken, die da selig sind: denn so ist’s von ihm gesagt: „Aufgehen wird euch die Sonne der Gerechtigkeit.“ Job wurde wahrhaft genannt. Der Herr aber ist die wirkliche Wahrheit, er, der im Evangelium sagt: „Ich bin der Weg und die Wahrheit.“ Job war reich. Aber was ist reicher als der Herr? Er, von dem alle Reichen nur Diener sind; er, dem der ganze Erdkreis, die ganze Welt gehört, wie der seligste David sagt: „Des Herrn ist die Erde und alles, was sie erfüllt, der Erdkreis und alle, die auf demselben wohnen.“ Job hat der Teufel dreimal versucht. Ebenso unternahm er es, wie der Evangelist berichtet, den Herrn dreimal zu versuchen. Job verlor sein Hab und Gut, das er besaß. Der Herr ließ seine himmlischen Güter aus Liebe zu uns zurück, und machte sich arm, um uns reich zu machen. Der Teufel tötete in seiner Wut die Söhne Jobs. Und die Söhne des Herrn, die Propheten, hat das wahnwitzige Pharisäervolk gemordet.7Job war durch Geschwüre befleckt. Und der Herr, der Fleisch annahm, war durch den Schmutz der Sünden der ganzen Menschheit entstellt. Job forderte seine Gattin auf, er solle sündigen. Den Herrn drängte die Synagoge, er solle der verderbten Überlieferung der Alten folgen. Job verhöhnten nach dem Berichte seine Freunde. Den Herrn verhöhnten seine Priester und seine Anhänger. Job saß auf dem Misthaufen, der voll war von Würmern, Der Herr weilte in dem wirklichen Misthaufen, nämlich im Schmutzpfuhl dieser Welt, inmitten von Menschen, die in Wahrheit Würmer sind, da sie voll sind von den verschiedenartigsten Verbrechen und Leidenschaften. Job erhielt seine Gesundheit und seinen Besitz wieder zurück. Und der Herr schenkte nach seiner Auferstehung denen, die an ihn glauben, nicht nur Gesundheit, sondern auch Unsterblichkeit9 und gewann die Herrschaft über die ganze Welt zurück, wie er selbst bezeugt, wenn er sagt: „Mir ist alles von meinem Vater übertragen worden“ Job zeugte zum Ersatz für die verlorenen neue Söhne, Der Herr zeugte nach den Propheten als Söhne die heiligen Apostel, Job entschlief selig im Frieden, Der Herr aber bleibt in Ewigkeit gepriesen vor der Zeit, in der Zeit und für alle Ewigkeit.

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