Mönchsgeschichte

Von Theodoret von Cyrus

Prolog

Schön ist es, die Kämpfe der trefflichsten Männer und Tugendstreiter zu sehen und mit dem Blicke des Auges daraus Nutzen zu ziehen. Denn wird das Lobenswerte geschaut, so erscheint es des Besitzes wert und liebenswürdig und drängt die Betrachter zur Erwerbung. Aber auch die Erzählungen solcher Großtaten bringen nicht geringen Nutzen, wenn sie von Wissenden den Ohren Nichtwissender übermittelt werden. Zuverlässiger wohl, sagen manche, denn das Gehör sei das Gesicht, aber auch das Gehör wird glaubwürdig, wenn es das Erzählte nach der Wahrhaftigkeit der Erzähler beurteilt. Denn wie der Zunge und dem Gaumen die Aufgabe zufällt, über bitter und süß und dergleichen Eigenschaften zu entscheiden und darnach das Urteil zu fällen, so ist das Gehör mit der Beurteilung der Reden betraut und weiß die nutzbringenden von den schädlichen zu unterscheiden. Wenn nun das Gedächtnis die nutzbringenden Erzählungen ungetrübt festhielte und nicht die schädigende Vergessenheit, die wie ein Dunkel sich darauf legt, schwächend an ihm arbeitete, so wäre es überflüssig und Zeitverlust, derlei Dinge niederzuschreiben, da ihr Wert ja so leicht von Generation zu Generation weiterginge. Wie aber die Zeit dem Leibe schadet, indem sie ihm Alter und Tod bringt, so setzt sie den herrlichen Taten durch Vergessenheit zu, indem sie die Erinnerung schwächt. Darum wird es uns sicherlich niemand verübeln, wenn wir es unternehmen, das Leben gottseliger Männer aufzuzeichnen. Denn wie die, welche den Beruf haben, den Körper zu heilen, im Kampfe gegen die Krankheit Arzneien bereiten und damit den Leidenden Hilfe bringen, so gleicht auch die Liebesmühe einer derartigen Schrift einem übelwehrenden Medikamente, das wider das Vergessen ficht und helfend zum Gedächtnisse steht. Wäre es nicht ungereimt, daß Dichter und Geschichtschreiber die Heldentaten im Kriege niederschrieben, Tragöden die besser verheimlichten Unfälle vor dem Volke sängen und ihr Andenken schwarz auf weiß vererbten, daß andere die Worte vergeudeten zu Komödien und Gelächter, wir aber geringschätzig Männer der Vergessenheit übergäben, welche in sterblichem und leidenschaftsfähigem Leibe Leidenschaftslosigkeit gezeigt und mit der Natur der Engel gewetteifert? Verdienten wir da nicht gerechte Strafe, wenn wir das Gedächtnis dieser bewunderungswürdigen Kämpfe unbekümmert Nacht und Finsternis überwiesen? Sie selbst haben die hohe Tugend der früheren Heiligen nachgeahmt, nicht in Erz und Buchstaben ihr Andenken eingrabend, sondern ihr ganzes Tugendstreben im eigenen Ich abformend, lebendige Bilder und Statuen gleichsam geworden. Welche Entschuldigung gäbe es da für uns, wenn wir nicht einmal durch das geschriebene Wort ihr ruhmvolles Leben ehrten? Empfangen doch solche Ehrung die Fechter und Kämpfer in den olympischen Spielen, die man durch Standbilder auszeichnet, und die Wagenlenker, die als Sieger aus dem Pferderennen hervorgehen. Und nicht bloß diese. Sogar verweichlichte Halbmänner, von denen man nicht weiß, sind sie Mann oder Weib, die bei solchen Schaustellungen ständige Gäste sind, malen sie auf Tafeln und suchen ihr Andenken so lange als möglich zu erhalten. Zwar bringt ihr Gedächtnis für die Seelen nur Unheil und nicht Nutzen. Aber desungeachtet ehren die Freunde hier wie dort die Verderbenstifter in Bildnissen. Da der Tod Zerstörung übt an der sterblichen Natur, mischen sie Farben und bringen ihr Bild auf das Getäfel. So sinnen sie das Andenken zu verlängern weit über das Leben hinaus.

Wir aber stellen eine Lebensart dar, die die Tugend lehrt und dem Wandel im Himmel nachstrebt. Wir malen nicht körperliche Züge, noch zeigen wir unsere Bildnisse Leuten, die sie nicht fassen. Wir zeichnen die Gestalten unsichtbarer Seelen und schildern Kriege und Kämpfe, die man nicht sehen kann. Mit solcher Vollrüstung hat der Führer und Vorkämpfer in diesem Heere, Paulus, sie bekleidet. „Ergreifet die Vollrüstung Gottes,” spricht er, „damit ihr widerstehen könnt am bösen Tage und, alles bezwingend, feststehen könnet.” Und wiederum: „Stehet und umgürtet euere Hüften mit Wahrheit und leget an den Panzer der Gerechtigkeit und bekleidet die Füße mit Bereitwilligkeit für das Evangelium des Friedens, in allem ergreifet den Schild des Glaubens, mit dem ihr alle feurigen Geschosse des Bösewichtes löschen könnt, und leget an den Helm des Heiles und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” In dieser Vollrüstung führte er sie zum Kampfe. Derart ist auch die Natur der Feinde: unkörperlich, unsichtbar, im Dunkeln angreifend, heimlich nachstellend, aus dem Hinterhalt plötzlich hervorbrechend. Auch dieses lehrte wieder der Heerführer: „Uns ist nicht Kampf gegen Fleisch und Blut, sondern gegen die Herrschaften, gegen die Gewalten, gegen die Beherrscher der Finsternis dieser Welt, gegen die Geisterwelt der Bosheit in der Luft.”

Aber obgleich die Schar dieser Heiligen solche Widersacher hatte oder vielmehr ein jeder aus ihnen von so vielen und so gearteten Feinden umringt war ― denn sie pflegten nicht alle zusammen anzugreifen, sondern überfielen bald diesen, bald jenen ―, so errangen sie dennoch einen glänzenden Sieg, so daß die Feinde flohen und sie dieselben kraftvoll verfolgten und ungehindert ihre Trophäen errichteten. Den Sieg verschaffte ihnen nicht die Natur, denn die ist sterblich und voll von Leiden, sondern der starke Wille, der die Gnade auf sich herabzog. Denn heiß war ihre Liebe zur göttlichen Schönheit, und freudig wollten sie alles für den Geliebten tun und leiden. So ertrugen sie heldenmütig den Ansturm der Leiden, schlugen kraftvoll den Hagel der teuflischen Geschosse ab und züchtigten, um mit dem Apostel zu reden, ihren Leib und brachten ihn in Knechtschaft. Sie besänftigten die Glut des Zornes, die Wut der Begierden zügelten sie. Durch Fasten und Schlafen auf der Erde stillten sie die Leidenschaften, brachten deren Anfälle zur Ruhe und zwangen den Körper, mit der Seele ein Bündnis zu schließen. So beendeten sie den der Natur eingepflanzten Krieg und schlugen durch solchen Friedensschluß den Haufen der Widersacher in die Flucht. Da diese auf rein geistigem Wege ihre Gedanken nicht übermitteln können, der Beihilfe der menschlichen Organe aber beraubt waren, so war es mit dem Kriege aus. Denn als Waffe gegen uns bedient sich der Teufel unserer Organe. Läßt sich das Auge nicht ködern und das Ohr sich nicht berücken und das Gefühl sich nicht betören und vernimmt der Geist so keine bösen Ratschläge, so sind ihre eifrigen Nachstellungen vergeblich. Denn wie eine Stadt, die auf der Höhe erbaut, mit starken Wällen befestigt und von tiefen Gräben umgeben ist, kein Feind zu erobern vermag, wenn nicht einer von innen Verrat übt und das oder jenes Pförtchen öffnet, so ist es den von außen angreifenden Dämonen unmöglich, Herr zu werden über eine Seele, die der Wall der göttlichen Gnade beschützt, wenn nicht das Entgegenkommen eines Gedankens das Türchen eines unserer Sinne aufschließt und den Feind so hereinläßt.

Da dies unsere Helden sehr wohl aus der göttlichen Schrift gelernt und das Wort Gottes durch den Propheten vernommen hatten: „Der Tod stieg durch die Fenster ein”, verschlossen sie wie mit Riegeln und Schlössern ihre Sinne mit den göttlichen Geboten und übergaben die Schlüssel dazu dem Verstande. Zunge und Lippen wurden nicht geöffnet, wenn nicht der Verstand es befahl; dem Auge wurde nicht gestattet, aus den Lidern zu blicken, und das Ohr, das den Zugang nicht versperren kann wie Augenlider und Lippen, wies die törichten Reden ab und ließ nur die zu, an denen der Verstand seine Freude hatte. Und so erzogen sie auch den Geruchsinn, nicht nach lieblichen Düften zu verlangen, da diese ihrer Natur nach verweichlichen und erschlaffen. Sie bannten des Bauches Sättigung und lehrten ihn Speisen nehmen, die nicht Lust bereiten, sondern das Bedürfnis stillen, und hiervon nur so viel, was den Hungertod fernzuhalten vermochte. Sie brachen die süße Tyrannei des Schlafes und befreiten die Augenlider von dessen Knechtschaft und erzogen sie zum Herrschen und nicht zum Dienen. Und in ihre Dienste sollten sie ihn nehmen, nicht wenn er kommen wolle, sondern wenn sie ihn herbeiriefen zu einer kleinen Unterstützung der Natur.

Indem sie so sorgsam Wache hielten über die Mauern und die Tore und den Gedanken im Innern Eintracht geboten, konnten sie über die von außen andringenden Feinde lächeln. Sie vermochten dank der Sicherung durch die göttliche Gnade mit Gewalt nicht einzubrechen. Auch ein Verräter fand sich nicht, der die Unholde hätte einlassen wollen. Und dem sichtbaren Körper, der den Gesetzen der Natur unterliegt, konnten die Feinde bei ihrer unsichtbaren Natur nichts anhaben. Sein Lenker und Dirigent und Steuermann führt trefflich die Zügel und treibt die Pferde zu geordnetem Laufe und läßt rhythmisch die Saiten der Sinne zu vollharmonischem Klange ertönen. Indem er kundig das Steuerruder bewegt, überwindet er den Drang der Wellen und den Ansturm der Winde.

Männer also, die in unzähligen Mühen den Lebensweg gegangen, in Schweiß und Mühen den Körper gebändigt, die Lachen nicht kannten, sondern in Trauer und Tränen ihr ganzes Leben verbrachten, für sybaritische Lust das Fasten erachteten, für süßesten Schlaf die beschwerlichen Nachtwachen, für weiches Lager den harten Boden, für unermeßliche und unfaßbare Wonne die Beschäftigung mit Gebet und Psalmengesang ― sie, die alle Arten von Tugend in sich vereinigten ―, wer sollte sie nicht billig bewundern, oder vielmehr, wer könnte sie nach Gebühr preisen? Ich weiß nun wohl, daß an ihre Tugend kein Wort heranreicht, aber gleichwohl muß die Arbeit unternommen werden. Denn es wäre unbillig, wenn sie dafür, daß sie im Vollmaße Freunde der wahren Philosophie gewesen, nicht wenigstens das mögliche kleine Lob bekommen sollten.

Ich werde aber nicht ein gemeinsames Lob für alle schreiben; denn verschiedene Gaben sind ihnen von Gott verliehen, wie der selige Paulus lehrt: „Dem einen ist vom Geiste das Wort der Weisheit gegeben, einem andern das Wort der Wissenschaft nach demselben Geiste, einem andern die Gaben der Heilungen nach demselben Geiste, einem andern Wirken von Kräften, einem andern Prophetie, einem andern Erklärung von Sprachen.” Und indem er die Quelle von allen angibt, fährt er fort: „Dieses alles wirkt der eine und derselbe Geist, der insbesondere jedem zuteilt, wie er will.” Da sie also verschiedene Gaben erlangt haben, müssen wir naturgemäß in gesonderten Erzählungen berichten, freilich nicht auf alles, was sie geleistet haben, eingehend, denn zu einer solchen Schrift würde ein ganzes Leben nicht hinreichen. Wir wollen nur Weniges aus dem Leben und Tun des einzelnen Helden mitteilen und in diesem Wenigen die Richtung seines Lebens klar legen. Dann wollen wir zu einem anderen übergehen.

Wir versuchen nun nicht, die Lebensweise aller Heiligen, die auf dem ganzen Erdkreise sich ausgezeichnet haben, der Geschichte zu überliefern; denn wir kennen ja nicht alle, die irgendwo geglänzt haben. Auch ist es nicht möglich, daß sie von Einem beschrieben werden. Nur das Leben der Leuchten werde ich beschreiben, welche im Morgenlande geglänzt und deren Strahlen die Enden des Erdkreises erreicht haben.

Erzählend wird die Darstellung fortschreiten, nicht nach den Gesetzen der Lobrede, sondern kunstlos werde ich einiger Weniger Lebensgeschichte geben. Ich bitte aber den Leser dieser „Religiösen Geschichte” oder „Aszetischen Lebensweise” (es nenne die Schrift jeder, wie er wolle), dem Erzählten den Glauben nicht zu versagen, wenn er hört, was über seine Kräfte geht, und nicht nach sich die Tugend jener zu bemessen. Man muß darüber sich klar sein, daß Gott nach dem Eifer der Frommen die Gaben des Heiligen Geistes zu bemessen pflegt: den Vollkommeneren verleiht er Größeres. Das sage ich jenen, die nicht sehr tief in die göttlichen Dinge eingeweiht sind. Denn die in die Tiefen des Geistes eingeweiht sind, kennen die Großmut des Geistes. Sie wissen, was für Wunder er für Menschen durch Menschen wirkt, um durch die Großartigkeit der Wunderwerke die Ungläubigen zur Gotteserkenntnis heranzuziehen. Wer aber unseren Erzählungen den Glauben versagt, der muß offenbar auch das, was von Moses, Josue, Elias und Elisäus vollbracht worden ist, bezweifeln, ja sogar die von den Aposteln gewirkten Wunder für Fabeln erklären. Wenn er aber jenen die Wahrheit zuerkennt, so soll er auch diese nicht für erlogen halten. Denn die Gnade, die in jenen wirkte, hat auch durch diese sich betätigt. Die Gnade ist unversieglich, sie wählt sich die Würdigen aus und ergießt durch sie wie aus Quellen die Ströme der Wohltaten.

Von manchem des Erzählten war ich Augenzeuge. Was ich nicht selbst gesehen habe, hörte ich von denen, die sie gesehen hatten, von Männern, Liebhabern der Tugend, welche des Anblicks und der Lehren jener Helden gewürdigt worden waren. Glaubwürdig als evangelische Berichterstatter sind nicht bloß Matthäus und Johannes, die ersten und großen Evangelisten, welche Augenzeugen der Wunder des Herrn waren, sondern auch Lukas und Markus, welche Augenzeugen von Anbeginn und Diener des Wortes genau belehrten über alles, was der Herr gelitten und gewirkt und bis ans Ende gelehrt hatte. Und Lukas, der kein Augenzeuge gewesen, erklärt im Anfange seiner Schrift, daß er berichte über das, worüber er vollkommen vergewissert sei. Und wir, die wir von ihm vernehmen, daß er kein Augenzeuge des von ihm Erzählten sei, sondern von andern die Belehrung erhalten habe, glauben ihm und dem Markus nicht weniger als dem Matthäus und Johannes. Denn beide Gruppen sind glaubwürdig in ihren Berichten, da sie beide von Augenzeugen belehrt wurden. So werden auch wir einiges erzählen als Augenzeuge, anderes im Vertrauen auf die Berichte von Augenzeugen, Männern, die das Leben jener nachgeahmt haben.

Ich habe mich hierüber ausführlicher ausgesprochen, um die Leser zu überzeugen, daß ich Wahrheit rede. So beginne ich nun die Erzählung.

Jakobus

 

Moses, der göttliche Gesetzgeber, der den Grund des Meeres bloßlegte und die wasserlose Wüste mit Wassern überschwemmte und all die andern Wunderwerke vollbrachte, hat den Lebenswandel der alten Heiligen beschrieben, nicht mit der Weisheit, die er von den Ägyptern erlernt, sondern mit dem Glanz der Gnade, die er von oben empfangen hatte. Denn woher anders lernte er die Tugend Abels kennen und die Gottesliebe Henochs und die Gerechtigkeit Noes und das fromme Priestertum Melchisedechs und des Abraham Berufung, seinen Glauben, seinen Starkmut, seine sorgsame Gastfreundschaft, die vielbesungene Opferung des Sohnes und die Reihe der anderen herrlichen Taten und, um es kurz zu sagen, jener gottbegeisterten Männer Kämpfe und Siege, ihre Lobeserhebungen, wenn er nicht die Strahlen des allweisen und göttlichen Geistes empfangen hätte? Dieser Beistand tut jetzt auch mir not, da ich versuche, das Leben der Heiligen zu beschreiben, die kurz vor uns und zu unserer Zeit geglänzt haben, und da ich denen, die sie nacheifern wollen, gleichsam eine Gesetzgebung vorlegen will. Deren Gebete muß ich darum anrufen und so die Erzählung beginnen.

Nisibis ist eine Stadt im Grenzgebiet der römischen und persischen Herrschaft, die einst den Römern tributpflichtig war und unter ihrer Herrschaft stand. Dieser Stadt entstammte der große Jakobus. Er erkor das Leben der Einsamkeit und Stille und erwählte die Gipfel der höchsten Berge und lebte daselbst, im Frühling und Sommer und Herbst das Dickicht des Waldes benutzend. Der Himmel war sein Dach. Zur Winterszeit nahm ihn eine Höhle auf, die ein wenig Schutz bot. Als Nahrung diente ihm nicht, was mit Arbeit gesät und gepflanzt wird, sondern was von selbst wächst. Er sammelte nämlich die Früchte, welche die wilden Bäume von selbst hervorbringen, und die eßbaren und gemüseartigen Kräuter, und von ihnen gab er seinem Körper nur das zum Leben Notwendige. Den Gebrauch des Feuers verschmähte er. Überflüssig war ihm auch der Gebrauch der Wolle; die rauhesten Ziegenhaare traten an deren Stelle. Aus diesen verfertigte er sich ein Kleid und den einfachen Mantel.

Indem er so seinen Leib übel behandelte, bot er der Seele fortwährend die geistige Speise, und indem er das Auge seines Geistes reinigte und zum klaren Spiegel des göttlichen Geistes herrichtete, wurde er gemäß dem göttlichen Apostel, „mit enthülltem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn schauend, in dasselbe Bild umgewandelt, von Herrlichkeit zu Herrlichkeit wie vom Geiste Gottes”. Daher wuchs von Tag zu Tag seine Zuversicht auf Gott, und wenn er Gott um etwas bat, was er erbeten durfte, erhielt er es sogleich. Daher sah er auch Zukünftiges voraus und erlangte von der Gnade des Heiligen Geistes die Kraft, Wunder zu wirken. Von diesen will ich einige wenige erzählen und den Strahl seines apostolischen Glanzes denen erschließen, die nicht darum wissen.

Es blühte in jener Zeit der Wahn der Menschen in betreff der Götzenbilder, und auf leblose Bildsäulen wurde göttliche Verehrung übertragen, aber der Dienst Gottes wurde von den meisten vernachlässigt. Verspottet wurden diejenigen, welche nicht mit jenen an dem Rausche teilnahmen, sondern als Vollkommene die richtige Beurteilung der Dinge besaßen und die Schwäche der Götzenbilder verlachten, aber den Schöpfer aller Dinge anbeteten. Zu jener Zeit kam er nach Persien, um die jungen christlichen Pflanzungen zu besuchen und ihnen nötige Pflege angedeihen zu lassen. Als er da an einer Quelle vorbei kam, waren eben einige Mädchen mit Waschen beschäftigt und reinigten mit ihren Füßen die Kleider. Sie zeigten keine Scheu vor der ungewöhnlichen Erscheinung, sondern alle Scham von sich werfend, sahen sie mit frecher Stirne und kecken Augen den Gottesmann an, verhüllten weder ihr Haupt noch ließen sie die hochgeschürzten Kleider herab. Darüber aufgebracht und um zu rechter Zeit die Macht Gottes zu zeigen und durch ein Wunder sie von ihrer Gottlosigkeit zu heilen, verfluchte der Mann Gottes die Quelle, und sogleich versiegte der Bach. Er verfluchte auch die Mädchen und strafte ihre unverschämte Jugend durch vorzeitiges Ergrauen der Haare. Und dem Worte folgte die Tat: ihre schwarzen Haare erbleichten, und sie glichen jungen Bäumen, die im Frühlinge mit herbstlichen Blättern sich bedecken. Da sie ihre Strafe wahrnahmen (denn sie sahen das Wasser des Baches ausbleiben, und indem sie einander anblickten, gewahrten sie die plötzliche Veränderung), liefen sie zur Stadt, um den Vorfall zu erzählen. Die herbeigelaufenen Bewohner holten den Jakobus ein und baten ihn, doch von seinem Zorn abzulassen und die Strafe aufzuheben. Er aber zögerte keinen Augenblick, brachte dem Herrn sein Gebet dar und befahl dem Wasser wieder zu sprudeln. Dieses erschien sogleich wieder, aus den heimischen Behältnissen durch den Wink des Gerechten hergeleitet. Nachdem sie dieses erlangt hatten, baten sie ihn, auch dem Geflechte der Töchter die frühere Farbe wiederzugeben. Man sagt, daß er auch dieses zugestanden, jedoch nach den Mädchen verlangt habe, die diese Lehre empfangen hatten, und da sie nicht erschienen, habe er die Strafe belassen als Mahnung zur Eingezogenheit und Wohlanständigkeit und als ewiges und augenfälliges Denkmal der göttlichen Macht. So war das Wunder dieses neuen Moses nicht durch den Schlag des Stabes gewirkt, sondern durch die Kraft des heiligen Kreuzeszeichens. Ich aber bewundere gar sehr neben dem Wunder seine Sanftmut. Denn nicht wie der große Elisäus übergab er jene schamlosen Mädchen blutdürstigen Bären, sondern er wandte eine unschädliche Strafe, eine kleine Entstellung an und lehrte sie so zugleich Frömmigkeit und Wohlanstand. Und so erzählte ich das, nicht um den Propheten der Härte anzuklagen, ein solcher Wahnwitz sei fern von mir, sondern um zu zeigen, das er sich, obgleich mit derselben Kraft ausgerüstet, der Sanftmut Christi und dem Neuen Testament entsprechend benahm.

Ein andermal fand er, daß ein persischer Richter einen ungerechten Urteilsspruch gefällt habe. Daraufhin verfluchte er einen sehr großen Stein in der Nähe und befahl ihm, daß er berste und sich zersplittere, um so jenen ungerechten Richterspruch zu verurteilen. Da der Stein sogleich in unzählige Stücke zersprang, staunten alle Anwesenden, und der Richter erschrak, widerrief seinen früheren Urteilsspruch und fällte einen neuen, gerechten. Auch hierin ahmte er seinen Herrn nach, der, um zu zeigen, daß er freiwillig das Leiden übernehme und leicht, wenn er gewollt, die Frevler hätte strafen können, nicht diese bestrafte, sondern den leblosen Feigenbaum durch ein Wort verdorren ließ und so seine Macht offenbarte. In Nachahmung einer solchen Menschenfreundlichkeit strafte er nicht den ungerechten Richter, sondern lehrte ihn durch die Zersplitterung des Steines Gerechtigkeit.

Da er so berühmt und allgemein beliebt geworden und sein Name in aller Mund lebte, wurde er zum hohepriesterlichen Amte in seiner Vaterstadt berufen. Indem er aber nur gegen seinen Willen jenen Aufenthalt auf dem Berge aufgab und Wohnung in der Stadt nahm, änderte er weder seine Nahrung noch seine Kleidung. Nur der Ort, nicht aber seine Lebensweise erfuhr einen Wechsel. Aber seine Mühen mehrten und vervielfältigten sich gegen früher. Denn zu dem Fasten und dem Schlafen auf dem Boden und dem rauhen Gewande kamen die allgemeinen Sorgen für die Notleidenden, die Fürsorge für die Witwen und Waisen, die Zurechtweisung der Übeltäter, die gerechte Hilfe, die er den Unrechtleidenden angedeihen lassen mußte. Aber wozu denen alles aufzählen, welchen bekannt ist, was dieses Amt verlangt? In ausgezeichneter Weise unterzog er sich diesen Arbeiten, weil er eine ausgezeichnete ehrfurchtsvolle Liebe zum Herrn seiner Schafe besaß.

Je größeren Reichtum an Tugenden er sammelte, um so mehr erfreute er sich der Gnade des Heiligen Geistes. Als er nämlich einmal ein Dorf oder eine Stadt besuchte ― genau kann ich den Ort nicht angeben ―, kamen einige Bettler an ihn heran und legten einen ihrer Genossen als tot vor ihn hin und baten, einiges Notwendige zum Begräbnis ihnen zu geben. Er ging auf ihre Bitten ein, betete aber zu Gott wie für einen Verstorbenen, bat ihn, seine im Leben begangenen Sünden ihm zu verzeihen und ihn der Schar der Gerechten zu würdigen. Während er so betete, entfloh die Seele dessen, der bis dahin den Tod geheuchelt hatte, und er deckte den Leichnam zu. Als der Mann Gottes eine kurze Strecke fortgegangen, hießen die Veranstalter des schlechten Scherzes ihn aufstehen. Als er nicht hörte und sie sahen, daß die Verstellung Wahrheit und die Maske zum wahren Gesicht geworden war, eilten sie dem großen Jakobus nach und warfen sich ihm schreiend zu Füßen, indem sie erklärten, nur Armut habe sie zu dem bösen Spiele verleitet, er möge ihnen die Sünde vergeben und dem Toten wieder die entschwundene Seele zurückerstatten. So ahmte er nun die Menschenfreundlichkeit des Herrn nach, erhörte ihre Bitte, wirkte das Wunder, gab das Leben, das ihm durch das Gebet genommen worden, durch Gebet wieder zurück.

Das scheint mir dem Wunder des großen Petrus vergleichbar, welcher den Ananias und die Saphira, die sich des Diebstahls und der Lüge schuldig gemacht hatten, dem Tode überlieferte. Denn ebenso nahm er dem, der betrogen und gelogen hatte, das Leben. Jener sprach die Strafe aus in Kenntnis des Betruges, denn die Gnade des Heiligen Geistes hatte es ihm geoffenbart. Dieser dagegen machte mit seinem Gebete dem Leben des Schuldigen ein Ende, ohne daß er das schlechte Spiel durchschaute. Der göttliche Apostel befreite den Toten nicht von seiner Strafe (denn der Anfang der Heilspredigt verlangte Furcht). Dieser aber, voll der apostolischen Gnade, strafte zur rechten Zeit und hob schnell die Strafe wieder auf, denn er wußte, daß er dadurch die Fehlenden gewinnen werde. ― Doch wir müssen uns zu anderem wenden und es kurz erzählen.

Nachdem Arius, der Vater und Anstifter der Lästerung gegen den Eingebornen und den Heiligen Geist, seine Zunge gegen seinen Schöpfer losgelassen und Ägypten in Aufruhr und Verwirrung versetzt hatte, wurde Konstantin, der große Kaiser, der Zorobabel unserer Herde. Denn wie jener führte er die ganze Gefangenschaft aus der Verbannung zurück und erbaute wieder die dem Erdboden gleichgemachten Tempel. Er berief in jener Zeit alle Vorsteher der Kirchen nach Nizäa. Dahin kam mit den andern auch der große Jakobus, um für den rechten Glauben zu kämpfen, ein wackerer Anführer der Phalanx. Nachdem aber jene heilige Versammlung entlassen ward und jeder nach Hause zurückkehrte, zog auch er als tapferer Sieger heim, frohlockend über die Trophäen seiner Frömmigkeit.

Nach einiger Zeit schied jener große und bewunderungswürdige Kaiser, geschmückt mit der Krone seiner Frömmigkeit, aus dem Leben, und seine Söhne übernahmen das Erbe der Herrschaft über den Erdkreis. Da begann der König der Perser, Sapor mit Namen, die Söhne dem gewaltigen Vater nicht ebenbürtig an Kraft erachtend, Krieg gegen Nisibis und führte eine sehr starke Reiterei und ein sehr großes Heer mit sich. Auch hatte er sehr viele Elefanten. Er verteilte das Heer zur Belagerung, schloß die Stadt ringsum ein, stellte Wurfmaschinen auf, erbaute Bollwerke, hieß Palisaden einrammen und die Zwischenräume durch Reisig kreuz und quer verflechten. Er ließ die Soldaten Erde anschütten und Turm gegen Turm errichten. Dann ließ er die Schützen hinaufsteigen und auf die auf den Mauern Stehenden Geschosse absenden, andere ließ er von unten die Mauern untergraben. Da aber dies alles nicht zum Ziele führte, weil es durch das Gebet des heiligen Mannes vereitelt wurde, staute er durch zahllose Hände den Lauf des vorbeifließenden Flusses. Und nachdem der Fluß durch die Stauung ungeheure Wassermassen angesammelt hatte, ließ er ihn plötzlich, eine gewaltige Belagerungsmaschine, gegen die Mauern los. Diese hielten den Ansturm des Wassers nicht aus und stürzten an jener Angriffsstelle, durch den gewaltigen Andrang erschüttert, vollständig zusammen. Darüber lautes Freudengeschrei, da nun die Stadt leicht einnehmbar schien; denn sie kannten die „große Mauer der Bewohner” nicht. Sie schoben aber den Angriff noch auf, da sie sahen, daß die Stadt durch das Wasser unzugänglich geworden war. Darum zogen sie sich eine Strecke weit zurück, um von der Arbeit sich zu erholen. Während sie so ruhten und ihre Pferde besorgten, nahmen die Bewohner der Stadt ihre Zuflucht zu inständigerem Gebete, wobei sie den großen Jakobus als Fürsprecher hatten. Die im kräftigen Alter standen, machten sich eilig an den Wiederaufbau, wobei sie sich nicht um Schönheit und Harmonie kümmerten, sondern von ungefähr alles verarbeiteten, Steine, Ziegel und was man ihnen zubrachte. Und in einer Nacht gedieh das Werk so weit, erreichte eine solche Höhe, daß es den Aufmarsch der Pferde und der Mannschaften ohne Leiter aufhalten konnte. Dann baten sie alle den Gottesmann, er möge auf der Mauer sich zeigen und durch die Geschosse seines Fluches die Feinde treffen. Er ließ sich bewegen, ging hinauf, und als er die vielen Myriaden erblickte, bat er Gott, er möge eine Wolke von Finsternis und Mücken über sie schicken. Er sprach es, und Gott schenkte ihm, wie dem Moses, Gehör. Und die Männer wurden von den Geschossen Gottes verwundet, die Pferde und Elefanten zerrissen ihr Geschirr, da sie jene Stiche nicht ertragen konnten, und stoben nach allen Seiten auseinander.

Da nun der gottlose König sah, daß alle seine Veranstaltungen vergeblich, auch der Ansturm des Flusses nutzlos geworden, da die niedergestürzte Mauer wieder hergestellt war, da auch das ganze Heer durch die Anstrengungen erschöpft und unter freiem Himmel kampierend schwer zu leiden hatte, getroffen von dem gottgesandten Schlage, da er auch den Gottesmann auf der Mauer einherschreiten sah und vermeinte, der Kaiser selbst betreibe das Werk ― denn er erschien mit dem Purpur und dem Diadem geschmückt ―, da ergrimmte er gegen die, die ihn betrogen und zum Feldzug beredet hatten, indem sie erklärten, der Kaiser sei nicht da. Darum verurteilte er sie zum Tode, entließ das Heer und zog sich so schnell als möglich in seine Residenz zurück.

Ein so großes Wunder wirkte Gott auch unter diesem Ezechias, kein geringeres, sondern ein größeres, wie mir scheint. Kann es ein größeres Wunder geben, als daß nach dem Falle der Mauern die Stadt nicht eingenommen werden konnte? Ich für meinen Teil bewundere über die Maßen, daß er bei seinem Fluche nicht um Gewitter und Blitze betete, wie der große Elias tat, als die beiden Pentakontarchen mit ihren Fünfzigschaften gegen ihn herankamen. Er hatte nämlich den Herrn, als Jakobus und Johannes solches von ihm verlangten, so entschieden erklären hören: „Wisset ihr nicht, wessen Geistes ihr seid?” Darum betete er nicht, daß die Erde sich auftue, und er rief nicht, daß jene Schar dem Feuer übergeben, sondern von jenen Tierchen verwundet werde und so die Macht Gottes erkennte und hernach vielleicht Gottesfurcht lernte.

Ein so großes Vertrauen hatte der Mann Gott gegenüber, einer so großen Gnade erfreute er sich von oben. Indem er hierin verharrte und jeden Tag in den göttlichen Dingen fortschritt, beschloß er im größten Ansehen dieses Leben und trat die Wanderung in die Heimat an. Aber im Laufe der Zeit wurde auch diese Stadt von dem damaligen Herrscher dem persischen Reiche einverleibt. Da verließen alle Einwohner die Stadt, nahmen aber den Leichnam ihres Vorkämpfers mit sich, unwillig zwar und traurig wegen der Auswanderung, aber lobpreisend die Macht ihres siegreichen Helden. Denn zu seinen Lebzeiten wären sie nicht unter die Gewalt der Barbaren gekommen.

Nachdem ich dieses über den göttlichen Mann ausgeführt habe, gehe ich zu einer andern Erzählung über, bitte aber diesen, mir seinen Segen zu spenden.

Julianus

Julianus, den die Eingeborenen Sabbas, d. h. den Alten, ehrenhalber nennen, schlug in der Gegend der Parther, die jetzt Osrhoëne heißt, seine Einsiedlerzelle auf. Jene Gegend reicht gegen Sonnenuntergang bis zum Euphratfluß, gegen Sonnenaufgang grenzt sie an das römische Reich. Daran stößt Assyrien, das die westliche Grenze des persischen Reiches bildet; es wurde von den Späteren Adiabene genannt. In dieser Gegend gibt es viele große und volkreiche Städte, ein großer Teil des Landes ist bewohnt, aber ein großer Teil ist auch unbewohnt und wüst. Als der Gottesmann an dem äußersten Ende dieser Wüste angekommen war, fand er eine natürliche Höhle, keineswegs behaglich und regelrecht gegraben; sie konnte aber etwas Schutz bieten, wer dahin flüchten wollte. Diesen Platz erwählte er sich mit Freuden, indem er ihn für kostbarer als von Gold und Silber schimmernde Paläste erachtete. Darin lebte er und nahm nur einmal in der Woche Speise zu sich. Als Speise diente ihm Hirsebrot, und zwar aus der Kleie zubereitet, als Zukost Salz, als süßester Trank das natürliche Flußwasser, das er aber nicht bis zur Stillung des Durstes nahm, sondern nach der genossenen Speise abmaß. Aber Lust und Schwelgerei, köstlicher Schmaus waren ihm die Psalmen Davids und der beständige Umgang mit Gott. Trotzdem er dies im Übermaß genoß, wollte er nicht satt werden daran, sondern stetig damit sich labend, rief er stetig aus: „Wie süß sind meinem Gaumen deine Worte! Süßer als Honig und Honigwabe.” Wieder vernahm er die Worte des seligen David: „Die Satzungen des Herrn sind gerecht, gerechtfertigt in sich selber, lieblicher als Gold und kostbarer Edelstein und süßer als Honig und Honigwabe.” Und wiederum hörte er ihn sagen: „Freue dich im Herrn, und er wird dir die Wünsche deines Herzens erfüllen”, und wiederum: „Es freue sich das Herz derer, die den Herrn suchen”, und: „Laß mein Herz Freude daran haben, deinen Namen zu fürchten”, und: „Kostet und sehet, wie gütig der Herr”, und: „Es dürstet meine Seele nach Gott, dem Starken und Lebendigen”, und: „Dir hängt meine Seele an”.

Und auch die Liebe dieses Sängers nahm er in sich auf. Denn auch deshalb hat der große David dies gesungen, um viele zu belehren und zu Genossen und Teilnehmern in der Liebe Gottes zu machen. In dieser Hoffnung hat er sich nicht getäuscht: auch diesen Gottesmann und unzählige andere hat er mit der göttlichen Liebe verwundet. Dieser nahm eine solche Glut der Liebe in sich auf, daß er, von Liebessehnsucht wie trunken, nichts von Irdischem mehr sah, sondern nur von dem Geliebten nachts träumte, am Tage nur an ihn dachte.

Da viele diese seine höchste Weisheit in Erfahrung gebracht, sowohl Leute aus der Nachbarschaft als aus der Ferne ― geflügelt eilte der Ruf nach allen Seiten ―, kamen sie zu ihm und baten, an dem geistigen Kampfe teilhaben und unter ihm als ihrem Erzieher und Lehrer im Ringkampf ihr übriges Leben hinbringen zu dürfen. Denn nicht bloß die Vögel fangen durch ihren Gesang Vögel, locken ihre Artgenossen zu sich und verstricken sie in die ausgebreiteten Netze, auch die Menschen erjagen die Genossen ihrer Natur, die einen zum Verderben, die anderen zum Heile. So sammelten sich schnell zehn um ihn, dann die doppelte und die dreifache Zahl und stiegen bis auf hundert; und obgleich so viele geworden, bewohnten sie jene Höhle, denn sie hatten von dem Greise gelernt, die Pflege des Körpers zu mißachten. Auch sie genossen wie ihr Erzieher das Hirsebrot, gewürzt durch Salz. Später sammelten sie wildgewachsene Kräuter, füllten sie in irdene Töpfe, mischten sie mit Meerwasser, so viel als nötig war, und hatten so ein Zugemüse für die der Pflege Bedürftigen. Diesen Kräutern sind aber feuchte Wohnungen schädlich, denn sie verursachen Schimmel und Fäulnis. Solche Schädigung erfuhr auch jenes Gemüse, denn von allen Seiten drang die Feuchtigkeit in die Höhle. Darum baten ihn die Schüler, sie eine kleine Hütte bauen zu lassen, die für die Gefäße des Gemüses hinreichte. Anfangs gewährte er ihnen die Bitte nicht, später ließ er sich aber überreden, denn er war vom großen Paulus belehrt worden, nicht sich zu suchen, sondern sich den Schwachen anzubequemen. Er überwies ihnen einen kleinen schmalen Raum für eine Hütte, er selbst entfernte sich weit von der Höhle, um Gott die gewohnten Gebete darzubringen. Er war nämlich gewohnt, oft fünfzig, manchmal noch einmal so viel Stadien in die Wüste zu gehen, von allem menschlichen Umgange abgesondert, in sich selbst gekehrt, vertraulich mit Gott sich zu unterhalten und jene göttliche unaussprechliche Schönheit zu betrachten. Diese Gelegenheit benutzten seine Schüler und bauten eine Zelle, wie sie für den Gebrauch notwendig schien, aber größer, als ihnen anbefohlen worden war. Als er am zehnten Tage zurückkehrte wie Moses von dem Berge und jenem unaussprechlichen Umgang und sah, daß der Bau größer ausgefallen als er gewollt, sprach er: „Ich fürchte, ihr Männer, daß wir mit der Erweiterung der irdischen Wohnungen die himmlischen verengern, und doch sind jene zeitlich und dienen uns nicht lange, diese aber sind ewig und werden kein Ende haben.” So sprach er, indem er die Schar zum Vollkommenen anleiten wollte; er duldete es jedoch, indem er das apostolische Wort befolgte: „Ich suche nicht, was mir, sondern was den Vielen frommt, damit sie gerettet werden.”

Er belehrte sie auch, drinnen gemeinschaftlich den Psalmengesang Gott darzubringen, nach Anbruch der Morgenröte aber zu zweien in die Wüste hinauszugehen; der eine sollte auf den Knien Gott die schuldige Anbetung darbringen, der andere stehend fünfzehn Psalmen Davids singen; dann aber sollten sie ihre Arbeit vertauschen und der eine stehend singen, der andere zur Erde gebeugt anbeten. So taten sie ohne Unterbrechung vom Morgengrauen bis zur Abenddämmerung. Vor Sonnenuntergang ruhten sie etwas und kamen dann von allen Seiten zur Höhle zusammen, die einen von hier, die andern von dort, und brachten gemeinschaftlich dem Herrn den Abendgesang dar.

Der Greis pflegte aber selbst einen von den Ausgezeichneteren zum Gefährten seines Gottesdienstes heranzuziehen. So folgte ihm häufiger ein Mann, Perser von Geburt, namens Jakobus, von großer und wunderbarer Statur. Aber wunderbarer war die Schönheit seiner Seele. Auch nach des Greises Tod glänzte er in jeder Tugend und war ausgezeichnet und berühmt, nicht nur dort, sondern auch in den Pflegestätten der hl. Weisheit Syriens, in denen er starb, nachdem er, wie erzählt wird, hundert und vier Jahre gelebt hatte. Dieser folgte dem großen Greise von weitem, wenn er ihn auf der Wanderung in der Wüste begleitete, denn der Lehrer ließ ihn nicht nahe an sich herankommen, damit das nicht eine Veranlassung zur Unterhaltung werde, die Unterhaltung aber den Geist von der Betrachtung Gottes abziehe. Da er ihn einmal begleitete, sah er eine Schlange von ungeheurer Größe am Wege liegen. Wie er sie so betrachtete, wagte er nicht weiter zu gehen, er wollte wiederholt aus Furcht ausweichen, faßte aber endlich Mut, bückte sich und warf einen Stein auf die Schlange. Da sah er, daß die Schlange in derselben Lage verblieb und sich nicht regen konnte. Daraus schloß er, daß sie tot sei, und vermutete, daß der Tod des Untieres das Werk des Greises wäre. Nachdem der Gang vollendet und der Dienst des Psalmengesanges vollbracht war, setzte der Greis, da die Zeit der Erholung gekommen war, sich nieder, um dem Körper eine kurze Ruhe zu gönnen. Zuerst saß er schweigend da. Als er aber ein Gespräch angefangen, bat Jakobus lächelnd, ihm über etwas Aufschluß zu geben. Als er ihm erlaubte, zu sprechen, sagte er: „Ich sah am Wege eine ungeheure Schlange hingestreckt liegen. Zuerst fürchtete ich mich, weil ich sie für lebend hielt. Als ich aber fand, daß sie tot sei, setzte ich mutig meinen Weg fort. Sage mir also, Vater, wer hat sie getötet? Denn du gingst voraus, und niemand anderer kam des Weges daher.” Da sprach der Greis: „Höre auf, so neugierig zu fragen nach Dingen, die dir keinen Nutzen bringen.” Aber der bewunderungswürdige Jakobus ließ nicht ab zu bitten, begierig, die Wahrheit zu erfahren. Der Greis hätte gern das Geheimnis weiter verbergen mögen, da er aber den Geliebten nicht länger betrüben wollte, sagte er: „Nun, ich will es dir sagen, wenn du es zu wissen begehrst, ich trage dir aber auf, so lange ich lebe, niemand davon Mitteilung zu machen. Denn solche Dinge muß man geheim halten, da sie oft Veranlassung zur Überhebung und zum Stolze werden. Wenn ich aber von hier geschieden bin und von diesen Leidenschaften befreit, will ich dich nicht hindern, es zu offenbaren und die Macht der göttlichen Gnade zu verkünden. So wisse also,” fuhr der große Julianus fort, „daß, als ich des Weges einherschritt, jenes Untier auf mich losstürzte und mit aufgesperrtem Rachen mich zu verschlingen drohte. Ich aber sprach furchtlos den Namen Gottes aus und zeigte ihm mit dem Finger das Siegeszeichen des Kreuzes. Da sah ich sofort das Untier zur Erde fallen. Indem ich unser Aller Erlöser pries, konnte ich meine Wanderung ruhig fortsetzen.” Als er diese Erzählung vollendet hatte, stand er auf und trat den Weg nach der Höhle an.

Ein anderes Mal bat ein Jüngling von edler Herkunft, weichlich erzogen, von mehr Mut als Kraft, den Greis, ihn auf seiner Wanderung durch die Wüste begleiten zu dürfen. Nicht eine der Wanderungen, welche er täglich machte, galt es, sondern eine sehr lange, die oft sieben, oft auch zehn Tage dauerte. Es war dies der berühmte Asterius. Der edle Greis suchte ihn abzuhalten und stellte ihm die Wassernot in der Wüste vor. Der Jüngling drängte und bestürmte ihn, er möge ihm doch diese Gnade gewähren. Durch seine Bitten besiegt, gab der Greis nach. Er folgte nun zuerst sehr munter. Als aber der erste, zweite und dritte Tag vorüber war und er von den Strahlen der Sonne gesengt wurde (es war nämlich Sommer, wo die Sonne gar feurig brennt), litt er quälenden Durst. Anfangs scheute er sich, sein Leiden zu offenbaren, da er der Vorhersage seines Lehrers sich erinnerte. Endlich, besiegt und ganz erschöpft, flehte er den Greis an, sich seiner zu erbarmen. Dieser erinnerte ihn an das, was er ihm vorausgesagt hatte, und hieß ihn umkehren. Der Jüngling erwiderte, daß er den Weg nach der Höhle nicht finde, auch wisse er nicht, ob er ihn zurücklegen könne, da seine Kräfte durch den Durst ganz erschöpft seien. Da erbarmte sich der Gottesmann des schmachtenden Jünglings und nahm Rücksicht auf seinen schwächlichen Körper. Er beugte seine Knie, flehte den Herrn an um die Rettung des Jünglings und benetzte den Boden mit seinen in den Sand rinnenden Tränen. Er, der den Willen derer tut, die ihn fürchten, und ihr Gebet erhört, machte den Fluß der Tränen, der den Sand berührt, zu einer Wasserquelle, und nachdem der Jüngling mit dem Naß seinen Durst gestillt hatte, ließ er ihn abziehen. Diese Quelle fließt bis auf den heutigen Tag zum Zeugnis für das mosaische Gebet unseres heiligen Greises. Denn wie Moses einst, mit dem Stabe den unfruchtbaren Stein schlagend, eine Überschwemmung von fließendem Wasser bewirkte, welche den Durst jener zahllosen Menge stillte, so vermochte dieser Gottesmann, indem er trockenen Sand mit seinen Tränen benetzte, ihm strömendes Quellwasser zu entlocken, nicht um vieler Tausender, sondern eines einzigen Jünglings Durst zu stillen. Von der Gnade Gottes erleuchtet, sah er ganz klar die spätere Vollkommenheit des Jünglings voraus. Dieser wurde nämlich nach geraumer Zeit von der göttlichen Gnade berufen, viele andere zu derselben Tugend heranzuziehen. In der Nachbarschaft von Gindarus, einem sehr großen, Antiochien zinspflichtigen Dorfe, gründete er einen Kampfplatz des aszetischen Lebens. Er zog viele andere Kämpfer der göttlichen Weisheit an sich, er zog auch den großen, den sehr großen sage ich, den vielgepriesenen Akazius an sich, der im Einsiedlerleben hervorleuchtete, zur bischöflichen Würde erhoben und mit der Leitung von Beröa betraut, die glänzenden Strahlen seiner Tugend entsandte. Achtundfünfzig Jahre weidete er seine Herde, wobei er aber das aszetische Leben nicht beiseite setzte, sondern aszetisches und öffentliches Leben miteinander verband. Indem er so die Strenge des einen mit der Klugheit des andern in das richtige Verhältnis zueinander setzte, einigte er Entgegengesetztes zu schöner Harmonie. Einer solchen Tugend Begründer und Lehrmeister war jener Asterius, der zu dem großen Greise eine so warme Liebe bewahrte, daß er oft zweimal, oft dreimal des Jahres die Reise zu ihm unternahm. Wenn er kam, pflegte er den Brüdern eine Last Feigen mitzubringen, welche auf zwei oder drei Tiere geladen wurden. Zwei Maße aber, die für den Greis das ganze Jahr reichten, legte er auf seine eigenen Schultern, indem er sich zum Lasttier seines Lehrers machte. Und mit dieser Last machte er einen Weg nicht etwa von zehn oder zwanzig Stadien, sondern brauchte sieben Tage zur Reise. Als er ihn einst mit dieser Last beschwert sah, zeigte er sich unzufrieden und erklärte, er werde die Feigen nicht essen; denn es sei nicht billig, daß jener einer so großen Mühe sich unterziehe und er sich an seinem Schweiße labe. Da dieser aber schwur, er werde die Last nicht von den Schultern nehmen, wenn der Alte nicht einwillige, die mitgebrachte Speise zu genießen, sagte der Greis: „Ich werde das Befohlene tun, nur lege den Sack auf der Stelle ab.” Er ahmte hierin den Apostelfürsten nach, der, als ihm der Herr die Füße waschen wollte, dies zuerst verweigerte, indem er entschieden erklärte: Dies wird nie geschehen. Als er aber hörte, daß er von der Gemeinschaft des Herrn ausgeschlossen sei, wenn er dies nicht zuließe, bat er ihn, nebst den Händen und Füßen auch das Haupt zu waschen. So bekannte auch der große Johannes, da er geheißen wurde, den Erlöser zu taufen, zuerst seine eigene Knechtschaft gegenüber seinem Herrn, später aber vollbrachte er das Geheißene nicht aus Verwegenheit, sondern aus Gehorsam gegen den Herrn. So fand es auch dieser Gottesmann hart, daß er auf Kosten der Mühen eines andern die Nahrung genießen solle. Da er aber das heiße Verlangen des ihm dienenden Freundes sah, opferte er seine Meinung dessen liebendem Dienste. Vielleicht mag der eine oder andere Tadler und Leute, die nur gelernt haben, das Gute und Schöne zu bemängeln, diese Ergebenheit nicht der Erzählung wert erachten. Ich aber habe den übrigen Wunderwerken des Mannes auch dieses beigefügt, nicht bloß um die Verehrung zu zeigen, die große Männer ihm erwiesen, sondern ich halte es auch für nutzbringend, daß man die Lieblichkeit und Demut seines Charakters kennen lerne. Denn so groß und so herrlich war seine Tugend. Obgleich er sich nicht der geringsten Ehrung würdig hielt und sie von sich, als ihm in keiner Weise gebührend, zurückwies, ließ er gleichwohl solche zu, wenn damit den Gebern ein Gefallen geschah.

Um dem aber zu entgehen ― denn er wurde allen bekannt und zog durch seinen Ruf alle, die nach Vollkommenheit strebten, an sich ―, brach er endlich mit wenigen seiner Vertrautesten nach dem Berge Sinai auf, keine Stadt, kein Dorf betretend, sondern die ungangbare Wüste sich gangbar machend. Sie trugen auf ihren Schultern die nötige Nahrung, nämlich Brot und Salz, dazu einen Becher aus Holz und einen Schwamm mit einem Strick darangebunden, um, wenn sie in der Tiefe Wasser fänden, es von dem Schwamme aufsaugen zu lassen und zum Trinken in den Becher zu pressen. Als sie so einen Weg von vielen Tagen zurückgelegt hatten, gelangten sie zu dem ersehnten Berge, beteten ihren Herrn an und hielten sich lange Zeit dort auf, da sie die Einsamkeit des Ortes und die Ruhe der Seele für die größte Wonne erachteten. Auf jenem Felsen, unter dem Moses verborgen, der Fürst der Propheten, Gott zu schauen gewürdigt wurde, insoweit ihn zu schauen es möglich ist, erbaute er eine Kirche, richtete einen Altar her, der jetzt noch besteht; sodann kehrte er auf seinen Kampfplatz zurück. Da er aber die Drohungen des gleichnamigen gottlosen Kaisers erfuhr, der den Christen den völligen Untergang schwur und einen Feldzug nach Persien unternahm, und da seine glückliche Rückkehr von allen seinen Gesinnungsgenossen sehnlichst gewünscht wurde, brachte er Gott eifrige Gebete dar und setzte sie zehn Tage lang fort. Da hörte er eine Stimme, welche erklärte, daß dieses häßliche und stinkende Schwein hinweggerafft sei. Aber damit hörte sein Beten nicht auf, sondern seine Bitte wandelte sich in Lobpreis, in Danklieder gegen den Erretter der Seinen, den langmütigen, mächtigen Feind seiner Gegner. Denn lange hatte er den Gottlosen ertragen; da aber seine Langmut den Frevler noch zu größerer Wut antrieb, führte er zur rechten Zeit die Strafe herbei. Nachdem er sein Gebet vollendet hatte und sich zu den Seinigen wendete, zeigte er eine freudige Stimmung; Freude malte sich auf seinem Gesichte. Die Anwesenden wunderten sich über diesen ungewohnten Anblick, denn er erschien immer ernst, damals lächelte er aber. Als sie nach der Ursache fragten, sprach er: „Ihr Männer, jetzt ist die Zeit der Freude und Fröhlichkeit, aufgehört hat der Gottlose nach den Worten des Isaias, und er hat die gerechte Strafe für seinen Übermut erhalten, und er, der gegen seinen Schöpfer und Erlöser sich erhob, hat durch dessen starke Rechte den gerechten Tod erlitten. Deshalb frohlocke ich auch, da ich sehe, daß die von ihm verfolgten Kirchen sich freuen, und gewahre, daß der Frevler von den Dämonen, die er verehrte, keine Hilfe erhalten hat.”

Über das Ende dieses Gottlosen wurde ihm diese Voraussicht zuteil. Nachdem aber Valens nach ihm die Zügel des römischen Reiches in die Hände genommen und die Wahrheit der evangelischen Lehre preisgegeben und dem arianischen Trug sich in die Arme geworfen hatte, da erhob sich ein gar großer Sturm gegen die Kirche. Die Vorsteher wurden überall vertrieben und Räuber und Feinde an ihre Stelle gesetzt. Um nicht jenes ganze Trauerspiel jetzt vorführen zu müssen, übergehe ich das übrige und will nur ein Begebnis in Erinnerung bringen, das die diesem Greise so reichlich vom Heiligen Geiste verliehene Gnade recht deutlich zeigt.

Vertrieben ward aus Antiochien der große Meletius, dem diese Stadt von dem allmächtigen Gott zu weiden anvertraut war. Vertrieben waren aus den Tempeln Gottes alle Diener des Heiligtums mit dem ihnen gleichgesinnten Volke, welche die eine Wesenheit der Dreifaltigkeit bekannten. Und so kamen sie an den Fuß des Berges und feierten dort ihre heiligen Versammlungen, oder sie machten das Ufer des Flusses zur Gebetsstätte, manchmal auch die militärische Rennbahn am nördlichen Tore der Stadt. Denn die Feinde ließen nicht zu, daß die Gottesfürchtigen einen festen Kultort hätten. Die Lügenhelden verkündeten laut und sprengten in der Stadt das Gerücht aus, der große Julianus, unser Greis, stehe mit ihnen in Glaubensgemeinschaft. Es beängstigte die Frommen sehr, daß das Gerede die Ungebildeten und Einfältigen täuschen und in die Netze der Häretiker locken möchte. Aber die frommen und gottseligen Männer Flavian und Diodor, beide mit der Priesterwürde geschmückt und Vorsteher des frommen Volkes, sowie Aphraates, dessen Leben ich noch für sich erzählen werde, bestimmten jenen großen Akazius, dessen ich schon Erwähnung getan habe, seinen Lehrer und des heiligen Greises Schüler, jenen berühmten Asterius, als Begleiter auf den Weg mitzunehmen und hinzueilen zu dem allgemeinen Glanze der Kirche, der Stütze der evangelischen Lehre, und ihn zu bewegen, daß er seinen Aufenthalt in der Wüste verlasse und den vielen Tausenden, die durch den Betrug gefährdet waren, zu Hilfe komme und die Flamme des arianischen Brandes durch den Tau seiner Ankunft lösche. Der gottselige Akazius nahm, wie geheißen, den großen Asterius mit sich und kam eiligst zu dem größten Lichte der Kirche, und nachdem er ihn begrüßt hatte, redete er ihn so an: „Sage mir, Vater, weswegen unterziehst du dich dieser Mühe mit Lust?” Er antwortete: „Wertvoller als Leib und Seele und das ganze Leben ist mir der Dienst Gottes, und ich versuche, soviel es mir möglich, ihm einen Dienst darzubringen, rein von Schmutz, und ihm in allem zu gefallen.” „Ich will dir zeigen,” erwiderte Akazius, „auf welche Weise du ihm besser dienen wirst, als du es anjetzt tuest. Und das will ich dir angeben, nicht bloß nach Vernunftgründen, sondern auch aus der Lehre des Herrn. Als er einst den Petrus fragte, ob er ihn mehr liebe als die anderen, und als er erfuhr, was er schon wußte vor Petri Bekenntnis: ‚Du weißt, o Herr, daß ich dich liebe’, zeigte er ihm, was er tun müsse, um ihm besser zu dienen: ‚Wenn du mich liebst,’ sagte er, ‚weide meine Schafe, weide meine Lämmer.’ Das mußt auch du, mein Vater, tun. Die Schafe sind in Gefahr, von Wölfen zerrissen zu werden, es liebt sie aber gar sehr, den du so sehr liebst. Es ist den Liebenden eigen, das zu tun, was den Geliebten Freude macht. Zudem besteht aber nicht geringe Gefahr, daß deine so vielen und großen Mühen verloren sind, wenn du die hart bekämpfte Wahrheit durch dein Stillschweigen verraten läßt und zugibst, daß deine Anhänger gefangen werden und dein Name als Köder zu dem Fange benutzt werde. Denn die Führer der arianischen Gotteslästerung rühmen sich, dich zum Gesinnungsgenossen ihrer Gottlosigkeit zu haben.” Da dies der Greis hörte, sagte er für eine Zeit der Ruhe Lebewohl und eilte, den ungewohnten Lärm der Stadt nicht scheuend, sogleich nach Antiochien. Als er zwei oder drei Stadien in der Wüste zurückgelegt hatte, kam er abends in einem Dorfe an. Eine wohlhabende Frau, die von der Ankunft der heiligen Schar Kunde erhalten, eilte herbei, um seinen Segen zu empfangen, und vor seine Füße hingeworfen, bat sie ihn, in ihrem Hause Aufenthalt zu nehmen. Der Greis gab nach, obgleich er vierzig Jahre und darüber kein Weib mehr gesehen hatte. Als nun die wundervolle Frau mit der Bedienung der heiligen Männer beschäftigt war, die Gastfreundschaft der Sara nachahmend, fiel, da es Abend und dunkel war, das siebenjährige Knäblein, das einzige Söhnchen der Mutter, in einen Brunnen. Da natürlich darüber große Aufregung entstand, hieß die Mutter, als sie es erfahren, alle ruhig sein, legte eine Decke über den Brunnen und ging wieder an die Bedienung. Nachdem den Gottesmännern der Tisch gedeckt war, hieß der heilige Greis das Knäblein der Frau hereinrufen, daß sie den Segen empfingen. Die wundervolle Frau sagte, es liege krank darnieder, er aber bestand darauf, daß es herbeigeführt werde. Als ihm die Frau den Unfall mitteilte, verließ der Greis den Tisch, eilte zum Brunnen, ließ die Decke wegnehmen und Licht herbeibringen. Da sah er das Knäblein auf der Oberfläche des Wassers sitzen und nach Kinderart mit der Hand im Wasser plätschern. Das vermeinte Unglück war in seinen Augen Spiel und Belustigung. Sie ließen an Stricken einen Mann in den Brunnen hinunter und zogen den Knaben herauf. Dieser lief sogleich zu den Füßen des Greises und sagte, er habe ihn gesehen, wie er im Wasser ihn gehalten und am Versinken gehindert habe. Das ist die Belohnung, die das wundervolle Weib von dem seligen Greise für ihre Gastfreundschaft erhalten hat.

Alles übrige, was sich noch auf der Reise ereignete, übergehe ich. Sie kamen in Antiochien an; man lief von allen Seiten herbei, verlangte den Mann Gottes zu sehen oder suchte Heilung von einem Leiden zu erlangen. Man führte ihn in die Höhle am Fuße des Berges, wo auch der selige Apostel Paulus Wohnung genommen und sich verborgen haben soll. Aber damit alle einsähen, daß er ein Mensch sei, befiel ihn sogleich ein sehr heftiges Fieber. Als der große Akazius die Menge der Zusammengeströmten sah, war er betrübt über die eingetretene Erkrankung, denn er fürchtete, die Leute, welche gekommen waren, von ihm Heilung zu erlangen, möchten Anstoß an ihm nehmen, wenn sie seine Krankheit erführen. Da sagte ihm der Greis: „Verzage nicht. Wenn der Besitz der Gesundheit mir notwendig ist, wird sie Gott auf der Stelle verleihen.” Sogleich nach diesen Worten wandte er sich zum Gebete, beugte in gewohnter Weise Knie und Angesicht zur Erde und flehte um die Gesundheit, wenn daraus den Zusammengekommenen ein Nutzen erwachsen könnte. Er hatte das Gebet noch nicht vollendet, da brach plötzlich reichlicher Schweiß aus und löschte die Hitze des Fiebers.

Nachdem er viele von allen möglichen Krankheiten befreit hatte, begab er sich von dort zur Versammlung der Rechtgläubigen. Während er das Königstor durchschritt, schleppte sich ein Bettler am Boden hin, bei dem das Gesäß den Dienst der Füße vertreten mußte; der streckte seine Hand aus und berührte den Rock des Alten, und der Glaube heilte sein Leiden. Er sprang auf und lief so flink wie vor der Krankheit, geradeso wie der Lahme, den Petrus und Johannes aufgerichtet. Auf dieses Wunder hin strömte die ganze Bevölkerung der Stadt zusammen, und die Kriegsschule füllte sich mit den Ankömmlingen. Von Scham ergriffen wurden die Verräter und die Schmiede der Lüge, mit großer Zuversicht und Freude beseelt die Freunde der Gottseligkeit.

Von da zogen die Heilungsbedürftigen ihn, das Licht der Gottseligkeit, in ihre Wohnungen. Und ein Mann, der eine höchste Stelle bekleidete, betraut mit der Verwaltung des Orients, schickte zu ihm und ließ ihn bitten, zu ihm zu kommen und ihn von schwerer Krankheit zu heilen. Dieser zögerte keinen Augenblick, kam, betete zum Allherrn, vertrieb durch sein Wort das Leid und hieß ihn Gott Dank sagen. Nachdem er dieses und Ähnliches vollbracht hatte, beschloß er nun, wieder in seine Einsiedlerhütte zurückzukehren. Sein Weg führte ihn durch Cyrus, eine Stadt, zwei Stadien von Antiochien entfernt, wo er das Heiligtum des siegreichen Martyrers Dionysius besuchte. Die dortigen Vorsteher des rechten Glaubens kamen zusammen und baten, ihnen in einer sichtlichen Gefahr beizustehen. Sie sagten, Asterius, der in der sophistischen Lügenkunst groß geworden und sich der Partei der Häretiker angeschlossen, habe die bischöfliche Würde erlangt und verteidige gewaltig den Irrtum, indem er seine schlechte Kunst gegen die Wahrheit gebrauche. „Wir fürchten,” sagten sie, „er werde, mit seiner Beredsamkeit wie mit einem Köder die Lüge verhüllend, die verworrenen Trugschlüsse gleich einem Netze auswerfen und so viele Einfältige fangen. Dazu ist er nämlich von den Gegnern geschickt worden.” Aber der Greis sprach: „Habet Mut und betet mit uns zu Gott und fügt auch Fasten und Kasteiung zu dem Gebete.” Als sie so Gott anriefen, empfing Asterius einen Tag vor dem Feste, an dem der Anwalt der Lüge, der Feind der Wahrheit, sprechen sollte, von Gott den tödlichen Schlag und wurde nach einem einzigen Tage der Krankheit aus dem Verzeichnis der Lebendigen gestrichen und mußte wohl jene Worte vernehmen: „Tor, diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern; die Übel aber, die du angerichtet hast, die Netze und Stricke, werden für dich sein, nicht für andere.” Ähnlich erging es ihm wie Balaam, der, gegen das Volk Gottes gesandt, dem Balak verruchte Ratschläge gegen dasselbe gab, dafür aber Gottes Strafe erlitt und durch israelitische Hand den Tod fand. Und so verlor der, welcher gegen das Volk Gottes Schlimmes im Sinne hatte, durch das Volk Gottes sein Leben. Dieser Rettung aber erfreute sich Cyrus durch des Greises Gebet. Mir aber hat die Begebenheiten das göttliche Haupt, der große Akazius, mitgeteilt, der alles genau kannte, was jenen anging.

Von da nun abreisend, kam er wieder zu seinen Schülern, und nachdem er noch längere Zeit bei ihnen verbracht, ging er gar bereitwillig zu dem Leben ohne Greisenalter und Beschwerden hinüber. In sterblicher Natur hatte er Leidenschaftslosigkeit angestrebt, die Unsterblichkeit des Leibes erwartend.

Ich aber beschließe hier die Erzählung von ihm und wende mich zu einem andern, indem ich die in der Erzählung erwähnten Heiligen bitte, mir durch ihr Gebet die Gunst von oben zu erwirken.

Markianus

Markianus, den hochberühmten, wie sollen wir ihn würdig preisen und bewundern? Vielleicht indem wir ihn mit Elias und Johannes und ihresgleichen zusammenstellen, „die in Schafspelzen, in Ziegenfellen umhergingen, in Dürftigkeit, bedrängt, mißhandelt, deren diese Welt nicht wert war, in Wüsten herumirrend, auf Bergen, in Höhlen und Klüften der Erde”?

Zur Heimat hatte er zuerst das vorhin erwähnte Cyrus, darnach die Wüste, und nachdem er jenes und diese verlassen, ist seine Heimat jetzt der Himmel. Jenes hat ihn hervorgebracht, diese hat ihn großgezogen und zum Sieger gemacht, dieser hat ihn gekrönt. Er mißachtete seine vornehme Geburt von hochadeligem Geschlechte, die Herrlichkeit des Palastes, in dem er glänzte, da er von dem Schöpfer der Natur leibliche Größe und Schönheit empfangen, sowie eine Seele, mit Klugheit geziert. Vielmehr richtete er auf Gott und göttliche Dinge seine ganze feurige Liebe, sagte allem Lebewohl und erwählte das Innere der Wüste und erbaute sich eine kleine Hütte, die kaum seinen Körper faßte, und umgab sie mit einem kleinen Zaune. Darin blieb er für immer eingeschlossen, von allem menschlichen Verkehr abgeschnitten, nur mit dem Allherrn sich unterhaltend und auf seine süße Stimme lauschend. Wenn er nämlich die göttlichen Schriften las, glaubte er sich der göttlichen Stimme zu erfreuen, und wenn er betete und Flehen darbrachte, vermeinte er leibhaftig mit dem Herrn zu reden. Und am Genusse so großer Lust konnte er sich nie sättigen. Denn er hörte den Heiligen Geist durch den großen David verkünden: „Wer betrachtet im Gesetze des Herrn Tag und Nacht, wird sein wie ein Baum, der gepflanzt ist an Wasserläufen, der seine Frucht bringt zu seiner Zeit, und seine Blätter fallen nicht ab.” Nach diesen Früchten verlangend, unterzog er sich den süßesten Mühen. Das Gebet löste der Psalmengesang ab, den Psalmengesang wieder das Gebet, und beide die Lesung der heiligen Schriften.

Als Nahrung diente ihm nur Brot, und dieses nach Gewicht zugemessen. Das Gewicht war aber so klein, daß es einem der Brust eben entwöhnten Kinde kaum hinreichte. Er soll nämlich das Pfund Brot in vier Teile zerlegt und es für vier Tage berechnet haben, so daß er täglich nur ein Viertel zu sich nahm. Er hatte sich vorgenommen, jeden Tag nur abends zu essen, sich aber niemals zu sättigen, sondern immer zu hungern und immer zu dürsten und dem Körper nur das zum Leben Notwendige zu gestatten. Wer erst nach Verlauf mehrerer Tage Speise zu sich nehme, meinte er, verrichtete an den Fasttagen den göttlichen Dienst lauer, am Tage der Nahrungsaufnahme hingegen beschwerte man begreiflicherweise den Magen mit Übermaß und machte so den Geist für die Nachtwachen träger. Darum, sagte er, sei es besser, täglich Nahrung zu sich zu nehmen, niemals aber bis zur Sättigung. Wahres Fasten sei beständiger Hunger. Ein solches Gesetz legte sich dieser Gottesmann für immer auf, und obgleich er einen sehr großen Körper hatte und von allen seinen Zeitgenossen der größte und schönste war, begnügte er sich mit dieser geringen Speise.

Mit der Zeit nahm er zwei Genossen an, den Eusebius, der Erbe jener heiligen Hütte wurde, und Agapitus, der diese englische Lebenshaltung nach Apamea verpflanzte. Dort liegt nämlich ein sehr großes und volkreiches Dorf mit Namen Nikertä, in dem er zwei sehr große Stätten der Weisheit gründete, die eine nach ihm benannt, die andere nach dem bewunderungswürdigen Symeon, der fünfzig Jahre lang in dieser heiligen Weisheit glänzte. Dort leben heute noch mehr als vierhundert Männer, Tugendkämpfer, Liebhaber der Frömmigkeit, Leute, die sich durch Mühen den Himmel erkaufen. Gesetzgeber dieser Lebensweise waren Agapitus und Symeon, die vom großen Markianus die Richtlinien empfangen. Von hier aus wurden unzählige weitere Klöster gegründet, welche nach denselben Gesetzen lebten. Es ist schwer, sie alle aufzuzählen, aber Pflanzer aller ist jener Gottesmann. Denn da er den gar trefflichen Samen geliefert hat, wird er mit Recht als Urheber aller Pflanzungen angesehen.

Zuerst bewohnte er, wie gesagt, allein jene freigewählte Einfriedung, dann nahm er die beiden zu sich, aber nicht als Hausgenossen. Denn die Klause bot nicht einmal ihm den nötigen Raum. Sie war so klein, daß er mit Mühe darin stehen und liegen konnte. Weder konnte er aufrecht stehen, da die Decke ihm Haupt und Nacken beugte, noch konnte er liegend die Beine ausstrecken, da die Länge des Häuschens nicht der des Körpers entsprach. Er hieß sie so ein anderes Gehäuse bauen, darin sie wohnen und für sich singen, beten und die heiligen Schriften lesen sollten. Als es nötig wurde, noch mehrere an dem schönen Werke teilnehmen zu lassen, ließ er etwas entfernt eine weitere Wohnung bauen und wies sie ihnen ihrem Willen gemäß zum Aufenthalte an. Ihr Vorsteher war Eusebius, der ihnen die Lehren des großen Markianus mitteilte. Der göttliche Agapitus aber kehrte, wie ich erwähnte, zurück, nachdem er hinlänglich herangebildet und geübt und in diesen geistlichen Kampf aufs beste eingeführt war, und streute den Samen aus, den er von jener göttlichen Seele empfangen hatte. Er wurde darin so ausgezeichnet und hervorragend, daß er des hohepriesterlichen Amtes gewürdigt und mit der Hirtenfürsorge in seinem Vaterlande betraut wurde.

Der wundervolle Eusebius aber stand der um ihn versammelten Herde vor und übernahm auch die Sorge für den Lehrer, und er allein hatte die Vergünstigung, zu Zeiten zu ihm zu kommen und sich zu erkundigen, ob er etwas wünsche. Da er einmal des Nachts sehen wollte, was er tue, wagte er sich der sehr kleinen Lichtöffnung zu nähern. Er beugte sich hinein und sah ein Licht, nicht von einer Lampe und nicht von Menschenhand angezündet, sondern von Gott gegeben, von der Gnade von oben, über dem Haupte des Lehrers strahlend und ihm die Buchstaben der Heiligen Schrift beleuchtend. Denn er hatte das heilige Buch in den Händen, um den unverletzlichen Schatz des göttlichen Willens zu erforschen. Als der wundervolle Eusebius dies sah, befiel ihn Furcht und ein Schauder. Er lernte die auf den Diener Gottes ausgegossene Gnade kennen und die liebende Sorge Gottes für seine Diener. Ein andermal, als der große Markianus vor seiner Klause betete, kroch an der nach Osten gerichteten Wand eine Schlange empor, streckte sich oben von der Wand herab, sperrte den Rachen auf und machte mit schrecklichem Blicke Anzeichen zum Angriff. Eusebius stand etwas entfernt davon und erschrak über dieses furchtbare Schauspiel; und da er glaubte, der Lehrer merke die Gefahr nicht, schrie er auf und bat ihn, zu fliehen. Der aber wies ihn zurecht und hieß ihn die Angst ablegen; das sei eine verderbliche Stimmung. Er machte mit dem Finger das Zeichen des heiligen Kreuzes, blies sie mit dem Munde an und gemahnte sie der alten Feindschaft. Diese, von dem Hauche des Mundes wie von einem Feuer angezündet, verbrannte wie Stroh und zerbarst in viele Stücke. Siehe da, wie der treue Diener den Herrn nachgeahmt hat! Denn als einst das Meer gegen das Schifflein der Jünger wütete und der Herr sie in Todesangst sah, beruhigte er nicht eher den Sturm des Meeres, bis er den Unglauben der Jünger durch eine Zurechtweisung geheilt hatte. Dadurch belehrt, benahm dieser wundervolle Mann zuerst dem Schüler die Furcht, und erst dann überlieferte er das Untier seiner Strafe.

So groß war die Weisheit des großen Markianus und seine Wundermacht und sein zuversichtliches Vertrauen auf Gott! Aber obgleich er solcher Gnade gewürdigt war und sehr große Wunder zu wirken vermochte, suchte er diese Kraft zu verbergen, denn er fürchtete die Kunstgriffe des Räubers der Tugend. Indem er nämlich unvermerkt die Leidenschaft des Stolzes sät, sucht er die mit vieler Arbeit gesammelten Früchte zu rauben. In dem Bestreben, die ihm verliehene Gabe zu verheimlichen, wirkte er so nur widerwillig Wunder, aber der Glanz der Großtaten erstrahlte um so mehr und offenbarte die verheimlichte Macht. Einstmals ereignete sich also folgendes:

Ein Mann von adeliger Geburt, der wiederholt mit hohen militärischen Ämtern betraut ward, kam von Beröa in Syrien zu ihm in die Wüste, da seine Tochter seit langer Zeit tobte und, vom bösen Feinde geplagt, dem Wahnsinn verfallen war. Er war mit dem großen Markianus befreundet und hoffte in Anbetracht der alten Beziehungen ihn persönlich angehen und ihm seine Bitte vortragen zu können. Er sah sich aber in seiner Hoffnung getäuscht. Der Anblick des Dieners Gottes wurde ihm versagt. Darum ersuchte er einen Alten, der zu jener Zeit gerade mit dem Dienste des Gottesmannes betraut war, ein Fläschchen mit Öl entgegenzunehmen und es neben die Türe des Häuschens zu stellen. Wiederholt wies der Alte das Ansinnen von sich, aber durch fortgesetztes Bitten ließ er sich endlich dazu bewegen. Da der große Markianus Laute hörte, fragte er, wer da sei und mit welcher Bitte man komme. Dieser verbarg den wahren Sachverhalt und gab vor, gekommen zu sein, um nachzusehen, ob er etwas befehle, und damit wurde er entlassen. Gegen Morgen bat der Vater des Mädchens um die Rückgabe des Fläschchens. Der Alte aber fürchtete sich und ging darum so leise, als er konnte, streckte weit seinen Arm nach dem Fläschchen aus und suchte so verborgen zu bleiben. Aber der Greis fragte ihn abermals, wozu er gekommen sei. Da er dieselbe Ausrede gebrauchte wie des Abends, wurde der Mann Gottes ungehalten, da die Herankunft des Alten ganz ungewöhnlich war, und befahl ihm, die Wahrheit zu sagen. Außerstande, den Sachverhalt dem Manne, welcher von der göttlichen Gnade erfüllt war, zu verheimlichen, sagte er ihm unter Furcht und Zittern, wer gekommen sei, erzählte ihm die traurige Leidensgeschichte und zeigte ihm das Ölfläschchen. Darüber war er, wie begreiflich, sehr ungehalten, da er seine Wunderkraft nicht zeigen wollte, und drohte ihm, wenn er noch einmal so etwas wage, ihm seine Dienstleistungen zu entziehen und ihn aus seiner Genossenschaft zu entfernen. Das war die empfindlichste Strafe für die, welche dieses Glück zu schätzen wußten. Er entließ ihn mit dem Geheiße, das Fläschchen dem Bringer zurückzugeben. So sein Befehl. Vier Tagreisen entfernt aber verkündete laut der böse Geist die Kraft dessen, der ihn austrieb. Markianus hatte in Beröa durch Henker des Richteramtes gegen den Dämon gewaltet, indem er jenen Frevler verjagte und das Mädchen aus seiner Gewalt befreite. Das hat der Vater des Mädchens genau erfahren. Als er nämlich zurückkehrte und noch wenige Stadien von der Stadt entfernt war, kam ihm ein Diener, von seiner Herrin geschickt, entgegen. Da dieser den Herrn erblickte, verkündete er ihm die frohe Botschaft des Wunders, das sich zugetragen, indem er hinzufügte, vor vier Tagen sei die Tat geschehen. Er zählte die Tage und berechnete genau den Zeitpunkt und fand, daß es derselbe war, an dem der Alte das Fläschchen ihm gebracht hatte.

Mir drängt sich da der Gedanke auf: Was würde dieser große Mann nicht vollbracht haben, wenn er hätte Wunder wirken wollen! Denn wer trotz des Strebens, die Gnade, die er erhalten, zu verbergen, einen solchen Glanz verbreitete, welche staunenswerten Wunder würde er gewirkt haben, wenn er es gewollt hätte! So offenbarte er auch nicht allen seine geistige Weisheit, letztlich auch dann nicht, als er zugegeben hatte, daß nach dem Feste des heilbringenden Leidens und der Auferstehung des Herrn jeder, der wolle, zu ihm kommen könne.

Bei dieser Gelegenheit traun[?] waren alle bedacht, ihn zu sehen. So kamen bei ihm die hervorragendsten Bischöfe zusammen, der große Flavian, der mit der Herde von Antiochien betraut war, der göttliche Akazius, dessen ich schon vorher gedachte, Eusebius, der Chalkis, und Isidor, der damals Cyrus verwaltete, alle durch Tugend ausgezeichnet. Unter ihnen befand sich auch Theodot, der die Zügel von Hierapolis hielt, glänzend durch Aszese und Sanftmut. Zugegen waren auch von Glaubenseifer entzündete Männer in hoher Stellung und Würde.

Da nun alle schweigend da saßen und seine heilige Stimme erwarteten, blieb auch er lange schweigend sitzen, ließ seine Zunge ruhen, horchte aber mit den Ohren. Da sprach einer von den Dasitzenden, der ihm als Seelsorger nahestand und durch hohe Würde hervorragte: „Alle, o Vater, auch die heiligen Väter dürsten nach deiner Belehrung und erwarten den süßesten Fluß deiner Rede. Teile also allen Gegenwärtigen von deinen Schätzen mit und verschließe nicht die Quellen deiner Güte.” Der Greis aber seufzte tief und sprach: „Der Gott des Alls spricht jeden Tag durch die Schöpfung und redet durch die heiligen Schriften und gibt die nötigen Ermahnungen und lehrt, was uns frommt, und schreckt uns durch Drohungen und ermuntert uns durch Verheißungen, und wir ziehen keinen Nutzen daraus. Was kann also Markianus durch seine Rede für einen Nutzen stiften, der wie die andern einen so großen Nutzen mißachtet und daraus keinen Vorteil ziehen will?” Dadurch wurden viele Reden von den Vätern veranlaßt, die hier anzuführen ich für überflüssig erachte. Nachdem sie sich erhoben und gebetet hatten, wollten sie ihn durch die Händeauflegung zum Priester weihen, scheuten aber anderseits die Vornahme der Handlung: der eine trug sie dem andern auf, alle aber weigerten sich und kehrten so zurück.

Aber eine andere Erzählung will ich hier anfügen, die von seiner göttlichen Weisheit zeugt. Ein gewisser Avitus hatte in einer anderen Wüste zuerst eine Mönchszelle gebaut. Sie lag weiter nördlich, etwas nach Osten, und war so dem Nordostwind ausgesetzt. Er war an Zeit wie an Arbeit älter als der große Markianus, ein wahrer Aszet und in rauhem Leben aufgewachsen. Als dieser die von allen Seiten gepriesene Tugend unseres Mannes in Erfahrung gebracht hatte, hielt er einen solchen Besuch für gewinnreicher als etwas Ruhe und beeilte sich, den Ersehnten zu sehen. Als der große Markianus seine Ankunft erfahren, öffnete er die Türe und nahm ihn auf; dem wundervollen Eusebius aber trug er auf, Bohnen und Gemüse zu kochen, wenn er es habe. Nachdem sie sich an gegenseitiger Unterhaltung gesättigt und der eine die Tugend des andern erkannt hatte, verrichteten sie um die neunte Stunde gemeinsam den Gottesdienst. Es kam Eusebius, richtete den Tisch her und brachte die Brote. Der große Markianus sprach zu dem gottseligen Avitus: „Komm, Allerliebster, teilen wir das Mahl miteinander.” Der aber sprach: „Ich erinnere mich nicht, jemals vor Abend Speise zu mir genommen zu haben, oft aber bleibe ich zwei oder drei Tage nacheinander ohne Speise.” Dagegen der große Markianus: „Mir zuliebe ändere heute deine Gewohnheit; denn da ich einen schwachen Körper habe, kann ich nicht auf den Abend warten.” Da er mit diesen Worten den wundervollen Avitus nicht überreden konnte, soll er geseufzt und gesagt haben: „Aber ich betrübe mich sehr, und es tut mir in der Seele leid, daß du dich so großer Mühe unterzogen hast, um einen arbeitsamen Aszeten zu sehen, und nun, in deiner Hoffnung getäuscht, statt eines Aszeten einen Gastwirt und Schlemmer findest.” Da der gottseligste Avitus dies sehr ungern hörte und sagte, er möchte lieber Fleisch essen als solches hören, erwiderte der große Markianus: „Auch wir, mein Liebster, führen dasselbe Leben wie du und halten dieselbe Lebensweise ein und ziehen die Arbeit der Ruhe vor und schätzen das Fasten höher als Speise, und nehmen diese erst ein, wenn die Nacht herankommt, aber wir wissen, daß die Liebe wertvoller ist als das Fasten. Denn sie ist ein Werk des göttlichen Gebotes, das Fasten aber hängt von unserem Willen ab. Wir müssen aber die göttlichen Gebote für wertvoller erachten als unsere Arbeiten.” Nachdem sie sich in solcher Weise miteinander unterhalten und eine geringe Nahrung eingenommen und Gott gelobt hatten, blieben sie noch drei Tage beieinander; dann trennten sie sich, um sich im Geiste wiederzusehen.

Wer bewundert da nicht die Weisheit dieses Mannes, unter deren Leitung er die Zeit des Fastens kannte, kannte aber auch die Zeit weiser Bruderliebe, kannte auch den Unterschied der Tugenden, wie die eine der andern nachsteht und welche zur rechten Zeit den Sieg über die andere davonzutragen habe. Ich kenne noch eine andere Erzählung, die seine Vollkommenheit in göttlichen Dingen erkennen läßt. Es kam zu ihm aus der Heimat seine Schwester mit ihrem Sohne, der bereits erwachsen war und eine obrigkeitliche Stellung in Cyrus inne hatte. Sie brachte reichlich Lebensmittel mit. Die Schwester ließ er nicht vor, den Schwestersohn aber nahm er auf, da gerade die hierfür bestimmte Zeit war. Als sie ihn baten, das Mitgebrachte anzunehmen, fragte er: „Durch wieviele Klöster seid ihr gekommen, welchen von ihnen habt ihr davon mitgeteilt?” Und da dieser antwortete, daß sie keinem etwas gegeben hätten, sagte er: „Gehet fort mit dem, was ihr hergebracht habt; denn wir haben es nicht nötig, und wenn wir es nötig hätten, würden wir es nicht annehmen. Denn aus natürlicher Verwandtschaft, nicht im Dienste Gottes habt ihr uns diesen Gefallen erweisen wollen. Hättet ihr nicht lediglich die Nähe der Verwandtschaft im Auge gehabt, so würdet ihr nicht ausschließlich uns gegeben haben, was ihr daher gebracht habt.” Indem er dies sagte, entließ er den Neffen und die Schwester, ohne auch nur das Geringste von dem Mitgebrachten anzunehmen.

So war er über die Natur erhaben und zu dem Wandel im Himmel übergegangen! Denn wie könnte jemand einen deutlicheren Beweis liefern, daß er Gottes würdig war nach den Worten Gottes selbst: „Wer nicht verläßt Vater und Mutter und Bruder und Schwester und Frau und Kinder, ist meiner nicht wert.” Wenn also der, der nicht verläßt, unwürdig ist, so ist der, welcher verläßt, und das in einem solchen Grade erlesener Vollendung, offenbar am würdigsten.

Dazu bewundere ich auch seine strenge Rechtgläubigkeit. Er verabscheute den Wahnsinn des Arius, der zu jener Zeit unter Begünstigung des Hofes ausgebrochen war. Es war ihm auch verhaßt die Torheit des Apollinaris, und tapfer kämpfte er gegen die Anhänger des Sabellius, welche die drei Personen in eine zusammenziehen. Er war auch ein großer Feind der sogenannten Euchiten, welche im Mönchskleide an der manichäischen Krankheit litten. Einen so großen Eifer hatte er für die kirchlichen Glaubenssätze, daß er sogar gegen einen wundervollen und gottseligen Mann einen gerechten Kampf aufnahm. Es lebte in jener Wüste ein Greis namens Abraham, der graue Haare hatte, aber noch mehr in Einsicht ergraut war, leuchtend in jeder Tugend und beständig reichliche Tränen der Zerknirschung vergießend. Dieser feierte anfangs Ostern unbedenklich nach alter Weise aus einer gewissen Einfalt, offenbar weil ihm die Beschlüsse der Väter von Nizäa unbekannt waren, wohl auch aus Anhänglichkeit an die alte Gewohnheit; an dieser Unwissenheit krankten damals viele. Aber der große Markianus versuchte oft und mit vielen Worten Abraham, den Greis ― so nannten ihn die Leute ―, zur Übereinstimmung mit der Kirche zu bewegen. Da er ihn aber unbeugsam sah, brach er offen die Gemeinschaft mit ihm. Im Verlaufe der Zeit indes tilgte der gottselige Mann die Makel und feierte das göttliche Fest in Übereinstimmung mit der Kirche und konnte nun in Wahrheit singen: „Selig die Makellosen auf ihrem Wege, die da wandeln im Gesetze des Herrn!” Und zu danken war diese Wendung der Belehrung des großen Markianus.

Man baute ihm an vielen Orten Bethäuser, in Cyrus sein Neffe Alypius, in Chalkis eine gewisse Zenobiana, von hoher Abkunft und durch Tugend ausgezeichnet und im Besitze großen Reichtums. Nicht wenige andere taten dasselbe und wetteiferten, jenen siegreichen Kämpfer dereinst an sich zu bringen. Als dies der Mann Gottes erfuhr, trug er dem wundervollen Eusebius unter furchtbaren Eiden auf, seinen Leib an jenem Orte beizusetzen. Außer zweien der vertrautesten Hausgenossen sollte niemand sein Grab wissen, ehe eine lange Reihe von Jahren vorübergegangen wäre. Diesen Schwur hielt jener wundervolle Mann getreu. Als nämlich das Ende des Siegers gekommen war und der Chor der Engel jene heilige und göttliche Seele in die himmlischen Wohnungen übertragen hatte, machte er sein Ableben nicht eher bekannt, bis er mit zweien der Vertrautesten das Grab gegraben, den Leib hineingelegt und die Oberfläche des Bodens geebnet hatte. Es gingen fünfzig Jahre und mehr vorüber, Tausende strömten zusammen und forschten nach dem Leichnam. Aber das Grab blieb unbekannt. Nachdem aber ein jedes der genannten Bethäuser Reliquien aufgenommen hatte, das eine von Aposteln, das andere von Martyrern, legten die Erben seiner Zelle und Lehre die Überreste des kostbaren Leibes beruhigt in einen steinernen Sarg, den sie zwei Jahre zuvor zubereitet hatten, und der eine, der allein von den dreien noch übrig war, machte das Grab bekannt.

Nacheiferer seiner Tugend war der wundervolle Eusebius, der mit noch mehr Strengheiten seinen Körper quälte. Mit hundertzwanzig Pfund Eisen beladen, legte er sich noch andere fünfzig des Agapitus und achtzig des großen Markianus auf. Als Wohnung diente ihm eine Zisterne, die kein Wasser mehr enthielt. Drei Jahre lang führte er diese Lebensweise. Ich schweifte zu dieser Erzählung ab, um zu zeigen, bei wie vielen andern auch der große Markianus den Grund zu großen Tugendwerken gelegt hat. Seine Aszese machte sich auch der bewunderungswürdige Basilius zu Nutzen, der viele Jahre später bei Seleukobelos, einer Stadt Syriens, eine Mönchszelle baute und in vielen Tugenden glänzte, glänzte besonders in dem gottgefälligen Besitze der Liebe und in dem göttlichen Werke der Gastfreundschaft. Wer aber könnte leicht alle die Männer aufzählen, die er Gott zuführte, um mit dem Apostel zu reden, als „unerschrockene Arbeiter, die recht verkündeten das Wort der Wahrheit”?

Um die andern Helden, die des Lobes würdig wären, aber die Erzählung zu sehr verlängerten, jetzt zu übergehen, will ich nur eines einzigen gedenken. Es ist das sein Schüler Sabinus, der durch Tausende von Mühsalen seinen Körper aufrieb. Denn er nahm weder Brot noch Gekochtes zu sich; seine einzige Nahrung war Mehl mit Wasser angefeuchtet. Dabei pflegte er dieses Gericht gleich für einen ganzen Monat zu mischen, so daß es schimmelig wurde und einen sehr üblen Geruch von sich gab. Er wollte durch diese Beschaffenheit der Nahrung die Gelüste des Fleisches abstumpfen und durch den üblen Geruch der Speise die Lust unterdrücken. So lebte er für sich. Kam aber einmal ein Bekannter zu ihm, so nahm er ohne Anstand von allem, was vorgesetzt wurde.

So große Gnade hatte er von Gott erhalten, daß eine angesehene Frau, durch Abstammung und Reichtum hervorragend, aus Antiochien zu ihm kam und ihn bat, ihrer Tochter, die von einem Dämon geplagt wurde, zu helfen. „Ich sah”, sagte sie, „im Traum einen Mann, der mich aufforderte, hierher zu eilen und durch die Gebete des Klostervorstehers der Tochter Heilung zu verschaffen.” Es sagte ihr aber der Auskunfterteiler, es sei nicht Sitte, daß der Vorsteher mit Frauen sich unterrede. Da die Frau weinend darauf bestand und jammerte und flehentlich ihn beschwor, kam der Vorsteher des Klosters heraus. Aber die Frau sagte, das sei nicht derselbe, ein anderer sei ihr gezeigt worden, rötlich, mit einem Ausschlag an den Wangen. Da sie nun wußten, wer verlangt würde ― es war der Dritte im Kloster, nicht der Erste ―, überredeten sie ihn und führten ihn zu der Frau, und sogleich erkannte sie das Gesicht. Der böse Dämon aber verließ heulend das Mädchen.

Derart waren die Großtaten der Schüler des großen Markianus, so die Pflanzungen, die der trefflichste Pflanzer allüberall gepflanzt. Ich aber beende diese Erzählung und bitte und flehe, durch ihrer aller Fürsprache des göttlichen Beistandes teilhaftig zu werden.

Eusebius

In den bereits gebrachten Erzählungen haben wir gezeigt, wie die unfruchtbare Wüste Gott reife und fette und ihrem Pflanzer wohlgefällige und allen wohlgesinnten Menschen liebliche und begehrenswerte Früchte hervorgebracht hat. Damit man aber nicht glaube, die Tugend sei an einen Ort gebunden und nur die Wüste sei für die Hervorbringung solcher Gewächse geeignet, wohlan, so laßt uns nun in der Erzählung zu der bewohnten Erde übergehen und zeigen, daß sie nicht im geringsten dem Erwerbe der aszetischen Tugend hinderlich ist.

Es ist ein hoher Berg östlich von Antiochien und westlich von Beröa gelegen. Er überragt die umliegenden Höhen, und sein Gipfel hat kegelförmige Gestalt. Von seiner Höhe hat er auch den Namen erhalten, denn die Anwohner pflegen ihn „Spitze” (κορυφήν) [koryphēn] zu nennen. Vor Zeiten war auf seinem höchsten Punkte ein Heiligtum der Dämonen, von den benachbarten Heiden sehr verehrt. Gegen Mittag breitet sich eine Ebene wie ein Meerbusen aus, beiderseits von niedrigen Erhöhungen eingeschlossen. Diese erstrecken sich bis an die Reiterstraße und nehmen beiderseits Wege auf, die von Süden nach Norden führen. Hier werden kleine und große Ortschaften bewohnt, die beiderseits an die Berge angelehnt sind. Am Rande aber des hohen Berges liegt ein sehr großes und volkreiches Dorf, das sie in der Landessprache Teledan nennen. Über dem Fuße des Berges findet sich eine Waldschlucht, nicht sehr steil, sondern nach jener Ebene sanft geneigt, nach Süden schauend.

Hier baute ein gewisser Ammianus eine Aszetenschule. Er glänzte in allen Arten der Tugend, alle aber übertraf er durch seine Demut. Beweis dafür ist, daß er trotz seiner Befähigung, die nicht nur zur Unterweisung der eigenen Schüler, sondern für eine doppelte Zahl genügte, wiederholt zum großen Eusebius kam und bat, er möge ihn zum Mitarbeiter nehmen und zum Erzieher und Lehrer der von ihm gestifteten Schule. Er lebte fünfundzwanzig Stadien davon entfernt in einem sehr kleinen Häuschen eingeschlossen, das keine Lichtöffnung besaß. Es hatte ihn zu dieser Tugend sein Oheim Marianus angeleitet, ein „treuer Diener Gottes”. Dieses eine Wort genügt; denn Gott hat mit dieser Benennung den Moses ausgezeichnet. Dieser Marianus, im Genusse der göttlichen Liebe, wollte nicht allein der geistigen Güter sich erfreuen, sondern auch viele andere zu Genossen seiner Liebe machen. So gewann er auch den großen Eusebius und dessen Bruder, der auch in der Lebensweise wahrhaft ihm Bruder war. Denn er hielt es für ungereimt, fernstehende Leute für die Tugend zu fangen, Brudersöhne aber nicht hierfür zu gewinnen. Diese beiden schloß er in eine kleine Zelle ein und leitete sie zu einem englischen Lebenswandel an. Aber den Bruder befiel eine Krankheit, die seinen Lauf abschnitt. Der Krankheit folgte der Tod. Schon wenige Tage nach dem Weggange von dort beschloß er sein Leben.

Der große Eusebius aber blieb bei seinem Oheim, so lange dieser lebte, ohne mit jemand zu sprechen und ohne das Sonnenlicht zu schauen, immer eingeschlossen. Und nach dessen Tod führte er dasselbe Leben weiter, bis ihn jener große Ammianus durch viele und liebevolle Bitten umstimmte. „Sage mir, mein Bester,” sprach er zu ihm, „wem zu Gefallen hast du dieses mühevolle und harte Leben übernommen?” „Nun”, antwortete er, „doch wohl für Gott, den Gesetzgeber und Lehrer der Tugend.” „Also, da du diesen liebst,” sprach Ammianus, „will ich dir eine Weise zeigen, auf die du deine Liebe noch heller entfachen und dem Geliebten noch besser dienen kannst. Wenn jemand seine ganze Sorge auf sich verwendet, der kann, glaube ich, dem Vorwurf der Eigenliebe nicht entgehen. Denn das göttliche Gesetz befiehlt, den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Viele an seinem Reichtum teilnehmen zu lassen, ist eine schöne, der Liebe eigene Tat. Diese aber hat der gotterleuchtete Paulus die Vollendung des Gesetzes genannt. Und wiederum ruft das Wort: ‚Das Gesetz und die Propheten sind zusammengefaßt in dem Satze: du sollst den Nächsten lieben wie dich selbst.’ Und der Herr hat in den heiligen Evangelien dem Petrus, weil er bekannte, ihn mehr zu lieben als die andern, seine Schafe zu weiden befohlen. Denen aber, die dies nicht tun, ruft er durch den Propheten tadelnd zu: ‚O ihr Hirten, weiden etwa die Hirten sich selbst, hüten sie nicht die Schafe?’ Deshalb befahl er auch dem großen Elias, der diese Lebensweise befolgte, mit den Gottlosen zu verkehren. Und den zweiten Elias, den gewaltigen Johannes, der die Wüste lieb gewonnen hatte, sandte er an die Ufer des Jordan und hieß ihn dort taufen und predigen. Da nun auch du Gott, deinen Schöpfer und Erlöser, so heiß liebst, mache, daß viele andere ihn ebenso lieben! Denn das ist unserm gemeinsamen Herrn sehr wohlgefällig. Deshalb ernannte er auch den Ezechiel zum Wächter und befahl ihm, den Sündern Zeugnis abzulegen. Und dem Jonas gebot er, nach Ninive zu eilen, und brachte ihn, da er nicht wollte, zwangsweise dorthin.” Durch diese und ähnliche Worte gewann er den heiligen Mann, und nachdem er jenes freiwillige Gefängnis geöffnet hatte, führte er ihn heraus und hinweg und übergab ihm die Leitung seiner Schüler.

Ich aber weiß nicht, was ich mehr bewundern soll, die Bescheidenheit des einen oder die Folgsamkeit des andern. Denn jener floh das Herrschen und wollte lieber einer von den Untergebenen sein, da er die Gefahr des Regierens fürchtete. Der große Eusebius aber gab nach, obgleich ihm der Verkehr mit anderen zuwider war, gefangen durch das Netz der Liebe, und nahm die Sorge für die Herde auf sich. Er führte die Schar an, ohne vieler Worte der Belehrung zu bedürfen. Seine Erscheinung reichte hin, um auch den Trägsten zu scharfem Laufe nach der Tugend anzutreiben. Die ihn gesehen, sagen, daß er immer ein ernstes Gesicht gezeigt habe, das denen, die ihn anblickten, Furcht einjagen mußte. Nahrung genoß er nur alle drei oder vier Tage; seinen Gefährten aber befahl er, sie jeden zweiten Tag zu sich zu nehmen. Fortwährend sollten sie mit Gott verkehren und keine Zeit ohne diese Beschäftigung vorübergehen lassen. Den vorgeschriebenen Dienst Gottes sollten sie gemeinsam verrichten, in den freien Zwischenzeiten sollte jeder für sich entweder unter dem Schatten eines Baumes oder an einem Felsen oder wo immer er der Ruhe genießen könne, stehend oder auf dem Boden liegend den Herrn anrufen und um das Heil bitten. So leitete er alle Teile des Körpers zur Tugendübung an und hieß sie nur das tun, was die Vernunft vorschreibt. Um dies allen zu verdeutlichen, will ich nur eine Begebenheit anführen.

Er und der wunderbare Ammianus saßen auf einem Felsen. Der eine las die Geschichte der göttlichen Evangelien vor, der andere erklärte den Sinn der dunkeln Stellen. Drunten in der Ebene pflügten einige Arbeiter das Land, und ihr Anblick fesselte den großen Eusebius. Als nun der gottselige Ammianus um die Erklärung der evangelischen Stelle bat, die er vorgelesen, hieß ihn der große Eusebius die Stelle wiederholen. Da dieser erwiderte, er habe sich wohl am Anblick der Pflüger ergötzt und nicht zugehört, machte er es seinen Augen zum Gesetze, weder jemals auf jene Ebene zu blicken noch sich an der Schönheit des Himmels und dem Chore der Sterne zu ergötzen, sondern benutzte nur noch einen sehr schmalen Pfad im Maße von einer Spanne, wie man erzählte, der zu seinem Bethäuschen führte. Außerhalb desselben gestattete er sich nicht zu gehen. Mehr als vierzig Jahre, sagt man, habe er dieses Gesetz festgehalten. Damit ihn aber zu dem freien Entschlusse hin auch ein gewisser Zwang nötige, legte er einen eisernen Gürtel um die Hüften und ein sehr schweres Halseisen um den Nacken und verband mit einem weiteren Eisen den Gürtel mit dem Halseisen, damit er, so gekrümmt, stets zur Erde zu blicken genötigt wäre. Solche Strafe legte er sich auf für den Anblick jener Landarbeiter.

Das haben mir viele, die ihn gesehen und genau um ihn Bescheid wußten, mitgeteilt. Dasselbe erzählte der greise große Akazius, dessen wir schon früher in anderer Erzählung gedacht haben. Er sagte auch, er habe ihn einmal, da er ihn so gebückt sah, gefragt, zu welchem Ziele er weder den Himmel anzusehen noch die unten liegende Ebene zu betrachten noch außerhalb des schmalen Pfades zu gehen sich verstatte, und er habe geantwortet, dies Gebaren setze er den listigen Angriffen des bösen Feindes entgegen. „Damit er nicht im großen mich bekriege”, erklärte er, „und die Mäßigkeit und die Gerechtigkeit zu rauben versuche, nicht zum Zorn reize und die Begierlichkeit entzünde, nicht durch Stolz und Hochmut mich aufblase und vieles andere gegen meine Seele anstifte, verlege ich den Krieg in diese geringfügigen Dinge, wo er, wenn er auch siegt, nicht viel schadet, und wenn er besiegt wird, um so verächtlicher erscheint, sofern er nicht einmal im kleinen Herr werden kann. Da ich also weiß, daß dieser Krieg weniger gefahrvoll ist ― denn wer darin unterliegt, leidet keinen großen Schaden; oder welcher Schaden ist es, die Ebene anzublicken oder die Augen zum Himmel zu erheben? ―, nötige ich ihn zu dieser Art Treffen, worin er nicht töten und nicht niederwerfen kann. Denn diese Geschosse sind nicht tödlich, da sie von jenen eisernen Stacheln frei sind.”

Dieses, sagte der große Akazius, habe er von ihm gehört und er bewundere seine Weisheit und staune über seine kriegerische Tapferkeit und Erfahrung. Darum erzählte er es auch als bewunderungswert und erwähnungswert für solche, die Derartiges kennen zu lernen verlangen.

Dieser sein Ruhm verbreitete sich nach allen Seiten und zog alle Liebhaber der Tugend zu ihm hin. Es kamen auch zu ihm die Vorsteher der trefflichsten Herde des greisen gottseligsten Julianus, dessen Erzählung wir früher gebracht haben. Nachdem nämlich jener gottselige Mann das Ende seiner Tage erreicht hatte und in das jenseitige Leben hinübergegangen war, kamen Jakobus der Perser und Agrippa, die Vorsteher jener Herde, zum großen Eusebius, indem sie es für besser hielten, gut geführt zu werden, als zu regieren. Des Jakobus Tugend habe ich schon früher kurz erwähnt, hier aber will ich einen augenfälligen Beweis seiner hohen Lebensweisheit anführen. Da der gottselige Eusebius, von hier scheidend, ihm die Leitung der Herde übertragen hatte, und er diese Aufgabe ablehnte, darin aber die Genossen, welche diese Übernahme von ihm verlangten, nicht zu begütigen vermochte, begab er sich zu einer anderen Herde, wollte lieber geweidet sein als weiden, und nachdem er lange so gelebt, beschloß er dieses Dasein. Darum übernahm das Vorsteheramt Agrippa, mit vielen anderen Tugenden geschmückt, besonders aber mit der Reinheit der Seele. Beim Anblick der göttlichen Schönheit und vom Feuer der Liebe zu ihr entzündet, netzten sich ihm fortwährend die Wangen mit Tränen. Nachdem auch dieser lange Zeit jene auserwählte und göttliche Herde trefflich geleitet und dann aus dem Leben geschieden war, übernahm der gottselige David, dessen Anblick auch ich genießen durfte, die Leitung. Er war ein Mann, der in Wahrheit, wie der Apostel sagt, seine Glieder auf Erden ertötet. Denn er hatte einen so großen Nutzen aus der Schule des großen Eusebius gezogen, daß er fünfundvierzig Jahre in diesem Kloster zubrachte, ohne in dieser langen Zeit eine Anwandlung von Unwillen und Zorn zu zeigen. Seit Übernahme des Vorsteheramtes hat ihn niemand je von dieser Leidenschaft besiegt gesehen, und doch hätte es unzählige Veranlassungen dazu gegeben. Denn hundertfünfzig Männer leitete seine Rechte, die einen schon obenan in der Tugend und um den Wandel im Himmel eifernd, die andern aber noch nicht flügge und erst zu belehren, wie man über die Erde sich erhebe und wie man fliege. Und obgleich so viele zu göttlichen Dingen angeleitet wurden und sich manchmal verfehlten, wie dies natürlich ist, da der Anfänger noch nicht leicht alles recht machen kann, der göttliche Mann blieb unerschüttert wie einer ohne Körper. Nichts konnte ihm Anlaß zum Zorne werden.

Dies weiß ich nicht bloß vom Hörensagen, sondern habe es selbst beobachtet. Aus Verlangen, jene Herde zu sehen, begab ich mich mit einigen Gefährten, welche dieselbe Lebensweise wie ich befolgen, dorthin. Wir brachten eine ganze Woche bei dem göttlichen Manne zu, konnten aber nicht die geringste Veränderung seines Angesichtes wahrnehmen, so daß es etwa einmal heiter gewesen, ein anderes Mal Trauer gekündet, oder sein Auge bald ernst geblickt, bald fröhlich, sondern die Augen behielten immer dieselbe schöne Bescheidenheit: hinreichende Zeugen für die Ruhe seiner Seele.

Nun könnte wohl mancher meinen, wir hätten ihn so beobachtet, weil eben keine Veranlassung zur Erregung vorlag. Darum muß ich etwas erwähnen, was sich während unserer Anwesenheit zutrug. Jener gottselige Mann saß bei uns und sprach über die Übung der Vollkommenheit und forschte nach dem Höchsten im evangelischen Wandel. Während dieser Reden kam ein gewisser Olympius zu uns, der Abstammung nach ein Römer, in seiner Lebensweise ebenfalls bewunderungswürdig, mit der priesterlichen Würde geziert und dem Amte eines zweiten Vorstehers betraut. Er machte laut dem gottseligen David Vorwürfe, bezeichnete seine Sanftmut als allgemeinen Schaden, meinte, seine Milde verderbe alle und seine hohe Vollkommenheit sei nicht Sanftmut, sondern Unsinn. Er aber nahm mit einer Seele wie von Diamant diese Reden auf und ließ sich nicht reizen, so sehr sie reizen mußten. Er veränderte nicht seine Miene, unterbrach nicht die begonnene Unterhaltung, sondern mit sanfter Stimme und mit Worten, die die Heiterkeit der Seele anzeigten, entließ er jenen Alten und hieß ihn besorgen, was er wolle. „Ich nämlich”, sagte er, „unterhalte mich, wie du siehst, mit diesen da, die hierhergekommen sind, und ich erachte diesen Dienst für notwendig.” Wie könnte man besser die Sanftmut der Seele zeigen? Denn daß der erste Vorsteher von dem zweiten eine solche Beschimpfung hinnimmt, zumal in Gegenwart von Fremden, die die Schmähungen mitanhörten, und daß er dabei keine Wallung, keine Regung des Zornes erfährt: welches Übermaß von Mannhaftigkeit und Starkmut wird damit nicht überboten? Der Apostel, der auf die Schwäche der menschlichen Natur Rücksicht nahm und nach ihr die Pflicht bemaß, sagt: ,,Zürnet und sündigt nicht, die Sonne gehe nicht unter über euerem Zorne.” Denn da er wußte, daß die Regungen des Zornes Sache der Natur, nicht des freien Willens sind, schwer, vielleicht gar nicht zu unterdrücken, wagt er sie nicht durch das Gesetz zu verbieten, sondern bestimmt als Maß für den Sturm des Zornes den Tag, befiehlt, ihn durch die Vernunft in Schranken zu halten und zu zügeln, und läßt ihn die Grenzen nicht überschreiten. Dieser göttliche Mann aber kämpfte über die Gebote hinaus. Er übersprang die Einfriedung der Rennbahn und gab dem Zorne keine Frist bis zum Abend, sondern ließ ihn gar nicht aufkommen. So reichen Gewinn hatte er aus dem Umgange mit dem großen Eusebius gezogen.

Noch viele andere Freunde und Eiferer der Vollkommenheit sah ich in jener Zelle, die einen in blühenden Jahren, die anderen in hohem Alter. Männer von mehr als neunzig Jahren wollten das mühevolle Leben nicht aufgeben, sondern taten sich in den anstrengenden Arbeiten der Jugend hervor, Tag und Nacht Gott anrufend und jenen heiligen Dienst Gottes verrichtend, immer erst am zweiten Tage jene ärmliche Speise zu sich nehmend.

Um andere zu übergehen, die nicht übergangen zu werden verdienten, sondern der Verherrlichung und mannigfachen Lobpreisung würdig sind ― aber die Erzählung soll das Maß nicht allzusehr überschreiten ―, so lebte an jenem gottseligen Orte ein Mann namens Abbas, zwar von ismaelitischer Abkunft, aber aus dem Hause Abrahams nicht wie sein Vorfahre verjagt, sondern teilhabend an dem väterlichen Erbe mit Isaak oder besser das Himmelreich an sich reißend. Den Anfang des aszetischen Lebens schon machte er bei einem der besten Lehrmeister, die damals die Wüste bewohnten; sein Name war Marosas. Später gab dieser die Leitung anderer auf und kam mit Abbas zur Herde hierher, und nachdem er da längere Zeit gelebt, herrlich gekämpft hatte und berühmt geworden war, schied er aus dem Leben. Er hatte bereits achtunddreißig Jahre hier zugebracht, aber wie wenn er erst anfinge zu arbeiten, so verlangt er nach Arbeit. Denn bis heute bekleidet er seine Füße nie mit Sandalen, sucht in der Kälte den Schatten auf und setzt sich bei der Hitze der Sonne aus und nimmt wie einen Zephyr ihren Brand auf sich. Die ganze Zeit verschmähte er es, Wasser zu trinken, und doch genoß er nicht Speisen, wie sie jene zu nehmen pflegen, die ohne Trank auszukommen suchen ― solche essen gewöhnlich feuchtere Nahrung ―, sondern dieselben wie die andern Genossen. Dabei aß er wenig, nur soviel, was ihn bei mäßigen Kräften beließ, und hierzu deuchte ihn Wassergenuß überflüssig. Seine Lenden hat er mit schwerem Eisen umgürtet, sitzt selten; den größten Teil des Tages und der Nacht bringt er Gott stehend oder auf den Knien liegend den vorgeschriebenen Dienst der Gebete dar. Den Genuß des Liegens hatte er sich ganz und gar versagt; denn bis jetzt hat ihn noch niemand je liegend gesehen, sondern nachdem er das Haupt der frommen Schar geworden und das Vorsteheramt ihm übertragen ward, verwindet er mit Eifer alle diese Mühen und stellt sich seinen Untergebenen als Vorbild in der Vollkommenheit dar.

Derart sind die siegreichen Kämpfer, welche der gottselige Eusebius, der Lehrer und Erzieher in diesem Streite, Gott darstellte. Und sehr viele, die er so ausbildete, schickte er als Lehrer in andere Klöster, welche jenen ganzen heiligen Berg mit den göttlichen Wiesen und duftenden Blumen erfüllen. Denn östlich von der zuerst hier erbauten aszetischen Zelle und westlich und südlich kann man Schößlinge dieser Weisheit erblicken, gleich Sternen um den Mond geschart, die einen in griechischer, die anderen in der Landessprache ihren Schöpfer preisend.

Doch Unmögliches versuchte ich, wenn ich über alle Großtaten jener göttlichen Seele alles berichten wollte. Deshalb muß ich diese Erzählung schließen und zu einer anderen mich wenden, will aber aus dem Vorigen Nutzen ziehen, indem ich um den Segen dieser großen Männer bitte.

Publius

Zu derselben Zeit lebte ein gewisser Publius, ein Mann von schönem Körperbau und einer Seele, die dem Körper entsprach oder vielmehr noch weit wundervoller als der Körper sich zeigte. Er entstammte einem Senatorengeschlechte; seine Vaterstadt steht an der Stelle, wo der berühmte Xerxes auf seinem Feldzuge gegen Hellas, um schnell das Heer über den Euphrat zu setzen, eine Menge Schiffe miteinander verband und so den Fluß überbrückte. Er nannte den Ort Zeugma, Verbindung. Daher hat auch die Stadt ihren Namen erhalten. Von da also stammend und solchem Geschlechte entsprossen, begab er sich auf eine Anhöhe, die nur dreißig Stadien von der Stadt entfernt war. Hier baute er sich eine kleine Wohnung und verkaufte alles, was er vom Vater empfangen hatte: Haus, Ländereien, Herden und Gewänder, silberne und eherne Geräte und was er sonst noch besaß. Er verteilte dies alles an jene, welchen es nach dem göttlichen Gesetze zukommt, und befreite sich selbst von jeder irdischen Sorge. Statt aller hatte er nur eine Sorge, den Dienst dessen, der ihn gerufen, und dieser beschäftigte fortwährend seine Seele, indem er Tag und Nacht betrachtete, wie er ihn vervollkommnen könnte. Deshalb nahm seine geistige Arbeit stets zu, erhielt jeden Tag einen Zuwachs; sie war ihm süß und wonnevoll, und er konnte sich nicht daran ersättigen. Auch nicht einen Bruchteil des Tages sah man ihn je der Ruhe genießen, sondern den Psalmengesang löste das Gebet und das Gebet der Psalmengesang und beide die Lesung der heiligen Schriften ab; dann kam die Sorge für die angekommenen Fremden, dann eine andere notwendige Arbeit. Indem er so sein Leben verbrachte und als ein Tugendmuster dastand für alle, die ihn nacheifern wollten, zog er wie ein lieblich singender Lockvogel viele seiner Landsleute in diese heilsamen Netze.

Anfangs wollte er keinen Hausgenossen haben, sondern ließ in seiner Nähe kleine Zellen bauen und hieß jeden, der zu ihm kam, da für sich ein Stilleben führen. Er besuchte jedoch oft die Zellen und forschte nach, ob sie etwas, was nicht notwendig war, verborgen hielten. Man erzählt, er habe auch eine Wage mitgenommen und genau das Gewicht des Brotes erforscht und seinen Unwillen kundgetan, wenn er mehr als das festgesetzte Maß gefunden, und habe diejenigen, welche darin sich verfehlt, Schwelger gescholten. Er befahl ihnen, beim Essen und Trinken nicht die Sättigung abzuwarten, sondern nur so viel zu genießen, als dem Körper zum Leben notwendig sei. Wenn er einmal aus der Kleie das Mehl ausgeschieden fand, schalt er die, die sich so vergingen, sie frönten sybaritischen Genüssen. Auch nachts kam er unverhofft an die Türe eines jeden; wenn er einen wach und Gott lobend fand, ging er schweigend vorüber, wenn er aber bemerkte, daß einer schlief, schlug er mit der Hand an die Türe, mit der Zunge aber tadelte er den Liegenden, daß er mehr als nötig dem Körper Pflege angedeihen lasse. Als einige der Genossen diese seine Mühen gewahrten, rieten sie ihm, eine gemeinsame Wohnung für alle zu bauen. Denn, sagten sie, die jetzt Zerstreuten würden dann genauer die Regel beobachten, und er selbst werde vieler Sorge überhoben werden. Der weise Mann nahm den Rat an, sammelte alle um sich, hob jene kleinen Zellen auf, baute eine Wohnung für alle Vereinigten und bat sie, ein gemeinsames Leben zu führen und einander anzuspornen, so daß der eine die Sanftmut des andern nachahme, der andere aber den Eifer des einen durch Sanftmut mäßige, und ein anderer die Nachtwachen lehre, dafür aber das Fasten lerne. „Indem wir so”, sagte er, „voneinander das Fehlende empfangen, werden wir die Vollendung der Tugend erreichen. Denn wie auf den weltlichen Märkten der eine Brot verkauft, der andere Gemüse, der eine Kleiderhändler ist, der andere Schuhmacher, und wie sie zwecks angenehmer Lebensführung ihren Bedarf gegenseitig tauschen ― denn der Kleider gibt, erhält dafür Schuhe, der Gemüse kauft, gibt dafür Brot ―, so müssen auch wir die kostbaren Gattungen der Tugend einander mitteilen.”

Als so die Griechen sich übten und stritten und in ihrer Sprache Gott lobten, erfaßte auch die Mönche, welche nur der Landessprache mächtig waren, ein Verlangen nach derselben Übung, und es kamen einige herbei und baten um Aufnahme in die Herde und um die Teilnahme an seiner heiligen Unterweisung. Er nahm ihre Bitte gütig an, eingedenk des Gebotes des Herrn, das er den heiligen Aposteln gab: „Gehet hin, lehret alle Völker!” So erbaute er neben jenem Kloster ein anderes und hieß jene darin wohnen. Zugleich errichtete er eine Kirche, worin diese und jene sich versammeln sollten am Anfange und am Ende des Tages, um Morgen- und Abendgesang gemeinschaftlich Gott darzubringen, in zwei Chöre geteilt, ein jeder in seiner Sprache abwechselnd zu Gott Lieder emporsendend. Und diese Gewohnheit hat sich bis auf den heutigen Tag erhalten, und weder die Zeit, die dieses und Ähnliches gerne ändert, noch die Nachfolger im Amte haben es über sich gebracht, die Bestimmungen, die jener erlassen, umzustoßen, und doch sind ihm nicht bloß zwei oder drei, sondern viel mehr Vorsteher gefolgt. Denn nachdem er den Kampf beendet und aus diesem Dasein geschieden und in jenes leidlose Leben hinübergegangen war, übernahm zunächst Theoteknos die Leitung der griechischen, Aphthonius die der syrischen Sprache: beide lebendige Säulen und Abbilder seiner Tugend. Diese ließen weder ihre Schüler noch auch die von außen Kommenden den Weggang des Verstorbenen empfinden, als echte Abbilder seiner Lebensart sich erweisend. Aber der gottselige Theoteknos lebte nicht lange; er übergab die Leitung dem Theodotus. Aphthonius dagegen behielt sehr lange die Sorge für die Herde bei und leitete sie nach den bestehenden Gesetzen.

Theodotus stammte aus Armenien, hatte jene aszetische Vereinigung geschaut, trat zuerst in die Reihe der Untergebenen ein und folgte dem großen Theoteknos als Führer. Nachdem aber dieser, wie gesagt, von hier geschieden war, übernahm er selbst das Vorsteheramt, glänzte durch so große Tugend, daß er fast seine Vorgänger durch seinen Ruf in Schatten stellte. Denn so hatte ihn die göttliche Liebe in Besitz genommen und mit solchen Pfeilen ihn verwundet, daß er Tag und Nacht Tränen der Zerknirschung vergoß. Er war mit so großer geistiger Gnade erfüllt, daß, wenn er betete, alle Anwesenden schwiegen und nur auf seine heiligen Worte lauschten, indem sie das Anhören für tätiges Gebet hielten. Denn wer wäre so steinhart, daß ihm bei seinen Gebetsworten die Seele sich nicht besänftigt und, in ihrer Härte und Unfolgsamkeit erweicht, sich nicht dem Dienste Gottes zugewandt hätte? So mehrte er täglich seinen Reichtum und häufte Tugend um Tugend in die diebessicheren Schatzkammern. Nachdem er fünfundzwanzig Jahre die Herde geweidet hatte, wurde er, wie die göttliche Schrift sagt, zu den Vätern versammelt in schönem Alter. Die Zügel übergab er dem Theoteknos, der dem Blute nach sein Brudersohn, der Lebensweise nach sein Bruder war.

Jener gottselige Aphthonius erlangte, nachdem er länger als vierzig Jahre der frommen Schar vorgestanden hatte, das hohepriesterliche Amt, legte aber den Mantel der Aszeten nicht ab, auch nicht das Gewand, aus Ziegenhaaren verfertigt; auch nahm er dieselben Speisen, die er vor seiner Erhebung genossen hatte. Und trotz Übernahme dieser großen Sorge kümmerte er sich nichtsdestoweniger um jene Herde; dort hielt er sich Tage auf, indem er bald Zwistigkeiten von Streitenden schlichtete, bald Fürsorge trug für die, welche von irgendeinem Leiden gequält wurden, ein anderes Mal den Schülern heiligen Vortrag hielt. Während er dies alles tat, flickte er dazwischen die zerrissenen Kleider der Mönche oder reinigte das Linsengemüse oder wusch das Getreide oder unterzog sich einer anderen derartigen Arbeit. Nachdem er so den Bischofsstuhl geziert und die Tugend gemehrt, lief er, mit solcher Last befrachtet, in den göttlichen Hafen ein.

Und was soll ich weiter über Theoteknos sagen und seinen Nachfolger Gregorius, von denen jener von Jugend auf jeden Grad heiliger Weisheit sich erwarb und mit dem Ruhme seiner Ahnen von hier schied, dieser aber auch jetzt noch in hohem Alter wie mit jugendlicher Körperkraft arbeitet? Völlig versagte er sich die Frucht des Weinstocks, den Genuß des Essigs und der getrockneten Weinbeeren und der Milch, sowohl der frischgemolkenen wie der geronnenen. Denn diese Lebensweise hatte der große Publius vorgeschrieben. Den Ölgenuß kannten sie nur zu Pfingsten, darnach verzichteten sie wieder darauf.

Solches habe ich über den großen Publius in Erfahrung gebracht, teils vom Hörensagen, teils dadurch, daß ich in den Schülern den Lehrer schaute und durch die Ringkämpfer den Führer kennen lernte. Ich hielte es aber für Unrecht und bösen Willen, ein so nutzbringend Vorbild der Vergessenheit zu überlassen; darum habe ich die Erzählung hierhergesetzt für alle, die nicht darum wissen, in der Absicht, ihnen daraus Nutzen zu bringen und für mich selber aus der Erinnerung Gewinn zu ziehen. Denn ich habe die Worte des Herrn vernommen: „Ein jeder, der mich vor den Menschen bekennt, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel bekennen.” Und ich weiß wohl, daß, wenn ich ihr Andenken den Menschen vermittle, sie meiner bei Gott gedenken werden.

Symeon der Ältere

Wer mit Absicht Symeon den Älteren überginge und das Andenken an seine hohe Tugend der Vergessenheit überlieferte, der könnte dem Vorwurfe der Ungerechtigkeit und des bösen Willens nicht entgehen, da er das äußerst Lobenswerte nicht lobte und denen, die daraus Nutzen ziehen wollen, Nachahmenswertes vorenthielte. Ich aber will, nicht aus Furcht vor Tadel, sondern aus Verlangen, ihn zu loben, seinen Wandel erzählen.

Dieser pflegte sehr lange Zeit das Einsiedlerleben und wohnte in einer kleinen Höhle ohne jeden menschlichen Trost, denn er wollte allein sein und redete unaufhörlich mit dem Gott des Alls. Als Nahrung dienten ihm eßbare Kräuter. Die Anstrengung verschaffte ihm reiche Gnaden von oben, so daß er auch den stärksten und mutigsten wilden Tieren gebot. Dies wurde nicht bloß den Christen, sondern auch ungläubigen Juden kund. Geschäftehalber reisten solche nach einer der Festungen, die außerhalb unseres Gebietes liegen. Da ein starker Regen fiel und ein Sturmwind dazu kam, verfehlten sie den Weg, weil sie den Boden vor sich nicht sehen konnten. So irrten sie in der Wüste umher und konnten kein Dorf, keine Höhle, keinen Wanderer finden. Mitten auf dem Festlande wie Schiffer vom Sturme umhergetrieben, stießen sie wie auf einen Hafen auf die Höhle des göttlichen Symeon und sahen da einen verwilderten und schmutzigen Menschen mit einem kurzen Flaus über den Schultern. Der erblickte sie und grüßte, denn er war sehr leutselig und fragte sie nach der Ursache ihres Kommens. Als sie ihr Geschick erzählt hatten und ihn baten, ihnen den Weg nach der Feste zu zeigen, sagte er: „Bleibet, und alsbald werde ich euch Führer geben, die den verlangten Weg zeigen werden.” Diese waren damit einverstanden und ruhten etwas aus. Wie sie nun dasaßen, kamen zwei Löwen herbei, nicht grimmig dreinblickend, sondern wie einem Herrn ihm schmeichelnd und ihren Dienst ihm anbietend. Diesen nickte er zu und befahl ihnen, die Fremden zu geleiten und auf den Weg zurückzuführen, von dem sie abgeirrt waren. Niemand möge diese Geschichte für Fabel halten. Sind doch die gemeinsamen Feinde der Wahrheit hier Zeugen für die Wahrheit. Denn sie, denen die Wohltat zuteil wurde, hören nicht auf, sie laut zu verkünden. Und dieses hat mir der große Jakobus berichtet, der sagte, er sei zugegen gewesen, da sie das Wunder dem gottseligen Maron erzählten. Wer nun den Juden, die ein Wunder der Christen bezeugen, keinen Glauben schenken will, muß man den nicht für ungläubiger als die Juden erachten? Feinde geben sich gefangen und beugen sich den Strahlen der Wahrheit. Die aber als Freunde und Genossen im Glauben gelten, glauben nicht den Feinden, welche die Kraft der Gnade bezeugen.

Durch diese Wundertaten wurde der gottselige Mann berühmt und zog viele Barbaren der Nachbarschaft heran. Es bewohnen jene Wüste, die sich Ismaels als ihres Stammvaters rühmen. Da er aber die Ruhe suchte, sah er sich genötigt, seine Höhle zu verlassen, und nachdem er einen langen Weg zurückgelegt hatte, gelangte er an einen Berg, Amanos genannt. Diesen Berg, der ehedem strotzte von unsinnigem Götzendienst, kultivierte er durch viele und mannigfache Wunder und pflanzte dort die Frömmigkeit, die jetzt noch geübt wird. Alle aufzuzählen, wäre mühsam, vielleicht mir auch unmöglich. Ein Begebnis jedoch muß ich erwähnen, das ich gleichsam als Kennzeichen seiner apostolischen und prophetischen Wunderkraft vorlege. Den Lesern aber überlasse ich es, daraus zu erkennen, welche Kraft der Gnade er empfangen hatte.

Es war Sommer und die Erntezeit, und die Garben wurden auf die Tenne gebracht. Ein Mann, mit dem rechtmäßigen Arbeitsertrage nicht zufrieden und gierig nach fremdem Gute, stahl einige Garben des Nachbarn und versuchte den eigenen Haufen dadurch zu vergrößern. Aber sogleich traf ihn für den Diebstahl das Gericht Gottes. Es fiel ein Blitz, und die Scheune brannte nieder. Jener Elende kam zu dem Manne Gottes, der nicht weit von dem Dorfe wohnte, und erzählte ihm den Vorfall, suchte aber den Diebstahl zu verheimlichen. Als ihm jedoch geboten wurde, die Wahrheit zu sagen, gestand er den Diebstahl, denn sein Unglück zwang ihn, sich selbst anzuklagen. Der gottselige Mann befahl ihm, durch Beseitigung der Ungerechtigkeit die Strafe aufzuheben. „Denn”, sagte er, „wenn du jene Garben zurückerstattest, wird das gottgesandte Feuer erlöschen.” Da hätte man sehen sollen, wie der lief, dem Geschädigten die Ähren zu bringen. Der Brand aber erstarb ohne Wasser auf das Gebet und die Fürsprache des göttlichen Greises hin. Das erfüllte mit Furcht nicht bloß die Nachbarschaft, sondern die ganze Stadt Antiochien, unter deren Herrschaft das Dorf stand, und es veranlaßte sie, dorthin zu eilen, die einen um Befreiung von teuflischer Anfechtung, andere um Heilung des Fiebers, andere um Erlösung von sonstigem Übel. Er aber teilte reichlich die Ströme der in ihm wohnenden Gnade aus.

Wieder nach Ruhe sich sehnend, wünschte er nach dem Berge Sinai sich zu begeben. Als dies viele der Besten, welche dasselbe aszetische Leben mit ihm befolgten, hörten, kamen sie herbei und verlangten mit ihm die Wanderschaft zu teilen. Nachdem sie nun mehrere Tage lang gegangen und in die sodomitische Wüste gelangt waren, sahen sie von weitem Hände eines Mannes, die aus der Tiefe in die Höhe sich reckten. Da sie zuerst einen Betrug des Teufels befürchteten, beteten sie gar eifrig. Als aber das Schauspiel nicht verschwand, gingen sie auf den Platz zu und gewahrten da eine kleine Grube, wie sie sich die Füchse als Schlupfwinkel zu graben pflegen, sahen aber niemand, der sich daselbst gezeigt hätte. Als nämlich der Mann, der die Hände emporstreckte, die Fußtritte hörte, hatte er sich in das Innere des Schlupfwinkels versteckt. Der Greis bückte sich hinein und bat den Insassen gar sehr, sich doch sehen zu lassen, wenn er menschliche Natur besäße und nicht ein trügerischer Teufel wäre, der solches vorspiegele. „Denn”, sagte er, „auch wir pflegen das aszetische Leben, und nach Ruhe verlangend, irren wir in dieser Wüste umher, um auf dem Berge Sinai den Gott des Alls zu verehren, wo er dem Diener Moses sich zeigte und mit ihm sich unterhielt und ihm die Tafeln des Gesetzes übergab. Nicht weil wir glaubten, daß Gott auf einen Ort eingeengt sei; denn wir hören, wie er erklärt: ‚Himmel und Erde erfülle ich, spricht der Herr1’, und ‚den Umkreis der Erde hat er inne und die auf ihm wohnen wie Heuschrecken2’, sondern weil die heiß Liebenden nicht bloß nach den Geliebten sehnlichst verlangen, sondern auch die Orte ihnen liebenswert sind, die sich ihrer Gegenwart und ihres Verkehrs erfreuten.” Da der Greis dies und Ähnliches redete, kam der in dem Schlupfwinkel verborgene Mann hervor. Er war wild anzusehen, mit struppigem Haar, das Gesicht runzelig, alle Glieder des Körpers ausgedörrt, gehüllt in ärmliche Lumpen, die mit Palmschößlingen zusammengenäht waren. Nachdem er sie begrüßt und den Frieden gewünscht, fragte er, wer sie seien und woher sie kämen und wohin sie gingen. Diese beantworteten die Frage und erkundeten nun ihrerseits, woher er gekommen und warum er doch diese Lebensweise ergriffen habe. Er aber: „Auch ich hatte dasselbe Verlangen wie ihr bei eurer Reise und hatte als Weggenossen einen gleichgesinnten Freund gewählt, der dasselbe Ziel mit mir teilte. Wir verpflichteten uns gegenseitig unter Eid, daß nicht einmal der Tod unser Zusammensein lösen sollte. Auf der Reise nun begab es sich, daß jener an diesem Orte starb. Ich aber, durch den Eidschwur gebunden, machte so gut ich konnte eine Grube und übergab den Leib dem Grabe. Neben diesem Leichnam habe ich mir ein anderes Grab gegraben und erwarte da das Ende meines Lebens und bringe dem Herrn den gewohnten Dienst dar. Als Nahrung dienen mir die Früchte der Palme, welche mir ein Bruder bringt, dem es von meinem Fürsorger aufgetragen ist.” Während er so sprach, zeigte sich von ferne ein Löwe. Die Begleiter des Greises wurden von Todesschrecken befallen. Da dies der Bewohner der Höhle merkte, stand er auf und winkte dem Löwen, auf die andere Seite sich zu begeben. Dieser gehorchte sogleich und kam mit einer Traube Datteln. Dann wandte er sich um und lief wieder fort und legte sich abseits der Männer schlafen. Nachdem der Alte die Datteln an alle verteilt hatte, verrichtete er gemeinsam mit ihnen das Gebet und den Psalmengesang. Dann entließ er sie liebevoll gegen Morgen, sie, die voll des Staunens waren über das neue Wunder.

Wenn jemand dem Gesagten keinen Glauben schenken will, der denke an die Lebensgeschichte des Elias und den Dienst, den ihm die Raben leisteten, die ihm in der Frühe Brot, gegen Abend aber regelmäßig Fleisch brachten. Leicht ist es dem Schöpfer der Welt, mannigfache Wege für die Versorgung der Seinigen zu finden. So bewahrte er in dem Bauche des Fisches den Jonas drei Tage und drei Nächte und bewirkte, daß die Löwen in der Grube den Daniel anstaunten und machte, daß das leblose Feuer vernünftig handelte, die drinnen erleuchtete und die draußen verbrannte. Doch ich halte es für überflüssig, Beweise für die göttliche Macht vorzubringen.

Nachdem der wunderbare Greis nun den ersehnten Berg erreicht hatte, soll er an dem Orte, wo Moses Gott zu schauen gewürdigt wurde ― zu schauen insoweit es einer sterblichen Natur möglich ist ―, in die Knie gesunken und nicht eher aufgestanden sein, bis er eine göttliche Stimme vernahm, die ihm das Wohlgefallen des Herrn kündete. Wie er so eine ganze Woche in gebeugter Stellung verbracht, ohne die geringste Nahrung zu nehmen, befahl ihm eine Stimme, das Vorgesetzte zu nehmen und bereitwillig zu essen. Und er streckte die Hand aus und fand drei Äpfel und aß sie, wie ihm geboten. Und er wurde mit aller Kraft erfüllt, und freudig, wie natürlich, begrüßte er seine Gefährten. Froh und frohlockend kam er zurück. Hatte er doch eine göttliche Stimme vernommen und abermals von Gott gegebene Speise gekostet.

Zurückgekehrt, baute er zwei Pflegestätten der Aszese, eine auf dem Rücken des genannten Berges, die andere unten am Fuße. In beiden versammelte er Streiter der Tugend und war in dieser wie in jener Anführer und Lehrer. Er belehrte sie über die Angriffe des bösen Feindes, verhieß ihnen das Wohlgefallen des Preisgebers, ermunterte sie, mutig zu streiten, erfüllte sie mit Einsicht; er ermahnte sie, gegen die Genossen bescheiden zu sein, aber gegen den Feind befahl er ihnen Geistesstärke zu zeigen. Solches lehrend, so lebend, so große Wunder wirkend und die vielfachen Strahlen der Tugend aussendend, kam er an das Ende seines mühereichen Daseins und ging hinüber zu dem Leben ohne Alter und Leid, unvergänglichen Ruhm und ein Andenken, das ewig bleibt, hinterlassend. Seines Segens erfreute sich, während er lebte, meine selige und dreimal selige Mutter, und sie hat mir oft vieles von ihm erzählt. Ich aber bitte, mich seiner jetzigen Macht und Fürbitte erfreuen zu dürfen, und ich weiß, daß ich dies erlangen werde: denn, die Menschenfreundlichkeit des Herrn nachahmend, wird er die Bitte erfüllen.

Palladius

Sein Zeitgenosse, an Sitten ihm gleich und sein Vertrauter, war der berühmte Palladius. Denn wie berichtet wird, besuchten beide einander, sich gegenseitig Nutzen zu bringen, eiferten sich an und entflammten sich zu göttlicher Liebe. Palladius hatte sich in einer kleinen Zelle eingeschlossen, nahe einem sehr großen und volkreichen Dorfe, namens Immä. Von dem Starkmute des Mannes, seinem Fasten, seinen Nachtwachen und ununterbrochenem Gebete zu berichten, halte ich für überflüssig. Denn darin zog er mit jenem göttlichen Symeon unter dem gleichen Joche. Das Wunder aber, welches bis heute noch besungen wird, das von seiner Stimme und seiner Hand gewirkt wurde, hielt ich der Erzählung wert.

Ein Jahrmarkt wurde in dem genannten Dorfe abgehalten, der von allen Seiten Kaufleute herbeigezogen und eine sehr große Menschenmenge angelockt hatte. Ein Kaufmann, der die mitgebrachten Waren verkauft und das Geld zusammengebracht hatte, wollte in der Nacht abreisen. Ein Raubmörder, der die Summe gesehen, wurde von einer wahnsinnigen Leidenschaft erfaßt, verscheuchte den Schlaf von den Augen und lauerte auf die Abreise des Mannes. Nach dem Hahnenruf machte der Kaufmann sich arglos auf den Weg. Der andere aber war ihm zuvorgekommen, hatte einen für einen Hinterhalt geeigneten Platz ausgesucht, sprang plötzlich daraus hervor, versetzte ihm einen Schlag und vollbrachte den Mord. Aber zu dieser Schandtat fügte er noch ein anderes Verbrechen. Er nahm das Geld, den entseelten Leib aber warf er vor die Türe des großen Palladius. Als der Tag angebrochen war und das Gerücht davon sich verbreitete, besprach der ganze Jahrmarkt das Geschehene. Alles lief zusammen, sie erbrachen die Türe und verlangten für die Meintat Rechenschaft von dem göttlichen Palladius. Einer von diesen war der Mörder selbst. Von einer so großen Menge umringt, erhob der gottselige Mann seine Augen zum Himmel und seinen Geist über den Himmel hinaus und flehte zum Herrn, daß er die lügenhafte Verleumdung widerlegen und die verborgene Wahrheit offenbaren möge. Indem er so betete und die Rechte des Daliegenden erfaßte, sprach er: „Sage, o Jüngling, wer hat dir den Schlag beigebracht? Zeige den Urheber der Schandtat und befreie den Unschuldigen von der bösen Verleumdung.” Es folgte dem Worte das Wort und der Rechten der Mensch: der Tote setzte sich auf, musterte die Anwesenden und wies mit dem Finger auf den Mörder. Da erhob sich ein allgemeines Geschrei über das Wunder, man staunte und war entrüstet über die schändliche Verleumdung. Sie zogen dem Mörder die Kleider aus und fanden das noch vom Blute gerötete Messer sowie das Geld, welches die Ursache des Mordes gewesen war. Der göttliche Palladius, vorher schon sehr geehrt, ward noch weit geehrter von jetzt an. Denn das Wunder genügte, des Mannes Macht bei Gott darzutun.

In derselben Familie lebte auch der wundervolle Abraames, der den sogenannten Paratomos bewohnte, nach allen Seiten aber die Strahlen seiner Tugend sandte. Zeugnis für den Glanz seines Lebens legen die Wunder ab, die nach seinem Tode geschehen. Denn aus seinem Sarge strömen bis auf den heutigen Tag Heilkräfte verschiedener Art. Zeugen sind die, welche im Glauben reichlich daraus schöpfen. Mir aber möge vergönnt sein, deren Hilfe zu erlangen, durch deren Erwähnung ich meine Zunge geheiligt habe.

Aphraates

Daß alle Menschen von gleicher Natur sind und daß es leicht ist, wenn man nur will, der Vollkommenheit sich zu befleißigen, mag man Grieche oder Barbar sein, läßt sich unschwer aus vielen anderen Beispielen ersehen. Es reicht aber Aphraates allein hin, dies darzutun. Denn er war unter den ganz unbändigen Persern geboren und erzogen; und obgleich solchen Eltern entsprossen und zu ihren Gewohnheiten angeleitet, schwang er sich zu einem Tugendgrade empor, daß er die, welche von Christen abstammen und von Kindheit an christliche Nahrung genossen haben, in den Schatten stellte. Zuerst verzichtete er auf seinen Adel, der sehr angesehen und glänzend war, und eilte zum Dienste des Herrn, seine Vorfahren, die Magier, nachahmend. Sodann zog er aus Abscheu gegen die Gottlosigkeit seiner Landsleute die Fremde der Heimat vor und begab sich nach Edessa, einer sehr großen und volkreichen Stadt, die besonders durch Religiosität glänzte. Dort fand er außerhalb der Mauern ein Häuschen und schloß sich darin ein, nur um die eigene Seele bekümmert. Wie ein guter Landwirt jätete er die Dornen der Leidenschaften und reinigte das Saatfeld Gottes, um dem Herrn schöne Früchte des evangelischen Samens darzubringen, Von da begab er sich nach Antiochien, das vom Sturme der Häresie schwer bedrängt war, und nahm vor der Stadt in einem Kloster Wohnung. Nachdem er einige wenige Worte Griechisch gelernt, zog er sehr viele zur Anhörung des göttlichen Wortes heran. In einem Mischbarbarisch trug er die Schmerzenskinder seiner Gedanken vor; vom Heiligen Geiste aber empfing er gewaltige Ströme der Gnade. Denn wer von denen, die sich mit Beredsamkeit brüsten, mit den Augen zwinkern und anmaßend sprechen und an den Schlingen der Syllogismen kindisches Gefallen finden, hat jemals jene ungelehrte und barbarische Sprache übertroffen? Beweisen setzte er Beweise entgegen; mit göttlichen Worten bekämpfte er die Worte der Philosophen, mit dem hl. Paulus ausrufend: „Wenn auch ungebildet in der Rede, aber nicht in der Erkenntnis.” Und dieses Verfahren hielt er immer ein, gemäß den apostolischen Worten: „Niederreißend die Schlüsse und alle die Hoheit, welche sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und gefangennehmend jeden Verstand zum Gehorsam Christi.” Und man sah zusammenströmen Leute in Amt und Würde und militärische Befehlshaber, aber auch solche, die von der Arbeit ihrer Hände lebten, kurz Ungebildete und Soldaten, Gelehrte und der Wissenschaft Unkundige, Arme und in Reichtum Glänzende, die einen in Stillschweigen zuhörend, die andern fragend und forschend und so Veranlassung zur Aussprache gebend.

So großer Mühe unterzog er sich, ohne je einen Hausgenossen anzunehmen; er wollte lieber selbst alles tun, als Dienste von andern annehmen. Und da er vor der Türe in der Hausflur die Versammlungen abhielt, öffnete er selbst den Ankommenden und gab ihnen selbst beim Weggang das Geleite. Von niemand aber nahm er je etwas an, kein Brot, kein Gemüse, kein Kleid, sondern einer nur aus seinen Vertrauten lieferte ihm das Brot. Erst in hohem Alter nahm er auch etwas Gemüse nach Sonnenuntergang zu sich. Wie erzählt wird, brachte ihm Anthemius, der später Präfekt und Konsul wurde, bei der Rückkehr von seiner Gesandtentätigkeit in Persien ein persisches Gewand mit und sprach: „O Vater, da ich weiß, daß jedem Menschen das eigene Vaterland süß ist und sehr lieblich die Früchte, die dort wachsen, habe ich dir dieses Gewand mitgebracht; ich bitte dich, es anzunehmen, mir aber dafür deinen Segen zu spenden.” Zunächst hieß er es auf die Schwelle legen, und nachdem sie noch weitere Worte gewechselt, versetzte er, er werde beängstigt, da seine Gedanken miteinander im Streite lägen. Da jener nach der Ursache fragte, sagte er: „Ich hatte mir vorgenommen, nur einen Hausgenossen zu haben und es mir zum Gesetze gemacht, einem zweiten ganz und gar die Gesellschaft zu versagen. Nachdem nun sechzehn Jahre einer, der mir sehr wert ist, bei mir gewohnt hat, kommt nun ein Landsmann zu mir, will bei mir wohnen und bittet um die Aufnahme. Das macht meinen Sinn zwiespältig. Zwei kann ich auf einmal nicht haben; den Landsmann begrüße ich als Landsmann, den ersten mir liebgewonnenen Freund aber fortzujagen, fällt mir schwer und halte ich für ungerecht.” Da sprach Anthemius: „Ganz billig, o Vater, denn es ist nicht recht, einen, der so lange gut gedient hat, als untauglich fortzuschicken, den aber, welcher noch keine Probe seines Betragens gegeben hat, bloß wegen der Landsmannschaft anzunehmen.” Darauf erwiderte der göttliche Aphraates: „So nehme ich denn auch dieses Gewand nicht an; denn zwei Gewänder zu haben, ist mir unerträglich. Angenehmer und besser aber ist nach meinem und deinem Urteil jenes, das so lange Zeit mir gedient hat.” Nachdem er so den Anthemius überführt und seines wundervollen Scharfsinnes ihm eine Probe gegeben, brachte er ihn dahin, kein Wort mehr über jenes Gewand zu verlieren. Ich aber habe dies erzählt, um zweierlei zu zeigen, einmal daß er nur von einem Manne die nötigen Dienste für seinen Körper empfing, sodann daß er von so großer Weisheit erfüllt war und den Perser, der um Annahme des Gewandes bat, dazu vermochte, für die Nichtannahme zu stimmen. Doch dieses verlassend, gehen wir zu Größerem über.

Als der gottverhaßte Julian die Strafe für seine Gottlosigkeit im Lande der Barbaren erlitten hatte, genossen die Anhänger der wahren Religion kurze Zeit Ruhe, da Jovian das Steuer des römischen Reiches führte. Nachdem aber auch dieser nach kurzer Regierung sein Leben beendet hatte, übernahm Valens die Regierung über den Osten, und es peitschten wieder Stürme und Unwetter unser Meer auf, und ein furchtbarer Wogendrang erhob sich, und berghohe Wellen stürmten von allen Seiten auf das Schiff ein. Den Sturm machte noch empfindlicher die Abwesenheit der Steuerlenker. Denn diese hielt der gegen die wahre Religion übermütig wütende Kaiser in der Verbannung. Aber solche Gesetzesverletzung tat seiner Gottlosigkeit nicht Genüge, er suchte vielmehr die Gemeinschaft aller Rechtgläubigen zu zerstreuen, gierig wie ein wildes Tier die Herde auseinander zu jagen. Darum vertrieb er sie nicht nur aus allen Kirchen, sondern auch von dem Fuße des Berges und von den Ufern des Flusses und aus der Kriegsschule. Denn zwischen diesen Plätzen hatten sie, ein Spielball der Waffengewalt, fortwährend wechseln müssen. Überdies verwüsteten die Skythen und andere Barbaren ohne Scheu ganz Thrazien vom Ister bis zur Propontis. Er aber hatte dafür, wie man zu sagen pflegt, taube Ohren und richtete seine Waffen gegen seine Landsleute und Untertanen, und zwar die, welche sich durch Frömmigkeit auszeichneten. Das Volk Gottes aber, jammernd über die schlimmen Zeiten, sang jenes Davidsche Klagelied: „An den Flüssen Babylons, da saßen wir und weinten, indem wir Sions gedachten.” Das Übrige des Liedes paßt freilich nicht auf sie, denn nicht haben Aphraates und Flavianus und Diodorus die Harfen ihrer Lehre an die Weiden gehängt und ließen nicht sprechen: „Wie sollen wir das Lied des Herrn singen in fremdem Lande?”, sondern auf Bergen und in Ebenen, in der Stadt und in den Vorstädten, in Häusern und auf öffentlichen Plätzen sangen sie unausgesetzt das Lied des Herrn. Denn sie hatten von David gelernt: „Des Herrn ist die Erde und ihre Fülle und der Erdkreis und alle, die ihn bewohnen.” Und wieder hatten sie von demselben Propheten vernommen: „Preiset den Herrn, alle seine Werke, an jedem Orte seiner Herrschaft!” Sie hatten auch den gottbegnadeten Paulus gehört, der ermahnt: „Beten sollen die Männer an jedem Orte, heilige Hände erhebend ohne Zorn und Zänkerei!” Und der Herr selbst hat in der Unterredung mit der Samariterin dies noch genauer ausgesprochen: „Wahrlich sage ich dir, o Weib, es kommt die Stunde, und sie ist jetzt da, wo sie weder an diesem Orte noch in Jerusalem, sondern an allen Orten den Vater anbeten werden.” So belehrt, hörten sie nicht auf, zu Hause und auf dem Markte oder, mit dem Apostel zu reden, „öffentlich und in den Häusern” zu predigen und wie vorzügliche Feldherrn die eigenen Leute zu waffnen und die Gegner zu treffen. Daß nun der große Flavian und der gottselige Diodor, damals Unterhirten und mit dem zweiten Vorsteheramte betraut, so handelten, ist unserer Bewunderung und alles Lobes wert. Gleichwohl aber handelten sie als beamtete Führer und als solche zum Kriegsdienste verpflichtet. Aber der weiseste Aphraates stürzte sich freiwillig in die Kämpfe. Obgleich er in der Ruhe aufgewachsen war und das einsame Leben sich erwählt hatte und, wie man zu sagen pflegt, außer Schußweite saß, dachte er, da er die Heftigkeit des Kampfes gewahrte, nicht an die eigene Sicherheit, sondern zeitweilig der Ruhe Lebewohl sagend ward er zum Vorkämpfer der rechtgläubigen Kriegsschar, niederwerfend durch sein Leben, sein Wort, seine Wunder, niemals aber niedergeworfen. Einst sah ihn der ganz unverständige Kaiser in die Kriegsschule gehen (denn dort versammelten sich damals die Verehrer der Dreifaltigkeit). Jemand hatte den Kaiser, der eben aus dem Palaste hervorguckte, auf den am Flußufer entlang gehenden Mann hingewiesen. Und er fragte ihn, wohin er so eilig gehe. Dieser antwortete, daß er für den Erdkreis und das Reich beten gehe. Da fragte der Kaiser weiter: „Warum verläßt du die Ruhe und wandelst so frei auf dem Marktplatz, der du doch das einsame Leben ergriffen hast?” Er aber sprach nach dem Beispiele des Herrn, der in Parabeln zu lehren pflegte: „Sage mir, o Kaiser, wenn ich eine Jungfrau wäre und in einem Gemache verborgen, sähe aber einen Menschen Feuer an das väterliche Haus anlegen, was würdest du mir angesichts der lodernden Flamme und des brennenden Hauses anraten? Drinnen zu bleiben und zuzuschauen, wie das Haus ein Raub der Flammen werde? Aber so würde ich selbst eine Beute des Feuers. Wenn du aber sagst, da müsse man laufen und Wasser holen, auf und ab springen und die Flamme löschen, so tadle mich nicht, wenn ich eben dieses tue. Denn was du der im Gemache eingeschlossenen Jungfrau rietest, das muß ich tun, obgleich ich das Einsiedlerleben ergriffen habe. Wenn du mich aber tadelst, daß ich die Einsamkeit verlassen habe, so tadle dich, der du das Feuer in das Haus Gottes geworfen hast, nicht mich, der ich zu löschen gezwungen werde. Denn daß man dem väterlichen Hause, wenn es in Brand steht, zu Hilfe kommen muß, hast auch du zugegeben. Es ist aber jedem, auch wenn er in göttlichen Dingen ganz unwissend ist, klar, daß Gott uns näher steht als die irdischen Väter. Darum liegt es unserer Aufgabe nicht fern und widerspricht nicht unserem ursprünglichen Entschlusse, wenn wir, o Kaiser, die Anhänger des wahren Glaubens versammeln und weiden und die göttliche Speise ihnen vorlegen.” Dem Gesagten stimmte der Kaiser zu, besiegt durch die Gerechtigkeit der Verteidigung.

Ein Mensch aus der Reihe derer, die weder zu den Männern noch zu den Weibern zählen, denen die Möglichkeit genommen ist, je Vater zu werden und darum für treue Diener des Kaisers gelten, woher sie auch den Namen haben, dieser hatte schon lange den Mann Gottes beschimpft und ihm sogar den Tod angedroht; aber es dauerte nicht lange, und er büßte seine Frechheit. Als der Kaiser nämlich durch ein Bad seinen Körper erfrischen wollte, ging der Elende voraus, um die Badewanne zu prüfen, ob sie die rechte Temperatur hätte. Wie geistesgelähmt sprang er in die Wanne, die siedendes Wasser enthielt; und da niemand dabei war (denn allein sollte er nachsehen, ob es in Ordnung sei), verbrühte er und kam um. Da unterdessen einige Zeit vergangen war, schickte der Kaiser einen andern, der jenen rufen sollte. Da er ihn aber in keiner der Zellen fand, berichtete er dem Kaiser. Daraufhin gingen mehrere hinein und untersuchten alle Wannen; und als sie schließlich zu jener kamen, sahen sie ihn hineingestürzt und des Lebens beraubt. Es entstand große Aufregung, und alle jammerten; die einen schöpften das heiße Wasser aus, die andern zogen den unseligen Leichnam heraus. Da befiel Schrecken den Kaiser und alle, die den wahren Glauben bekämpften. Durch die ganze Stadt ging die Kunde von der Strafe, womit jener Elende für sein Wüten gegen Aphraates büßte; und alle priesen einmütig den Gott des Aphraates. Dies vereitelte den Plan der Gegner, den Mann Gottes in die Verbannung zu schicken. Erschreckt wies der Kaiser die Ratgeber, welche solches verlangten, ab und hatte Ehrfurcht vor dem Manne. Hatte er doch seine Tugend auch von anderer Seite kennen gelernt.

Ein edelrassiges Pferd, zum Reiten wohl dressiert, war des Kaisers Liebling. Diesem stieß eine Krankheit zu, die den Kaiser sehr betrübte. Sie bestand in der Schwierigkeit, das Wasser zu lassen. Zu ihrer Heilung wurden die in dieser Kunst Geübten herbeigerufen. Da aber ihr Können versagte, wurde der Kaiser mißmutig, und es jammerte der mit der Sorge für die Pferde Betraute. Dieser war gottesfürchtig und besaß einen starken Glauben. So machte er sich zur Mittagszeit mit dem Pferde zur Wohnung des großen Aphraates auf, erklärte ihm das Leiden, offenbarte ihm auch seinen Glauben und bat ihn, durch sein Gebet die Krankheit zu heilen. Ohne Zögern flehte dieser sogleich zu Gott, befahl Wasser aus dem Brunnen zu holen, machte das Zeichen des heilsamen Kreuzes darüber und ließ es dem Pferde vorhalten. Dieses trank gegen seine Gewohnheit. Sodann segnete er durch die Anrufung Gottes Öl, bestrich damit den Bauch des Pferdes, und durch die Berührung seiner Hand wurde auf der Stelle das Leiden behoben, und sofort fand die Ausscheidung naturgemäß statt. Freudig eilte der Mann mit dem Pferde dem Stalle zu. Am späten Abend aber pflegte der Kaiser den Marstall zu besuchen, und so kam er und fragte, wie es mit dem Pferde stehe. Der Wärter konnte mitteilen, daß es gesund sei, und führte das Pferd heraus. Als der Kaiser es gesund und munter, wiehernd und den Nacken stolz erhebend fand, fragte er nach der Ursache der Heilung. Da jener lange mit der Antwort zögerte (denn er scheute sich, den Arzt anzugeben, da der, nach dem er fragte, ihm verhaßt war), wurde er endlich genötigt, die Wahrheit zu sagen und teilte ihm die Art der Heilung mit. Der Kaiser war verblüfft und gestand, daß der Mann bewunderungswürdig sei. Aber dennoch ließ er nicht von seinem alten Wahn, sondern fuhr fort, gegen den Eingebornen zu wüten, bis er eine Beute des Feuers im Barbarenlande wurde. Nicht einmal die Ehre eines Grabes ward ihm zuteil, wie sie doch Dienern und Bettlern vergönnt ist. Aber der göttliche Aphraates bewies auch in jenem Sturme die ihm eigene Mannhaftigkeit; und auch als Ruhe eingetreten war, tat er ebenso bis zu seinem Ende. Noch unzählige andere Wunder verrichtete er, von denen ich nur eines oder zwei erzählen will.

Eine Frau aus vornehmem Geschlechte zog das Joch der Ehe mit einem ausschweifenden Gatten. Diese kam zu dem seligen Manne und bejammerte ihr Unglück. Sie sagte, ihr Gemahl hinge einem Kebsweibe an, sei durch einen Zauber behext und sei gegen sie, die durch das Gesetz der Ehe mit ihm verbunden wäre, feindselig gesinnt. Dies erzählte die Frau, während sie vor der Türe im Vorhof stand; so pflegte er mit Frauen sich zu unterreden. Zur Türe hinein ließ er niemals ein Weib. Da hatte er Mitleid mit der wehklagenden Gattin und hob durch Gebet die Wirksamkeit des Zaubers auf. Er segnete ein Ölfläschchen, das sie mitgebracht hatte, durch Anrufung Gottes und hieß sie, sich damit zu salben. Nachdem sie den Auftrag erfüllt, zog sie die Liebe ihres Ehegenossen wieder auf sich und bewog ihn, dem sündhaften Lager das rechtmäßige vorzuziehen. Es wird auch erzählt, daß einst Heuschrecken plötzlich das Land überfielen und wie ein Feuer alles verzehrten: Saaten und Bäume und Sümpfe und Wälder und Wiesen. Da kam ein gottesfürchtiger Mann zu ihm und bat ihn, ihm doch zu helfen, da er nur einen Acker besitze, aus dem er sich, Frau und Kinder und Diener ernähre und noch die kaiserlichen Steuern entrichten müsse. Wieder die Menschenfreundlichkeit des Herrn nachahmend, ließ er eine Kanne Wasser sich herbeibringen. Als der Bittsteller sie gebracht, legte er seine Hand darauf und flehte zu Gott, das Wasser mit göttlicher Kraft zu erfüllen. Nach Beendigung des Gebetes trug er dem Manne auf, die Grenzen seines Ackers mit dem Wasser zu besprengen. Der tat, wie befohlen, und es wurde seinen Äckern zum undurchdringlichen und unverletzlichen Wall. Wenn die Heuschrecken nämlich bis zu jenen Grenzen herankrochen und nach Art von Heerhaufen umherschwirrten, wichen sie wieder zurück, scheuten den darauf erflehten Segen, und wie von einem Zügel gehalten, konnten sie nicht vorwärts dringen.

Doch was soll ich alles erzählen, was von jener gottseligen Seele vollbracht worden ist? Das Gesagte ist genug, den Glanz der ihm innewohnenden Gnade zu offenbaren. Auch ich durfte ihn sehen und hatte das Glück, von seiner heiligen Rechten den Segen zu empfangen, als ich, noch ein Knabe, mit meiner Mutter ihn besuchte. Sie würdigte er gemäß seiner Gewohnheit von der geöffneten Türe aus der Unterredung und des Segens. Mich aber ließ er hinein und schenkte mir den Reichtum seines Gebetes. Möge mir dieses auch jetzt zuteil werden, da er, wie ich sicher glaube, lebt und mit den englischen Chören verkehrt und noch mehr Macht bei Gott hat als ehedem. Denn damals war sie nach dem sterblichen Körper bemessen, damit eine allzu große Macht nicht Veranlassung zum Stolze werde. Jetzt aber, da er die Last der Leidenschaften abgelegt hat, kann der siegreiche Kämpfer mit aller Zuversicht zum Preisrichter hinzutreten. Deshalb bitte ich, seiner Fürsprache teilhaftig zu werden.

Petrus

Die Galater (Gallier), hören wir, sind die Bewohner vom Westen Europas. Wir kennen aber auch solche in Asien, die Nachkommen jener, die am Schwarzen Meere wohnen. Aus diesen stammte der selige und dreimal und mehr selige Petrus. Sieben Jahre nach seiner Geburt wurde er, wie berichtet wird, bei seinen Eltern erzogen, alle übrige Zeit seines Lebens vollbrachte er im Kampfe um die Vollkommenheit; er soll erst in einem Alter von neunundneunzig Jahren gestorben sein. Wer könnte ihn, der zweiundneunzig Jahre gestritten und Tag und Nacht Siege davongetragen, würdig bewundern? Welche Zunge wäre imstande, alle die Großtaten, die er als Knabe, als Jüngling, als reifer Mann, als Alter und Greis vollbracht, zu schildern? Wer könnte seine Anstrengungen bemessen, wer die in so langer Zeit gelieferten Kämpfe zählen? Welche Rede erreichte alle die von ihm gestreuten Samenkörner, alle die von ihm eingebrachten Garben? Welcher Verstand wäre so durchdringend, genau den zusammengebrachten Reichtum seines geistlichen Handelns zu erfassen? Ich sehe das Meer seiner herrlichen Taten und fürchte mich, als Erzähler mich ihm zu nahen, es möchten meine Worte Schiffbruch leiden. Darum werde ich am Ufer einhergehen und vom Meere das nur bewundern und behandeln, was dem Festlande nahe liegt; die Tiefe überlasse ich dem, der nach der Schrift „die Tiefen erforscht und das Verborgene erkennt1”.

Er begann seinen Kampf in Galatien. Von da reiste er nach Palästina, um die Orte zu besuchen, an denen das heilsame Leiden vollbracht wurde, und an ihnen den Gott, der das Heil geschenkt, zu verehren, nicht weil er ihn an einen Ort beschränkt glaubte. Er wußte recht wohl, daß er nicht eingeschränkt werden kann, sondern er wollte auch die leiblichen Augen weiden an dem Anblicke so sehr geliebter Orte, damit nicht bloß die Augen des Geistes, ohne den sinnlichen Anblick, im Glauben die geistige Wonne genössen. Leute, welche innige Liebe für einen Menschen hegen, wollen nicht bloß an dessen Anblick sich freuen, sondern wollen auch seine Wohnung, seine Kleider, seine Schuhe mit aller Lust betrachten. Die Braut im Hohenliede, welche diese Liebe zum Bräutigam besaß, ruft aus: „Wie der Apfelbaum unter den Bäumen des Waldes, so mein Geliebter unter den Söhnen. Nach seinem Schatten verlangte ich und saß in ihm; seine Frucht ist süß meinem Gaumen.” So tat dieser göttliche Mann nichts Unrechtes, da er von derselben Liebe zum Bräutigam glühte und die Worte der Braut gebrauchen konnte: „Ich bin von Liebe verwundet.” Im Verlangen, den Schatten des Bräutigams zu schauen, suchte er die Orte auf, die allen Menschen Quellen des Heils haben sprudeln lassen. Nachdem er also genossen, wornach er sich gesehnt, gelangte er nach Antiochien; und da er die Gottesfurcht der Stadt wahrnahm, zog er die Fremde dem Vaterlande vor, indem er nicht Landsleute und Verwandte als Mitbürger betrachtete, sondern die Gesinnungs- und Glaubensgenossen, welche die gleiche Frömmigkeit übten. So ließ er sich hier nieder, spannte aber kein Zelt auf, legte keine Hütte an, errichtete kein Haus, sondern verbrachte seine ganze Zeit in einem fremden Grabe. Dieses hatte ein Obergeschoß mit balkonartigem Vorsprung, dem eine Leiter angefügt war für die, welche hinaufsteigen wollten. Darin eingeschlossen, verbrachte er die meiste Zeit, kaltes Wasser trinkend und nur Brot als Nahrung genießend, dies aber nicht jeden Tag, sondern einen Tag blieb er ohne Nahrung, erst am folgenden Tage nahm er solche zu sich. Als aber einst ein Tobsüchtiger oder Rasender, ein vom bösen Feinde Besessener, zu ihm kam, reinigte er ihn durch sein Gebet und befreite ihn von der teuflischen Wut. Da dieser aber nicht weggehen wollte, sondern ihn bat, für die Heilung als Dank seine Dienste annehmen zu wollen, behielt er ihn als Hausgenossen bei sich. Ich habe diesen gekannt, erinnere mich wohl des Wunders und habe den Lohn für die Heilung selbst gesehen und die Unterredung, die sie über mich führten, angehört. Daniel, dies war sein Name, sagte, ich sollte an dem schönen Dienst auch teilnehmen. Aber der gottselige Mann stimmte dem nicht zu, da er die Liebe meiner Eltern zu mir bedachte. Oft setzte er mich aber auf seine Knie und gab mir Trauben und Brot zu essen. Da meine Mutter seine geistige Gnade an sich erfahren hatte, schickte sie mich jede Woche zu ihm und hieß mich seinen Segen holen. Sie machte die Bekanntschaft mit ihm bei folgender Veranlassung: Es hatte sie an einem Auge ein Leiden befallen, das der ärztlichen Kunst spottete. Denn es gab kein Mittel, sei es daß die Alten es aufgeschrieben oder die Späteren es erforscht, das nicht gegen die Krankheit angewendet worden wäre. Nachdem so alles erprobt war und alles als wirkungslos sich gezeigt halte, kam zu ihr eine Freundin und wies sie auf den göttlichen Mann hin, indem sie ein von ihm gewirktes Wunder erzählte. Die Gattin des Pergamius nämlich, der damals die Regierung im Orient führte, sei von demselben Leiden befallen, aber durch sein Gebet und das Zeichen des Kreuzes geheilt worden. Das hörte die Mutter und eilte sogleich zu dem göttlichen Manne. Sie trug aber Ohrringe, Armbänder und andern Goldschmuck und ein buntes Kleid, aus Seidengespinst gewebt. Sie hatte nämlich noch nicht die vollkommenere Tugend gekostet; sie stand in der Blüte ihrer Jahre und hing an dem Putz der Jugend. Als das ehrwürdige Haupt solches erblickte, heilte er sie zuerst von der Krankheit ihrer Putzsucht. „Sage mir,” sprach er, „mein Kind (ich bediene mich seiner eigenen Worte und verändere nicht die Anrede jener heiligen Zunge), wenn ein Maler, der seine Kunst gut verstünde, ein Bild zeichnete, wie es die Vorschriften der Kunst verlangten und für Kunstfreunde es ausstellte, es käme aber ein anderer Maler, der seine Kunst schlecht verstünde, und wollte leichtfertig nach seinem Geschmack das nach den Regeln der Kunst hergestellte Gemälde tadeln und verbessern, indem er den Augenlidern und Wimpern stärkere Linien hinzufügte, das Gesicht weißer erscheinen ließe und auf die Wangen rote Farbe auftrüge: glaubst du nicht, daß der erste Maler füglich darüber ungehalten würde, daß seine Kunst so verunglimpft wurde und von ungeschickter Hand unnötige Zutaten erfuhr? Nun”, sagte er, „seid überzeugt, der Schöpfer des Alls und der Bildner und Maler unserer Natur muß ungehalten werden, da ihr seine unaussprechliche Weisheit der Unwissenheit zeiht. Denn ihr würdet nicht rote, weiße und schwarze Farbe hinzufügen, wenn ihr nicht vermeintet, dieses Zusatzes zu bedürfen. Indem ihr aber annehmt, daß der Körper dessen bedürfe, klagt ihr den Schöpfer der Schwäche an. Aber man muß wissen, daß seine Macht gleich ist seinem Wollen; ‚denn alles’, sagt David, ‚was der Herr gewollt, hat er gemacht’. Das Zuträgliche nur hat er allen bestimmt, was Schaden bringt, gibt er nicht. Verunstaltet also nicht das Bild Gottes, und fügt nicht bei, was der Weise nicht gegeben hat, und ersinnet nicht falsche Schönheit, die auch den Keuschen schadet, indem ihr Anblick zum Fallstrick wird.” Das alles hörte die beste Frau, und sogleich ward sie in den Netzen des Petrus gefangen; denn auch er fischte, wie sein Namensverwandter. Sie faßte seine Füße und wehklagte und flehte um die Heilung ihrer Augen. Er aber sagte, er sei ein Mensch, von derselben Natur wie sie, und habe an der schweren Last seiner Sünden zu tragen, und darum habe er keine Macht bei Gott. Da die Mutter aber weinte und flehte und erklärte, sie werde ihn nicht verlassen, bevor sie nicht die Heilung erlangt, sagte er, Gott sei der Arzt solcher Übel und erfülle allen, die glauben, ihre Bitten. „Er wird dir also”, sagte er, „auch jetzt willfahren, nicht mir die Gnade erweisend, sondern deinen Glauben ansehend. Wenn du diesen festen und aufrichtigen Glauben, von jedem Schwanken frei, besitzest und Ärzte und Arzneien verabschiedest, so empfange diese gottgegebene Arznei.” Indem er dieses sprach, legte er die Hand auf das Auge und machte das Zeichen des heilsamen Kreuzes darüber, und sie war geheilt. Nach Hause zurückgekehrt, wusch sie die Salben ab, warf allen fremden Putz von sich und lebte nun nach den Vorschriften, die dieser Arzt ihr gegeben hatte. Sie kleidete sich nicht mehr in bunte Gewänder, zierte sich nicht mehr mit Gold, und dies obgleich sie noch sehr jung war, denn sie stand im dreiundzwanzigsten Jahre und war noch nicht Mutter geworden. Nachdem sie so noch sieben Jahre verbracht, litt sie für mich die Geburtsschmerzen, die ersten und einzigen. Das war die Frucht der Lehre des großen Petrus; sie erhielt eine doppelte Heilung. Indem sie für den Körper Gesundheit suchte, erlangte sie dazu die rechte Verfassung der Seele. Solches wirkte jener durch sein Wort, vermochte er durch sein Gebet.

Ein anderes Mal brachte sie einen Diener, ihren Koch, der von einem bösen Dämon gequält wurde, zu ihm und flehte seine Hilfe an. Nachdem der göttliche Mann gebetet hatte, befahl er dem Dämon, die Ursache anzugeben, die ihm Gewalt über das Geschöpf Gottes verliehen habe. Dieser aber, wie ein Mörder oder Dieb, der vor dem Richterstuhl steht und genötigt wird, zu gestehen, was er getan, erzählte alles genau, wider seine Gewohnheit durch Furcht zur Wahrheit genötigt. Er erzählte, daß der Herr des Dieners in Heliopolis krank gewesen, die Herrin aber den kranken Gatten gepflegt habe. Die Mägde des Hauses, in dem sie wohnten, hätten von dem Leben gesprochen, das die frommen Mönche in Antiochien führten, und von der Gewalt, die sie über die Teufel hätten. Dann hätten sie, Mädchen, die gerne scherzen, sich besessen und wahnsinnig gestellt, jener Diener aber habe einen rauhen Mantel angelegt, um sie, wie die Mönche tun, zu beschwören. „Während dies vorging,” sagte er, „stand ich vor der Türe, und da ich die ruhmredigen Worte über die Mönche nicht leiden konnte, wollte ich durch einen Versuch die Gewalt erproben, welche jene nach dem Gerede haben sollten. Darum ließ ich die Mägde und fuhr in diesen, zu erfahren, wie ich von den Mönchen ausgetrieben würde. Und nun”, schloß er, „habe ich es erfahren und bedarf weiterer Proben nicht; sogleich verlasse ich ihn auf deinen Befehl.” Mit diesen Worten entwich er, und der Diener erfreute sich der Freiheit.

Noch einen anderen Besessenen, einen Landmann, führte die Mutter meiner Mutter, meine Großmutter, herbei und bat den Bekämpfer der Bosheit um Hilfe. Dieser erkundigte sich wieder, woher er sei und von wem er Gewalt über das Geschöpf Gottes erhalten habe. Da der Dämon im Schweigen verharrte und keine Antwort geben wollte, beugte er im Gebet seine Knie und flehte zu Gott, daß er dem Frevler die Macht seiner Diener zeige. Und er stand wieder auf, aber jener schwieg wiederum hartnäckig, und so ging es fort bis zur neunten Stunde. Nachdem er ein noch heißeres und inständigeres Gebet zum Herrn gerichtet hatte, erhob er sich abermals und sprach zum Frevler: „Nicht Petrus, sondern der Gott des Petrus befiehlt dir; antworte also, von seiner Macht gezwungen!” Der Frevler, obgleich unverschämt, hatte Scheu vor der Demut des Heiligen und schrie mit lauter Stimme, daß er auf dem Berge Amanos sich aufhalte. „Diesen aber wollte ich, als ich ihn am Wege erblickte, wie er Wasser aus einer Quelle schöpfte und trank, mir zur Wohnung nehmen.” „Aber fahre aus,” sagte der Mann Gottes, „da der für die Welt Gekreuzigte es dir befiehlt!” Jener hörte es und floh; und vom Wahnsinn frei, wurde der Landmann der Großmutter übergeben.

Unzählige andere Begebenheiten dieser Art könnte ich von jener glücklichen Seele berichten, doch übergehe ich sie in ihrer großen Zahl, indem ich die Schwäche der Menge fürchte, die, nur auf sich sehend, den Wundern der göttlichen Männer den Glauben versagt. So will ich nur noch eines oder zweie erzählen und gehe dann zu einem anderen Kämpfer über.

Ein ausschweifender Mann, früher Anführer im Heere, hatte ein Mädchen unter seiner Gewalt, das noch nicht verheiratet, aber heiratsfähig war. Dieses verließ die Mutter und die Verwandten und flüchtete in ein Frauenkloster. Denn auch Frauen beteiligen sich wie die Männer am geistlichen Kampfe und steigen in die Arena der Tugend hinab. Als der Kriegsmann die Flucht erfuhr, peitschte er die Mutter und hängte sie auf und befreite sie nicht eher von ihren Fesseln, bis sie den Aufenthalt der frommen Frauen angab. In seiner Raserei raubte der Elende das Mädchen von dort und führte es in sein eigenes Haus, in der Hoffnung, an ihr seinen Gelüsten zu frönen. Aber der Gott, der den Pharao mit großen und schweren Prüfungen heimsuchte wegen der Sara, der Frau des Abraham, und die Keusche unangetastet bewahrte und der die Sodomiter mit Blindheit schlug, da sie gegen Engel, in denen sie Fremdlinge vermuteten, zu freveln versuchten, derselbe Gott schlug auch diesen mit Blindheit und machte, daß die Beute aus der Mitte der Netze zu entkommen vermochte. Er ging in das Gemach; sie aber, die darin bewacht wurde, eilte flugs heraus und war entflohen und kehrte in ihr heiß geliebtes Kloster zurück. So mußte der Tor erfahren, daß er die, welche den göttlichen Bräutigam erwählt, nicht bezwingen könne. Er mußte Ruhe geben und stellte der Geraubten und durch göttliche Kraft Entronnenen nicht mehr nach. Sie selber wurde nach einiger Zeit von einem schweren Übel befallen. Es war Krebs. Die Brust schwoll an, und damit wuchs der Schmerz. Als er den Höhepunkt erreicht, hieß sie den großen Petrus kommen, und sobald dessen heilige Stimme an ihr Ohr drang, versicherte sie, ließ der Schmerz nach, und sie verspürte nicht das leiseste wehe Gefühl. Darum ließ sie ihn immer wieder rufen und genoß seine Tröstung. Und während der ganzen Zeit, die er bei ihr verbrachte, erzählte sie, hätten die Qualen völlig ausgesetzt. Nachdem sie so den Kampf mit siegreichen Ehren bestanden, gab er ihr das letzte Geleite.

Meine Mutter wiederum, die meine Geburt an den Rand des Grabes gebracht, befreite er, von der Großmutter zu Hilfe gerufen, aus den Händen des Todes. Von den Ärzten aufgegeben, lag sie da, wie sie erzählte. Die Hausgenossen wehklagten und erwarteten das Ende. Von heftigem Fieber befallen, hatte sie die Augen geschlossen und kannte keinen der Verwandten. Da kam der Mann, der des Namens und der Gnade des Apostels gewürdigt ward, und sprach. „Friede sei mit dir, mein Kind” ― das war seine Anrede. Und sofort soll sie die Augen geöffnet und ihn scharf angesehen und so die Wirkung des Segens bekundet haben. Da nun die Schar der Weiber laut aufschrie ― Schrecken und Freude zugleich hatte sie erfaßt und jenes Geschrei ausgelöst ―, befahl ihnen der göttliche Mann, sich insgesamt mit ihm im Gebete zu vereinigen. So, sagte er, habe auch die Tabitha die Heilung erlangt: indem die Witwen jammerten und der große Petrus ihre Tränen dem großen Gott darbrachte5. Sie beteten, wie er befohlen, und erlangten, was er vorausgesagt. Mit der Beendigung des Gebetes hatte auch die Krankheit ihr Ende. Reichlicher Schweiß begann am ganzen Körper hervorzutreten, die Glut des Fiebers erlosch, und es stellten sich die Zeichen der Genesung ein. Solche Wunder wirkt der Herr auch in unseren Tagen durch seine Diener. Auch die Berührung seiner Kleider wirkte ähnlich wie beim gottseligen Paulus. Das sage ich nicht in Übertreibung, sondern die Tatsache steht mir zur Seite. Er schnitt nämlich seinen Gürtel, der sehr breit und lang war und aus grober Leinwand verfertigt, in zwei Stücke. Mit der einen Hälfte umgürtete er seine Hüften, mit der anderen die meinen. Oftmals, wenn ich krank war, legte ihn mir die Mutter auf, oft vertrieb sie auch dem Vater damit die Krankheit und stellte das Mittel in den Dienst der eigenen Gesundheit. Auch viele Bekannte, die davon Kenntnis erhalten hatten, bedienten sich des Gürtels als Heilmittel für Kranke, und überall zeugte er von der Gnadenkraft des Mannes. Und so bekam ihn eines Tages ein Mensch, der dann, undankbar gegen seine Wohltäter, das Wunderding uns, den Gebern, entwendete. Auf diese Weise sind wir um diese Gabe gekommen.

Nachdem Petrus so geglänzt und Antiochien mit seinen Strahlen erleuchtet, war er an das Ende seiner Kämpfe gekommen, die Krone, die den Siegern bereit liegt, erwartend. Ich aber bitte ihn, daß ich des Segens, dessen ich mich während seines Lebens erfreute, auch jetzt erfreuen möge, und so beschließe ich diese Erzählung.

Theodosius

Rhosus ist eine Stadt in Kilikien, die man bei Einfahrt in den kilikischen Meerbusen zur Rechten hat. An deren östlicher und südlicher Seite liegt ein hoher und ausgedehnter schattiger Berg, der auch wilde Tiere in seinem Dickicht ernährt. Hier fand der große und berühmte Theodosius eine Schlucht, die nach dem Meere sich absenkte, und erbaute darin eine kleine Hütte, um für sich allein das evangelische Leben zu führen. Der Mann stammte aus Antiochien, war angesehen durch den Glanz seiner Geburt, aber er verließ Haus, Verwandtschaft und alles übrige und kaufte, um mit dem Evangelium zu reden, die wertvolle Perle. Von seiner Enthaltsamkeit, seinem Liegen auf der Erde, seinem härenen Gewande zu sprechen, erübrigt sich Leuten gegenüber, welche seine Schüler und Zöglinge sehen und diese Lebensweise an ihnen beobachten können. Dabei aber pflegte er dies alles doch in hervorragender Weise, da er sich denen, die er einführte, als Vorbild darstellen wollte. Er legte nämlich darüber hinaus noch Eisengewichte an Nacken, Hüfte und beide Hände. Sein Haar war verwildert und reichte bis an die Füße und noch darüber hinaus und war deshalb an den Weichen gegürtet.

Dem Gebete und Psalmengesang lag er unausgesetzt ob. Begierlichkeit, Zorn, Stolz und die anderen wilden Tiere der Seele zähmte er. Ununterbrochen tätig und beschäftigt, betrieb er auch Händearbeit, indem er sogenannte Fächer webte oder Körbe flocht, dann wieder kleine Äcker in der Schlucht bestellte und sie besäte, um die nötige Nahrung daraus zu erzielen.

Nachdem aber im Laufe der Zeit sein Ruf sich nach allen Seiten verbreitete, strömten von vielen Orten Leute zusammen, die Wohnung und Arbeit und Lebensweise mit ihm zu teilen wünschten. Diese nahm er auf und leitete sie zu diesem Leben an. Und man konnte da sehen, wie die einen Segel, die anderen härene Decken webten, wieder andere Fächer oder Körbe flochten, noch andere die Feldarbeiten besorgten. Und weil der Ort am Meere lag, ließ er später ein Fahrzeug anfertigen zur Beförderung von Lasten, zur Ausfuhr der Arbeitsprodukte der Hausgenossen und zur Einfuhr des Bedarfes. Er war eingedenk des apostolischen Wortes: „Tag und Nacht arbeiten wir, um niemand zur Last zu fallen”, und: „Diese Hände haben mir und den Meinigen das Nötige verschafft.” So arbeitete er selbst und ermahnte seine Hausgenossen, mit den Arbeiten an der Seele auch körperliche Arbeiten zu verbinden. Denn es sei ungeziemend, daß die Leute in der Welt in Mühe und Arbeit Kinder und Frauen ernähren, dazu Steuern entrichten, Zinsen bezahlen und Gott die Erstlinge darbringen und nach Kräften der Armen Not steuern, wir aber uns den nötigen Bedarf nicht durch eigene Arbeit verschaffen (zumal wir nur billige und geringe Nahrung nötig haben) und dasitzen mit den Händen im Schoße und die Früchte fremder Hände genießen. Mit solchen und ähnlichen Worten ermunterte er sie zur Arbeit. Die überall gebräuchlichen gottesdienstlichen Verrichtungen besorgte er zu den festgesetzten Terminen, die Zwischenzeit wies er der Arbeit zu.

Nicht am geringsten war seine Sorge für die Fremden; ihre Betreuung übertrug er Männern, die sich durch Sanftmut und bescheidenen Sinn auszeichneten und Liebe zum Nächsten bewiesen hatten. Er pflegte aber alles zu besichtigen und sah zu, ob jeder nach den aufgestellten Gesetzen seines Amtes waltete.

Er wurde so berühmt, daß Schiffer, die mehr als tausend Stadien entfernt segelten, den Gott des Theodosius in Gefahren anriefen und durch den Namen des Theodosius den Sturm des Meeres beruhigten.

Vor ihm bangten auch verwegene und wilde Feinde, welche landaus landein den Orient plünderten und die Bewohner wegführten. Denn wer von den Leuten unseres Landes hat nicht von den Drangsalen jener Zeit gehört, die von den früher Solymer, jetzt Isaurer genannten Horden über uns kamen? Aber obgleich diese weder Stadt noch Dorf schonten, sondern alle, welche sie einnehmen konnten, plünderten und dem Feuer übergaben, hatten sie Scheu vor jener Lebensweise, verlangten lediglich Brot und baten um das Gebet und ließen die Wohnung der Mönche unbeschädigt; und das haben sie nicht einmal, sondern sogar zweimal getan. Da indessen die Vorsteher der Kirchen fürchteten, der Teufel möchte den Barbaren Geldgier eingeben und so die Gefangennahme des großen Lichtes bewirken (denn es war natürlich, daß Lösegelder von allen Gottesfürchtigen ihnen geschickt worden wären), rieten sie ihm und überredeten ihn, nach Antiochien sich zurückzuziehen. Denn schon hatten sie zwei Bischöfe gefangen genommen und sie zwar mit aller Zuvorkommenheit behandelt, aber erst nach Empfang von je vierzigtausend Goldgulden die beiden wieder freigelassen. Nachdem er so in Antiochien angelangt war, nahm er Wohnung in einem Hause am Flusse und zog alle an sich, die einen solchen Genuß zu würdigen wußten.

Von dem Strome der Rede hingerissen, versäumte ich, ein Wunder zu berichten, das von diesem gottseligen Manne gewirkt wurde. Dasselbe erscheint wohl vielen Lesern als unglaublich, bezeugt aber durch seine Dauer bis auf den heutigen Tag die Wahrheit meines Wortes und beweist, welche Gnade und Macht der wundervolle Mann bei Gott besaß. Über dem Kloster, das er erbaute, erhebt sich ein steiler Felsen, der früher ohne Feuchtigkeit und ganz trocken war. In diesem Felsen legte er eine Wasserrinne an, die von dem Gipfel bis zum Kloster führte, wie einer, der Gewalt hat über den Lauf der Wasser. Voll Vertrauen auf Gott und, wie man begreift, voller Zuversicht, da er das Wohlgefallen Gottes besaß, und mit unerschütterlichem Glauben stand er des Nachts auf und stieg zum oberen Ende der Leitung empor, noch bevor die Schüler zu den gewohnten Gebeten sich erhoben hatten. In Gebeten beschwor er Gott, zuversichtlich vertrauend auf den, der den Willen derer tut, die ihn fürchten. Dann schlug er mit dem Stabe, mit den er sich stützte, an den Felsen. Dieser spaltete sich und ließ Wasser sprudeln einem Strome gleich. Durch die Leitung in das Innere des Klosters fließend, spendet es reichlich für alle Bedürfnisse und ergießt sich in das nahe Meer. Und es beweist bis zum heutigen Tage die mosaische Gnade, die in Theodosius wirksam war. Dieses allein reicht hin, die Macht des Mannes bei Gott zu zeigen.

Nachdem er kurze Zeit in Antiochien gelebt hatte, wurde er unter die Chöre der Engel versetzt. Der heilige Leichnam wurde mitten durch die Stadt getragen, mit jenen Eisengewichten wie mit goldenen Kränzen geschmückt, von allen geleitet, selbst von den höchsten Beamten. Es war ein Streit und ein Wetteifer um seine Bahre, die alle zu tragen wünschten, Segen davon zu erhalten. So hinausgeleitet, wurde er in der Zelle der heiligen Martyrer beigesetzt als Zelt- und Dachgenosse Julians, des siegreichen Kämpfers für den rechten Glauben. Dasselbe Grab nahm ihn auf, das den göttlichen und seligen Aphraates aufgenommen.

Die Leitung der Herde übernahm der wundervolle Helladius, der, nachdem er sechzig Jahre in jenen Mühen vollbracht hatte, von Gott den Bischofsitz der Kilikier erhielt. Dabei gab er die frühere Lebensweise nicht auf, nur daß er Tag für Tag über jene Mühen die Anstrengungen des hohepriesterlichen Amtes stellte. Ein Schüler des Theodosius war auch der selige Romulus, Führer einer sehr großen Herde. Seine Schar hält bis jetzt an der Lebensweise fest. Neben dem Kloster liegt ein Dorf, syrisch Marato genannt. Indem ich diese Erzählung beendige, bitte ich, seines Segens teilhaftig zu werden.

Romanus

Der große Theodosius stammte aus Antiochien und führte seinen Kampf auf den rhosischen Bergen, kam nach Antiochien zurück und vollendete da sein Leben. Der göttliche Romanus war in Rhosus geboren und erhielt da seine erste Erziehung. In Antiochien aber unternahm er die Kämpfe der Tugend, wohnte außerhalb der Mauern der Stadt am Fuße des Berges und verbrachte in einer fremden, und zwar sehr kleinen Zelle die ganze Zeit seines Lebens. Bis in sein Greisenalter verschmähte er immer das Feuer und gestattete sich nicht einmal das Licht einer Lampe. Als Nahrung dienten ihm Brot und Salz, als Trank das Wasser einer Quelle. Sein Haar war ähnlich dem des großen Theodosius, ebenso seine Kleidung und sein Eisen.

Er zeichnete sich aus durch Einfalt im Betragen, Sanftmut in den Sitten und Bescheidenheit in der Gesinnung. Deshalb strahlte er den Glanz der göttlichen Gnade aus. „Denn auf wen”, sagt die Schrift, „schaue ich als auf den Sanftmütigen und Ruhigen und den, der Scheu hat vor meinen Worten1?” Und wiederum sprach er zu seinen Jüngern: „Lernet von mir, denn ich bin sanftmütig und demütig von Herzen, und ihr werdet Ruhe finden für euere Seelen2.” Und wieder: „Selig die Sanftmütigen, denn sie werden die Erde besitzen.” Auch Moses, der Gesetzgeber, besaß die Auszeichnung dieser herrlichen Tugend: „Es war aber Moses,” heißt es, „der sanfteste Mann von allen Menschen, die auf Erden leben.” Dies bezeugt der Heilige Geist auch dem Propheten David: „Gedenke, Herr, des David und aller seiner Sanftmut.” Und vom Patriarchen Jakob haben wir erfahren, daß er einfach war und im Hause wohnte.

Diese Tugenden sammelte er wie eine Biene auf jenen göttlichen Wiesen und bereitete den Honig der Wahrheit. Aber er genoß nicht allein die Früchte seiner Arbeiten, er ergoß seine lieblichen Wasser auch auf Fremde. Mit sanfter und süßer Stimme gab er denen, die zu ihm kamen, viele Ermahnungen zur Bruderliebe, viele zur Eintracht und zum Frieden. Viele machte er schon durch seine bloße Erscheinung zu Freunden des Göttlichen. Denn wer hätte nicht mit Bewunderung erfüllt werden sollen, wenn er den Greis anblickte mit abgezehrtem Körper, der schweres Eisen schleppte, ein härenes Gewand trug und nur so viel Nahrung zu sich nahm, als hinreichend war, den Hungertod fernzuhalten?

Außer der Größe und Menge der Arbeiten riß auch die in ihm erblühende Gnade alle zur Bewunderung und Verehrung hin. Denn bei vielen vertrieb er schwere Krankheiten, vielen unfruchtbaren Frauen erflehte er Kindersegen. Und obgleich er so große Macht vom göttlichen Geiste empfangen, nannte er sich einen Armen und Bettler. So stiftete er bei allen, die zu ihm kamen, durch seine Erscheinung und sein Wort Nutzen und füllte damit sein ganzes Leben aus. Von hier scheidend und unter die englischen Chöre versetzt, hinterließ er ein Andenken, das mit dem Leibe nicht begraben wurde, sondern grünt und blüht und nimmer verlöschen wird und vielen, die da wollen, heilsam sein kann. Indem also auch ich von ihm den Segen erbitte, will ich das Leben anderer Kämpfer, so gut ich kann, erzählen.

Zeno

Den wundervollen Zeno kennen nur wenige; die ihn aber kennen, vermögen ihn nicht nach Gebühr zu bewundern. Dieser Mann verließ nämlich sehr große Reichtümer in seinem Vaterlande Pontus und trank, wie er sagte, die Ströme des benachbarten großen Basilius, welcher Kappadozien bewässerte, das auch der Bewässerung würdige Früchte trug. Nach dem Tode des Kaisers Valens hatte er den Soldatengurt abgelegt. Er gehörte nämlich zu der Klasse derer, welche die kaiserlichen Befehle schnell zu überbringen haben. Aus dem Palaste zog er sich in ein Grab zurück, deren der Berg bei Antiochien viele hat. Er lebte für sich allein, beschäftigt mit der Reinigung der Seele und der Läuterung ihrer Sehschärfe. Seine Gedanken waren nur auf Gott gerichtet. „In seinem Herzen bereitete er die Aufstiege zu Gott”, er verlangte „Flügel der Taube und sehnte sich, zur Ruhe in Gott emporzufliegen”. Darum hatte er nicht Bett, nicht Leuchter, nicht Herd, nicht Topf, kein Fläschchen, keine Kiste, kein Buch, noch sonst etwas, sondern hüllte sich in alte Lumpen. Ebenso fehlten seinen Sandalen die Riemen, und von den Sohlen war das Leder losgerissen.

Von einem einzigen seiner Bekannten erhielt er die nötige Nahrung. Diese bestand aus einem Brot, das für zwei Tage reichte. Das Wasser holte er sich selbst von ferne her. Einmal bat ein Augenzeuge den Wasserträger, ihm die Arbeit erleichtern zu dürfen. Zuerst lehnte er ab, indem er erklärte, er könne es nicht über sich bringen, Wasser zu trinken, das ein anderer getragen habe. Da dieser nicht nachließ, übergab er ihm die Krüge; er trug nämlich zwei mit den beiden Händen. Als er in die Türe des Vorplatzes eingetreten war, goß er das Wasser aus und eilte wieder zu der Quelle, so seinen Worten durch die Tat Nachdruck gebend.

Auch ich sah ihn, da ich das erste Mal den Berg hinanstieg mit dem Wunsche, ihn kennen zu lernen, wie er die zwei Krüge in den Händen hatte. Da fragte ich ihn, wo die Wohnung des wundervollen Zeno sei. Er aber sagte, er kenne gar keinen Mönch, der diesen Namen führe. Weil ich aber vermutete, daß er es sei ― Beweis dafür war mir die Sanftmut seiner Worte ―, folgte ich ihm. Als ich durch die Türe eingetreten war, sah ich ein Lager aus Heu und daneben eine Binsendecke über Steine ausgebreitet, so daß man bequem darauf sitzen konnte. Nachdem wir viel über die Vollkommenheit gesprochen, wobei ich fragte, er aber über das Gefragte uns belehrte, und es Zeit wurde, nach Hause zurückzukehren, bat ich ihn, mir seinen Segen auf den Weg mitzugeben. Er aber weigerte sich, indem er sagte, es gezieme sich, daß wir das Gebet verrichteten, er sei ein Privatmann, wir aber Dienstleute; ich las nämlich damals als Lektor dem Volke Gottes die heiligen Bücher vor. Da wir unsere Jugend und Unreife vorschützten (denn eben begannen die ersten Barthaare zu sprossen) und schwuren, wir würden nicht mehr zu ihm kommen, wenn er uns dazu nötigte, gab er endlich ungern unseren Bitten nach und verrichtete zu Gott ein langes Gebet; er brachte aber ob der Übernahme dieses Amtes eine lange Entschuldigung vor, indem er sagte, er habe dies nur aus Liebe und Gehorsam getan. Wir waren näher getreten und konnten so den Betenden hören.

Wer könnte würdig diesen Greis bewundern, der auf solcher Höhe der Vollkommenheit (vierzig Jahre hatte er beständig im aszetischen Leben verbracht) eine solche Bescheidenheit der Gesinnung an den Tag legte, wer so ihn preisen, wie es seiner Größe entspräche? Und obgleich er so großen Reichtum der Tugend besaß, kam er, wie in der äußersten Armut lebend, jeden Sonntag mit der Menge zur Kirche Gottes, hörte das göttliche Wort an, lieh sein Ohr den Lehrern, nahm teil an dem mystischen Tische und kehrte dann wieder in seine Wohnung zurück. Dazu hatte er kein Schloß, ließ auch keinen Wächter zurück, denn sie reizte Bösewichte nicht zum Eintritt, noch gar zur Plünderung, da sie lediglich jene Binsenmatte beherbergte. Nur je ein Buch pflegte er von Freunden zu entleihen. Hatte er es ganz gelesen, so gab er es zurück und nahm dafür ein anderes.

Aber trotzdem er weder Schloß noch Schlüssel gebrauchte, beschirmte ihn die göttliche Gnade. Das haben wir deutlich in eigener Beobachtung erfahren. Als die Horden der Isaurer die Burg der Stadt nächtlich eingenommen und gegen Morgen bis zum Fuße des Berges vorgedrungen waren, töteten sie grausam viele Männer und Frauen, die das aszetische Leben erwählt hatten. Da der Mann Gottes diese Hinschlachtung der Genossen sah, betete er und blendete damit die Augen der Mörder. Sie waren durch das Tor eingedrungen, sahen aber den Eingang nicht. Wie er erzählte und dabei die Wahrheit als Zeugen aufrief, schaute er auch deutlich drei Jünglinge, die jene ganze Rotte hinaustrieben. So offenbarte Gott klar die in ihm wohnende Gnade.

Die Lebensart des göttlichen Mannes und das Gnadenmaß, dessen er sich bei Gott erfreute, ist mit dem Gesagten hinlänglich dargetan. Aber gleichwohl muß ich dem noch einen Zug beifügen.

Sehr ängstigte und bekümmerte ihn, daß ihm noch sein Vermögen zustand und nicht nach dem Gesetze des Evangeliums verkauft und verteilt war. Ursache hiervon war das unmündige Alter seiner Brüder. Denn da der Besitz und das Geld Gemeingut waren, er aber zwecks Verteilung nicht in die Heimat reisen wollte und auch Bedenken trug, an einen anderen seinen Teil zu veräußern, weil die Käufer die Brüder leicht übervorteilen könnten und er so mit Schmähungen bedacht würde, schob sich bei diesem Hin- und Herüberlegen der Verkauf lange Zeit hinaus. Letztlich aber verkaufte er seine gesamte Habe an einen Bekannten und verschenkte den Großteil des Erlöses an die Armen. Inzwischen befiel ihn eine Krankheit und nötigte ihn, auch über den Rest sich schlüssig zu werden. Da schickte er nach dem Bischof der Stadt ― es war der große Alexander, die Leuchte der Frömmigkeit, das Vorbild der Tugend, der treue Spiegel der Vollkommenheit ― und ließ ihm sagen: „Wohlan, mein göttlich Haupt, sei auch dieser Gelder bester Verwalter und verteile sie göttlichen Zwecken gemäß als einer, der vor jenem Richter Rechenschaft ablegen muß! Das Übrige habe ich selbst besorgt und weggegeben, wie ich es für das beste hielt. Über das noch Verbleibende wollte ich ähnlich verfügen. Da ich aber aus diesem Leben abberufen werde, bestelle ich dich zum Verwalter darüber, dich, den Hohenpriester, der ein dem hohepriesterlichen Amte würdiges Leben führt.” So hatte er das Vermögen gleichsam einem göttlichen Schatzmeister übergeben.

Er selbst lebte nur noch kurze Zeit und ging hinweg als olympischer Sieger aus den Schranken des Kampfplatzes, nicht bloß von den Menschen, sondern auch von den Engeln gepriesen. Indem ich auch diesen bitte, bei dem Herrn Fürsprache für mich einzulegen, gehe ich zu einer neuen Erzählung über.

Makedonius

Den Makedonius, mit dem Beinamen Kritophagus (Gerstenesser) ― so wurde er wegen der Nahrung genannt, die er genoß ―, kennen alle, Phöniker, Syrer, Kiliker. Es kennen ihn auch deren nähere und entferntere Nachbarn, die einen als Augenzeugen der Wunder des Mannes, die andern vom Hörensagen, da das Gerücht sie überall besingt und preist. Und doch wissen nicht alle alles, sondern die einen haben dies, die andern jenes erfahren. Und nur was man kennt, bewundert man. Ich aber, der ich über dieses göttliche Haupt genauer unterrichtet bin als die Menge ― denn vieles bewog mich, ihn aufzusuchen und zu bewundern ―, werde so gut ich kann jedes einzelne berichten. Ich habe diese Folge eingehalten und seine Geschichte erst nach vielen anderen gebracht, nicht weil er geringer an Tugend war als die anderen ― denn er wetteiferte mit den eifrigsten und ersten ―, sondern weil er sehr lange lebte und nach jenen, die ich beschrieben habe, aus dem Leben schied.

Dieser also hatte seinen Kampfplatz und seine Rennbahn auf den Gipfeln der Berge, ließ sich aber nicht fest an einem Orte nieder, sondern bewohnte bald diesen Berg, bald siedelte er nach jener Höhe über. Das tat er nicht aus Mißfallen an den Örtlichkeiten, sondern um den Massen der ihn Besuchenden und von allen Seiten Herbeiströmenden zu entfliehen.

Diese Lebensweise übte er volle fünfundvierzig Jahre, weder ein Zelt noch eine Hütte sich gönnend, sondern in tiefer Grube hausend, weshalb manche ihm den Zunamen Guban gaben, welches Wort im Syrischen Grube bedeutet. Nach dieser Zeit, als er ins Greisenalter eingetreten war, gab er Bittenden nach und baute sich eine Hütte. Und da später seine Freunde in ihn drangen, nahm er auch in kleinen Häusern Wohnung, freilich nicht eigenen, sondern fremden. Fünfundzwanzig Jahre verlebte er noch in der Hütte und in den kleinen Häusern, so daß die Zeit seiner Kämpfe zusammen sich auf siebzig Jahre beläuft.

Als Speise dienten ihm nicht Brot oder Hülsenfrüchte, sondern gequetschte Gerste, nur in Wasser eingeweicht. Diese Nahrung besorgte ihm lange Zeit meine Mutter, die mit ihm bekannt geworden war. Und als er sie einst in einer Krankheit besuchte und erfuhr, daß sie sich nicht bereden lasse, der Krankheit entsprechende Speise zu nehmen (denn auch sie hatte das aszetische Leben erwählt), ermahnte er sie, den Ärzten zu gehorchen und solche Speise als Arznei zu betrachten, denn nicht wegen der Lust, sondern wegen des Bedürfnisses werde sie geboten. „Denn auch ich”, sagte er, „habe, wie du weißt, vierzig Jahre lang nur Gerste genossen. Als mich aber gestern ein Unwohlsein befiel, hieß ich meinen Hausgenossen etwas Brot betteln und es mir bringen. Denn es kam mir der Gedanke, daß ich, wenn ich stürbe, vor dem gerechten Richter würde Rechenschaft wegen meines Todes ablegen müssen, da ich den Kampf geflohen und den Mühen des Dienstes mich entzogen hätte. Denn da es möglich war, durch ein wenig Speise den Tod abzuwenden und in diesem Leben in Arbeit und Mühsal zu bleiben und damit Reichtümer zu sammeln, hätte ich den Hungertod dem Leben in der Aszese vorgezogen. Darüber von Furcht befallen und solche Gewissensnöte zu bannen, ließ ich das Brot betteln und genoß es, sobald es mir gebracht worden. Und darum trage ich dir auf, mir keine Gerste mehr, sondern Brot zu bringen.” Aus seinem wahrhaftigen Munde haben wir also gehört, daß er vierzig Jahre Gerste als Nahrung genoß. Die mühsame Aszese des Mannes mag das Gesagte hinlänglich dargetan haben. Die Reife und Einfachheit seiner Sitten wollen wir durch andere Belege zeigen.

Als der große Flavian die große Herde Gottes zu weiden bestellt war und er die Tugend des Mannes kannte (denn er wurde gefeiert und war in aller Munde), ließ er ihn vom Gipfel des Berges wegführen, als ob eine Anklage gegen ihn vorläge. Während die heilige Liturgie gefeiert wurde, führte er ihn zum Altare und reihte ihn in die Zahl der Priester ein. Als die heilige Handlung vollendet war und ihm einer dieses mitteilte ― denn er wußte gar nicht, was geschehen war ―, zankte er zunächst und fuhr alle mit harten Worten an. Dann aber ergriff er seinen Stab, auf den er wegen des hohen Alters sich stützen mußte, und bedrohte den Hohenpriester selbst und alle, welche zugegen waren. Er meinte nämlich, die Priesterweihe entziehe ihn dem Gipfel des Berges und der geliebten Lebensweise. Und nur schwer vermochten einige seiner Vertrauten den Grollenden zu beschwichtigen. Nach Ablauf der Woche, als wieder der Festtag des Herrn gekommen war, sandte der große Flavian abermals nach ihm, daß er mit ihnen an der Festfeier teilnehme. Er aber sagte zu denen, die ihn holen wollten: „Ist es euch nicht genug, was geschehen ist, wollt ihr mich wieder zum Priester weihen?” Diese antworteten, es sei nicht möglich, zweimal dieselbe Weihe zu empfangen. Aber er ließ sich nicht überreden und kam nicht, bis ihn die Zeit und seine Vertrauten wiederholt darüber aufgeklärt. Ich weiß, daß manche der Meinung sein werden, das sei keine bewunderungswürdige Geschichte. Ich habe es aber als sehr erwähnungswert erzählt, weil ich es für einen klaren Beweis der Einfalt und Reinheit seiner Seele erachte. Denn solchen hat der Herr das Himmelreich versprochen. „Wahrlich, ich sage euch,” so sprach er, „wenn ihr euch nicht bekehrt und werdet wie die Kinder, werdet ihr nicht eingehen ins Himmelreich.”

Nachdem wir so in Kürze den Charakter seiner Seele gekennzeichnet haben, laßt uns nun die Macht kund geben, die er durch seine Tugend besaß. Ein Krieger, der an der Jagd Freude hatte, kam auf den Berg, zu jagen. Es folgten ihm Hunde, Soldaten und alles für das Weidwerk Nötige. Als er von ferne den Mann erblickte und von den Begleitern erfuhr, wer er sei, sprang er sogleich vom Pferde, ging auf ihn zu, redete ihn an und fragte, was er denn da treibe. Er aber antwortete: „Wozu bist denn du hier heraufgestiegen?” Als der Krieger erklärte, er wolle jagen, sagte jener: „Auch ich jage, nach meinem Gott und strebe, ihn zu erreichen, und sehne mich, ihn zu schauen, und von dieser schönen Jagd werde ich nicht ablassen.” Als dies der Krieger hörte, zog er voll Bewunderung von dannen. Ein andermal, als die Stadt, von einem bösen Dämon aufgereizt, in ihrem Wahnsinn gegen die kaiserlichen Bildsäulen gewütet, kamen die obersten Kriegsbefehlshaber und sprachen das Vernichtungsurteil über die Stadt aus. Er aber stieg vom Berge herab und hielt die beiden Feldherrn am Forum an. Als sie erfuhren, wer er sei, sprangen sie von den Pferden, faßten seine Hände und Knie und begrüßten ihn. Er aber sagte, sie möchten dem Kaiser vorstellen, daß er ein Mensch sei und dieselbe Natur habe wie die, welche gefrevelt hätten. Den Zorn müsse man nach der Natur bemessen, sein Groll gehe über das Maß. Seiner eigenen Standbilder wegen wolle er Gottes Ebenbilder hinschlachten und für eherne Bildsäulen überliefere er die Leiber von Menschen dem Tode. „Und uns”, sagte er, „ist es gar leicht, die ehernen Bildsäulen wieder herzustellen und umzuformen, dir aber, wenn du auch Kaiser bist, ist es unmöglich, hingeschlachtete Leiber wieder ins Leben zurückzurufen. Aber was sage ich: Leiber? Nicht einmal ein Haar kannst du wieder herstellen.” Dieses redete er in syrischer Sprache. Ein Dolmetsch übertrug es ins Griechische, und sie hörten erschreckt zu und versprachen, es dem Kaiser zu übermitteln. Ich aber glaube, alle werden eingestehen, daß dies Worte der Gnade des Heiligen Geistes sind. Denn wie hätte ein Mann so sprechen können, der jeder Bildung entbehrte, im ländlichen Leben erzogen, auf dem Gipfel der Berge wohnend, durch Einfalt der Seele ausgezeichnet und nicht einmal im göttlichen Worte bewandert? Nachdem wir also seine geistige Weisheit und den dem Gerechten geziemenden Freimut gezeigt haben (denn der Gerechte hat Mut wie ein Löwe), gehen wir zu seinen Wundern über.

Die Frau eines reichen Mannes verfiel der Eßwut, einem Übel, welches die einen für das Werk des Teufels, andere für eine körperliche Krankheit hielten. Mag sie nun dieses oder jenes gewesen sein, es verhielt sich so. Dreißig Hühner soll sie täglich verzehrt haben. Damit war aber ihr Hunger nicht gestillt, sie begehrte noch weitere. Da so das Vermögen für sie verbraucht war, erbarmten sich die Angehörigen und wandten sich an jenen göttlichen Mann. Er kam und betete, hielt die Rechte über Wasser, machte das Zeichen des Heils über dasselbe und hieß sie es trinken: und das Leiden war geheilt. Und zu dem Grade stillte er das Übermaß der Begierde, daß fürderhin ein kleiner Teil eines Huhnes jeden Tag ihrem Nahrungsbedürfnis genügte. So wurde dieses Leiden geheilt.

Der Vater eines Mädchens, das noch in dem Frauengemach gehalten wurde und plötzlich die Einwirkung eines bösen Dämons erfahren hatte, kam zu dem Manne Gottes, flehend und jammernd, und bat um die Heilung des Töchterchens. Dieser betete und befahl dem Teufel, sogleich das Mädchen zu verlassen. Der sagte aber, er sei nicht freiwillig eingefahren, sondern durch magischen Zauber gezwungen. Er nannte auch den Namen dessen, der ihn gezwungen hatte, und Liebe sei die Ursache des Zaubers. Als aber der Vater dies hörte, konnte er einem Zornanfall nicht widerstehen, wartete die Heilung des Kindes nicht ab, sondern ging zum obersten Befehlshaber, der mehreren Völkerschaften vorstand, erhob Klage wider den Menschen und setzte seine Sache auseinander. Vorgeführt, leugnete jener und bezeichnete die Anklage als Verleumdung. Als Zeugen gab er keinen andern als den Teufel selbst an, der bei der Beschwörung behilflich gewesen sei, und ersuchte den Richter, zu dem Manne Gottes sich zu begeben und das Zeugnis des bösen Geistes zu vernehmen. Da dieser bemerkte, es sei ungesetzlich und nicht recht, daß in einer Einsiedlerniederlassung eine richterliche Untersuchung vorgenommen werde, versprach der Vater des Mädchens, den göttlichen Makedonius in den Gerichtssaal zu führen. Er eilte zu ihm, überredete ihn und brachte ihn her. Der Richter aber, fern dem Richtertische sitzend, war nicht mehr Richter, sondern Zuschauer. Die Rolle des Richters übernahm der große Makedonius, der gemäß der ihm innewohnenden Kraft dem Dämon befahl, seine gewohnte Lüge zu lassen und wahrheitsgetreu die ganze Tragödie der Begebenheit darzulegen. Dieser, von gewaltigstem Zwange gedrängt, gab den Mann an, der durch seine Zaubersprüche ihm Gewalt angetan hatte, und die Dienerin, durch welche der Mischtrank dem Mädchen dargeboten worden war. Als er noch weitere Untaten zu erzählen sich anschickte, die er in Nötigung durch andere Bösewichte verübt, wie er dem einen das Haus angezündet, dem andern das Vieh vernichtet, andern sonstigen Schaden zugefügt habe, befahl ihm der Mann Gottes zu schweigen und auf der Stelle weit von dem Mädchen und von der Stadt sich zu entfernen. Wie dem Befehle des Herrn gehorchend, tat er das Befohlene und floh sogleich. So befreite der Mann Gottes das Mädchen von der Tobsucht, jenen Unglücklichen entzog er der Anklage und verhinderte ein Todesurteil des Richters, indem er sagte, es sei nicht recht, daß einer, der durch seine Beweishilfe überführt sei, den Tod erleide, es müsse ihm vielmehr bei Reuegesinnung Verzeihung gewährt werden. Das reichte hin, um die Größe der ihm verliehenen göttlichen Kraft darzutun. Doch will ich noch anderes erzählen.

Eine vornehme und sehr reiche Frau namens Astrion verlor den Verstand, kannte niemand von ihren Angehörigen mehr und verschmähte es, Speise und Trank zu nehmen. Lange Zeit dauerte dieses Irresein, das die einen dem Einflusse des Teufels zuschrieben, die Ärzte aber eine Gehirnerkrankung nannten. Nachdem alle Kunst verschwendet war und ihr von dieser Seite keine Hilfe geworden, eilte ihr Gatte, Avodianus, ein Mann von Amt und Würde, zu dem göttlichen Haupte, setzte ihm das Leiden seiner Ehegenossin auseinander und flehte ihn um Hilfe an. Der gottselige Mann ließ sich bewegen, kam in das Haus und richtete dringliche Bitten an Gott. Als er das Gebet vollendet hatte, ließ er Wasser bringen, machte das Zeichen des Heils darüber und hieß sie trinken. Als die Ärzte abrieten, da durch den kalten Trunk das Leiden sich verstärken würde, wies der Mann ihre ganze Zunft aus dem Hause und gab der Frau von dem Wasser. Kaum hatte sie getrunken, so kam sie wieder zu sich und wurde verständig und war gänzlich von dem Leiden befreit. Sie erkannte den Mann Gottes, bat ihn, seine Hand fassen zu dürfen, legte sie auf ihre Augen und brachte sie an ihren Mund. Und in der Folgezeit blieb sie so dauernd bei gesundem Verstande.

Nachdem er das Leben auf den Bergen erwählt, kam einst ein Hirte, der seine verirrten Schafe suchte, an den Ort, wo der Mann Gottes weilte. Es war tiefe Nacht, und viel Schnee war gefallen. Da sah er, wie er erzählte, ein Feuer um den Einsiedler angezündet und zwei Männer in weißen Kleidern dabei, welche Brennholz ins Feuer legten. So durfte er sich zum Lohne für sein Tugendstreben des göttlichen Schutzes erfreuen.

Er besaß auch die Prophetengabe. Einst kam zu ihm ein höherer Kriegsmann, durch Frömmigkeit hervorleuchtend ― wer kennt nicht die Tugend des Lupikinus? ―, und sagte, er sei in Sorge wegen einiger Leute, die ihm aus der Kaiserstadt zur See die nötigen Vorräte bringen sollten. Fünfzig Tage, erklärte er, seien verflossen, seitdem sie den Hafen verlassen, und noch habe er keine Nachricht von ihnen empfangen. Er aber erwiderte ohne Verzug: „Das eine Fahrzeug, mein Lieber, ist untergegangen, das andere wird am folgenden Tage im Hafen von Seleukia einlaufen.” Diese Worte vernahm er von jener göttlichen Zunge. Die Erfahrung belehrte ihn über die Wahrheit der Prophezeiung.

Um anderes zu übergehen, will ich ein Begebnis erzählen, das uns angeht. Dreizehn Jahre hatte meine Mutter mit meinem Vater zusammengelebt, ohne Kindersegens sich zu erfreuen. Denn sie war unfruchtbar, die Natur hatte ihr die Befähigung für Nachkommenschaft versagt. Die Mutter trug es mit Gelassenheit. Denn, unterrichtet in den göttlichen Dingen, beschied sie sich in dem Gedanken, es sei eine Fügung zu ihrem Heile. Schwer aber litt der Vater unter der Kinderlosigkeit. Er irrte bei allen Gottesdienern umher und rief sie an, ihm von Gott Kinder zu erflehen. Alle versprachen, daß sie beten würden, und ermahnten ihn, dem Willen Gottes sich zu unterwerfen. Der Mann Gottes aber sagte bestimmt zu und versicherte, daß der Vater einen Sohn vom Schöpfer aller Dinge erhalten werde. Als nach Verlauf von drei Jahren die Verheißung sich nicht erfüllt hatte, eilte der Vater wieder zu ihm hin und begehrte das Verheißene. Jener befahl ihm, die Ehegenossin zu schicken. Und als die Mutter zu ihm kam, sagte ihr der Mann Gottes, er werde beten, und sie werde ein Knäblein bekommen, aber es gezieme sich, daß das Kind dem Geber zurückerstattet werde. Da nun die Mutter nur um das Heil der Seele und um Abwendung der Hölle flehte, sagte er: „Der großmütige Geber wird dazu auch noch den Sohn schenken. Denn aufrichtigen Betern gewährt er doppelt ihre Bitten!” Von dort kehrte die Mutter zurück und nahm den Segen der Verheißung mit sich. Und vier Jahre nach der Verheißung empfängt sie und fühlt Mutterglück. Sie eilt zum Manne Gottes und zeigt ihm die Garben, die dem Samen seines Segens erwachsen. Im fünften Monate der Schwangerschaft trat die Gefahr einer Fehlgeburt ein. Sie sandte wieder zu ihrem neuen Elisäus ― denn ihr Leiden hinderte sie, selbst zu gehen ― und erinnerte ihn daran, daß sie gar nicht verlangt habe, Mutter zu werden, und gemahnte ihn an sein Versprechen. Er aber sah den Boten von weitem kommen und wußte, wer er sei, und konnte ihm auch die Ursache seines Kommens sagen. Denn in der Nacht hatte ihm der Herr das Leiden und die Heilung geoffenbart. Er ergriff denn einen Stab, auf den gestützt er ankam. Und nachdem er das Haus betreten, wünschte er nach seiner Gewohnheit den Frieden und sprach: „Sei guten Mutes und fürchte dich nicht, denn das Geschenk wird der, welcher es gegeben hat, dir nicht nehmen, wenn nicht du den eingegangenen Vertrag brichst. Du hast versprochen, dem Geber die Gabe zurückzuerstatten und sie dem göttlichen Dienst zu weihen.” „In diesem Sinne”, sagte die Mutter, „wünsche und flehe ich zu gebären. Denn lieber will ich eine Fehlgeburt als eine andere Erziehung des Knäbleins.” „Trinke also”, sagte der Mann Gottes, „dieses Wasser, und du wirst die göttliche Hilfe erfahren.” Sie trank also, wie er befohlen, und die Gefahr einer Fehlgeburt war geschwunden. So groß waren die Wunder unseres Elisäus.

Auch ich habe oftmals mich seines Segens und seiner Belehrung erfreut. Oft sagte er mahnend zu mir: „Unter vielen Mühen, o Knäblein, bist du geboren worden. Viele Nächte vollbrachte ich im Gebet, nur um das Gott bittend, daß deine Eltern das würden, was sie nach der Geburt hießen. Wandle also würdig dieser Mühen! Vor der Geburt bist du durch Versprechungen Gott geweiht worden; die Weihegeschenke Gottes aber sind ehrwürdig für alle und dürfen von der Menge nicht berührt werden. Es geziemt sich also, daß du schlechte Regungen in der Seele nicht aufkommen lässest, daß du nur das tust, redest und denkst, was dem Gesetzgeber der Tugend, Gott, gefällt.” So mahnte mich unaufhörlich der Mann Gottes. Seiner Worte erinnere ich mich wohl und bin über die göttliche Gabe belehrt. Da ich aber in meinen Werken den Ermahnungen nicht nachkomme, so hoffe ich, durch sein Gebet den göttlichen Beistand zu erlangen und mein noch übriges Leben nach seinen Weisungen einzurichten.

Das Gesagte mag genugsam zeigen, was für ein Mann er war und durch welche Mühen er die göttliche Gnade auf sich herabzog. Doch schon in diesem Leben fand sein Ende eine seinen Mühen würdige Ehrung. Denn alle, Einheimische wie Fremde und die höchsten Beamten, trugen jene heilige Bahre auf den Schultern und geleiteten sie in das Heiligtum der siegreichen Martyrer und setzten den heiligen und gottgeliebten Leib bei an der Seite der göttlichen Männer Aphraates und Theodosius. Sein Ruhm bleibt unvergänglich, und keine Zeit wird ihn tilgen können. Wir sind am Ende unserer Erzählung und haben Erquickung gefunden an ihrem lieblichen Dufte.

Maisymas

Ich weiß, daß viele Leuchten der Frömmigkeit um die Stadt Antiochien glänzten: der große Severus und der Ägypter Petrus und Eutychius und Cyrillus und Moses und Malchus und sehr viele andere, die die gleiche Laufbahn ergriffen. Aber wollte ich aller Wandel beschreiben, so dürfte meine ganze Lebensdauer hierfür nicht reichen, und die Lesung allzu vieler Heiligengeschichten möchte auch der Menge zum Überdrusse werden. Aus den gebotenen Darstellungen läßt sich auch das Leben der übergangenen Helden erschließen, und alle sollen sie preisen, nacheifern und Frucht daraus ziehen. Ich aber werde die geistlichen Wiesen von Cyrus durchwandeln und von der Schönheit etlicher ihrer duftenden und anmutigen Blumen, so gut ich kann, Kunde bringen.

Es lebte in der Zeit vor uns ein gewisser Maisymas, der Sprache nach ein Syrer, ländlich erzogen, aber in jeder Tugend ausgezeichnet. Da er in seinem Privatleben hervorleuchtete, wurde er mit der Seelsorge eines Dorfes betraut. Im heiligen Dienste und in der Leitung der Schafe Gottes redete und tat er, wie es das göttliche Gesetz vorschreibt.

Man erzählt, daß er lange Zeit Kleid und Mantel nicht gewechselt, sondern auf die darin entstandenen Risse andere Lappen aufgeflickt und ganz auf dieselbe Weise auch dem Alter geholfen habe. Groß war seine Sorge um Fremde und Arme. Allen, die zu ihm kamen, öffnete er die Türe. Er soll zwei Fässer gehabt haben, eines für Getreide, das andere für Öl. Aus diesen pflegte er allen Bedürftigen mitzuteilen, hatte sie aber immer voll, da ihm der Segen der Witwe von Sarepta verliehen und über diese Fässer ausgegossen war. „Denn derselbe Herr aller ist reich gegen alle, die ihn anrufen.” Und wie er jenem Mehlgefäße und dem Ölkrug Inhalt gab, für den Samen der Gastfreundschaft Garben spendend, so verlieh er diesem wundervollen Manne einen seiner Bereitwilligkeit entsprechenden Überfluß.

Große Wundergaben hatte er auch vom Gott des Alls empfangen. Ich will aber mit Übergehung von anderen nur eine oder zwei Taten erwähnen, indem ich zu weiteren Aszeten zu kommen mich beeile. Eine Frau, durch Geburt und Glauben ausgezeichnet, hatte ihren sehr jungen Sohn, der in eine Krankheit verfallen war, vielen Ärzten anvertraut. Da deren Kunst versagte und die Ärzte die Hoffnung aufgaben und entschieden erklärten, das Knäblein werde sterben, ließ die Frau gleichwohl ihr höheres Vertrauen nicht sinken, sondern lud, die Sunamitin nachahmend, das Bett auf ein Maultier und setzte sich und das Knäblein darauf, um den Mann Gottes aufzusuchen. Wehklagend und dem Affekte der Natur Raum gehend, bat sie ihn, zu helfen. Er aber nahm das Knäblein in beide Hände, legte es am Fuße des Altars nieder, warf sich selbst zu Boden und flehte den Arzt für Seele und Leib an. Seine Bitte wurde erhört, und er gab der Mutter das Kind gesund zurück. Ich habe dies von eben der gehört, die das gesehen und die Heilung des Kindes erlangt hat.

Es wird auch erzählt, daß einst der Herr jenes Dorfes, Letoius mit Namen, zu ihm kam. Dieser hatte den Vorsitz im Rate von Antiochien, war aber in der Finsternis des Heidentums befangen und forderte schärfer als billig die Früchte von den Landwirten ein. Der Mann Gottes mahnte ihn zur Menschenfreundlichkeit und machte ihm Vorhalt und hielt ihm einen Vortrag über Erbarmen und Barmherzigkeit. Der aber blieb verhärtet, mußte aber den Schaden seiner Hartnäckigkeit an sich erfahren. Als nämlich Zeit zur Abfahrt war und das Gespann bereit stand und er aufstieg und den Kutscher die Maultiere antreiben hieß, suchten diese unter den Peitschenhieben mit aller Gewalt anzuziehen und zerrten hastig an der Deichsel, aber die Räder schienen wie mit Eisen und Blei festgehalten. Als aber auch die Menge der Landleute mit Hebeln in die Speichen griff und ebensowenig ausrichtete, gab ein Vertrauter des Letoius, der neben ihm saß, den Grund an, indem er sagte, der greise Priester habe den Fluch über ihn ausgesprochen, er müsse ihn besänftigen. Da sprang er vom Wagen, flehte ihn, den er verspottet hatte, an, und zu dessen Füßen hingeworfen, umfaßte er die schmutzigen Lumpen und bat ihn, von seinem Zorn abzulassen. Der Alte nahm seine Bitten gütig auf, brachte sie vor den Herrn und löste so die unsichtbaren Fesseln der Räder, so daß der Wagen in gewohnter Weise dahinfuhr.

Noch viele andere Begebnisse dieser Art werden von dem göttlichen Haupte erzählt. Man kann aber auch schon hieraus sehen, wie wenig denen, welche die Aszese pflegen, der Aufenthalt in Städten und Dörfern hinderlich ist. Denn er sowohl wie die Gefährten, welche nach seiner Weise dem Dienste Gottes obliegen, haben bewiesen, daß es möglich ist, auch in der Umgebung von Vielen zum Gipfel der Tugend zu gelangen. Mir aber möge es mit Hilfe ihrer Gebete vergönnt sein, ein Stückchen wenigstens über den Fuß des Berges emporzukommen.

Akepsimas

Zu derselben Zeit lebte Akepsimas, dessen Ruhm im ganzen Morgenland weit verbreitet ist. Dieser verbrachte, in einem Häuschen eingeschlossen, sechzig Jahre, von niemand gesehen, mit niemand sprechend, sondern nur in sich schauend und Gott betrachtend. Daraus schöpfte er allen Trost nach dem Prophetenwort, das da spricht: „Erfreue dich im Herrn, und er wird dir die Wünsche deines Herzens erfüllen.” Durch ein enges Loch streckte er die Hand heraus, um die gereichte Nahrung in Empfang zu nehmen. Die Öffnung war aber nicht in gerader Führung, sondern mit einer Brechung angelegt, damit Neugierige durch sie nicht hineinblicken konnten. Als Nahrung wurden ihm Linsen, in Wasser eingeweicht, gebracht. Einmal in der Woche ging er nachts heraus, um das nötige Wasser aus der nahen Quelle zu schöpfen.

Als ihn einst ein Schäfer, der dort seine Lämmer weidete, in der Dunkelheit von ferne gewahrte, glaubte er, es sei ein Wolf (denn mit vielem Eisen belastet, ging er gebückt dahin), und schwang die Schleuder, einen Stein nach ihm zu werfen. Da aber die Hand lange unbeweglich blieb und den Stein nicht werfen konnte, bis der Mann Gottes Wasser geschöpft hatte und wieder zurück kam, gewahrte er seinen Irrtum, ging am Morgen zum Kloster, erzählte das Geschehene und bat um Verzeihung für seinen Fehler. Diese erhielt er auch, hörte aber dabei nicht des Alten Stimme, sondern wurde durch Bewegungen der Hände dessen Wohlwollen inne.

Aber ein anderer Mann, von übler Neugierde getrieben, wollte gern wissen, womit der Greis sich die ganze Zeit beschäftige, und vermaß sich, auf eine neben der Umfriedung gepflanzte Platane zu steigen. Aber alsbald erntete er die Früchte seines Wagnisses. Denn die eine Seite seines Körpers, vom Scheitel des Hauptes bis zu den Füßen, war gelähmt. Da trat er flehend heran und bekannte das Vergehen. Der Alte eröffnete ihm, daß er nur durch Fällung des Baumes die Gesundheit wieder erlangen werde. Damit nämlich nicht ein anderer Gleiches versuche und Gleiches erleide, wollte er auf der Stelle den Baum gefällt wissen. Dem Falle desselben folgte der Erlaß der Strafe. So groß war die Festigkeit dieses Gottesmannes, so große Gnade hatte er von dem Kampfrichter.

Da er sich aber zur Abreise von hinnen anschickte, sagte er vorher, daß er nach fünfzig Tagen sein Leben beenden werde, und nahm alle, die ihn sehen wollten, auf. Als auch der Bischof der Kirche zu ihm kam, drang er in ihn, das Joch des Priestertums auf sich zu nehmen. Er sprach: „Ich kenne, o Vater, deine hohe Vollkommenheit und das Übermaß meiner Armut. Aber, mit der Verwaltung des hohepriesterlichen Amtes betraut, nehme ich kraft dieses, nicht kraft jener, die Priesterweihe vor. Nimm also das Geschenk des Priestertums an, wobei meine Rechte den Dienst leistet, die Gnade des Heiligen Geistes aber Spenderin ist.” Darauf soll er geantwortet haben: „Da ich nach wenigen Tagen von hier scheiden werde, will ich darob nicht streiten. Wenn ich aber noch lange zu leben hätte, würde ich ganz und gar diese schwere und furchtbare Bürde des Priestertums fliehen, aus Furcht vor der Rechenschaft über das Anvertraute. Da ich aber in Kürze hinweggehe und die Erde verlasse, will ich bereitwillig das Befohlene annehmen.” Alsbald beugte er von selbst die Knie und erwartete die Gnade. Der Bischof legte ihm die Hand auf und stellte sich in den Dienst des Heiligen Geistes.

Nur wenige Tage verlebte er im Priestertum, vertauschte Leben mit Leben und empfing das nicht alternde, leidlose für dieses sorgenvolle. Da alle den Leichnam für sich in Anspruch nehmen und ins eigene Dorf überführen wollten, schlichtete einer den Streit, indem er den Eid des Heiligen bekannt gab. Dieser habe ihn beschworen, seinen Leib am Sterbeorte selbst dem Grabe zu übergeben. So sind die Bürger des Himmels auch für die Zeit nach dem Tode noch um die Demut besorgt. Während ihres Lebens verschmähten sie hochmütige Gesinnung, und nach ihrem Tode suchten sie keine Ehre bei Menschen, sondern ihre ganze Liebe richteten sie auf den Bräutigam gleich züchtigen Frauen, die nur um die Liebe und das Lob der Gatten sich mühen, das Lob von anderen aber verachten. Darum verherrlichte sie der Bräutigam, eben weil sie nicht wollten, und verlieh ihnen übermäßigen Ruhm bei den Menschen. Denn wenn jemand, um das Göttliche besorgt, Himmlisches erbittet, fügt er hierzu noch sehr viele andere Gaben, indem er das Erbetene vielfach schenkt. Das hat ja auch unser Gesetzgeber gesagt: „Bittet um das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit, und alles übrige wird euch dazu gegeben werden.” Und wiederum: „Wer Vater und Mutter und Brüder und Frau und Kinder meinetwegen und meines Evangeliums wegen verläßt, wird in diesem Leben hundertfach empfangen und im zukünftigen das ewige Leben erben.” So hat er gesprochen und getan. Uns aber möge es vergönnt sein, durch diese Worte belehrt und durch die Gebete jener unterstützt, nach dem Ziele und dem Kampfpreise unserer himmlischen Berufung zu streben, in Jesus Christus unserm Herrn, dem Ehre sei in Ewigkeit! Amen.

Maron

Nach diesen Helden will ich des Maron gedenken, denn auch er zierte den göttlichen Chor der Heiligen. Er wählte ein Leben unter freiem Himmel auf einem Berggipfel, der vor alters bei den Heiden in Ehren stand. Den Dämonenbezirk hier weihte er Gott und nahm ihn zum Aufenthaltsorte, wobei er ein kleines Zelt darin errichtete, das er aber selten betrat.

Er lag nicht allein den gewöhnlichen aszetischen Mühen ob, sondern dachte auch noch andere aus, so den Reichtum der Tugend anhäufend. Und der Kampfrichter bemaß die Gnade, die er ihm verlieh, nach den Arbeiten. Denn so reichlich schenkte ihm der großmütige Geber die Gabe der Heilungen, daß sein Ruf sich überallhin verbreitete und die Leute von allen Seiten herbeizog und sie durch den Augenschein die Berechtigung dieses Rufes lehrte. Denn da konnte man durch den Tau seines Segens Fieberhitze gelöscht sehen, Friesel gestillt, Dämonen vertrieben und alle Arten von Krankheiten durch eine und dieselbe Arznei geheilt. Die Ärzte wenden für jede Krankheit das ihr entsprechende Medikament an, das Gebet der Heiligen ist das allgemeine Heilmittel für alle Leiden. Aber nicht bloß die körperlichen Krankheiten kurierte er, auch den Seelen brachte er die entsprechende Heilung, indem er bei diesem die Habsucht, bei jenem den Zorn behob, diesem Lehren über die Keuschheit gab, jenen über Gerechtigkeit unterrichtete, hier Zügellosigkeit strafte, dort Trägheit aufrüttelte. Durch solchen Ackerbau erzielte er viele Pflanzen der Vollkommenheit, und das jetzt in der Gegend von Cyrus blühende Paradies hat er Gott gepflanzt. Ein Werk seiner Pflanzung ist der große Jakobus, auf den man billigerweise das Wort des Propheten beziehen kann: „Der Gerechte wird wie eine Palme blühen, wie eine Zeder des Libanon wachsen”, und alle anderen, deren ich mit Gott im einzelnen gedenken werde.

So um Gottes Ackerland besorgt und Körper und Seelen zugleich heilend, befiel ihn selbst eine kurze Krankheit, damit wir die Schwäche seiner Natur und die Stärke seines Willens kennen lernten, und er selbst aus dem Leben schiede. Ein heftiger Streit entstand unter der Nachbarschaft um seinen Leib. Ein angrenzendes sehr volkreiches Dorf kam vollzählig herbei und vertrieb die anderen und riß den heiß begehrten Schatz an sich. Sie erbauten ihm eine große Kirche und empfangen noch heute Wohltaten von ihm, indem sie durch ein öffentliches Jahresfest den Sieger ehren. Auch wir genießen abwesend seinen Segen. Dazu genügt statt des Sarges das Gedenken.

Abraames

Nicht recht wäre es, das Andenken an den wundervollen Abraames etwa deshalb zu übergehen, weil er nach dem Einsiedlerleben das hohepriesterliche Amt zierte. In der Tat verdient er um so mehr Erwähnung, weil er, gezwungen, jene Lebensweise zu vertauschen, seine Lebensführung darob nicht änderte, sondern mit der aszetischen Strenge fortfuhr und mit klösterlichen Arbeiten und hohepriesterlichen Sorgen zugleich belastet, den Lauf seines Lebens vollbrachte.

Auch er war eine Frucht der Gegend von Cyrus. Dort ward er geboren und erzogen, und dort sammelte er die Reichtümer des aszetischen Lebens. Die mit ihm zusammenlebten, berichten, er habe so sehr durch Nachtwachen und Stehen und Fasten den Leib gebändigt, daß er lange Zeit sich nicht mehr bewegen und nicht mehr gehen konnte. Nachdem er durch Gottes Vorsehung von jener Schwäche befreit war, wollte er für diese Gnade sich Gefahren unterziehen und suchte ein sehr großes Dorf am Libanon auf, von dem er erfahren hatte, daß es noch in der Finsternis des Heidentums befangen lag. Das Äußere des Mönches verbarg er unter der Maske eines Kaufmannes, nahm nebst seinen Gefährten Säcke mit sich, als wollte er Nüsse kaufen, eine Frucht, welche bei diesem Dorfe besonders gedeiht. Er mietete dort ein Haus, indem er den Besitzern eine kleine Summe im voraus zahlte und verhielt sich dreiundvierzig Tage ruhig. Dann fing er nach und nach an, den heiligen Dienst zu verrichten, aber mit leiser Stimme. Als die Leute aber den Psalmengesang vernahmen, rief der Herold alle mit lauter Stimme zusammen. Es versammelten sich Männer und Frauen, verrammelten die Türen des Hauses, trugen vielen Schutt zusammen und warfen ihn von oben vom Dache her auf die Insassen. Als sie aber sahen, daß sie erstickten und zugeschüttet würden, Leute, die doch gar nichts tun, nichts reden wollten, sondern nur Gott Gebete darbrachten, stellten sie auf Gemahnen anderer den Wutausbruch ein. Dann öffneten sie die Türen, zogen die Fremdlinge aus dem Schutte und befahlen ihnen, sich sofort wegzubegeben. Aber zu derselben Zeit trafen Steuereintreiber ein und verlangten mit Gewalt die Zahlung der Abgaben, indem sie die einen fesselten, die andern schlugen. Aber der Mann Gottes, uneingedenk des gegen ihn Unternommenen, vielmehr den Herrn nachahmend, der am Kreuze um die Übeltäter sich sorgte, bat die Steuerbeamten, die Eintreibung milde vorzunehmen. Da diese aber Bürgen verlangten, stellte er sich bereitwillig zur Verfügung und versprach, nach wenigen Tagen hundert Goldgulden zu erlegen. Voll Verwunderung ob dieser Menschenfreundlichkeit baten sie den Mann, welchem sie so übel mitgespielt hatten, um Verzeihung und ersuchten ihn, ihr Vorsteher zu werden. Denn das Dorf hatte keinen Herrn. Sie waren Ackerer und Herren zugleich. Er begab sich aber nach der Stadt Emesa. Dort traf er einige Bekannte, die ihm die hundert Goldgulden liehen. Damit kehrte er ins Dorf zurück und löste am festgesetzten Tage sein Versprechen. Als sie seinen Eifer für ihre Sache gewahrten, wiederholten sie umso dringlicher ihr Gesuch. Da er versprach, das zu tun, wenn sie sich anheischig machten, eine Kirche zu erbauen, baten sie ihn, den Bau sogleich in Angriff zu nehmen. Sie führten den seligen Mann herum und zeigten ihm geeignete Plätze. Der eine pries diesen, der andere jenen Platz. Er wählte den passendsten aus, legte das Fundament und konnte in kurzer Zeit das Dach aufsetzen. Als der Bau vollendet war, stellte er ihnen vor, daß sie auch einen Priester annehmen müßten. Sie erklärten, keinen andern zu erwählen, und baten, er möge ihr Vater und Hirte sein. Er ging darauf ein und empfing die Gnade des Priestertums. Nachdem er drei Jahre bei ihnen verbracht und sie trefflich in die göttlichen Dinge eingeführt hatte, sorgte er, daß ein anderer aus seinen Gefährten geweiht wurde, und begab sich wieder in seine Einsiedelei zurück.

Um nicht in der Aufzählung aller seiner Taten zu weitläufig zu werden, will ich kurz erwähnen, daß er ob deren Glanzes den Bischofsstuhl von Karä bestieg. Diese Stadt war von heidnischer Gottlosigkeit ganz berauscht und hatte sich völlig der Tollheit der Dämonen hingegeben. Aber seiner Pflege gewürdigt und von dem Feuer seiner Belehrung entzündet, ward sie dauernd von den früheren Dornen befreit und grünt jetzt in Saaten des Heiligen Geistes und bringt Gott Garben von prächtigen Ähren dar.

Aber nicht ohne Mühen betrieb der Mann Gottes diesen göttlichen Ackerbau. Unter tausend Mühseligkeiten ahmte er die Kunst der Ärzte des Leibes nach. Er übte Heilung, indem er bald süße Ermahnungen gab, bald herbere Arzneien schlucken hieß, manchmal auch zu Schneiden und Brennen griff. Seine Lehre und seine anderen Bemühungen wurden unterstützt durch die Leuchte seines Lebens. Von hier entzündet, gehorchten sie seinen Worten und folgten bereitwillig seinen Werken.

Die ganze Zeit seiner bischöflichen Amtsführung gab es für ihn kein Brot, kein Wasser; überflüssig war ihm das Bett, überflüssig der Gebrauch des Feuers. Im Wechselgesang sprach er des Nachts vierzig Psalmen und verdoppelte noch dieses Maß durch eingeschobene Gebete. Den Rest der Nacht vollbrachte er auf einem Sessel und gestattete seinen Augenlidern nur eine kurze Ruhe. Daß der Mensch nicht allein vom Brote lebe, erklärte der Gesetzgeber Moses, und diese Worte wiederholte der Herr, um die Zumutung des Teufels zurückzuweisen1. Daß man aber auch ohne Wasser das Leben fristen könne, wird nirgends in der göttlichen Schrift gelehrt. Denn auch der große Elias stillte seinen Durst am Bache, und bei der Witwe von Sarepta eingekehrt, ließ er sich zuerst Wasser bringen, und hernach erst verlangte er Brot. Aber dieser wundervolle Mann nahm während seines Hohepriestertums weder Brot noch Hülsenfrüchte noch am Feuer bereitetes Gemüse zu sich, nicht einmal Wasser, das bei den in diesen Dingen Sachverständigen als das erste von den vier Elementen gilt, da es unumgänglich zum Leben notwendig ist. Vielmehr bereitete er sich aus Gartenlattich und Endivie und Sellerie und vielen anderen derartigen Gewächsen Nahrung und Trank zugleich und erwies so die Künste der Bäcker und Köche als überflüssig. In der spätsommerlichen Zeit befriedigte er mit Obst sein Nahrungsbedürfnis, und dies erst nach dem Abendgottesdienst. Und indem er durch solche Mühen seinen eigenen Leib meisterte, trug er eine unbeschreibliche Sorge für die anderen.

Für ankommende Fremde stand ein Bett bereit und wurde feines, auserlesenes Brot aufgetragen und duftender Wein und Fische und Gemüse und alles übrige, was dazugehört. Er setzte sich selbst zu ihnen, wenn sie so das Mittagsmahl bei ihm nahmen, reichte jedem Gaste von den vorgesetzten Speisen, gab ihnen den Becher in die Hand und feuerte sie zum Trinken an und ahmte so den Patriarchen gleichen Namens nach, der die Fremden bediente, selbst aber nicht mitspeiste. Ganze Tage widmete er den Händeln von Streitenden, indem er zur Versöhnung sie beredete oder, wenn gütige Belehrung kein Ohr fand, dafür sorgte, daß der Gerechtigkeit Genüge geschah. Keinem Ungerechten gelang es je, durch seine Verwegenheit das Recht zu beugen. Indem er für den Unrecht Leidenden die Gerechtigkeit zur Geltung brachte, entzog er ihn weiteren Angriffen und überhob ihn der Willkür des Bösewichtes. So glich er einem tüchtigen Arzte, der den Überschuß an Säften beseitigt und zwischen den Stoffen das Gleichgewicht herstellt.

Auch der Kaiser begehrte ihn zu sehen. Denn die Gerüchte haben Flügel und verkünden schnell alles Gute und Schlechte. Er beschied ihn zu sich, umarmte ihn und erachtete dessen bäuerischen Mantel für kostbarer als den eigenen Purpur. Und der Chor der kaiserlichen Damen umfaßte seine Hände und Knie, und sie trugen ihm ihre Bitten vor, einem Manne, der die griechische Sprache gar nicht verstand.

So ist Königen und allen Menschen die Tugend etwas Ehrwürdiges, und nach dem Tode erlangen die, welche sie geliebt und gepflegt, noch größere Berühmtheit. Dies kann man gar oft beobachten, ganz besonders aber bei diesem gottseligen Manne. Als er sein Leben beschlossen und der Kaiser dies erfuhr, wollte er, daß der Tote in einem Heiligtume beigesetzt werde. Da man ihm aber bemerkte, es gezieme sich, daß der Leib des Hirten der Herde überlassen bleibe, ging er an der Spitze des Leichenzuges, und es folgten der Chor der kaiserlichen Frauen, alle Beamten und Untergebenen, Soldaten und Private. Mit diesem Eifer empfing ihn auch die Stadt Antiochien und viele Orte nach ihr, bis man zum großen Flusse kam. Am Euphrat strömten die Städter und Fremde, alle Landbewohner und Grenznachbarn zusammen und drängten sich, seinen Segen zu erhalten. Die Bahre begleiteten viele Lanzenträger, welche durch Dreinschlagen diejenigen zurückhielten, welche den Leichnam der Kleider zu berauben und Stücke davon an sich zu reißen suchten. Die einen sangen Psalmen, die andern wehklagten. Eine Frau nannte ihn weinend ihren Beschützer, eine andere ihren Ernährer, wieder eine andere ihren Hirten und Lehrer. Und Männer riefen unter Tränen Vater, Helfer, Beschützer. Unter solchen Lobpreisungen und Klagen übergaben sie den heiligen Leib dem Grabe.

Ich aber bewundere an ihm, daß er mit der Änderung des Standes sein Leben nicht änderte und als Bischof sich keiner bequemeren Lebensführung hingab, sondern seine aszetischen Anstrengungen noch verdoppelte. Darum habe ich ihn in die Geschichte der Einsiedler aufgenommen und ihn nicht aus der von ihm so sehr geliebten Gesellschaft ausgeschlossen. Ich bitte um seinen Segen.

Eusebius

Den genannten Heiligen füge ich auch den großen Eusebius an, der vor nicht langer Zeit sein Leben beschloß. Er hat sehr viele Jahre gelebt und eine nach dieser Zeit bemessene Arbeit geleistet. Und der Arbeit entsprach auch die Tugend, die er erworben, und vielfältig war der Lohn, den er dafür geerntet. Denn der Kampfrichter überbietet an Großmut der Gegenleistung der Kämpfe Mühen.

Zunächst hatte er sich in fremde Zucht begeben und ließ sich dahin führen, wohin die Erzieher ihn wiesen. Denn es waren göttliche Männer und Kämpfer und Streiter um die Tugend. Nachdem er einige Zeit bei ihnen sich aufgehalten und trefflich die Wissenschaft des aszetischen Lebens erlernt hatte, erwählte er das Einsiedlerleben und bezog einen Bergrücken in der Nähe eines großen Dorfes, Asicha mit Namen. Dort wohnte er innerhalb einer Umfriedung, deren Steine nicht einmal durch Lehm zusammengefügt waren, sein Leben lang mühselig unter freiem Himmel. Er hüllte sich in ein Gewand aus Fellen und nährte sich von Erbsen und Bohnen, die er in Wasser aufweichte. Manchmal aß er auch getrocknete Feigen in der Absicht, damit dem geschwächten Körper etwas aufzuhelfen. Zu einem hohen Alter gelangt, so daß er die meisten Zähne verloren hatte, änderte er weder seine Nahrung noch seine Wohnung. Im Winter erstarrt, im Sommer verbrannt, ertrug er starkmütig die widrigen Zustände des Klimas. Runzelig war sein Gesicht, wie ausgedörrt alle Glieder seines Körpers. So sehr war durch die vielen Mühen der Leib abgezehrt, daß der Gürtel nicht mehr auf den Hüften blieb, sondern herunterfiel. Denn nichts hätte ihn halten können. Gesäß wie Hüftknochen waren geschwunden und gestatteten den leichten Herabfall. Doch er erfand ein Mittel, ihn zu befestigen, er nähte den Gürtel an die Kleider an.

Sehr lästig war ihm der Verkehr mit der Menge. Denn er wollte seine Gedanken nicht vom Göttlichen wegwenden, in dessen Schauung er immer versenkt war. Aber dennoch verstattete er bei seiner großen Menschenliebe wenigen Freunden, daß sie nach Absperrung der Türe bei ihm einträten. Wenn er sie über die göttlichen Dinge belehrt hatte, hieß er sie wieder weggehen und die Türe mit Lehm verschließen. Da er es aber für besser erachtete, auch den Verkehr mit den Wenigen einzustellen, verrammelte er den Zugang ganz und gar, indem er einen gewaltigen Stein an die Türe legte. Durch ein enges Loch unterhielt er sich noch mit wenigen Vertrauten, aber so, daß er selber nicht gesehen wurde. So hatte er es ausgedacht. Durch dieses Loch nahm er auch die dürftige Nahrung in Empfang. Während er aber wieder allen die Unterredung verweigerte, würdigte er mich allein seiner süßen und von Gott geliebten Stimme, und wenn ich weggehen wollte, hielt er mich lange zurück und sprach mit mir über göttliche Dinge.

Fortgesetzt kamen viele Leute und baten um das Geschenk seines Segens. Diese Störung wurde ihm sehr lästig. Darum überstieg er, ungeachtet seines Alters und seiner Schwäche, die Mauer, die auch sehr Rüstigen große Schwierigkeit bereitet hätte, und begab sich in das nahe Kloster und bezog in einer Mauerecke abermals eine kleine Umfriedung, den Kampf in den gewohnten Mühen fortsetzend. Der Vorsteher dieser Herde, ein Mann, aller Tugend voll, erzählte, daß er mit fünfzehn Feigen die sieben Wochen der heiligen Fastenzeit verbracht habe. Und diesen Kampf kämpfte er mehr als neunzig Jahre, zu unsagbarer Schwäche erschöpft. Aber über die Schwäche siegte der Eifer, und die Liebe zu Gott machte ihm alles leicht und bequem.

Von solch edlem Schweiße überronnen, erreichte er das Ziel seines Laufes, den Kampfrichter schauend und nach der Krone verlangend. Ich aber wünsche, seiner Fürsprache teilhaftig zu werden, wie ich mich ihrer zu seinen Lebzeiten erfreute. Denn ich glaube, daß er lebt und mit noch reinerer Zuversicht Gott bitten kann.

Salamanes

Ich hielte es für einen Verstoß gegen die Tugend, wenn ich das Leben des wunderbaren Salamanes den Leuten, die es kennen möchten, vorenthielte und in die Vergessenheit versinken ließe. Darum will ich einen kurzen Bericht darüber erstatten.

Westlich am Euphrat, unmittelbar am Ufer, liegt ein Dorf, Kapersana genannt. Diesem entstammte Salamanes. Er erwählte das beschauliche Leben. Im jenseitigen Dorfe fand er ein Häuschen ohne Türe und Fenster, und hier schloß er sich ein. Einmal des Jahres grub er daneben das Land um und verschaffte sich so für das ganze Jahr die Nahrung. Er sprach nie mit einem Menschen. Diese Lebensweise führte er nicht kurze Zeit, sondern sehr lange. Der Bischof der Stadt, zu der das Dorf gehörte, lernte die Tugend des Mannes kennen und kam herbei, ihn mit der Priesterweihe zu begnaden. Er ließ eine Öffnung in das Häuschen brechen, trat ein, legte ihm die Hände auf, sprach die Gebete, redete längere Zeit zu ihm und verkündete die ihm gewordene Gnade. Da dieser aber kein Wort sprach, entfernte er sich und ließ die gemachte Öffnung wieder verschließen. Ein andermal kamen die Bewohner seines Geburtsortes des Nachts über den Fluß, brachen seine Wohnung auf, ergriffen ihn und trugen ihn, der sich weder widersetzte noch zustimmte, in ihr Dorf. Frühmorgens bauten sie eine ähnliche Zelle und schlossen ihn darin ein. Auch hier schwieg er in gleicher Weise und sprach mit niemanden ein Wort. Nach einigen Tagen aber kamen umgekehrt die Bewohner des jenseitigen Dorfes, ebenfalls zur Nachtzeit, brachen das Häuschen hier auf und führten ihn wieder zu sich zurück. Auch da kein Widerspruch. Er äußerte nicht den Willen zu bleiben noch Freude über die Rückkehr.

So war er ganz dem Leben abgestorben und konnte in Wahrheit die apostolischen Worte sprechen: „Ich bin mit Christus gekreuzigt, ich lebe, aber nicht mehr ich, sondern es lebt Christus in mir. Was ich aber jetzt im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.” So war auch dieser gesinnt. Das reicht aber hin, seine ganze Lebensrichtung klar zu legen. Ich aber gehe mit seinem Segen zu anderen Erzählungen über.

Maris

Bei uns liegt ein Dorf, Homeros genannt. In dessen Nähe baute sich der gottselige Maris eine kleine Hütte und lebte siebenunddreißig Jahre darin eingeschlossen. Von dem nahen Berge setzte ihm starke Feuchtigkeit und sickernde Nässe zu. Wie schädlich dies für die Gesundheit ist, wissen die Bewohner der Stadt und des Landes. Denn auch den Landleuten sind die Krankheiten bekannt, die daraus entstehen. Aber das konnte jenes heilige Haupt nicht bewegen, seine Hütte aufzugeben, sondern er verharrte standhaft darin, bis er seinen Lauf vollendet hatte.

Auch sein früheres Leben hatte er in mühevollem Streben nach Tugend verbracht und so die Reinheit des Leibes und der Seele bewahrt. Das hat er mir selbst mitgeteilt, indem er erklärte, sein Leib sei unversehrt geblieben, so wie er aus dem Mutterschoße hervorgegangen. Und das, obgleich er viele Martyrerfeste in seiner Jugend mitfeierte und durch seine angenehme Stimme das Volk entzückte. Mit Psalmengesang verbrachte er denn gern die Zeit und glänzte durch körperliche Schönheit. Aber weder die Wohlgestalt des Leibes noch der Wohlklang der Stimme noch der Verkehr mit der Menge befleckte die Schönheit seiner Seele, sondern, wie Reklusen lebend, war er nur für die eigene Seele besorgt, um dann den Tugendschatz durch die Mühen des Einsiedlers zu vermehren.

Oft erfreute ich mich seines Umgangs. Er ließ hinter mir die Türe verschließen, umarmte mich beim Eintritt und hielt lange Vorträge über die Vollkommenheit. Auch er zeichnete sich durch Einfalt aus und verabscheute ganz und gar gekünsteltes Benehmen. Die Armut liebte er mehr als großen Reichtum. Neunzig Jahre lang trug er aus Ziegenhaaren verfertigte Kleider. Brot und wenig Salz befriedigte sein Nahrungsbedürfnis.

Seit langem sehnte er sich, der Feier des geistigen und mystischen Opfers beiwohnen zu können, und er bat mich, bei ihm die Darbringung der Gottesgabe zu vollziehen. Gerne willfahrte ich und ließ die heiligen Gefäße dorthin bringen, denn der Ort war nicht weit entfernt. Indem ich die Hände der Diakone als Altar gebrauchte, brachte ich das geheimnisvolle, göttliche, heilbringende Opfer dar. Er aber war voll geistiger Freude, glaubte sich in den Himmel versetzt und sagte, niemals eine solche Wonne gekostet zu haben.

Ich aber, den er so heiß geliebt, hielte es für ein Unrecht gegen ihn, wenn ich nicht nach dem Tode sein Lob verkündete, und für ein Unrecht gegen andere, wenn ich nicht diese hohe Tugend zur Nachahmung vorstellte. Mit der Bitte um seine Hilfe beschließe ich die Erzählung.

Jakobus

Nachdem wir die Kämpfe jener Helden erzählt haben, welche bereits als Sieger in der Tugend ausgerufen wurden, wollen wir nun in Kürze auch berichten über die Tugendmühen und den Kampfschweiß und die glänzenden und ausgezeichneten Siege der Männer, welche noch leben und großartig streiten und die Vorgänger durch ihren Schweiß noch zu überbieten streben. Wenn wir so deren Leben schildern, wollen wir zugleich den künftigen Geschlechtern ein nutzbringendes Andenken an diese Großen hinterlassen. Denn wie der Wandel der Heiligen, die dereinst geglänzt, den späteren die mächtigste Förderung gebracht hat, so werden die Geschichten dieser Streiter den Leuten nach uns Norm und Vorbild sein.

Den Anfang mache ich mit dem großen Jakobus. Denn dieser geht an Zeit und an Arbeit den anderen voran, und diejenigen, welche ihm nacheifern, leisten Unglaubliches und Wunderbares. Es trifft sich, ich weiß nicht wie, daß dieser Name sowohl bei der Liste der bereits Heimgegangenen wie bei der Reihe der noch Lebenden an die erste Stelle kommt. Denn auch als ich den Lebenswandel jener Gruppe beschrieb, machte ich den Anfang mit jenem göttlichen Jakobus, der durch sein Gebet das persische Heer in die Flucht schlug und obgleich die Stadtmauern gefallen, die Stadt doch nicht einnehmen ließ, sondern die Feinde zur Flucht trieb, indem er Mücken und Fliegen gegen sie kämpfen hieß. Der, welcher mit ihm gleiche Ehre teilt und gleiche Tugend besitzt, soll den Reigen der noch lebenden Kämpfer eröffnen, nicht weil er seinen Namen trägt, sondern weil er in der Tugend mit ihm wetteifert und anderen Meister der Tugend ist.

Jakobus lebte mit dem ganz berühmten Maron zusammen, stellte aber den Meister, dessen Lehren er sich erfreute, durch die höhere Art seiner Tugendübungen in den Schatten. Denn während jener in dem heiligen Bezirke einer einstigen heidnischen Kultstätte eine Art Gehege zu eigen hatte und darin ein Gezelt aus behaarten Fellen errichtete, worin er sich gegen die Unbilden von Regen und Schnee schützte, verschmähte er alle diese Mittel, Zelt und Hütte und Umfriedung; er hatte den Himmel als Dach und setzte sich allen Fährnissen der Witterung aus. Bald von heftigem Regen durchnäßt, bald von Frost und Schnee erstarrt, ein anderes Mal von den Sonnenstrahlen verbrannt und gebraten, ertrug er alles standhaft, wie wenn er in fremdem Leibe stritte, bemüht, durch seinen Eifer die Natur des Körpers zu meistern. Denn obgleich von einem sterblichen und leidensfähigen Leibe umkleidet, wandelt er wie in einem leidenslosen und müht sich um ein unkörperliches Leben im Körper, so daß er mit dem gottbegeisterten Paulus ausrufen kann: „Im Fleische wandelnd, streiten wir nicht nach dem Fleische. Denn unsere Waffen sind nicht fleischlich, sondern gewaltig durch Gott zum Niederreißen von Festungen, Gedanken vernichtend und jede Hoheit, die sich erhebt gegen die Erkenntnis Gottes, und gefangen nehmend jeden Verstand zum Gehorsam Christi.”

Aber zu diesen übermenschlichen Kämpfen hatte er sich durch weniger schwere Arbeiten vorgeübt. Er verschloß sich in eine kleine Hütte, rang sich los von dem Lärme der Welt, band den Geist an die Betrachtung Gottes und suchte sich so den Weg zur vollendeten Tugend zu ebnen. Und nachdem er in solcher Vorschule die Seele in edlen Mühen erprobt, wagte er größere Kämpfe. Wohnung nehmend auf jenem Berge, der von der Stadt nur dreißig Stadien entfernt ist, machte er die Höhe berühmt und ehrwürdig, die früher unbekannt und ganz unfruchtbar gewesen war. Sie hat nach dem allgemeinen Glauben einen so kräftigen Segen empfangen, daß von allen Seiten die Leute kommen und die Erde darauf abtragen, um sie als Schutzmittel nach Hause mitzunehmen.

In seinem Tun und Lassen kann er von allen, die des Weges kommen, gesehen werden. Denn wie erwähnt, hat er keine Höhle, kein Zelt, keine Zelle, keine Mauer, keinen Zaun, der ihn abschlösse. Man sieht ihn beten, ruhen, stehen und sitzen, gesund und krank, so daß er fortwährend vor Zuschauern kämpft und die Bedürfnisse der Natur zurückdrängt. Schon anderen Menschen, wenn sie auch wenig vornehm erzogen sind, fällt es nicht leicht, in Gegenwart Fremder die natürlichen Ausscheidungen vorzunehmen, geschweige denn einem Manne, der den Gipfel der Vollkommenheit erklommen hatte.

Folgendes Begebnis sage ich nicht vom Hörensagen, sondern als Augenzeuge. Vor vierzehn Jahren befiel ihn eine schwere Krankheit und erfaßte ihn, wie eben einen Menschen mit sterblicher Natur. Es war Hochsommer, und gar heftig brannten die Sonnenstrahlen, da die Winde ruhten und kein Lüftchen sich bewegte. Das Leiden war Überschuß an Galle, die nach unten drängte und quälte und die Eingeweide drückte und mit aller Gewalt nach außen trieb. Da konnte ich den Starkmut des Mannes schauen. Die ganze Umgegend hatte sich versammelt, in Erwartung, den Leichnam des Siegers im gegebenen Augenblicke an sich zu bringen. Er saß da in zwiefacher Not. Die Natur drängte zur Ausscheidung, die Scham vor der ihn umgebenden Menschenmenge forderte Beharren in seiner Lage.

Als ich dies bemerkte, richtete ich an die Zusammengekommenen dringende Mahnungen und Drohungen und hieß sie weggehen. Letztlich mußte ich mit kirchlichen Strafen einschreiten, aber erst spät am Abend brachte ich sie mit vieler Mühe von der Stelle. Doch der Mann Gottes ließ sich nicht einmal nach ihrem Fortgange von der Natur besiegen, sondern blieb standhaft, bis tiefe Nacht alle zwang, nach Hause zu gehen.

Als ich am folgenden Tage wieder zu ihm kam, sah ich, daß die Hitze stärker geworden war und sein Fieber durch die Sonnenglut von außen noch genährt und erhöht wurde. Da gab ich Kopfweh vor und sagte, ich könnte die Sonnenstrahlen nicht vertragen, und bat, mir doch etwas Schatten bei sich zu verschaffen. Er hieß mich drei Rohrstöcke in die Erde treiben und darüber zwei Felle legen, und so kamen wir zu dem gewollten Schatten. Auf seine Weisung, nun einzutreten, erwiderte ich: „Mein Vater, es wäre schmählich, wenn ich, jung und gesund, diese Erfrischung genießen wollte, du aber, von heftigem Fieber verzehrt und dieser Erleichterung bedürftig, draußen säßest, der Glut der Sonnenstrahlen ausgesetzt. Wenn du also”, sagte ich, „willst, daß ich den Schatten genieße, so teile mit mir dieses kleine Zelt. Ich will bei dir bleiben, ich lasse dich aber nicht unter den Strahlen der Sonne.” Als er diese Worte vernahm, gab er nach und nahm die Linderung, die ich ihm zugedacht, an. Als wir so zusammen den Schatten genossen, fing ich ein anderes Gespräch an und sagte, ich müsse mich legen, da meine Hüften das Sitzen nicht vertrügen. Da bat er mich, es zu tun. Ich aber erwiderte, es sei mir unerträglich, ihn sitzen zu sehen, während ich läge. „Wenn du also”, sagte ich, „willst, daß ich solche Ruhe genieße, müssen wir, mein Vater, beide uns legen. Allein zu rasten, müßte ich mich schämen.” Durch solche Worte überlistete ich den Standhaften und brachte ihm Erleichterung durch Liegen. Da er so auf den Boden ausgestreckt lag, redete ich ihm liebevoll zu, seine Seele freudig zu stimmen. Während ich mit der Hand unter dem Kleide den Rücken sanft ihm reiben wollte, gewahrte ich schwere Eisenmassen, die um Hüften und Nacken sich legten. Ketten gingen von dem Halsringe, zwei vorne und zwei rückwärts, schräg nach dem unteren Ringe, die Gestalt des griechischen Buchstaben X bildend, und verbanden die beiden Ringe miteinander. Ähnliche Fesseln trugen unter dem Gewande die Arme in der Gegend der Ellenbogen. Angesichts solcher Belastung bat ich ihn, dem kranken Körper doch Erleichterung zu bieten. Er könnte zu gleicher Zeit die freiwillig gewählte Bürde und die unfreiwillige Erkrankung nicht tragen. „Jetzt,” sagte ich, „mein Vater, tut das Fieber die Dienste des Eisens. Wenn dieses nachgelassen hat, dann werden wir dem Körper wieder die Last von Eisen auferlegen.” Er gab auch hierin nach, durch fortgesetztes Zureden dieser Art überwunden.

Er war damals nur einige Tage krank und genas rasch wieder. Aber später befiel ihn ein schwereres Leiden. Von allen Seiten kamen Leute herbei, um den Leichnam nach dem Hinscheiden an sich zu reißen. Als man dies in der Stadt erfuhr, eilte alles herbei, Soldaten und Bürger, jene in kriegerischer Rüstung, diese mit Waffen, die ihnen eben in die Hände fielen. Sie stellten sich feldmäßig zum Kampfe auf und warfen Geschosse, freilich nicht um zu treffen, sondern um zu schrecken. Damit vertrieben sie die Anwohner und hoben hierauf den siegreichen Kämpfer auf ein Tragbett. Er aber hatte gar nichts von dem Vorgefallenen gemerkt, nicht einmal gefühlt, daß ihm die Landleute die Haare ausgerissen hatten. Sie brachten ihn zur Stadt, und am Heiligtum der Propheten angelangt, setzten sie das Bett in dem nahen Kloster nieder. Ich war damals gerade in Beröa. Dorthin meldete mir ein Bote das Geschehene und zugleich, daß er im Sterben liege. Deshalb brach ich sogleich auf, reiste die ganze Nacht hindurch und gelangte in der Frühe zu dem göttlichen Mann, der nicht sprechen und niemand von den Anwesenden erkennen konnte. Als ich ihn aber ansprach und einen Gruß vom großen Akazius ihm sagte, schlug er sogleich die Augen auf, fragte, wie es mir gehe und erkundigte sich, wann ich gekommen sei. Nachdem ich darauf geantwortet hatte, schloß er wieder die Augen. Nach drei Tagen fragte er, wo er sei, und als er es erfuhr, war er sehr ungehalten und verlangte sogleich wieder auf den Berg gebracht zu werden. Da ich ihm in allem willfährig sein wollte, ließ ich sogleich das Tragbett an den geliebten Ort zurückbringen. Hier konnte ich beobachten, wie das ehrwürdige Haupt für alle Ehrung abgestorben war.

Am folgenden Tage brachte ich ihm gekühlten Gerstensaft. Denn Warmes nahm er nicht, und den Gebrauch des Feuers hatte er sich ganz versagt. Da er den Trank nicht nehmen wollte, sagte ich: „Erweise uns den Gefallen! Denn wir glauben, daß deine Gesundheit allgemeines Heil bedeute. Du bringst uns nicht nur als Vorbild Segen, sondern beschützest uns auch durch dein Gebet und erwirkst uns die göttliche Huld. Wenn dir das Ungewohnte zuwider ist, so zeige auch darin,” sagte ich, „mein Vater, deinen Starkmut. Denn auch das ist eine Art Tugend. Wenn du also in gesunden Tagen durch Starkmut die Begierde nach Nahrung überwandest, so zeige jetzt, wo du gar kein Verlangen darnach hast, den Starkmut durch Genuß.” Als ich dies sprach, war auch der Mann Gottes Polychronius zugegen, der meine Worte unterstützte und zuerst von dem Gerichte nehmen wollte, obgleich es noch früh am Morgen war und er oft alle sieben Tage nur seinem Leib Nahrung gestattete.

Durch diesen Zuspruch besiegt, schüttete er bei geschlossenen Augen einen Becher des Saftes hinunter, wie wir es bei bitteren Getränken zu tun pflegen. Da seine Füße so schwach geworden waren, daß er nicht mehr gehen konnte, bestimmten wir ihn, auch ein Bad zu nehmen.

Auch folgendes Begebnis, denke ich, mag den Grad seiner Tugend bekunden. Einer der dienenden Gefährten wollte den Becher, der dastand, in einem Korbe verbergen, damit ihn Ankömmlinge nicht sähen. Er aber sprach: „Was verbirgst du den Becher?” Der antwortete: „Damit er von Ankömmlingen nicht gesehen werde.” Da sagte er: „Weg, mein Sohn, verbirg nicht vor Menschen, was dem Gott des Alls offenbar ist. Denn da ich ihm allein leben will, kümmert mich menschlicher Ruhm nicht. Denn was habe ich davon, wenn Menschen mir größere Abtötung zuerkennen, Gott aber geringere? Nicht sie geben den Lohn für die Arbeiten, sondern Gott ist der Belohner.” Wer staunt da nicht über diese Worte und über den Geist, der diese hervorbrachte, wie er so ganz über alle menschliche Urteile erhaben war!

Ähnliches habe ich auch noch ein anderes Mal erlebt. Es war Abend, später Abend, und Zeit zum Essen. Er nahm den bereitstehenden irdenen Topf und verzehrte die wenigen eingeweichten Linsen; denn das war seine Nahrung. Da kam ein Mann aus der Stadt dazu, der eine Kriegssteuer eintreiben sollte. Er sah den Ankömmling von ferne, legte aber die Linsen nicht weg, sondern nahm seine Nahrung ein wie gewöhnlich. In der Meinung, es sei eine Gaukelei des Teufels, suchte er den vermeintlichen Widersacher mit Scheltworten zu vertreiben, und um zu zeigen, daß er sich nicht fürchte, führte er dazwischen die Linsen zum Munde. Der so Beschimpfte flehte und versicherte, daß er ein Mensch sei und daß er unter einem Schwure genötigt wurde, noch vor dem Abend die Stadt zu verlassen, und darum zu dieser Zeit hier ankomme. Er aber sagte: „Sei guten Mutes, fürchte dich nicht, sondern bete mit mir, und dann kannst du gehen. Sei mein Tischgenosse und teile mit mir die Speise.” Mit diesen Worten nahm er eine Hand voll Linsen und bot sie ihm dar.

So verbannte er die Leidenschaft eitler Ruhmsucht mit den übrigen Lastern aus seinem Geiste.

Über seinen Starkmut brauche ich nichts zu sagen. Er war mit Augen zu sehen. Denn oft lag er drei Tage und ebenso viele Nächte im Gebete hingestreckt am Boden, von gefallenem Schnee verschüttet, so daß man nichts mehr sah von den Lumpen, in die er gehüllt war. Oft mußten da die Nachbarn Schaufeln und Hacken anwenden, um den auf ihm lagernden Schnee wegzuschaffen und den Mann darunter freizulegen und aufzurichten.

Durch diese Arbeiten erntete er das Geschenk der göttlichen Gnade, die alle, die es wollten, erfahren durften. Denn durch seinen Segen wurde gelöscht und wird gelöscht die Hitze vieler Fieber. Wechselfieber ließen nach und hörten ganz auf, viele Dämonen mußten fliehen, Wasser, von seiner Rechten gesegnet, wird zum Unheil wehrenden Heilmittel. Wem ist die Auferweckung eines Knaben durch sein Gebet unbekannt? In der Vorstadt lebten dessen Eltern, die viele Kinder gehabt, aber alle vorzeitig dem Grabe übergeben mußten. Als nun dieser letzte Knabe geboren wurde, eilte der Vater zu dem Manne Gottes und bat, er möchte ihm ein langes Leben erflehen, mit dem Versprechen, ihn, wenn er am Leben bliebe, Gott zu weihen. Vier Jahre lebte das Kind, dann starb es. Der Vater war gerade abwesend. Da er sofort heimkehrte, mußte er sehen, wie es bereits zu Grabe getragen wurde. Er nahm es von der Bahre weg und sprach: „Ich muß mein Versprechen erfüllen und es auch tot dem Manne Gottes schenken.” Sprachs und trug das Kind fort und legte es zu des Heiligen Füßen mit denselben Worten, die er auch zu den Seinigen gesprochen. Der Mann Gottes nahm es an sich, beugte seine Knie, warf sich zu Boden und rief den Herrn über Leben und Tod an. Gegen Abend ließ der Knabe seine Stimme hören und rief den Vater. Da so der gottselige Mann gewahrte, daß der Herr sein Gebet erhört und dem Knaben das Leben wiedergegeben habe, stand er auf und betete den an, der den Willen derer tut, die ihn fürchten, und ihre Gebete erhört. Er vollendete seine Andacht und gab dem Erzeuger den Knaben zurück, Ich habe das Kind selbst gesehen und mir vom Vater das Wunder berichten lassen. Ich habe auch vielen Leuten diese apostolische Wundertat erzählt, überzeugt, daß sie allen, die sie hörten, großen Nutzen bringen würde.

Auch ich habe oftmals seine Hilfe erfahren. Nur einen oder zwei Fälle will ich anführen. Ich hielte mich für sehr undankbar, wenn ich die verschiedenen Wohltaten der Vergessenheit übergeben, sie nicht mitteilen wollte.

Der abscheuliche Markion hatte viele Dornen seiner Gottlosigkeit in der Gegend von Cyrus gesät. Sie mit der Wurzel auszureißen, setzte ich alle Kräfte in Bewegung und hörte nicht auf, mit allen Mitteln wider ihn zu kämpfen. Die aber, deren Heilung ich mir angelegen sein ließ, „statt mich zu lieben, verleumdeten sie mich, erwiesen mir statt Gutes Böses und Haß statt Liebe”. Mit Zauberkünsten wandten sie sich an die Teufel als Helfershelfer und unternahmen so einen unsichtbaren Krieg gegen mich. In einer Nacht kam so ein unheilvoller Dämon und schrie in syrischer Sprache: „Was streitest du da gegen Markion? Warum hast du den Kampf gegen ihn unternommen? Was hat er dir je Übles getan? Stelle ein den Krieg, lege ab die Feindschaft, und du wirst erfahren, ein wie großes Gut die Ruhe ist. Denn wisse wohl, längst hätte ich dich getroffen, müßte ich nicht sehen, wie der Chor der Martyrer mit Jakobus dich beschützt.” Das hörte ich und fragte einen Vertrauten, der in der Nähe schlief: „Hörst du, was da gesprochen wird?” „Alles”, sagte er, „habe ich gehört. Ich wollte aufstehen und mich umschauen, um zu erfahren, wer gesprochen habe. Deinetwegen aber blieb ich ruhig, weil ich glaubte, du schliefest.” Wir standen nun beide auf, sahen uns um, konnten aber niemanden gehen oder sprechen hören. Jene Worte hatten aber auch unsere Hausgenossen gehört. Ich verstand nun, daß er mit dem Chor der Martyrer das Ölfläschchen der Martyrer meinte, welches den Segen vieler Martyrer enthielt und neben meinem Bette hing. Unter meinem Kopfe aber lag der alte Mantel des großen Jakobus, der für mich eine festere Schutzwehr war denn jeglich Gehege aus Stahl.

Da ich nun im Begriffe war, das größte jener Dörfer anzugreifen, eingetretene Hindernisse aber meiner Abreise sich in den Weg stellten, schickte ich zu meinem Isaias, mit der Bitte, die göttliche Hilfe mir zu erflehen. Er aber sprach: „Sei guten Mutes, alle diese Hindernisse sind wie Spinngewebe zerstoben. Dies hat mir Gott in der Nacht geoffenbart, nicht im Traume schattenhaft, sondern klar im wachen Zustande. Ich sah nämlich, da ich den Psalmengesang anfing, nach der Richtung, wo jene Orte liegen, eine feurige Schlange von Westen nach Osten kriechen und durch die Luft fliegen. Nach Beendigung dreier Gebete schaute ich sie wiederum, und zwar zusammengekrümmt, in der Gestalt eines Ringes den Schwanz mit dem Kopf verbunden. Nachdem ich acht Gebete verrichtet hatte, sah ich sie mitten entzwei geborsten und in Dunst aufgelöst.” Das sah er voraus; wir aber erfuhren, wie der Ausgang mit dem Gesichte übereinstimmte. Denn in der Morgenfrühe kamen die unter der Schlange, der Urheberin des Unheils, streitenden früheren Anhänger Markions, die jetzt zu der apostolischen Streitmacht übergetreten sind, von Westen her und zeigten uns ihre Schwerter. Gegen die dritte Stunde des Tages aber staffelten sie die Reihen tiefer, für ihre eigene Sicherheit bangend, gleich der Schlange, die mit dem Schwanze den Kopf bedeckt. Zur achten Stunde aber zerstreuten sie sich und gestatteten uns den Einzug in die Stadt. Und wir fanden als Erstes eine Schlange aus Erz, welche von ihnen angebetet wurde. Denn während sie gegen den Bildner und Schöpfer aller Dinge offen den Krieg unternahmen, verehrten sie eifrig die verfluchte Schlange als dessen Feind.

Weil aber die Rede auf die göttlichen Offenbarungen gekommen ist, will ich erzählen, was ich von jener wahrhaften Zunge gehört habe. Er erzählte nicht aus Ehrsucht, denn davon war diese göttliche Seele weit entfernt, sondern unter einem gewissen Zwange, zu sprechen, was er gerne verheimlicht hätte. Ich bat ihn, bei dem Gotte des Alls zu erwirken, daß ich die Saat ganz von Unkraut zu säubern und völlig von häretischem Gesäme zu reinigen vermöchte. Denn es betrübte mich sehr die starke Verbreitung der Irrlehre des verabscheuungswürdigen Markion. Daraufhin sagte er: „Du brauchst weder mich noch einen andern als Fürsprecher. Du hast den großen Johannes, die Stimme des Wortes, den Vorläufer des Herrn, der stets in dieser Sache für dich bittet.” Da ich erwiderte, daß ich gewiß auch auf dessen Fürsprache baute und auf die Fürsprache der übrigen Apostel und Propheten, deren Reliquien jüngst zu uns gekommen seien, versetzte er: „Sei guten Mutes, daß du den Täufer hast.” Aber auch so konnte ich nicht schweigen und drang umso mehr in ihn, zu erfahren, warum er gerade diesen erwähne. Er aber: „Ich möchte gerne diese geliebten Reliquien küssen.” Ich erwiderte: „Ich werde sie nicht hierher bringen, wenn du mir nicht versprichst, zu sagen, was du gesehen hast.” Er versprach es, und am folgenden Tage brachte ich ihm was er gewünscht. Da hieß er alle sich entfernen und erzählte mir allein folgendes Gesicht:

„Als du diese Beschützer der Stadt bei ihrer Ankunft aus Phönizien und Palästina unter Davidschen Gesängen empfingst, kam mir der Gedanke, ob das wirklich die Reliquien des großen Johannes und nicht die eines anderen Martyrers gleichen Namens seien. Am folgenden Tage, da ich nachts zum Psalmengesang aufstand, sah ich einen Mann in weißem Kleide, der zu mir sprach: ‚Bruder Jakobus, warum bist du uns bei unserer Ankunft nicht entgegengegangen?’ Auf meine Frage, wer sie seien, entgegnete er: ‚Die gestern von Phönizien und Palästina gekommen sind. Und während alle uns gar freudig empfingen, Hirt und Volk, Städter und Landbewohner, nahmst du allein nicht an der Ehrung teil.’ Damit deutete er den Zweifel an.” Darauf habe er, erzählte er weiter, geantwortet: „‚Ich kann auch in eurer Abwesenheit zu Gott beten.’ Am folgenden Tage erschien er wiederum, zur selben Zeit, und sprach: ‚Bruder Jakobus, sieh dort den stehen, dessen Kleid weiß ist wie Schnee, und neben ihm ein Ofen mit Feuer.’ Als ich meine Augen dorthin wandte und Johannes den Täufer vermutete ― denn er hatte ein langes Gewand umgeworfen und streckte die Hand zum Taufen aus ―, sagte er: ‚Er ist′s, den du vermutest.”’

Ein anderes Mal sagte er mir: „Als du nächtlich zu dem ersten Dorfe dich begabst, um die Aufrührer zu züchtigen, und mich ersuchtest, eifriger zu Gott zu beten, durchwachte ich die Nacht im Gebete zum Herrn. Da hörte ich eine Stimme, die sagte: ‚Fürchte dich nicht, Jakobus. Der große Johannes der Täufer betet die ganze Nacht zum Gott des Alls. Denn es wäre viel Blut vergossen worden, wenn nicht seine Fürsprache den Übermut des Teufels bändigte.”’

Nachdem er mir dieses Erlebnis erzählt hatte, verlangte er, daß ich es für mich behielte und andere es nicht erführen. Aber des allgemeinen Nutzens willen habe ich es nicht nur vielen kund getan, sondern schreibe es jetzt auch nieder.

Auch den Patriarchen Joseph habe er gesehen, grau das Haupt und den Bart und im Greisenalter noch mit dem Glanze der Jugendschönheit begnadet. Und obgleich er doch den Gipfel der Vollkommenheit erreicht, habe er sich den letzten der Heiligen genannt. „Als ich ihm sagte,” bemerkte Jakobus, „er sei der erste unter denen, die mit ihm die Ehre der Bahre teilten, hieß er sich selbst den letzten.”

Er erzählte mir auch von den mannigfachen Anschlägen, welche die bösen Geister auf ihn gemacht hätten. „Gleich bei Aufnahme dieser meiner Lebensweise”, begann er, „erschien mir ein nackter Mensch, dem Äußern nach ein Äthiopier, Feuer aus den Augen sprühend. Bei seinem Anblick wurde ich von Furcht befallen und wandte mich zum Gebete und konnte keine Nahrung mehr zu mir nehmen. Denn eben um die Essenszeit war er erschienen. So verbrachte ich sieben, acht und zehn Tage ohne Nahrung, letztlich aber verachtete ich den bösen Überfall und setzte mich nieder zum Essen. Dieser Starkmut ärgerte ihn, und er drohte, mich mit dem Stocke zu schlagen. Ich aber sagte: ‚Wenn dir vom Herrn des Alls der Auftrag geworden ist, so schlage! Gerne will ich die Züchtigung hinnehmen, da sie dann von ihm kommt. Wenn du aber nicht beauftragt bist, wirst du nicht schlagen, auch wenn du tausendmal wütest.’ Als er dies hörte floh er, fuhr aber fort, heimlich gegen mich zu rasen.

Zweimal in der Woche wurde mir von unten Wasser gebracht. Er stellte sich dem Träger in den Weg, indem er mein Aussehen nachäffte, nahm den Krug ab, befahl ihm wegzugehen und goß die Flüssigkeit aus. Dies tat er zweimal und dreimal und bekämpfte mich so mit der Qual des Durstes. Sehr unwillig fragte ich den Träger: ‚Warum hast du in den verflossenen fünfzehn Tagen kein Wasser gebracht?’ Er erwiderte, er habe es mir dreimal und viermal gebracht, und ich hätte es in Empfang genommen. ‚Und wo’, sagte ich, ‚habe ich es von dir in Empfang genommen?’ Als er mir den Platz zeigte, sagte ich ihm: ‚Und wenn du mich auch tausendmal dort siehst, gib das Gefäß nicht weg, bis du hierher gekommen bist.’

Nachdem auch dieser Angriff abgeschlagen war, versuchte er andere Wege. So schrie er eines Nachts: ‚Ich werde dich in solchen Gestank hüllen und in so schlechten Ruf dich bringen, daß kein Mensch mehr hierher kommen wird, dich zu sehen.’ Darauf antwortete ich: ‚Dafür werde ich dir Dank abstatten, denn wider Willen wirst du damit dem Verhaßten eine Wohltat erweisen, indem du mir ungestörtes Schwelgen in der Betrachtung Gottes ermöglichst. Größerer Ruhe mich freuend, wird die Versenkung in die göttliche Schönheit meine beständige Beschäftigung sein.’

Als ich nach wenigen Tagen zur Mittagszeit den gewohnten göttlichen Dienst verrichtete, sah ich zwei Weiber den Berg herabkommen. Unwillig über dieses ungewohnte Schauspiel, wollte ich sie mit Steinen vertreiben. Da erinnerte ich mich der Drohung des Unholden und vermutete, daß eben diese Erscheinung es wäre, die mich in Verruf bringen sollte. Doch dem kam ich zuvor und rief laut: ‚Wenn sie auch auf meinen Schultern säßen, ich werde sie nicht mit Steinen bewerfen und sie nicht verfolgen, sondern nur Gebet gegen sie anwenden.’ So sprach ich; sie aber verschwanden, und mit meinen Worten war auch das Gaukelspiel zu Ende.

Während ich wieder einmal zur Nachtzeit betete, hörte ich das Geräusch eines Wagens, Kutscherrufe und wiehernde Pferde. Das Ungewohnte der Sache beunruhigte mich. Denn ich bedachte, daß damals kein Präfekt in der Stadt sich aufhielt, daß dies kein Weg für Fuhrwerke sei und auch keine Zeit, wo Wagen fahren. Während ich so überlegte, hörte ich den Lärm einer sich nähernden Menge. An der Spitze gingen Leute mit Stäben, die unter Schreien und Pfeifen die Menge teilten und dem Präfekten den Weg frei machten. Als es mir näher zu kommen schien, fragte ich: ‚Wer bist du, woher kommst du und was hat dich zu dieser Zeit hierher geführt? Wie lange treibst du noch solches Spiel, Elender, und verachtest die göttliche Langmut?’ Dies sprach ich, nach Sonnenaufgang gewendet und an Gott mein Gebet richtend. Da führte er einen Stoß, konnte mir aber nicht beikommen. Die Gnade Gottes fiel ihm in den Arm, und auf der Stelle war alles verschwunden.”

Er erzählte auch, daß er in den Zeiten jener ruchlosen Banden, die von Isaurien aus den ganzen Orient brandschatzten und plünderten, in großer Furcht gelebt hätte, nicht weil ihn selbst der Mordstahl treffen könnte ― er hing nicht so sehr am Leibe ―, sondern weil er den Menschenraub und die Sklaverei und die Frivolität und Gesetzlosigkeit mit ansehen mußte. Das war dem Teufel bekannt, denn er hatte öfter gehört, wie Jakobus vor Freunden sich darüber ausgesprochen. Darum täuschte er nächtlich das Wehklagen von Weibern vor. „Mir war”, fuhr er fort, „als hörte ich die Ankunft der Feinde, die Feuer an die Dörfer legten. Sogleich scheitelte ich mein Haupthaar, legte einen Teil nach rechts, den andern nach links und ließ es über die Schultern auf die Brust herabhängen, um so den Nacken für den Schwertstreich freizumachen und einen schnellen Todesstoß zu erhalten und von dem schrecklichen Schauspiele befreit zu werden. So verbrachte ich die ganze Nacht, fortwährend ihren Einbruch erwartend. Als es aber Tag geworden und Leute kamen, erkundigte ich mich, was sie von den Isaurern gehört hätten. Diese erklärten, in den letzten Tagen sei nichts von ihnen bekannt geworden. Und so erkannte ich, daß es teuflische Gaukelei gewesen war.”

„Ein anderes Mal”, erzählte er, „kam der Teufel in der Gestalt eines üppigen Jünglings von glänzender Schönheit, mit blondem Haar geschmückt, lächelnd und scherzend. Ich aber, zornbewaffnet, suchte ihn durch Schmähungen zu vertreiben. Er aber blieb, lüstern der Blick, im Lachen wie im Sprechen die Wollust verratend. Da steigerte ich meinen Zorn noch mehr und rief: ‚Wie kannst du den ganzen Erdkreis durchziehen und auf alle Menschen solche Angriffe verüben?’ Er erwiderte, er sei nicht allein, sondern eine Menge von Dämonen sei über den ganzen Erdkreis zerstreut, die auf diese Weise spielten und zugleich Ernst machten. Denn mit scheinbarem Scherzen suchen sie ernstlich die ganze menschliche Natur zu verderben. ‚Aber du’, sagte ich, gehe, da dir Christus befiehlt, der eine ganze Legion durch die Schweine in den Abgrund getrieben.’ Hören und fliehen war eins. Die Kraft des Namens des Herrn und den Glanz der Tugend seines Dieners konnte er nicht ertragen.”

Viele Dinge, die ich von ihm weiß, will ich nicht niederschreiben, damit nicht die Masse den Schwachen einen Vorwand zum Unglauben abgebe. Denen, die den Mann Gottes sehen, erscheint nichts von dem Gesagten unglaubwürdig, da der Anblick seiner Tugend die Bestätigung gibt. Da aber die niedergeschriebene Erzählung auch für die Späteren bestimmt ist und der großen Menge die Augen glaubwürdiger sind als die Ohren, so bemessen wir den Bericht nach der Schwachheit der Hörenden.

Die Bewohner des nahen Dorfes bauten ihm, nur wenige Stadien entfernt, ein großes Heiligtum, ich selbst hatte ihm in der Kirche der siegreichen Apostel ein Grabmal bereitgestellt. Als dies der Mann Gottes erfuhr, drang er oft in mich, daß sein Leib auf jenem Berge beigesetzt werde. Ich aber stellte ihm wiederholt vor, daß Männer, die das gegenwärtige Leben so ganz mißachtet hätten, für das Begräbnis keine Vorsorge treffen dürften. Da ich aber sah, wie sehr ihm die Sache zu Herzen gehe, gab ich nach und stimmte zu. Ich ließ den ihm zugedachten Steinsarg ablösen und auf den Berg verbringen. Und da ich beobachtete, daß der Stein durch den Frost Schaden leide, ließ ich ein kleines Gehäuse für den Sarg errichten. Nachdem wir den Bau vollendet und seinem Befehle gemäß das Dach darauf gesetzt hatten, sprach er: „Ich werde nicht dulden, daß dieser Bau Grab des Jakobus heiße, sondern ich will, daß es ein Heiligtum der siegreichen Martyrer werde. Mich möge man als Ansiedler in einen anderen Sarg legen und mir gönnen, an deren Seite zu ruhen.” So sprach er nicht nur, sondern handelte auch darnach. Von allen Seiten sammelte er Reliquien von Propheten und Aposteln und insbesondere von Martyrern und setzte sie in dem einen Sarge bei. Mit der Schar dieser Heiligen wollte er zusammenwohnen, mit ihnen auferstehen und mit ihnen der Gottschauung gewürdigt werden. Das beweist zur Genüge die Demut seiner Gesinnung. Er, der so großen Reichtum gesammelt, wünschte, als litte er äußerste Armut, als Beisaß neben Reichen zu wohnen.

Das Gesagte reicht hin, zu zeigen, welchen Arbeiten sich dieses ehrwürdige Haupt unterzogen, welche Kämpfe er bestanden, welcher Gnade er sich seitens Gottes erfreut, welche Siege er davongetragen und mit welchen Kronen er geschmückt worden. Da aber manche die Unfreundlichkeit seines Wesens tadeln und ihm die allzu große Liebe zur Einsamkeit und Ruhe verübeln, so will ich, bevor ich die Erzählung beschließe, darüber noch einiges sagen.

Sein Leben spielt sich, wie berichtet, vor den Augen der Öffentlichkeit ab. Keine Umfriedung, keine Hütte, kein Zelt entzieht ihn den Blicken. Ein jeder, der kommt, tritt, durch kein Gehege behindert, unmittelbar ein und will mit ihm sich unterhalten. Andere Männer, welche dasselbe Tugendleben führen, haben Mauern und Türen und erfreuen sich so der Ruhe. Der Eingeschlossene öffnet, wem er will, läßt warten, solange er will, und genießt die Versenkung ins Göttliche wie er will. Von alldem ist hier nichts. Deshalb ist er so ungehalten über die, welche ihn zur Zeit des Gebetes belästigen. Wenn sie auf seine Weisung hin sogleich sich entfernen, setzt er ruhig sein Gebet fort. Wenn aber die Lästigen bleiben und, ein- oder zweimal aufgefordert, nicht folgen, dann schickt er sie, unwillig scheltend, von dannen. Ich habe vielmals mit ihm darüber gesprochen und gesagt, daß manche von den Weggeschickten es sehr übelnehmen, daß sie den Segen nicht empfingen. Es schicke sich doch, Leute, welche in solcher Absicht hierher gekommen seien und einen Weg von vielen Tagereisen zurückgelegt hätten, nicht betrübt weggehen zu lassen, sondern mit Gesprächen der göttlichen Weisheit die Unwissenden zu bewirten. Er aber entgegnete: „Nicht für andere, sondern meinetwegen habe ich diesen Berg erwählt. Mit vielen Wunden der Sünde bedeckt, bedarf ich ausgiebiger Heilung. Und darum bitte ich unseren Herrn, mir die Heilmittel gegen mein Übel zu verleihen. Wäre es nicht unsinnig und ungereimt, wenn ich den Faden des Gebetes da durchschnitte und dazwischen mit Menschen mich unterhielte? Wäre ich der Diener eines Herrn, der die gleiche Natur mit mir teilte, und wollte ich es zur Zeit des schuldigen Dienstes unterlassen, ihm Speise und Trank zu bringen und plauderte dafür mit meinen Mitdienern, welche Schläge würde ich da mit Recht erhalten? Wenn ich zu einem Beamten käme und ihm ein erlittenes Unrecht darlegen wollte, mitten darin aber die Darlegung abschnitte und andere Reden mit Anwesenden führte ― glaubst du nicht, daß da der Richter aufgebracht würde, mir die Hilfe versagte, noch Schläge hinzufügte und mich aus den Schranken verjagte? Wenn nun der Diener gegenüber dem Herrn, der Hilfsbedürftige gegenüber dem Richter sich angemessen benimmt, wie wäre es da recht, daß ich, wenn ich zu Gott, dem ewigen Herrn und gerechtesten Richter und König des Alls, hinzuträte, anders vor ihn träte wie jene und zwischen dem Gebete zu den Mitknechten mich wendete und eine lange Unterredung mit ihnen hielte?” Solches hörte ich von ihm und überbrachte es auch den Unzufriedenen. Und er scheint mir ganz recht gesprochen zu haben. Dazu ist es den Liebenden eigen, daß sie alle anderen Leute übersehen und nur an dem hängen, den sie lieben und schätzen, auch des Nachts von ihm träumen und am Tage nur an ihn denken. Und so, glaube ich, wird er ungehalten, wenn man ihn stört in der wonniglichen Schauung und im Genusse der geliebten Schönheit.

Bei dieser Erzählung habe ich mich äußerster Kürze beflissen, um nicht durch die Länge die Leser zu belästigen. Wenn aber Jakobus diese Schrift überlebt, wird er noch ungezählte andere Großtaten zu den früheren fügen. Diese mögen andere aufzeichnen. Denn ich trage großes Verlangen nach dem Heimgange aus dieser Welt. Aber der Preisrichter für die Tugendstreiter wird auch diesem Helden ein den Kämpfen würdiges Ende verleihen und machen, daß der Rest seines Wettlaufes dem früheren entspreche, damit er als Sieger das Ziel erreiche und unsere Schwäche durch seine Gebete stärke, damit wir kräftig unsere zahlreichen Niederlagen wieder gut machen und siegreich aus dem Leben scheiden.

Thalassius und Limnäus

In unserer Nähe liegt das Dorf Tillima, das früher den Samen der Gottlosigkeit Markions aufgenommen hatte, jetzt aber der evangelischen Bebauung sich erfreut. Südlich davon erhebt sich ein Hügel, nicht sehr unwirtlich und nicht sehr steil. Auf diesem erbaute sich eine Einsiedelei der wundervolle Thalassius, ein Mann, reich mit Tugend geschmückt und an Schlichtheit, Sanftmut und Bescheidenheit seine Zeitgenossen übertreffend. Das sage ich nicht bloß vom Hörensagen, sondern aus eigener Erfahrung heraus. Denn ich suchte den Mann auf und erfreute mich oft seines süßen Umgangs.

In seine Genossenschaft fand Aufnahme der jetzt von allen gepriesene Limnäus, der in jungen Jahren diesen Kampfplatz erwählte und sich trefflich in die höchste Vollkommenheit einführte. Und da er wohl wußte, wie leicht mit der Zunge gefehlt werde, machte er sich, ein Knabe noch, völliges Schweigen zum Gesetze. So lebte er lange Jahre, ohne mit Menschen ein Wort zu wechseln. Nachdem er genügend die Lehren des gottseligen Greises in sich aufgenommen hatte und ein Abbild seiner Tugend geworden war, kam er zu dem großen Maron, von dem wir früher berichtet haben. Er traf gleichzeitig mit dem göttlichen Jakobus ein. Nachdem er auch davon großen Nutzen gezogen, sehnte er sich nach dem Leben unter freiem Himmel und bezog einen anderen Berggipfel, zu dessen Füßen ein Dorf liegt, Targala genannt. Hier lebt er bis zum heutigen Tage, ohne Haus, ohne Zelt, ohne Hütte, lediglich von einer Umfriedung beschützt, die aus Steinen ohne Mörtelverbindung aufgeschichtet war. Sie hat eine kleine Türe, die ständig mit Lehm verschlossen ist. Kein Ankömmling darf sie öffnen. Mir allein gestattet er, dies zu tun, wenn ich ihn besuche. Darum laufen die Leute von allen Seiten zusammen, wenn sie von meiner Ankunft Kunde erhalten, um mit mir einzutreten. Mit denen, die sonst zu ihm kommen, spricht er durch ein kleines Fenster, gibt ihnen den Segen und schenkt damit gar vielen die Gesundheit. Denn durch den Namen des Herrn heilt er Krankheiten, treibt Teufel aus und ahmt die apostolischen Wunder nach.

Nicht bloß über Fremde, welche zu ihm kommen, ergießt er Heilung, er gab sie wiederholt auch dem eigenen Körper. So hatte ihn früher einmal die Kolik befallen. Die Schmerzen und Qualen, die diese Krankheit im Gefolge hat, kennen jene genau, welche das Leid am eigenen Leibe erfahren. Aber auch die wissen davon zu erzählen, welche nur Zuschauer gewesen. Die Kranken wälzen sich wie Rasende, drehen sich dahin und dorthin, strecken die Füße aus und ziehen sie ein. Bald sitzen sie, bald stehen sie auf und gehen hin und her, lauter Versuche, etwas Ruhe zu finden. So eilen sie oft auch zu den Bädern, hier einige Erleichterung sich erholend. Doch wozu weitläufig aufzählen, was allen bekannt und offenkundig ist?

Wenn er mit diesem Leiden zu kämpfen hatte und von solchen Schmerzen gequält wurde, wandte er keine ärztliche Hilfe an. Er duldete kein Bett, verstattete sich keine Erquickung durch Arzneien oder in Speisen, sondern suchte die Heilung auf einem Brette am Boden sitzend im Gebete und im Zeichen des Kreuzes. Der Name Gottes war das Zaubermittel, durch das er die Schmerzen bannte.

Ein andermal wandelte er des Nachts hin und her und trat auf eine schlafende Schlange. Das Untier faßte ihn an der Sohle und verbiß sich darin. Da er den Fuß zu befreien suchte und sich bückte, um die Hand an die Stelle zu bringen, stieß er damit gerade in den Rachen des Reptils. Und da er mit der Linken der Rechten zu Hilfe kommen wollte, zog er auch auf diese die Wut des Tieres. Nachdem es sich beruhigt ― es hatte ihm mehr als zehn Wunden beigebracht ―, ließ es von ihm ab und zog sich in seinen Schlupfwinkel zurück. Er aber wurde allseitig von bitteren Schmerzen befallen. Aber auch da verschmähte er die ärztliche Kunst und führte den Wunden nur die Heilmittel des Glaubens zu: das Kreuzeszeichen und das Gebet und die Anrufung Gottes. Darum, glaube ich, ließ der Gott des Alls auch zu, daß das Untier gegen den heiligen Leib wütete, um allen den Starkmut jener göttlichen Seele klar zu zeigen. Wir sehen ja die gleiche Absicht auch in der Geschichte des edlen Job. Er fügte, daß viele und mannigfache Wogen ihn umtosten, weil er die Weisheit des Steuermannes allen zeigen wollte. Denn wie könnten wir die Mannhaftigkeit und die Geduld beider kennen lernen, wenn nicht der Feind aller Frömmigkeit Gewalt bekommen hätte, mannigfache Geschosse auf sie zu richten?

Die standhafte Geduld des Mannes darzutun, reicht das Gesagte hin. Von einer anderen Seite her wollen wir seine Menschenfreundlichkeit kennen lernen. Viele des Augenlichtes Beraubte, die zu betteln gezwungen waren, versammelte er um sich, baute ihnen gegen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang Wohnungen und hieß sie darin ruhen und Gott preisen und trug denen, die zu ihm kamen, auf, ihnen die nötige Nahrung zu reichen. Er selbst lebt in ihrer Mitte in seiner Umfriedung und ermuntert die einen wie die andern zum Psalmengesang, und man hört sie unablässig den Herrn loben. Eine solche Liebe erweist er ohne Unterlaß seinen Mitmenschen.

Die Zeit seines Aufenthaltes unter freiem Himmel deckt sich mit der des großen Jakobus. Sie dauert nun bereits achtunddreißig Jahre.

Johannes

Dieser Lebensweise ergab sich auch mit Eifer Johannes, ein Mann, der neben anderen Vorzügen durch Sanftmut und Milde sich auszeichnet. Er bezog einen steilen Bergrücken, der sehr kalt und dem Nordwind ausgesetzt ist, und verbrachte dort bereits fünfundzwanzig Jahre und erträgt gelassen die Unbilden der Witterung. Um nicht in Einzelnes mich zu verlieren, so teilt er alles, Nahrung, Kleidung, die Belastung mit Eisen mit den Genannten. So sehr ist er über alles Menschliche erhaben, daß er nicht die geringste Erquickung nach dieser Seite haben will. Dafür werde ich sogleich ein deutliches Beispiel bieten.

Ein fleißiger Mann hatte neben seinem Lager einen Mandelkern in den Boden gesenkt. Nachdem dieser mit der Zeit zum Baume geworden und ihm Schatten spendete und durch den Anblick Freude machte, ließ er ihn umhauen, um keine Erfrischung davon erfahren zu müssen.

Dieselbe Lebensweise ergriffen auch Moses, der auf einem hohen Berggipfel beim Dorfe Rama den Kampf begann, und Antiochus, ein Greis, der an einem ganz wüsten Orte sich eine Umfriedung gebaut, und Antonius, der in seinem gealterten Körper wie ein Jüngling streitet. Sie haben alle dieselbe Kleidung und Nahrung, dasselbe Gehaben, dasselbe Gebet und dieselben Tag- und Nachtarbeiten. Nicht die Länge der Zeit, nicht das Alter, nicht Schwäche der Natur bricht ihren Starkmut, und sie fühlen in sich eine kraftvolle Liebe zum Kampfe.

Noch sehr viele andere Streiter hat Gott, der Preisrichter der Tugend, in unserer Gegend, auf Bergen und in Tälern. Schon die Aufzählung ihrer Namen fiele schwer, geschweige denn die Darstellung ihres Lebens. Für die Leser, denen es um innere Förderung zu tun ist, habe ich genug gesagt. So gehe ich denn zu anderer Erzählung über und bitte die Heiligen um ihren Segen.

Zebinas und Polychronius

Den Zebinas preisen laut noch heute, die seines Anblicks sich erfreuen durften. Sie erzählen, er habe ein hohes Alter erreicht und habe bis an sein Ende die gleichen Arbeiten geleistet und trotz der Bürde des Greisenalters keine der Jugendmühen aufgegeben. Er übertraf, wie sie sagen, alle Menschen seiner Zeit in der Ausdauer im Gebete. Darin beharrte er Tag und Nacht und wurde nicht gesättigt, und immer heißer entzündete sich sein Verlangen. Mit Leuten, die zu ihm kamen, sprach er nur wenig. Er konnte seine Gedanken nicht vom Himmel wenden, und sobald er wieder loskam, kehrte er zum Gebete zurück, um auch nicht kurze Zeit von Gott getrennt zu sein. Und weil ihm das Alter das beständige Stehen nicht gestattete, nahm er als Stütze einen Stab zur Hand, und auf ihn gelehnt, sang und betete er zum Herrn.

Neben andern Tugenden zierte ihn die Gastfreundschaft. Da hieß er vielfach Ankömmlinge den Abend abwarten. Diese fürchteten, er möchte sein Stehen die ganze Nacht hindurch fortsetzen, gaben vor, sie hätten keine Zeit und entzogen sich so den Übungen.

Auch der große Maron bewunderte ihn und empfahl allen, die zu ihm kamen, zu dem Greise zu eilen und seinen Segen zu erholen. Er nannte ihn Vater und Lehrer und pries ihn als Urbild aller Tugend. Er bat auch, das Grab mit ihm teilen zu dürfen. Das ließen aber die Frommen, welche seines heiligen Leibes sich bemächtigt, nicht zu, sondern verbrachten ihn an den obengenannten Ort.

Der gottselige Zebinas, der schon vor ihm gestorben war, fand seine Ruhestätte in dem ihm benachbarten Dorfe Kitta, und sie erbauten über seinem Grabe ein mächtiges Heiligtum. Dort spendet er mannigfache Heilung den Pilgern, welche mit Glauben zu ihm kommen. Er hat nun auch Martyrer zu Hausgenossen, die bei den Persern gestritten haben, aber bei uns durch jährliche Feste geehrt werden.

Seiner Lehren erfreute sich der große Polychronius. Auch der gottseligste Jakobus sagte, er habe von ihm den ersten härenen Mantel erhalten. Ich habe Zebinas selbst nie gesehen. Er hatte bereits vor meiner Ankunft das Ziel seines Lebens erreicht. In diesem großen Polychronius schaue ich aber die Tugendweisheit des göttlichen Zebinas. Denn nicht drückt sich im Wachse des Siegelringes Bild so scharf ab, wie hier der eine die Sitten des andern in sich trägt. Das sehe ich genau, wenn ich das Tun des einen vergleiche mit dem, was man vom andern sich erzählt. Auch Polychronius brannte von göttlicher Liebe und war über alles Irdische erhaben. Und obgleich an den Körper gebunden, hatte er eine beflügelte Seele, welche die Luft und den Äther durchdringt und über den Himmel sich erhebt und beständig in die Betrachtung Gottes sich versenkt. Nichts vermag seinen Sinn von dorten abzuwenden. Auch wenn er mit den Besuchern spricht, sind seine Gedanken bei Gott.

Daß er die ganze Nacht stehend durchwacht, habe ich folgenderweise in Erfahrung gebracht. Da ich sah, wie er unter Alter und Körperschwäche litt und dabei nicht die geringste Pflege genoß, überredete ich ihn, zwei Hausgenossen anzunehmen, um einige Erleichterung von ihnen zu erfahren. Er erbat sich durch Tugend ausgezeichnete Männer, die für sich in einer anderen Behausung wohnten. Diesen Wundervollen legte ich ans Herz, die Pflege des göttlichen Mannes allen Beschäftigungen vorzuziehen. Nachdem sie nun kurze Zeit bei ihm verbracht hatten, versuchten sie zu fliehen, da sie das Stehen die ganze Nacht hindurch nicht aushalten konnten. Wenn sie den göttlichen Mann baten, er möge doch die Arbeiten nach der Schwachheit des Körpers bemessen, so erwiderte er: „Ich nötige euch ja nicht, die ganze Zeit mit mir zu stehen, und fordere wiederholt, daß ihr euch leget.” Sie aber entgegneten: „Wie könnten wir, gesunde Männer in den besten Jahren, uns legen, wenn der, welcher in Arbeiten alt geworden ist, in Mißachtung der körperlichen Schwäche steht?” So lernte ich die nächtlichen Anstrengungen des ehrwürdigen Hauptes kennen. Die beiden Männer aber erwarben sich mit der Zeit eine so große Tugend, daß sie dieselbe schwere Lebensweise wie er erwählten. Der eine, Moses, leistet ihm auch jetzt noch wie einem Vater und Herrn seine Dienste und spiegelt in sich die strahlende Tugend jener heiligen Seele wider. Der andere, Damian mit Namen, begab sich in eine nahe Stadt, die Niara heißt. Dort fand er bei den Getreidetennen eine Hütte, und in ihr wohnt er, dieselbe Lebensordnung innehaltend wie der Alte. Wenn Leute, die die beiden genau kennen, ihn sehen, vermeinen sie die Seele des großen Polychronius in einem zweiten Leibe zu schauen. Dieselbe Einfalt und Sanftmut und Demut und Lieblichkeit der Rede und Süßigkeit des Umgangs und Wachsamkeit der Seele und Betrachtung Gottes und Stehen und Arbeit und Nachtwachen und Nahrung und Armut nach dem göttlichen Gesetze. Außer einem Körbchen, das aufgeweichte Linsen enthält, findet sich nichts in der Wohnung. Solche Förderung hatte er aus dem Umgange mit dem großen Polychronius erfahren. Doch ich verlasse den Schüler und kehre zum Lehrer zurück. Denn von der Quelle erhält der Fluß sein Wasser.

Dieser nun verbannte mit den anderen Leidenschaften auch den Ehrgeiz aus der Seele und trat die Tyrannei des eitlen Ruhmes mit Füßen. So suchte er immer sorgfältig seine beschwerlichen Übungen geheim zu halten. Eisen wollte er nicht tragen aus Furcht, er möchte davon Schaden nehmen, sofern Gedanken des Hochmuts sich einstellen könnten. Er ließ sich aber eine sehr schwere Eichenwurzel bringen, scheinbar für irgendeinen häuslichen Zweck sie benötigend. Diese legte er des Nachts auf seine Schultern, wenn er betete, und am Tage, wenn er der Ruhe pflog. Wenn aber jemand kam und an die Tür klopfte, versteckte er sie an einem verborgenen Orte. Jemand, der sie gesehen hatte, zeigte sie mir. Ich wollte ihr Gewicht kennen lernen, konnte sie aber kaum mit beiden Händen heben. Als er dies sah, befahl er mir, davon abzulassen. Ich bat ihn, sie mir zu geben, damit ich ihm so die Möglichkeit zu dieser Peinigung benähme. Da ich aber gewahren mußte, daß ihm das wehe tue, stellte ich mich dem Streben nach solchem Siege weiter nicht in den Weg.

Aus diesen Mühen erblühte ihm Gottes Gnade, und viele Wunder geschahen auf seine Gebete hin. Denn als jene schwere Trockenheit die Menschen ängstigte und zum Gebete trieb, kam zu ihm eine Schar Priester. Darunter war ein Geistlicher aus der Gegend von Antiochien, der mehreren Dörfern als Hirte vorstand. Dieser bat die Älteren unter den Anwesenden, sie möchten den Mann bewegen, daß er die Rechte auf ein Fläschchen lege. Da sie sagten, daß er sich nicht dazu verstehen werde, fing man zu beten an. Da reichte das ehrwürdige Haupt, im Hintergrunde stehend und mitbetend, mit beiden Händen das Fläschchen her. Dieses floß über, und zwei oder drei der Anwesenden, die ihre Hände darnach ausstreckten, zogen sie öltriefend zurück.

Aber obgleich er so die Strahlen der göttlichen Gnade aussendet und herrliche Werke aller Art verrichtet und täglich neuen Reichtum an Vollkommenheit anhäuft, ist er doch von so demütiger Gesinnung, daß er jedem, der zu ihm kommt, die beiden Füße umfaßt, seine Stirn bis zur Erde neigt, mag er Soldat oder Handwerker oder Bauer sein.

Ich will ein Begebnis erzählen, das seine Einfalt und Demut beleuchten mag. Ein braver Mann, Präfekt dieses Volkes, kam nach Cyrus und wollte mit mir den Anblick jener großen Kämpfer genießen. Nachdem wir alle ringsum besucht, kamen wir auch zu dem Streiter, dessen Tugend wir eben behandeln. Als ich ihm nun sagte, daß der Mann, welcher mit mir gekommen, ein Präfekt sei, der sich um die Gerechtigkeit bemühe und die Frommen liebe, streckte er sogleich beide Hände aus, umfaßte seine beiden Füße und sagte: „Ich will dir eine Bitte vortragen.” Da dieser ihm wehrte und ihn aufstehen hieß und zu tun versprach, was immer er befehle (er vermutete nämlich, er werde für einen Untergebenen Fürsprache einlegen), sagte der gottselige Mann: „Nun, da du mir versprochen und das Versprechen mit einem Eid bekräftigt hast, so bete für mich fleißig zu Gott!” Dieser schlug sich auf die Stirne und bat, ihn von dem Schwur zu entbinden, da er nicht einmal für sich Gott würdige Gebete darbringen könne. Welche Worte wären imstande, würdig das Lob eines Mannes zu künden, der auf solcher Höhe der Vollkommenheit eine so demütige Gesinnung sich bewahrte!

Seine Anstrengungen und Mühen vermochten auch mannigfache Leiden nicht hintanzuhalten. Obgleich von vielen Krankheiten heimgesucht, übte er unentwegt dieselben Werke. Oft redeten wir ihm zu. Aber nur mit Mühe setzten wir den Bau der Hütte durch, die dem völlig erstarrten Körper etwas Wärme geben sollte.

Viele überbrachten ihm zu Lebzeiten oder überwiesen ihm letztwillig ihr Gold. Er aber verweigerte jedwede Annahme und empfahl den Bringern, selbst die Verteilung der Gaben vorzunehmen. Der große Jakobus übersandte ihm einen Mantel, den er von einem Gönner zum Geschenke bekommen. Da er aber sah, daß er gar dicht und sorglich gearbeitet sei, schickte er ihn zurück. Denn stetig trug er nur ärmliche und billige Kleidung. Lieber denn ein Königreich war ihm die Armut. So besaß er oft nicht einmal die nötige Nahrung. Häufig, wenn ich zu ihm kam und seinen Segen mir erbat, fand ich nichts vor als zwei einzige Feigen.

Seinen Honig lieben, die ihn sehen, und begehren, die ihn hören. Ich kenne keinen Menschen, und wäre er noch so sehr Spötter, der ihm je eine Makel angedichtet hätte. Alle loben und preisen ihn, und die zu ihm kommen, wollen sich nicht von ihm trennen.

Asklepius

In denselben Reigen gehört auch der wundervolle Asklepius, der zehn Stadien von hier entfernt sich der gleichen Lebensweise hingibt. Er hat dieselbe Nahrung, dieselbe Kleidung. Er besitzt auch dieselbe Demut und Gastlichkeit und Bruderliebe und Sanftmut und Milde, er verkehrt ebenso vertraulich mit Gott und übt die äußerste Armut. Dazu kommt ein Übermaß an Tugend, Reichtum an Einsiedlermühen und alles andere, was wir bei jenem heiligen Haupte aufgezählt haben. Als er noch in Gesellschaft der im Dorfe lebenden Brüder sich befand, soll er das weltliche Leben mit dem aszetischen vereinigt haben, ohne aus dem Verkehr mit der Menge Schaden zu nehmen. Da er so in zwei Lagern, in der Welt und in der Wüste, die Palme errungen, wird er billig auch einer doppelten Krone gewürdigt werden.

Es fehlt auch nicht an Leuten, die seine Tugend zur Nachfolge anregte. Nicht nur unsere Stadt, auch die benachbarten Städte und Dörfer bergen Jünger der aszetischen Lebensweise in Menge. Einer derselben ist der ganz göttlicheJakobus, der in einem Häuschen bei dem Dorfe Nimuza sich eingeschlossen hat. Er ist über neunzig Jahre alt und steht am Ende seines Lebens. Nur durch eine kleine Öffnung, die schneckenförmig durch die Mauer gebrochen, erteilt der einsame Rekluse Antworten. Niemand sieht ihn. Er bedient sich keines Feuers und gestattet sich nicht das Licht eines Leuchters. Mir öffnete er zweimal die Türe und hieß mich eintreten, indem er mich so ehren und die Liebe, die er zu mir hat, zeigen wollte.

Die noch Lebenden bedürfen meiner Worte nicht. Sie können, wenn sie wollen, mit eigenen Augen das Tugendstreben dieser Männer schauen. Den Späteren, denen dieser Anblick nicht möglich, genüge zu Nutz und Frommen das Gesagte. Damit ist das Wesen solcher Lebensführung kund getan.

Indem ich die Erzählung dieser Gruppe beschließe und als Gegengabe um ihren Segen bitte, gehe ich zu andern über.

Symeon

Symeon, den Gewaltigen, das große Wunder des Erdkreises, kennen alle Untertanen des Römischen Reiches. Es haben ihn aber auch die Perser und Meder und Äthiopier kennen gelernt, und selbst zu den Skythen, den Nomaden, ist sein Ruf gedrungen und hat dort sein mühevolles Tugendleben bekannt gemacht. Ich aber fürchte, obgleich ich sozusagen alle Menschen zu Zeugen seiner Kämpfe habe, die schwacher Worte spotten, es möchte die Erzählung den Späteren als ein Mythus erscheinen, der jeglicher Wahrheit bar ist. Denn was er getan, geht über die menschliche Natur. Die Menschen aber pflegen Erzählungen nach dem Maßstabe der Natur zu beurteilen, und wird etwas berichtet, was darüber hinausgeht, so erscheint es Leuten, welche in göttliche Dinge nicht eingeweiht sind, als Märchen. Da aber Land und Meer voll sind von Gottesfürchtigen, die in göttlichen Dingen unterrichtet und die Gabe des Heiligen Geistes kennen gelernt, werden sie meinen Worten den Glauben nicht versagen, sondern sie gerne hinnehmen. Mit Eifer und Mut will ich so die Erzählung beginnen und mache den Anfang mit seiner Berufung von oben.

In der Gegend, wo unser Land an Kilikien grenzt, liegt ein Dorf, Sisan genannt. Hier stand seine Wiege. Von den Eltern wurde er zunächst angeleitet, Schafe zu hüten. Auch darin sollte er den großen Männern gleichen, Jakob dem Patriarchen, Joseph dem Keuschen, Moses dem Gesetzgeber, David dem König und Propheten, Michäas dem Propheten und den übrigen gottseligen Hirten. Als einmal starker Schnee gefallen war und die Schafe zu Hause bleiben mußten, hatte er Muße und ging mit den Eltern zum Gotteshause. Und da habe ich von seiner heiligen Zunge selbst folgendes vernommen.

Er habe, so erzählte er, die evangelischen Worte gehört, welche die Weinenden und Trauernden selig preisen, für unselig aber die Lachenden erklären, nacheiferungswürdig die nennen, welche ein reines Herz besitzen, und alles übrige, was damit zusammenhängt. Da habe einer der Anwesenden gefragt, was man denn tun müsse, um dieses alles zu erlangen. Darauf hätte man ihm das Einsiedlerleben angegeben und die hohe Vollkommenheit desselben dargelegt. Indem er so den Samen des göttlichen Wortes in sich aufgenommen und in den tiefen Furchen der Seele gut geborgen, sagte er, sei er zu dem nahen Heiligtum der Martyrer geeilt. Hier habe er auf den Knien, mit der Stirne den Boden berührend, den, welcher alle Menschen selig machen will, gebeten, ihn auf den vollkommenen Weg der Frömmigkeit zu führen. Lange mit diesem Gedanken beschäftigt, sei süßer Schlaf über ihn gekommen, und er habe folgendes Traumgesicht gehabt. „Ich glaubte”, fuhr er fort, „Fundamente zu graben und zu hören, wie ein Mann, der dabei stand, zu mir sagte, ich müsse noch tiefer graben. Wie er befohlen, ging ich noch tiefer. Da ich aber nun auszuruhen versuchte, gebot er, weiter zu graben und nicht von der Arbeit abzulassen. Nachdem er so drei- oder viermal den Befehl wiederholt, sagte er, die Tiefe sei nun hinreichend, und ich könnte jetzt sonder Mühe an die weitere Arbeit gehen. Das Schwerste sei geschehen, die Aufführung des Baues sei leicht.” Und diesem Gesicht entsprechen die Taten. Was er indes geleistet, übersteigt die Natur.

So brach er denn auf und begab sich zur Wohnung einiger Aszeten in der Nachbarschaft. Nachdem er zwei Jahre bei ihnen zugebracht, suchte er in seinem Drange nach stets höherer Tugend das Dorf Teleda auf, das ich schon früher erwähnte und wo die großen göttlichen Männer Ammianus und Eusebius zum Entsagungskampfe sich eingerichtet hatten. Aber nicht diese Ringstätte nahm sich der göttliche Symeon zum Ziele, sondern eine Zweigschule, die aus letzterer hervorgegangen. Eusebonas nämlich und Abibion hatten, nachdem sie den Unterricht des großen Eusebius hinlänglich genossen, hier ein neues Kloster erbaut. Ein Denken und ein Tun trug beide durchs Leben, wie wenn eine Seele in zwei Körpern wohnte. Und so zogen sie viele Freunde dieser Lebensweise an. Als sie ruhmbedeckt aus dem Leben schieden, übernahm die Leitung der Genossen der wundervolle Heliodorus, der fünfundsechzig Jahre lebte und davon zweiundsechzig im Kloster verbrachte. Nur drei Jahre hatte er die Erziehung bei den Eltern genossen und kam dann zu jener Herde, ohne etwas von dem, was in der Welt geschieht, je gesehen zu haben. Er kenne, sagte er, nicht einmal die Schweine oder die Hasen oder sonst ein Tier. Seines Anblicks durfte auch ich mich häufig erfreuen, und ich mußte die Einfalt seiner Sitten bewundern und gar sehr staunen über die Reinheit seiner Seele.

Zu diesen also kam der berühmte Streiter der Frömmigkeit und focht daselbst zehn Jahre. Er hatte achtzig Mitkämpfer, die er aber im Waffengange alle überbot. Sie nahmen jeden zweiten Tag Speise, er blieb die ganze Woche ohne Nahrung. Die Vorgesetzten waren damit unzufrieden, und die Genossen stritten mit ihm und erklärten sein Gehaben für Unordnung. Er ließ sich aber durch diese Vorstellungen nicht beirren, und sie vermochten seinem Eifer keine Zügel anzulegen. Ich habe den jetzigen Vorsteher der Herde selbst erzählen hören, daß er einst mit einem Strick aus Palmen, die selbst für die berührenden Hände äußerst rauh sind, die Hüften sich gürtete, ihn aber nicht über den Kleidern anbrachte, sondern auf die bloße Haut ihn fügte. Und er schnürte ihn so fest, daß die ganze Partie ringsum, wo er anlag, mit schwärenden Wunden sich bedeckte. Nachdem er so mehr als zehn Tage gelitten und die Wunden schlimmer wurden und Blutstropfen daraus entquollen, fragte ihn einer, der dies bemerkte, woher das Blut komme. Da er erwiderte, er empfinde keinen Schmerz, führte der Genosse gewaltsam die Hand unter die Kleider und fand die Ursache. Er zeigte es dem Vorsteher an. Dieser tadelte ihn und redete ihm zu und verurteilte die Grausamkeit der Tat. Aber nur schwer ließ er sich bestimmen, den Gürtel abzunehmen. Ein heilendes Mittel den Wunden aufzulegen, dazu konnte er ihn nicht bereden. Da sie sehen mußten, wie er noch andere Dinge solcher Art trieb, hießen sie ihn das Kloster verlassen, damit er nicht Genossen mit schwächerem Körper zu Taten verführte, die über ihre Kräfte gingen, und ihnen so zum Verderben würde.

Er ging also weg und suchte noch entlegenere Stellen des Berges auf. Da fand er eine Zisterne, ohne Wasser, nicht sehr tief. In diese ließ er sich hinab und sang da das Lob Gottes. Nach fünf Tagen empfanden die Vorsteher jenes Klosters Reue und sandten zwei Brüder ab, ihn zu suchen und wieder zurückzubringen. Als sie den Berg ringsum abgesucht hatten, fragten sie einige Hirten, ob sie nicht einen Mann gesehen hätten von dem und dem Aussehen und der und der Bekleidung. Als sie die Hirten an die Zisterne wiesen, erhoben sie alsogleich ein lautes Geschrei, holten einen Strick und zogen ihn mit großer Mühe herauf. Denn der Aufstieg ist nicht so leicht wie der Abstieg.

Nachdem er noch einige Zeit bei ihnen geblieben war, begab er sich zum Dorfe Telanissos, das am Fuße jenes Berggipfels liegt, auf dem er sich heute aufhält. Dort fand er eine kleine Hütte vor, in die er sich für drei Jahre einschloß. Eifrig bedacht, den Besitz an Tugend stetig zu mehren, wünscht er es den göttlichen Männern Moses und Elias gleich zu tun und vierzig Tage ohne Speise auszuharren. So sucht er den bewunderungswürdigen Bassus, der als Vorsteher der Landpriesterschaft eben die verschiedenen Dörfer bereiste, zu bereden, alles aus seiner Zelle zu entfernen und die Türe mit Lehm zu verschließen. Dieser stellte ihm die Schwierigkeit vor und ermahnte ihn, nicht zu glauben, daß ein gewaltsamer Tod Tugend wäre. Er sei das größte und erste Verbrechen. Da sagte er: „Aber Vater, lege mir zehn Brote hin und stelle mir ein Gefäß mit Wasser daneben, und wenn ich sehe, daß der Körper es nötig hat, werde ich davon nehmen!” Er tat wie befohlen. Das Erbetene wurde bereitgestellt und die Türe mit Lehm verschlossen. Am Ende der vierzig Tage kam der wundervolle Mann Gottes, Bassus, wieder, entfernte den Lehm, und als er durch die Türe eintrat, fand er noch die Zahl der Brote und das Gefäß mit Wasser vor, ihn selbst aber wie leblos am Boden liegen. Er konnte nicht sprechen und sich nicht bewegen. Da verlangte er einen Schwamm, benetzte und reinigte damit seinen Mund und reichte ihm die Gestalten der göttlichen Mysterien. Dadurch gestärkt, erhob er sich und nahm etwas Speise zu sich, Lattich, Endivie und Ähnliches. Ohne viel zu kauen, schluckte er es hinunter. Ganz erstaunt kehrte der große Bassus zu seiner Herde zurück und erzählte dieses große Wunder.

Symeon hatte mehr als zweihundert Schüler. Ihnen verbot er, ein Lasttier zu halten, eine Mühle zu besitzen, angebotenes Gold anzunehmen, die Wohnung zu verlassen, sei es, etwas zum Leben Notwendiges zu kaufen, sei es, einen Bekannten zu sehen. Sie mußten im Kloster bleiben und mit der von der Gnade Gottes gesandten Nahrung sich bescheiden. Dieses Gesetz beobachten seine Schüler bis zum heutigen Tage, und obgleich gewachsen an Zahl, übertreten sie nicht die von ihm gegebenen Satzungen. Ich aber gehe wieder zu dem großen Symeon über.

Von jener Zeit an pflegt er bis zur Stunde ― es sind über achtundzwanzig Jahre verflossen ― vierzig Tage lang ohne Nahrung zu bleiben. Aber die Zeit und die Übung haben viel von der Mühe benommen. Die ersten Tage preist er Gott stehend. Wenn dann der Körper wegen Mangel an Nahrungsaufnahme das Stehen nicht mehr verträgt, verrichtet er sitzend den göttlichen Dienst. In den letzten Tagen legt er sich nieder. Das allmähliche Schwinden und Verlöschen der Kräfte nötigt ihn, wie ein Toter dazuliegen.

Seitdem er sich aber auf eine Säule gestellt, konnte ihn nichts mehr zum Herabsteigen vermögen. Dabei ersann er eine besondere Art, die ihm das Stehen ermöglichte. Er befestigte einen Balken an der Säule und band sich mit Binsenstricken daran fest und verbrachte so die vierzig Tage. Nachdem er aber später vom Himmel noch reicher begnadet wurde, bedurfte er dieses Hilfsmittels nicht mehr, sondern stand frei die vierzig Tage, ohne Nahrung zu nehmen, nur gekräftigt von seinem Eifer und von der göttlichen Gnade.

Drei Jahre also, wie gesagt, verbrachte er in der Hütte. Dann begab er sich auf den berühmten Bergrücken, ließ rings herum einen Zaun herstellen und verschaffte sich eine zwanzig Ellen lange Eisenkette. Das eine Ende hieß er an einen großen Stein anschmieden, das andere befestigte er an seinem rechten Beine, so daß er, auch wenn er wollte, aus der Umfriedung nicht herausgehen konnte. In solcher Bindung verharrte er innerhalb des Geheges, im Geiste ununterbrochen mit dem Himmel und dem Überhimmlischen beschäftigt. Denn den Flug der Gedanken vermag die eiserne Fessel nicht zu hemmen. Als nun der wundervolle Meletius, Bischof im Distrikte von Antiochien, ein Mann von Verstand und Einsicht und mit Klugheit geziert, sagte, das Eisen sei überflüssig, es genüge die Gesinnung, dem Körper geistige Fesseln anzulegen, gab er nach und nahm bereitwillig diese Mahnung hin. Er ließ einen Schmied kommen und die Fesseln abnehmen. Damit der Körper von dem Eisen nicht verletzt würde, ward ein Fellstück um den Schenkel gelegt. Auch dieses mußte gewaltsam entfernt werden. Denn es war straff zusammengenäht. Dabei will man zwanzig Wanzen entdeckt haben, die darunter versteckt lagen. Der wunderbare Meletius hat sie, wie er erklärte, gesehen. Ich aber erzähle dies, um den großen Starkmut des Mannes darzutun. Denn er konnte leicht mit der Hand das Fell zusammendrücken und so das ganze Ungeziefer vernichten, aber er ertrug standhaft die lästigen Bisse, im kleinen zu größeren Kämpfen sich vorübend.

Als nun sein Ruf nach allen Seiten drang, lief alles zusammen, und nicht nur die Nachbarn, sondern auch Leute, welche mehrere Tagereisen entfernt waren. Die einen brachten Gichtbrüchige herbei, die anderen baten für Kranke um Gesundheit, andere wünschten Väter zu werden, und weil sie es nach dem gewöhnlichen Verlaufe nicht wurden, suchten sie dies durch ihn zu erlangen. Und wenn sie ihre Bitte erfüllt sahen, kehrten sie freudig zurück, verkündeten die empfangenen Wohltaten und entsandten weitere Scharen mit gleichen Anliegen dorthin. So kommen sie von allen Seiten, und jeglicher Weg gleicht einem Flusse, und um seine Stätte glaubt man ein brandend Menschenmeer zu schauen, das die Ströme von allerwärts in sich aufnimmt. Nicht nur die Bewohner unseres Landes drängen sich dort zusammen, sondern auch Ismaeliten, Perser und die von ihnen unterjochten Armenier, Iberer, Homeriten und Völkerschaften, die noch weiter im Innern wohnen. Es kommen auch viele vom äußersten Westen, Spanier und Briten und Gallier, welche zwischen diesen wohnen. Von Italien brauchen wir nicht zu sprechen. Denn so berühmt soll der Mann in dem großen Rom geworden sein, daß man in allen Vorräumen von Werkstätten kleine Bilder von ihm aufstellt, die Schutz und Sicherheit verschaffen sollen.

Da die Zahl der Pilger stetig wuchs und alles ihn zu berühren und aus seiner Pelzgewandung Segen zu erholen strebte, war er auf den Gedanken gekommen, sich auf eine Säule zu stellen. Fürs erste hielt er dieses Übermaß von Verehrung für unvernünftig, sodann ward er auch über das Belästigende der Sache unwillig. Darum ließ er zunächst eine Säule von sechs Ellen errichten, die er später auf zwölf und darnach auf zweiundzwanzig Ellen erhöhte. Jetzt mißt sie sechsunddreißig Ellen. Denn er wünscht zum Himmel aufzufliegen und von diesem irdischen Getriebe sich zu lösen. Ich bin aber überzeugt, daß dieses Stehen nicht ohne göttliche Fügung von ihm erwählt worden ist, weshalb ich Tadelsüchtige ermahne, ihre Zunge zu zügeln und ihr nicht freien Lauf zu lassen. Sie mögen doch bedenken, daß der Herr oft solches zum Nutzen der Saumseligen veranstaltet hat. So hat er dem Isaias befohlen, ohne Kleider und Schuhe einherzugehen, dem Jeremias, die Lenden zu umgürten und so den Halsstarrigen zu prophezeien, ein anderes Mal, ein hölzernes und eisernes Joch um den Hals zu legen. Dem Oseas, ein Hurenweib zu nehmen und wiederum, eine schlechte und ehebrecherische Frau zu lieben, und dem Ezechiel, vierzig Tage auf der rechten Seite zu liegen und auf der linken hundertundfünfzig, und wiederum, die Wand zu durchbrechen und hierdurch zu entfliehen, um so in sich die Gefangenschaft darzustellen, und ein anderes Mal, das Schwert zu schärfen, damit das Haupt zu scheren und die Haare in vier Teile zu zerlegen und mit den einen dies, mit den andern das vorzunehmen. So könnte ich noch vieles andere anführen. Dieses alles befahl der Allherr, um diejenigen, welche Worten nicht Folge leisteten und die Prophezeiung nicht hören wollten, durch wunderliches Schauspiel zu sammeln und zum Gehorsam gegen die Stimme Gottes geneigt zu machen. Denn wer staunte nicht, wenn er einen Menschen nackt einhergehen sieht? Wer verlangte nicht, den Grund zu erfahren? Wer fragte nicht: Warum bringt es der Prophet über sich, einer Hure beizuwohnen? Wie also der Gott des Alls solches befahl, in der Absicht, der Trägheit der Zeitgenossen entgegenzukommen, so hat er auch dieses neue und auffallende Schauspiel herbeigeführt, um alle durch das Ungewohnte anzuziehen und die Herbeikommenden für die ihnen gegebenen Ermahnungen bereitwillig zu machen. Denn das Verblüffende der Erscheinung kommt dem Lehrworte gar wirksam zustatten. Man kommt, um zu schauen, und geht fort mit dem göttlichen Worte im Herzen. Und wie die Regenten über die Menschen von Zeit zu Zeit die Prägungen auf den Münzen wechseln und bald Bilder von Tieren wählen, bald von Sternen und Engeln, und durch das neue Emblem dem Gelde erhöhten Wert zu leihen suchen, so gibt der König des Alls der christlichen Religion in diesen verschiedentlichen und neuartigen Lebensführungen gleichsam frische Züge und rüttelt damit die Zungen der Glaubenszöglinge sowohl wie die Zunge derer, die an Unglauben kranken, zum Lobpreise auf.

Daß dem wirklich so ist, dafür zeugen nicht Worte, sondern die laute Stimme der Tatsachen. Denn viele Tausende von Ismaeliten, die der Finsternis der Gottlosigkeit dienten, hat sein Stehen auf der Säule erleuchtet. Wie auf einen Leuchter gestellt, hat dieses hellstrahlende Licht der Sonne gleich seine Strahlen nach allen Seiten entsendet. Und man kann kommen sehen, wie ich sagte, Iberer, Armenier, Perser, die dort die göttliche Taufe empfangen. Ismaeliten kommen in Haufen, zu Hunderten, zu Zweihunderten, ja zu Tausenden, schwören laut den heimischen Betrug ab, zermalmen vor dem großen Lichte die von ihnen verehrten Götzenbilder, entsagen den Ausschweifungen der Aphrodite, deren Dienst sie von alters her gehuldigt, und lassen sich in die göttlichen Mysterien einweihen. Sie nehmen Gesetze an von diesem heiligen Munde, verabschieden die heimischen Gebräuche, entsagen dem Genusse des Fleisches von Wildeseln und Kamelen.

Ich war Augen- und Ohrenzeuge, wie sie die heimische Gottlosigkeit abschwuren und die evangelische Lehre annahmen. Dabei habe ich einmal eine große Gefahr bestanden. Er hatte ihnen befohlen, zu mir zu kommen und den priesterlichen Segen sich zu erholen, da sie daraus großen Nutzen ziehen würden. Sie strömten nach Barbarenart zusammen. Die einen drängten von vorne, die andern von rückwärts auf mich ein, wieder andere von den Seiten, und die Entfernteren stiegen über die Näheren und streckten die Hände mir entgegen. Hier zerrten sie mich am Barte, dort an den Kleidern. Ich wäre unter ihrem allzu hitzigen Andrange erstickt, wenn der Heilige nicht durch laute Zurufe sie auseinandergetrieben hätte. Solch reichen Segen goß die von Tadelsüchtigen bespöttelte Säule aus, solche Strahlen der Gotteserkenntnis sandte sie in die Herzen der Barbaren.

Ich kann noch ein anderes Begebnis nach dieser Seite hin erzählen. Ein Volksstamm bat den göttlichen Mann, er möge ihrem Häuptlinge sein Gebet und seinen Segen senden. Ein anderer Stamm aber, der eben zugegen war, widersprach dem und erklärte, nicht jenem, sondern ihrem Führer müsse der Segen gesandt werden. Jener sei ein ganz ungerechter Mann, ihr Fürst erhaben über Unrecht. Nachdem sie so lange gestritten und nach Barbarenart gezankt hatten, fuhren sie schließlich gegeneinander los. Mit vielen Worten redete ich auf sie ein, Ruhe zu geben und sich dahin zu bescheiden, daß der göttliche Mann dem einen wie dem anderen seinen Segen schicke. Aber die Gegenpartei bestand darauf, jener dürfe den Segen nicht bekommen, und umgekehrt suchten diese den andern darum zu bringen. Da drohte er ihnen von oben herab und rief Hunde herbei. So brachte er endlich den Streit zur Ruhe.

Das habe ich erzählt, um die gläubige Gesinnung dieser Barbaren ins Licht zu rücken. Denn nimmer hätten sie so wider einander gewütet, wenn sie nicht glaubten, daß der Segen des göttlichen Mannes höchste Kraft besitze. Ich war auch Zeuge eines auffallenden Wunders. Es kam nämlich ein Sarazenenführer und bat das göttliche Haupt, einem Manne Hilfe zu leisten gegen Gliederlähmung, die ihn auf dem Marsche befallen. Der Unfall sei ihm, wie er sagte, bei Kullinikos, einem sehr großen Kastell, zugestoßen. Vor den Heiligen gebracht, befahl dieser dem Kranken, die Gottlosigkeit seiner Vorfahren abzuschwören. Da er dies gerne tat und folgsam das Befohlene ausführte, fragte er ihn, ob er glaube an den Vater, den eingebornen Sohn und den Heiligen Geist. Als er bekannt, daß er glaube, fuhr er fort: „Im Glauben an diese drei Namen stehe auf!” Und da er aufgestanden, hieß er ihn den Anführer auf den Schultern bis zu seinem Bette tragen. Der aber hatte einen sehr starken Körper. Und er nahm ihn und eilte flugs von dannen. Die Anwesenden aber ließen laut das Lob Gottes erschallen. Solchen Auftrag hatte er gegeben, den Herrn nachahmend, der dem Gichtbrüchigen geboten, sein Bett zu tragen. Indes möge niemand die Nachahmung dieses Befehls Überhebung nennen. Denn er selbst hat gesagt: „Wer an mich glaubt, der wird die Werke tun, die ich tue, und er wird größere als diese tun.” Und die Erfüllung dieser Verheißung durften wir sehen. Denn der Schatten des Herrn hat niemals ein Wunder gewirkt, aber der Schatten des großen Petrus hat den Tod bezwungen, hat Krankheiten geheilt und Teufel ausgetrieben. Aber der Herr wirkte auch diese Wunder durch seine Diener. Und ebenso wirkt auch jetzt der göttliche Symeon durch Anrufung seines Namens die zahllosen Wunder.

Es wurde von ihm noch ein anderes Wunder gewirkt, das nicht geringer ist als dieses erste. Aus der Zahl der Ismaeliten, die den Glauben an den heilbringenden Namen des Herrn Christus angenommen hatten, machte ein angesehener Mann Gott ein Gelübde, wobei er den Symeon zum Zeugen seines Versprechens erwählte. Er gelobte, fernab bis ans Lebensende jeglicher Fleischnahrung sich zu enthalten. Nach einiger Zeit aber wurde er wortbrüchig, indem er ein Huhn schlachtete und es zu verspeisen wagte. Da ihn Gott unter Beschämung bekehren und zugleich seinen Diener, der Zeuge des verletzten Versprechens gewesen, ehren wollte, wurde das Fleisch des Huhnes in Stein verwandelt, so daß er es bei aller Gier nicht mehr verzehren konnte. Denn wer vermöchte Fleisch zu essen, das zu Nahrungszwecken zubereitet und dann in Stein sich gewandelt? Entsetzt über diesen ungewöhnlichen Anblick, eilte der Barbar so schnell er konnte zu dem Heiligen, eröffnete ihm die geheime Sünde und bekannte sein Vergehen vor aller Welt, von Gott Verzeihung erflehend für den Fehltritt. Und den Heiligen rief er als Fürsprecher an, daß er ihn durch allvermögendes Gebet von den Fesseln der Sünde befreie. Viele waren Augenzeugen des Wunders und konnten das Bruststück aus Knochen und Stein betasten.

Ich aber habe nicht nur seine Wunder geschaut, ich habe auch seine Vorhersage der Zukunft gehört. Denn die eingetretene Dürre und die große Unfruchtbarkeit jenes Jahres und die darauf folgende Hungersnot und Seuche kündete er zwei Jahre voraus, indem er erklärte, er habe eine Rute über die Menschen kommen sehen und die durch dieselbe vorbedeutete Geißel. Ein anderes Mal prophezeite er den Einfall von Heuschrecken. Sie würden aber keinen großen Schaden anrichten, da die göttliche Barmherzigkeit auf die Strafe folgte. Nach dreißig Tagen schwirrte eine so unermeßliche Menge heran, daß sie der Sonne Strahlen aufhielt und das Gelände in Schatten legte. Das haben wir alle mit eigenen Augen gesehen. Sie verzehrten aber nur das Futter der Tiere und brachten der Nahrung der Menschen keinen Schaden. Mir sagte er, da ich von jemanden angefeindet wurde, fünfzehn Tage den Tod des Feindes voraus, und die Wahrheit der Vorausverkündigung bestätigte das eingetretene Ende.

Andere Begebnisse dieser Art ― und ich kenne deren gar viele ― will ich übergehen, um nicht zu lange zu werden. Aber schon das Gesagte reicht hin, den eindringlichen Scharfblick seines Geistes darzutun.

Sehr angesehen war er auch bei dem Könige der Perser. Denn wie an ihn abgeordnete Boten erzählten, erkundigte er sich angelegentlich nach der Lebensweise des Mannes und nach seinen Wundern. Seine Gattin, sagten sie, habe Öl erbeten, das seinen Segen empfangen, und dieses als das größte Geschenk entgegengenommen. Und die ganze Umgebung des Königs, zu deren Ohren sein Ruf gedrungen war, die aber auch viele Verleumdungen der Magier gegen ihn hören mußte, beschäftigte sich eingehend mit ihm, und nachdem sie die Wahrheit erfahren, nannte sie ihn einen Mann Gottes. Das übrige Volk wandte sich an die Maultiertreiber, die Diener und Soldaten, boten ihnen Geld an mit der Bitte, ihnen gesegnetes Öl zu verschaffen.

Die Königin der Ismaeliten, die unfruchtbar war und nach Kindern verlangte, sandte einige der angesehensten Männer zu ihm mit der Bitte, daß sie Mutter werden möchte. Nachdem ihr Wunsch erfüllt war und sie erreicht hatte, was sie verlangte, nahm sie den neugebornen König und brachte ihn zu dem göttlichen Greise. Da aber die Frauen keinen Zutritt zu ihm hatten, schickte sie das Kind zu ihm hinein und bat um seinen Segen. „ Dein ist diese Garbe,” ließ sie sagen. „Ich habe unter Tränen den Samen des Gebetes dargeboten. Du hast den Samen zur Garbe gemacht, indem du den Regen der göttlichen Gnade durch Fürbitte darauf herabgezogen.”

Doch wie kann ich mich vermessen, die Tiefen des Atlantischen Ozeans zu ergründen? Denn wie diese unermeßlich sind für die Menschen, so spotten der Erzählung die Taten, welche er Tag für Tag vollbringt. Ich aber bewundere vor allem seinen Starkmut. Des Nachts und am Tage steht er da, von allen Leuten gesehen. Türen fehlen, und die Einfriedung ist zum großen Teil abgetragen. Ein neuartiges und wundersames Schauspiel für die Welt! Lange Zeit steht er aufrecht da, und dann begibt er sich in gebeugte Stellung, Gott die Anbetung darbringend. Vielfach pflegen die Pilger die Verbeugungen zu zählen. Einmal zählte einer meiner Begleiter eintausendzweihundertvierundvierzig. Dann wurde er müde und stellte die Zählung ein. Wenn er sich aber bückt, neigt er die Stirne stets bis zu den Zehen. Nur einmal in der Woche erhält sein Leib Speise, und das sehr spärlich. So behält der Rücken seine leichte Beweglichkeit.

Man erzählt, daß er sich durch das Stehen eine bösartige Wunde an einem Fuße zugezogen habe, welche beständig sehr viel Eiter ausscheide. Aber alle diese Leiden vermögen seine hohe Tugend nicht ins Wanken zu bringen, sondern starkmütig erträgt er die freiwilligen und unfreiwilligen Qualen und überwindet diese wie jene heldenmütig durch seinen glühenden Eifer. Einmal sah er sich genötigt, diese Wunde jemandem zu zeigen. Ich will die Veranlassung erzählen. Es kam ein braver und im Dienste Christi ausgezeichneter Mann aus Rabäna zu ihm. Auf dem Bergrücken angelangt, fragte er: „Bei der Wahrheit selbst, welche das Menschengeschlecht bekehrt hat, sage mir, ob du ein Mensch bist oder ein unkörperliches Wesen?” Da die anwesenden Pilger über diese Frage sich ungehalten zeigten, gebot er allgemeine Ruhe. Zu jenem aber sprach er: „Warum hast du denn diese Frage gestellt?” Dieser antwortete: „Weil ich alle verkünden höre, daß du weder issest noch schläfst, was doch beides dem Menschen natürlich ist. Und wer diese Natur besitzt, kann ohne Nahrung und Schlaf nicht leben.” Da ließ er eine Leiter an die Säule anlegen und befahl jenem, heraufzusteigen. Zuerst zeigte er ihm seine Hände, und dann hieß er ihn unter das Gewand von Fellen die Hand stecken und wies ihm letztlich die Füße mitsamt der schweren Wunde. Mit Staunen besah der Mann das entsetzliche Geschwür und erfuhr dabei auch, daß der Heilige Nahrung nehme. Von dort suchte er mich auf und erzählte mir das ganze Erlebnis.

An allgemeinen Festtagen gibt er noch einen anderen Beweis seines Starkmutes. Vom Untergange der Sonne bis zu ihrem Wiedererscheinen am östlichen Horizont steht er, die ganze Nacht, mit zum Himmel erhobenen Händen, weder vom Schlafe bewältigt noch von der Anstrengung besiegt.

Bei solchen Mühen und bei dem Übermaß von Tugenden und der Menge der Wundertaten ist er so demütigen Sinnes, als wenn er der Unwürdigste aller Menschen wäre. Und zu dieser Demut hin ist er in hohem Grade zugänglich, freundlich und liebenswürdig, antwortet jedem, der sich mit ihm unterhält, mag er Handwerker oder Bettler oder Bauer sein. Auch hat er die Gabe der Belehrung von dem Herrn, dem Spender alles Guten, erhalten. Zweimal am Tage hält er Ansprachen und ergießt den Strom seiner Weisheit in die Ohren der Zuhörer. Gar lieblich unterhält er sich mit den Pilgern, trägt die Lehren des göttlichen Geistes vor, mahnt, nach dem Himmel aufzuschauen und aufzufliegen, sich zu trennen von dem, was auf Erden ist, und das Reich zu betrachten, das wir erwarten, die Drohungen der Hölle zu fürchten, das Irdische zu verachten und des Zukünftigen zu geharren. Man kann ihn auch sehen, wie er Recht spricht und wahre und gerechte Urteilssprüche fällt.

Diese und ähnliche Obliegenheiten pflegt er nach der neunten Stunde zu verrichten. Denn die Nacht und den Tag bis zur neunten Stunde bringt er im Gebete zu. Nach der neunten Stunde trägt er zuerst den Anwesenden die göttliche Lehre vor, dann hört er Bitten an und vollbringt einige Heilungen und schlichtet die ihm von den Parteien vorgelegten Händel. Gegen Sonnenuntergang beginnt er wieder die Unterhaltung mit Gott.

Aber bei all dieser Inanspruchnahme vergißt er nicht die Sorge für die Kirchen. Bald kämpft er wider die heidnische Gottlosigkeit, bald bricht er die Dreistigkeit der Juden, bald zersprengt er die Rotten der Ketzer. So wendet er sich auch in diesen Anliegen an den Kaiser, feuert die Behörden an zum Eifer für Gott, mahnt die Hirten der Kirchen, mehr Sorge ihren Herden zuzuwenden.

Dieses Wenige habe ich geschrieben, um an Tropfen die Regenfülle zu zeigen und die Leser dieser Schrift am Zeigefinger die Süßigkeit des Honigs kosten zu Blassen. Weit mehr ist, was der Volksmund von ihm kündet. Alles zu berichten, lag nicht in meinem Plane. An wenigen Zügen will ich eines jeden Streiters Lebensart aufzeigen. Andere mögen mehr niederschreiben. Und wenn er noch länger lebt, wird man gar noch größere Wunder buchen. Ich aber wünsche und flehe zu Gott, daß er durch seine Gebete in diesen herrlichen Arbeiten beharre. Er ist die allgemeine Zierde und der Glanz des wahren Glaubens. Möge auch mein Leben geordnet und nach den evangelischen Vorschriften eingerichtet werden!

Baradatus

Der gemeinsame Feind der Menschen hat viele Wege der Bosheit ausfindig gemacht, um das ganze Geschlecht dem vollen Verderben zu überliefern. Aber die Kinder der Frömmigkeit haben auch viele und mannigfache Leitern für den Aufstieg in den Himmel ausgedacht. Die einen kämpfen in Gemeinschaft. Solcher Klöster gibt es viele Tausende; man kann sie kaum zählen. Dort gewinnen die Streiter unvergängliche Kronen und erlangen den ersehnten Aufstieg. Andere erwählen das Einsiedlerleben und sind bedacht, nur mit Gott sich zu unterhalten. Sie verschmähen jeden menschlichen Trost und erringen so den Sieg. Andere lobpreisen Gott, indem sie in Zelten und Hütten wohnen, wieder andere vollbringen ihr Leben in Löchern und Höhlen. Viele ― ich habe des einen oder andern gedacht ― verstehen sich nicht einmal zum Besitze einer Höhle oder eines Zeltes oder einer Hütte, sondern setzen ihren Leib der freien Luft aus und ertragen die wechselnden Unbilden der Witterung. Bald erstarren sie in äußerster Kälte, bald brennen sie unter der Sonne sengendem Strahl. Und auch die Lebensweise dieser Männer ist wieder verschieden. Die einen stehen ohne Unterbrechung. Die anderen verteilen den Tag auf Sitzen und Stehen. Die einen haben sich in Mauern verschlossen und vermeiden den Verkehr mit Menschen. Andere verzichten auf solche Abschließung und stehen frei da für alle, die sie sehen wollen.

Diese Kampfweisen glaubte ich im einzelnen aufzählen zu sollen, da ich jetzt das Leben des wundervollen Baradatus zu schreiben unternehme. Denn dieser ersann ganz neue Verfahren zur Betätigung des Starkmutes.

Zuerst schloß er sich für längere Zeit in eine Hütte ein und wollte nur göttlichen Trostes sich erfreuen. Von da erstieg er den darüberliegenden Bergrücken und zimmerte sich einen Kasten aus Holz. Er war wenig geräumig und stand mit seinem Körpermaße nicht in Einklang. Ihn wählte er zur Wohnung, mußte aber dabei stetig eine gebückte Haltung einnehmen. Denn die Kastenhöhe entsprach nicht der Länge seines Leibes. Auch war der Kasten nicht ein geschlossenes Gefüge aus Brettern. Seine Wände wiesen gitterartige Öffnungen auf und glichen Fenstern mit recht breiten Lichtlöchern. Und so bot er nicht Schutz vor strömendem Regen noch Deckung gegen sengende Hitze. Beides duldete er wie die Streiter unter freiem Himmel. Er überbot sie aber noch an Strapaze, weil er eingeschlossen war. Nachdem er auf diese Weise lange Zeit gelebt, gab er den dringenden Vorstellungen des gottseligen Theodotus, des Bischofs von Antiochien, nach und ging aus dem Kasten heraus. Er steht nun beständig, die Hände zum Himmel erhoben und den Gott des Alls preisend. Sein Körper ist ganz in ein Kleid von Fellen eingehüllt, nur um die Nase und den Mund hat er eine kleine Öffnung für den Odem gelassen, um die gemeinsame Luft einzuatmen, da es der menschlichen Natur sonst nicht möglich ist, zu leben. Und alle diese Mühen erduldet er, trotzdem er keinen starken Körper besitzt, sondern von vielen Krankheiten heimgesucht ist. Aber der feurige Eifer, von der göttlichen Liebe entzündet, befähigt ihn, zu tragen, was der Leib nicht tragen kann.

Sein Geist zeichnet sich durch großen Scharfsinn aus. Treffend sind seine Fragen und Antworten und seine Schlüsse nicht selten bündiger und zwingender als die Syllogismen von Leuten, welche die Aristotelischen Labyrinthe studiert haben. Obgleich auf dem Gipfel der Vollkommenheit angelangt, gestattet er seinen Gedanken keine Überhebung, sondern befiehlt ihnen, auf dem Boden zu kriechen, unten am Fuße des Berges zu verbleiben. Denn er weiß gar wohl, welchen Schaden eine vom Stolze aufgeblähte Gesinnung stiftet.

Das ist in Kürze die Lebensweisheit dieses Mannes. Möge sie immer noch wachsen und ihn zum Ziele seines Laufes führen! Der Ruhm dieser Sieger ist die Freude aller Frommen. Mir aber möge es mit Hilfe ihrer Gebete vergönnt sein, von diesem Berge nicht allzuweit entfernt zu bleiben, sondern allmählich ihn zu ersteigen und des Anblicks jener Helden mich zu erfreuen!

Thaleläus

Auch den Thaleläus dürfen wir nicht mit Stillschweigen übergehen. Er bietet ein wunderbares Schauspiel dar. Und ich habe nicht nur von andern erzählen hören, sondern war Augenzeuge dieser wundersamen Erscheinung.

Zwanzig Stadien von Gabala, einem kleinen, lieblichen Städtchen, bezog er einen Hügel, auf dem ein Dämonenheiligtum lag, in alten Zeiten von den Gottlosen durch Opfer viel verehrt. Dort baute er sich eine kleine Hütte. Der Kult an jener Stätte soll den Zweck gehabt haben, die vielfache Grausamkeit der feindseligen Götter durch Opfer zu besänftigen. Diese brachten nämlich viel Verderben Vorübergehenden und Nachbarn, und nicht nur Menschen, sondern auch Eseln, Maultieren, Rindern und Schafen. Aber nicht den unvernünftigen Tieren galt der Krieg, sie griffen in ihnen die Menschen an. Als sie nun diesen Mann ankommen sahen, versuchten sie ihn zu schrecken, richteten aber nichts aus, da der Glaube ihn schirmte und die Gnade für ihn stritt. Deswegen kehrten sie in wahnsinniger Wut ihre Angriffe gegen die dortigen Pflanzungen. Um den Hügel herum standen nämlich viele stattliche Feigen- und Olivenbäume. Von diesen sollen mehr als fünfhundert auf einmal ausgerissen worden sein. Das habe ich die benachbarten Landleute selbst erzählen hören. Diese lagen damals noch in der Finsternis des Heidentums, nahmen aber auf die Belehrung und die Wunder des Mannes hin das Licht der Gotteserkenntnis an. Da aber die frevelhaften Dämonen den Streiter der wahren Weisheit damit nicht einschüchtern konnten, wandten sie andere Kunstgriffe an. Sie erhoben des Nachts lautes Geheul und ließen Fackeln erscheinen und suchten ihm so Furcht einzujagen und seinen Geist in Verwirrung zu bringen. Er aber lächelte über alle ihre Angriffe. Und so ließen sie von ihm ab und ergriffen die Flucht.

Nun fertigte er zwei Räder im Durchmesser von zwei Ellen und verband sie mittels Bretter, die aber nicht geschlossen einander anlagen, sondern in Abständen sich folgten. Im Innern sitzend, hämmerte er mit Klammern und Nägeln die so in Abständen angeordneten Bretter fest und hängte sodann das Rad unter freiem Himmel auf. Zu diesem Behufe hatte er drei hohe Holzpflöcke in den Boden gerammt und ihre oberen Enden mit Querbalken verbunden. In deren Mitte band er das Doppelrad, der Erde entrückt, fest. Es hat im Innern eine Höhe von nur zwei Ellen und eine Breite von nur einer Elle. Darin sitzend oder vielmehr hängend verbrachte er nun bereits zehn Jahre. Er ist von großer Statur, so daß er nicht einmal sitzend den Nacken gerade halten kann. Er sitzt immer gebückt, mit dem Gesichte die Knie berührend.

Ich kam zu ihm und traf ihn, wie er eben Förderung in den göttlichen Evangelien suchte. Neugierig fragte ich ihn nach der Ursache dieser neuartigen Lebensweise. Er antwortete in griechischer Sprache, denn er war ein geborener Kilikier: „Ich bin mit vielen Sünden beschwert und glaube an die angedrohten Strafen. Darum habe ich diese Art des Lebens ausgedacht und für meinen Körper mäßige Züchtigungen ersonnen, um dem Übermaß der künftigen Schrecken zu entgehen. Denn diese sind schwerer nicht nur dem Grade, sondern auch der Beschaffenheit nach, denn sie sind unfreiwillig. Was aber gegen den Willen geht, ist gar schmerzlich. Das Freiwillige dagegen, mag es auch mühevoll sein, ist weniger peinlich. Hier ist die Mühe selbst erwählt, nicht gewaltsam aufgedrängt. Wenn ich also”, schloß er, „durch diese geringen Beschwerden die zu erwartenden Leiden verringere, so werde ich aus solcher Lebensführung großen Gewinn ziehen.” Als ich diese Worte vernommen, staunte ich über den Scharfsinn; da er nicht allein über die geläufigen Grenzen hinaus focht und aus sich selbst neue Kampfweisen ersann, sondern dafür auch die Gründe anzugeben und andere darüber zu belehren wußte.

Die Nachbarn erzählten auch, daß auf sein Gebet hin viele Wunder geschähen und nicht nur Menschen, sondern auch Kamele, Esel, Maultiere Heilung von Krankheiten erlangten. Darum schwur die ganze Bevölkerung, die vormals in den Fesseln des Heidentums gelegen, den ererbten Trug ab und nahm den Glanz des göttlichen Lichtes an. Mit ihrer Hilfe zerstörte er auch das Heiligtum der Dämonen und errichtete an der Stelle den sieggekrönten Martyrern eine Kirche und setzte so den falschen Göttern göttliche Verstorbene entgegen. Möge durch ihre Fürsprache auch er ebenso siegreich das Ziel seiner Kämpfe erreichen und wir, durch sie und ihn unterstützt, warme Liebhaber der Vollkommenheit und des Kampfes werden! Amen.

Marana und Kyra

Nachdem ich das Leben trefflichster Männer beschrieben, halte ich es für angemessen, auch der Frauen zu gedenken, die nicht weniger tapfer, vielleicht sogar tapferer gekämpft haben. Sie verdienen noch größeres Lob, da sie bei schwächerer Natur denselben Eifer wie die Männer zeigen und ihr Geschlecht von der ererbten Schmach der Stammutter reinigen.

Hier will ich der Marana und der Kyra gedenken, die in ihren Kämpfen an Starkmut alle anderen übertroffen haben. Ihr Vaterland ist Beröa. Sie entstammen vornehmem Geschlechte und erhielten eine dementsprechende Erziehung. Aber dies alles mißachteten sie. Sie friedeten einen kleinen Platz vor der Stadt ein. Darin nahmen sie Wohnung und verschlossen den Eingang mit Lehm und Steinen. Für Mägde, die mit ihnen diese Lebensweise teilen wollten, ließen sie außerhalb des Geheges eine bescheidene Herberge bauen und hießen sie da einziehen. Durch ein kleines Fenster beobachten sie ihr Tun, ermuntern sie häufig zum Gebete und entzünden in ihnen die Liebe Gottes.

Sie selbst haben kein Haus, keine Hütte, sondern leben unter freiem Himmel. Statt der Türe ist eine kleine Fensteröffnung in die Umfriedungsmauer gebrochen, durch welche sie die nötige Nahrung empfangen und mit den Frauen, die zu ihnen kommen, sich unterhalten. Festgesetzt für diesen Verkehr ist die Pfingstzeit. Das übrige Jahr verbringen sie in voller Abgeschiedenheit. Nur Marana redet mit den ankommenden Pilgerinnen. Die andere hat kein Mensch je sprechen hören. Sie schleppen Eisen, und das in solcher Last, daß es Kyra, die von schwächlicher Statur ist, bis zum Boden niederzieht und sie nicht imstande ist, den Körper aufzurichten. Beide tragen weite Mäntel, die den Rücken herunterfallen und peinlich die Füße decken und auf der Vorderseite bis zum Gürtel reichen und Gesicht, Nacken, Brust und Arme vollständig verhüllen.

Oftmals habe ich sie innerhalb jenes Einganges gesehen, den sie aus Verehrung gegen die priesterliche Würde aufbrechen ließen. Da gewahrte ich denn jene Eisenlast, die kaum ein starker Mann zu tragen vermag. In dringlichen Vorhalten setzte ich durch, daß sie für den Augenblick das Gewicht abnahmen. Aber nach meiner Entfernung legten sie es wieder an ihre Glieder. Der Nacken trägt ein Halseisen, die Hüften einen Gürtel. Auch die Hände und Füße haben ihren Teil. So leben sie, nicht etwa fünf oder zehn oder fünfzehn Jahre, sondern bereits zweiundvierzig Jahre. Und trotz dieser langen Kampfzeit verlangen sie, als ob sie erst begännen, nach neuen Mühen. Denn da sie die Schönheit des Bräutigams vor Augen haben, ertragen sie gar bereitwillig und leicht die Anstrengung des Wettlaufes und beeilen sich, an das Kampfziel zu kommen, wo sie den Geliebten stehen sehen, der ihnen den Siegeskranz zeigt. So nehmen sie hin die Unbill von Regen und Schnee und Hitze. Kein Mißmut und kein Schmerzgefühl. Die scheinbaren Peinen sind ihnen Trostquelle.

Auch das Fasten des erhabenen Moses ahmten sie nach und verbrachten dreimal dieselbe Zeitspanne wie er ohne Nahrung, nach vierzig Tagen erst ein bescheiden Mahl genießend. Desgleichen wetteiferten sie dreimal mit der Entsagung des göttlichen Daniel und harrten drei Wochen aus, ehe sie dem Körper Speise verstatteten.

Im Verlangen, die heiligen Orte der heilbringenden Leiden Christi zu sehen, reisten sie einmal nach Aelia1, ohne auf dem Wege dorthin Speise zu sich zu nehmen. Erst nach der Ankunft in der Stadt und nach Verrichtung ihrer Andacht aßen sie. Den Rückweg legten sie ebenfalls ohne Nahrungsaufnahme zurück. Man zählt aber dorthin nicht weniger als zwanzig Stationen. Auch das Heiligtum der siegreichen Thekla in Isaurien begehrten sie zu besuchen, um den Brand der göttlichen Liebe von allen Enden her anzuzünden. Ohne Nahrung gingen sie dahin und kehrten ebenso zurück.

In solchem Maße bezauberte sie die göttliche Liebe, solche Glut entfachte in ihnen die himmlische Begierde nach dem Bräutigam. Durch diese Lebensführung zieren sie das weibliche Geschlecht und sind Vorbilder für andere und werden mit Siegeskränzen vom Herrn belohnt werden. Nachdem ich den Nutzen, der hieraus fließt, gezeigt und den Segen geerntet habe, gehe ich zu einer anderen Erzählung über.

Domnina

Das Leben des göttlichen Maron, dessen wir früher gedacht, eiferte die wundervolle Domnina nach. Im Garten ihres mütterlichen Hauses errichtete sie eine kleine Hütte aus Hirsehalmen. Darin hält sie sich auf und benetzt mit ständigen Tränen nicht nur ihre Wangen, sondern auch die härene Gewandung. In solche nämlich hüllt sie den Körper. Gegen die Zeit des Hahnenschreies begibt sie sich mit den andern Frauen und Männern in die nahe Kirche und bringt dem Herrn des Alls den Lobgesang dar. Das tut sie aber nicht allein beim Beginn des Tages, sondern auch am Schlusse desselben. Sie ist überzeugt, daß der Gott geweihte Ort verehrungswürdiger als jeder andere ist, und belehrt so auch ihre Umgebung. Deshalb wendet sie ihm große Sorgfalt zu und sucht Mutter und Brüder zu bereden, daß sie ihr Vermögen ihm zuwiesen.

Als Nahrung dienen ihr im Wasser erweichte Linsen. Und all den Mühen unterzieht sie sich, obgleich ihr Körper abgezehrt, halb erstorben ist. Eine Haut, dünn wie Gewebe, legt sich um die zarten Knochen, da Fett und Fleisch durch die Abhärtungen aufgezehrt sind. Sie zeigt sich allen, die sie sehen wollen, Männern wie Frauen. Dabei schaut sie aber niemanden ins Gesicht und setzt auch ihr Gesicht den Blicken nicht aus. Sorgfältig ist sie in den Mantel gehüllt und steht gebeugt bis zu den Knien. Sie spricht sehr leise und undeutlich, die Worte immer mit Tränen begleitend. Oft ergriff sie meine Hand und legte sie auf ihre Augen. Und wenn sie die Hand wieder losließ, hingen an ihr Tränen. Welche Worte könnten sie würdig preisen, sie, die bei solchem Reichtum an Tugend weint und jammert und seufzt, wie Menschen, die in äußerster Seelennot leben? Die heiße Liebe zu Gott preßt diese Tränen aus, sie entflammt den Geist zur Gottschauung, verwundet mit ihren Strahlen und drängt zum Weggang aus dieser Welt.

So Tag und Nacht beschäftigt, vernachlässigt sie die anderen Tugendarten nicht. Nach Kräften versorgt sie die trefflichsten Kämpfer, die wir erwähnt und die wir übergangen haben. Sie versorgt auch die Pilger, welche sie besuchen. Diese heißt sie beim Hirten des Dorfes Herberge nehmen, all das Nötige hierfür ihm überweisend. Denn es steht ihr das Vermögen der Mutter und der Brüder zur Verfügung, das durch sie Segen empfängt. Auch mir schickt sie, so oft ich in jene Gegend komme, die südlich von unserem Lande liegt, Brot, Obst und aufgeweichte Linsen.

Doch zu weit führte es, wollte ich all ihre Tugend schildern. Auch das Leben anderer Frauen, welche sie oder die vorher erwähnten Streiterinnen nachahmen, verdiente der Aufzeichnung. Viele haben das Einsiedlerleben erwählt. Andere ziehen das Leben in Gesellschaft vor, so daß zweihundertfünfzig oder mehr oder weniger zusammenleben, dieselbe Nahrung genießen, auf Binsenmatten schlafen, ihre Hände mit Wollarbeiten beschäftigen, die Zunge aber dem Lobe Gottes widmen.

Solche Stätten der Tugend gibt es Tausende, ja unzählige, nicht nur bei uns, sondern im ganzen Morgenlande. Voll von ihnen ist Palästina, Ägypten, Asien, Pontus und ganz Europa. Seitdem nämlich Christus der Herr, von einer Jungfrau geboren, die Jungfräulichkeit geehrt hat, grünen die Auen der Jungfräulichkeit und bringen ihrem Schöpfer diese duftenden und unverwelklichen Blumen dar, ihm, der keinen Unterschied zwischen männlichem und weiblichem Geschlechte macht, die Tugend nicht auf zwei Klassen von Menschen verteilt. Das ist ein Unterschied der Leiber, nicht der Seelen. Denn nach dem göttlichen Apostel „gibt es in Christus Jesus nicht Mann und Weib”, denn ein Glaube ist Männern und Weibern verliehen. „Denn ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller, der über alle, durch alles und in uns allen ist. Und einem jeden von uns ist die Gnade gegeben nach dem Maße der Schenkung Christi.” Aber auchein Himmelreich hat der Kampfrichter den Siegern in Aussicht gestellt; der Kampfpreis ist für die Kämpfer gemeinsam bestimmt.

Viele Kampfplätze der Frömmigkeit gibt es, wie ich sagte, von Männern und von Frauen, nicht nur bei uns, sondern in ganz Syrien und in Palästina und in Kilikien und in Mesopotamien. In Ägypten sollen gegen fünftausend Männer einige Klöster bewohnen. Sie arbeiten und singen abwechselnd dem Herrn und beschaffen mit ihrer Hände Werk nicht nur für sich die nötige Nahrung, sondern helfen damit auch den ankommenden Fremden und den Notleidenden.

Aber alles zu erzählen, ist nicht nur mir, sondern allen Geschichtschreibern unmöglich. Und wäre es möglich, so hielte ich es für überflüssig und für Ehrgeiz, der zu nichts nütze. Wem daran gelegen ist, Förderung zu finden, für den genügt das Gesagte. Es vermag sein Begehren zu stillen. Darum haben wir auch verschieden geartete Lebensweisen vorgeführt und den Viten der Männer Frauenleben angefügt. Alte und Junge und Weiber sollen Tugendvorbilder haben, und ein jeglicher möge für die von ihm erwählte Lebensform in unserem Buche seine Norm und Vorlage finden. Und wie die Maler, auf das Urbild blickend, die Augen nachbilden und Nase und Mund und Wangen und Ohren und Stirne, selbst die Haare des Hauptes und des Kinns, dazu das Sitzen und Stehen, auch den Ausdruck der Augen, ob freudig oder drohend, so soll jeder, der diese Schrift liest und sich vornimmt, eine der gebuchten Lebensweisen nachzuahmen, sein Tun ordnen nach dem Typ, den er erwählt. Und wie die Baumeister die Bretter nach der Schnur zurichten und so lange das Überschüssige absägen, bis das Brett mit dem angelegten Richtscheit sich deckt, so muß der Mensch, der eine Lebensart nachahmen will, diese zum Gesetze sich nehmen und der Bosheit Wucherung abschneiden und der Tugend Mangel ergänzen.

Deshalb haben wir die Mühe dieser Niederschrift auf uns genommen, um denen, die gewillt sind, Gelegenheit zu innerer Förderung zu bieten. Ich bitte aber die Leser, welche an fremder Arbeit Genuß haben, meine Mühen durch Gebet zu vergelten. Ich flehe aber auch jene an, deren Leben ich beschrieben habe, mich nicht zu vergessen, der ich weitab von ihrem geistigen Chor wandle, und mich, der ich am Boden liege, hinaufzuziehen und zur Höhe der Tugend zu führen und mit ihrem Chore zu vereinigen. Möge ich nicht bloß fremden Reichtum loben, sondern bescheidenen Grund auch zu eigenem Lobe bieten, in Worten, Werken und Gedanken Christus den Erlöser, unseren aller Gott verherrlichend, mit welchem dem Vater die Ehre sei zugleich mit dem Heiligen Geiste jetzt und allezeit und von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Rede über die göttliche und heilige Liebe

Welche Kämpfer um die Tugend gestritten und welch herrliche Kronen diese zieren, lehren klar und deutlich die von uns geschriebenen Erzählungen. Sind darin auch nicht alle Kämpfe aufgezeichnet, so reicht das Wenige hin, die Art und Weise ihres Gesamtlebens ins Licht zu stellen. Nicht alles zu prüfende Gold verzehrt der Lydische Stein, sondern an kleiner Probe schon zeigt er, ob es echt oder unecht ist. Ebenso kann man an wenigen abgeschossenen Pfeilen genau den Bogenschützen erkennen, ob er gut das Ziel trifft oder ob er, ungeübt in der Kunst, danebenschießt. In gleicher Weise mag man auch die anderen Künstler erproben, die ich nicht einzeln aufzuzählen brauche, die Wettläufer, die Schauspieler, die Erbauer und Lenker von Schiffen, die Ärzte, die Ackerbauern und so alle, welche ein Gewerbe betreiben. Eine kleine Probe reicht hin, die Kunst der Kundigen zu erweisen und die Ungeschicklichkeit derer darzutun, welche nur den Namen tragen. So genüge auch an meinem Buche die Auswahl, die ich unter den Taten der Gottesstreiter getroffen, und die deren ganzes Leben klar erschauen läßt.

Wir wollen nun nachforschen und untersuchen und genau ergründen, was ihnen Antrieb zu dieser Lebensweise ward, durch welche Überlegungen sie zu dem Gipfel der Vollkommenheit geführt wurden. Daß sie nicht auf Körperstärke vertrauend so begeistert unternahmen, was die menschliche Natur übersteigt und die ihr auferlegten Gesetze überbietet und die Kämpfer der Frömmigkeit über die gezogenen Schranken hinausträgt, dafür ist die Erfahrung klare Lehrmeisterin. Denn kein Mensch, der nicht dieser Lebensweise sich beflissen, konnte jemals solchen Starkmut betätigen. Auch die Hirten werden beschneit, aber nicht immer. Sie haben ihre Höhlen und kehren in ihre Häuser heim und bekleiden ihre Füße mit Schuhwerk und mit warmen Kleidern die übrigen Teile des Körpers. Zweimal, dreimal, auch viermal des Tages nehmen sie Nahrung. Und Fleisch und Wein wärmt den Körper besser denn Herdfeuer. Wenn solche Nahrung den Verdauungsprozeß erfahren und, wie durch ein Sieb geläutert und in die Leber gedrungen, zu Blut sich gewandelt, so dringt sie durch die Hohlader ins Herz. Hier wird sie erwärmt und geht durch die zerstreuten Adern wie durch Kanäle in alle Teile des Körpers. Wo immer sie aber hingelangt, bewässert sie nicht bloß, sondern erwärmt wie Feuer und tut dem Körper wohler als weiche Kleider. Denn nicht Unterkleider, Oberkleider, Mäntel liefern dem Körper die Wärme, wie manche glauben. Sonst müßten auch Hölzer und Steine warm werden, wenn man sie bekleidet. Aber noch niemand hat je beobachtet, daß Holz oder Stein durch Kleider wärmer würden. Also verleihen sie auch dem Körper keine Wärme, sondern bewahren die Wärme des Körpers und halten das Eindringen der kalten Luft ab. Sie nehmen auch die vom Körper ausgehenden Dünste auf, werden durch sie erwärmt und wirken, nun wärmer geworden, auf den Körper zurück. Das bezeugt die Erfahrung. So oft wir uns ins kalte Bett legen, machen wir das Lager, das kurz vorher kühl war, durch die Berührung mit dem Körper warm. Die Nahrung also erwärmt den Leib besser als jegliches Kleid. Demnach haben die Menschen, welche sie bis zur Sättigung zu sich nehmen, den besten Schutz gegen das Eindringen des Winterfrostes. Sie wappnen damit den Leib und machen ihn widerstandsfähig gegen diese Jahreszeit.

Jene Streiter aber genießen nicht jeden Tag Speise und Trank. Und wenn sie solche nehmen, tun sie es nicht bis zur Sättigung und zügeln die drängende Gier. Ihr Tisch vermag auch Körperwärme nicht zu erzeugen. Essen sie doch nach Art der vernunftlosen Tiere nur Pflanzen oder aufgeweichte Hülsenfrüchte. Welche Wärme könnten sie aus solcher Nahrung gewinnen? Wie sollte ihr eine Quelle des Blutes entspringen? In nichts gleichen so die Lebensgewohnheiten der Weltmenschen denen der Aszeten. Verschieden ist die Gewandung. Sie tragen Kleider, die gar rauh sind und ohne wärmenden Schutz. Auch die Kost ist nicht die gleiche. Welch ein Unterschied! Den Hirten und den Weltleuten überhaupt ist jede Stunde Essenszeit. Sie bestimmen die Tischzeit nach dem Hunger. Und stellt solcher beim Morgengrauen sich ein, sofort heißen sie Speise bringen. Auch essen sie, was ihnen eben unterkommt. Da gibt es keine Bestimmung über erlaubte und unerlaubte Speisen. Was immer sie wollen, genießen sie sonder Scheu. Hier aber sind Tage und Zeiten und Art und Maß der Nahrung festgelegt, und Sättigung ist ganz ausgeschlossen. Kein Tadelsüchtiger komme uns da mit Landarbeitern und Hirten und Schiffern und versuche damit die Kämpfe dieser Streiter zu verkleinern. Hat der Bauersmann tagsüber sich abgemüht, so hat er nachts seine häusliche Bequemlichkeit, und in treuer Sorge nimmt die Gattin sich seiner an. Und all das Angenehme, dessen wir gedachten, ist auch dem Hirten zu eigen. Der Schiffer muß zwar der Sonne Strahl auf den Körper sich brennen lassen, pflegt aber dem Leibe im Wasser Erfrischung zu geben. So oft es ihm beliebt, schwimmt er in den Fluten und setzt deren Kühle der sengenden Glut abwehrend gegenüber. Diese aber erfreuen sich von keiner Seite einer Pflege. Frauen, die den Männern mannigfache Erquickung zu bieten wissen, wohnen nicht bei ihnen. Auch gönnen sie sich keine Erfrischung durch Wasser, so heiß auch die Sonnenstrahlen einfallen. Zur Winterszeit bannen sie nicht durch Nahrung den Frost, und die Arznei der Nachtruhe gebrauchen sie nicht wider des Tages Mühen. Ja sie nehmen da noch größere und drückendere Lasten auf sich als am Tage. In der Nacht ringen sie mit dem Schlafe und lassen von seiner süßen Gewalt sich nicht besiegen. Sie suchen Herr zu bleiben über dessen liebliche Tyrannei und loben durch alle Stunden den Herrn. Niemand von den Menschen, die außerhalb dieser Tugendschule stehen, zeigt solchen Starkmut.

Wenn also kein anderer Mensch solchen Mühen gewachsen, so ist klar, daß die Liebe Gottes sie in den Stand setzt, die Grenzen der Natur zu überschreiten. Durch das Feuer von oben entzündet, ertragen sie freudig die Heftigkeit des Frostes, und durch den Tau von dorten mildern sie das Feuer der Sonnenstrahlen. Die Liebe ist es, welche sie nährt, sie benetzt, sie bekleidet. Sie gibt Flügel und lehrt fliegen; sie befähigt, über den Himmel zu dringen; sie läßt nach Können den Geliebten schauen und entflammt durch das Schauen die Sehnsucht, erweckt Liebeswonne und facht mächtiger die Flamme an. Denn wie irdische Liebhaber durch den Anblick der Geliebten die Neigung schüren und die Sehnsucht heftig steigern, so machen auch die, welche die Stacheln der göttlichen Liebe empfunden, durch die Betrachtung jener göttlichen und lauteren Schönheit die Stacheln der Liebe noch wirksamer; und je mehr sie dieselbe zu genießen streben, um so mächtiger wächst das Hungergefühl. Der leiblichen Lust folgt Übersättigung, die göttliche Liebe aber kennt keine Grenzen der Sättigung.

So erging es Moses, dem großen Gesetzgeber. Oft ward er, soweit es Menschen möglich, der Gottschauung gewürdigt; oft hörte er die selige Stimme; vierzig Tage weilte er im Wolkendunkel, das göttliche Gesetz empfangend. Aber er wurde nicht satt, und sein Begehren gestaltete sich heißer und heftiger. Wie betäubende Trunkenheit war der Liebe Macht über ihn gekommen, und in bacchantischem Drange vergaß er die eigene Natur und verlangte zu sehen, was zu sehen nicht verstattet ist. Gleich als dächte er nimmer an Gottes Majestät, rief er, nur der Liebe folgend, zum Herrn des Alls: „Sieh, du sagst mir: du hast Gnade vor mir gefunden, und ich kenne dich vor allen. Wenn ich nun Gnade vor dir gefunden habe, zeige mir dich selbst. Durch Schauen möchte ich dich erkennen1.” Solche Trunkenheit überkam ihn aus der göttlichen Liebe, und die Trunkenheit löschte den Durst nicht, sondern machte ihn nur heftiger. Je mehr er trank, je brennender wurde das Sehnen, und der Genuß bot dem Verlangen neue Nahrung. Und wie das Feuer um so mehr Kraft entfaltet, je mehr Nahrung man ihm zuführt ― diese wird nämlich durch Hinzufügung von Brennstoff gemehrt, nicht gemindert ―, so flammt die Liebe zu Gott auf durch das Schauen des Göttlichen und erhält dadurch starke und sengende Glut. Je mehr sich jemand mit dem Göttlichen beschäftigt, um so mehr facht er die Flamme der Liebe an.

Das hat uns nicht bloß der große Moses gelehrt, sondern auch die heilige Braut, von welcher der göttliche Paulus sagt: „Ich habe euch einem Manne vermählt, euch als keusche Jungfrau Christus darzustellen.” Diese ruft im Hohenliede dem Bräutigame zu: „Zeige mir dein Antlitz, laß mich deine Stimme hören, denn deine Stimme ist süß, und dein Antlitz ist schön.” Sie hat aus dem, was über ihn gesagt wird, Liebe zu ihm gefaßt, aber mit dem Gesagten begnügt sie sich nicht, sie verlangt seine Stimme selbst zu hören. Durch die Erzählung von seiner Schönheit gehoben, begehrt sie nach seinem Antlitz und gibt durch jene Lobsprüche ihrer Liebesglut Ausdruck. „Zeige mir”, sagt sie, „dein Antlitz, und laß mich deine Stimme hören, denn deine Stimme ist süß und dein Antlitz schön.”

Von dieser Schönheit bezaubert, ließ ihr Werber und Brautführer, Paulus meine ich, jenen Liebesruf vernehmen: „Wer wird uns von der Liebe Christi scheiden? Bedrängnis oder Elend oder Hunger oder Verfolgung oder Entblößung oder Gefahr oder Schwert? Wie geschrieben steht: deinetwegen werden wir den ganzen Tag ertötet, wurden wir wie Schlachtschafe erachtet.” Dann gibt er auch die Ursache dieses Starkmutes an: „In diesem allem überwinden wir um Gottes willen, der uns geliebt hat.” Bedenken wir, wer wir sind und welche Güter uns beschert wurden! Nicht wir haben zuerst geliebt. Wir wurden geliebt und lieben nur wieder. Als Hassende wurden wir geliebt und als Feinde versöhnt, nicht um Versöhnung bittend, sondern den Eingebornen als Mittler erhaltend und als Beleidiger von dem Beleidigten getröstet. Und so wollen wir betrachten das lebenspendende Kreuz, den für uns Gekreuzigten, das heilsame Leiden, die Überwindung des Todes, die Hoffnung auf die Auferstehung.

Mit solchen Gedanken überwinden wir die uns zustoßenden Widerwärtigkeiten, und indem wir die Erinnerung an die Wohltaten den zeitweiligen Leiden des Körpers entgegenhalten, ertragen wir leicht den Ansturm von Betrübnissen. Denn wenn wir mit der Liebe des Herrn alle Übel des Lebens vergleichen, finden wir sie gar leicht. Und wenn wir alles Ergötzliche und scheinbar Erfreuliche zusammenfassen und mit Gottes Liebe abwägen, so erscheint es nichtiger denn Schatten und vergänglicher als Frühlingsblumen. Das erklärt Paulus deutlich in dem Gesagten und in dem Folgenden: „Denn”, fährt er fort, „ich bin überzeugt, daß weder Tod noch Leben, weder Engel noch Herrschaften noch Kräfte, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Höhe noch Tiefe noch ein anderes Geschöpf uns trennen wird von der Liebe Gottes, die ist in Christus Jesus, unserem Herrn.” Während er oben nur Betrübendes nannte und zum Vergleich heranzog: Bedrängnis und Elend und Verfolgung und Hunger und Entblößung und Gefahr und Schwert, das heißt gewaltsamen Tod, fügt er hier billig dem Schmerzlichen das Erfreuliche bei, dem Tod das Leben, das Geistige dem Sinnlichen, den sichtbaren die unsichtbaren Kräfte, dem Gegenwärtigen und Vergangenen das Zukünftige und Bleibende und dazu der Tiefe der Hölle die Höhe des Himmelreichs. Nachdem er all das miteinander verglichen und gefunden hat, daß Sämtliches der Liebe nachsteht, Trauriges wie Erfreuliches, und daß der Mangel an Liebe bitterer sei als die Höllenstrafe, und nachdem er gezeigt hat, er wolle, wenn es möglich wäre, lieber die angedrohte Strafe mit der Liebe Gottes, als ohne sie das verheißene Himmelreich wählen, sucht er, trunken von Liebesverlangen, nach Unwirklichem und müht sich, mit der göttlichen Liebe es zu vergleichen. „Weder Höhe”, spricht er da, „noch Tiefe noch ein anderes Geschöpf wird uns von der Liebe Gottes trennen können, die in Christus Jesus, unserem Herrn, ist.” Ich ziehe, will er sagen, nicht nur allem Sichtbaren und Unsichtbaren zusammen die Liebe zum Heiland und Erlöser vor, auch wenn eine andere Schöpfung noch existierte, größer und schöner als diese, sie wird mich nicht bewegen, die Liebe zu vertauschen. Böte man mir Köstliches ohne sie, ich nähme es nicht an. Schickte man Trauriges ihretwegen, es erschiene mir gar begehrenswert und lieblich. Hunger, ihretwegen gelitten, ist mir erfreulicher als Vergnügen, Verfolgung süßer als Friede, Entblößung annehmlicher als Purpur und goldgestickte Kleider, Gefahr köstlicher als alle Sicherheit, gewaltsamer Tod wünschenswerter als alles Leben. Denn die Ursache der Leiden ist mir Erquickung. Um des Liebenden und Geliebten willen geharre ich ihrer Stürme. „Denn der keine Sünde kannte, den machte er für uns zur Sünde, damit wir Gerechtigkeit Gottes in ihm würden.” „Der reich war, ist unsertwegen arm geworden, damit wir durch seine Armut reich würden.” Und „er erkaufte uns von dem Fluche des Gesetzes, indem er für uns zum Fluche wurde”. Und „er erniedrigte sich selbst, indem er untertänig wurde bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuze”. Und „da wir noch Sünder waren, ist Christus für uns gestorben”. Das und Ähnliches bedenkend, nähme ich nicht das Himmelreich an ohne die Liebe, fürchtete ich nicht die Strafe der Hölle, wenn es ginge, mit der Liebe sie zu erdulden.

Das lehrt er auch deutlich anderen Orts: „Denn die Liebe Gottes drängt uns, wenn wir das bedenken, daß einer für alle starb, damit die, welche leben, nicht sich leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist.” Die aber nicht sich leben, sondern dem, der für sie gestorben und auferstanden ist, tun und leiden alles willig für ihn. Denn er vergleicht die Leiden, die der Natur groß und schwer erscheinen, mit der Liebe und nennt sie klein und leicht erträglich. „Denn was an unserer Trübsal zur Zeit kurz und leicht ist, bewirkt über die Maßen überschwenglich eine ewige Fülle von Herrlichkeit in uns.” Dann lehrt er auch, wie man den Vergleich anstellen müsse: „Indem wir nicht das Sichtbare im Auge haben, sondern das Unsichtbare, denn das Sichtbare ist zeitlich, das Unsichtbare ist ewig.” Man muß, will er sagen, mit dem Gegenwärtigen das Zukünftige zusammenhalten, mit dem Zeitlichen das Ewige, mit der Trübsal die Herrlichkeit. Jene ist augenblicklich, diese ist ewig; darum ist jene leicht und leicht erträglich, diese kostbar und reich an Ehren. Darum ist das Wörtchen „überschwenglich” auf beide bezogen, auf die Leichtigkeit der Trübsal und die Fülle der Herrlichkeit. Jene, meint er, ist überschwenglich gering und leicht und zeitlich, diese ebenso überschwenglich ruhmvoll und kostbar und ehrenreich und ewig. Und ein anderes Mal ruft er ähnlich: „Ich gefalle mir in Schwachheiten, in Schmähungen, in Nöten, in Verfolgungen, in Bedrängnissen für Christus. Denn wenn ich schwach bin, dann bin ich stark.”

Von dieser Liebe verwundet, wollte auch der große Petrus, obgleich über die Verleugnung vorausbelehrt, sich nicht verbergen, sondern erachtete es für besser, dem Herrn zu folgen und ihn zu verleugnen, als zu fliehen und ihn zu bekennen. Daß er aus Liebe folgte und nicht aus Vermessenheit, bezeugte sein Verhalten. Denn nach der Verleugnungstat brachte er es nicht über sich, den Meister zu verlassen, sondern weinte bitterlich, wie das Evangelium lehrt, und bejammerte die Niederlage. Von den Banden der Liebe gefesselt, blieb er fest an seiner Seite. Da er die frohe Botschaft von der Auferstehung erhalten hatte, war er der erste am Grabe. Und als er wiederum in Galiläa mit Fischfang beschäftigt war und erfuhr, daß es der Herr sei, der am Ufer stand und sie anredete, da durchschnitt ihm die Barke allzu langsam des Meeres Rücken, und er wünschte sich Flügel, um, von ihnen durch die Lüfte getragen, in Schnelle die Küste zu erreichen. Da ihm die Natur die Flügel versagt, bedient er sich statt der Luft des Wassers, statt der Flügel der Hände. Schwimmend erreicht er den Geliebten, und als Siegespreis für den Lauf erhält er den Vorzug vor den andern.

Nachdem der Herr sie zum Essen geladen und die vorgefundenen Speisen verteilt hatte, begann er mit ihm die Unterredung. Er wurde von ihm geliebt und er kannte auch den Grad dieser Liebe. Aber um den übrigen Jüngern die Liebe des großen Petrus zu offenbaren, sprach er: „Simon Petrus, liebst du mich mehr als diese?” Dieser rief ihn zum Zeugen seiner Liebe an. „Herr,” sagt er, „du weißt, daß ich dich liebe.” Denn du dringst in die Seelen der Menschen ein und kennst genau die Regungen des Verstandes, und nichts, was im Menschen ist, bleibt dir verborgen. Du kennst alles, das erste und letzte. Darauf erwiderte der Herr: „Weide meine Lämmer!” Ich, will er sagen, benötige nichts. Für größte Wohltat erachte ich die Sorge um meine Schafe, und ihre Betreuung beziehe ich auf mich. So ist es billig, daß du die Fürsorge, die du genießest, deinen Mitknechten zuteil werden lassest und daß du weidest, wie du geweidet wirst, und leitest, wie du geleitet wirst, und den Dank, den du mir schuldest, in jenen mir abstattest. Und zweimal wiederholte der Herr die Frage, und zweimal antwortete der große Petrus, und zweimal empfing er die Bestellung zum Hirten. Als aber die Frage zum dritten Male gestellt wurde, da entgegnet der selige Petrus nicht mit demselben Mute und derselben Zuversicht, sondern Furcht erfaßt ihn, seine Seele gerät in Verwirrung, er schwankt in seinem Urteile und bangt in der Vermutung, der Herr könnte eine zweite Verleugnung voraussagen und die Versicherungen seiner Liebe verlachen. Sein Geist eilte zurück zur Vergangenheit und erinnerte ihn, daß er schon früher wiederholt dem Meister versichert, er werde ihn bis in den Tod nicht verlassen, aber dafür hören mußte: „Bevor der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnet haben.” Und er hatte erfahren, daß sein Versprechen sich nicht erfüllt, die Voraussagung des Herrn sich aber bestätigt hatte. Diese Erinnerung schreckte ihn und hemmte ihn, frohgemut die zustimmende Antwort zu geben. Aber trotz solch scharfer und bitterer Stacheln fügte er sich dem Herrn, der alles weiß, und widersprach nicht wie früher mit den Worten: „Wenn ich auch mit dir sterben müßte, werde ich dich nicht verleugnen”, sondern erklärte, daß er den Herrn zum Zeugen seiner Liebe habe, und daß dem Schöpfer des Alls allein die Kenntnis von allem eigne: „Herr,” sprach er, „du weißt alles, du kennst alles, du weißt auch, daß ich dich liebe.” Denn daß ich dich liebe, weißt du und bezeugst du. Ob ich aber in der Liebe verharren werde, ist deutlich nur dir kund. Über die Zukunft will ich nicht sprechen und nicht streiten über das, was ich nicht kenne. Ich habe durch Erfahrung gelernt, daß man dem Herrn nicht widersprechen dürfe. Du bist die Quelle der Wahrheit, der Abgrund der Weisheit; an deine Bestimmungen mich zu halten, wurde ich gelehrt. Diese Furcht schaute der Herr und erkannte deutlich seine Liebesglut. Darum benimmt er ihm die Furcht durch die Voraussage seines Endes, bezeugt seine Liebe und bestätigt das Bekenntnis des Petrus. Die Wunde der Verleugnung heilt er durch die Arznei des Bekenntnisses. Denn darum, glaube ich, hat er ein dreifaches Bekenntnis verlangt, um den Wunden mit der gleichen Zahl von Arzneien zu begegnen und den gegenwärtigen Jüngern die Flamme seiner Liebe zu offenbaren. Diese Voraussage des Endes tröstete den Petrus und belehrte die andern, daß die Verleugnung ein Werk der Vorsehung, nicht seiner Gesinnung war. Auch das hat unser Herr und Heiland angedeutet, wenn er zu ihm sprach: „Simon, Simon, der Satan hat verlangt, euch wie Weizen zu sieben, und ich habe für dich gebetet, daß dein Glaube nicht wanke, aber du, einst bekehrt, stärke deine Brüder.” Denn wie ich dich nicht verließ, da du wanktest, so werde auch du Stütze deinen gefährdeten Brüdern und leih ihnen die Hilfe, die dich gerettet, und verstoße nicht, die ausgeglitten, und hebe auf, die am Boden liegen. Denn darum ließ ich dich straucheln, aber nicht fallen, weil ich durch dich den Wankenden Sicherheit verschaffen will.

So stützte den bebenden Erdkreis diese gewaltige Säule und ließ ihn nicht ganz zusammenstürzen, sondern richtete ihn auf und festigte ihn. Mit dem Weiden der Schafe betraut, ließ er sich dafür schmähen und freute sich, wenn er geschlagen wurde. Aus dem gottlosen Synedrium mit den Gefährten heraustretend, „freute er sich, daß er gewürdigt worden war, für den Namen Jesu Schmach zu leiden”. In Gefängnisse geworfen, jubelte er und war fröhlich. Und als er von Nero für den Gekreuzigten zum Kreuzestode verurteilt wurde, da bat er die Henker, daß sie ihn nicht nach der Weise des Herrn an den Pfahl nagelten, aus Besorgnis, es möchte die Gleichheit der Leidensart ihm bei den Unverständigen auch gleiche Ehre einbringen. Darum wünschte er, daß man ihm die Hände unten und die Füße oben anhefte. Denn er hatte gelernt, den letzten Platz nicht bloß in der Ehre, sondern auch in der Schmach zu erwählen. Und wenn es möglich wäre, den Tod zehnmal und fünfzigmal zu erleiden, er hätte es mit aller Freude getan, von der Liebe entzündet.

Das verkündet auch der göttliche Paulus, indem er sagt: „Täglich ersterbe ich zu euerem Ruhm, den ich habe in Christus Jesus”, und: „Mit Christus bin ich gekreuzigt. Ich lebe, aber nicht ich, sondern in mir lebt Christus.”

Wer also die göttliche Liebe in sich aufgenommen hat, der verachtet alles Irdische zumal, tritt mit Füßen alle Lüste des Körpers, sieht hinweg über Reichtum und Ruhm und alle Ehre von Seiten der Menschen. Königlicher Purpur ist ihm feil wie Spinngewebe, und Edelsteine erachtet er dem Kiese am Meeresufer gleich. Die Gesundheit des Körpers hält er nicht für Glück und nicht für Unglück die Krankheit. Er nennt die Armut nicht Unheil und bemißt das Glück nicht nach Reichtum und Wohlleben. Er weiß gar gut, daß das alles dem Flusse des Wassers gleicht, das an den Bäumen am Ufer vorbeifließt, bei keinem Halt macht. So verhält es sich mit Armut und Reichtum, Gesundheit und Krankheit, Ehre und Verachtung und allem anderen, was an der menschlichen Natur vorbeizieht, nicht bei derselben verbleibt, sondern stetig die Besitzer wechselt, fortwährend von dem einen zum andern übergehend. Denn viele verfallen aus Wohlstand in äußerste Armut, und viele Arme steigen in die Zahl der Reichen hinauf. Krankheit und Gesundheit wechseln in den Körpern aller, bei den Darbenden und den Genießenden. Tugend und göttliche Weisheit sind allein ständig unter den Gütern. Sie überwinden die Hände des Räubers, die Zunge des Verleumders, Wolken von feindlichen Geschossen und Speeren. Sie werden keine Beute des Feuers, kein Spiel der Sturmflut, kein Opfer des Schiffbruchs. Die Zeit mindert nicht, sondern mehrt ihre Kraft. Ihr Nährstoff ist die Liebe zu Gott. Denn es ist unmöglich, daß die göttliche Weisheit jemand erlange, der nicht feurige Liebe zu Gott besitzt. Ja diese selbst ist Weisheit. Denn Gott ist und wird die Weisheit genannt. Sagt doch von dem Gott des Alls der selige Paulus: „Dem Unsterblichen, dem Unsichtbaren, dem allein weisen Gott.” Von dem Eingebornen aber sagt er: „Christus Gottes Macht und Gottes Weisheit.”

Und wiederum: „Gegeben ist uns von Gott Weisheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit und Erlösung.” Wer also wirklich die Weisheit liebt, wird billig Liebhaber Gottes genannt. Der Gottliebende verachtet alles andere, schaut einzig auf den Geliebten und zieht seinen Dienst allem insgesamt vor. Er spricht und tut und denkt nur, was dem Geliebten gefällt und ihn ehrt, und verabscheut alles, was dieser verbietet.

Diese Liebe achtete Adam gering, wurde unerkenntlich gegen den Wohltäter und erntete als Lohn für die Undankbarkeit Mühsal und Elend. Abel bewahrte sie unerschütterlich dem Geber aller Güter. Er verachtete die Lüste des Bauches, zog den Dienst Gottes vor und wurde mit unverwelklichen Kronen geziert und lebt in allen Geschlechtern fort und erntet in der Erinnerung der Menschen herrliches Lob. Sie erwarb wahr und echt Henoch. Er säte gut aus und erntete besser. Als Belohnung für den Dienst Gottes trug er die Versetzung ins Paradies davon und unsterbliches Leben und durch alle Zeiten ein ruhmvolles, unsterbliches Andenken. Was soll ich von der Gottesliebe Noessagen, die auch das Verderben der Gottlosen nicht irre zu machen vermochte? Während alle abwichen und den verkehrten Pfad wählten, verharrte er allein auf dem rechten Wege und zog den Schöpfer allem vor. Darum wurde er allein mit seinen Kindern gerettet, wurde in ihm der Natur ein Samen belassen und ein Funke dem Geschlechte bewahrt. So verabscheute Melchisedech, der große Hohepriester, den Wahn der Götzendiener und weihte dem Schöpfer aller Dinge sein Priestertum. Dafür erhielt er den großen Lohn, Vorbild und Schattenriß dessen zu werden, der in Wahrheit ohne Vater, ohne Mutter, ohne Genealogie ist, weder Anfang seiner Tage noch Ende seines Lebens hat.

Hiermit gelangt unsere Rede zu dem, welcher den Namen Freund Gottes erhalten, der die Gesetze der Freundschaft beobachtet und gelehrt hat. Denn wer nur wenig in göttlichen Dingen unterrichtet ist, weiß, wie Abraham, der große Patriarch, dem Rufe Gottes folgte, wie er sein väterliches Haus verließ und die Fremde vor das Vaterland stellte. Einmal von Liebe zu dem Rufenden erfaßt, setzte er alles dieser Freundschaft nach und ließ, heimgesucht von vielen Unglücksfällen, den Geliebten nimmer. Hatte doch dieser seinen Verheißungen keine Grenze gesetzt. Auch in Durstesqual und behindert, aus den Brunnen zu trinken, die er gegraben hatte, wurde er nicht unwillig gegen den, der ihn gerufen, noch rächte er sich an denen, welche ihm Unrecht getan. Er ertrug die Pein des Hungers und löschte nicht das Feuer der Liebe. Es wurde ihm die Gattin geraubt, die durch Schönheit glänzte und mit Züchtigkeit geziert war und ihm in allem ein frohes Leben bereitete. Aber mit der Gattin wurde ihm nicht die Liebe zu Gott geraubt. Mit der Hilfe Gottes, der seinen Starkmut prüfen wollte und darum den Ansturm der Ungerechtigkeit zuließ, beharrte er in der Liebe. Er wurde Greis, wurde aber nicht Vater. Dennoch bewahrte er die gleiche Gesinnung gegen den, der ihm Vaterglück verheißen, bis dahin aber es nicht eingelöst. Nachdem er endlich spät das Verheißene erlangt, Sara die Natur besiegt und die Schranken des Alters durchbrochen und er so Vater des Isaak geworden war, durfte er nur kurze Zeit des Trostes an ihm genießen. Als das Kind zum Knaben herangewachsen, wurde ihm befohlen, es dem Geber zu opfern, das Geschenk dem Spender zurückzuerstatten, Opferpriester der Frucht der Verheißung zu werden, die große Quelle der Völker hinzugeben und mit dem Blute des Eingebornen die Hände zu röten. Aber obgleich das Opfer all das und noch vieles mehr in sich schloß, widerstrebte der Patriarch nicht, schützte nicht die Rechte der Natur vor, kam nicht mit der Verheißung, erinnerte nicht an die Alterspflege und das Begräbnis, sondern wies alle menschliche Überlegung zurück, setzte der Liebe die Liebe entgegen, dem Gesetze das Gesetz, der Natur das Göttliche, eilte zu dem heiligen Dienste und hätte ohne Bedenken den Schlag ausgeführt, hätte nicht der großmütige Spender in Hinnahme der Bereitheit schnell den tödlichen Stoß verhindert. Aber ich weiß nicht, ob Worte hinreichen, eine solche Liebe gebührend zu schildern. Da er nicht einmal seines eingebornen Sohnes schonte, weil der Geliebte es befahl, was würde er für ihn nicht geopfert haben? Aber auch der große Isaak besaß dieselbe Liebe zum Herrn, und Jakob, dessen Sohn, der Patriarch. Ihre Gottesliebe feiern die heiligen Schriften, und der Gott des Alls scheidet nirgends die Schößlinge von der Wurzel, sondern nennt sich Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs.

Eine fromme Frucht dieser Dreien ist auch Joseph, der unter Jünglingen ein Greis und unter Greisen ein Edler war. Seine Gottesliebe konnte nicht Neid, nicht Sklaverei, nicht Schmeichelei der Herrin, nicht Drohung, nicht Furcht, nicht Verleumdung, nicht Gefängnis bezwingen. Länge der Zeit machte sie nicht altersschwach. Gewalt und Herrschaft, Vergnügen und Reichtum beirrten nicht seinen Sinn. Er blieb fest, schaute nur auf den Geliebten und erfüllte seine Gebote.

Diese Liebe besaß Moses, der das Leben in Palästen verschmähte und lieber mit dem Volke Gottes dulden, als vergänglichen Genuß von der Sünde haben wollte.

Aber wozu soll ich die Rede über das Maß ausdehnen? Denn die ganze Schar der Propheten war mit der göttlichen Liebe geschmückt und übte so die vollendetste Tugend und hinterließ unsterblichen Ruhm. Und gar der Chor der Apostel und die Reihen der Martyrer! Von diesem Feuer entzündet, haben sie alles Sichtbare mißachtet und dem angenehmsten Leben tausend Todesarten vorgezogen. Im Banne der göttlichen Schönheit und die Liebe Gottes gegen uns erwägend und seine unzähligen Wohltaten beherzigend, erachteten sie es für schimpflich, nach dieser unaussprechlichen Schönheit nicht zu verlangen und gegen den Wohltäter undankbar zu werden. Darum hielten sie fest an dem Bündnisse mit ihm bis zum Tode.

Von dieser Schönheit entzückt, sind auch diese neuen Tugendstreiter, deren Leben wir kurz beschrieben haben, in die großen, die menschliche Natur übersteigenden Kämpfe eingetreten. Das haben klar und deutlich die heiligen Schriften sie gelehrt. Diese singen mit dem großen David: „Herr, mein Gott, du bist überaus groß, du hast dich bekleidet mit Herrlichkeit und Zierde, hast angelegt das Licht als Kleid, ausgespannt den Himmel wie ein Fell.” Und all das Übrige, was seine Weisheit und seine Macht verkündet. Und wiederum: „Der Herr ist König, Schmuck hat er angelegt, mit Macht hat er sich bekleidet und umgürtet; denn er hat gefestigt den Erdkreis, der nicht erschüttert wird.” Hier wird Weisheit und Macht zusammen verkündet. Und anderswo: „Schön an Gestalt vor den Söhnen der Menschen.” Hier preist er auch die menschliche Schönheit des göttlichen Wortes. Er besingt da auch die Weisheit: „Ausgegossen ist Anmut auf deinen Lippen.” Seine Macht lehrt er: „Umgürte mit dem Schwerte deine Hüften, Gewaltigster. In deiner Wohlgestalt und Schönheit beginne, schreite glücklich voran und herrsche wegen Wahrheit und Milde und Gerechtigkeit.” Das sind nämlich seine Vorzüge: Schönheit und Reichtum und Macht. Und Isaias ruft aus: „Wer ist der, welcher kommt von Edom? Gerötet sind seine Kleider aus Bosor. Dieser Schöne in seinem Gewande, Gewalt mit Kraft.” Denn das menschliche Gewand hat die göttliche Schönheit nicht verdeckt, sondern, auch von ihm bekleidet, sendet sie Strahlen ihres Glanzes aus, so daß sie die, welche sie betrachten, zur Liebe nötigt und ergötzt. So spricht auch die heilige Braut im Hohenliede zu ihm: „Ausgegossenes Salböl ist dein Name. Deshalb liebten dich die Mädchen. Sie zogen dich; nach dem Dufte deiner Salben liefen sie.” Die jungen Seelen, die deinen Wohlgeruch atmen, laufen verlangend, dich zu fassen, und vom Dufte wie an einer Kette gebunden, vermögen sie die Fessel nicht zu sprengen. Denn diese ist süß, und gerne trägt man sie.

Damit stimmen auch die Worte des göttlichen Paulus zusammen: „Wir sind ein Wohlgeruch Christi sowohl denen, welche gerettet werden, als auch denen, die verloren gehen, den einen Geruch des Todes zum Tode, den andern Geruch des Lebens zum Leben.”

Sie waren also von der göttlichen Schrift belehrt, daß er schön sei, daß er unaussprechlichen Reichtum besitze, daß er Quelle der Weisheit sei, daß er alles vermöge, was er wolle, daß er unbegrenzte Menschenfreundlichkeit übe, Ströme seiner Barmherzigkeit ergieße und in allem den Menschen nur Wohltaten erweisen wolle. Und von den gottbegeisterten Männern hatten sie die unzähligen, allen Verstand übersteigenden Arten von Wohltaten erfahren. Darum wurden sie von den Pfeilen dieser Liebe verwundet, und als Glieder der Braut rufen sie mit dieser aus: „Wir sind von Liebe verwundet.” Und der große Johannes ruft: „Sieh das Lamm Gottes, das hinwegnimmt die Sünde der Welt.” Und der Prophet Isaias, der das Zukünftige wie Geschehenes vorausverkündet, sagt: „Er wurde verwundet wegen unserer Sünden, er ist schlaff geworden wegen unserer Übertretungen; die Zucht unseres Friedens ist über ihm; durch seine Beulen sind wir geheilt worden”, und alles Übrige, was er über das heilbringende Leiden ausführt. Das verkündet auch Paulus: „Der seines eigenen Sohnes nicht schonte, sondern ihn für uns alle hingab, wie hat er nicht mit ihm uns alles geschenkt?” Und wiederum: „Für Christus sind wir Bevollmächtigte, indem Gott durch uns ermahnt. Für Christus bitten wir: Versöhnt euch mit Gott; denn den, der keine Sünde kannte, hat er zur Sünde für uns gemacht, damit wir Gerechtigkeit Gottes würden in ihm.”

Indem sie dieses und vieles andere bei den Dienern des göttlichen Wortes finden, nehmen sie von allen Seiten her die Stacheln der göttlichen Liebe in sich auf und denken, alles verachtend, nur an den Geliebten und geben schon vor der erhofften Unsterblichkeit ihrem Leibe die Geistigkeit. Mögen auch wir diese Liebesglut in uns einziehen lassen und, von der Schönheit des Bräutigams bezaubert, nach den verheißenen Gütern verlangen, die Menge der Wohltaten beherzigen, die Rechenschaft wegen Undanks fürchten und Liebhaber und Beobachter seiner Gebote werden! Denn das ist das Gesetz der Freundschaft, dasselbe zu lieben und dasselbe zu hassen. Deshalb sprach er zu Abraham: „Ich werde segnen, die dich segnen, und die dir fluchen, denen werde ich fluchen.” Und David spricht zu ihm: „Mir sind sehr geehrt deine Freunde, o Gott.” Und wiederum: „Habe ich nicht, Herr, gehaßt, die dich hassen, und über deine Feinde mich sehr betrübt? Denn mit vollkommenem Hasse habe ich sie gehaßt, Feinde sind sie mir geworden.” Und anderswo: „Die Übertreter des Gesetzes habe ich gehaßt, dein Gesetz aber geliebt.” Und an anderer Stelle: „Wie habe ich dein Gesetz geliebt, o Herr! Den ganzen Tag ist es meine Sorge.” Ein deutlicher Erweis der göttlichen Liebe ist die Beobachtung seiner Gebote. Denn „wer mich liebt, wird meine Gebote halten”, spricht der Herr. ― Mit ihm sei dem Vater Ehre und Anbetung zugleich mit dem ganz heiligen und lebenspendenden Geiste jetzt und immer und in die Ewigkeiten der Ewigkeiten! Amen.

 

 

 

 

 

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