Leben der Väter

Von Palladius von Helenopolis

Vorrede des Palladius

In diesem Buche steht geschrieben die Tugendübung und wunderbare Lebensart der seligen und heiligen Wüstenväter, damit jene, die einen himmlischen Wandel führen und den Weg zum Himmelreiche gehen wollen, angeeifert werden, ihnen nachzufolgen; auch der ehrwürdigen Frauen und der hochberühmten, vom Geiste Gottes getriebenen Mütter, die mit wahrhaft männlichem Mute den Kampfpreis strenger Tugendübung errangen, wird gedacht, damit jene, die nach dem Kranze der Enthaltsamkeit und Reinheit streben, durch ihr Vorbild angefeuert werden.

Wir wurden angeregt von einem überaus mächtigen, hochgebildeten, friedliebenden Manne, der voll inniger Frömmigkeit und Gottesliebe die Armen freigebig unterstützt und vermöge seiner hohen Würden und des edlen Charakters viele der auserlesensten Männer überragt und in allem durch die Kraft des göttlichen Geistes bewahrt wird. Dieser hat uns aufgefordert, vielmehr – um die volle Wahrheit zu sagen – trieb er unseren trägen Geist, sich mit der Tugendübung der heiligen unsterblichen Männer zu befassen, die unsere geistlichen Väter waren und Gott zu gefallen ihren Leib in harter Zucht hielten; die glänzenden Vorzüge der größten ausführlich zu schildern und ihm sodann den Bericht über das Leben dieser unbesiegten Streiter zu schicken. Dieser von himmlischer Sehnsucht erfüllte Mann ist der hochedle Lausus, durch Gottes Fügung Haupt der Leibwache des frommen, gottbegeisterten Kaisers.

Wohl bin ich weder redegewandt noch in geistlichen Dingen erfahren, noch wert, das geistliche Leben der heiligen Väter aufzuzeichnen und scheute darum vor einer Aufgabe zurück, die soviel äußeres Wissen und geistliche Kenntnis erheischt und meine Kraft unendlich übersteigt; dennoch beseelte mich vor allem Ehrfurcht für den Tugendeifer des Auftraggebers; zugleich erwog ich den Nutzen der Leser; auch den Schaden, wenn ich aus kluger Berechnung nicht folgte. Darum übernahm ich mit allem Eifer den Auftrag, wagte mich, gestärkt durch die Fürbitte der heiligen Väter, an das Werk und schrieb gleichsam nur in kurzem Abriß die herrlichsten Taten und Wunderzeichen der tapferen Kämpen und großen Männer; doch nicht allein der hochberühmten Männer, die sich ausgezeichnet haben durch einleuchtendes Tugendleben, auch der seligen Frauen, die voll keuscher Zucht auf hoher Tugendstufe standen.

Der einen heiliges Antlitz ward ich selber zu schauen gewürdigt; den himmlischen Wandel jener, die schon früher den frommen Lauf vollendet hatten, erfuhr ich von anderen gottbegeisterten Streitern Christi. Viele Städte und Flecken, alle Höhlen und Hütten der Wüstenmönche hab‘ ich frommen Sinnes zu Fuße besucht, teils nach eigener Anschauung, teils nach Mitteilungen der heiligen Väter in diesem Buche genauen Bericht erstattet von den Kämpfen, denen die großen Männer und solche Frauen, die männlicher waren als ihr Geschlecht, voll Hoffnung auf Christus sich unterzogen. Nun send‘ ich ihn Dir, Lausus, Du Freund frommer Lesung, Du Zierde der besten gottesfürchtigen Männer, Du strahlender Schmuck des tiefgläubigen, gottliebenden Kaiserreiches, edler und getreuer Knecht Christi! Die glorreichen Namen aller Streiter Christi beiderlei Geschlechtes hab‘ ich genannt und von ihren vielen herrlichen Siegen einiges in meiner einfältigen Art erzählt, meist mit Angabe des Standes, der Heimat und des Aufenthaltes.

Auch hab‘ ich berichtet, wie Männer und Frauen, die zuvor ein sehr tugendhaftes Leben führten, durch Eitelkeit, die Mutter des Stolzes, in den tiefsten Abgrund geworfen wurden und in einem Augenblick alles verloren, was sie während langer Zeit in hartem Kampf errungen hatten; wie sie dann aber durch die Gnade unseres Erlösers, die Sorgfalt der heiligen Väter und ihre milde Barmherzigkeit den Schlingen des Teufels entrissen wurden und durch die Gebete der Heiligen wieder auf die nämliche Tugendstufe gelangten.

Brief des Palladius an Lausus

Ich lobe Deine Absicht – es ist ja passend mit einem Lobe den Brief zu beginnen – daß, während alle nach Eitlem haschen und steinerne Bauten errichten, von denen sie keinen Nutzen haben, Du selbst erbauliche Belehrung suchest. Denn nur Gott allein, der Schöpfer aller Dinge, hat nicht nötig, belehrt zu werden, weil er das Leben aus sich selber hat; dagegen müssen sich alle anderen Wesen belehren lassen, weil sie gemacht und geschaffen sind. Die auf höchster Stufe stehen, haben als Lehrmeisterin die hocherhabene Dreifaltigkeit; die der zweiten Stufe lernen von jenen der ersten; die der dritten von jenen der zweiten und so der Reihe nach bis zu den letzten; denn wer die anderen an Kenntnis und Tugend übertrifft, ist Lehrmeister für die Schwächeren. Wer dagegen wähnt, er habe keinen Lehrer nötig und liebevolle Unterweisung verachtet, krankt an Unwissenheit, die der Hoffart Mutter ist. Solche gehen auf die nämliche Weise zugrunde wie jene, die durch dieselbe Leidenschaft vom Himmel stürzten und jetzt als Teufel das Luftreich durchflattern müssen, weil sie den Lehrmeistern im Himmel den Rücken wandten. Nicht die Sorgfalt für Silben und Worte beweist, daß jemand Nutzen aus der Lehre zieht – darauf verlegen sich zuweilen auch grundverdorbene Menschen – vielmehr Fortschritt im Guten, Gleichmut, Unerschrockenheit, Mut und Milde mit Offenheit, die flammengleiche Beredsamkeit eingibt. Wenn es nicht so wäre, sagte nicht der große Lehrer zu seinen Schülern: „Lernet von mir, denn ich bin sanft und demütig von Herzen!“ Damit gebot er den Aposteln durchaus nicht, kunstvolle Reden zu halten, sondern einen frommen Wandel zu führen, niemand streng entgegenzutreten außer jenen, die Lehre und Lehrer hassen. Denn wer seine Seele nach Gottes Willen in strenger Zucht hält, muß entweder getreulich erlernen, was er nicht weiß, oder deutlich lehren, was er kennt. Will er keines von beiden, so muß er von Sinnen sein. Wer abfällt von der Lehre, fühlt erst Unlust und Ekel am Worte, nach dem die gottliebende Seele dürstet. Darum sei mutig, stark und standhaft! Und Gott gebe Dir, daß Du zur Erkenntnis Christi gelangest!

Das Leben der heiligen Väter [Einleitung].

Viele haben viel und mancherlei Schriften zu verschiedenen Zeiten in dieser Welt hinterlassen; die einen, durch Gottes Gnadenhauch vom Himmel her bewogen, zur Erbauung und Bestärkung für jene, die treulich festhalten an den Lehren des Erlösers; die andern trieben ihr Unwesen in verdorbener Absicht, um Menschen, die nach eitlen Dingen lüstern sind, Vergnügen zu bereiten; wieder andere, durch den Einfluß des Teufels, der alles Gute haßt, verblendet und angestachelt, suchten unachtsame Menschen zu schädigen, deren Sinn zu verwirren aus Wut über ihren ehrwürdigen Wandel und der makellosen katholischen Kirche ein Schandmal anzuheften. Ich glaube darum, trotz meiner Armseligkeit, Deinem Verlangen nach Belehrung und geistigem Fortschritt, hochedler Mann, entgegenkommen zu müssen. Im dreiunddreißigsten Jahre meines Wandels mit den Brüdern als Mönch, im zwanzigsten meines bischöflichen Amtes, im sechsundfünfzigsten meines ganzen Lebens hab‘ ich darum Deinem Wunsche gemäß in diesem Buch ausführlich erzählt, was ich aus fremdem Munde zu hören bekam oder aus eigener Anschauung weiß von den Vätern, von Männern und Frauen, mit denen ich selbst zusammentraf in der ägyptischen Wüste, in Libyen, in der Thebais und in Syene, darunter auch jene von Tabennä, ferner in Mesopotamien, Palästina, Syrien, den Länderstrichen des Westens, in Rom und Kampanien und den angrenzenden Gebieten. Dies alles hab‘ ich aufgezeichnet, damit Du in würdiger Weise gemahnt werdest, für Deine Seele zu sorgen; im Besitz eines nie versiegenden Arzneimittels wider alle Nachlässigkeit die böse Begierlichkeit überwindest, wenn sie Dich einschläfern will; allen Wankelmut und kleinlichen Sinn für irdische Dinge, alles ängstliche Zaudern in Deinem Charakter, Jähzorn, Verwirrung, Trauer, grundlose Furcht und das Vertrauen auf diese Welt aus Deinem Innern entfernst; voll unablässiger Sehnsucht an Frömmigkeit zunehmest, Dein eigener Führer seiest und Deiner Untergebenen, vor allem jedoch der überaus frommen Kaiser. Dadurch sollen alle, die Christus lieben, angeeifert werden, nach Vereinigung mit Gott zu streben. Täglich sollst Du die Auflösung Deines Leibes erwarten, wie geschrieben steht: „Gut ist es, aufgelöst zu werden und mit Christo zu sein“ und wiederum: „Besorge deine Arbeit für den Ausgang und bestelle dein Feld“. Denn wer immer eingedenk bleibt, daß der Tod kommen muß, und nicht zögert, der wird nicht in schwere Sünde fallen. Unterschätze nicht den Lehrgehalt dieser Berichte und verachte nicht die schmucklos einfältige Sprache! Denn es ist nicht Aufgabe der göttlichen Lehre, mit Wissenschaftlichkeit zu prunken, sondern durch die Kraft der Wahrheit den Geist zu gewinnen, wie geschrieben steht: „Öffne deinen Mund dem Worte Gottes!“ und wieder: „Laß dir die Rede der Alten nicht entgehen, denn auch sie haben von den Vätern gelernt“.

Einleitung II

Um diese Mahnung, heilsbeflissener Mann Gottes, doch teilweise zu befolgen, hab‘ ich viele der Heiligen aufgesucht, nicht aus geschäftiger Neugier, und ich legte dreißig Tagereisen zurück, sogar doppelt so weiten Weg, durchwanderte mit Gottes Hilfe zu Fuß das ganze Römerreich und nahm die Reisebeschwerden gern auf mich, wenn es galt, einen Gottesfreund zu treffen und etwas zu gewinnen, was mir mangelte. Wenn Paulus, der mich an Wandel und Wissen, Einsicht und Glauben unendlich überragt, den weiten Weg von Tarsus nach Judäa zurücklegte, nur um Petrus, Jakobus und Johannes kennen zu lernen, und das gleichsam rühmend erwähnt, um durch das Beispiel der eigenen Mühsale jene anzufeuern, die tatenlos und träg dahinleben, indem er sagt: „Ich ging hinauf nach Jerusalem, um Kephas zu sehen“; wenn er nicht damit zufrieden war, seine Tugend rühmend zu hören, sondern auch Verlangen trug, sein Angesicht zu schauen – wieviel mehr mußte dann ich, der zehntausend Talente schuldig ist, ebenso handeln! Ich tat es ja nicht, um jenen eine Gunst erweisen zu können, sondern zum eigenen Vorteil. Auch jene, die das Leben der Väter, Abrahams und der übrigen, des Moses und Elias, aufgezeichnet haben, taten es nicht diesen zu Lobe, vielmehr den Lesern zu Nutzen.

Das bedenk‘, o Lausus, getreuester Knecht Christi, mahne Dich selbst und merk‘ auf meine einfältige Rede, damit Dein frommes Herz im Guten bekräftigt werde; denn naturgemäß wird es von bösen Einflüssen, sichtbaren und unsichtbaren, unstet umhergetrieben und kann nur Ruhe finden in beständigem Gebet und Sorge für sich selbst. Viele Brüder, die stolz waren auf Kasteiungen und Almosenspenden, sich der Ehelosigkeit und Jungfräulichkeit rühmten und durch eifrige Betrachtung des göttlichen Wortes sich gefeit und gewappnet glaubten, sanken wieder in Leidenschaft zurück, weil sie unter dem törichten Vorwand frommer Geschäftigkeit sich in viele schlechte Dinge verstrickten, so den Sinn für edle Taten verloren und die Sorge für das eigene Seelenheil vergaßen.

Einleitung III

Ich ermahne Dich also, standhaft zu sein und nicht nach Vermehrung des Reichtums zu trachten; statt dessen teile davon wie bisher reichlich den Armen aus und mach‘ ihn auf diese Weise Deiner Tugend dienstbar! Du hast ja nicht, um Menschen zu gefallen, Deinen freien Willen vorschnell und in blindem Eifer durch einen Eid gebunden, wie manche tun, die von Ehrgeiz und Eifersucht bewogen, dem eigenen Willen durch einen Eid das Essen und Trinken wehren, dann aber aus Leichtsinn und Lebenslust jämmerlich zurückfallen und Eidbrecher werden. Wenn Du mit Vernunft alles gebrauchest und mit Vernunft Dich enthältst, wirst Du niemals sündigen; denn die Vernunft in unserem Innern ist etwas Göttliches; sie weist die schädlichen Regungen ab und fördert die nützlichen; denn „für den Gerechten gibt es kein Gesetz“. Besser ist es, mit Vernunft Wein zu trinken, als mit Hochmut Wasser. Betrachte nur die heiligen Männer, die mit Vernunft Wein tranken und daneben die Weltleute, die ohne Vernunft Wasser tranken; dann wirst Du nicht mehr Speise und Trank tadeln und loben, sondern die Gesinnung jener, die beides gut oder schlecht gebrauchen. Wein trank auch Joseph bei den Ägyptern, doch litt er keinen Schaden am Verstande, denn er hatte seinen Sinn gestählt. Pythagoras dagegen, Diogenes und Plato tranken Wasser; desgleichen die Manichäer und die ganze Schar jener, die Philosophen spielen wollten; diese kamen soweit in ihrem frechen Wahne, daß sie Gott nicht kannten und Götzenbilder anbeteten. Auch der Apostel Petrus und seine Genossen tranken Wein; deshalb rügten die Juden sogar den Heiland, ihren Lehrer, mit den Worten: „Warum fasten Deine Jünger nicht wie jene des Johannes?“ und wiederum beschimpften sie seine Jünger und warfen ihnen vor: „Euer Meister ißt und trinkt mit den Zöllnern und Sündern“. Ohne Zweifel meinten sie da nicht Brot und Wasser, sondern Fleisch und Wein; und als sie wieder unvernünftigerweise das Wassertrinken bewunderten und das Weintrinken tadelten, sprach der Heiland zu ihnen: „Johannes kam auf dem Wege der Gerechtigkeit und aß und trank nicht“ – selbstverständlich Fleisch und Wein, denn ohne jede Nahrung hätte er nicht leben können – „und sie sagen: Er hat einen Teufel. Es kam der Menschensohn und aß und trank und sie sagen: Sehet, ein gefräßiger Mensch und Weinsäufer, ein Freund der Zöllner und Sünder“ weil er nämlich aß und trank. Was sollen also wir tun? Laß uns weder den Tadlern noch den Lobrednern folgen, sondern fasten wir mit Vernunft wie Johannes, auch wenn sie sagen: Sie haben einen Teufel. Und trinken wir in Weisheit Wein mit Jesu, wenn der Leib dessen bedarf, auch wenn sie sagen: Sehet da, welch gefräßige Menschen und Weinsäufer! Denn weder essen noch enthaltsam sein ist etwas in Wahrheit, sondern nur der Glaube, der durch die Liebe sich in Werken offenbart. Wenn der Glaube jede Handlung begleitet, dann verfällt, wer ißt und trinkt, nicht dem Gerichte, „denn was nur immer aus dem Glauben stammt, ist ohne Sünde“. Weil jedoch ein jeder sündhafte Mensch behaupten wird, er habe den Glauben, wenn er zum Beispiel in falscher Überzeugung mit verdorbenem Gewissen an den Geheimnissen teilnimmt, darum hat der Heiland den Auftrag erteilt: „An ihren Früchten sollt ihr sie kennen“. Die Frucht jener, die nach Vernunft und Gewissen ihren Wandel bemessen, ist aber, wie der Apostel Gottes lehrt, „Liebe, Freude, Friede, Langmut, Milde, Güte, Treue, Sanftmut und Enthaltsamkeit“; Paulus selber sagt ja: „Denn die Frucht des Geistes“ ist dies und das. Wer solche Früchte zu bringen strebt, wird niemals unüberlegt, zwecklos oder zur unrechten Zeit Fleisch essen und Wein trinken noch mit jemand zusammenwohnen, der ein schlechtes Gewissen hat, wie der nämliche Paulus sagt: „Jedermann, der am Wettkampfe teilnehmen will, enthält sich von allem“. Ist sein Leib gesund, so wird er Fettes vermeiden; ist er schwach und krank, von Schmerz und Kummer gebeugt, so wird er dankbar gegen Gott Speise und Trank als Heilmittel gebrauchen und alles meiden, was der Seele schädlich ist: Zorn und Neid, Ehrgeiz und Sorge, falschen Argwohn und üble Nachrede.

Einleitung IV

Nachdem ich davon hinreichend gehandelt habe, will ich Deinem Eifer zuliebe noch eine Mahnung beifügen. Meide, soviel nur möglich, die Gesellschaft von Menschen, deren Einfluß nicht besser macht und die auf ungeziemende Weise die Haut schmücken, mögen sie rechtgläubig oder gar Häretiker sein; diese schaden durch ihre Heuchelei, wenn auch ihr graues Haar und die Runzeln ihres Angesichtes ein reifes Alter andeuten. Und sollten sie Deinem edlen Charakter nichts anhaben können, zum mindesten wirst Du sie verlachen und so zu Stolz und Überhebung verleitet werden; und auch das ist ein Schaden für Dich. Wie man ein helles Fenster aufsucht, wenn man eine Schrift mit feinen Buchstaben entziffern will, so suche den Umgang mit heiligen Männern und Frauen, damit Du an solchem Maßstäbe Dein eigenes Herz ergründest und es erkennest, wenn Du leichtsinnig und sorglos werden solltest. Ein blühendes Angesicht mit grauem Haar, reinliche Kleidung, bescheidenes Wesen, bedachtsame Rede und heiterer Sinn werden Dich aufrichten, wenn Dich Trübsal betraf. „Des Mannes Kleid und seiner Füße Tritt und seiner Zähne Lachen zeugt von ihm“, sagt die Weisheit.

So will ich denn anheben zu erzählen und jener sowohl gedenken, die hausten in Städten und Dörfern als auch jener in Einsiedeleien. Denn nicht um den Ort, um die Art ihres Lebens soll es sich handeln.

1. Isidor.

Als ich zum ersten Male die Stadt der Alexandriner betrat [unter dem zweiten Konsulate des großen Kaisers Theodosius, der jetzt ob seines Glaubens an Christus bei den Engeln weilt], traf ich daselbst einen wunderbaren, mit Tugend und Weisheit reich geschmückten Mann; es war der Priester Isidor, Vorstand des Fremdenhospizes der alexandrinischen Kirche. Von diesem erzählte man, er habe die ersten Kämpfe seiner Jugend in der Wüste bestanden; auch sah ich in Nitrien seine Zelle. Zu jener Zeit, als ich ihn kennen lernte, war Isidor ein Greis von siebzig Jahren; er lebte noch fünfzehn Jahre lang und starb im Frieden. Bis an sein Ende trug er keine Leinwand außer einer Binde, berührte kein Bad und genoß nie Fleisch. Dennoch sah sein Leib so blühend kräftig aus, daß jene, die seine Lebensweise nicht kannten, der Meinung waren, daß er Überfluß habe. Seine Tugendhaftigkeit nur teilweise zu schildern, ist unmöglich. Er war von solcher Nächstenliebe beseelt und so friedfertig und edel, daß sogar seine ungläubigen Feinde Ehrfurcht vor seinem Schatten hegten. Er besaß so tiefe Kenntnis der Heiligen Schrift und der göttlichen Lehren, daß er sogar bei den gemeinsamen Mahlzeiten der Brüder in Verzückung geriet. Fragte man ihn nach deren Inhalt, so gab er zur Antwort: „Ich war im Geiste weit weg und im Schauen entrückt.“ Ich sah ihn oft bei Tische weinen, und wenn ich ihn nach dem Grunde seiner Tränen fragte, sprach er zu mir: „Ich schäme mich, vernunftlose Speise zu nehmen als vernunftbegabter Mensch, der durch die von Christo verliehene Kraft im Paradies der Wonne weilen sollte.“ Ihn kannte der ganze römische Senat und die Frauen der angesehensten Männer daselbst, denn er war zweimal nach Rom gekommen, das erste Mal mit dem Bischof Athanasius, dann mit dem Bischof Demetrius. Obgleich er großen Reichtum und viele Güter besaß, schrieb er beim Tode kein Testament, hinterließ kein Geld und sorgte nicht für seine Schwestern, die Jungfrauen waren, sondern empfahl sie Christo mit den Worten: „Der euch erschaffen hat, wird sorgen für euch wie für mich.“ Seine Schwestern lebten mit einer Schar von siebzig Jungfrauen zusammen.

Ich begab mich zu diesem in jungen Jahren und bat ihn um Unterweisung in den Anfangsgründen des Einsiedlerlebens. Er sah sofort, daß meine strotzende Jugendkraft heilsamer Lehren weniger als körperlicher Anstrengung bedurfte, weshalb er mich wie ein erfahrener Fohlenbändiger fünf Meilen vor die Stadt hinaus in die sogenannten Einsiedeleien führte.

2. Dorotheus.

Dort übergab er mich dem Asketen Dorotheus von Theben, der sechzig Jahre schon in seiner Höhle hauste, und befahl mir, drei Jahre lang bei diesem auszuhalten, damit ich meine Leidenschaften bändige; die strenge Lebensart des alten Mannes war ihm ja bekannt. Ich solle dann erst wiederum zu ihm selber kommen und Unterricht im geistlichen Leben erhalten. Allein ich war zu schwach, um drei Jahre lang auszuhalten und ging schon früher weg; denn seine Lebensweise war ungemein hart. Den ganzen Tag hindurch trug er am einsamen Meeresstrande mitten in glühender Sonnenhitze Steine zusammen und baute Zellen für jene, die selber des Bauens nicht kundig waren. Er stellte jedes Jahr eine Zelle fertig. Ich fragte ihn eines Tages: „Vater, wie kommt es, daß du noch im hohen Alter deinen Leib in solcher Sonnenglut töten magst?“ Er gab mir zur Antwort: „Er tötet mich und ich töte ihn.“ Täglich aß er sechs Unzen Brot und eine Handvoll kurzer Kräuter und trank entsprechend wenig Wasser. Niemals – Gott ist mein Zeuge – niemals sah ich ihn die Füße ausstrecken noch auf einer Binsenmatte oder einem andern Lager schlafen; er saß vielmehr die ganze Nacht und flocht aus Palmzweigen Stricke, um sich sein Brot zu verdienen. In der Meinung, er tue das nur, solang ich zugegen sei, forschte ich seine anderen Schüler, die nun einzeln wohnten, darüber aus und erfuhr, daß er es von Jugend auf genau so hielt und sich niemals mit Absicht dem Schlafe hingab, weshalb ihm manchmal beim Arbeiten oder Essen vor Müdigkeit die Augen zufielen; es kam sogar vor, daß ihm oft der Bissen aus dem Munde fiel, wenn er vor Erschöpfung beim Essen einschlief. Als ich ihn einmal zwang, sich ein wenig auf eine Matte zu legen, sprach er traurig: „Einen wahrhaft tugendeifrigen Menschen kannst du so wenig zum Schlafe bewegen wie einen Engel.“

Er schickte mich einst um die neunte Stunde zum Brunnen um Trinkwasser. Als ich aber hinkam, sah ich eine Schlange darin. Ich wagte nicht mehr zu schöpfen, sondern lief eilig zurück und sagte: „Wir sind verloren, Vater, denn ich hab‘ eine Schlange gesehen im Brunnen.“ Er blickte mich lange lächelnd an, schüttelte den Kopf und sprach: „Angenommen, es fiele dem Teufel ein, in jeden Brunnen Schlangen oder Schildkröten in jede Quelle zu werfen, würdest du dann überhaupt nicht mehr trinken?“ Dann ging er hinaus, schöpfte selbst, trank, obwohl er noch nüchtern war, und sagte: „Wo das Kreuz hinkommt, kann unmöglich etwas schaden.“

3. Potamiäna.

Der selige Isidor war mit dem seligen Antonius bekannt; dieser hat ihm etwas erzählt, das mir der schriftlichen Aufzeichnung wert scheint.

Zur Zeit Maximians, der die Christen verfolgte, war eine sehr schöne Sklavin, Potamiäna genannt. Ihr Gebieter suchte sie durch glänzende Versprechen zur Sünde zu verleiten, doch gelang es ihm nicht. Deshalb geriet er in solche Wut, daß er sie dem Statthalter von Alexandrien auslieferte, weil sie Christin sei und über die christenfeindlichen Machthaber und ihre Mißregierung geschmäht habe. Zugleich gab er ihm eine Summe Geldes mit den Worten: „Sollte sie mir zu Willen sein, so bewache sie nur, doch tu ihr kein Leid! Bleibt sie dagegen spröde, dann gehe mit aller Strenge vor und verurteile sie zum Tode, damit sie nicht etwa mich als Lüstling verlache.“ So führte man sie vor den Richterstuhl und suchte mit allerlei Martern ihren Sinn zu brechen. Zuletzt ließ der Richter einen Kessel mit Pech füllen und darunter Feuer anzünden. Als nun das Pech zu sieden und zischen und brodeln begann, ließ er dem Mädchen die Wahl: „Entweder gehst du hin und fügst dich deinem Gebieter oder ich lasse dich in diesen Kessel werfen.“ Sie sagte: „Wenn es doch keinen Richter gäbe, der zum Gehorsam gegen die Unzucht verpflichten will!“ Wutschnaubend ließ er sie nun entkleiden und in den Kessel werfen. Da rief sie laut: „Ich beschwöre dich beim Haupte des Kaisers, den du fürchtest, wenn ich doch einmal dazu verurteilt bin, so laß mich langsam hineinstecken in den Kessel, damit du siehst, welch‘ große Kraft mir Christus gibt, den du nicht kennst.“ Und man senkte sie nur immer etwas tiefer hinein; erst eine Stunde später, als ihr das Pech schon an den Hals kam, hauchte sie den Geist aus.

4. Didymus der Blinde.

Sehr viele von all den Männern und Frauen, die in der alexandrinischen Kirche den Lauf vollendet haben, sind wert, das Land der Friedfertigen zu besitzen; darunter Didymus, der blinde Schriftsteller, zu dem ich innerhalb eines Zeitraumes von zehn Jahren viermal in Beziehung trat. Er starb nämlich im Alter von fünfundachtzig Jahren. Aus seinem eigenen Munde weiß ich, daß er als vierjähriges Kind das Augenlicht verlor und weder Lesen noch Schreiben lernte noch sonstigen Unterricht genoß. Er hatte jedoch von Natur einen tüchtigen Lehrmeister, den eigenen Verstand, und besaß eine solche Gelehrsamkeit, daß an ihm das Schriftwort in Erfüllung ging: „Weise macht der Herr die Blinden“.Verstand er doch alle Stellen des Alten und Neuen Testamentes zu deuten und war in den Glaubenslehren so wohl bewandert, daß er in scharfsinniger Begründung und tiefer Kenntnis die Alten insgesamt übertraf. Als er mich eines Tages aufgefordert hatte, in seinem Zimmer mein Gebet zu verrichten, ich aber nicht wollte, da erzählte er mir folgendes: „Zum dritten Male war der selige Antonius in diese Zelle gekommen, mich zu besuchen; als ich ihn zum Gebete mahnte, kniete er unverzüglich nieder, ohne mich die Aufforderung wiederholen zu lassen; so lehrte mich Antonius durch sein Beispiel den Gehorsam. Willst Du also nach seinem Vorbilde fremd und einsam leben um der Tugend willen, so darfst Du nicht rechthaberisch sein.“

Auch dies hat er mir berichtet: „Einst quälte mich Kummer über das Leben Julians des unglücklichen Kaisers, der uns verfolgte und damals selber in Bedrängnis war. So aß ich einmal nichts in meiner Traurigkeit bis zum späten Abend. Da begab es sich, daß ich auf meinem Stuhle sitzend vom Schlaf überwältigt ward, und ich sah ein Gesicht: weiße Rosse rannten einher und die Reiter riefen: „Sagt dem Didymus, heut‘ um die siebte Stunde ist Julian gestorben.“ Und zu mir: „Steh auf und iß, dann mach‘ es kund dem Bischof Athanasius!“ Und ich teilte das diesem mit, auch Stunde, Monat, Tag und Woche, und es stellte sich heraus, daß alles genau so war.“

5. Alexandra.

Weiterhin hat er mir von einer Jungfrau namens Alexandra folgendes erzählt:

Diese ging aus der Stadt hinweg, schloß sich in ein Grabmal und ließ sich durch eine Wandöffnung die nötigen Lebensmittel reichen. Zehn Jahre lang sah sie weder ein Mannes- noch ein Frauenantlitz. Im zehnten Jahr entschlief sie, nachdem sie selber sich bereit gemacht hatte. Da jene Frau, die gewöhnlich zu ihr kam, keine Antwort erhielt, teilte sie es uns mit. Wir sprengten die Tür und fanden sie tot.

Die dreimalselige Melania, von der ich später noch reden will, erzählte folgendes von ihr:

Wohl hab‘ ich ihr Antlitz nicht gesehen, doch trat ich an die Maueröffnung und bat sie, mir zu sagen, weshalb sie sich in das Grabmal eingeschlossen habe. Da rief sie durch die Öffnung heraus: „Es wurde jemand von sinnloser Leidenschaft für mich erfaßt; um mir nicht den Vorwurf machen zu müssen, er habe meinetwegen Kummer und üble Nachrede, zog ich es vor, mich lebendig in dies Grabmal einzuschließen statt eine Seele zu verderben, die nach Gottes Ebenbild erschaffen ist.“ Ich fragte sie: „Wie kannst du aushalten ohne jeden Umgang? Fällt dir die Einsamkeit nicht zur Last?“ Sie erwiderte mir: „Ich bete vom frühen Morgen zu jeder Stunde bis zur neunten und Spinne Leinwand, mache während der anderen Zeit im Geiste die Runde bei den heiligen Patriarchen, Propheten, Aposteln und Märtyrern und esse dann mein Stücklein Brot. So leb‘ ich in Ruhe dahin und erwarte voll tröstlicher Hoffnung das Ende.“

6. Die geizige Jungfrau.

Den Tugendhaften zu Lobe, den Lesern zu Nutzen will ich jene nicht unerwähnt lassen, deren Wandel man nur verabscheuen kann.

Es war in Alexandrien eine Jungfrau, die nach außen demütig schien, innerlich aber stolz war. Sie besaß große Reichtümer, gab jedoch keinen Heller für Fremde, für Jungfrauen, die Kirche oder die Armen. Sie verzichtete nicht auf ihr Vermögen, obgleich die Väter sie oft ermahnten. Sie nahm die Tochter ihrer eigenen Schwester an Kindesstatt an und versprach ihr Tag und Nacht ihren Besitz. Die Sehnsucht nach dem Himmel war von ihr gewichen. Gerne nimmt ja der Teufel betrügerischer Weise auch die Verwandtenliebe zum Vorwand, wenn er jemand zum Geize verleiten will. Wie aufrichtig er es damit meint, ersieht man am besten daraus, daß er zum Brudermord, Muttermord und Vatermord verleitet. Auch dann, wenn er wirklich die Liebe zu den Blutsverwandten zu steigern scheint, tut er das nicht aus Wohlwollen für diese, sondern weil er eine Seele zur Ungerechtigkeit verführen will; er kennt ja das Wort: „Ungerechte werden das Reich Gottes nicht besitzen“. Wer sich von Gottesliebe leiten läßt, kann unmöglich das eigene Seelenheil vernachlässigen und statt dessen für die Verwandten sorgen, und wenn sie Mangel litten. Wer sich aber mehr um die Angehörigen kümmert als um die eigene Seele, verfällt dem Gesetze, weil er seine Seele wertlos achtet. Singt doch der heilige Psalmensänger von jenen, die mit Furcht Sorge tragen für ihre Seele: „Wer wird emporsteigen zum Berge des Herrn?“ – eben weil man solche Menschen selten findet – „und wer wird stehen an seiner heiligen Stätte? Wer unbefleckte Hände hat und ein reines Herz; wer seine Seele nicht auf Eitles richtet“. Denn alle richten auf Eitles ihre Seele, die glauben, sie gehe zugleich mit dem Leibe zugrunde, und darum nicht auf ein tugendsames Leben bedacht sind.

Der hochselige Makarius, Priester und Vorsteher des Hospizes für arme Krüppelhafte, faßte den Entschluß, jene Jungfrau von ihrer Habsucht zu heilen. Er hatte von Jugend auf mit Edelsteinen gehandelt; darum kam er auf folgenden Einfall: Er ging zu ihr und sagte: „Ich habe bei jemand Edelsteine gesehen; Smaragde sind es und Hyazinthe, noch ungeschliffen. Ich weiß nicht, ob sie gefunden oder gestohlen sind; ihren Wert zu bestimmen ist unmöglich, so kostbar sind sie. Doch wäre der Eigentümer bereit, sie um fünfhundert Goldstücke wegzugeben. Solltest du Lust haben sie zu kaufen, so kannst du fünfhundert Goldstücke schon an jedem einzigen Steine verdienen; die anderen magst du verwenden als Schmuck für deine Nichte“. Dieser Vorschlag war der Jungfrau hochwillkommen, hing doch ihr ganzes Herz am Gelde; sie fiel dem Manne zu Füßen und bat: „Ich beschwöre dich, laß doch diese Steine nicht in andere Hände gelangen!“ Er sagte: „Begleite mich in das Haus, damit du sie selber sehest!“ Das wollte sie nicht, sondern zählte fünfhundert Goldstücke hin und sprach: „Nimm sie gefälligst! Ich habe keine Sehnsucht, den Verkäufer kennen zu lernen.“ Makarius nahm die fünfhundert Goldstücke und verwendete sie zu Gunsten des Armenspitales. Obgleich nun viele Zeit verfloß, wagte die Jungfrau nicht, ihn zu mahnen, denn er war in Alexandrien hochangesehen ob seiner Gottes und Nächstenliebe. (Makarius lebte noch gleichzeitig mit uns und starb im Alter von ungefähr hundert Jahren.) Endlich traf sie mit ihm in der Kirche zusammen und sprach: „Ich bitte dich, was gedenkst du mit den Steinen zu tun, um derentwillen ich dir die fünfhundert Goldstücke gab?“ Er sagte: „Die Steine hab‘ ich inzwischen gekauft; sie liegen im Spitale. Komm und sieh, ob sie nach deinem Geschmacke sind! Wenn nicht, so magst du dein Gold wieder nehmen.“ Da ging sie voll Freude mit. Es waren jedoch im oberen Stockwerke des Spitales Weiber, im Erdgeschosse Männer. Am Tore fragte Makarius: „Was willst du an erster Stelle sehen? Die Hyanzinthe oder die Smaragde?“ Sie sagte: „Ganz nach deinem Belieben.“ Er führte sie nun in den oberen Stock hinauf und wies ihr Frauen, die verstümmelte Hände oder Füße hatten oder deren Gesicht von Krankheit zerfressen war. „Siehe,“ sprach er, „das sind die Hyazinthe!“ Dann stieg er mit ihr hinab, wies ihr die Männer und sprach: „Das sind die Smaragde, wenn sie dir nicht gefallen, so nimm dein Geld zurück!“ Da ging sie beschämt hinweg und erkrankte vor lauter Reue, daß sie nicht Gott zuliebe gehandelt hatte. Dem Priester jedoch blieb sie stets dankbar, zumal das Mädchen, für das sie mit solchem Eifer gesorgt hatte, bald nach der Hochzeit kinderlos starb.

7. Im Natrongebirge

In den Klöstern um Alexandrien blieb ich drei Jahre lang und verkehrte mit überaus edlen, eifrigen Männern, etwa zweitausend an Zahl. Von da ging ich in das Natrongebirge. Zwischen ihm und Alexandrien liegt der sogenannte Mareotissee, dessen Breite siebzig Meilen beträgt. Nachdem ich diesen durchsegelt hatte, kam ich in anderthalb Tagen an die Südseite jenes Gebirges; von dort erstreckt sich die große Wüste bis nach Äthiopien, an das Gebiet der Maziker und nach diesem Gebirge wohnen etwa fünftausend Männer. Sie leben nicht auf die nämliche Weise, sondern ein jeder so, wie er kann und will; darum ist jedem gestattet, allein zu bleiben oder zu zweit oder in großer Gesellschaft. Es gibt da sieben Bäckereien, die jenen Männern das Brot liefern und auch den Einsiedlern in der großen Wüste, sechshundert an Zahl. Ich blieb ein Jahr und schöpfte großen Gewinn aus dem Umgange mit den seligen Vätern Arsisius dem Großen, Putubastus, Asion, Kronius und Sarapion. Dann ging ich, durch die vielen Erzählungen der Väter angestachelt, mitten in die Wüste. Dort im Natrongebirge ist eine große Kirche, worin drei Palmbäume stehen. An jedem hängt eine Geißel. Eine davon ist für Mönche bestimmt, die sich etwas zu schulden kommen lassen; die zweite für Räuber, die vielleicht einbrechen; die dritte für andere Leute, die dahin kommen. Wer in einer Weise fehlt, daß er Schläge verdient, muß den Palmbaum umfassen und erhält in solcher Stellung auf den Rücken die festgesetzte Zahl von Streichen. Dann wird er losgelassen. Neben der Kirche steht ein Hospiz; da findet jeder Fremdling Aufnahme, bis er freiwillig weiterzieht, auch wenn er zwei bis drei Jahre sich aufhält. Einen Tag der Woche läßt man ihn ohne Beschäftigung; während der übrigen wird er zur Arbeit verwendet in Garten, Bäckerei oder Küche. Wenn er des Lesens kundig ist, gibt man ihm ein Buch und gestattet ihm bis zur sechsten Stunde nicht, ein Gespräch mit jemand zu führen. Auf diesem Gebirge leben auch Ärzte und Kuchenbäcker. Auch trinkt man Wein und verkauft ihn. Eigenhändig webt ein jeder Leinwand und so leidet kein einziger Mangel. Um die neunte Stunde hört man aus allen Klöstern Psalmengesang erschallen, so daß man glaubt, in das Paradies entrückt zu sein. Zur Kirche kommen sie nur am Sabbat1 und Sonntag; acht Priester stehen ihr vor. Solange der erste Priester noch am Leben ist, opfert, predigt und richtet keiner aus den übrigen, sondern sie sitzen nur still an seiner Seite.

Den erwähnten Arsisius und viele der anderen Greise, die mit ihm zusammenlebten, haben wir persönlich gekannt; ihr Zeitgenosse war noch der selige Antonius gewesen. Auch erzählten sie, daß sie jenen Amun kannten, der im Natrongebirge war und dessen Seele Antonius von Engeln geleitet zum Himmel emporschweben sah. Dieser sagte, er habe auch noch Pachomius von Tabennä gesehen, einen prophetischen Mann, der Archimandrit über dreitausend Männer war. Von ihm will ich unten erzählen.

8. Amun.

Aus Amuns Lebenslaufe hat er folgendes erzählt: „Er war ein Waisenkind. Mit zweiundzwanzig Jahren zwang ihn sein eigener Onkel, ein Weib zu nehmen. Da Widerstand unmöglich war, ließ er sich bekränzen, in das Brautgemach führen und alles geschehen, was bei Hochzeiten Brauch ist. Nachdem man sie nun in die Brautkammer und zu Bette geleitet hatte, gingen alle hinaus. Amun aber stand auf, verriegelte die Türe, setzte sich und rief seine fromme Gattin herbei: „Komm, Herrin, ich will etwas besprechen mit dir. Die Ehe, die wir geschlossen haben, ist genau wie andere Ehen. Laß uns jedoch etwas Edles tun! Schlafen wir von jetzt an getrennt und bewahren die Jungfräulichkeit unberührt, um Gott zu gefallen!“ Dann zog er ein Büchlein aus dem Busen, las der jungen Frau, die nicht lesen konnte, die Worte des Apostels und des Erlösers vor, machte sie mit dem größten Teile des Inhaltes und dann mit dem ganzen vertraut und erläuterte diese Schrift über die jungfräuliche Reinheit in einer Weise, daß jene durch Gottes Gnade bewogen ihm sagte: „Ich bin derselben Ansicht wie du, Herr! Was ist nun dein Wunsch?“ Er sprach: „Mein Wunsch ist, daß wir von jetzt an getrennt bleiben.“ Sie konnte sich dazu nicht entschließen und sagte: „Wir wollen im nämlichen Hause bleiben, doch nicht im nämlichen Bette schlafen!“ Er lebte nun achtzehn Jahre lang im gleichen Hause mit ihr. Den ganzen Tag war er beschäftigt im Garten und mit seiner Balsampflanzung; die Balsamstaude wird nämlich gepflanzt, gepflegt und beschnitten wie der Weinstock und fordert viel Arbeit. Abends ging er in das Haus; nun oblagen sie dem Gebet und nahmen ihr Mahl miteinander; nachdem er noch das Nachtgebet verrichtet hatte, ging er hinaus. So lebten sie dahin und die Leidenschaft erstarb in beiden. Endlich tat Amuns Gebet seine Wirkung, denn sie sprach zuletzt: „Ich muß dir etwas sagen, mein Herr! Höre mich, an! Ich möchte Gewißheit haben, ob du mich so liebst, wie Gott es haben will.“ Er gab zur Antwort: „Sprich! Was willst du?“ Sie sagte: „Du bist ein Mann von gerechtem Wandel; da ziemt es auch mir, nach deinem Beispiele denselben Weg zu gehen wie du und mich zu trennen von dir. Du wohnest in Reinheit unter einem Dache mit mir; daß deine Tugend verborgen bleibe, hat keinen vernünftigen Zweck.“ Er dankte Gott und sagte: „Nimm also du das Haus in Besitz; ich will mir ein anderes bauen,“ Dann ging er tief in das Natrongebirge – denn zu jener Zeit gab es noch keine Klöster – und baute sich zwei runde Zellenräume. Dort starb er, vielmehr entschlief, in der Einsiedelei, nachdem er noch zwanzig Jahre gelebt und jährlich zweimal seine Gattin gesehen hatte.

In seinem Leben des Antonius erzählte Bischof Athanasius folgendes Wunder von Amun. Als er einst mit seinem Schüler Theodor den Fluß Lykus durchschreiten mußte und sich scheute, seine Kleider abzulegen, damit ihn sein Gefährte nicht nackt sähe, da befand er sich ohne Fahrzeug plötzlich auf dem anderen Ufer. Ihn hatte ein Engel hinübergetragen. Dieser Amun also gelangte zu solcher Vollkommenheit, daß der selige Antonius Engel seine Seele zum Himmel leiten sah. Über den genannten Fluß fuhr ich selber angstvoll in einem Boot; es ist nämlich ein Kanal des gewaltigen Nilstromes.

Auch wohnte dort auf dem genannten Natrongebirge ein Asket mit Namen Or, dem die gesamte Brüderschaft und ganz besonders die gottselige Melania, die vor mir dorthin kam, das Zeugnis großer Tugend gab; ich selber traf ihn nämlich nicht mehr am Leben. Wenn sie von ihm erzählten, so pflegten sie beizufügen, daß er niemals log, niemals schwor, niemand verwünschte, zudem niemals redete, wenn er nicht mußte.

10. Pambo.

Auf demselben Gebirge war auch der selige Pambo, der Lehrer des Bischofs Dioskurus, der Brüder Ammonius, Eusebius und Euthymius, ferner des Origenes, eines Neffen des wunderbaren Drakontius. Dieser Pambo war reich an edlen Eigenschaften, zum Beispiel gab er wirklich so wenig auf Gold und Silber, wie die Schrift gebietet. Denn so sagte mir die selige Melania: „Sehr bald, nachdem ich aus Rom nach Alexandrien gekommen war, erzählte mir der selige Isidor von seiner Tugend und führte mich in seine Siedelei. Ich nahm Silbergeld im Betrage von dreihundert Pfund und gab es ihm mit der Bitte, von meinem Vermögen etwas anzunehmen. Er blieb ruhig sitzen, flocht seine Palmzweige weiter und dankte mir mit den kurzen Worten: „Gott gebe dir den Lohn!“ Dann sprach er zu seinem Verwalter Origenes: „Nimm das und verteil‘ es unter all die Brüder in Libyen und auf den Inseln, denn diese Klöster sind ärmer.“ Zugleich gebot er, daß niemand in Ägypten etwas davon erhalte, weil das Land wohlhabender sei. Ich blieb stehen, sagte Melania, denn ich erwartete von ihm ob meiner Gabe gelobt zu werden, und sagte, weil er nichts dergleichen tat: „Damit du weißt, Herr, wieviel es ist – dreihundert Pfund sind es.“ Er sah nicht einmal auf von seiner Arbeit, sondern gab nur die Antwort: „Kind! Dem du sie gegeben hast, der braucht keine Wage. Denn der sogar die Berge wägt‘, kennt noch viel leichter, wieviel dein Silber ausmacht. Wenn du’s mir schenktest, so tätest du gut daran, es mir zu sagen; hast du’s aber Gott geschenkt, der sogar die zwei Heller nicht übersah, so schweige!“ So mächtig, sagte Melania, war die Gnade Gottes wirksam zu jener Zeit, als ich das Gebirge besuchte. Bald darauf entschlief der Mann Gottes im Alter von siebzig Jahren ohne Fieber, ohne Krankheit, als er eben damit beschäftigt war, einen Korb zu flechten. Er ließ mich rufen und sagte mir, als er schon daran war, den letzten Atemzug zu tun: „Nimm diesen Korb aus meinen Händen als Andenken an mich; denn ich habe sonst nichts, das ich dir hinterlassen könnte.“ Sie wickelte seinen Leichnam in linnene Tücher und begrub ihn; dann ging sie weg aus der Wüste; den Korb aber behielt sie bis an ihr Lebensende.

In seiner Sterbestunde noch – so wird berichtet – sagte Pambo zu den Umstehenden, dem Priester Origenes, der zugleich Verwalter war, und Ammonius, hochberühmten Männern, sowie den anderen Brüdern: „Seit ich hieher an diese einsame Stätte kam, meine Zelle baute und bezog, hab‘ ich nie mein Brot umsonst gegessen, sondern nur, was ich mit eigenen Händen erwarb; es reut mich kein Wort, das ich geredet habe bis zu dieser Stunde, jetzt aber muß ich vor Gott hintreten und bin ein Mensch, der niemals auch nur angefangen hat, Gott zu dienen.“

Origenes und Ammonius bezeugten uns: Um den Sinn einer Schriftstelle befragt oder um irgend eine Sache, gab er niemals unverzüglich Auskunft, sondern sagte nur: „Ich hab‘ es noch nicht verstanden.“ Oft gingen drei Monate vorüber und er gab wiederum die Antwort, er habe das noch immer nicht begriffen. Sein Bescheid war mit Gottes Beistand jedesmal reichlich überlegt und ward infolgedessen aufgenommen, als ob er von Gott selbst gekommen wäre, So wohlbedacht war seine Rede, daß er in diesem Punkte (sogar den großen Antonius und) alle anderen übertroffen haben soll.

Auch folgende Tat wird von Pambo berichtet: Der Asket Pior kam und gab ihm sein eigenes Brot. Pambo tadelte ihn und fragte: „Warum tust du das?“ Pior sprach: „Um dir einen Gefallen zu tun.“ Ohne nur ein Wort zu sagen, unterwies ihn Pambo darauf; denn nach einiger Zeit nahm er Brot, tauchte es in Wasser und brachte es ihm. Auf die Frage: „Warum tust du das?“ gab er zur Antwort: „Um dir einen Gefallen zu tun, hab‘ ich es auch in Wasser getaucht.“

11. Ammonius der Lange.

Sein genannter Schüler Ammonius hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Diese waren alle von solcher Liebe zu Gott entflammt, daß sie gleich ihm in die Wüste gingen. Die Schwestern bauten sich ein eigenes Klösterlein; desgleichen auch die Brüder in angemessener Entfernung. Weil Ammonius überaus gelehrt war, wollten ihn die Bürger einer Stadt als Bischof haben. Sie kamen also zu dem seligen Timotheus und baten, daß er ihn weihe. Dieser sagte: „Führet ihn her, so will ich ihm die Hände auflegen.“ Sie zogen aus mit großem Gefolge, so daß er unmöglich entrinnen konnte. Da bat Ammonius und schwor, er wolle sich niemals weihen lassen noch aus der Wüste fortgehen. Weil aber jene nicht abließen, nahm er vor ihren Augen eine Schere, schnitt sich sein linkes Ohr bis auf die Wurzel ab und sagte: „Jetzt müßt ihr wenigstens daran glauben, daß ich gar nimmer Bischof werden kann; denn das Gesetz verbietet, jemand, dem ein Ohr abgeschnitten ist, die Priesterweihe zu spenden.“ Sie ließen ihn also frei, begaben sich zum Bischof zurück und erzählten, was sich ereignet hatte; doch dieser gab den Bescheid: „Jenes Gesetz mag bei den Juden in Geltung sein. Bringt ihn nur! Ist er würdig seinem Charakter nach, so will ich ihn weihen, auch wenn er keine Nase hatte. Da gingen sie wiederum hin und stellten die Bitte zum zweiten Male. Ammonius aber tat den Schwur: „Zwingt ihr mich, so schneide ich mir die Zunge heraus.“ Da drangen sie nicht mehr weiter in ihn und gingen davon.

Auch folgendes Wunderbare wird von Ammonius erzählt: Regte sich die Fleischeslust, so gab er seinem Leibe keine Schonung und legte glühendes Eisen auf seine Glieder, so daß er mit Brandwunden ganz bedeckt wurde. Von Jugend auf bis an sein Ende genoß er Ungekochtes; außer Brot aß er nämlich nichts, das am Feuer zubereitet war. Altes und Neues Testament wußte dieser Mann auswendig und beschäftigte sich mit so großem Eifer mit den Schriften der gelehrten Männer Origenes, Didymus, Pierius und Stephanus, daß er nach dem Zeugnisse der Wüstenväter sechs Millionen las. Auch verstand er wie kein zweiter, den Brüdern in der Wüste Trost zu spenden. Der selige Euagrius, ein Mann des Geistes, der die Gabe der Unterscheidung besaß, rühmte von ihm: „Ich habe niemals einen Menschen gesehen, in dem jede Leidenschaft so gänzlich erstorben war.“

[Später sah sich Ammonius gezwungen, nach Konstantinopel zu gehen …, er entschlief bald darauf und wurde bestattet in der sogenannten Rufinianischen Märtyrerkirche. Man sagt, an seinem Grabe finden alle Fieberkranken die Gesundheit.]

12. Benjamin.

Ein Mann mit Namen Benjamin führte gegen achtzig Jahre lang ein sehr strenges Leben im Natrongebirge. Ihm wurde die Gabe zu heilen geschenkt, so daß ein jeder genas, mit welcher Krankheit er immer behaftet war, wenn ihm Benjamin die Hand auflegte oder Öl gab, das er selbst geweiht hatte. Diesen Mann, der ausgerüstet war mit solcher Wunderkraft, befiel acht Monate vor seinem Tode die Wassersucht und sein Leib schwoll an, daß er aussah wie ein zweiter Job. Da lud Bischof Dioskurus, damals Priester im Natrongebirge, mich und den seligen Euagrius ein: „Kommet“, sprach er, „und sehet den neuen Job, wie er geschwollen ist und mitten im unheilbaren Leiden Gott unablässig dankt!“ Wir gingen also hin und sahen, wie sein Leib entsetzlich aufgedunsen war, sodaß man seine Finger einzeln nicht mit der Hand umspannen konnte. Er sah schrecklich aus, daß wir die Blicke wegwenden mußten. Da sagte der selige Benjamin: „Kinder, betet, damit nicht etwa die Wassersucht auch den inneren Menschen an mir befalle; der äußere hat mir ja, wenn es ihm gut ging, nicht genützt, und wenn es ihm schlecht ging, nicht geschadet.“ Während jener acht Monate gab man ihm einen Sessel, der so breit wie möglich war. Auf diesem saß er beständig, denn das Liegen war ihm unmöglich der leiblichen Bedürfnisse wegen. Er heilte sogar noch andere, wiewohl er selbst so krank war.

Ich glaubte von diesem Manne erzählen zu sollen, damit wir uns nicht wundern, wenn auch Gerechten ein Unglück begegnet. Als er gestorben war, mußte man die Türpfosten ausheben, um die Leiche hinauszuschaffen. So angeschwollen war sie.

13. Apollonius.

Apollonius, der Krämer genannt, entsagte der Welt und zog sich in das Natrongebirge zurück. Er suchte, weil infolge vorgerückten Alters unfähig, ein Handwerk oder die Arbeit des Schreibens zu lernen, folgende Beschäftigung. Er sparte weder Geld noch Mühe, reiste stets nach Alexandrien, kaufte daselbst alle Sorten Arzneien und guter Kost und versorgte damit die ganze Brüderschaft, sobald einer krank war. Vom frühen Morgen bis um die neunte Stunde sah man ihn rings in alle Klöster wandern. Er trat zum Tor hinein und sah, ob jemand zu Bette sei, brachte getrocknete Weintrauben, Granatäpfel, Eier, feines Weizenbrot und andere Dinge, die für Kranke passen. Diese Übung, die für ihn selbst verdienstvoll war, behielt er auch im hohen Greisenalter bei. Sterbend übergab er seine Waren einem anderen seines Schlages und bat, er solle sein Amt übernehmen. Eine solche Fürsorge war in der Tat nicht überflüssig, weil das Gebirge sehr abgelegen ist und die Zahl der Mönche fünftausend betrug.

14. Paisius und Isaias.

PaÎsius und Isaias waren Brüder. Ihr Vater war ein Kaufmann, den der Handel bis nach Spanien führte. Nach seinem Tode teilten die Söhne, was an unbeweglicher Habe vorhanden war, desgleichen alles übrige: das Geld – fünftausend Goldstücke – die Kleider und Sklaven. Dann überlegten beide hin und her und einer sagte zu dem andern: „Bruder, welche Lebensart sollen wir nun erwählen? Widmen wir uns gleich unserem Vater dem kaufmännischen Berufe, so müssen wir Gefahren bestehen mit Räubern und auf dem Meere. Wohlan! Laß uns Mönche werden, damit wir den Erwerb des Vaters nicht verlieren, unsere Seelen aber gewinnen!“ Und in der Tat entschlossen sich beide zum Mönchsleben, doch ein jeder auf grundverschiedene Weise. Denn der eine gab alles an Kirchen, Klöster und Gefängnisse, lernte sodann ein Handwerk, verdiente sich sein Brot und übte sich in Abtötung und Gebet. Der zweite dagegen verschenkte nichts, sondern baute sich ein Kloster, zog einige Brüder bei, nahm jeden Fremdling auf, jeden Kranken, jeden Greis und jeden Armen und stellte jeden Sabbat und Sonntag drei Tische bereit, woran er die Dürftigen speiste. So verbrauchte dieser seine Habe.

Als nun beide starben, priesen die einen Brüder den einen, die andern den anderen selig, weil ja beide vollkommen gewesen seien. Als ob dieser Lobeserhebungen Zwiespalt entstand, gingen sie zu dem seligen Pambo und stellten ihm das Urteil anheim, wer von beiden der Größere sei. Pambo sagte: „Beide sind vollkommen. Der eine nämlich war in seinem Wandel ein Nachahmer Abrahams, der zweite des Elias“. Da sagten die einen: „Wie sollen aber beide gleich sein können?“ Sie gaben nämlich dem, der ein asketisches Leben führte, den Vorzug, denn er habe der evangelischen Mahnung gemäß alles verkauft, den Armen gegeben, zu jeder Stunde bei Tag und Nacht sein Kreuz auf sich genommen, sei dem Erlöser nachgefolgt und habe sich dem Gebete gewidmet. Die anderen wandten dagegen ein: „Der zweite war so barmherzig, daß er sich an die Straße setzte und die Notleidenden und Bedrängten in sein Haus führte; nicht für sich allein trug er Sorge, sondern auch für viele andere, denen er Hilfe bot und in kranken Tagen Pflege angedeihen ließ.“ Da gab der selige Pambo zur Antwort: „Ich sag‘ es euch nochmal: beide stehen auf gleicher Stufe. Die beiderseits angeführten Gründe muß ich gelten lassen. Hätte der eine nicht ein so strenges Leben geführt, so hielte man ihn des Vergleiches mit dem Edelmut des anderen nicht einmal wert; dieser dagegen hat Fremdlingen Barmherzigkeit erwiesen und dadurch selbst Barmherzigkeit erlangt; wenn er äußerlich die Bürde seines Reichtumes nicht wegwarf, hat er damit Verdienste gesammelt. Wartet einige Zeit, bis ich Offenbarung erlange von Gott, dann kommet wieder und ihr sollet Bescheid erhalten!“ Als sie nach einigen Tagen ihn aufsuchten, gab er auf ihre Frage zur Antwort: „Ich sah beide miteinander vor Gottes Angesicht im Paradiese stehen.“

15. Makarius der jüngere.

Ein junger Mensch, Makarius mit Namen, der im Alter von ungefähr achtzehn Jahren stand, hütete mit seinen Altersgenossen am See Mareotis die Herden und tötete durch Zufall einen aus ihnen beim Spiele. Darob geriet er in so große Furcht vor Gott und den Menschen, daß er in dumpfem Trübsinn drei Jahre lang unter freiem Himmel in der Wüste blieb. Da regnet es niemals, wie die einen vom Hörensagen, die anderen aus eigener Anschauung wissen. Er baute sich dann eine Zelle, lebte darin noch fünfundzwanzig Jahre, freute sich seiner Einsamkeit, und es ward ihm solche Gewalt über die Teufel verliehen, daß er sie verachtete. Ich lebte lange mit ihm zusammen und fragte ihn einst, was er von der Mordtat denke, die er auf dem Gewissen habe. Darauf sagte Makarius, er empfinde darob so wenig Schmerz, daß er sogar ob des Mordes Gott danke, denn gerade dieser unfreiwillige Mord sei für ihn der Anlaß zum Heile geworden. Er berief sich auf die Schrift; auch Moses wäre nicht der göttlichen Erscheinung gewürdiget worden, wenn er nicht aus Angst vor dem Pharao wegen des Mordes, den er in Ägypten beging, nach dem Berge Sinai geflohen wäre.

Ich sage das keineswegs, als ob ich zum Morde verleiten möchte; sondern ich will nur beweisen, daß ein Zufall den Anlaß zum tugendhaften Leben bilden kann, so daß jemand wider seinen Willen auf den rechten Weg gelangt. Denn es gibt Tugenden, die dem freien Willen, und Tugenden, die dem Zufall entspringen.

16. Nathanael.

Einer von den Alten hieß Nathanael. Diesen hab‘ ich selber nicht gekannt; denn er starb fünfzehn Jahre bevor ich hinkam. Ich fragte jene, die sich gleichzeitig mit ihm schon der Abtötung beflissen, genau nach dem tugendhaften Wandel des Mannes. Man zeigte mir auch seine Zelle, die jetzt unbewohnt war, weil sie der bewohnten Gegend zu nahe liegt. Er hatte sie nämlich gebaut, als der Einsiedler noch wenige waren. Vor allem erzählte man sich von der großen Ausdauer, womit er treulich an seinem Vorsätze festhielt. Schon zu Beginne betrog ihn der Teufel, der jedermann hintergehen und täuschen will, und trieb ihn aus seiner ersten Zelle. So ging er denn fort und baute sich eine zweite, die näher beim Dorfe war. Drei bis vier Monate, nachdem er sie fertiggestellt und bezogen hatte, kam nächtlicher Weile der Teufel, einem Soldaten ähnlich, der in zerlumpter Kleidung geht; er trug eine Trommel wie die öffentlichen Ausrufer und schlug damit gewaltigen Lärm. Der selige Nathanael fraget: „Wer bist du, daß Du dich so benimmst in meiner Siedelei?“ Da gab der Teufel zur Antwort: „Ich bin der nämliche, der dich aus jener Zelle vertrieb, und bin jetzt gekommen, dich auch von dieser wegzujagen.“ Nun erkannte Nathanael, daß ihn der Teufel betrogen hatte; deshalb ging er in die erste Zelle zurück. Da blieb er siebenunddreißig Jahre lang, ohne nur ein Mal über die Schwelle zu treten, dem Teufel zum Trotz. Der mühte sich unsäglich ab, ihn herauszubringen. Ein Mal wär‘ es ihm fast gelungen, ihn seinem Vorsatz untreu zu machen. Es kamen nämlich – mag es nun göttliche Fügung oder teufliche Versuchung gewesen sein – sieben heilige Bischöfe zu Nathanael auf Besuch. Als sie Abschied nahmen, gab er ihnen auch nicht einen Schritt das Geleite. Da sagten ihm die Diakonen: „Vater, du verletzest den Anstand auf gröblichste Weise, wenn du nicht eine Strecke mitgehst.“ Er gab zur Antwort: „Auch für meine Herren, die Bischöfe, bin ich tot wie für die ganze Welt. Es hindert mich ein geheimer Grund: Gott kennt mein Herz und weiß, weshalb ich sie nicht begleite.“

Obwohl er also den kürzeren zog, versuchte der Teufel nochmals sein Glück, und zwar neun Monate vor seinem Tod. In Gestalt eines etwa zehnjährigen Knaben ritt er auf einem Esel, der einen Korb mit Broten trug. Es war schon am späten Abend; da wollte der Knabe den Schein erwecken, als sei der Esel gestürzt und schrie: „Vater Nathanael, erbarme dich und reiche mir deine Hand!“ Er hörte die Stimme des sonderbaren Kindes, öffnete die Türe, blieb jedoch innerhalb der Schwelle stehen und sagte: „Wer bist du? Und was willst du, daß ich dir tun soll?“ Der andere rief: Ich bin der Diener des Bruders so und so und bringe Brot; es ist nämlich das Liebesmahl des Bruders und morgen in der Sabbatfrühe benötigt man der Opfergaben. Ich bitte dich, lasse mich doch nicht liegen, sonst fressen mich ja die Hyänen.“ Deren gibt es nämlich viel in jener Gegend. Stumm blieb der Selige stehen, wußte sich vor Mitleid keinen Rat und überlegte bei sich selbst: „Entweder muß ich das Gebot verletzen oder den eigenen Vorsatz.“ Endlich kam er zu diesem Schluß: „Am besten ist es, ich beschäme den Teufel, indem ich dem Vorsatz, den ich schon so viele Jahre hielt, unverbrüchlich treu bleibe.“ Nachdem er gebetet hatte, rief er dem Knaben zu: „Höre, Kind! Ich habe das feste Vertrauen, daß Gott, dem ich diene, dir Hilfe sendet, wenn es nötig ist, und daß dir weder durch Hyänen noch irgend etwas anderes ein Leid geschehen wird. Bist du jedoch nur gekommen mich zu versuchen, so wird es mir Gott in Bälde schon offenbaren.“ Dann schloß er die Türe. Da schämte sich der Teufel seiner Niederlage und verwandelte sich in einen Sturmwind und in ein Rudel von Waldeseln, die mit wildem Geschrei unter tollen Sprüngen davonliefen.

So war der ruhmreiche Kampf Nathanaels, sein Wandel und sein Ende.

17. Makarius der Ägypter.

Über die beiden hochberühmten Männer, deren jeder Makarius hieß, erfuhr ich viel Merkwürdiges, aber wenig Zuverlässiges, so daß ich Bedenken trage mündlich oder schriftlich davon Mitteilung zu machen, denn ich möchte keineswegs in Verdacht geraten, ein Lügner zu sein; lehrt doch der Heilige Geist: „Alle, die Lüge reden, vernichtet der Herr“. Weil ich also nicht lügen will, darfst Du mir trauen, treuester Freund!

Von diesen beiden Trägern des Namens Makarius war einer aus Ägypten; der andere war ein Alexandriner und verkaufte Naschwerk.

Zuvor will ich von dem Ägypter berichten, der im ganzen neunzig Jahre lebte; sechzig hat er in der Wüste zugebracht, wohin er sich mit dreißig zurückzog. Er besaß einen solchen Grad von Urteilskraft und Verstandesreife, daß man ihn den jungen Greis zu nennen pflegte. Vermöge dieser Eigenschaft schritt er in kürzester Zeit so gewaltig voran auf dem Wege der Vollkommenheit, daß er schon im Alter von vierzig Jahren Macht über die bösen Geister bekam, ebenso die Gabe der Krankenheilung und der Weissagung. Er stand in so großem Ansehen, daß er zum Priester geweiht wurde.

Er wohnte tief in der sketischen Wüste und hatte zwei Schüler, von denen der eine zugleich sein Diener und beständig um ihn war wegen der vielen Leute, die kamen, um geheilt zu werden. Der andere hatte gleich in der Nähe seine Zelle. Zu seinem Diener, der Johannes hieß und später an des Makarius Statt Priester wurde, sagte dieser einmal prophetischen Geistes: „Höre mich, Bruder Johannes, und vergiß meine Mahnung nicht! Du wirst in Versuchung fallen; der Teufel der Habsucht wird dich quälen. So hab‘ ich es gesehen und ich weiß: wenn du mir gehorchest, wirst du wachsen an Tugend hier an dieser Stätte und glückselig gepriesen werden und keine Geißel wird sich deinem Zelte nahen. Achtest du dagegen meine Worte nicht, so wird dich das Ende Giezis ereilen, mit dem du dieselbe Leidenschaft gemein hast.“ Fünfzehn bis zwanzig Jahre nach des Makarius Tode begab es sich, daß Johannes seine Warnung außer acht ließ und die Armen um das Almosen betrog. Da befiel ihn so heftiger Aussatz, daß er am ganzen Leibe kein heiles Fleckchen mehr hatte, worauf man nur mit dem Finger hätte hintupfen können. So zeigte sich, daß Makarius ein Prophet war.

Von seiner Mäßigkeit zu reden ist überflüssig, sind ja nicht einmal lässige Mönche der Völlerei und Leckerhaftigkeit ergeben in jener Gegend, wo Mangel an Lebensmitteln und großer Eifer im Guten zu finden ist. Doch etwas anderes muß ich erwähnen von seiner Frömmigkeit. Man sagt, er sei fortwährend in Verzückung gewesen und mehr bei Gott als in der Welt. Auch folgende Wundertaten werden von ihm berichtet:

Ein ägyptischer Mann verliebte sich in ein vornehmes Weib, die Gattin eines andern. Weil es ihm nicht gelang, sie zu verführen, ging er zu einem Zauberer und sagte: „Zwinge sie, mich zu lieben, oder bewirke, daß ihr Mann sie verstoße!“ Der Zauberer ließ sich in angemessener Weise bezahlen, wandte sein Mittel an und erreichte, daß sie das Aussehen eines Pferdes erhielt. Ihr Gatte, der eben von einer Reise zurückkam, war nicht wenig erstaunt, eine Stute zu finden in seinem Bette. Ratlos fing er zu klagen und weinen an, redete dem Tiere zu, doch gab es ihm nicht Antwort. Dann rief er die Priester des Ortes, doch niemand wußte Bescheid. Drei Tage lang genoß sie weder Heu nach Stutenart noch Brot nach Menschenweise, sondern blieb ohne Nahrung. Damit aber Gott verherrlicht und die Tugend des heiligen Makarius offenbar wurde, kam zuletzt dem Manne der Gedanke, sie nach der Wüste zu führen. Nachdem er sie gleich einem wirklichen Pferde gezäumt hatte, zog er sie fort. Als sie nun hinkamen, umstanden eben die Brüder des Makarius Zelle. Sie zankten ihn und sagten: „Was führst du diese Stute her?“ Der Mann sagte: „Damit sie Barmherzigkeit finde.“ Sie fragten: „Was fehlt ihr denn?“ Er sagte: „Sie war mein Weib und ward in ein Pferd verwandelt und heut‘ ist schon der dritte Tag, daß sie keine Nahrung nimmt.“ Da brachte man sie vor den Heiligen, der in seiner Zelle war und betete; denn ihm war die Sache schon offenbart worden und er betete für sie. Makarius sagte zu den Brüdern: „Ihr seid Pferde, denn Augen habt ihr wie Pferde. Sie ist ja ein Weib und ist gar nicht verwandelt; so scheint sie nur jenen, die sich täuschen lassen.“ Und er segnete Wasser, goß ihr es unter Gebet auf den Scheitel und bewirkte dadurch, daß sie sofort allen wieder ein Weib schien. Er ließ ihr dann Speise geben, die sie genoß, und entließ sie zugleich mit ihrem Gatten und beide lobten Gott. Auch gab er dem Weibe die Mahnung mit: „Bleibe niemals der Kirche fern und versäume nicht an den Geheimnissen teilzunehmen; denn das ist dir zugestoßen, weil du fünf Wochen ferne bliebest.“

Um sich abzutöten, tat Makarius auch folgendes: Lange Zeit hindurch war er damit beschäftigt, von seiner Zelle weg einen unterirdischen Gang von der Länge eines halben Stadiums und an dessen Ende eine Höhle zu graben. Wenn ihm die Besucher lästig fielen, ging er heimlich aus seiner Zelle nach der Höhle, so daß ihn niemand finden konnte. Wie einer von seinen treuergebenen Schülern uns erzählte, sprach er hin und zurück jedesmal vierundzwanzig Gebete.

Es ging das Gerücht, er habe einen Toten auferweckt, um einen Irrlehrer zu widerlegen, der die Auferstehung des Fleisches leugnete. Und dies Gerücht griff weit um sich in der Wüste.

Eine Mutter brachte wehklagend ihren besessenen Sohn, den zwei junge Männer gefesselt führten. Und solche Gewalt hatte der Teufel: wenn der junge Mensch drei Maße Brot aß und einen großen Krug voll Wasser trank, brach er es wieder und alles Genossene war zu Dampf geworden, als ob es am Feuer gestanden hätte. Gibt es doch eine Sorte von bösen Geistern, die Feuerteufel genannt sind; denn gleichwie die Menschen zwar nicht an Wesen, aber an Einsicht verschieden sind, ebenso die Teufel. Jener Jüngling wurde nicht einmal satt mit allem, was die Mutter ihm reichte, sondern aß sogar den eigenen Kot und oftmals trank er den eigenen Harn. Da nun das Weib den Heiligen unter Tränen um Hilfe bat, nahm er ihn zu sich und begann voll Inbrunst für ihn zu beten. Als nach einem oder zwei Tagen das Leiden allmählich nachließ, fragte sie Makarius: „Wieviel willst du, daß er essen soll?“ Sie sagte: „Zehn Pfund Brot“. Er meinte tadelnd, das sei zu viel. Nachdem er sieben Tage lang gebetet und gefastet hatte, befahl er ihm, täglich drei Pfund zu essen und zu arbeiten. So geheilt übergab er ihn seiner Mutter.

Auch dieses Wunder hat Gott durch den wunderbaren Makarius gewirkt. Ich selber traf nicht zusammen mit ihm, denn er war, als ich in die Wüste kam, vor Jahresfrist entschlafen.

18. Makarius von Alexandrien.

Doch den anderen Makarius, der Priester in den sogenannten Zellen war, lernte ich persönlich kennen; denn ich wohnte neun Jahre lang in den besagten Zellen, drei davon gleichzeitig mit ihm. Manches hab‘ ich selber mit angesehen, manches von anderen vernommen oder sonst in Erfahrung gebracht.

Er übte sich auf diese Weise: Bekam er von irgend einem guten Beispiel Kunde, so befliß er sich, es nachzuahmen. Als er einmal hörte, daß die Mönche von Tabennä die vierzigtägige Fastenzeit hindurch nichts Gekochtes essen, beschloß er, sieben Jahre nichts mehr zu genießen, was am Feuer zubereitet wird, und in der Tat nahm er nichts mehr außer grüne Kräuter, wenn er solche zuweilen fand, und aufgeweichte Bohnen. Nachdem er sich darin geübt hatte, vernahm er, einer esse täglich nur ein Pfund Brot. Da zerbrach er sein Brot in Brocken, legte sie dann in ein irdenes Gefäß und nahm sich vor, stets nur soviel davon zu essen, als er mit der Hand herausnehmen konnte. Lächelnd hat er uns selbst erzählt: „Wohl nahm ich mehrere Bröcklein, doch war es unmöglich, sie herauszubefördern, denn die Öffnung des Gefäßes war zu eng, und mehr zu nehmen erlaubte mir mein Zöllner nicht.“ Drei Jahre behielt er die Gewohnheit bei, vier oder fünf Unzen Brotes zu essen. Dazu nahm er entsprechend wenig Wasser und jährlich nur einen Sester Öl.

Ein andermal wollte Makarius den Schlaf überwinden und blieb deshalb – wie er selbst erzählte – zwanzig Tage lang unter freiem Himmel, bei Tage von Sonnenglut versengt, bei Nacht von Kälte starr. Er sagte: „Ich mußte schnell unter Dach gehen und schlafen, sonst wäre mir das Gehirn vertrocknet, so daß ich auf immer wahnsinnig geworden wäre. Soviel an mir lag, trug ich den Sieg davon; aber ich mußte nachgeben, soferne die Natur ihren Anspruch geltend machte.“

Eines Morgens, als er in seiner Zelle saß, flog ihm eine Mücke an den Fuß, sättigte sich an seinem Blut und stach ihn. Auf den Schmerz hin zerdrückte sie Makarius. Er bereute das so bitterlich, als ob er ein Unrecht begangen hätte, und verurteilte sich selber, sechs Monate nackt in einem Sumpfe der sketischen Wüste zu sitzen, wo Mücken, groß wie Wespen, die wilden Schweine zerstechen. Da ward er am ganzen Leibe so zugerichtet und mit so fürchterlichem Ausschlage bedeckt, daß manche meinten, er habe den Aussatz. Nach sechs Monaten also kam er in seine Zelle zurück; nur an der Stimme kannte man, daß es Makarius war.

Einst kam ihm5 das Verlangen, das in einem Garten gelegene Grabmal des Janes und Jambre zu besuchen, wie er uns selbst erzählte. Diese Zauberer besaßen einst große Macht zur Zeit des Pharao; nachdem sie diese lange Zeit ausgeübt hatten, errichteten sie den Bau mit vier Fuß hohen Steinen, bereiteten darin ihre Grabkammer und hinterlegten eine Menge Goldes. Auch pflanzten sie Bäume – denn der Ort ist feucht – und gruben einen Brunnen. Weil er den Weg nicht kannte, richtete sich der Heilige nach den Sternen, wie man auf dem Meere zu tun pflegt, nahm ein Bündel Schilfrohre mit und steckte jedesmal, wenn eine Meile zurückgelegt war, eines in den Boden, um mit Hilfe dieser Zeichen den Heimweg zu finden. Nach neuntägigem Marsche kam er endlich in die Nähe des Ortes. Der Teufel aber, der stets den Streitern Christi sich entgegenstellt, las alle Schilfrohre zusammen und legte sie, während er ungefähr eine Meile vom Grabmale schlief, neben seinen Kopf. Als sich Makarius erhob, fand er sie. Vielleicht ließ Gott es zu seiner Prüfung wegen, damit er nicht auf ein Schilfrohr seine Hoffnung setze, sondern auf die Wolkensäule, die dem Volk Israel vierzig Jahre lang in der Wüste voranging. Er sagte: „Siebzig Teufel kamen mir aus dem Grabmal entgegen, schlugen mir unter wildem Geschrei mit den Flügeln ins Antlitz und riefen: Was willst du, Makarius? Was willst du, Mönch? Wozu bist du gekommen? Da ist deines Bleibens nicht. Ich sagte: Nur hineintreten will ich und mich umsehen, dann geh‘ ich wieder. Als ich hineinkam, fand ich einen ehernen Eimer, der am Brunnen hing an einer Eisenkette und im Laufe der Zeit verrostet war, und Granatäpfel, die von der Sonne gänzlich ausgetrocknet und innen leer waren.“ Er machte sich dann auf den Weg und kam nach zwanzig Tagen zurück. Weil ihm der mitgenommene Vorrat an Brot und Wasser ausging, geriet er in arge Not. Schon in Gefahr, vor Ermattung umzusinken, sah er mit einem Mal ein Mädchen in schimmernd weißem Gewande; sie trug ein Gefäß, das bis oben mit Wasser gefüllt war, so daß die Tropfen herabfielen. Sie ging drei Tage lang ein Stadium weit vor ihm her; auch wenn sie stehen zu bleiben schien, war es unmöglich, sie einzuholen. Die Hoffnung, trinken zu dürfen, gab ihm beständig neue Kraft. Dann sah er ein ganzes Rudel Gazellen, deren es viele gibt in der Gegend; eine darunter hatte ein Junges; deren Euter troff von Milch; da ging er hin und sog sich satt. Bis er an seine Zelle kam, ließ ihn das Tier trinken, das Junge dagegen nicht.

Beim Brunnengraben neben einem Gebüsche biß ihn einmal eine giftige Natter, Makarius packte sie mit beiden Händen am Kiefer und riß sie mitten entzwei, indem er sagte: „Wie kannst du so frech sein auf mich loszufahren? Gott hat dich ja gar nicht gesendet.“

Er hatte verschiedene Zellen in der Wüste, eine tief in der sketischen, eine in den sogenannten Zellen und eine andere im Natrongebirge. Einige davon waren ohne Türe. Darin saß er, wie man sagte, während der vierzigtägigen Fastenzeit im Finstern; eine andere war so enge, daß er die Füße nicht ausstrecken konnte; wiederum in einer anderen, die geräumiger war, empfing er die Besuche.

Eine solche Menge Besessener heilte Makarius, daß man sie nicht zählen kann. Während wir dort waren, brachte man ihm eine vornehme Jungfrau von Thessalonike, die schon viele Jahre gelähmt war. Er salbte sie während zwanzig Tagen eigenhändig mit geweihtem Öl und betete für sie und entließ sie gesund in ihre Heimat. Von dort aus sandte sie ihm reiche Geschenke.

Als er vom trefflichen Wandel der Mönche von Tabennä hörte, zog er weltliche Kleider nach Art eines Taglöhners an und wanderte in fünfzehn Tagen mitten durch die Wüste nach der Thebais. Er fragte dort im Kloster nach dem Archimandriten, namens Pachomius, einem bewährten Manne; dieser besaß die Gabe der Weissagung, doch über Makarius war ihm keine Offenbarung zu teil geworden. Er sagte nun: „Ich bitte dich um Aufnahme in dein Kloster, um Mönch zu werden.“ Pachomius erwiderte: „Du bist schon alt und nicht mehr fähig anzufangen. Du kannst unmöglich die strengen Abtötungen der Brüder mitmachen. Infolgedessen würdest du voll Ärger fortgehen und über sie schimpfen.“ Er nahm ihn also nicht auf weder am ersten Tage noch am zweiten und so bis zum siebenten. Makarius aber hielt nüchtern aus und sagte zuletzt: „Nimm mich auf, Vater, und wenn ich nicht genau so fasten und arbeiten sollte wie die Brüder, dann laß mich hinauswerfen.“ Nun bat er die Brüder, ihn aufzunehmen. Die eine Klostergemeinde zählt dreizehnhundert Männer bis auf den heutigen Tag. Er durfte nun eintreten. Bald darauf begann die vierzigtägige Fastenzeit und er sah, wie jeder sich irgend eine andere Abtötung auferlegte. Einer aß erst am Abend, ein anderer nur nach jedem zweiten Tag, ein anderer nach fünf; wieder andere standen die ganze Nacht und saßen bei Tage. Makarius tauchte Zweige von Dattelpalmen in Wasser, stellte sich bei den vielen Mönchen in einen Winkel und nahm weder Brot noch Wasser, bis die vierzigtägige Zeit vorüber war und das Osterfest kam. Er beugte kein Knie und legte sich niemals nieder. Außer einigen Kohlblättern aß er nichts und diese nur jeden Sonntag, damit man ihn essen sah. Wenn er notwendigerweise hinausgehen mußte, kam er so schnell wie möglich zurück und stellte sich wieder an seinen Platz. Da blieb er schweigend stehen und sagte niemals ein Wort. Seine ganze Beschäftigung war stilles Gebet und Handarbeit. Alle Mönche sahen auf ihn mit Staunen und zankten ihren Vorsteher, indem sie sagten: „Woher hast du den da gebracht? Der hat ja weder Fleisch noch Blut. Das hast du getan, uns zu beschämen. Entweder schickest du diesen fort oder du sollst wissen, daß wir alle davongehen.“ Da nun Pachomius sein Verhalten kannte, bat er Gott um Offenbarung, wer dieser Mann sei. Und es ward ihm offenbart. Da ging er hin, ergriff seine Hand, führte ihn heraus und sagte: „Wohlan, edler Greis! Du bist Makarius, doch hieltest du mir’s geheim. Ich hegte schon viele Jahre den Wunsch, dich zu sehen. Ich danke dir, daß du meine Kinder gedemütigt hast, damit sie nicht stolz werden auf ihre Abtötungen. Geh‘ nun wieder heim – denn du hast uns genugsam erbaut – und bete für uns!“ Da ging er in Ehren hinweg.

Wiederum ein ander Mal erzählte Makarius: „Nachdem ich alle frommen Übungen versucht hatte, wonach mich verlangte, regte sich der Wunsch in meiner Seele, fünf Tage nichts anderes zu tun als unverwandt meinen Sinn auf Gott zu richten. Ich schloß den Zugang meiner Zelle, um keinem Menschen Rede stehen zu müssen. So verblieb ich bereits den zweiten Tag und mahnte meine Seele: Steige nicht herab vom Himmel! Da hast du die Engel und Erzengel, die hocherhabenen Kräfte, die Cherubim und Seraphim, den Gott, der alles erschaffen hat. Steig‘ also nicht herab vom Himmel! Nachdem ich zwei Tage und zwei Nächte ausgehalten hatte, geriet der Teufel in solche Wut, daß er zur Feuerflamme ward und alles verbrannte, was in meiner Zelle war, und auch die Matte, worauf ich stand, Feuer fing und ich selbst verbrannt zu werden glaubte. Endlich am dritten Tage ließ ich ab aus Furcht, ich könnte meinen Geist nicht mehr gänzlich gesammelt halten, und mußte zur Betrachtung der Welt herabsteigen, damit es mir nicht als Stolz angerechnet werde.“

Als ich einmal zu Makarius kam, fand ich vor seiner Zelle den Priester eines Dorfes liegen; sein ganzer Kopf war von einer Krankheit, die man Krebs nennt, zerfressen, so daß man am Scheitel sogar den Knochen sah. Er war gekommen, um Heilung zu suchen, aber Makarius gewährte ihm keine Unterredung. Ich sagte deshalb zu ihm: „Ich bitte dich, erbarm‘ dich seiner und laß ihn sein Anliegen vortragen.“ Er gab mir zur Antwort: „Er ist nicht wert geheilt zu werden, denn das Leiden ward ihm zur Strafe geschickt. Willst du trotzdem, er solle geheilt werden, dann überred‘ ihn, vom priesterlichen Dienste fernzubleiben; denn er hat trotz unzüchtigen Umganges den Priesterdienst verrichtet und ist darum jetzt gestraft; wenn er das verspricht, wird Gott ihn heilen.“ Ich redete nun mit dem Sünder und dieser gelobte mir eidlich, des Priesteramtes nicht mehr zu walten. Nun ließ ihn Makarius zu sich kommen und sagte: „Glaubst du, daß es einen Gott gibt, dem nichts verborgen ist?“ Er sagte: „Ja.“ – „Konntest du Gott nicht verspotten?“ Er sagte: „Nein.“ – „Wenn du deine Sünde erkennest und einsiehst, weshalb die Strafe Gottes über dich kam, so bessere dich in Zukunft!“ Er bekannte nun seine Schuld und gab das Versprechen, niemals wieder die Sünde zu begehen, auch den priesterlichen Dienst nicht mehr zu verrichten, sondern in den Laienstand zurückzutreten. Nun legte Makarius ihm die Hand auf und er genas in wenigen Tagen und es wuchsen ihm die Haare wieder und er ging gesund hinweg.

Vor meinen Augen brachte man ihm einen Knaben, der von einem argen Teufel besessen war. Er legte ihm die eine Hand auf das Haupt, die andere auf das Herz und betete, bis das Kind in der Luft schwebte. Der Leib des Knaben schwoll wie ein Schlauch, so daß er am ganzen Leibe mit Rotlauf behaftet schien. Plötzlich stieß er einen Schrei aus; Wasser drang ihm aus allen Organen und er bekam wieder den gewöhnlichen Leibesumfang. Nachdem er ihn noch mit Öl gesalbt und mit Wasser begossen hatte, gab er ihn dem Vater zurück und gebot ihm, vierzig Tage weder Fleisch noch Wein zu genießen. So gab er ihm die Gesundheit.

Ehrgeizige Gedanken plagten ihn einst, er solle die Zelle verlassen und aus edler Absicht nach Rom reisen, um Kranke zu heilen, denn er besaß große Macht über die bösen Geister. Trotzdem die Versuchung lange dauerte, gab er nicht nach. Zuletzt warf er sich auf die Türschwelle nieder, streckte die Füße nach außen und sagte: „Zieht, ihr Teufel, zieht! Denn ich gehe nicht fort mit meinen eigenen Füßen; könnt ihr mich wegbringen, so will ich gehen.“ Und er schwor ihnen: „Ich bleibe liegen bis zum Abend, und wenn ihr mich nicht wegschaffet, will ich auf euch nicht hören.“ Nachdem er lange dort gelegen hatte, stand er auf. Sie setzten ihm, als die Nacht gekommen war, von neuem zu. Da nahm er einen großen Korb, der zwei Scheffel faßte, füllte diesen mit Sand, lud ihn auf die Schultern und trug ihn durch die Wüste umher. Einer von den Vorstehern, der Antiochener Theosebius, begegnete ihm und sagte: „Was trägst du da, Vater? Laß mich deine Bürde nehmen und plage dich nicht mehr länger.“ Doch Makarius sprach: „Ich plage den, der mich plagt; denn unablässig treibt er mich an, in die Ferne zu wandern.“ Nachdem er lange Zeit seine Last umhergeschleppt und den Leib ermüdet hatte, ging er in seine Zelle zurück.

Der selige Makarius – er war nämlich Priester – hat uns auch erzählt: „Ich gewahrte zur Zeit der Austeilung der Geheimnisse, daß niemals ich es war, der dem Asketen Markus die Opfergabe reichte, sondern ihm gab sie ein Engel vom Altare. Nur den Finger sah ich von der Hand des Spenders.“ Der genannte Markus war ziemlich jung, überaus sanftmütig und enthaltsam und wußte das Alte und Neue Testament auswendig.

Eines Tages ging ich bei gelegener Zeit zu ihm, der schon im höchsten Greisenalter stand. Ich setzte mich vor seine Türe um zu hören, was er rede, und wahrzunehmen, was er tue, denn ich hielt ihn für ein übermenschliches Wesen. Er war ganz allein drinnen. Er zählte schon über hundert Jahre und hatte keine Zähne mehr. Eben stritt er mit sich selbst und mit dem Teufel, indem er sagte: „Was willst du denn, elender Alter? Brot hast du gegessen und Wein getrunken. Was willst du noch mehr, alter Vielfraß?“ So schalt er sich selbst, dann den Teufel: „Bin ich dir etwas schuldig? Nichts kannst du finden. Mach‘, daß du fortkommst!“ Dann schien er wieder mit sich selbst zu plaudern: „He, du Vielfraß! Wie lange muß ich bei dir noch aushalten?“

Sein Schüler Paphnutius erzählte, daß eines Tages eine Hyäne ihr Junges, das blind war, nahm und zu Makarius brachte; sie pochte mit dem Kopf an die Türe, ging hinein, wo Makarius saß, und warf ihm das Junge zu Füßen. Der Heilige nahm es, spuckte ihm in die Augen und betete, und sogleich ward es sehend. Nachdem die Mutter es gesäugt hatte, nahm sie es wieder und ging davon. Am nächsten Tage brachte sie dem Heiligen ein großes Schaffell. Die heilige Melania hat erzählt, sie habe dieses Fell vom Heiligen als Geschenk erhalten. Soll man sich wundern, daß jener, der die Löwen Daniels zähmte, der Hyäne solches Verständnis gab?

Er sagte: „Seit ich getauft wurde, hab‘ ich niemals auf den Boden gespuckt“. Es war aber seit seiner Taufe das sechzigste Jahr. Er war unscheinbar und schwächlich von Gestalt, Barthaare trug er nur auf den Lippen und an der Kinnspitze, denn sie wuchsen ihm sonst nicht vor übermäßiger Abtötung.

Einst kam ich bedrängten Geistes zu ihm und sagte: „Vater, was soll ich anfangen? Es plagt mich der Gedanke: „Du tust nichts; geh fort von hier!“ Da sprach er: „Antworte nur: Ich will um Christi willen diese Mauern hüten.“

Ich habe Dir damit einiges über den heiligen Makarius kundgemacht.

19. Moses der Räuber.

Moses, ein Äthiopier von schwarzer Hautfarbe, war Sklave eines Staatsbeamten, doch jagte sein Herr ihn fort, weil er von störrigem Wesen und ein Räuber war; man erzählte sogar Mordtaten, die er auf dem Gewissen hatte. Wie tief er gesunken war, muß ich berichten, damit ich desto deutlicher zeigen kann, wie tugendhaft er als Büßer geworden ist. Wenigstens ging das Gerücht, er sei sogar Hauptmann einer ganzen Räuberbande gewesen. Wie gewandt er sein Handwerk betrieb, ersieht man aus folgendem Beispiel.

Ein Hirte hatte nachts mit seinen Hunden ihn verscheucht, als er auf Beute schlich. Diesen beschloß er aus Rache zu töten. Er forschte nun aus, wo seine Schafhürde sei; man sagte, jenseits des Stromes. Obwohl eben die Zeit der Nilschwelle war und die Strombreite gegen eine Meile betrug, schwamm er dennoch hinüber. Das Messer hielt er mit den Zähnen fest und den Leibrock trug er auf dem Kopfe. Doch der Hirte fand noch Zeit zu entwischen und vergrub sich im Sande. Da suchte Moses vier der stattlichsten Widder aus, schlachtete sie, band sie an einen Strick und schwamm zurück an das andere Ufer. Hier zog er ihnen die Haut ab, aß die besten Fleischteile, vertauschte die Felle für Wein, trank mindestens gegen achtzehn italienische Sester und ging dann fünfzig Meilen weit bis an den Ort, wo seine Räuberbande lag.

Dieser ganz verworfene Mensch bekehrte sich lange danach durch einen Zufall, ging in ein Kloster und tat so strenge Buße, [daß er sogar einen Genossen, der von Jugend auf an seinen Untaten teilnahm, zur Erkenntnis Christi führte]. Während er nämlich eines Tages in seiner Zelle saß, überfielen ihn vier Räuber, die nicht wußten, wen sie vor sich hatten. Er knebelte sie, lud sie gleich einem Sack voll Spreu auf den Rücken, trug sie zu den Brüdern in die Kirche und sprach: „Ich darf ja niemand ein Leid zufügen; sagt mir also, was soll mit diesen da geschehen?“ Die Räuber legten nun ein Bekenntnis ab. Als sie dann erfuhren, daß dieser Moses der ehedem so berüchtigte Räuber war, priesen sie Gott und entsagten, durch sein Beispiel bewogen, der Welt, indem sie dachten: „Der so viele Verbrechen beging und noch dazu der Rädelsführer war, hat angefangen Gott zu fürchten. Wie sollten wir da noch zögern, unser Heil zu wirken?“

Der genannte Moses wurde von Teufeln entsetzlich geplagt; sie wollten ihn zur Unzucht verleiten. Nach seinem eigenen Geständnis wurde die Versuchung so heftig, daß er nahe daran war, seinem Vorsatz untreu zu werden. Er ging deshalb zu Isidor dem Großen in die sketische Wüste, klagte diesem seine Bedrängnis und erhielt darauf diesen Bescheid: „Verzage nicht! Das ist nur der Streit eines anfangenden Menschen; darum sind diese Versuchungen auffallend stark. Denn wie ein Hund auf dem Fleischmarkte nicht abläßt von seiner Gier, dann aber davongeht, wenn die Halle geschlossen wird, genau so kann auch der Teufel nichts Besseres tun als dir den Rücken kehren, wenn du standhaft bleibst.“ So ging denn Moses hin und tötete sich noch strenger ab, besonders im Essen. Er genoß nichts mehr außer zwölf Unzen trockenes Brot, tat die schwersten Arbeiten und verrichtete täglich fünfzig Gebete. Obgleich er seinen Leib so hart kasteite, plagten ihn dennoch unreine Begierden, sogar im Schlaf. Er suchte deshalb einen anderen Heiligen auf und sagte zu diesem: „Was soll ich tun? Traumbilder reizen meine Seele zur Unzucht.“ Jener sagte: „Weil du deine Phantasie bis jetzt in diesem Punkte nicht gereinigt hast, mußt du folgendes tun: Wache während der Nächte, faste und bete, dann wirst du bald befreit sein.“ Nachdem er diesen Rat vernommen hatte, ging er in seine Zelle und nahm sich vor, die ganze Nacht zu wachen, ohne ein Knie zu beugen. Nun blieb er sechs Jahre lang in seiner Zelle; die Nächte stand er betend inmitten des Raumes, ohne nur ein Auge zu schließen, doch gelang es ihm nicht, den Sieg davonzutragen. Da sann er ein anderes Mittel aus. Er ging zur Nachtzeit vor die Zellen der alten und strengsten Asketen, nahm insgeheim ihre Wasserkrüge und füllte sie mit Wasser. Denn sie müssen das Wasser weit herholen, die einen zwei Meilen weit, die andern fünf, andere eine halbe Meile. Der Teufel wurde wütend darob, lauerte deshalb in einer Nacht und schlug ihn, als er zum Brunnen sich bückte, mit einer Keule so heftig um die Lenden, daß er wie tot liegen blieb und nicht mehr wußte, was ihm zugestoßen war. Am nächsten Tage kam jemand, um Wasser zu holen, fand ihn liegen und meldete das dem großen Isidor, der Priester in der Sketis war. Dieser nahm und trug ihn in die Kirche; nun lag er krank ungefähr ein Jahr und genas an Leib und Geist nur mühsam. Da sagte Isidor der Große: „Moses, laß ab, mit den Teufeln dich zu messen; denn auch in mutiger Askese gibt es ein Maß,“ Doch jener sagte: „Ich lasse solange nicht ab, bis die Teufel von mir lassen mit den unreinen Bildern.“ Isidor sprach: „Im Namen Jesu Christi sollen deine Traumbilder ein Ende haben! Jetzt aber nimm voll Zuversicht an den Geheimnissen teil! Denn zu deinem Nutzen wurdest du besiegt, damit du nicht hochmütig würdest.“ Da ging Moses wieder in seine Zelle zurück. Nach etwa zwei Monaten gab er auf Isidors Fragen zur Antwort, er sei nun verschont geblieben. Und solche Macht ward ihm gegeben über die Teufel, daß er sie weniger fürchtete als unsereiner die Fliegen.

So beschaffen war der Wandel des Äthiopiers Moses, daß man ihn zu den großen Vätern rechnete. Nachdem er Priester geworden war in der sketischen Wüste, starb er im Alter von fünfundsiebzig Jahren und hinterließ siebzig Schüler.

20. Paulus von Pherme.

In Ägypten liegt ein Gebirge, das sich gegen die große Wüste der Sketis erstreckt und Pherme1 genannt wird. Dort hausen an fünfhundert Männer in strenger Abtötung; darunter war ein gewisser Paulus, der diese Lebensweise hatte: Er befaßte sich mit keiner Arbeit noch irgendeinem Anliegen und nahm als Geschenk nur soviel, als ihm zum Essen unbedingt nötig war. Er kannte nur eine Beschäftigung: unablässiges Gebet. Er hatte dreihundert bestimmte Gebete, las täglich genau soviel Steinchen zusammen, barg sie im Gürtel und warf bei jedem Gebet eines weg. Zum heiligen Makarius, der den Beinamen „der Städter“ führte, kam er einst auf Besuch und klagte: „Vater, ich bin in großer Not.“ Auf vieles Drängen gestand er endlich den Grund: „In einem Dorfe führt eine Jungfrau schon dreißig Jahre lang ein asketisches Leben. Man hat mir erzählt, daß sie nur am Sabbat und am Tage des Herrn etwas genießt, also jede Woche fünf Tage nüchtern bleibt; dabei verrichtet sie täglich siebenhundert Gebete. Darum hab‘ ich mir selber Vorwürfe gemacht, weil ich mehr als dreihundert nicht fertig bringe.“ Der heilige Makarius gab ihm zur Antwort: „Sechzig Jahre sind es, daß ich täglich hundert Gebete verrichte; zugleich verdiene ich mir durch Handarbeit den Unterhalt und widme den Brüdern soviel Zeit, als nötig ist. Dennoch kommt mir nie der Gedanke, daß ich nachlässig sei. Wenn dagegen dir trotz dreihundert Gebeten dein Gewissen Vorwürfe macht, so folgt daraus, daß du nicht andächtig betest oder daß du mehr beten könntest, als du wirklich betest.“

21. Eulogius und der Krüppel.

Kronius, der Priester von Nitrien, erzählte mir: Von Seelenangst getrieben entfloh ich als junger Mensch aus dem Kloster meines Archimandriten und wanderte bis zum Berge des hl. Antonius. Dieser wohnte nämlich zwischen Babylon und Herakleopolis tief in der weiten Wüste, die beiläufig zwanzig Meilen weit vom Flusse weg ihren Anfang nimmt und sich nach dem Roten Meere hin erstreckt. Ich kam in sein Kloster, das am Strome liegt und den Namen Pispir hat; da wohnen seine Schüler Makarius und Amatas, die seine Leiche begruben, als er entschlief. Ich wartete fünfzehn Tage lang, um den hl. Antonius zu treffen; denn es hieß, er komme zuweilen alle zehn Tage, zuweilen erst nach zwanzig, zuweilen nach fünfzehn, wie Gott ihn eben antrieb zum Besten jener, die das Kloster aufsuchten. Es fanden sich verschiedene Brüder ein, jeder mit einem anderen Anliegen, darunter ein Mönch, Eulogius von Alexandrien, und ein Krüppel. Diese beiden waren aus folgendem Anlaß gekommen:

Eulogius oblag den freien Künsten. Da wuchs in seiner Seele die Sehnsucht nach der Ewigkeit, so daß er aus dem Weltgetriebe fortging und Hab und Gut verschenkte. Nur etwas Geld behielt er, weil er kein Handwerk konnte. Nun sann er hin und her, welche Lebensweise für ihn die beste sei; ihm sagte weder das gemeinsame Leben zu, noch kam er zum Entschlusse, ganz allein zu bleiben. Da fand er einen Krüppel, der weder Hände noch Füße hatte, und verlassen auf dem Marktplatze lag; nur die Sprache besaß er, sodaß er die Vorübergehenden anbetteln konnte. Eulogius blieb stehen, besah den Armen lange Zeit und schloß im Gebete folgenden Vertrag mit Gott: „Herr, um Deines Namens willen nehm‘ ich diesen Krüppel an und pflege sein, bis er stirbt, damit auch ich durch ihn das Heil erlange. Gib mir Geduld, ihm zu dienen!“ Dann trat er zu dem Krüppel hin und sagte: „Beliebt es dir, Herr, so will ich zu mir in mein Haus dich nehmen und pflegen.“ Der andere sprach: „Von Herzen gern.“ Eulogius darauf: „Soll ich einen Esel holen und dich heimführen?“ Da jener zustimmte, ging er hin, holte den Esel, lud ihn darauf, brachte so den Krüppel in das bescheidene Heim und ließ ihm alle Sorgfalt angedeihen. So lebte dieser Krüppel fünfzehn Jahre. Dann ward er krank; Eulogius tat ihm alles, was man einem Kranken tun kann, badete und wusch ihn eigenhändig und gab ihm gute Kost. Aber nach jenen fünfzehn Jahren fuhr ein Teufel in den Krüppel und machte diesen Menschen so widerwärtig, daß er den Eulogius oft entsetzlich lästerte und schimpfte: „Packe dich, du schlechter Kerl! Anderen hast du das Geld gestohlen und möchtest jetzt durch mich das Heil erlangen. Bring‘ mich wieder auf den Marktplatz! Fleisch will ich haben.“ Eulogius gab ihm Fleisch. Gleich darauf schrie er schon wieder: „Das langweilige Leben halt‘ ich nimmer aus; Leute will ich sehen; auf den Marktplatz will ich. Was hältst du mich gefangen? Wirf mich hin, wo du mich gefunden hast!“ So wütend machte ihn der Teufel, daß er sich wohl selber den Tod gegeben hätte, wenn er nicht ohne Hände gewesen wäre. Da ging Eulogius zu frommen Männern, die gleich in der Nähe dem asketischen Leben oblagen, und sagte: „Was soll ich tun? Dieser Krüppel treibt mich zur Verzweiflung. Soll ich ihn auf die Straße setzen? Ich wag‘ es nicht; denn ich habe Gott ein Gelübde gemacht. Er verleidet mir das ganze Leben. Ich weiß mir keinen Rat.“ Jene sprachen: „Es lebt ja der Große noch“ – so nannten sie nämlich Antonius – „zu diesem geh‘, nimm den Krüppel in einem Boote mit dir, bring‘ ihn nach dem Kloster und warte, bis er aus der Wüste kommt; dann leg‘ ihm den Fall zur Beurteilung vor und handle seinem Bescheide gemäß, denn durch ihn redet Gott zu dir.“ Eulogius folgte diesem Vorschlag, lud den Krüppel in ein kleines Hirtenboot, verließ nachts die Stadt und trug ihn zu jenem Kloster, wo die Schüler des heiligen Antonius waren. Am späten Abend des folgenden Tages schon kam der Große, wie Kronius erzählte. Sein Mantel war aus Tierfellen zusammengenäht. Er ging in das Kloster und fragte nach seiner Gewohnheit den Makarius: „Bruder Makarius, sind etwa Brüder gekommen?“ Er sagte: „Ja.“ „Sind es Ägyptier oder solche von Jerusalem?“ Antonius hatte nämlich den Auftrag erteilt: „Siehst du, daß die Gäste nicht sonderlich fromm sind, dann sag‘ Ägypter! Sind sie dagegen sehr fromm und gesammelt, dann sage: Solche sind es von Jerusalem“ Heute gab Makarius die Antwort: „Sie sind gemischt.“ Sagte nämlich Makarius: „Ägyptier sind es“, dann erwiderte Antonius stets: „Bereit‘ ein Linsenmus und setze das ihnen vor!“ Dann sprach er jedesmal ein Gebet mit ihnen und entließ sie. Wenn aber Makarius sagte: „Die sind aus Jerusalem“, so blieb er die ganze Nacht hindurch bei ihnen sitzen und führte Gespräche, die dem Seelenheile förderlich waren. An jenem Abend nun setzte sich Antonius und ließ alle kommen. Obgleich niemand seinen Namen angegeben hatte, rief er durch das Dunkel: „Eulogius! Eulogius! Eulogius!“ Dreimal rief er, doch der Mann aus Alexandrien schwieg; denn er war überzeugt, es gelte das einem anderen Eulogius. Nun erhob Antonius wiederum die Stimme: „Dich mein‘ ich, Eulogius, der von Alexandrien gekommen ist.“ Eulogius entgegnete: „Was befiehlst du? ich bitte dich.“ „Was führt dich her?“ Eulogius darauf; „Der dir meinen Namen offenbarte, hat dir auch mein Anliegen offenbart.“ Antonius sprach: „Wohl weiß ich, weshalb du gekommen bist, doch sag‘ es vor allen Brüdern, damit auch sie es erfahren!“ Eulogius sagte: „Den Krüppel da fand ich auf dem Markte und machte Gott das Gelöbnis, ihn zu pflegen in seinem Elend, damit wir beide das Heil erlangen, ich durch ihn und er durch mich. Jetzt aber nach soviel Jahren quält er mich auf unerträgliche Weise, so daß ich auf den Gedanken kam, ihn zu verstoßen. Ich begab mich deshalb zu deiner Heiligkeit, damit du mir ratest, was ich tun soll.“ In strengem Tone sprach Antonius: „Du willst ihn also verstoßen? Der ihn erschaffen hat, verstößt ihn aber nicht. Willst du das wirklich tun? Dann wird Gott einen Besseren erwecken als dich; der wird dann seiner sich annehmen.“ Da schwieg Eulogius voll Angst. Nun wandte sich der Heilige zu dem Krüppel und wies ihn mit harten Worten zurecht, indem er rief: „Armseliger Krüppel! Du bist für Himmel und Erde zu schlecht. Wie lange noch willst du dich Gott widersetzen? Weißt du nicht, daß Christus selbst dich bedient? Wie kannst du es wagen Christus also zu schmähen? Hat nicht Eulogius um Christi willen es übernommen, dir Dienste zu leisten, als ob er ein Sklave wäre?“ So wies er auch diesen zurecht, redete dann zu den übrigen, wie sie es nötig hatten, und wandte sich am Ende nochmal an Eulogius und den Krüppel mit der Mahnung: „Begebt euch geraden Weges heim und trennt euch nicht voneinander, sondern bleibt in eurem Hause wie bisher! Gott wird euch holen lassen in kurzer Zeit. Jene Versuchung kam über euch, weil ihr beide schon nahe dem Ende seid und bald gekrönt werden sollt. Befolget alles genau, damit euch der Engel beisammen treffe!“ Da reisten sie eilends nach Hause. Vierzig Tage darauf starb Eulogius und ehe drei weitere Tage vergingen, war auch der Krüppel tot.

Kronius verweilte noch einige Zeit in der Gegend um die Thebais und ging dann hinab zu den Klöstern Alexandriens. Er kam eben an, als die Brüder den Vierzigsten des Eulogius und den Dritten des Krüppels begingen. Voll Staunen erfuhr es Kronius und erzählte vor allen Brüdern, was sich begeben hatte, beschwor es auf ein Evangelienbuch und fügte bei: „Das alles hab‘ ich Wort für Wort verdolmetscht, denn Antonius konnte nicht griechisch; ich verstehe beide Sprachen und übersetzte den einen alles in das Griechische und jenen ins Ägyptische.“

Weiterhin sagte Kronius: Der selige Antonius hat uns in jener Nacht erzählt: Ich betete ein volles Jahr. damit mir der Ort der Gerechten und der Sünder gezeigt werde. Und ich sah einen schwarzen Riesen von so gewaltiger Größe, daß er bis an die Wolken reichte; die Arme hielt er am Himmel ausgespannt; unter ihm lag ein See, groß wie das Meer; und ich sah die Seelen emporfliegen wie Vögel. Alle, die nun über sein Haupt und seine Hände hinaufgelangten, waren gerettet; alle, die der Riese mit den Händen traf, fielen in den See. Und eine Stimme rief mir zu: „Die Seelen, die du höher fliegen siehst, sind die Seelen der Gerechten, die sich retten in das Paradies; die anderen aber werden in die Hölle geworfen, weil sie den Gelüsten des Fleisches folgten und rachsüchtig waren.“

22. Paulus der Einfältige.

Kronius und der heilige Hierax und mehrere andere haben auch folgendes erzählt:
Paulus, ein Bauersmann, ungemein tugendhaft und von überaus großer Einfalt des Herzens, war mit einem sehr schönen, aber sittenlosen Weibe vermählt, das lange Zeit ohne sein Wissen ein sündhaftes Leben führte. Weil sich aber Gottes Vorsehung dieses Umstandes zum Besten für Paulus bedienen wollte, führte sie diesen eines Tages unerwartet vom Felde heim, und er überraschte sein Weib, wie sie mit ihrem Buhlen Schändliches tat. Da fing er eigentümlich zu lachen an und rief den beiden zu: „Gut! Gut! Mir liegt wahrhaftig nichts daran. Bei Jesu schwör‘ ich es, daß ich sie nimmer berühre. Geh‘ nur und nimm sie samt ihren Kindern; ich wandere fort und werde Mönch.“ Und ohne jemand ein Wort zu sagen, begab er sich zu den acht Klöstern, dann zum seligen Antonius und schlug an dessen Tür. Antonius trat hinaus und fragte: „Was willst du?“ Paulus sagte: „Mönch will ich werden.“ Da gab Antonius zur Antwort: „Du bist ein Greis von sechzig Jahren und kannst darum nicht Mönch werden. Kehre lieber in dein Dorf zurück und führ‘ ein gottgefälliges und arbeitsames Leben! Das rauhe Wüstenleben ist zu schwer für deinesgleichen.“ Der Greis entgegnete: „Befiehl nur, was du willst! Ich tu‘ alles.“ Antonius dagegen: „Ich hab‘ es dir schon gesagt; du bist ein Greis und kannst nicht; aber wenn du durchaus Mönch werden willst, dann geh‘ in ein Kloster; da sind mehr Mönche beisammen; die können leichter Nachsicht üben mit deiner Schwäche. Denn ich bin allein und warte stets fünf Tage, bis ich Speise nehme, und esse mich dann nicht einmal satt.“ Er suchte mit solcherlei Reden ihn abzuschrecken, schloß endlich die Türe vor ihm und trat seinetwegen drei Tage lang nicht heraus, nicht einmal um der natürlichen Bedürfnisse willen. Paulus aber wich keineswegs von der Stelle. Da nun Antonius am vierten Tage nicht umhin konnte, die Zelle zu verlassen, sprach er neuerdings: „Zieh‘ deines Weges, alter Mann! Was quälst du mich denn? Du kannst ja doch nicht dableiben.“ Paulus erwiderte: „Mir ist es gleichgültig, wo ich sterben muß, da oder anderswo.“ Wie nun Antonius sich umsah, nahm er wahr, daß der Fremde weder Brot noch andere Nahrung, nicht einmal Wasser bei sich trug, also bereits den vierten Tag nüchtern aushielt. Darum ließ er ihn eintreten, indem er sagte: „Du könntest sterben und ich bekäme dann ein Schandmal auf die Seele.“ Während jener Tage führte nun Antonius eine so strenge Lebensweise, wie nicht einmal in seiner Jugend. Er tauchte Palmzweige in Wasser und sagte: „Da nimm und hilf mir Stricke flechten!“ Der Greis begann zu flechten und mühsam flocht er fünfzehn Klafter bis um die neunte Stunde. Da trat Antonius hinzu, musterte die Arbeit und war nichts weniger als zufrieden. „Schlecht geflochten!“ sprach er, „das alles trennst du wieder auf, um es nochmal zu flechten.“ So tat er, um den Greis, der noch immer nüchtern war, unwillig zu machen und zu vertreiben. Paulus trennte nun alles auf und flocht es zum zweiten Male mit noch größerer Mühe, weil die Zweige nun verbogen und zerknittert waren. Daß er weder seufzte noch mißmutig und verdrossen war, änderte den Sinn des Antonius. Er sprach deshalb bei Sonnenuntergang: „Sollen wir vielleicht ein Stücklein Brot essen?“ Paulus sagte: „Wie du willst, Vater.“ Daß er nicht sofort zum Essen sich anschickte, sobald er davon hörte, sondern dem Antonius die Wahl ließ, gewann ihm noch mehr dessen Herz. Dieser stellte nun den Tisch zurecht, brachte Brote, die geröstet waren, ein jedes zu sechs Unzen, und machte für sich selber eines im Wasser feucht, für Paulus dagegen drei. Er stimmte darauf einen Psalm an, den er auswendig wußte, sang ihn zwölf Mal und fügte zwölf Gebete bei, um Paulus auf die Probe zu stellen. Doch dieser betete geduldig mit; denn er hätte, wie mir scheint, lieber Skorpionen gehütet als mit einem ehebrecherischen Weibe zusammengelebt. Nach den zwölf Gebeten setzte man sich endlich. Es war schon am späten Abend. Antonius aß das eine Brot; ein zweites nahm er nicht. Der Greis indessen aß langsamer und war mit dem ersten noch nicht fertig. Antonius wartete, bis er am Ende war, und sagte sodann: „Iß noch ein Brot, Vater!“ Paulus erwiderte: „Wenn du issest, will auch ich essen; willst du dagegen nicht, so will ich gleichfalls nicht.“ Antonius sagte: „Mir genügt es, ich bin ja Mönch.“ Paulus darauf: „Mir ebenso, denn ich will es werden.“ Nun erhob sich Antonius, sprach wieder zwölf Gebete, sang wieder zwölf Psalmen, schlief sodann kurze Zeit, erhob sich um Mitternacht und oblag dem Psalmengebete bis Tagesanbruch. Weil er sah, daß der Greis unverdrossen alles mitmachte, sprach er zu ihm: „Wenn du Tag um Tag so leben kannst, bleib‘ bei mir!“ Paulus sprach: „Ich weiß nicht, ob du mir mehr befehlen wirst; was ich bisher gesehen habe, kann ich leicht tun.“ Da gab ihm Antonius zur Antwort: „Siehe, nun bist du Mönch!“

Nach einigen Monaten, als sich Antonius überzeugt hatte, wie vollkommen und einfältig seine Seele mit Gottes Gnade war, machte er ihm, drei bis vier Meilen weit entfernt, eine Zelle und sprach: „Siehe, du bist nun Mönch. Bleib jetzt allein, damit auch die Teufel dich erproben!“ Dort wohnte Paulus ein Jahr und es ward ihm Macht gegeben, böse Geister auszutreiben und Kranke zu heilen. So brachte man einst dem Antonius einen Menschen, der von einem Teufel hohen Ranges besessen war; dieser böse Geist stieß Lästerungen sogar wider den Himmel aus. Antonius hörte das und sagte zu denen, die den Menschen herbeigeführt hatten: „Das ist kein Geschäft für mich, denn über diese Rangstufe der Teufel ist mir noch keine Gewalt verliehen; das ist etwas für Paulus.“ Dann begab er sich zu diesem und sagte: „Vater Paulus, treibe diesen Teufel aus dem Menschen, damit er gesund nach Hause gehe!“ Paulus entgegnete: „Warum tust du das nicht selbst?“ Antonius darauf: „Ich habe keine Zeit: ich hab‘ anderes zu tun.“ Und er ging hinweg nach seiner eigenen Zelle. Nun erhob sich der Greis, betete mit aller Kraft und sagte zu dem Besessenen: „Vater Antonius gebietet dir auszufahren von diesem Menschen!“ Da fing der Teufel zu lästern an und rief: „Ich gehe nicht, du alter Taugenichts!“ Da nahm Paulus seinen Schafpelz, schlug ihn damit auf den Rücken und sprach: „Ausfahren sollst du, gebietet Vater Antonius.“ Da schmähte der Teufel über Antonius und ihn selbst noch ärger. Endlich sagte Paulus: „Heb‘ dich fort! Sonst – so wahr Christus lebt! – geh‘ ich und sag‘ es ihm. Er kann dich gewaltig züchtigen.“ Da fing der Teufel neuerdings an zu lästern und schrie: „Nein, ich gehe nicht!“ Nun wurde Paulus zornig auf den bösen Geist und verließ seine Herberge genau zur Mittagzeit. Ägyptens Sonnenhitze gleicht aber dem Feuerofen Babylons. Er stellte sich auf einen Felsen des Gebirges und betete: „Jesu Christe, gekreuzigt unter Pontius Pilatus, du sollst sehen, daß ich von diesem Felsen nicht herabsteige, daß ich weder essen noch trinken werde, bis ich zugrunde gehe, wenn du diesen Menschen nicht befreiest und den Teufel austreibst.“ Er hatte noch nicht ausgeredet, da schrie schon der böse Geist: „Wehe! nun muß ich fort. Der einfältige Paulus treibt mich von dannen. Wohin soll ich gehen?“ Augenblicklich fuhr der Teufel aus und verwandelte sich in einen ungeheuren, siebzig Fuß langen Drachen, der in das Rote Meer fuhr, so daß jener Ausspruch in Erfüllung ging: „Den Glauben, der sich offenbart, verkündet der Gerechte“. Ein solches Wunder wirkte Paulus, den alle Brüder den Einfältigen nannten.

23. Pachon.

Ein gewisser Pachon, etwa siebzig Jahre alt, war in der sketischen Wüste. Nun begab es sich, daß mir die Begierde nach einem Weibe kam und keine Ruhe ließ weder bei Tag in meinen Gedanken noch bei Nacht im Traume. Schon war ich daran, die Einöde zu verlassen; so gewaltig wuchs die Leidenschaft. Den eigenen Nachbarn verschwieg ich es, sogar meinem Lehrer Euagrius. Insgeheim ging ich nach der großen Wüste. Da blieb ich fünfzehn Tage bei den Vätern, die dort alt geworden waren. So traf ich mit Pachon zusammen. Ich faßte, sobald ich dessen lauteres Wesen und abgetöteten Wandel sah, den Mut, ihm mein Herz zu offenbaren. Er sagte darauf: „Sei nicht allzu verwundert ob dieser Sache! Du hast sie nicht durch Leichtsinn heraufbeschworen; das beweist dir dein Aufenthalt, desgleichen die Mäßigung in Speise und Trank sowie der Umstand, daß du ferne bist von weiblichen Wesen. Es hängt das vielmehr mit dem Streben nach Tugend zusammen; dreifach ist ja der Kampf des Fleisches. Zuweilen wird es widerspenstig, weil es ihm zu gut ergeht; zuweilen sind die Gedanken schuld; zuweilen auch der Neid des Teufels. Denn ich habe mit Eifer acht gegeben und es so gefunden. Du siehst, ich bin ein alter Mann; ich wohne schon vierzig Jahre lang in dieser Zelle und sorge für mein Seelenheil; doch Versuchungen hab ich sogar in diesem Alter.“ Und er beteuerte mir unter einem Eide folgendes Begebnis:

„Zwölf Jahre, von meinem fünfzigsten ab, quälte mich der Teufel jede Nacht. So kam ich zu dem Schlusse, Gott habe mich verlassen; darum habe Satan solche Macht über mich; und ich wollte lieber elendiglich zugrunde gehen als ein schändliches Dasein führen in Sinnlichkeit. Ich ging hinaus und wanderte durch die Wüste, bis ich eine Hyänenhöhle fand. Ich legte mich bei Tage nackt hinein, damit die Tiere mich fressen, sobald sie herausgingen. Nun kam der Abend, wie geschrieben steht: „Du führest Finsternis herauf; da wird es Nacht; da schleichen umher alle Tiere des Waldes“. Jetzt traten die beiden Bestien hervor und berochen und beleckten mich vom Kopfe bis zu den Füßen. Aber als ich schon erwartete, sie würden mich zerreißen, gingen sie weg. Die ganze Nacht hindurch lag ich dort, doch sie fraßen mich nicht. Ich erkannte daraus, daß Gott mich verschonen wollte und kehrte deshalb in meine Zelle zurück. Nun blieb mir der Teufel einige Tage fern, plagte mich aber dann noch ärger als zuvor, so daß ich nahe daran war, Gott zu lästern. Er nahm die Gestalt eines äthiopischen Mädchens an, das ich in jungen Jahren zur Sommerszeit Ähren sammeln sah, setzte sich mir auf den Schoß und erregte mich so, daß ich Unzucht mit ihr zu treiben glaubte. Da kam ich zur Besinnung und gab ihr eine Ohrfeige, vorauf sie verschwand. Die Folge war, daß ich zwei Jahre lang den üblen Geruch meiner Hand nicht ertragen konnte. Ich irrte nun kleinmütig und verzagt durch die Wüste. Nun fand ich eine kleine Schlange. Diese nahm ich und hielt sie mir an die Zeugeglieder, um an dem Bisse zu sterben. So sehr ich aber den Kopf des Tieres an die Scham drückte, biß es mich keineswegs. Da vernahm ich eine Stimme, die zu mir in meinem Innern sprach: „Geh‘ deines Weges, Pachon, und kämpfe! Nur deshalb ließ ich so heftige Drangsal über dich kommen, damit du nicht hochmütig würdest, als vermöchtest du etwas aus eigener Kraft; du sollst vielmehr, deiner Schwäche bewußt, nicht deinem eigenen Wandel vertrauen, sondern Gottes Beistand suchen.“ Ich kehrte zurück voll Zuversicht, setzte mutig meine Lebensweise fort, kümmerte mich um keine Versuchung und lebte die Folgezeit friedlich dahin. Der Teufel wußte ja, wie wenig Achtung ich vor ihm besaß und ließ mich unbehelligt.“

24. Stephanus.

Stephanus, ein Libyer, hatte gegen sechzig Jahre seinen Wohnsitz in der Gegend zwischen dem Mareotissee und der Marmarika. Sein Leben war überaus streng und er hatte die Gabe der Unterscheidung in solchem Grade, daß jeder Trauernde, mit welchem Leid belastet er auch kam, getröstet fortging. Er war auch mit dem seligen Antonius bekannt und lebte bis auf unsere Tage. Selber traf ich ob der weiten Entfernung nie zusammen mit ihm, aber die Genossen des Ammonius und Euagrius hatten ihn besucht und erzählten mir:

Da wir hinkamen, war er mit einer schrecklichen Krankheit behaftet; er hatte nämlich an den Schamteilen ein Geschwür, das man Krebs zu nennen pflegt. Eben machte sich ein Arzt an seinem Leibe zu schaffen; er aber unterhielt sich mit uns und flocht Palmzweige, gleichsam als ob ein Fremder, nicht er selbst, mit dem Messer behandelt würde. Die Glieder wurden ihm wie Haare weggeschnitten; doch empfand er durch Gottes gnadenvolle Fügung keinen Schmerz. Weil wir tiefbetrübt waren, daß er trotz seines Wandels soviel leiden müsse, sprach er: „Kinder, nehmt kein Ärgernis! Gott tut ja nichts in böser Absicht, sondern alles nur in guter. Es könnte sein, daß diese Glieder Züchtigung verdienten. Nun ist es besser, sie büßen jetzt als am Ende der Laufbahn.“ So trostvoll und erbaulich war seine Rede.

Das hab‘ ich berichtet, damit sich niemand wundere, wenn er heilige Männer von solchem Leid betroffen sieht.

25. Valens.

Valens war von Geburt ein Palästinenser, doch dem Geiste nach ein Korinthier; hat doch der heilige Paulus den Korinthiern als Laster vorgeworfen, sie seien aufgeblasen. Der genannte Valens kam in die Wüste, wohnte mit uns eine Reihe von Jahren und überhob sich zuletzt in solchem Maße, daß ihn die Teufel betrogen. Sie erweckten in ihm allmählich den stolzen Wahn, es verkehrten Engel mit ihm. Wenigstens wird erzählt, daß er einmal bei der Arbeit im Finstern den Pfriemen verlor, den er beim Korbflechten gebrauchte. Da sei der Teufel mit einer Lampe gekommen und habe den Pfriemen gesucht. Das bot ihm erneuten Anlaß zum Hochmut und er überhob sich in einer Weise, daß er es nicht mehr der Mühe wert hielt, an den Geheimnissen teilzunehmen. Nun begab es sich, daß Gäste kamen und Nüsse für die Brüderschaft in die Kirche brachten. Der heilige Makarius, unser Priester, nahm sie und sandte jedem eine Handvoll in die Zelle, darunter auch zu Valens. Dieser packte sie, schlug und schimpfte den Überbringer und rief: „Geh‘ hin und sag‘ dem Makarius: Ich bin nicht schlechter als du, daß du mir Eulogien schicken müßtest.“ Nun erkannte Makarius, daß Valens einer Täuschung zum Opfer gefallen war. Am nächsten Tage ging er hin, ließ ihn rufen und sagte: „Valens, du bist in Irrtum geraten; laß ab davon!“ Weil er aber auf seine Mahnungen nicht hörte, ging er hinweg. So gelangte der Teufel zur festen Überzeugung, daß er im höchsten Grade verblendet war, ging hin, verwandelte sich in den Erlöser und kam als nächtliches Trugbild, von tausend Engeln umgeben, die brennende Leuchten trugen. Er selber, mitten im Lichterglanze, sah dem Erlöser gleich; er sandte einen als Boten voraus, der zu Valens sagen mußte: „Christus hat dich lieb gewonnen ob deines Wandels und offenen Wesens; nun kommt er, dich zu sehen. Geh‘ hinaus vor deine Zelle! Sobald du ihn erblickest, wirf dich nieder auf dein Angesicht und bet‘ ihn an und geh‘ wieder zurück in deine Zelle!“ So ging er denn hinaus, sah das strahlende Gefolge und, ein Stadium weit entfernt, den Antichrist, fiel nieder auf sein Angesicht und betete ihn an. Am nächsten Tage war sein Wahnsinn so gewachsen, daß er in die Kirche kam und den versammelten Brüdern zurief: „Ich habe nicht nötig an den Geheimnissen teilzunehmen, denn heute hab‘ ich Christum selber gesehen.“ Da banden ihn die Väter, legten ihm ein Jahr hindurch Fußfesseln an und brachten ihn zur Besinnung. Durch Gebet, Demütigungen und strenge Behandlung heilten sie seinen Wahn, wie ein Sprichwort heißt: „Gegensatz muß Gegensatz vertreiben“.

Wie schon bei den heiligen Paradiesesbäumen das berühmte Holz der Erkenntnis des Guten und des Bösen stand, so muß ich in diesem Büchlein auch den Wandel solcher Menschen erzählen zur Warnung der Leser, damit sie, wenn ihr Tugendstreben nach irgend einer Richtung von Erfolg begleitet ist, nicht stolz darauf werden. Denn oft wird sogar die Tugend ein Anlaß zum Falle, wenn sie nicht in der rechten Absicht vollbracht wird; steht doch geschrieben: „Ich sah den Gerechten zugrunde gehen in seiner Gerechtigkeit, und auch das ist Eitelkeit“.

26. Heron.

Ein gewisser Heron aus Alexandrien wohnte nahe bei mir. Er war ein junger Mann von feinen Formen, verständig an Geist und tadellos im Wandel. Nachdem er strenge gelebt hatte, befiel ihn unbändiger Hochmut, so daß er mit Verachtung auf die Väter sah und sogar den seligen Euagrius schmähte mit den Worten: „Die deiner Lehre folgen, gehen irre; denn man darf keinen anderen Lehrer haben als Christum allein.“ Er drehte diese Stelle zugunsten seiner Torheit, indem er sagte: „Der Heiland selber hat den Ausspruch getan: Nennet niemand auf Erden Lehrer!“ So weit geriet er in seiner Verblendung, daß man später auch ihm Ketten anlegen mußte, denn er weigerte sich, zu den Geheimnissen zu kommen. Doch die Wahrheit in Ehren! In so harter Abtötung lebte dieser Mann, daß er nach dem Zeugnisse jener, die mit ihm verkehrten, oft drei Monate lang nichts genoß, abgesehen von der Teilnahme an den Geheimnissen und wilden Kräutern, wenn er gelegentlich solche fand. Ich konnte mich selbst überzeugen von seiner Lebensweise, während ich mit dem seligen Albanius nach der sketischen Wüste ging. Diese lag vierzig Meilen von uns entfernt. Wir aßen zweimal auf dem ganzen Weg und tranken dreimal Wasser; Heron aber nahm nicht das mindeste, schritt wacker aus und sagte zudem fünfzehn Psalmen aus dem Gedächtnis auf, dann den Hebräerbrief, den Isaias, ein Stück aus Jeremias, dann das Evangelium des Lukas, dann die Sprichwörter. Trotzdem konnten wir kaum gleichen Schritt mit ihm halten. Zuletzt litt es ihn nicht mehr in seiner Zelle, gleichsam als ob er Feuer unter den Füßen habe. Durch Gottes Zulassung kam er infolgedessen nach Alexandrien. Da schlug er, wie man gewöhnlich sagt, den einen Nagel mit dem andern aus. Nun ergab er sich einem leichtsinnigen Lebenswandel, fand aber trotzdem später noch das Heil. Er hielt sich in Theater und Rennbahn auf und trieb sich in den Schenken herum. Dann ergab er sich der Unmäßigkeit in Speise und Trank und fiel in den Schmutz geschlechtlicher Leidenschaft. Eine Schauspielerin bot ihm willkommene Gelegenheit zur Sünde. Nun bekam er am Zeugeglied ein Geschwür und war sechs Monate lang so krank, daß seine Schamteile faulten und abfielen. Längere Zeit, nachdem er sie verloren hatte, genas er, ging in sich, begab sich in die Wüste zu den Vätern und bekannte diesen alles. Ein neues Leben zu beginnen war ihm unmöglich, denn er starb schon einige Tage darauf.

27. Ptolemäus.

Wiederum ein anderer, Ptolemäus mit Namen, führte so sonderbare Lebensweise, daß man sie schwerlich oder überhaupt nicht beschreiben kann. Er lebte jenseits der Sketis an der sogenannten Stiege. So heißt nämlich ein Ort, wo niemand wohnen kann; denn er liegt vom Brunnen, den die Brüder haben, achtzehn Meilen entfernt. Ptolemäus schleppte große Krüge voll Wasser hin und sammelte während der Monate Dezember und Januar den Tau, der da zuweilen reichlich fällt, mit einem Schwamm aus den Felsritzen. Trotz dieser armseligen Verhältnisse blieb er volle fünfzehn Jahre. Weil er aber den heiligen Männern entfremdet ward, ihren heilsamen Umgang entbehrte, desgleichen an den Geheimnissen nicht beständigen Anteil nahm, wich er soweit vom rechten Wege, daß er sich zu der Behauptung verstieg, das alles habe keinen Wert. Dann ergab er sich der Trunkenheit und Völlerei; so treibt er sich heute noch in Ägypten umher und kümmert sich um keinen Menschen. Das alles kam über Ptolemäus infolge seines tollen Wahnes, wie geschrieben steht: „Die ohne Leitung leben, fallen ab wie die Blätter“.

28. Die gefallene Jungfrau.

Ich lernte zu Jerusalem auch eine Jungfrau kennen, die sechs Jahre lang nur grobe Leinwand trug und eingeschlossen lebte. Was immer nur ein Menschenherz erfreuen mag, verschmähte sie. Doch später wurde sie unbändig stolz und fiel. Sie ließ den Diener durch die Fensteröffnung zu sich hinein und sündigte mit ihm. Sie hatte ja die Abtötung nicht erwählt in edler, sondern in schlechter Absicht, nicht Gott zuliebe, sondern aus Eitelkeit, um Menschen zu gefallen. Freilich war auch ihr unablässiges Urteilen über den Nächsten keine Schutzwehr für ein enthaltsames Leben.

29. Elias.

Ein Asket, Elias genannt, schätzte die Jungfrauen sehr; es gibt ja Seelen, die durch treue Beharrlichkeit bis an das Ende zeigen, daß ihre Tugend echt ist. Aus Mitleid mit all den weiblichen Wesen, die ein asketisches Leben erwählten, baute nun Elias in der Stadt Athribe, woselbst er Güter besaß, ein stattliches Kloster, sammelte darin alle, die keinen festen Wohnsitz hatten, und sorgte für sie. Was immer zu ruhigem Dasein dienlich ist, das bot er ihnen: Gärten und Handwerkzeug und andere Dinge, die man nötig hat zum Lebensunterhalt. Weil aber die Jungfrauen zuvor in ganz verschiedenen Verhältnissen lebten, lagen sie beständig miteinander in Streit. So blieb für Elias nichts anderes übrig, als den Schiedsrichter zu spielen. Etwa dreihundert waren es und zwei Jahre lang war er vollauf beschäftigt, Frieden zu stiften. Weil er noch jung war – dreißig bis vierzig Jahre – stiegen unreine Begierden auf in seiner Seele. Darum entwich er aus dem Kloster und irrte hungernd zwei Tage durch die Wüste, während er beständig flehte: „Herr! Entweder töte mich, damit ich ihre Drangsal nicht länger sehen muß, oder nimm die Leidenschaft von mir, damit ich ruhig und besonnen für sie sorgen kann!“ Als es Abend wurde, schlief er ein in der Wüste. Da kamen, wie er selbst erzählte, drei Engel auf ihn zu, hielten ihn an und sagten: „Weshalb bist du fortgegangen aus dem Frauenkloster?“ Elias erzählte den Beweggrund und schloß: „Ich war in Angst, sie und mich zu verderben.“ Da sagten die Engel: „Angenommen, wir befreien dich von der Leidenschaft, bist du dann bereit, umzukehren und für die Jungfrauen auch weiterhin zu sorgen?“ Dazu verstand er sich. Sie verlangten, er müsse das eidlich geloben. Dies war nach seinem Berichte der Wortlaut der Formel: „Schwöre!“ sagten sie: „So wahr Gott für mich sorgt, will ich für jene sorgen.“ Nachdem er den Eid geleistet hatte, hielt ihm einer die Hände fest, der zweite die Füße; der dritte nahm ein scharfes Messer und schnitt ihm die Hoden aus, nicht in Wahrheit, sondern im Traum. Es schien ihm sodann im Gesichte – so darf man das Ganze wohl nennen – als heile die Wunde vollständig zu. Sie fragten ihn: „Fühlst du Besserung?“ Er sprach: „Mir ist um vieles leichter und ich glaube fest, daß ich von der Leidenschaft erlöst bin.“ Da sagten sie: „Nun zieh‘ deines Weges!“ Fünf Tage schon waren vergangen, seit er aus dem Kloster entwich, wo jetzt tiefe Trauer war. Er kam und blieb seitdem drinnen in einer abseits gelegenen Zelle und oblag somit aus nächster Nähe der Leitung jener Jungfrauen mit allem Eifer. Sein Leben währte noch vierzig Jahre. Den Vätern gab er die Versicherung: „Niemals regt sich die Leidenschaft in meiner Seele.“ Diese Gnade wurde jenem Heiligen zuteil, der so für jenes Kloster Sorge trug.

30. Dorotheus.

Sein Nachfolger war Dorotheus, ein Mann von treubewährtem Charakter, in Ehren und Arbeit ergraut. Weil es ihm aber unmöglich war, gleich Elias im Kloster selbst zu bleiben, schloß er sich gegenüber im ersten Stockwerk ein und brachte nach der Seite, wo das Frauenkloster lag, ein Fenster an, das er auf und zumachte. Beständig saß er am Fenster und ermahnte sie, keinen Streit zu führen. Dort oben im ersten Stockwerk blieb er bis in sein hohes Alter. Weder kamen die Weiber hinauf noch er selber hinab, denn es war keine Stiege da.

31. Piamun.

Es war eine Jungfrau, namens Piamun, die all ihre Lebensjahre bei der eigenen Mutter blieb, Leinwand spann und jeden zweiten Abend Speise genoß. Diese ward prophetischer Gabe gewürdigt. Nun traf es sich, daß zur Zeit der Nilschwelle die Bewohner eines Dorfes die des andern überfallen wollten. Um den Wasseranteil wird nämlich in Ägypten so gestritten, daß man sich zuweilen blutig schlägt oder tötet. Ein stärkeres Dorf also wollte den Heimatort Piamuns überfallen und in großer Anzahl brachen die Männer auf, mit Spießen und Keulen bewaffnet. Da trat ein Engel zu Piamun und offenbarte den schlimmen Anschlag der Feinde. Sie ließ sogleich die Priester des Ortes rufen und sprach: „Eilet hinaus und entgegen der Rotte, die von jenem Dorfe gegen uns auszieht, sonst geht ihr samt dem Dorfe zugrunde; bittet sie, vom Kampfe zu lassen!“ Die Priester jedoch gerieten in Angst und baten fußfällig: „Wir wagen es nicht, uns ihnen entgegenzustellen, denn wir kennen ihre sinnlose Wut. Wenn du barmherzig sein willst gegen das ganze Dorf und dein eigenes Haus, dann geh‘ ihnen selber entgegen!“ Diesem Vorschlag stimmte sie nicht bei, sondern stieg in ihr kleines Gemach hinauf und verharrte die Nacht hindurch – ohne nur ein Knie zu beugen – unablässig im Gebete und flehte zu Gott: „Herr, Du Richter dieser Welt, der am Unrecht kein Gefallen findet, laß mein Gebet zu Dir kommen und banne sie fest an der Stelle, wo sie gerade sind!“ Da wurden sie zur ersten Stunde, drei Meilen weit vom Dorfe, gleichsam festgenagelt, so daß sie nicht vorwärts konnten. Auch ward ihnen offenbart, daß sie durch das Gebet jener Jungfrau verhindert wurden. Sie sandten in das Dorf, baten um Frieden und ließen melden: „Danket Gott und den Gebeten Piamuns, denn sie haben uns aufgehalten.“

32. Pachomius und die Mönche von Tabennä.

Tabennä heißt ein Ort in der Thebais, an dem Pachomius war, ein Mann, der den rechten Weg ging, so daß ihm die Gabe der Weissagung verliehen ward und Engel erschienen. Er war von überaus großer Nächstenliebe beseelt, vor allem zu den Brüdern. Als er einst in der Höhle saß, kam ein Engel und sagte: „Für dich selber hast du gesorgt und sitzest darum zwecklos in deiner Höhle. Geh‘ fort und vereinige alle jungen Mönche und wohne mit ihnen zusammen und gib ihnen eine Regel nach dem Muster, das ich dir überreichen will!“ Und er gab ihm eine eherne Tafel, worauf geschrieben stand, wie folgt:

„Laß jedermann essen und trinken, soviel er nötig hat! Demgemäß gib auch jedem an Arbeit, was er tun kann! Hindere keinen weder am Essen noch am Fasten! Wer fähig ist mehr zu leisten, dem gebiete mehr zu leisten! Weniger jedoch denen, die schwächer sind oder sich strenger abtöten in Speise und Trank! Mache verschiedene Zellen in der Ansiedelung! In jeder Zelle sollen drei wohnen. Die Nahrung für alle soll in einem Hause bereitet werden. Schlafen sollen sie nicht liegend, sondern sich schräge Stühle fertigen, darüber Teppiche breiten und in sitzender Stellung schlafen. Zur Nachtzeit sollen sie linnene Mäntel haben und gegürtet sein. Jeder soll ein gegerbtes Ziegenfell tragen, das sie auch bei Tische nicht ablegen dürfen. Am Sabbat und am Tage des Herrn, wenn sie hingehen, um an den Geheimnissen teilzunehmen, sollen sie den Gürtel lösen, das Ziegenfell ablegen und nur in der Kukulle gehen. Die Kukullen sollen ungefüttert sein, wie sie bei Kindern gebräuchlich sind; ein purpurfarbenes Kreuz soll darauf eingebrannt sein. Teile sie in vierundzwanzig Gruppen und jeder gib als Kennzeichen einen griechischen Buchstaben, angefangen vom Alpha, Beta, Gamma, Delta, Epsilon, und so weiter!“

Wenn sich in der zahlreichen Genossenschaft einer nach den andern erkundigen wollte, so sagte man: Wie geht es der Abteilung Alpha? oder: Wie geht es dem Zeta? oder: Grüße mir das Rho! je nach dem zugehörigen Buchstaben.

„Jenen, die einfältigen, lauteren Wesens sind, sollst du das Jota geben; den Mürrischen und Verschlossenen aber das Xi“. Pachomius legte nun in dieser Weise jeder Abteilung einen Buchstaben bei gemäß Charakter, Willen und Wandel; doch wußten nur die geistig Gesinnten um die Bedeutung.

Auf der Tafel stand weiter geschrieben: „Kommt ein Gast aus einem anderen Kloster, wo man nicht dasselbe Zeichen führt, so darf er nicht essen und trinken mit diesen noch ihr Haus betreten, er wäre denn auf einer Reise begriffen.“

Wer um Aufnahme nachsucht, den lassen sie drei Jahre lang die eigentlichen Klosterräume nicht betreten; erst dann, wenn er sich in harten Prüfungen bewährte, wird ihm der Zutritt gestattet.

„Während der Mahlzeit müssen sie das Haupt verhüllen, damit kein Bruder den andern essen sehe. Auch dürfen sie nicht reden noch anderswohin blicken als auf Tisch und Teller. Den ganzen Tag über müssen sie zwölf Gebete verrichten: zur Zeit, da man die Lichter anzündet, zwölf; um Mitternacht zwölf und zur neunten Stunde drei. Jedesmal, wenn eine Gruppe zu Tische kommt, muß vor dem Gebet ein Psalm gesungen werden.“

Als Pachomius den Einwand erhob, die Zahl der Gebete sei zu klein, sagte der Engel: „So hab‘ ich sie festgesetzt, damit auch die Schwachen ohne Mißmut die Vorschrift befolgen können. Die Vollkommenen bedürfen keiner Vorschrift, denn sie widmen in ihren Zellen das ganze Leben frommer Betrachtung. Ich gab diese Regel für solche, die weniger Einsicht besitzen, damit sie wenigstens wie Knechte mittels dieser Vorschrift in Ruhe leben können.“

Solche Klöster, die nach diesem Vorbilde geordnet sind, gibt es ziemlich viele. Sie bergen an siebentausend Männer. Im ersten und größten wohnte Pachomius selbst. Dieses ist zugleich das Mutterkloster, von dem die anderen abstammen; es zählt dreizehnhundert Mönche. Darunter ist der edle Aphthonius, mein vertrauter Freund, der gegenwärtig die Stelle eines zweiten Obern bekleidet. Weil er ein durchaus nicht reizbares Gemüt hat, pflegen die Brüder ihn nach Alexandrien zu senden, damit er ihre Handarbeiten verkaufe und die nötigen Lebensmittel besorge. Ferner gibt es auch Klöster mit zweihundert oder dreihundert Insassen. So traf ich in Panopolis dreihundert. [In diesem Kloster fand ich fünfzehn Schneider, sieben Schmiede, vierzig Bauleute, zwölf Kamelwärter und fünfzehn Tuchscherer.] Sie treiben jedes Handwerk und beschenken aus dem Überschusse der Einnahmen Frauenklöster und Gefangene. [Auch treiben sie Schweinezucht. Als ich darob meinen Tadel aussprach, sagten sie: Bei uns ist es immer üblich gewesen Schweine zu halten, um Spreu, Gemüseabfälle und ungenießbare Speisereste, die man nutzlos wegwerfen müßte, verwenden zu können. Die Schweine werden geschlachtet, das Fleisch verkauft, die zarten Teile reicht man Kranken und alten Leuten; denn die Gegend ist arm und die Bevölkerung zahlreich. Es wohnt dort nämlich der Volksstamm der Blemmyer.] Sie stehen frühzeitig auf; die einen besorgen sodann die Küche, andere den Tisch, damit alles rechtzeitig in Ordnung sei. Sie legen Brot auf die Tische, Pflanzenkost, Oliven, Rinderkäse und Gemüse. Manche nehmen ihre Mahlzeit zur sechsten Stunde, andere zur siebenten, achten, neunten, elften oder am späten Abend; andere jeden zweiten Tag. Die Zugehörigen jedes Buchstabens wissen genau ihre Zeit. Was die Arbeit betrifft, sind sie auf die verschiedenste Weise beschäftigt: in Feld und Garten, in Schmiede und Bäckerei oder im Baugewerbe oder in der Walkerei, Gerberei und Schuhmacherei; andere flechten große Körbe, wieder andere sind Schönschreiber.

Sie lernen die ganze Heilige Schrift auswendig.

33. Die Nonnen von Tabennä.

Sie haben auch ein Frauenkloster. Die Zahl der Nonnen beträgt an vierhundert. Diese befolgen die nämliche Regel und führen dieselbe Lebensweise; nur tragen sie keine Ziegenfelle. Die Frauen sind jenseits des Stromes, die Männer diesseits. Wenn eine der Jungfrauen stirbt, so wird die Leiche von den übrigen einbalsamiert, an das Ufer des Stromes getragen und hingelegt; dann fahren die Brüder auf einem Kahne herüber; sie halten Zweige von Palmen und Ölbäumen, bringen unter Psalmengesang die Tote an das andere Ufer und bestatten sie dort in eigenen Gräbern. Niemand betritt das Frauenkloster, ausgenommen der Priester und der Diakon, und auch diese nur am Tag des Herrn.

In diesem Frauenkloster hat sich folgendes zugetragen: Ein fremder Schneider, der um nichts wußte, fuhr hinüber, um Arbeit zu suchen. Zufällig kam eine junge Nonne heraus – der Ort ist nämlich einsam – traf gegen ihren Willen mit ihm zusammen und gab ihm den Bescheid, die Näharbeiten seien bei ihnen schon anderswohin vergeben. Eine andere sah sie mit ihm reden und verleumdete sie deshalb später, als sie mit ihr in Streit geriet, bei den Schwestern aus teuflischer List, grenzenloser Bosheit und rasendem Zorn. Auch hielten es einige von den andern mit ihr. Als nun jene sah, daß man ihr etwas zur Last legte, woran sie niemals nur gedacht hatte, geriet sie darob in Verzweiflung, stürzte sich heimlich in den Strom und fand auf solche Weise den Tod. Als die Verleumderin erfuhr, was sie mit ihrer Bosheit angerichtet hatte, verlor sie alle Lust, noch weiter zu leben; sie ging hin und erhängte sich. Sobald der Priester kam, erzählten ihm die andern Schwestern, was sich ereignet hatte. Da verbot er, für eine von beiden das Opfer darbringen zu lassen; diejenigen aber, die statt Frieden zu stiften der Verleumderin Glauben geschenkt hatten, schloß er als mitschuldig auf sieben Jahre von den Geheimnissen aus.

34. Von der Nonne, die sich wahnsinnig stellte.

In jenem Kloster war auch eine Jungfrau, die sich den Anschein gab, als ob sie verrückt und besessen sei. Darum hegte man allgemein solchen Abscheu vor dieser, daß keine mit ihr essen wollte; sie aber hatte das freiwillig auf sich genommen. Sie weilte beständig in der Küche, tat jede Arbeit, war sozusagen das Wischtuch des Klosters und erfüllte so, was geschrieben steht: „Dünkt sich jemand weise zu sein unter euch, der soll ein Tor werden, auf daß er weise werde!“ Mit einem Lumpen hielt sie den Kopf umhüllt, während die anderen geschoren waren und Kapuzen trugen. So war sie angetan und versah den Dienst einer Magd. Keine von den vierhundert sah sie jemals essen während der vielen Jahre; sie setzte sich niemals zu Tische, genoß kein Stücklein Brot und war mit dem zufrieden, was sie beim Spülen der Geschirre fand. Sie kränkte niemand, murrte nicht, sagte weder viel noch wenig, obgleich sie beschimpft, geschlagen, verwünscht und verächtlich behandelt wurde.

Es lebte zu jener Zeit am Porphyrgebirge der heilige Piterum, treubewährt in tugendhaftem Wandel. Zu diesem trat ein Engel und sagte: „Was bist du stolz auf deine Frömmigkeit und dein weltfernes Leben? Willst du ein Weib sehen, das frömmer ist als du, so geh‘ nach dem Frauenkloster der Mönche von Tabennä! Dort wirst du eine finden, die einen Lumpen um den Kopf gebunden hat; diese ist besser als du; denn obgleich sie von allen Seiten Unbill erfährt, hat sie niemals ihr Herz von Gott gewendet; du dagegen sitzest hier, deine Gedanken aber schweifen in den Städten umher.“ Obgleich er niemals die Zelle verlassen hatte, begab er sich zum genannten Kloster und bat die Lehrer, ihm den Eintritt zu gestatten. Ob seines ausgezeichneten Rufes und hohen Alters trugen sie kein Bedenken ihn einzuführen. Er ging also hinein und wünschte alle zu sehen. Doch jene war nicht dabei. Er sagte zuletzt: „Stellet mir alle vor; es fehlt noch eine.“ Sie sagten: „Eine haben wir noch in der Küche draußen; aber die ist närrisch.“ Er sagte: „Führt sie herein; ich möchte sie sehen.“ Sie gingen hinaus und sagten es ihr; doch sie weigerte sich; sie ahnte wohl, daß ihr Geheimnis verraten werde. Die anderen aber zogen sie mit Gewalt und sagten: „Der heilige Piterum wünscht dich zu sehen.“ Sein Name war nämlich überall bekannt. Als er sie nun mit dem Lumpen am Kopf eintreten sah, fiel er ihr zu Füßen und sagte: „Segne mich!“ Ebenso fiel ihm jene zu Füßen und sagte: „Segne du mich, Herr!“ Da wunderten sich alle und sprachen zu ihm: „Vater, laß dich doch nicht zum besten halten! Sie ist ja närrisch!“ Da sagte Piterum zu allen: „Ihr seid närrisch; denn sie ist meine und eure Mutter“ – so nennen sie jene, die ein Leben des Geistes führen – „und ich wünsche nur ihrer würdig befunden zu werden am Tage des Gerichtes.“ Als sie das hörten, fielen sie jener zu Füßen und jede gestand ein anderes Vergehen: die eine, sie habe sie mit Spülwasser begossen; die andere, sie habe sie geschlagen, so daß sie blaue Flecken bekam; wieder eine andere, sie habe ihr die Nase mit Senf bestrichen; kurz, jede hatte auf andere Weise tollen Übermut getrieben an ihr. Da betete Piterum für alle und ging. Weil aber jene nicht Ruhm und Ehre bei den Schwestern genießen wollte und die vielen Abbitten lästig fand, entwich sie nach wenigen Tagen aus dem Kloster. Wohin sie ging, wo sie sich verbarg und wo sie gestorben ist, hat niemand erfahren.

35. Johannes von Lykopolis.

Zu Lykopolis1 war ein gewisser Johannes, seines Zeichens ein Bauhandwerker; dieser hatte einen Bruder, der Färber war. Im Alter von etwa fünfundzwanzig Jahren verließ Johannes die Welt und weilte zunächst fünf Jahre lang in verschiedenen Klöstern, begab sich dann allein auf den Berg Lykos, baute sich auf dem Gipfel ein Haus mit drei Räumen und mauerte sich selber ein. Der eine von diesen Räumen war für die Bedürfnisse des Leibes bestimmt, der zweite zum Arbeiten und Essen, der dritte zum Beten. Die notwendige Nahrung ließ er sich von einem Diener durch das Fenster reichen. Nachdem er eingeschlossen dreißig Jahre zugebracht hatte, ward ihm die Gabe der Weissagung verliehen. So ließ er dem seligen Kaiser Theodosius mancherlei mitteilen über seine Zukunft, daß er als Besieger des Tyrannen Maximus aus Gallien zurückkehren werde; desgleichen gab er ihm gute Botschaft in betreffend des Usurpators Eugenius. Der Ruf seiner Tugend drang weit umher.

Als wir in der nitrischen Wüste waren – ich und die Schüler des seligen Euagrius – suchten wir Genaueres über den frommen Wandel des Mannes in Erfahrung zu bringen. Der selige Euagrius sprach: „Ich hätte gerne von einem, der imstande wäre, Sinn und Redeweise zu prüfen, Bescheid über seinen Charakter. Ich selber kann ja nicht hinreisen ihn zu besuchen; wenn mir jemand eingehend berichten könnte von seiner Lebensart, so würde mir das genügen.“ Ich sagte daraufhin zu niemand eine Silbe, sondern überlegte ruhig einen Tag hindurch; am nächsten schloß ich meine Zelle, befahl mich Gott und wanderte nach der Thebais. Ich legte den Weg teils zu Fuße zurück, teils zu Schiff auf dem Strome; so kam ich in achtzehn Tagen an das Ziel. Es war die Zeit der Überschwemmung, wo viele von Krankheiten befallen werden; mir ging es ebenso. Bei Johannes angekommen fand ich den Eingang verschlossen. Die Brüder hatten nämlich eine große Vorhalle gebaut, die an hundert Menschen zu fassen vermag. Diese sperrten sie stets mit dem Schlüssel ab und öffneten am Sabbat und Sonntag. Als ich vernommen hatte, weshalb er eingeschlossen war, blieb ich in Ruhe wartend bis zum Sabbat. Als ich dann zur zweiten Stunde mich einfand, traf ich ihn bei Besuchern am Fenster stehend, durch das er den Leuten zusprach. Er grüßte mich und ließ mich durch den Dolmetsch fragen: „Woher bist du und was führt dich zu mir? Ich vermute nämlich, du seiest aus der Genossenschaft des Euagrius.“ Ich gab zur Antwort: „Ein Fremdling aus Galatien bin ich, der allerdings zu den Gefährten des Euagrius zählt.“ Während wir uns unterhielten, kam Alypius, der Statthalter des Landes. Nun brach Johannes das Gespräch ab und wandte sich unverzüglich jenem zu, weshalb ich beiseite trat um Platz zu machen. Weil sie lange Zeit sich unterredeten, ward ich ungeduldig und murrte bei mir selbst über den ehrwürdigen Greis, weil er den anderen ehre, mich dagegen verächtlich behandle. So war ich verstimmt, dachte geringschätzig von ihm und hatte schon die Absicht fortzugehen. Da rief er den Dolmetsch – Theodor ist sein Name – und gab ihm den Auftrag: „Geh‘ hin und sag‘ jenem Bruder: Sei nicht unwillig! Ich entlasse den Statthalter sogleich und rede dann wieder mit dir.“ Ich merkte nun, daß er ein Mann des Geistes und es für mich das beste sei, geduldig zu warten. Sobald der Statthalter sich entfernte, rief er mich und sagte: „Wie konntest du Ärgernis nehmen, so daß du von mir ungerecht und unziemlich dachtest? Oder weißt du nicht, daß geschrieben steht: ‚Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken?‘. Dich kann ich sprechen, sobald ich will; desgleichen du mich. Und wenn ich selber dir keinen Zuspruch erteile, werden es andere Brüder und Väter besorgen. Jener dagegen ist inmitten der weltlichen Geschäfte stets dem Teufel ausgesetzt und kam nur in einer freien Stunde, wie ein Sklave seinem Gebieter entwischt, um seiner Seele zu nützen. Da wär‘ es töricht gewesen, ihn stehen zu lassen und dir mich zu widmen; du hast ja fortwährend Muße, für dein Heil zu sorgen.“ Da wurde mir klar, welchen Geistesmann ich vor mir hatte, und ich empfahl mich in sein Gebet. Scherzend schlug er mich mit der rechten Hand auf die linke Wange und sagte: „Viele Trübsale werden noch über dich kommen und es hat dich schon harte Kämpfe gekostet, in der Einsamkeit auszuharren. Nur weil du zu mutlos warest, einen Entschluß zu fassen, hast du stets wieder zugewartet. Auffallend fromm und vernünftig scheinende Gründe gibt der Teufel dir ein. Er hat in deinem Herzen die Sehnsucht nach dem Vater angefacht sowie das Verlangen, Bruder und Schwester für das Klosterleben zu gewinnen. Gib acht, welch‘ gute Botschaft ich habe für dich! Beide sind schon gerettet, denn sie haben bereits der Welt entsagt und dein Vater wird noch eine Reihe von Jahren am Leben sein. So halte nun aus in der Wüste! Geh‘ nicht um jener willen hinweg in dein Vaterland; denn es steht geschrieben: ‚Niemand, der die Hand an den Pflug legt und zurückschaut, ist tauglich zum Himmelreiche‘.“ Ich dankte Gott, daß mich diese Worte so sehr im Guten bestärkten und mir jeglichen Vorwand benahmen.

Da sagte Johannes wiederum scherzend: „Möchtest du Bischof werden?“ Ich sagte: „Das bin ich schon.“ Er fragte mich: „Wo?“ Ich gab ihm zur Antwort: „In der Küche, im Weinkeller, bei Tisch und bei den Töpfen; da bin ich überall Bischof. Sobald ich saueren Wein entdecke, stelle ich ihn beiseite und trinke den guten; ebenso bin ich Bischof über die Schüsseln; sobald ich Salz oder sonstiges Gewürz vermisse, würze ich und esse dann erst. Das ist meine bischöfliche Würde; dazu hat mich mein nimmersatter Magen geweiht.“ Lächelnd sagte Johannes: „Laß den Spaß beiseite! Du wirst in Wahrheit Bischof werden und viele Mühe und Drangsale zu leiden haben; willst du dem allen entgehen, so bleib‘ in der Wüste! Da kann dich niemand zum Bischof machen.“

Ich nahm Abschied, begab mich an den gewohnten Aufenthalt und erzählte den seligen Vätern mein Erlebnis. Diese bestiegen zwei Monate später ein Schiff und begaben sich zu Johannes. Ich aber gedachte seiner Rede nicht mehr. Nach drei Jahren nämlich ward ich milz- und magenleidend; da sandten mich die Brüder nach Alexandrien, weil es schien, als ob ich die Wassersucht bekäme. Ich reiste von Alexandrien auf ärztlichen Rat des Klimas wegen nach Palästina, weil es milde Luft hat, die man eben für meine Gesundheit zuträglich hielt. Von Palästina ging ich nach Bithynien und wurde hier – ich weiß nicht, wie es sich zutrug, ob durch menschlichen Einfluß oder göttlichen Willen, Gott mag es wissen – erhoben zur bischöflichen Würde. So ging in Erfüllung, was Johannes mir vorausgesagt hatte. Ich mußte seiner Prophezeiung gedenken, als ich elf Monate lang in finsterem Verließe lag.

Um mich zu geduldigem Ausharren in der Einsamkeit zu bewegen, sagte mir Johannes auch: „Schon achtundvierzig Jahre bin ich in dieser Zelle und erblickte niemals ein Frauenantlitz, auch kein Geldstück, noch sah ich jemand essen, ebenso sah mich selber niemand essen oder trinken.“

Die Dienerin Gottes Poimenia kam eigens, um ihn zu besuchen; Johannes aber empfing sie nicht, ließ ihr aber Mitteilung machen über ein künftiges Ereignis. Er gebot ihr nämlich, auf der Rückreise von der Thebais Alexandrien nicht zu berühren; widrigenfalls werde sie von Unheil betroffen. Sei es nun, daß sie die Warnung vergaß oder nicht daran glaubte, kurz, Poimenia machte gleichwohl einen Abstecher nach Alexandrien, um diese Stadt zu besuchen. Nahe der Stadt Nikopolis7 landete man, um Rast zu machen. Die Ruderknechte stiegen aus, benahmen sich aber unvorsichtig und gerieten mit den Eingeborenen in Streit. Diese waren verwegene Menschen; einem der Diener schlugen sie einen Finger ab, einen anderen töteten sie und warfen den hochheiligen Bischof Dionysius, den sie allerdings nicht kannten, in den Fluß, Poimenia selbst wurde beschimpft und durch Drohungen in Angst versetzt; die anderen Knechte wurden alle verwundet.

36. Posidonius.

Über Posidonius von Theben zu berichten ist ein schwieriges Unternehmen; so reicher Stoff böte sich dar. Gedenk‘ ich seiner Sanftmut und des strengen makellosen Wandels, so bin ich sehr im Zweifel, ob ich irgend jemand aus meinem Bekanntenkreise mit ihm vergleichen kann. In Bethlehem, woselbst er jenseits des Hirtenklosters wohnte, lebten wir ein Jahr zusammen und ich konnte mich selbst überzeugen, wie reich er an jeglicher Tugend war. Unter anderem hat er mir eines Tages das Folgende selbst erzählt:

„Als ich in der Porphyrwüste mich aufhielt, traf ich ein volles Jahr nicht einen Menschen, hörte keine menschliche Stimme mehr und hatte keinen Bissen Brot; nur armselige Feigen und wilde Kräuter, wenn ich zuweilen solche fand, bildeten meine Nahrung. Als ich einmal überhaupt nichts mehr zu essen hatte, ging ich aus meiner Höhle fort, um bewohnte Gegend zu suchen. Ich wanderte den ganzen Tag umher und gelangte trotzdem kaum zwei Meilen von der Höhle weg. Während ich die Gegend überschaute, nahm ich einen Reiter wahr; ich hielt ihn für einen Soldaten, denn er trug auf dem Haupt einen Helm, der tiaraförmig auslief. Ich machte mich deshalb auf den Weg nach der Höhle. Hier fand ich einen Korb mit Weintrauben und frischgeschnittenen Feigen. Voll Freude nahm ich ihn und erquickte mich zwei Monate lang mit dieser Nahrung.“

In Bethlehem wirkte Posidonius folgendes Wunder: Ein schwangeres Weib war von einem unreinen Geiste besessen und bekam, da sie gebären sollte, furchtbare Wehen, weil der Geist sie quälte. Da begab sich ihr Mann zu jenem Heiligen und bat ihn zu kommen. Wir gingen miteinander hin, um zu beten. Nachdem er stehend gebetet hatte, trieb er nach der zweiten Kniebeugung den Teufel aus. Als er sich erhoben hatte, sprach er zu uns: „Betet! Denn jetzt zieht der unreine Geist hinweg. Er wird ein Zeichen geben, so daß wir es merken.“ Da warf der Teufel, indem er ausfuhr, die ganze Hofmauer von Grund aus zu Boden. Sechs Jahre lang war das Weib stumm gewesen. Nachdem der Teufel gewichen war, gebar sie und fing zu reden an.

Ich konnte mich überzeugen, daß dieser Mann auch prophetischen Geist besaß. In jener Gegend lebte nämlich ein Priester namens Hieronymus, hochbegabt und wohlbewandert in römischer Wissenschaft, aber auch von einer Eifersucht erfüllt, die seine Bildung noch unendlich übertraf. Nachdem Posidonius einige Tage mit ihm zugebracht, hat er mir ins Ohr geflüstert: „Die edle Paula, die für ihn Sorge trägt, wird eher sterben als er und, ich glaube, ferne von ihm und unbehelligt von seiner Eifersucht. Seinetwegen wird ein heiliger Mann diese Gegend verlassen und in seinem Ehrgeiz wird er sich sogar mit dem eigenen Bruder entzweien.“ Diese Weissagung ging in Erfüllung; vertrieb er doch den seligen Oxyperentius, der aus Italien war, desgleichen den Ägyptier Petrus und Simeon, Männer, die der Bewunderung würdig waren und die ich bereits erwähnt habe.

Der genannte Posidonius erzählte mir, er habe schon vierzig Jahre kein Brot mehr gegessen und nie jemand nur einen halben Tag gezürnt.

37. Sarapion.

Sarapion, zubenannt mit dem kurzen Mantel (denn niemals trug er ein anderes Gewandstück), übte die Besitzlosigkeit in hohem Grad; er besaß große Fertigkeit im Lesen und Schreiben und wußte die ganze Schrift auswendig.1Gerade wegen seiner Armut und der Beschäftigung mit der Schrift war es ihm unmöglich, einsam in der Zelle zu bleiben; doch trieb ihn kein weltlicher Beweggrund, überall umherzuwandern, sondern das Verlangen, solcher Tugendübung überall Anhänger zu gewinnen. Denn so beschaffen war seine Charakteranlage; Anlagen gibt es ja verschiedene, wenn auch die Natur immer gleich ist.

Von ihm erzählten die Väter, daß er eine Asketin zur Gefährtin nahm und in einer Stadt um zwanzig Goldstücke sich an eine heidnische Schauspielerfamilie verkaufte. Das Geld versiegelte er und verwahrte es bei sich. Er diente seinen Gebietern so lange, bis es ihm gelungen war, sie zum Christentum zu bekehren und vom Theater fernzuhalten. Er genoß nur Brot und Wasser und mühte sich damit, andern die Schrift auszulegen. Nach langer Zeit bekehrte sich der Mann, hierauf die Schauspielerin, zuletzt das ganze Haus. Solange sie nicht wußten, wen sie zum Sklaven hatten, soll er ihnen die Füße gewaschen haben. Beide ließen sich also taufen, entsagten der Schauspielerei und führten ein tugendhaftes und gottesfürchtiges Leben. Zu Sarapion aber sagten sie: „Wohlan, Bruder! Wir machen dich frei, denn du selber hast uns frei gemacht von einer schändlichen Sklaverei.“ Er sagte: „Nachdem Gott euere Seelen gerettet hat, sollt ihr mein Geheimnis erfahren. Ich bin ein freigeborener Mann aus Ägypten, weihte mich dem asketischen Leben und verkaufte mich dann aus Erbarmen mit euren Seelen, um euch zu retten. Weil es nun Gott so gefügt hat, daß durch meine Demütigung euere Seelen in der Tat gerettet wurden, nehmet euer Geld und lasset mich weiterziehen, damit ich anderen ebenfalls helfe!“ Da baten sie flehentlich und versprachen: „Wir wollen dich als unseren Vater und Herrn achten, nur geh‘ nicht fort!“ Aber sie konnten ihn nicht überreden. Sie sagten also: „Gib das Geld den Armen, denn es ist uns das Angeld zum Heile geworden, und komm‘ doch wenigstens jedes Jahr auf Besuch!“

Auf seinen beständigen Wanderungen kam er nach Griechenland und hielt sich drei Tage lang in Athen auf, doch gab ihm niemand Brot, denn er hatte weder Geld noch Tasche noch einen Schafpelz noch etwas anderes dergleichen. Als der vierte Tag angebrochen war, hungerte ihn sehr, denn gezwungenerweise Hunger leiden ist entsetzlich, zumal wenn man nicht einmal Glauben findet. Er ging auf einen Hügel der Stadt, wo die Stadtvorsteher sich versammelt hatten, schlug mit den Händen heftig an die Brust und jammerte laut: „Hilfe, Hilfe, Männer von Athen!“ Da liefen alle zusammen in Philosophenmänteln und Handwerkskitteln und sagten: „Was hast du, Mann? Und woher bist Du? Oder was fehlt dir?“ Er sprach: „Ein Ägyptier bin ich von Geburt; seitdem ich aber mein wahres Vaterland verlassen habe, fiel ich drei Wucherern in die Hände; zwei davon nahmen mir, was ich ihnen schuldig war, und ließen mich laufen, als sie nichts mehr zu fordern hatten; der dritte dagegen läßt nicht von mir.“ Da wollten sie die Namen der Wucherer wissen, um sie zufrieden zu stellen. Deshalb fragten sie: „Wo sind sie? Wie heißen sie? Wer ist dein Dränger? Zeig‘ ihn uns und wir wollen dir helfen.“ Da sprach er zu ihnen: „Von Jugend auf plagten mich Geiz, Gefräßigkeit und Unzucht; zweie hab‘ ich losgebracht; die machen mir nicht mehr zu schaffen, aber die Gefräßigkeit loszubringen ist mir unmöglich. Denn es ist der vierte Tag, daß ich nichts mehr gegessen habe, doch der Magen läßt mir keine Ruhe, sondern will, was er gewöhnt ist und nötig hat, wenn ich lebendig bleiben soll.“ Da schöpften einige Philosophen Verdacht, das Ganze sei nur ein Possenspiel, und gaben ihm Geld. Er nahm es, ging sogleich in einen Brotladen, kaufte sich ein Brot, entfernte sich ohne Zögern aus der Stadt und kehrte nie mehr zurück. Nun erkannten die Philosophen, daß er wirklich ein tugendhafter Mann war; deshalb erlegten sie dem Brotverkäufer den Preis des Brotes und ließen sich das Geldstück geben.

Sarapion aber kam in die Gegend um Lakedämon. Dort vernahm er, einer von den angesehensten Bürgern jener Stadt, sonst ein tugendhafter Mann, sei mit seinem ganzen Hause dem Manichäismus ergeben. Er verkaufte sich wieder an diesen, wie er schon früher tat. Bevor zwei Jahre vorüber waren, gelang es ihm, den Mann von der Häresie zu bekehren und auch dessen Gattin der Kirche zu gewinnen. Da hielten ihn beide nicht mehr wie einen Sklaven, sondern wie einen vollbürtigen Bruder, ja wie den eigenen Vater, und priesen Gott.

Einst bestieg er ein Schiff, als ob er nötig hätte, nach Rom zu reisen. Die Schiffsleute waren im guten Glauben, er habe die nötige Nahrung eingeladen oder besitze das Geld, sie zu bestreiten, und nahmen ihn deshalb ohne Bedenken mit, weil jeder meinte, der andere habe sein Gepäck in Empfang genommen. Sie fuhren ab und hatten um Sonnenuntergang Alexandrien fünfhundert Meilen hinter sich. Da nahm die Mannschaft ihr Abendessen und die Mitreisenden folgten ihrem Beispiel. Sie sahen, daß er am ersten Tage nichts aß und dachten, es sei wegen der Seekrankheit, doch hielt er es am zweiten, dritten und vierten Tage nicht anders. Sie sahen ihn auch am fünften Tage so dasitzen, während die anderen aßen, und fragten ihn endlich: „Warum issest du nicht, Mann?“ Er sagte: „Weil ich nichts habe.“ Sie forschten einander aus: „Wer hat sein Gepäck in Empfang genommen oder wem hat er den Betrag entrichtet?“ Nun ergab sich, daß keiner etwas erhalten hatte; da zankten sie mit ihm und sagten: „Wie kannst du dich unterstehen das Schiff zu besteigen, ohne zu bezahlen? Womit willst du den Fahrlohn entrichten? Und wovon willst du dich nähren?“ Er gab zur Antwort: „Ich habe kein Geld. Bringet mich zurück und setzet mich an’s Land, wo ihr mich gefunden habt!“ Aber sie hätten ihn wohl nicht um hundert Goldstücke zurückgebracht, sondern fuhren viel lieber dem Ziele zu. So war denn Sarapion auf dem Schiff und man gab ihm zu essen bis nach Rom.

Als er nach Rom kam, hielt er eifrig Umfrage nach asketischen Männern und Frauen der Stadt. Dabei traf er mit einem Schüler des Origenes, Domninus, zusammen, dessen Bett nach seinem Tode Kranke heilte; weil dieser ausgezeichnet war in Wandel und Erkenntnis, zog er Nutzen aus seinem Umgang und erfuhr auch von ihm die Namen asketischer Leute beiderlei Geschlechtes, zum Beispiel einer Jungfrau, die ganz zurückgezogen lebte und niemand Zutritt gewährte. Sobald er ihre Wohnung wußte, ging er hin und sprach zu ihrer alten Magd: „Sag‘ der Jungfrau, ich muß unbedingt mit ihr sprechen, denn Gott hat mich gesendet.“ Nachdem er zwei bis drei Tage lang gewartet hatte, bekam er Zutritt und sagte zu ihr: „Warum sitzest du?“ Sie gab zur Antwort: „Ich sitze nicht, sondern gehe.“ Da sprach er: „Wohin gehst du?“ Sie sagte: „Zu Gott.“ Er sagte: „Bist du lebendig oder tot?“ Sie sprach: „Ich hoffe zu Gott, daß ich tot bin, denn wer dem Fleische nach lebt, kann unmöglich gehen.“ Er sagte: „Dann beweise mir, daß du tot bist, indem du tust, was ich tue.“ Sie sagte: „Gebiete mir Dinge, die möglich sind, so will ich sie tun.“ Er sagte: „Dem Toten ist alles möglich außer Gottlosigkeit.“ Dann sprach er: „Verlaß dein Haus und geh‘ umher!“ Sie gab zur Antwort: „Fünfundzwanzig Jahre schon bin ich nie mehr ausgegangen. Warum soll ich es jetzt tun?“ Er sagte: „Wenn du der Welt tot bist und dir die Welt, dann gilt es gleich, ob ausgehen oder nicht ausgehen. Darum geh‘ aus!“ So ging sie denn aus und kam an eine Kirche und in der Kirche sprach er zu ihr: „Wenn du mir also beweisen willst, daß du tot bist und nicht mehr Menschen zu Gefallen lebest, so tu‘, was ich tue, damit ich erkenne, daß du tot bist! Zieh‘ gleich mir alle deine Kleider aus, nimm sie auf die Schulter und folge mir mitten durch die Stadt.“ Sie sprach: „An solcher Schamlosigkeit würden die Leute doch Ärgernis nehmen und mit vollem Rechte sagen: die ist wahnsinnig und besessen.“ Er gab zur Antwort: „Und dir liegt etwas daran, wenn sie sagen: die ist wahnsinnig und besessen? Du bist ja tot für sie.“ Da sagte sie „Wenn du etwas anderes wünschest, will ich es tun; denn ich kann mich keineswegs rühmen, soweit vorangeschritten zu sein.“ Er sagte: „Siehe, nun laß von deinem Wahne, du seiest frommer denn alle und seiest der Welt am meisten tot! Ich bin ja töter als du und zeige durch die Tat, daß ich der Welt gestorben bin; denn ich tue das frei von Empfindung und Scham“.

So brach er ihren Hochmut, machte sie demütig und ging davon.

Er hat außerdem noch vieles Wunderbare getan, um sich freizumachen von jeder Empfindung. Er starb im sechzigsten Jahre seines Lebens zu Rom und wurde dort begraben.

38. Euagrius.

Den hochberühmten Diakon Euagrius, dessen Wandel den Aposteln ähnlich war, darf ich beileibe nicht unerwähnt lassen, vielmehr will ich den Lesern zur Erbauung und zum Preise der Güte unseres Heilands genau berichten, wie er zum Entschlusse kam und treulich daran festhielt, bis er im Alter von vierundfünfzig Jahren in der Wüste starb dem Schriftworte gemäß: „Früh vollendet hat er viele Jahre erreicht“.

Er war der Sohn eines Chorbischofs aus der Stadt Pontus in Iberien. Der heilige Basilius, Bischof der Kirche von Cäsarea, hat ihn zum Lektor geweiht; zum Diakon erhob ihn nach dessen Tode wegen seiner Tüchtigkeit der überaus weise, makellose, hochgelehrte Bischof Gregorius von Nazianz, der ihn, als er zu Konstantinopel auf der großen Synode weilte, dem seligen Bischöfe Nektarius als redegewandten Kämpfer gegen alle Häresie zurückließ. Mit jugendlichem Feuer trat er in der großen Stadt für den wahren Glauben ein und stand in hohem Ansehen. Allein – er selber hat uns das erzählt – der Götze der Weiberliebe nahm ihn gefangen. Wohl schlug er sich alles aus dem Sinne, doch jetzt erwachte die Leidenschaft im Weibe selber. Sie gehörte den vornehmsten Kreisen an. Doch Euagrius fürchtete Gott, schämte sich vor seinem Gewissen, stellte sich die Größe der Schande vor Augen, gedachte zugleich der Schadenfreude, die bei den Irrlehrern herrschen würde, und flehte voll Inbrunst zu Gott, er möge doch seine Schritte hemmen. Obwohl ihm das Weib in Liebesraserei beständig nachstellte, konnte sich Euagrius nicht entschließen, ihr aus dem Wege zu gehen. So festgebunden hielt ihn ihre Lockung. Doch bald nach jenem Gebete, gerade noch rechtzeitig vor dem Fall in die Sünde, trat im Traum ein Engel zu ihm; sein Äußeres glich den Soldaten des Stadtpräfekten. Er nahm ihn fest, führte ihn weg, allem Anscheine nach vor Gericht, und warf ihn in das Gefängnis, wo man ihm eiserne Ketten um Hals und Hände legte. Niemand von allen, die hineinkamen, verriet ihm den Grund, aber ihm sagte sein Gewissen, er leide das wegen jenes Weibes, und er glaubte, ihr Gatte werde kommen. Während ihn solch entsetzlicher Schrecken peinigte, wurden andere verhört und verhandelt, doch ihn überließ man seiner Angst. Da verwandelte sich der Engel, der ihm erschienen war, zeigte sich jetzt in trauter Freundesgestalt und fragte den Euagrius, der mit vierzig Verurteilten zusammengefesselt war: „Weshalb bist du hier im Gefängnis, Herr Diakon?“ – „Ich weiß es nicht gewiß, vermute jedoch, daß mich der Hofbeamte N. aus grundloser Eifersucht angeklagt hat, und ich fürchte sehr, man hat den Richter bestochen, so daß er ein hartes Urteil über mich fällen wird.“ Der andere sagte: „Ich möchte dir raten als Freund: Es wäre besser für dich, du gingest fort aus dieser Stadt.“ Euagrius sprach: „Wenn Gott mich aus dieser entsetzlichen Lage befreit, sollst du mich in Zukunft nicht mehr in Konstantinopel sehen; und wenn ich trotzdem bleibe, so wisse, daß ich ganz mit Recht einer solchen Strafe verfalle.“ Der andere sprach: „Ich hole das Evangelium; schwörst du mir darauf, die Stadt zu verlassen und für dein Seelenheil zu sorgen, so will ich dir helfen aus dieser Not,“ Er brachte nun das Evangelium und Euagrius schwor darauf: „Nur einen Tag, damit ich die Kleider auf ein Schiff bringen kann – ich bleibe nicht länger!“ Sobald der Eid geleistet war, entschwand das nächtliche Traumbild. Euagrius stand sogleich auf und dachte bei sich: „Und hab‘ ich im Traum geschworen – geschworen hab‘ ich doch.“ Und er nahm seine ganze Habe mit sich auf ein Schiff und reiste nach Jerusalem.

Dort fand er Aufnahme bei der seligen Römerin Melania. Da suchte Satan wiederum sein Herz zu verhärten, wie er das Herz des Pharao verhärtet hat. Weil er noch jung und von sinnlicher Natur war, kam er wieder auf andere Gedanken, verriet aber niemand das Geringste, trug neuerdings andere Kleider und fing ein gefallsüchtiges Leben an. Gott aber, der uns alle vor dem Verderben bewahren will, ließ ihn vom Fieber befallen werden und sandte sodann eine lange dauernde Krankheit über ihn, so daß er sechs Monate daniederlag und sein Körper abgezehrt wurde; doch war das nur zu seinem Besten. Als die Ärzte weder Rat noch Hilfe fanden, sagte die selige Melania: „Sohn, deine langwierige Krankheit gefällt mir nicht. Sage mir, was in deinem Innern vorgeht! Denn dein Leiden ist göttliche Fügung.“ Da gestand Euagrius sein ganzes Anliegen. Sie sagte darauf: „Gelobst du mir vor Gottes Angesicht, deinem Entschlusse zum Mönchleben treu zu bleiben, so will ich, obwohl nur eine Sünderin, für dich beten, daß dein Leben verlängert werde.“ Das versprach er. Daraufhin genas er in wenig Tagen, stand auf, nahm ein Gewand, das ihm Melania gab, d.h. wiederum Mönchskleider. und ging hinweg aus der Welt in das ägyptische Natrongebirge.

Da blieb er zwei Jahre, worauf er im dritten sich in die Wüste begab. Er lebte vierzehn Jahre lang in den sogenannten Zellen, aß täglich ein Pfund Brot und begnügte sich drei Monate mit einem Sester Öl, obgleich er an Überfluß und weiche Bequemlichkeit gewöhnt war. Jeden Tag sprach er hundert Gebete und verdiente jedes Jahr genau soviel mit Schreiben, daß er seine Nahrung bestreiten konnte. Denn seine Handschrift war schön und gewandt. Nachdem er fünfzehn Jahre das Herz von allem Irdischen gänzlich gereinigt hatte, ward ihm verliehen die Gabe der Weisheit, Erkenntnis und Unterscheidung der Geister. Nun schrieb er drei Bücher: ‚Vom Priester‘, ‚Vom Mönch‘ und ‚Antworten‘ genannt, worin er darlegt, wie man die Teufel bekämpfen soll. Er wurde vom Teufel der Unzucht entsetzlich geplagt; so hat er uns selbst erzählt. Im Winter stand er ganze Nächte lang im Brunnen, so daß sein Leib erstarrte. Zu anderen Zeiten ward er vom Lästergeiste gequält; da blieb er vierzig Tage lang unter freiem Himmel, weshalb er mit eiterigem Ausschlag bedeckt wurde wie ein unvernünftiges Tier.

Am hellen Tage besuchten ihn einst drei Teufel im geistlichen Gewand und stritten mit ihm über Glaubenssachen; der eine gab sich als Arianer aus, der zweite als Eunomianer, der dritte als Apollinaristen. Er widerlegte sie kraft seiner Weisheit kurz und schlagend.

Ein andermal, da der Kirchenschlüssel verloren ging, bezeichnete er das Schlüsselloch mit dem Kreuze, rief den Namen Christi an, schlug mit der Hand an die Türe und sie ging auf. Unzählige Teufel peinigten ihn auf entsetzliche Weise.

Einem aus seinen Jüngern hat er genau vorausgesagt, was achtzehn Jahre später eintrat.

Euagrius sagte: „Seit ich die Wüste betrat, genoß ich weder Lattich noch andere grüne Kräuter, weder Obst noch Weintrauben noch Fleisch und niemals nahm ich ein Bad.“ Während der beiden letzten Lebensjahre zwang ihn ein Magenleiden, gekochte Speisen zu genießen, nachdem er sich deren über fünfzehn Jahre lang enthalten hatte; doch aß er kein Brot, sondern nur Kräuter oder Gerste oder Bohnen. Nachdem er an Epiphanie in der Kirche an den Geheimnissen teilgenommen hatte, starb er.

Kurz vor seinem Tode hat er uns mitgeteilt: „Nun ist es das dritte Jahr, daß mich keine fleischliche Begierde mehr quält“ – nach einem so langen Leben voll Mühsal, Leiden und unablässigem Gebet.

Als ihm der Tod seines Vaters gemeldet wurde, sprach er zu dem Boten: „Hör‘ auf zu lästern, denn mein Vater ist unsterblich.“

39. Pior.

Pior, ein Ägyptier, wandte sich schon in seiner Jugend hinweg von dieser Welt, verließ sein Vaterhaus und machte sogar im Übermaße des Eifers das Gelübde, nie mehr jemand von den eigenen Verwandten sehen zu wollen. Fünfzig Jahre vergingen. Nun erfuhr seine hochbetagte Schwester, daß er noch lebe. Man mußte befürchten, sie werde wahnsinnig, wenn sie den Bruder nicht sähe. Weil es ihr unmöglich war, den weiten Weg in die große Wüste zu machen, bat sie den Bischof des Ortes, an die Väter in der Wüste zu schreiben, sie möchten ihn schicken, damit sie ihn doch zu sehen bekomme. Geradezu zwingen mußte man Pior, bis er sich endlich entschloß, in Begleitung eines anderen hinzugehen. Vor dem Hause stand er still und ließ ihr melden: „Dein Bruder Pior ist da.“ Sobald er die Türe gehen hörte und daraus entnahm, daß die Greisin zur Begrüßung komme, schloß er die Augen und rief sie mit Namen: „Ich bin Pior, dein Bruder; ich bin es. Schau mich an, solange du willst!“ Als jene sich überzeugt hatte, daß er es wirklich war, lobte sie Gott. Weil sie ihn aber auf keine Weise bewegen konnte, das Haus zu betreten, ging sie wieder hinein. Er aber sprach an der Türschwelle noch ein Gebet und wanderte nach der Wüste zurück.

Auch folgendes Wunderbare wird von ihm erzählt: An dem Orte, wo seine Zelle stand, grub er einen Brunnen, fand aber Wasser, das überaus bitter war. Er jedoch gewöhnte sich aus Abtötung an den saueren Trank und hielt sein Leben lang aus. Nachdem er gestorben war, versuchten es viele Mönche, daselbst zu wohnen, doch keinem gelang es über ein Jahr. So trostlos und furchtbar ist jene Stätte.

Moses der Libyer, ein Mann von überaus sanfter Gemütsart und inniger Nächstenliebe, hatte die Gabe der Krankenheilung. Dieser hat mir erzählt, wie folgt:

„Als ich ein junger Mönch war, gruben wir einen gewaltigen Brunnen, der zwanzig Fuß in die Breite maß. Unser achtzig Mann schafften drei Tage lang Erde hinaus; doch waren wir von der gewohnten Ader, womit wir gerechnet, ungefähr um Ellenlänge abgewichen und fanden kein Wasser. Voll Kummer faßten wir schon den Entschluß, die Arbeit aufzugeben. Da kam mit einem Male mitten in der größten Gluthitze – zur sechsten Stunde war es – der greise Pior, mit einem Schafpelz bekleidet, aus der Wüste, trat grüßend heran und sagte: „Was seid ihr so mutlos, Kleingläubige? Gestern schon hab‘ ich euere Verzagtheit bemerkt.“ Dann stieg er die Leiter hinab in den Brunnen, sprach zugleich mit den andern ein Gebet, griff zum Grabscheit und flehte bei dem dritten Stoß: „Du Gott der heiligen Patriarchen, laß die Mühe deiner Knechte nicht vergeblich sein; sende das Wasser, dessen sie bedürfen!“ Da schoß im Augenblicke Wasser zutag in solcher Menge, daß alle durchnäßt wurden. Wir drängten ihn, Speise zu nehmen, er aber weigerte sich mit den Worten: „Wozu ich gesandt bin, das ist vollendet; zu anderem bin ich nicht gesandt.“

40. Ephräm.

Über Ephräm, den Diakon aus Edessa, hörtest Du von allen Seiten erzählen; denn er war ein heiliger und denkwürdiger Mann, der würdevoll den Weg des Geistes ging, niemals abwich von der rechten Bahn und die Gabe der Unterscheidung besaß, die Vorstufe der Gotteserkenntnis und der Glückseligkeit am Ende. Beständig oblag er in aller Stille dem asketischen Leben, erbaute viele Jahre die Besucher und verließ dann aus folgendem Anlaß seine Zelle:

Als eine furchtbare Hungersnot die Stadt Edessa heimsuchte und die ganze Gegend verheerte, trat Ephräm, von Mitleid bewogen, aus der Einsamkeit hervor, ging zu den Reichen und sagte: „Warum erbarmt ihr euch nicht der Leute, die zugrunde gehen, sondern lasset lieber eueren Reichtum vermodern, eueren Seelen zur Verdammnis?“ Sie sahen ihn verwundert an und sagten: „Wir haben ja niemand, dem wir ihn anvertrauen könnten, auf daß er ihn den Armen austeile. Denn alle wollen ihr Geschäft dabei machen.“ Er sagte: „Was meint ihr nun, wenn ich selbst es unternähme?“ Ephräm stand nämlich überall in großem Ansehen und zwar mit vollstem Rechte. Sie sprachen: „Wir wissen, du bist ein Mann Gottes.“ Er gab zur Antwort: „Also vertraut es mir an! Ich selbst ernenne mich euretwegen zum Herbergvater.“ Und er nahm das Geld in Empfang, zog Scheidewände durch geräumige Hallen, stellte gegen dreihundert Betten hinein, pflegte die Leute, die vor Hunger krank geworden waren, begrub die Toten und ließ denen, die Aussicht auf Genesung hatten, alle Sorgfalt angedeihen, mit einem Wort: er bot der ganzen Bevölkerung Obdach und Hilfe mittels dessen, was man ihm zur Verfügung stellte. So verging ein Jahr; inzwischen hob sich der gesundheitliche Zustand und die Leute kehrten in ihre Häuser zurück. Da ging auch Ephräm in seine Zelle und starb schon nach Verlauf eines Monats, nachdem Gott ihm auf besagte Weise die Möglichkeit geboten hatte, seinem Leben noch am Ende gleichsam die Krone aufzusetzen. Er hat Schriften hinterlassen, wovon die meisten wert sind, mit Eifer gelesen zu werden.

41. Heilige Frauen.

In diesem Buche muß auch jener mannhaften Frauen gedacht werden, denen Gott die gleichen Kampfpreise gab wie den Männern, damit wir nicht in dem Wahne leben, als seien sie schwächer, wenn es sich um den Fortschritt in der Tugend handelt; denn viele sah ich und lernte viele kennen durch eigenen Umgang, vornehme Jungfrauen und Witwen, [so die Römerin Paula, die Mutter des Toxotius, eine Frau von ausgezeichnetem geistlichem Wandel; ihr wurde zum Hindernis ein gewisser Hieronymus aus Dalmatien. Sie hätte nämlich kraft der ausgezeichneten Anlagen alle anderen überflügeln können, hätte nicht er in seinem Ehrgeiz nach eigener Absicht sie gelenkt. Ihre Tochter Eustochium führt jetzt noch mit fünfzig Jungfrauen zu Bethlehem ein asketisches Leben; ich traf nicht zusammen mit dieser; sie steht aber im Rufe großer Enthaltsamkeit.

Ich lernte ferner Veneria kennen, die Tochter des Ritters Vallovicus, die die Last des Reichtums in edelmütiger Weise hingab und sich so vor den Wunden bewahrte, die er zu schlagen pflegt. Ferner Theodora, die Tochter des Tribunen, die freiwillig arm wurde, so daß sie vom Almosen lebte und so im Kloster des Hesychas am Meere starb. Ich lernte auch Hosia kennen, eine Frau, die nach jeder Hinsicht überaus ehrwürdig war; desgleichen ihre Schwester Adolia, die zwar nicht jener, doch des eigenen hohen Standes würdig lebte. Auch Basianilla, die Gattin des Heerführers Candidian, lernte ich kennen, die sich im frommen Eifer dem asketischen Leben weihte und jetzt noch im Kampf um die Tugend sich abmüht; auch Photina, eine höchst ehrwürdige Jungfrau, die Tochter des Priesters Theoktistus von Laodicea. Ferner traf ich in Antiocheia die Diakonissin Sabiniana, eine Muhme des Bischofs Johannes [von Konstantinopel], eine hochehrwürdige Frau von innigster Frömmigkeit. In Rom sah ich die schöne Asella, eine Jungfrau, die das ganze Leben im Kloster zubrachte; sie war ungemein sanftmütig und der Genossenschaft treulich ergeben. Ebenso sah ich neubekehrte Männer und Frauen; ich sah die gotteswürdige Avita mit ihrem Gatten Apronianus und der beiden Tochter Eunomia, die sich insgesamt in Tugend und Enthaltsamkeit eines gottgefälligen Wandels beflissen; frei von jeder Sünde, reich an Erkenntnis, entschliefen sie fromm in Christo und hinterließen ein gutes Andenken.]

42. Julian.

[Ich hörte von einem gewissen Julian, der in der Gegend von Edessa in strengster Askese lebte; dieser tötete seinen Leib so sehr ab, daß er nur mehr Haut und Knochen umhertrug. Gegen das Ende seines Lebens ward ihm die Gabe der Krankenheilung verliehen.]

43. Adolius.

Ich lernte zu Jerusalem auch Adolius von Tarsus kennen, der nicht den gewöhnlichen Weg erwählte, den wir alle gingen, sondern eine ganz eigenartige Lebensweise führte. Er kasteite sich übermenschlich hart, so daß die Teufel sogar sich darob entsetzten und sich an ihn nicht wagten. Vor Fasten und Wachen glich er einem Gespenst. Während der vierzigtägigen Zeit aß er jedesmal erst, nachdem fünf Tage vorüber waren, und sonst nur an jedem zweiten Tag. Was jedoch am meisten staunenswert an ihm war, ist folgendes:

Vom Abende bis zu dem Zeitpunkte, wo die Brüder neuerdings in die Kirche kamen, blieb er jedesmal auf dem Ölberg, am Hügel der Himmelfahrt, wo Jesus emporgenommen wurde, stehen und oblag fortwährend dem Gebet und Psalmengesang. So blieb er unbeweglich im Regen, Reif und Schnee. Dann schlug er mit dem Hammer, dessen man sich zum Wecken bedient, an alle Türen und rief so die Mönche zum Gebet in die Kirchen, nahm in jeder an einem oder zwei Wechselgesängen und am Gebete teil und ging vor Tagesanbruch in seine Zelle. Nicht selten durchnäßte das Unwetter ihn so, daß die Brüder ihm die Kleider ausziehen oder buchstäblich herabwinden und ihm andere geben mußten. Er ruhte sodann bis zur Stunde des feierlichen Psalmgesanges und hielt wieder aus bis zum Abend. So tugendhaft lebte der Tarser Adolius, der zu Jerusalem starb und begraben liegt.

44. Innozenz.

Was sich mit dem seligen Innozenz begab, der als Priester auf dem Ölberge lebte, wurde Dir von vielen bereits erzählt; dennoch sollst Du das auch von uns vernehmen, haben wir doch drei Jahre mit ihm zusammengelebt. Er war ein Mann von auffallend großer Einfalt des Herzens. Obgleich er hohes Ansehen genoß im kaiserlichen Palaste, vermählt war und einen Sohn hatte, der Paulus hieß und Mitglied der Leibwache war, verließ er dennoch die Welt zu Beginn der Regierung des Kaisers Konstantius. Da Paulus mit der Tochter eines Priesters sündigte, verfluchte der eigene Vater den Sohn, indem er zu Gott betete: „Herr, gib, daß er besessen werde, damit er keine Zeit mehr habe zu fleischlicher Sünde!“ Denn er hielt es für besser, daß der Teufel ihn plage statt der Zuchtlosigkeit. So geschah es auch wirklich. Mit Ketten gebunden, vom Teufel gequält, ist er heute noch auf dem Ölberg.

Dieser Innozenz war so mitleidig, daß man mich für einen blöden Schwätzer hielte, wenn ich davon erzählen wollte, wie er sogar die Brüder bestahl, um den Armen geben zu können.1 Er war über alle Maßen unschuldig und einfältig; auch ward ihm Macht verlieben über die bösen Geister. So brachte man ihm einst vor unseren Augen einen jungen Menschen, der lahm und besessen war, so daß ich dessen Mutter nach dem ersten Anblick abweisen wollte, weil ich eine Heilung für unmöglich hielt. Da kam inzwischen der Greis und sah sie jammern und weinen über das unsägliche Elend ihres Sohnes. Vor Mitleid brach er in Tränen aus und nahm den Jüngling mit sich in die Kirche, die er selber gebaut und worin Reliquien des Täufers Johannes ruhen. Hier oblag er dem Gebete von der dritten bis zur neunten Stunde und gab noch am gleichen Tage den Knaben gesund seiner Mutter zurück. Jede Spur von Lähmung und Besessenheit war verschwunden. Und doch war sein Leib so verdreht gewesen, daß ihm, wenn er ausspuckte, der Speichel auf den Rücken fiel.

Ein altes Weib, das ein Schaf verloren hatte, kam weinend zu Innozenz. Er sagte: „Zeige mir den Ort, wo du es verloren hast!“ Sie führte ihn nahe zum Lazarusgrabe. Da blieb er stehen und betete. Nun hatten aber junge Leute das Schaf gestohlen und geschlachtet und das Fleisch im Weinberge versteckt; sie stellten sich aber, als wüßten sie nichts davon. Während nun Innozenz noch betete, kam plötzlich ein Rabe, nahm ein Stück und flog damit fort. So fand der Selige das tote Tier. Da fielen ihm die jungen Menschen zu Füßen und gestanden ihre Tat, worauf sie den Schaden ersetzen mußten.

45. Philoromus.

[In Galatien verlebten wir lange Zeit mit dem Priester Philoromus, einem Manne von streng asketischem Wesen und härtester Abtötung. Seine Mutter war eine Sklavin, sein Vater ein Freigelassener. Im Wandel nach dem Vorbilde Christi bewies er solchen Adel, daß sogar die Rotte der Unüberwindlichen vor seiner Tugendhaftigkeit zurückscheute. Philoromus entsagte der Welt in den Tagen des Kaisers Julian unseligen Angedenkens, nachdem er diesem offen die Meinung ausgesprochen hatte. Jener ließ ihn deshalb scheren und von jungen Sklaven ins Angesicht schlagen; doch Philoromus ertrug es tapfer und sprach ihm seinen Dank aus. So hat er uns selbst erzählt. Anfangs quälten ihn Unzucht und Gaumenlust; er bekämpfte sie damit, daß er sich einschloß, eiserne Ketten trug und weder Brot aß noch etwas anderes, das am Feuer zubereitet war. So hielt er achtzehn Jahre lang aus; dann sang er Christo das Siegeslied. Von bösen Geistern auf mancherlei Weise geplagt, zog er sich in ein Kloster zurück und blieb da vierzig Jahre. Dreißig Jahre genoß er nach eigenem Geständnis keine Früchte. Weil ihn einst Mutlosigkeit befiel, schloß er sich sechs Jahre lang in ein Grabmal. Der selige Bischof Basilius war ihm sehr gewogen, denn er fand Gefallen an seiner unbeugsamen Strenge. Jetzt noch hat er Schreibrohr und Papier bei sich und ist mit Schreiben beschäftigt, obgleich er schon im achtzigsten Lebensjahre steht. Er sagte: „Seit ich in die Geheimnisse eingeführt und getauft wurde bis auf den heutigen Tag hab‘ ich niemals fremdes Brot umsonst gegessen, sondern nur solches, das ich durch eigene Mühe verdiente.“ Bei Gott gab er uns die Versicherung, er habe von der Arbeit seiner Hände zweihundertfünfzig Goldstücke den Krüppelhaften geschenkt und dennoch niemand ein Unrecht zugefügt. Er wanderte zu Fuß bis nach Rom und oblag dem Gebet in der Märtyrerkirche des seligen Petrus; auch kam er nach Alexandrien und betete dort in der Kirche des Märtyrers Markus, besuchte Jerusalem zweimal zu Fuß und lebte dabei vom eigenen Gelde. Er sagte: „Niemals hat sich, soweit ich zurückdenke, mein Geist von Gott entfernt.“]

46. Die ältere Melania.

Die dreimalselige Melania war von Geburt eine Spanierin, vielmehr eine Römerin; sie war die Tochter des Konsularen Marcellinus und die Gattin eines hohen Würdenträgers, dessen Namen ich nicht mehr genau weiß. Mit einundzwanzig Jahren Witwe, wurde sie der göttlichen Liebe gewürdigt – es war zu jener Zeit, da Kaiser Valens regierte -, sagte niemand ein Wort, denn man hätte sie gehindert, ließ zugunsten ihres Sohnes einen Vormund aufstellen, lud alle bewegliche Habe in ein Schiff, segelte mit zuverlässigen Knechten und Mägden eilig nach Alexandrien und ging, nachdem alles in Geld verwandelt war, in das Natrongebirge, besuchte Pambo, Arsisius, den großen Sarapion, Paphnutius den Sketen, den Bekenner Isidor, Bischof von Hermupolis, Dioskurus und zugleich die Vater, die sich um jene gesammelt hatten. Bei diesen blieb sie beiläufig ein halbes Jahr, durchwanderte die Wüste rings umher und besuchte die Heiligen alle. Da der Statthalter von Alexandrien den Isidor, Pisimius, Adelphius, Paphnutius, Pambo, desgleichen jenen Ammonius, der nur ein Ohr hatte und zwölf Bischöfe und Priester in die Gegend von Diocäsarea in Palästina verbannte, folgte sie diesen und unterstützte sie von ihrem Vermögen. Ihre Diener haben erzählt, als sie verhindert wurden, die heiligen Pisimius, Isidor, Paphnutius und Ammonius wie gewöhnlich zu besuchen, da zog Melania Sklavenkleider an und brachte ihnen stets am Abend die nötige Nahrung. Sobald der Statthalter von Palästina das merkte, beschloß er, sie zu quälen, um Geld zu erpressen. Er nahm sie gefangen und warf sie sogleich in den Kerker, denn er wußte nicht um ihren freien Stand. Da sagte sie offen zu ihm: „Mein Vater hieß so und mein Gatte so; jetzt aber bin ich eine Sklavin Christi. Verachte nicht meine wertlose Kleidung, denn ich kann jederzeit in Glanz und Ehren auftreten, wenn ich will; dir aber steht kein Recht zu, mich zu quälen noch etwas von meiner Habe zu nehmen. Ich offenbare dir das, damit du nicht eine Schuld auf dich ladest; denn harte Menschen muß man stolz behandeln wie einen Falken,“ Da bat der Richter fußfällig um Entschuldigung und ließ sie nach Belieben zu den Heiligen gehen.

Als jene zurückkehren durften, gründete Melania zu Jerusalem ein Kloster und war daselbst noch siebenundzwanzig Jahre lang in Gemeinschaft mit fünfzig Jungfrauen. Zu gleicher Zeit mit ihr lebte dort auch ein Mann von verwandtem Charakter, nämlich der hochedle, unerschrockene Rufinus aus der Stadt Aquileja in Italien, der später in den Priesterstand erhoben ward. Es war unmöglich, einen Mann zu finden, der ihn an Gelehrsamkeit und Edelmut übertroffen hätte. Beide nahmen in diesen siebenundzwanzig Jahren die Jerusalempilger auf, Bischöfe, Mönche und Jungfrauen, und erbauten alle durch opferwillige Nächstenliebe. Sie legten auch das Schisma des Paulinus bei, durch das sich an dreihundert Mönche von der Einheit entfernt hatten, gewannen alle, die Falsches über den Heiligen Geist lehrten, führten sie wieder in die kirchliche Gemeinschaft zurück, ehrten die Kleriker durch Geschenke, gaben ihnen Lebensmittel und starben, ohne jemand Ärgernis gegeben zu haben.

47. Chronius und Paphnutius.

Chronius war aus dem Dorfe Phoinike. Von diesem aus ging er fünfzehntausend Schritte weit – er zählte sie mit dem rechten Fuß – in die nahe Wüste, betete dort und grub einen Brunnen. Er baute sich, weil er prächtiges Wasser fand, sieben Klafter davon entfernt, eine kleine Hütte. Von dem Tage, seit er sie bezog, bat er Gott unablässig, nie mehr in bewohnte Gegend wandern zu müssen. Innerhalb weniger Jahre sammelte sich um ihn eine Schar von etwa zweihundert Brüdern; ihn selbst erhob man in den Priesterstand. Von seiner Tugendstrenge rühmt man besonders, daß er sechzig Jahre lang am Opferaltare des priesterlichen Amtes waltend niemals die Wüste verließ und niemals einen Bissen Brot aß, den er nicht eigenhändig verdiente.

Nicht weit von ihm hauste Jakobus, der Lahme genannt, ein überaus gelehrter Mann. Beide waren mit dem seligen Antonius bekannt. Eines Tages besuchte sie Paphnutius, zubenannt Kephalas, der die Gnadengabe tiefen Verständnisses für Altes und Neues Testament besaß und die ganze Schrift zu deuten wußte, obgleich er nicht lesen konnte. So bescheiden war dieser Mann, daß er seine prophetische Kraft verborgen hielt. Man erzählt von ihm, er habe nie während achtzig Jahren zu gleicher Zeit zwei Leibröcke besessen. Mit den genannten Männern trafen ich und die seligen Euagrius und Albinus zusammen. Wir fragten sie, wie es doch komme, daß manche Brüder irregingen oder gänzlich vom rechten Wege wichen oder das Opfer einer Täuschung und ihrem Beruf untreu wurden. Es begab sich nämlich in jenen Tagen, daß der Asket Chäremon sitzend starb, so daß man ihn auf seinem Stuhle fand, wie er noch sein Werkzeug in Händen hielt. Auch traf es sich, daß ein anderer Bruder beim Brunnengraben verschüttet ward; ein dritter, der aus der Sketis herabstieg, mußte verschmachten, weil er kein Wasser fand. Stephanus ergab sich der Ausschweifung; auch ereigneten sich damals die Fälle mit Eukarpius, Heron aus Alexandrien, Valens dem Palästinenser und dem Ägyptier Ptolemäus in der Sketis. Wir stellten also mit einander die Frage, welches wohl die Ursache sei, daß Männer von so trefflichem Wandel in der Wüste solchem Wahne verfallen und zuchtlos werden konnten.

Der überaus verständige Paphnutius gab uns folgenden Bescheid: „Alle Geschehnisse kann man in zwei Gruppen teilen: in solche nach Gottes Wohlgefallen und in solche nach Gottes Zulassung. Was nur immer Edles zu Gottes Ehre vollbracht wird, das geschieht nach Gottes Wohlgefallen; was jedoch Schädliches und Gefährliches, was durch Unglück und Zufall sich ereignet, das geschieht durch Gottes Zulassung; aber auch die Zulassung erfolgt nicht ohne Grund. Denn wer richtig denkt und richtig lebt, kann unmöglich in schändliche Laster sinken oder vom Teufel betrogen werden. Die dagegen in schlechter Absicht, um anderen oder sich selbst zu gefallen, den Schein erwecken, als strebten sie nach Vollkommenheit, diese geraten in die Fallstricke des Teufels, weil Gott ihnen den nötigen Beistand versagt, damit sie zu ihrem Besten den Unterschied fühlen und infolgedessen ihren Sinn und Wandel zum Guten bekehren. Zuweilen fehlt es am Vorsatz, wenn etwas in schlechter Absicht getan wird, zuweilen an der Ausführung, wenn etwas in sündhafter Weise oder wenigstens nicht in der rechten vollbracht wird. So kommt es häufig vor, daß ein unzüchtiger Mensch in verdorbener Absicht jungen Personen Almosen reicht um eines schändlichen Zweckes willen; und doch ist es ein edles Werk, einem Waisenkind oder einer weiblichen Person, die ein frommes Leben führt, Unterstützung angedeihen zu lassen. Man kann aber auch Kranken, alten und armen Leuten das Almosen sogar in guter Absicht spenden, aber mit Geiz und Murren, so daß wohl die Absicht gut, aber die Ausführung deren unwürdig ist; denn Almosen soll man geben in Heiterkeit und ohne Geiz.“

Und folgendes sagte Chronius: „Viele Seelen besitzen irgend eine Fähigkeit in besonderem Maße; die einen zeichnen sich aus durch Schärfe des Geistes, andere durch die Neigung zum asketischen Leben. Ist aber Denken und Tun eines solchen nicht von edler Art, so schreibt er die edlen Anlagen nicht Gott, dem Geber alles Guten, zu, vielmehr dem eigenen Willen, der eigenen Einsicht und Kraft. Darum überläßt sie Gott sich selber und sie fallen in schändliche Leidenschaften und Laster; niedergebeugt und beschämt legen sie dann allmählich den Stolz auf die vermeintliche Tugend ab. Der Hochmütige schreibt nämlich Fähigkeit und Erkenntnis nicht Gott zu, sondern seiner eigenen Übung und natürlichen Anlage, darum nimmt Gott den schützenden Engel hinweg von ihm und der stolze Mensch fällt sodann in Gewalt des Widersachers und wird zuchtlos infolge seiner Überhebung; nachdem er die weise Mäßigung verloren hat, schenkt man seiner Rede keinen Glauben mehr und alle Gewissenhaften hüten sich, seiner Lehre zu folgen, wie man aus einer Quelle nicht trinken mag, wenn Blutegel darin sind. So geht in Erfüllung, was geschrieben steht: „Zum Sünder sagte Gott: Was erzählst du meine Gerichte und nimmst meinen Bund auf deine Lippen?“ In der Tat gleichen die Seelen solcher Menschen, die von Leidenschaften erfüllt sind, verschiedenartigen Quellen: die der Gaumenlust frönen und mit Vorliebe Wein trinken, den schmutzigen; die Habsüchtigen und Geizigen solchen, worin Frösche sich aufhalten; die Verleumder und Hochmütigen, die noch dazu die nötige Weisheit haben, sind wie Quellen, worin Schlangen ihre Nahrung finden, und ob ihres bitteren Wesens wie Sümpfe, woraus Wasser zu schöpfen niemand Lust empfindet. Darum flehte David um drei Dinge: „Güte, Zucht und Einsicht“; denn Einsicht ohne Güte hat keinen Wert; wenn aber ein solcher Mensch das Hindernis seines Fortschrittes, den Stolz, aus dem Wege räumt, demütig wird, zur Selbsterkenntnis gelangt, sich über niemand erhebt und dankbar wird gegen Gott, so nimmt die Weisheit wieder Einkehr in seiner Seele und gibt sich kund nach außen. Wenn jemand, der weder fromm noch enthaltsam lebt, geistliche Gespräche führt, so gleichen diese den tauben Ähren, die zwar vom Winde bewegt den Schein erwecken, als seien sie volle, trotzdem aber wertlos sind. Jede Sünde, mag sie geschehen in Wort oder Tat, mit den einzelnen Sinnen oder dem ganzen Leibe jede Sünde läßt Gott in einer genau dem Hochmut angemessenen Weise zu; doch sogar, wenn er den Menschen verläßt, erweist er ihm noch Barmherzigkeit; denn trotz ihrer Zuchtlosigkeit stellt Gott ihren Geistesvorzügen ein Zeugnis aus, indem er ihnen Beredsamkeit gibt, obgleich er sie mit ihrem Stolze zu Teufeln macht, die sich brüsten in ihrem Schmutze.“

Auch folgendes sagten uns jene heiligen Männer: „Wenn du einen Menschen von schlechtem Wandel erbaulich reden hörst, so denk‘ an den Teufel, der Christo gegenüber die Heilige Schrift im Munde führte, und an die Stelle: „Die Schlange jedoch war das klügste von allen Tieren der Erde“. Einem solchen gereicht die Klugheit zum Verderben, weil ihr keine andere Tugend zur Seite steht. Denn wer gläubig und edel gesinnt ist, muß denken, was Gott ihm ein gibt, und reden, was er denkt, und tun, was er redet. Steht aber sein Wandel in Widerspruch mit der Wahrheit seiner Reden, dann sind diese nach dem Ausdrucke Jobs nur Brot ohne Salz, das niemand ißt und das, wenn es dennoch genossen wird, Unwohlsein bereitet. „Wird man Brot essen ohne Salz?“ sagt er, „und wird man Geschmack finden an leeren Worten?“ d. h. wenn sie nicht gute Werke zu Zeugen haben. Es gibt mancherlei Gründe, weshalb Gott den Menschen verläßt; einer davon ist der: die verborgene Tugend soll offenbar werden, wie bei Job, dem Gott den Bescheid gab: „Verwirf mein Urteil nicht und glaube nicht, ich habe mit dir einen anderen Plan als deine Gerechtigkeit kundzumachen“, Denn ich schaue, was verborgen ist, und kannte dich, ehe die Menschen dich kannten; und weil sie meinten, du dienest mir des Reichtumes wegen, darum hab‘ ich Drangsal über dich gebracht und den Reichtum von dir genommen, um deutlich zu zeigen, daß du mir auch dann noch Dank sagen und dir die Weisheit bewahren werdest. Ein anderer Grund ist: den Menschen von jedem Hochmut fernzuhalten, wie bei Paulus geschah, der von Unglück heimgesucht, mit Fäusten geschlagen und von mancherlei Drangsal gequält wurde, weshalb er selber sagte: „Gegeben ward mir ein Stachel in das Fleisch, ein Satansengel, daß er mir Faustschläge versetze, damit ich mich nicht überhebe“, damit er nicht infolge der Wundertaten, Ehren und Erfolge nachlässig und ein Opfer teuflischen Hochmutes werde. Der Gichtbrüchige wurde gleichfalls ob seiner Sünden (von Gott) verlassen, wie Jesus sagt: „Siehe, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr!“ Auch Judas, der das Geld der Lehre vorzog, wurde verlassen und erhängte sich deshalb. Auch Esau wurde verlassen und fiel in Zuchtlosigkeit, nachdem er den Kot der Eingeweide höher geschätzt als den väterlichen Segen. Dies alles faßt Paulus zusammen, indem er sagt: „Weil sie nämlich die Gotteserkenntnis verwarfen, überließ sie Gott ihrem verwerflichen Sinne, so daß sie das Ungeziemende taten“.Von anderen aber, die verderbten Sinnes waren und dennoch Gotteserkenntnis zu haben schienen, sagt er: „Weil sie nämlich Gott, den sie kannten, nicht als Gott verherrlichten oder ihm dankten, gab sie Gott den schändlichen Lüsten preis“. Daraus erkennen wir, daß niemand in Zuchtlosigkeit fallen kann, der nicht von Gottes Vorsehung verlassen wird.“

48. Elpidius.

Als die Amoriter in alter Zeit die Flucht ergriffen vor Josua, dem Sohne Naves, der die fremden Stämme vertilgte, machten sie Höhlen am Berge Duka bei Jericho; hier war der Kappadokier Elpidius, der später in den Priesterstand erhoben wurde. Er war Mönch im Kloster des kappadokischen Chorbischofs Timotheus, eines trefflichen Mannes, kam sodann und wohnte in einer von diesen Höhlen. Er übte sich in strengster Abtötung, hielt es aber allen geheim. Fünfundzwanzig Jahre nämlich aß er nur am Tage des Herrn und am Sabbat und verbrachte die Nächte stehend unter Psalmengebet. Wie ein Bienenschwarm sich um seine Königin schart, sammelten sich zahlreiche Brüder um ihn und siedelten sich an auf dem Berg. Auch ich wohnte bei ihm. Man hatte hier Gelegenheit, verschiedene Formen asketischer Lebensart zu betrachten.

Den genannten Elpidius stach einmal nachts, da er mit uns dem Psalmengebet oblag, ein Skorpion; er trat mit dem Fuße fest darauf, ohne sich irgendwie etwas anmerken zu lassen; so gleichgültig war ihm der Schmerz. Als einst ein Bruder einen Rebzweig brachte, nahm ihn Elpidius, der eben auf einem Vorsprunge des Berges saß, und pflanzte ihn in den Boden, obgleich die passende Zeit nicht war; dennoch wuchs er mächtig und ward ein so gewaltiger Weinstock, daß er die ganze Kirche umrankte.

Zugleich mit Elpidius gelangten zur Vollendung Ainesius, ein preiswürdiger Mann, und dessen Bruder Eustathius. So sehr wurde sein Leib vor Kasteiung abgezehrt, daß ihm die Sonne durch die Knochen schien. Von seinen getreuen Schülern wird erzählt, er habe niemals nach Westen geschaut, obgleich der Berg nur noch in Höhe seiner Zellentüre den Ausblick wehrte. Desgleichen sah er niemals die Sonne nach der sechsten Stunde, wo sie den Zenith überschritten hatte und sich dem Untergange zuwandte; ebenso fünfundzwanzig Jahre die Sterne nicht, die im Westen aufgingen. Seit er seine Höhle betrat, ging er nicht heraus, bis er begraben wurde.

49. Sisinnius.

[Ein Schüler des genannten Elpidius war der Kappadokier Sisinnius, der Abstammung nach ein Sklave, durch den Glauben aber ein Freigelassener; denn auch das muß erwähnt werden zur Ehre Christi, der auch uns in den wahren Adelstand erhebt. Als er das sechste oder siebente Jahr mit Elpidius zusammenlebte, schloß er sich in ein Grabmal ein und verbrachte drei Jahre in beständigem Gebete, saß weder bei Tag noch bei Nacht, legte sich niemals nieder und ging niemals heraus. Ihm wurde Macht gegeben über die Teufel. Neuestens kam er in sein Vaterland, ward in den Priesterstand erhoben und versammelte Männer und Frauen um sich. Durch seinen keuschen Wandel hat er in sich selber und bei den Frauen die Begierlichkeit zum Schweigen gebracht, so daß sich erfüllte, was geschrieben steht: „In Christi Jesu gibt es weder Mann noch Weib.“ Trotz der eigenen Armut nimmt er die Fremden gastlich auf und beschämt so die geizigen Reichen.]

50. Gaddanas.

Ich kannte einen greisen Palästinenser, namens Gaddanas, der in der Jordangegend unter freiem Himmel lebte. Auf diesen gingen einst in der Nähe des toten Meeres fanatische Juden mit gezücktem Schwerte los. Da begab sich folgendes: Der blank zog und das Schwert emporschwang, um auf Gaddanas einzuhauen, dem verdorrte die Hand und das Schwert fiel zu Boden.

51. Elias.

Elias wiederum war Einsiedler in der nämlichen Gegend, wohnte dort in einer Höhle und zeichnete sich aus durch ehrwürdigen Wandel im Gesetze Gottes. Eines Tages, da mehrere Brüder zu Besuche kamen – an dem Orte führt nämlich eine Straße vorbei – ging ihm das Brot aus. Er hat uns versichert: „Ich war in großer Verlegenheit, doch als ich in die Zelle trat, fand ich drei frischgebackene Brote vor und, obgleich unser zwanzig bis zur Sättigung aßen, blieb eines übrig, und ich reichte damit noch fünfundzwanzig Tage.“

52. Sabas.

[Sabas, zubenannt der Weltmann, aus Jericho, war vermählt und hatte solche Liebe zu den Mönchen, daß er nächtlicher Weile ringsum zu den Zellen und in die Wüste sich begab und vor jede Behausung ein Maß Feigen und hinreichend Gemüse für jeden legte; denn die Asketen der Jordangegend essen kein Brot. Eines Tages traf er mit einem Löwen zusammen; der lief ihm erst eine Weile nach, schlug ihn mit der Tatze kopfüber vom Esel, packte diesen und ging davon.]

53. Abrahamius.

Abrahamius war ein Ägypter, der in der Einsamkeit ein überaus hartes und strenges Leben führte. Wahnsinnig geworden, kam er in die Kirche, stritt mit den Priestern und sagte: „Christus hat mich heute nacht zum Priester geweiht; lasset mich also mit euch den Opferdienst verrichten!“ Da sandten ihn die Väter hinweg aus der Einsamkeit und sorgten, daß er bequemer leben konnte und gute Kost bekam; so heilten sie seinen Wahn und brachten ihn zur Einsicht, daß er ein schwacher Mensch sei, mit dem der Teufel sein Spiel getrieben hatte.

54. Die ältere Melania.

Ich habe schon weiter oben von der wunderbaren seligen Melania im Vorübergehen erzählt, will aber dennoch jetzt ausführlich von ihr berichten.

Welch‘ unermeßlichen Reichtum sie, brennend von göttlichem Eifer wie von einem Feuer, zum Opfer brachte, das kann ich unmöglich schildern; das mögen andere tun bis nach Persien hinein. Ließ sie doch niemand leer ausgehen in ihrer Freigebigkeit, nicht Osten und Westen, nicht Norden und Süden. Siebenunddreißig Jahre bot sie den Fremden auf eigene Kosten ein Obdach, sorgte für Kirchen und Klöster, für Pilger und Gefangene. Ihr Sohn und ihre Verwalter stellten ihr die Geldmittel bereit. Mildtätigen Sinnes gab sie alles dahin, so daß sie zuletzt nicht mehr eine Handbreit Boden besaß. Nicht einmal die Sehnsucht nach dem heißgeliebten Sohne war mächtig genug, ihren Sinn zu ändern und sie von der Liebe Christi zu scheiden. Durch ihr Gebet bewirkte sie, daß der junge Mann ein Muster edler Zucht und Sitte ward. Er nahm zur Gattin die Tochter eines erlauchten Geschlechtes und stand in hohen Ehren in dieser Welt. Zwei Kinder entsprossen seiner Ehe.

Nach langer Zeit hörte sie von den Lebensumständen der Enkelin; daß sie vermählt sei, doch der Welt entsagen wolle. Von Angst getrieben, sie möchten einer unseligen Häresie verfallen oder auf die Bahn eines schlechten Wandels geraten, bestieg die sechzigjährige Greisin ein Schiff und fuhr in zwanzig Tagen von Cäsarea nach Rom. Hier traf sie den hochseligen preiswürdigen Apronianus, der ein Heide war; ihn bekehrte sie zum Christentum und bewog ihn, enthaltsam zu leben mit seiner Gattin, ihrer Nichte, namens Avita. Sie bestärkte die eigene Enkelin Melania und ihren Gatten Pinian, gab der eigenen Schwiegertochter Albina, der Gattin ihres Sohnes, heilsame Lehren, bewog all diese zum Verkauf der Besitztümer und führte sie fort aus Rom an eine Stätte, die mitten in der Welt einem sturmsicheren, stillen Hafen glich. Zugleich kämpfte sie gegen die Senatoren und vornehmen Frauen, die sie hindern wollten, auf ihre Güter zu verzichten. „Kinder“, sagte sie zu ihnen, „schon vierhundert Jahre steht geschrieben: Es ist die letzte Stunde. Hängt euch nicht an dies vergängliche Leben! Es könnten die Tage des Antichrist kommen; dann habt ihr nichts von euerem Reichtum und allem Ruhme der Ahnen.“ Die genannten alle machte sie frei und verschaffte ihnen die Möglichkeit, ein zurückgezogenes Leben zu führen. Auch ihren jüngsten Sohn Publicola bewog sie, nach Sizilien zu gehen, und gab ihm selber das Geleite. Was sie noch übrig hatte, verkaufte sie, nahm den Erlös und kehrte nach Jerusalem zurück. Dort verschenkte die edle Greisin den ganzen Betrag und starb innerhalb vierzig Tagen im tiefsten Frieden. Sie hinterließ zu Jerusalem ein Kloster, dem sie ein entsprechendes Vermögen sichergestellt hatte.

Als sie schon alle weit von Rom entfernt waren, da brach, wie seit alter Zeit in den Weissagungen geschrieben stand, eine Sturzwelle von Barbaren über die Stadt herein, die nicht einmal die ehernen Statuen auf dem Forum stehen ließ und alles in wilder Wut dem Verderben weihte, so daß Roma, die zwölf Jahrhunderte dastand in gleißender Pracht, zusammenstürzte. Und alle, die auf jene Predigt hörten und die nicht darauf hörten, priesen Gott, der durch den Umschwung der Zeitverhältnisse den Ungläubigen klar bewies, daß diese Familien, während alle anderen in Kriegsgefangenschaft fielen, ganz allein gerettet und durch Melanias Eifer gleichsam Opfergaben wurden für den Herrn.

55. Silvania.

Es traf sich, daß wir von Älia nach Ägypten reisten in Begleitung der seligen Jungfrau Silvania, der Schwägerin des Präfekten Rufinus. In unserer Gesellschaft befand sich Jovinus, damals Diakon, jetzt Bischof von Askalon, ein frommer und gelehrter Mann. Weil uns die Hitze sehr belästigte, nahm Jovinus, als wir nach Pelusium gelangten, ein Waschbecken, wusch sich Hände und Füße mit sehr kaltem Wasser und streckte sich, um auszuruhen, auf einen weichen Pelz, der am Boden lag. Da trat die selige Silvania hinzu, wie eine weise Mutter zu ihrem Sohn, und verwies ihm seine Weichlichkeit mit den Worten: „Wie kannst du doch in diesem Alter, wo dein Blut noch lebendig ist, dein Fleisch so verzärteln? Ahnst du nicht, welch ein Schaden daraus erwächst? Merke dir! Ich stehe schon im sechzigsten Lebensjahr und habe mancherlei Krankheiten durchgemacht, doch ließ ich trotz dem Drängen der Ärzte meinem Leibe nie sein Behagen, ruhte niemals in einem Bett und reiste niemals in einer Sänfte.“

Sie besaß so tiefes Verständnis und so mächtiges Verlangen nach Wissenschaft und Bildung, daß sie die Nächte zu Tagen machte vor emsiger Beschäftigung mit allen Schriftdenkmälern der Alten; so las sie von Origenes drei Millionen [Zeilen], von Gregorius, Stephanus, Pierius, Basilius und anderen bedeutenden Schriftstellern fünfundzwanzigtausend [Zeilen]. Sie pflegte nicht ein einziges Mal und flüchtig zu lesen, sondern sieben bis acht Mal studierte sie jedes Buch mit aller Aufmerksamkeit. So wurde sie fähig, frei von der fälschlich sogenannten Erkenntnis und gestärkt mit köstlicher Weisheit, wie ein Vogel auf den Flügeln edler Hoffnung emporzuflattern und durch geistlichen Wandel zu Christo zu gelangen.

56. Olympias.

In ihre Fußstapfen trat voll unermüdlichen Eifers die hochehrwürdige Olympias, die Tochter des Ritters Seleukus und Enkelin des Ablabius, der aus konsularischem Geschlechte war. Einige Tage war sie Braut des Stadtpräfekten Nebridius, aber niemals Gattin. Man sagt, als Jungfrau sei sie entschlafen, vielmehr als Braut des Wortes der Wahrheit. Allen Reichtum gab sie den Armen, kämpfte für die Wahrheit, bekehrte viele Frauen, erwies den Priestern Achtung und Ehre den Bischöfen und ward gewürdigt, Zeugnis für die Wahrheit abzulegen. In Konstantinopel zählt man sie den Bekennern bei, da sie mitten im Kampfe für die Sache Gottes starb.

57. Candida und Gelasia.

Ihrem Beispiel folgte die selige Candida, die Tochter des Heerführers Trajan, die ein höchst ehrwürdiges und tugendhaftes Leben führte, den Bischöfen und Kirchen Ehren erwies und die eigene Tochter für ein jungfräuliches Leben gewann und sie, da diese frühzeitig starb, gleichsam als Opfergabe des eigenen Leibes zu Christo voraussandte. Dann lebte sie selbst nach dem Beispiel der eigenen Tochter in Entsagung und Keuschheit und gab ihren Reichtum den Armen. Ich weiß, daß sie ganze Nächte der Arbeit oblag und eigenhändig Getreide mahlte zur Abtötung des Leibes, indem sie sagte: „Fasten allein ist nicht stark genug: ich geb‘ ihm darum Arbeit und Nachtwachen als Bundesgenossen, um die Wildheit Esaus1 zu bändigen.“ Sie enthielt sich von allem, was Blut und Leben hatte, nur Fisch und Gemüse mit Öl genoß sie, doch nur an Festen; sonst nahm sie nur Wasser mit Essig und trockenes Brot.

Ihrem Eifer ahmte die hochehrwürdige Gelasia nach, die Tochter eines Tribunen; von ihrer Tugend erzählt man besonders, daß die Sonne niemals unterging über ihrem Zorne gegen einen Diener oder eine Magd noch jemand anderen.

58. Die Mönche von Antinoe.

Ich hielt mich vier Jahre lang auf zu Antinoe in der Thebais und lernte während dieser Zeit die dortigen Klöster kennen. Es wohnen nämlich rings um die Stadt an zwölfhundert Männer, die sich von der Arbeit ihrer Hände nähren und ein übermenschlich strenges Leben führen. Unter ihnen gibt es auch Einsiedler, die sich selbst in Felsenhöhlen eingeschlossen haben; zum Beispiel ein gewisser Solomon, ein überaus sanftmütiger und enthaltsamer Mann, der die Gnadengabe der Geduld besitzt. Dieser war nach seiner eigenen Aussage schon das fünfzigste Jahr in seiner Höhle, lebte von dem, was er eigenhändig verdiente, und lernte die ganze Heilige Schrift auswendig.

In einer anderen Höhle wohnte der Priester Dorotheus, ein vortrefflicher Mann von tadellosem Wandel, weshalb er in den Priesterstand erhoben ward. Er versah den heiligen Dienst für die Brüder, die sich in den Höhlen aufhielten. Ihm ließ einst die jüngere Melania, die Enkelin der großen Melania, von der ich später berichten werde, fünfhundert Goldstücke reichen mit der Bitte, sie an die dortigen Brüder zu verteilen. Dorotheus aber nahm nur drei und sandte das übrige dem Einsiedler Diokles, einem sehr verständigen Mann, indem er sagte: „Bruder Diokles hat mehr Einsicht als ich und kann es ohne Schaden verteilen; denn er weiß, wie man den Armen am besten hilft. Ich selber brauche nicht mehr als dies.“ Der genannte Diokles oblag zuvor dem Studium der Grammatik, dann der Philosophie, bis er im Alter von achtundzwanzig Jahren sich von den freien Künsten weg und zu Christo hinwandte. Fünfunddreißig Jahre schon hielt er sich auf in der Höhle. Er sagte uns: „Wenn der Geist sich von Gott abwendet, wird er Tier oder Teufel.“ Er nannte die Begierde tierisch, die böse Lust teuflich. Als ich den Einwand erhob: „Wie soll der Menschengeist unablässig mit Gott vereinigt bleiben?“ gab er den Bescheid: „Die Seele mag denken und tun was nur immer; wenn es nur fromm ist und Gott zum Ziele hat, bleibt sie mit ihm vereinigt.“

In seiner Nähe wohnte Kapiton, ein ehemaliger Räuber, der volle fünfzig Jahre lang in seiner Höhle – vier Meilen von der Stadt Antinoe – blieb, ohne nur bis zum Nil herabzusteigen; er sagte, für ihn sei es unmöglich, mit den Leuten zusammenzutreffen, weil ihm der Widersacher noch immer nachstelle.

Bei diesen sahen wir auch einen anderen Einsiedler, der gleichfalls in einer Höhle wohnte; von Ruhmsucht aufgestachelt, von Traumbildern getäuscht, betrog er, die sich betrügen ließen, und „weidete Winde“. Dem Leibe nach blieb er zwar enthaltsam infolge seines Alters und wohl aus Eitelkeit; aber sein Geist war von maßloser Ruhmbegierde verdorben.

59. Amatalis und Taor.

In der genannten Stadt Antinoe befinden sich zwölf Frauenklöster; in einem davon traf ich die hochbetagte Amatalis, die schon achtzig Jahre lang ein asketisches Leben führt, wie sie selber und auch ihre Nachbarinnen erzählten. Mit ihr zusammen lebten sechzig Jungfrauen; diese liebten sie so sehr, daß es gar nicht nötig war, ein Schloß am Eingange zu befestigen, wie das in den anderen Klöstern Brauch ist, sondern alle folgten ihr aus Liebe. So frei von aller Leidenschaft war diese Greisin geworden, daß sie sich, als ich zu Besuche kam, neben mich setzte und mir ohne jedes Bedenken die Hand auf die Schultern legte.

In jenem Kloster war schon dreißig Jahre lang eine Jungfrau, namens Taor, eine Schülerin der Amatalis. Diese wollte niemals Gewand oder Mantel oder Schuhe annehmen, solange sie neu waren: „Ich habe das nicht nötig; denn ich will nicht gezwungen werden, auszugehen.“ Es gehen nämlich die anderen am Tag des Herrn zur Kirche, um an den Geheimnissen teilzunehmen. Sie dagegen blieb, in Lumpen gehüllt, im Kloster und saß unermüdlich an der Arbeit. Sie war von auffallender Schönheit, so daß auch für willensstarke Männer Gefahr bestanden hätte, davon berückt zu werden; doch war sie so schamhaft und schüchtern, daß ihr Anblick sogar bei jenen, die mit frechen Augen nach ihr sahen, nur sittsame Gedanken wachrief.

60. Kolluthus.

Eine andere wohnte nicht weit von mir, doch hab‘ ich niemals ihr Antlitz gesehen, denn sie ging, wie man erzählte, niemals aus, seit sie der Welt entsagte. Nachdem sie sechzig Jahre mit der eigenen Mutter in Abtötung gelebt, sollte sie diese Welt verlassen. Es erschien ihr der Märtyrer Kolluthus, der an jenem Orte Verehrung genoß, und sprach: „Heute sollst du zum Herrn gehen und alle Heiligen schauen; komm‘ also zum Mahle mit uns in die Kirche!“ Sie stand auf am frühen Morgen, kleidete sich an, legte Brot, Oliven und etwas Kräuter in den Korb, verließ zum ersten Male nach soviel Jahren das Haus, ging in das Heiligtum des Märtyrers und betete. Sie blieb den ganzen Tag, ohne daß jemand hineinkam, setzte sich und flehte zu dem Märtyrer: „Segne meine Speisen, heiliger Kolluthus, und begleite mich auf meinem Wege mit deiner Fürsprache!“ Nachdem sie gegessen hatte, betete sie wieder und begab sich nach Hause bei Sonnenuntergang. Hier überreichte sie der Mutter eine Schrift des Klemens, der die „Teppiche“ geschrieben; es war ein Kommentar zum Propheten Amos. „Gib das“, sprach sie, „dem verbannten Bischof, und sag‘ ihm, er solle für mich beten, denn ich gehe fort.“ Sie sorgte für das eigene Begräbnis und starb noch in derselben Nacht, ohne Fieber oder Kopfschmerz empfunden zu haben.

61. Die jüngere Melania.

Weil ich oben das Versprechen gab, von der jüngeren Melania zu berichten, muß ich mein Wort einlösen. Es wäre wahrhaftig ein Unrecht, ließe man wegen ihres geringen Alters dem Fleische nach so herrliches Beispiel der Vergessenheit anheimfallen, übertrifft sie doch ältere tugendhafte Frauen um vieles.

Von den Eltern, die zu den angesehensten Familien Roms gehörten, wurde sie zur Heirat gezwungen. Was sie jedoch beständig über die eigene Großmutter sagen hörte, war ein so mächtiger Antrieb, daß sie am ehelichen Leben kein Gefallen fand. Nachdem sie zwei Kinder geboren hatte, die beide bald starben, empfand sie solchen Widerwillen vor dem ehelichen Umgang, daß sie zu ihrem Gatten Pinian, dem Sohne des Prokonsuls Severus, sagte: „Ich will dich als Gebieter und Herrn über mein Leben anerkennen, wenn du mit mir ein asketisches Leben in Enthaltsamkeit führen willst; dünkt es dir aber zu schwer ob deiner Jugend, so nimm mein ganzes Vermögen, nur laß mich in Zukunft unberührt, damit ich mein Verlangen nach Gott stillen kann; denn von der Großmutter, deren Namen ich trage, hab‘ ich den Eifer als Erbstück erhalten. Wenn es Gottes Wille wäre, daß wir Nachkommen zeugen, dann hätte er meine Kinder nicht so frühzeitig weggenommen.“ Nachdem sie lange Zeit uneinig gewesen waren, erbarmte sich Gott des jungen Mannes und gab auch ihm das Verlangen nach Weltentsagung, so daß sich an beiden erfüllte, was geschrieben steht: „Wie willst du wissen, Weib, ob du (nicht) deinen Mann retten wirst?“ Mit dreizehn Jahren hatte man sie vermählt, sieben lebte sie mit dem Gatten zusammen und im zwanzigsten entsagte sie der Welt. Vor allem gab sie die seidenen Gewänder hin zum Schmuck der Altäre; ebenso tat auch die heilige Olympias. Die anderen Seidenstoffe zerschnitt sie und machte verschiedenartige kirchliche Gewänder daraus. Das Gold und Silber vertraute sie dem Priester Paulus an, der Mönch in Dalmatien war, und ließ es über das Meer nach dem Morgenlande schicken: nach Ägypten und in die Thebais zehntausend Goldstücke, nach Antiochien und dessen Umgebung zehntausend Goldstücke, nach Palästina fünfzehntausend Goldstücke, den Kirchen auf den Inseln und denen in der Verbannung zehntausend, den Kirchen gen Untergang gab sie selber ebensoviel. Dies alles und dazu noch viermal soviel entriß sie mit Gottes Hilfe kraft ihres Glaubens dem „Rachen des Löwen“ Alarich. Achttausend Sklaven ließ sie mit deren Zustimmung frei; denn die anderen wollten nicht, sondern zogen es vor, ihrem Vetter7 als Sklaven zu dienen; ihm überließ sie alle und gab jedem drei Goldstücke. Ihre Besitzungen in Spanien, Aquitanien, Tarrakonien und Gallien verkaufte sie, nur die anderen in Sizilien, Kampanien und Afrika behielt sie für sich, um den Unterhalt von Klöstern zu bestreiten. So weise schaltete sie mit der Last ihres Reichtums. Leiblicher Abtötung oblag sie folgendermaßen: Sie aß nur jeden zweiten Tag – anfangs ließ sie sogar fünf Tage vorübergehen – und tat die tägliche Arbeit mit den eigenen Mägden, denen sie zugleich Anleitung gab zum asketischen Leben.

Sie hat auch ihre Mutter Albina bei sich, die gleichfalls ein asketisches Leben führt und ihren Reichtum hingibt. Sie wohnen jetzt auf dem Lande, bald in Sizilien, bald in Kampanien, mit fünfzehn enthaltsamen Männern, sechzig Jungfrauen, mit Freigelassenen und Mägden. Ebenso führt ihr Gatte Pinian mit dreißig Mönchen einen ehrwürdigen Wandel und ist mit frommer Lesung und Gartenbau beschäftigt. Sie haben uns, da wir in Sachen des seligen Bischofs Johannes nach Rom gingen, ehrenvoll aufgenommen, gastfreundlich gepflegt und mit reichem Vorrat für die Weiterreise versehen. Zum Lohne für die gottgefälligen Taten erwarten sie mit großer Freude das ewige Leben.

62. Pammachius.

Ihr Verwandter Pammachius, aus konsularischem Geschlecht, entsagte gleichfalls der Welt und verschenkte seinen ganzen Reichtum teils zu Lebzeiten schon, teils hinterließ er ihn sterbend den Armen. Ebenso Makarius, dessen Ahnen die Statthalterwürde bekleidet hatten, und Konstantius, der im Rate der Gebieter Italiens saß, hochangesehene, feingebildete Männer, die von übermäßiger Liebe zu Gott erfüllt waren. Ich glaube, sie weilen noch im Fleisch und befleißen sich eines überaus edlen Wandels.

63. Von der Junfrau, bei der Athanasius Aufnahme fand.

Ich lernte zu Alexandrien eine Jungfrau von etwa siebzig Jahren kennen. Die ganze Priesterschaft bezeugte von ihr, in jungen Jahren, da sie ungefähr zwanzig zählte, sei sie von so auffallender Schönheit gewesen, daß ihr jedermann aus dem Wege ging, um nicht den guten Ruf zu verlieren und in schlimmen Verdacht zu geraten. Als zur Zeit des Kaisers Konstantius die Arianer den seligen Bischof Athanasius von Alexandrien lügenhaft anschuldigten, als ob er ein Verbrecher wäre, und mit Hilfe des Statthalters Eusebius zu fangen trachteten, floh er vor dem bestochenen Richter, wagte sich aber zu niemand, weder zu einem Blutsverwandten oder Freund oder Kleriker noch irgend jemand; sondern als die Sendlinge des Statthalters in die Wohnung des Bischofs eindrangen und ihn suchten, nahm er in Hast Gewand und Mantel und floh mitten in dunkler Nacht zu jener Jungfrau. Sie nahm ihn freundlich auf, geriet aber in Angst, sobald sie den Sachverhalt erfuhr. Athanasius sagte ihr deshalb: „Die Arianer haben mich fälschlich verklagt und stellen mir nach und ich entschloß mich zu fliehen, um nicht für unvernünftig zu gelten, noch jenen, die Rache zu nehmen suchen an mir, Anlaß zur Sünde zu geben. Zudem offenbarte mir Gott in dieser Nacht: Bei niemand wirst du gerettet werden außer bei jener.“ Vor Freude schlug sie nun alle Bedenken aus dem Sinne, trachtete nur mehr Gott anzugehören und verbarg den großen Heiligen sechs Jahre,1 solange Konstantius noch lebte. Sie wusch seine Füße, tat ihm die niedrigsten Dienste, sorgte für seine Nahrung, nahm Bücher zu leihen und brachte sie ihm. Kein Mensch in ganz Alexandrien wußte sechs Jahre lang, wo der selige Athanasius war. Sobald jedoch die Nachricht vom Tode des Konstantius eintraf und ihm zu Ohren drang, zog er kostbare Gewänder an und erschien zur Nachtzeit in der Kirche, so daß alle vor Schreck und Erstaunen glaubten, er sei von den Toten auferstanden. Er selbst erklärte vor vertrauten Freunden: „Deshalb bin ich zu keinem aus euch geflohen, damit ihr gegebenen Falles schwören könntet, nichts von mir zu wissen; zugleich aber, um vor Nachstellungen sicher zu sein. Ich floh zu jener, weil niemand an sie denken konnte wegen ihrer Schönheit und Jugend. So hab‘ ich zwei Dinge zugleich bewirkt: ihr Seelenheil – denn ich gewann sie für ein frommes Leben – und meine eigene Ehrenrettung.“

64. Juliana.

Eine Jungfrau, namens Juliana, zu Cäsarea in Kappadokien, war angesehen ob ihrer Klugheit und ihres lebendigen Glaubens. Diese nahm den Schriftsteller Origenes auf, als er im heidnischen Aufruhr die Flucht ergreifen mußte. Zwei Jahre trug sie die Kosten für seinen Unterhalt und bediente ihn mit aller Sorgfalt. So fand ich es aufgezeichnet in einem uralten, in Versen abgefaßten Buche, worin Origenes eigenhändig geschrieben hatte: „Dieses Buch fand ich bei der Jungfrau Juliana zu Cäsarea, während ich bei ihr verborgen war. Sie bekam es, wie sie sagte, vom jüdischen Übersetzter Symmachus.“

Nicht ohne Grund hab‘ ich die Tugendwerke dieser Jungfrauen erwähnt, sondern damit wir sehen, daß wir bei gutem Willen auf mannigfaltige Weise Verdienste sammeln können.

65. Aus Hippolytus.

In einem anderen uralten Buche, das gemäß der Aufschrift den mit den Aposteln bekannten Hippolytus zum Verfasser hat, fand ich erzählt, daß in der Stadt Korinth eine sehr schöne Jungfrau war, die auch ein wahrhaft jungfräuliches Leben führte. Zur Zeit der Verfolgung wurde sie bei dem damaligen Richter, der ein Heide war, fälschlich angeklagt, als habe sie die Machthaber und ihre Mißregierung geschmäht und die Götter gelästert; zugleich priesen ihm die Verleumder ihre Schönheit. Der Richter hörte die lügenhafte Beschuldigung mit Freuden an, denn er war ein weibertoller, geiler Mensch. Weil er die Jungfrau trotz aller Künste nicht überreden konnte, geriet er in Wut vor sinnlicher Gier, ließ sie jedoch zur Strafe nicht martern, sondern in ein Hurenhaus bringen und gebot dem Aufseher: „Nimm sie und sorge, daß sie täglich drei Goldstücke verdiene! Diese bringst du mir dann!“ Der Aufseher stellte sie also denen zur Verfügung, die sie wollten. Sobald es jene vernahmen, die solcher Art von Weiberliebe frönten, umdrängten sie das Haus der Schande, zahlten die Gebühr und gingen hinein, um ihre Lust zu befriedigen. Aber die Jungfrau bat inständig und sagte: „Ich hab‘ an geheimer Stelle ein entsetzlich übelriechendes Geschwür und fürchte darum, ihr möchtet nur Ekel empfinden an mir. Lasset mich also noch einige Tage in Ruhe, dann will ich unentgeltlich zu eueren Diensten sein.“ Nun bestürmte sie Gott mit Bitten in jenen Tagen und Gott sah gnädig auf ihren keuschen Wandel und gab einem jungen Beamten ein glühendes Verlangen, für sie zu sterben. Scheinbar der Wollust wegen kam er am späten Abend zum Inhaber jenes Hauses, erlegte fünf Goldstücke und sagte: „Laß‘ mich heute nacht mit ihr zusammen sein.“ Dann ging er in das heimliche Gemach und sagte zur Jungfrau: „Steh‘ auf und rette dich!“ Er nahm ihre Kleider und bedeckte sie mit den seinen, dem Untergewand und Mantel und allem, was zur Männerkleidung gehört. Dann sprach er: „Hülle dich fest in den Mantel und geh‘ hinaus!“ Sie tat es, bezeichnete sich (mit dem Kreuz) und entrann in unbefleckter Reinheit. Am nächsten Tage merkte man erst, was geschehen war. Den Beamten überlieferte man dem Gericht und warf ihn den wilden Tieren vor, so daß der Teufel noch einmal zuschanden wurde; denn jenem ward eine doppelte Marterkrone zuteil, starb er doch für sich selber und für jene Selige zugleich.

66. Verus von Ankyra.

In der Stadt Ankyra in Galatien traf ich den hochangesehenen Verus und hatte lange Gelegenheit, ihn näher kennen zu lernen. Er stammt aus ritterlichem Geschlechte, desgleichen seine Gattin, Bosporia mit Namen. Beide besitzen in solchem Grade die Tugend frommer Hoffnung, daß sie nicht einmal für die eigenen Kinder sorgen, sondern in allem nur an das künftige Leben denken. Sie verwenden nämlich den Ertrag ihrer Güter für die Armen, obgleich sie zwei Töchter und vier Söhne haben; diesen geben sie ausgenommen, wenn sie heiraten nicht einmal einen Rebzweig, sondern sagen nur: „Wenn wir sterben, ist alles euer.“ Was ihre Besitztümer abwerfen, bringen sie in die Kirchen in Städten und Dörfern und verteilen es. Auch folgender schöne Zug ist rühmenswert an ihnen: Als eine furchtbare Hungersnot ausbrach, gewannen sie die Häretiker für den wahren Glauben, indem sie an vielen Orten den Armen ihre Getreidevorräte zur Speise darboten. Trotz ihres hochadeligen Standes leben sie sparsam, tragen nur wertlose Kleider, genießen die einfachste Kost, leben aus Liebe zu Gott enthaltsam, weilen zumeist auf dem Land und meiden die Städte, damit sie nicht durch Lust und Lärm dieser Welt ihrem Vorsatz untreu werden.

67. Fromme Frauen in Ankyra.

In der genannten Stadt Ankyra zeichnen sich durch ihren Wandel auch viele Jungfrauen aus, etwa zweitausend oder darüber; desgleichen enthaltsame und sehr angesehene Frauen. Unter diesen ragt besonders Magna hervor, eine durch Frömmigkeit höchst ehrwürdige Frau; ich weiß nicht, soll ich sie Jungfrau nennen oder Witwe. Von der eigenen Mutter zur Heirat gezwungen, wußte sie den Gatten zu bereden, daß er den Beginn des ehelichen Umganges immer wieder auf einige Zeit verschob und blieb wie man allgemein behauptet infolgedessen unberührt. Sie widmete sich nach dem frühen Tod ihres Mannes ganz dem Dienste Gottes, steht würdevoll ihrem Hausgesinde vor, lebt mäßig bei strenger Arbeit, züchtig und in Ehren, so daß auch Bischöfe die höchste Achtung für sie hegen. Was sie nur immer entbehren kann, gibt sie für Fremdenhospize oder den Armen und Bischöfen, die auf der Durchreise hinkommen. Unablässig tut sie Gutes im Verborgenen, sowohl eigenhändig als mittels ihrer treuergebenen Dienerschaft, und besucht zu nächtlicher Zeit die Kirchen mit nimmermüdem Eifer.

68. Ein Mönch von Ankyra.

Ebenfalls in genannter Stadt trafen wir einen Mönch, der kurze Zeit Soldat gewesen war. Dieser wollte nicht zum Priester geweiht werden. Er führt schon in das zwanzigste Jahr ein asketisches Leben; sein Wandel ist so beschaffen: Er weilt beständig beim Bischof der Stadt, besucht sogar zur Nachtzeit die Armen – so barmherzig ist er und voll Nächstenliebe – sorgt für die Kranken und Gefangenen, hegt Teilnahme für arm und reich, bewegt die einen zum Mitleid und tritt als Anwalt der anderen auf, versöhnt die einen miteinander und bringt den anderen Nahrung und Kleidung. Wie in allen großen Städten, liegt auch in dieser Stadt eine Menge Kranker, teils ehelos, teils vermählt, in der Vorhalle der Kirche und bittet um das tägliche Brot. Nun traf es sich einst, daß in jener Halle zur Winterzeit um Mitternacht ein Weib gebar. Da sie vor Wehen zu schreien anfing, hörte das der genannte Mönch. Er unterbrach die gewohnten Gebete, ging hinaus, um nachzusehen, vertrat, da niemand zu finden war, Hebammenstelle und überwand aus Mitleid den Ekel vor dem Erbrechen, das bei Gebärenden eintritt. Die Kleider dieses Mannes sind keinen Heller wert, ebenso seine Nahrung. Zur Beschäftigung mit Büchern läßt ihm die Nächstenliebe keine Zeit. Schenkt ihm jemand von den Brüdern ein Buch, verkauft er es sogleich, und wenn er deshalb geneckt wird, gibt er zur Antwort: „Wie soll ich denn anders meinen Lehrer davon überzeugen, daß ich seine Kunst wirklich gelernt habe, außer indem ich sie wirklich übe?“

69. Die gefallene Nonne.

Drei Jungfrauen führten zusammen ein strenges Leben neun bis zehn Jahre lang. Eine davon wurde verführt durch einen Psalmensänger, pflog unzüchtigen Verkehr und gebar. Nun überkam sie großer Abscheu vor dem, der sie zum Falle gebracht, und so tiefe Reue, daß sie freiwillig verhungern wollte. Sie betete: „Großer Gott, der die Missetaten aller Menschen trägt und nicht den Tod des Sünders1 will noch den Untergang des Fehlenden! Willst du, daß ich gerettet werde, dann erweise mir deine Wundermacht und nimm hinweg aus dieser Welt die Frucht meiner Sünde, der ich das Leben gab; sonst muß ich zum Stricke greifen oder mich irgendwo herunterstürzen.“

Ihre Bitte fand Erhörung, denn bald darauf starb das Kind. Seit jenem Tage wandte sie dem Manne, der sie zur Sklavin seiner Lust gemacht, den Rücken, befliß sich ungemein harter Abtötung, diente dreißig Jahre lang den Kranken und Krüppeln und erwarb in solchem Maße Gottes Gnade, daß er einem aus den heiligen Priestern offenbarte: „Diese hat mir in der Buße besser gefallen als in der Jungfrauschaft.“

Das hab‘ ich aufgezeichnet, damit wir niemand verachten, der wahre Buße tut.

70. Der verleumdete Lektor.

Eine Jungfrau, die Tochter eines Priesters zu Cäsarea in Palästina, fiel in Sünde. Sie ließ sich zudem vom Verführer überreden, einen Lektor genannter Stadt zu beschuldigen. Schwanger geworden, gab sie dem eigenen Vater auf sein Befragen den Lektor an. Im guten Glauben teilte dieser es dem Bischofe mit, der sofort die Priesterschaft zusammenrief und auch den Lektor kommen ließ und verhörte. Der legte natürlich kein Geständnis ab; denn wie hätte er gestehen sollen, was er nicht getan? Da wurde der Bischof unwillig und sprach mit Strenge: „Gesteh‘, du elender und verworfener Mensch!“ Der Lektor gab zur Antwort: „Ich kann nur das eine sagen, daß ich ohne Schuld bin; ich habe niemals nur gedacht an diese. Wenn du jedoch die Wahrheit nicht hören willst gut, dann hab‘ ich es getan!“ Da setzte der Bischof ihn ab. Nun ging der Lektor zu ihm und sagte: „Wenn ich also gefehlt habe, so befiehl, daß sie mir zum Weibe gegeben werde; denn ich bin ja kein Kleriker mehr und sie keine Jungfrau.“ Nun meinten Bischof und Priester, das hätten beide verabredet, zudem könne man ihrem sündhaften Umgange doch kein anderes Ende bereiten. Und so gab man sie dem Lektor. Der brachte sie nach einem Frauenkloster und bat die Vorsteherin der Schwestern, sie zu behalten, bis sie geboren hätte. Nach kurzem erfüllten sich die Tage, daß sie gebären sollte. Schon kam die entscheidende Stunde heran. Die Wehen stellten sich ein; sie stöhnte vor Schmerz und sah die Geister des Abgrundes. Doch das Kind kam nicht. So verging ein Tag, dann der zweite, der dritte, zuletzt der siebente. Das Weib litt Höllenangst, konnte nicht essen und trinken, nicht schlafen und schrie beständig: „Wehe mir Elenden! Jetzt bin ich in Todesgefahr, weil ich den Lektor verleumdet habe.“ Das meldete man ihrem Vater; doch dieser war in Besorgnis, er werde nun ob falscher Anklage bestraft, und beschwichtigte deshalb zwei Tage die Frauen. Allein das Mädchen konnte nicht gebären und nicht sterben. Da die Nonnen ihr Geschrei nicht mehr aushielten, lief man zum Bischof mit der Nachricht: „Sie schreit schon Tage lang und gesteht, daß sie den Lektor verleumdet hat.“ Der Bischof sandte sogleich Diakonen zum Lektor und diese sagten ihm offen heraus: „Du sollst beten für jene, die dich verleumdet hat, damit sie gebären kann!“ Doch er antwortete nicht und ließ die Türe zu wie seit dem Tage, wo er sich einschloß, um Gott anzuflehen. Da begab sich der Vater zum Bischof und in der Kirche wurde gebetet für sie; trotzdem konnte sie nicht gebären. Nun erhob sich der Bischof, begab sich selber zum Lektor, schlug an die Türe, trat hinein und sprach: „Steh‘ auf, Eustathius, und löse, was du gebunden!“ Sobald der Lektor zugleich mit dem Bischof das Knie beugte, gebar das Weib.

So mächtig war sein unablässiges Bitten und Flehen, daß die Verleumdung an das Licht gebracht und die Verleumderin gezüchtigt wurde. Das soll uns antreiben zur Ausdauer im Gebete; dann werden auch wir seine Kraft erfahren.

71. Der Bruder.

Von dem Bruder, der von Jugend auf bis zum heutigen Tage mit mir beisammen ist, will ich jetzt einiges sagen und dann das Buch beschließen.

An diesem nahm ich lange Zeit hindurch wahr, daß er nicht aus Leidenschaft aß und nicht aus Leidenschaft fastete; daß er, wie mir scheint, die Geldgier bezwang und im wesentlichen auch den Ehrgeiz; daß er zufrieden war mit dem, was er hatte, mit Kleidern keine Hoffart trieb; Dank sagte, wenn er Zurücksetzung erfuhr; für edle Freunde willig Opfer brachte; tausendmal und öfter von Teufeln angefochten wurde, so daß ihm eines Tages ein Teufel die Verheißung gab: „Versprich mir, nur ein einziges Mal zu sündigen, so darfst du verlangen, was du willst in dieser Welt, ich tu‘ dir’s.“ Und wieder einmal – hat er mir erzählt – da ließ er ihm vierzehn Nächte nicht Ruhe, zog ihn am Fuß und begann zu reden: „Bete Christum nicht an und halte dich ferne von ihm!“ Darauf gab ihm jener die Antwort: „Eben deshalb bet‘ ich ihn an und will ihn noch unendlich öfter anbeten und lobpreisen, weil du darob in Wut gerätst.“ Hundertsechs Städte betrat er und nahm in den meisten Aufenthalt; ein Weib hat er niemals erkannt durch Gottes Erbarmung, nicht einmal im Traum, so heiß er auch zu kämpfen hatte. Dreimal erhielt er, soviel ich weiß, durch einen Engel die nötige Nahrung. Eines Tages, als er tief in der Wüste war und nicht ein Krümmchen hatte, fand er in seinem Schafpelz drei warme Brote, wieder einmal Wein und Brote; wieder einmal vernahm er eine Stimme: „Du leidest Mangel; geh‘ zu dem und diesem! Der wird dir Öl und Getreide geben!“ Und als er hinkam, zu dem er gesandt war, sagte dieser: „Bist du der Mann?“ Er sagte: „Ja“. Der andere darauf: „Es hat dir jemand aufgetragen, dreißig Scheffel Getreide zu holen und zwölf Sester Öl.“ Ich will mich dessen rühmen, der so beschaffen war; oft sah ich ihn Tränen vergießen um fremder Armut willen, und was nur immer sein Eigentum war, das gab er allen bis auf das nackte Leben. Auch sah ich ihn weinen, wenn ein anderer in Sünde fiel, und er führte den Sünder zur Reue durch seine Zähren. Einst hat er mir eidlich versichert: „Ich habe Gott gebeten, er solle niemand, vor allem keinen Reichen oder Schlechten, bewegen, mir zu schenken, was ich nötig habe.“

Schluss

Mir aber genügt es, daß ich gewürdigt ward, aller zu gedenken, von denen ich hier in diesem Buche geschrieben habe. Denn es geschah nicht ohne göttlichen Antrieb, daß Dein Geist sich bewogen fühlte, mir den Auftrag zu geben, diese Schrift zu verfassen über das Leben aller genannten Heiligen. Doch Du, getreuester Knecht Christi, lies gerne darin und folge mit froher Zuversicht dem herrlichen Beispiel, das jene gaben durch ihren Wandel, ihre Leiden und ihre Geduld! Du siehst ja, daß die Tage, die vor Dir liegen, kürzer sind als die anderen hinter Dir. Bete für mich und bewahre Dich selber so, wie ich weiß, daß Du bist seit dem Konsulate Tatians bis auf den heutigen Tag und wie ich wiederum Dich fand nach Deiner Erhebung zum Vorstand der Leibwache des überaus frommen Kaisers! Wer nämlich bei solcher Würde mitten in Reichtum und Macht an Gottesfurcht nicht abnimmt, der ist Christo geweiht, der auf des Teufels Rede: „Das alles will ich dir geben, wenn du niederfällst und mich anbetest“ erwiderte: „Weiche von mir Satan, denn es steht geschrieben: Du sollst Gott deinen Herrn anbeten und ihm allein dienen“

 

 

 

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