Briefe

Von Salvanius von Massilia

I. Eine Empfehlung

Dieser Brief wurde wohl um 438 geschrieben, als Köln von den Barbaren eingenommen worden war.

O Liebe, ich schwanke, wie ich dich nennen soll, gut oder böse, süß oder bitter, lieblich oder abstoßend? Denn von beidem bist du so voll, daß du beides zu sein scheinst. Daß die Unsrigen von uns geliebt werden, ist ehrenvoll, daß sie verletzt werden, bitter. Und doch entspringt bisweilen beides ein und derselben Gesinnung, ja ein und demselben frommen Wunsch: dem Schein nach mag ein Widerspruch vorhanden sein, dem Wesen nach herrscht Einklang. Ist’s doch die Liebe, die uns die Unsrigen lieben heißt; und diese Liebe wiederum, die uns manchmal zwingt, sie zu kränken. Beides ist ein und dasselbe: und doch hat das eine den Dank der Liebe für sich, das andere muß die Ungnade des Hasses dulden. Wie drückend ist dies, ich bitte euch, Geliebteste, oder wie bitter, daß Liebe zwangsweise zum Grund für den Haß wird? Diese Erfahrung haben andere schon oft gemacht. Nun muß ich mit gutem Grunde fürchten, gleichfalls in die Lage geraten zu sein, daß ich für einen sorge und dabei vielen zur Last falle, wenn ich den Jüngling, den ich euch schickte, meinen unzertrennlichen Freunden anzuvertrauen wünsche, und daß die Liebe zu ihm ein Verstoß gegen die anderen sei; doch, sagt man, die wahrhaft Liebenden sind so schnell nicht zu beleidigen. Aber da ich fürchte, daß meine Empfehlung von einem oder dem andern nicht besonders günstig aufgenommen werde, halte ich auch schon die Verringerung der Gunst für ein Zeichen von Verstimmung. Beseelt von dem redlichen Wunsche, den Meinigen zu Gefallen zu sein, nehme ich in Gedanken die Schuld an ihrer Verstimmung auf mich; und wenn ich nicht in genügender Weise ihren Beifall finden kann, trage ich auch schon die Strafe ihres Mißfallens. Doch das habe ich bei euch überhaupt nicht zu fürchten, bei euch, die ihr mich ganz und gar in eure Mitte aufnehmt und sogar bei anderen Leuten für mich bekümmert seid. Denn es ist gar nicht möglich, daß ich je bei eurer liebreichen Gesinnung Mißfallen erregen könnte; im Gegenteil, ihr habt mit mir Angst davor, daß ich etwa zufällig bei dem oder jenem Mißfallen erregte, ihr meine liebsten, besten Freunde! Der junge Mann nun, den ich zu euch sandte, geriet zu Köln mitsamt seinen Angehörigen in Gefangenschaft; ehedem hatte in seinen Kreisen sein Name einen guten Klang; er gehörte zu einer sehr angesehenen Familie und stammte aus hochachtbarem Hause; vielleicht würde ich über ihn etwas weitschweifiger mich verbreiten, wenn er nicht mein Anverwandter wäre. So aber fasse ich mich kurz, um nicht durch allzulanges Reden über seine Person den Anschein zu erwecken, als redete ich über die meine. Seine Mutter nun ließ der Besagte in Köln zurück, eine rechtschaffene, ehrbare Witwe, und, wie ich vielleicht etwas kühn von ihr sagen kann, wahrhaft eine Witwe. Denn abgesehen von den Tugenden der Keuschheit und Weisheit zeichnet sie sich aus durch den Glauben, der stets allen Zierden wieder eine Zierde ist; ohne ihn ist ja nichts so schmuckvoll, daß es einen Schmuck bilden könnte. Sie also lebt nach der mir gewordenen Kunde dort in solcher Armut und Not, daß sie weder zum Bleiben noch zum Wegziehen die freie Wahl hat; denn sie besitzt tatsächlich nichts, was ihr zum Leben oder zur Flucht helfen könnte. Einzig und allein durch Taglöhnerdienste kann sie ihren Lebensunterhalt suchen; und so muß sie sich denn unterwürfig mit ihrer Hände Arbeit an die Frauen der Barbaren verdingen. Und mag sie allerdings durch Gottes Barmherzigkeit frei sein von den Fesseln der Kriegsgefangenschaft – sie ist doch Sklavin; zwar nicht ihrem Stande nach, aber doch Sklavin infolge ihrer Armut. Diese Frau nun vermutete nicht mit Unrecht, ich besäße dahier die Gunst einiger ehrwürdiger Personen – und ich will es nicht leugnen, um nicht, als Verleugner der Gnade, mich dem Danke für die Gnade zu entziehen: aber, so sicher ich nicht in Abrede stellen kann, sie zu besitzen, ebenso sicher weiß ich, daß ich sie nicht verdiene, so zwar, daß ich der Gnade Ursache nicht bin, obschon so etwas wie Gnade in mir wohnt; wenn nämlich wirklich in mir ein Stück Gnade ist, dann ist es unverkennbar um derentwillen in erster Linie verliehen, denen an meiner Begnadung gelegen sein mußte; so läge denn vielleicht die Gefahr nahe, ich möchte, wenn ich ihnen das, was ich um ihretwillen empfangen habe, ableugne, weniger mein Eigentum als vielmehr das ihre abzuleugnen scheinen. Diese Frau nun, mochte sie Wirkliches oder mehr als Wirkliches bei mir suchen, schickte den Jungen, den ich zu euch sende, an mich und hoffte dabei, er könnte auf meine Fürsprache hin mit der Fürsorge und Gunst meiner Freunde eine Stütze meiner Verwandten sein. Ich tat also, worum ich gebeten ward, jedoch nur in beschränktem Maße und nur an wenigen Türen, um nicht eine dankenswürdige Gunst durch ihren undankbaren Gebrauch zu verscherzen. Ich habe ihn anderswo empfohlen; ich empfehle ihn auch euch, freilich andern nicht ebenso wie euch: denn erstens brauche ich euch ihn, der der meine ist, doch nicht lange zu empfehlen, so wenig wie mich selber; und dann müßt ihr doch, da ihr mich als einen Teil von euch selbst betrachtet, auch ihn, der ja ein Teil meines Ichs ist, in gewissem Maße als einen Teil von euch ansehen; und endlich darf die Empfehlung in ihrer Art von den übrigen sich unterscheiden, weil sie sich auch durch den höheren Grad der Liebe abhebt. Denn den anderen Leuten habe ich den Jüngling anvertraut dem Leibe, euch dem Geiste nach; den anderen im Hinblick auf den Nutzen in der Gegenwart, euch mit der Hoffnung auf die Zukunft; den andern um kurzer irdischer Freuden, euch um ewiger, göttlicher Güter willen. Und so habe ich richtig gehandelt: ich habe nämlich eher das von euch erbeten, woran ihr größeren Überfluß habt, da ja die Güter des Fleisches euch weniger zu Gebote stehen als die des Geistes. Nehmt ihn also, ich bitte euch, auf wie mein Herzblut und tut, so weit es an euch liegt, euer Möglichstes! Zieht ihn an euch, mahnt, lehrt, unterrichtet, bildet ihn, zeuget ihn auf’s neue! Unseres Herrn Christus Barmherzigkeit möge es fügen, daß zu seinem Heile er, der jetzt noch mein und meiner Angehörigen Verwandter ist, anfange, eher der Eurige zu sein als der der Seinigen! Laßt ihn ein, ich bitte euch, in jene seligmachenden ewigen Häuser, nehmt ihn auf in die heiligen Scheuern! Öffnet ihm die himmlischen Schatzkammern, und in steter Mühe mühet euch darum, daß ihr ihn beim Bergen in eure Schatzkammer zu einem Bestandteil des Schatzes selbst umbildet! Mächtig ist ja jene unaussprechliche Güte Gottes! Ihr nehmt ihn in die Gemeinschaft euerer geistlichen Güter auf; zu gleicher Zeit vermehrt ihr den Reichtum, den ihr über ihn ausschüttet, eben durch ihn. Und das ist sicher: wenn nur ein Funke guter Anlage in ihm steckt, wird es euch nicht schwer zu fallen brauchen, das Beste von seiner Zukunft zu hoffen; wenn er auch kein Wort von euch hört, er wird genügend Gewinn aus dem einen Umstand davontragen, daß er euch sieht. Lebt wohl!

II. Salvian an den Bischof Eucherius

Eucherius war 410 mit seinen beiden Söhnen Salonius und Veranus in Lerinum eingetreten. 428 oder 429 wurde er Bischof von Lyon; er starb um 450. Salonius wurde später Bischof von Genf, Veranus Bischof von Vence. Vorliegender Brief ist bald nach der Erhebung des Eucherius zum Bischof geschrieben, also 429 oder 430.

Ursicinus, dein Zögling, hat mir kürzlich deinen Gruß übermittelt: wenn er’s ohne deinen Auftrag tat, lobe ich mir seine Verständigkeit, wenn ich auch die Falschheit nicht billigen kann; tat er’s in deinem Auftrag, muß ich mich wundern, daß du den Freundschaftsdienst lieber einem anderen übertragen hast, als zu schreiben, d. h. ihn lieber durch Vermittlung eines Dieners als in eigener Person zu leisten. Ein solches Benehmen muß ich deshalb tadeln und erwarte Besserung, wenn wirklich nur Nachlässigkeit, nicht etwa gar Hochmut die Ursache davon ist. Denn sehr häufig ist Überhebung eine unmittelbare Begleiterscheinung eines neuen Amtes; womit nicht gesagt sein soll, daß man den gebräuchlichen Maßstab für die Sünde auch an dich anlegen muß, da ja deine gütige Gesinnung einzig dasteht. Daher ist es mein sehnlichster Wunsch, du mögest auch jetzt meiner alten Meinung über dich gerecht werden; sonst könntest du, wenn du die gute, alte Sitte mit einigen deiner neuen Pflichten nicht in Einklang bringen kannst, den Verdacht erregen, du habest für die neuen Ehren irgend etwas in dir verkauft!

III. Salvianus an den Bischof Agrycius

Dieser Brief ist unvollständig und über den Adressaten nichts Näheres bekannt. Die Histoire litteraire de la France (Paris 1735) II 528 vermutet, daß Agrycius entweder der Bischof von Antibes in der Provence oder der gleichnamige Bischof von Sens an der Yonne sei.

Wenn ich meine Pflichtversäumnis bei deiner Heiligkeit entschuldigen wollte, wäre ich eher zu beschuldigen, da ich meine Unentschuldbarkeit entweder aus Torheit nicht erkenne oder aus Hochmut nicht zugeben will. Also versuche ich keine Entschuldigung: denn es bedeutet nur eine Vergrößerung der Schuld, wenn man nach den Vergehen seine Unschuld herausstreicht. Was soll ich also beginnen, da ich weder die Möglichkeit, die Tat zu leugnen, noch sie in Schutz zu nehmen für mich habe? Denn zu leugnen, was klar auf der Hand liegt, wage ich nicht, und übergroße Schuld herabzumindern vermag ich nicht. So muß ich denn zur Arznei der heiligen Schriften meine Zuflucht nehmen, die auch für die größten Sünden (Vergebung verspricht) …

IV. Ihren Eltern Hypatius und Quieta entbieten Salvianus, Palladia und Auspiziola Grüße!

Diesen Brief schrieb Salvian, um seine durch die Auflösung seiner Ehe erbitterten Schwiegereltern zu versöhnen. Da er etwa 424 in Lerinum eingetreten war und in dem Brief davon spricht, daß er mit seiner Gattin schon das siebte Jahr ohne ein Lebenszeichen von seiten seiner Schwiegereltern sei, fällt die Abfassungszeit des Briefes in das Jahr 430 oder 431.

Der Apostel Paulus, das Gefäß der Auserwählung, der Lehrer des Glaubens und Gottes Behältnis, hat, da er alle seine Briefe als äußerst redegewandter Mann diktierte, trotzdem einige nicht allein seinen Namen mitgegeben; denn in den einen fügt er des Silvanus, in den anderen des Timotheus, in etlichen endlich beider Namen seinem eigenen Namen bei. Und warum wohl? Erstens glaube ich, damit auch die als zusammengehörig erkannt würden, die zusammen schrieben; ferner damit alle die, die insonderheit von einem oder dem anderen unterrichtet worden waren, erführen, daß alle Meinungen vollkommen miteinander übereinstimmten; endlich damit diejenigen, die das Ansehen eines einzigen nicht bekehrte, wenigstens die Übereinstimmung aller bekehrte. So schreiben denn auch wir gemeinsam, zwar nur schwächliche Nachahmer gewaltiger Vorbilder, an euch, die ihr der Natur nach uns Eltern, dem Glauben nach Brüder, der Ehre nach Gebieter seid; nicht, wie jene Apostel, mit der Lehrgewalt ausgerüstet, sondern im Niedrigkeitsgefühl eines Dienenden. Auf diese Weise sollt ihr euch, wenn ihr bis jetzt durch Briefe von einzelnen von uns euch nicht habt bewegen lassen, jetzt wenigstens durch die Beschwörung von uns insgesamt bewegen lassen; und ihr sollt wissen, daß wir, euere Kinder – ferne sei euch jede überflüssige Befürchtung! – zusammenstehen und nur das eine fühlen und das gleiche fürchten und um das nämliche flehen, nicht weil wir etwa wüßten, daß ihr allen zürnt, nein: nur weil es unmöglich ist, daß wir in irgendeiner Sache uns voneinander trennen. Denn die Furcht ist bei uns allen ganz die gleiche, mag vielleicht auch das Vergehen nicht als das gleiche erscheinen. So kann es leicht sein, daß ihr nicht uns beiden zürnt: doch die gegenseitige Liebe bewirkt es, daß, wenn eines von uns einer Schuld geziehen wird, das andere notwendig auch ob der Schuld in Trauer gerät. Fürwahr, das ist der einzige Gegenstand, der uns bis zu einem gewissen Grade in einen Streit verwickelt und zu Rede und Gegenrede verführt: – da wir, eure Kinder, beide schuldig sind, fürchtet jedes von uns doch mehr für das andere als für sich selber. Teuerste, ehrwürdigste Eltern, wir bitten nur um die Erlaubnis, bei euch anfragen zu dürfen. Können Kinder, die so innig lieben, wirklich keine Gegenliebe finden? Welch übergroßes Übel haben wir uns zuschulden kommen lassen – ihr, sollen wir sagen geliebtesten Verwandten oder verehrungswürdigen Gebieter? -, daß uns weder wie Kindern wieder Gnade geschenkt noch wie Knechten das Vergehen nachgelassen wird? Schon ist es fast das siebente Jahr, seitdem ihr keine Zeile mehr an uns, die wir so weit von euch entfernt wohnen, gelangen ließet. Und doch wird fast keinem, der sich gegen Gott versündigt, eine so lange Bußzeit auferlegt; niemand, auch wenn er der größten Verbrechen gegen seinen Vater schuldig ist, wird durch die Strafe vollständig entfremdet, sondern vielmehr nur dahin erzogen daß er größere Liebe habe, also daß der Zorn des Vaters der Liebe keinen Schaden bringt, sondern eine Mehrung; denn so viel die Züchtigung beigetragen hat zur Besserung des einen Teiles, ebensoviel zahlt die Besserung wieder an die gegenseitige Liebe zurück. Indes mögen nach diesem Grundsatz doch eher die Eltern handeln, die in einigen Punkten begründete Ursache zum Zorn gegen ihre Kinder haben. Du aber, warum zürnst du, der du nicht einmal mehr eine unbegründete Ursache hast, seitdem du Christ geworden bist? Mag sein; einst konntest du vielleicht, noch Heide, unsere so schöne Bekehrung nicht gelassen hinnehmen: mußtest du doch damals infolge der verschiedenen Richtungen auch die ganz auseinandergehenden Neigungen auf dich nehmen, als noch der Irrglaube gegen uns stritt, wenn auch die Liebe nicht grollte. Denn mochte der Vater nicht seine Tochter hassen – der Irrtum jedoch haßte die Wahrheit. Jetzt aber liegt die Sache ganz anders. Seitdem du dich zum Dienste Gottes bekannt hast, hast du dich für mich erklärt. Wenn du immer noch den weit zurückliegenden Ursachen deines Grolls nachgehst, so schiebe dir die Schuld zu, da du einem Christen deine Tochter gabst! Ist das nicht der Fall, warum zürnst du mir, daß ich jetzt den Glauben in mir zu mehren begehre, nach dem du in deinem eigenen Innern zu leben begonnen hast? Warum willst du denn an mir nicht schätzen, was du bist, der du doch an dir selbst verurteilt hast, was du ehedem warst? Doch ich muß ein wenig Maß halten in meinen Worten; denn auch wenn er im Recht ist, muß des Sohnes Rede gegenüber den Eltern demütig sein, soweit es die Sache erlaubt. So habt Nachsicht, ihr über alles Geliebten; vielleicht läßt mich die Liebe zu Gott in seinem Dienst ein wenig zu frei reden! Ja, wenn ihr irgendwelche andere Ursachen zum Grollen habt, dann will ich nicht widersprechen: ich kann gefehlt haben; so aber, wenn ihr dafür grollt, daß ich meine Liebe zu Christus offenbare, müßt ihr mir das verzeihen, was ich sagen werde. Ja, ich bitte um Verzeihung, weil ihr mir zürnen werdet; aber ich kann das nicht schlimm nennen, was ich begangen habe. Bis daher sprach ich vor euch in meinem Namen, sozusagen als Bittsteller für mich ganz allein. Nun aber, meine heißgeliebte, ehrwürdige Schwester, die mir gegen frühere Zeiten umso teurer ist, je mehr von den Ihrigen die Teuren geliebt werden müssen, in deren Herzen sich Christus selbst zum Gegenstand der Liebe gemacht hat, nun führe du deine Sache und zugleich die meine! Bitte du, auf daß ich ans Ziel gelange! Fordere du, auf daß wir beide gewinnen! Du bist ferne und kannst nicht mit den Lippen küssen: so küsse wenigstens in beschwörender Bitte die Füße deiner Eltern wie eine Magd, ihre Hände wie ihr Schützling, ihren Mund wie die Tochter. Zittere nicht! Habe keine Angst! Wir haben ja gute Richter, die Liebe selber legt Fürbitte für dich ein, die Natur selbst erhebt ihre Forderung zu deinen Gunsten, und helfende Stimmen für deine Sache hast du in den Herzen der Deinen: schnell geben sie Gewährung, die von ihrer eigenen Liebe überwunden werden. So beschwöre sie denn und sprich unter Flehen: „Was tat ich denn? Was habe ich begangen? Verzeiht mir, was immer es sei! Ich bitte um Vergebung, obgleich ich das Vergehen nicht kenne. Niemals habe ich euch – ihr wißt es selbst am besten – durch Pflichtvergessenheit oder Widerspenstigkeit gekränkt, nie mit hartem Wort verletzt, nie durch ein trotziges Gesicht geärgert. Von euch ward ich dem Manne übergeben, von euch dem Gemahl anvertraut. Euren Geboten, sicherlich, bin ich treu, und in meinem tiefsten Busen haften – ein heiliges Geheimnis – eure frommen Lehren. Vor allen anderen hießt ihr mich, glaube ich, meinem Manne gehorsam sein. So habe ich denn nach eurem Willen gehandelt, eurem Gebot gefolgt: ihm habe ich in jedem Punkte gehorcht, dem ich nach eurem Wunsche gehorchen sollte. Er lud mich ein zu frommem Dienst, lud mich ein zu keuschem Leben. Verzeiht – doch ich hielt es für eine Schande, mich zu sträuben; denn etwas Ehrwürdiges, etwas Reines, etwas Heiliges trat mir vor die Seele. Ich muß gestehen: als er mit mir über diesen Punkt sprach, da errötete ich aus Beschämung, daß ich nicht zuvor schon darauf gekommen sei. Und dazu kam noch liebende Ehrfurcht vor Christus: ich war im Glauben, mit allem ehrbar zu handeln, was ich aus Liebe zu Gott tat. Ich liege denn, o teuerste Eltern, euch zu Füßen, ich, eure Palladia, euer Dohlchen, eure kleine Dame, mit der ihr einst so gütig und so mild gespielt habt und der ihr all diese Kosenamen gabt; mit den verschiedenen Namen war ich euch bald Mutter, bald Vögelchen, bald Hausherrin, da ja das eine Bezeichnung für mein Wesen, das andere für meine Jugend, das dritte für meine hohe Würde war. Und dann bin’s doch ich, durch die euch zuerst der süße Elternname und die Großelternfreude zuteil wurden und, was besser ist als beides, beides unter glücklichem Stern, beides mit dem Genuß des endlichen Erreichens und dem Glücksgefühl gesicherten Genießens. Nicht als ob ich etwas davon meinem Verdienst zuschriebe: doch darf wohl die nicht in eurer Ungnade stehen, die nach Gottes Willen Anlaß eures Glückes war. So laßt es euch denn, ich bitte euch, nicht schwer auf die Seele fallen, daß ich Gott einen Bruchteil der Schuld abtrage, dem ich die ganze Schuld ja doch nicht begleichen kann. Ihr seid im Vollbesitz des süßesten Trostes, im Vollbesitz der teuersten Liebespfänder, im Vollbesitz des göttlichen Segens; und so heißt mich, von meiner persönlichen Sache abgesehen, schon eure glückliche Lage Gott danken; und ich glaube mich ihm verpflichtet, da er euch so große Gnaden verliehen hat.“

Doch genug davon. Nun haben wir, teuerste Schwester, schon genug durch unseren Mund gefleht, nun mag unsere Tochter unsere Sache zu Ende führen. Wir wollen also – ist doch zur Wiedergewinnung elterlicher Liebe jedes versuchte Mittel ehrbar – wir wollen dem Brauch und Vorbild solcher Leute folgen, die im letzten Stadium ihres Prozesses bisweilen, um das Mitleid der Richter zu rühren, den Schöffen, die das Urteil fällen sollten, eine Szene vorführten: sie schleppten jammernde Mütter oder zerlumpte Greise oder weinende Kinderlein vors Tribunal Sie wollten so, nachdem sie am Anfang des Prozesses schon mit Worten gebettelt hatten, nun am Schluß durch ihr Tun ihren Sieg ganz erbetteln. So bringen denn auch wir, geliebteste Eltern, euch unser Kind dar, das ein Fürsprech ist gleich dem jener Leute, aber doch ein viel willkommeneren. Bringen wir doch ein Kind, nicht unbekannt, sondern aus unserer Familie, nicht fremd, sondern uns zu eigen; nicht, wie jene Advokaten, eines, das ihnen selbst und den Richtern ferne steht, sondern das uns und euch gemeinsam gehört; daher zwingt euch dieser Sprößling eures Blutes nicht etwa zur Neigung für ganz unbekannte Menschen, sondern ruft euch nur zur Liebe für die Eurigen zurück; er legt euch nicht, selbst fremd, Fremde ans Herz, nein, euer Fleisch und Blut empfiehlt euch die Eurigen; er bittet euch nicht, solche zu lieben, die ihr vordem nie gesehen habt; nein, er bittet euch, nur die nicht zu hassen, die ihr, wie ich glaube, einfach nicht ohne eure Liebe lassen könnt. Es ist also, teuerste Eltern, eure Angelegenheit, es ist eure Sache; euer eigenes Herz, eure eigene Liebe erbittet dies von euch. Zürnt uns doch nicht, ich bitt‘ euch, so heftig, daß ihr nicht einmal mehr an euch denkt, wenn euch (der Gegenstand unserer gemeinsamen Liebe) anfleht. … Das Liebste, was uns gemeinsam gehört, (bittet) zugleich durch uns und mit uns; und fast das erste Wort, das es an euch richtet, muß es um unseres Vergehens willen sprechen! Fürwahr, unselig und beklagenswert ist sein Los, daß es seine Großeltern zu allererst infolge einer Schuld seiner Eltern kennenlernen muß. So erbarmt euch, flehen wir, seiner Unschuld, seiner Not! Wird es doch gewissermaßen gezwungen, um einer Kränkung der Seinigen willen schon flehen zu lernen, und weiß noch gar nicht, was kränken heißt. Gott selber, als ihn dereinst die Sünden der Niniviten erzürnten, ließ sich durch das Weinen und Wehklagen der Kinder erweichen. Denn wohl lesen wir, daß das ganze Volk getrauert habe; aber doch ward des besonderen Mitleids für wert gehalten das Schicksal der unschuldigen Kleinen. Sagt doch Gott zu Jonas; „Du bist sehr betrübt über den Wunderbaum“, und gleich darauf: „Ich sollte Ninive, die große Stadt, nicht verschonen, in der mehr als Hundertzwanzigtausend wohnen, die nicht ihre Rechte oder Linke kennen?“ Er will damit besagen, daß er um der Reinheit der Unschuldigen willen auch der Schuld der Sünder geschont habe. Jedoch, was spreche ich immer von Gottes Barmherzigkeit? Er verleiht ja nicht allein das, worum man ihn bittet, er spendet bisweilen auch Gaben, die man nicht erhofft. Seine menschenbeglückende Güte, wenn man so sagen darf, hebt ihn eben so weit über die Sterblichen hinaus, wie die Macht und Kraft seines göttlichen Wesens. Römer und Sabiner standen, wie Livius erzählt, sich zum Krieg gerüstet gegenüber; ja er hatte – und dann kann er noch schwerer beigelegt werden – schon begonnen; da wurde er auf einmal durch die Bitten und die Dazwischenkunft der teuren Kinder beendigt; und obwohl das eine Volk von Natur unbändig war und das andere im Schmerze raste, wirkte doch der Anblick des Teuersten bei beiden Gegnern so mächtig, daß der Römer nicht mehr an den Krieg und der Sabiner nicht mehr an die Unbill denken konnte; sie, die eben noch wild und wie halbe Barbaren nach dem Blute der Brüder dürsteten und das eigene zwecklos vergießen wollten, sie begannen nun sich gegenseitig zu umarmen; denn nun hatten sie auf einmal ein gegenseitiges Liebespfand; und so wurden beide Völker zu einem, weil beide die gleiche Liebe hegten. Wir stehen nicht in der Schlachtreihe, wir greifen nicht zu den Waffen, wir üben nicht Gewalt aus und versuchen sie nicht abzuwehren; denn wir halten es für eine Sünde, wenn Kinder ihren Eltern entgegentreten, auch nur insoweit, um nicht zu Unrecht Strafe zu erleiden. Warum, muß ich fragen, sollten unsere Kinder das nicht für uns erbitten können, was dereinst jene für ihre Eltern erreichen konnten? Oder sollen wir deswegen fast die allerunglücklichsten sein, deshalb weniger Verzeihung verdienen, bloß weil wir uns nicht zu wehren verstehen? Was ihr uns leiden lassen wollt, das leiden wir. Zürnt ihr uns, dann bitten wir ab; haltet ihr uns für strafwürdig, dann geben wir euch recht. Was bleibt aber, so frage ich, nach alledem noch übrig für die Vergeltung? Sicherlich kann den Eltern, selbst wenn sie gerechtfertigte Ursache zum Zürnen haben, doch kein größeres Glück widerfahren und kein tieferer Wunsch erfüllt werden, als daß die Kinder in solchem Maße für ihr Vergehen Genugtuung leisten, daß eine Strafe nicht mehr notwendig ist. Womit aber könnten wir euch noch mehr Sühne leisten? Eure Kinder sind wir, die wir euch bitten, euer Enkelkind, durch das wir bitten. Verzeiht! Habt Nachsicht! Bitten doch, teuerste Eltern, diejenigen wie arme Sünder für sich, auf deren Namen hin ihr nicht einmal Fremden etwas abzuschlagen pflegt. Es ist gewiß weitschweifig, jetzt von den zahllosen Beispielen frommer Liebe und menschlichen Edelsinnes zu erzählen, und vielleicht auch der verkehrte Weg, aus größeren Verhältnissen auf kleinere zu schließen. Und doch ist das, was ich jetzt sagen möchte, nur dem Scheine nach geringwertiger, in der Wirklichkeit jedoch keineswegs geringwertiger. Einst mußte sich auf dem Forum von Rom ein Servius Galba gegen die Gefahr des Verlustes von gutem Ruf und Ehre verteidigen; da er aber wegen der schwierigen Sachlage und seiner wirklich verdächtigen Tat weder seinem guten Recht noch seiner Beredsamkeit genügend Vertrauen schenken konnte, wandte er das Mittel an, die Richter, die er durch Bitten und Betteln nicht hatte umstimmen können, zum Schluß durch eine eindrucksvolle Handlung zu rühren. Als er daher alle Hilfsmittel, die ihm Redekunst und Verstand boten, aufgebraucht hatte und seine allzu geringen Erfolge sah, da führte er einen kleinen Knaben, den er mitgenommen hatte – es war der Sohn eines für jene Zeitverhältnisse sehr angesehenen Galliers, der erst kurz vorher gestorben war – und seine kleinen Kinder, die vor den Bänken der Zuhörer sich befanden, vor die Stühle und die Augen der Richter; und als er diese Kinder den Schöffen, die das Urteil fällen mußten, in jammerreicher Rede anbefahl, da wurden aller Herzen von Rührung übermannt und umgestimmt. Und dann, da aller Herzen gerührt waren, gestand das Mitleid dem rein menschlichen Empfinden all das zu, was die Wahrheitsliebe den Bitten versagen mußte. O ihr Liebeskräfte im Menschen, wie viel müßt ihr gelten, wie viel vermögt ihr, die ihr sogar vor Gericht Recht behalten konntet? So lernt denn, teuerste Eltern – mit eurer Erlaubnis sei es gesagt – lernt schon an diesem einen Beispiel, euch umstimmen und erweichen zu lassen! Sicherlich hat sogar da das Mitleid die Oberhand gewonnen, wo für Mitleid kein Platz hätte sein dürfen. Die zur Fällung des Urteils bestimmten Richter, die geschworen hatten, nur auf Grund ihrer Pflicht zur Wahrheit ihren Spruch verkünden zu wollen, selbst sie konnten – auch nicht nach Ablegung ihres Richtereides – das Mitleiden nicht ganz ausschließen; ja sie ließen sich von ihren rein menschlichen Gefühlen so sehr leiten, daß sie ihre eigene Pflicht fast vergaßen, während sie nur auf das Tun eines andern achteten. Unsere Bitte fordert nichts Hartes von euch und ist nicht allzu kühn: ihr sollt zu eurem eigenen Nutzen uns das bewilligen, was jene Schöffen einem Wildfremden zu ihrem eigenen Nachteil bewilligt haben. Sicherlich war damals weder die Sache gerechter noch die Person des Angeklagten teurer, noch waren die Zuhörer menschenfreundlicher, noch der Redner beliebter. Damals handelte es sich um ein Verbrechen, bei uns um die Liebe; damals um fremde Leute, bei uns um die Kinder; damals lag die Sache vor geschworenen Richtern, bei uns vor Eltern, die keinen Schwur nötig haben; damals führte die Sache ein Redner, der nur zu bemänteln suchte; bei uns euer Enkelkind, das noch nicht einmal zu bitten versteht, um euch gerade durch seine kindliche Unwissenheit um so eher zu rühren. Was fehlt denn unserer guten Sache noch? Welche neue, bis jetzt noch unerhörte Fürsprache sollen wir uns denn noch suchen? Sollen wir euch gegenüber zu Fürbitten fremder Menschen greifen? Bei der Liebe ist immer ein Stück Behutsamkeit: niemand hat bessere Liebe denn der, der am meisten sich scheut zu verletzen. Und so bitte ich euch denn jetzt um Verzeihung, nicht weil ich mir bewußt wäre, ein Unrecht begangen zu haben, sondern um überhaupt einer Kränkung keinen Raum mehr zu lassen; nicht aus dem Bewußtsein einer Schuld heraus, sondern nur in der Absicht und in der Pflicht der Liebe, auf daß die beschwörenden Bitten eines Unschuldigen bei dir größere Huld und Zuneigung finden und das demütige Flehen ohne jegliche Schuld die Liebe fördern kann; und auf daß du in der Abbitte deines Sohnes mehr habest, was du lieben kannst, wenn du schon nichts zu verzeihen hast. Indessen – wir schmeicheln uns vielleicht ganz gedankenlos mit unserer Unschuld und wissen gar nicht, wie du über uns denkst; und doch sollten wir eher auf deine Stimmung als auf unsere Ansicht achten. Es bleibt also nur eines übrig: Wenn wir wirklich etwas uns Unbekanntes verschuldet haben, was immer es auch sei, wolle du, der du es des Namens einer Kränkung für wert erachtest, es nicht auch der Verzeihung für unwert erachten! Wahrlich, eine prächtige Genugtuung kannst du dir selbst für die Schuld der Deinen verschaffen! Nichts geht dem Vater von seinem Recht auf Vergeltung verloren, wenn er dem Sohn verzeiht; denn es ist viel beglückender und löblicher, daß jemand den Seinen verzeiht, wenn sie die Verzeihung nicht verdient haben, als daß er sie züchtigt, selbst wenn die Züchtigung verdient war. Leb wohl!

V. Salvian an seine Schwester Cattura

Dieser Brief ist vor der Herausgabe der „Gubernatio“ geschrieben, also vor 439/40 weil § 4 des Briefes in Gb. I 16 zitiert wird. Cattura ist nicht Salvians leibliche Schwester, sondern eine gottgeweihte Jungfrau, eine alumna Christi.

Zwar wissen wir nach der Lehre des Apostels Paulus nicht, um was zu bitten uns frommt; und so kommt es zuweilen, daß wir nicht wissen, was wir wollen oder worüber wir uns freuen dürfen; und doch: aus dem Gefühl der allgemeinen, dem Menschengeschlecht eigenen Liebe heraus – und mit ihr wünschen ja wir Menschen so ziemlich alle, vielleicht mehr gütig als verständig, daß unserem Herzen Nahestehende so lang wie möglich unter uns leben – aus dieser Liebe heraus freue ich mich, daß du nach einer schweren, langwierigen Krankheit auch wieder die Hoffnung für das irdische Leben gewonnen hast; für das kommende Leben war sie ja schon immer dein eigen! Gebenedeit sei also der Herr, unser Gott, der immer schon der Beschützer deines Geistes, jetzt in vorzüglichem Maße auch der deines Fleisches war und der, in dir weilend und dich behütend, seine Vaterhand von deinem inneren Leben her segnend auch über dein äußeres Dasein breitete! Nicht allein das Allerheiligste, auch die Vorhalle seines Tempels und den Vorhof hat er erhalten; seinen Schutz hat er weiter ausgedehnt und bewirkt, daß das Heil deiner Seele sich auch auf die Gesundheit deines Leibes erstrecke. Indessen möchte ich annehmen, daß auch diese von dir überstandene Schwäche des irdischen Gefäßes dir keineswegs geschadet hat; denn wie du weißt, gerade seine Stärke ist dem Geiste immer feind; so darf ich wohl mit Recht dich jetzt um so stärker im Geiste vermuten, je mehr dein Körper schwach zu werden beginnt. „Denn das Fleisch“, so sagt der Apostel, „begehrt wider den Geist und der Geist wider das Fleisch. Diese befeinden sich nämlich gegenseitig, daß ihr nicht das tut, was ihr wollt.“ Wenn wir also infolge des Widerstandes unseres Leibes unseren Willen nicht ausführen können, müssen wir am Fleische schwach werden, um nach unserem Wunsche zu handeln. Und so ist’s in Wirklichkeit. Denn die Schwäche des Fleisches schärft die Spannkraft des Geistes; und wenn die Glieder teilweise gelähmt sind, übertragen sich die Kräfte des Körpers auf die Fähigkeiten der Seele; so scheint es mir als eine Art Gesundungsprozeß, wenn der Mensch bisweilen nicht gesund ist. Denn dann gibt es so gut wie kein Ringen mehr für den Geist gegen den Leib, d. h. kein Ringen mehr für das Göttliche in uns gegen den irdischen Feind. Dann glüht nicht unser innerstes Mark in den Flammen des Lasters, dann setzt nicht verborgener Zündstoff den kranken Geist in Glut, dann tollen nicht die ausschweifenden Sinne in allen Lüsten umher; nein, dann triumphiert einzig und allein die Seele, froh über das Leiden des Leibes, wie über einen unterjochten Gegner. Freue dich also, Pflegetochter Christi! Öffne die Pforte deines Geistes, der ja immer schon so einfältig und befriedet war, jetzt aber noch mehr geläutert und freigemacht ist, und ziehe an dich, wie du liest, den Heiligen Geist! Niemals, glaube ich, konntest du Gott würdiger empfangen, daß er bei dir wohne; je schwächer am Körper, desto reiner im Sinn. Als die Krankheit dein Fleisch besiegte, hast du im Geiste gesiegt; und glücklich wärest du, wenn du am Tode des Leibes immer so festhieltest zum Leben des Geistes. Vielleicht, wenn in dir aller Zündstoff der menschlichen Versuchungen erloschen ist, hast du schon begonnen, das Wesen der Seele sogar im Fleische zu tragen; und daher möchte ich glauben, du seiest eigentlich nicht so durch eine große Fügung als vielmehr durch eine große Gnade Gottes zuvor krank geworden und jetzt genesen. Denn du bist bis jetzt krank gewesen zur Stärkung deiner geistigen Kraft und erlangst vielleicht jetzt gesicherte Gesundheit, da das Fleisch bezwungen ist. So kannst du, wenn späterhin dem Leibe dies Wohlergehen wiedergegeben ist, dieses ohne jede Schwächung für die Seele zu eigen nehmen: das Fleisch wird zwar allmählich wieder stark, aber die Versuchung erhebt sich nie wieder. Leb wohl!

VI. Salvian grüßt den Limenius im Herrn

Dieser Brief ist an einen nicht naher bekannten Limenius gerichtet, der noch Heide zu sein scheint, aber dem Christentum näherzutreten im Begriffe ist.

Wohl weiß ich, daß edle Seelen einer ehrbaren Zuneigung nicht vergessen, allein aus dem Grunde, weil rechtschaffene Menschen in edlen Bestrebungen sozusagen ihre eigene Natur lieben. Und doch! Weil es zu unserer Pflicht gehört, so weit es uns möglich ist, die Liebe zu edlen Freunden immerdar zu steigern, glaubte ich dich an die freundschaftlichen Beziehungen erinnern zu müssen, die ich dereinst angeknüpft habe und die du kürzlich gestärkt hast, auf daß du, wenn du beim Lesen meiner Briefe mein Interesse an deiner Liebe sähest, deinesteils in dir die Liebe zu mir neu entfachtest. Unser Gott aber, daran zweifle ich nicht, wird geben, daß du, indem du die Liebe zu Christen in dich aufnimmst, selbst ein Liebling Christi werdest! Leb wohl im Herrn!

VII. Salvian an Aper und Verus

Dieser Brief ist ganz im Geist des 5. Jahrhunderts geschrieben; er berührt uns unangenehm wegen der rhetorischen Übertreibung einer geringfügigen Angelegenheit. In Aper glaubten einige einen Freund des Paulinus von Nola sehen zu können.1

Ob es Zeichen meines Pflichteifers oder meiner Aufdringlichkeit ist, daß ich an euch schreibe, ehe ich von euch das Recht zu schreiben erhalten habe, möchte ich lieber eurem Urteil als meiner Versicherung überlassen; denn eine zweifelhafte und verschleierte Sache vertraut man lieber einem guten Erklärer als einem schlechten Verteidiger an. Aber das kann nun wirklich so sein und von mir richtig so vermutet werden – trotzdem: wenn ihr glaubt, von mir hören zu müssen, was nach meiner geringen Einsicht als Wahrheit zu gelten habe, so meine ich : wenn einmal für die Geringen – wie meinesgleichen – ein heiliger Wetteifer herrscht, den Höheren gegenüber – wie euresgleichen – Dienste zu leisten, so handeln sie wohl besser, wenn sie mit dem Schreiben ihren Gönnern zuvorkommen, als wenn sie sich von diesen zuvorkommen lassen; denn da gerade die Stetigkeit im Schreiben und Wiederschreiben in allererster Linie ein wechselndes Schenken und Empfangen von Aufmerksamkeiten bedeutet, so ist es doch notwendigerweise viel unterwürfiger und aufmerksamer, wenn man sich Mühe gibt, seinen Dienst vorher zu erweisen, als darauf zu warten, daß man ihn erwiesen bekommt; nach dem oben Gesagten bedeutet ja Diensterweisung so viel wie Flucht vor einer Ehrung, Zurückhaltung aber eine Streberei. So handle ich ganz richtig und in vieler Hinsicht vernünftig, wenn ich zuerst an euch schreibe. Zunächst wäre es eine Schande, wollte ich, der Niedrigere, nach einer Ehrung zu geizen scheinen; ferner spricht euch euer würdiger Lebenswandel so sehr schon von jedem leisesten Hauch eines derartigen Vorwurfs frei, daß man glaubt, alles, ja alles, was ihr tut, sei recht getan; und endlich: selbst wenn ihr in der Absicht nicht an mich geschrieben hättet daß ich – ein schwacher Sünder, der ich bin – eher einen Dienst erweisen, als ihn entgegennehmen müßte, – selbst dann muß man glauben, daß hier bei dieser Absicht eher eine Huld denn eine Anmaßung mitsprach. Ihr habt doch die Siegespalme der vollkommenen Demut und aller verdienstvollen Leistungen erlangt; man darf also nur glauben, daß es euch eher darum zu tun war, dem Freunde keine Last aufzulegen, als etwa ihm eine Ehre zu versagen! Gewiß, es ist ein ehrbares und frommes Streben, dem andern durch Demut zuvorzukommen und ihn so zu besiegen; wenn es sich aber um einen Unterschied handelt wie bei uns, also zwischen ganz hochgestellten Personen und einer ganz geringen, so begeht der Höhere eine ganz außerordentliche Liebestat, wenn er dem Geringeren zuliebe von einem Liebesdienst absieht. Das, meine verehrungswürdigen Herren, glaubte ich nach meiner ganz bescheidenen Meinung schreiben zu müssen, weniger auf Grund eines angemaßten Wissens, als vielmehr aus Ehrfurcht vor euch. Wenn ihr aber kundtut, daß ihr anderer Meinung seid, so will ich die Hand vor meinen Mund legen und nach dem Vorbild des frommen Job, der sich nach dem Ertönen der göttlichen Stimme gegenüber dem redenden Gott als klein und schwach erkannte, mich für schmutzigen Staub und unreine Asche halten und auch so heißen; sein Wort aber: „einmal habe ich geredet“, – will ich gar nicht mehr hinzufügen. So ist es auch ganz in der Ordnung; denn vor der Erkenntnis des Wahren in den Irrtum einer falschen Meinung zu verfallen, verrät eine unerfahrene, einfältige Seele; nach der Erkenntnis aber im Irrtum zu verharren, ist eigensinniger Trotz. Lebet wohl!

VIII. Salvian an Eucherius, seinen Herrn und trauten Freund

Der Adressat ist der gleiche wie von Ep. II (S. o. S. 385). Eucherius hatte dem Salvian wohl seine zwei Bücher „Instructionum ad Salonium filium“ geschickt und wohl auch die an seinen Sohn Veranus gerichteten „Formulae spiritalis intelligentiae“, denen in der handschriftlichen Überlieferung unser Brief vielfach als Praefatio vorausgeht. Die Ausführungen Salvians scheinen allerdings besser auf jenes Werk zu passen als auf die Formulae, ein Lexikon biblischer Fremdwörter. Der Brief setzt voraus, daß die beiden Söhne des Eucherius wie ihr Vater schon Bischöfe sind. Nun kann aber z. B. Salonius nicht gut, bevor er 25/26 Jahre alt war, also vor 437/38 Bischof geworden sein; Eucherius starb aber um 450 (vielleicht 449); Brief VIII müßte demnach zwischen 437 und 450 geschrieben sein. Dem steht allerdings entgegen die Bemerkung des Gennadius, De vir ill. 67, daß die beiden Söhne zur Zeit der Abfassung der Instructiones noch nicht Bischöfe waren.

Die Bücher, die du mir gesandt hast, habe ich gelesen; knapp in der Sprechweise, reich an weiser Lehre; flüssig zu lesen, vollkommen nach ihrem Inhalt, ganz deinem Geist und deiner Frömmigkeit entsprechend! Es ist gar nicht zu verwundern, daß du gerade zur Belehrung deiner beiden heiligmäßigen, ehrwürdigen Söhne ein so schönes, nützliches Werk verfaßt hast. Hast du doch schon mit ihnen Gott einen prächtigen Tempel erbaut, und nun hast du durch diese neue Lehre und Unterweisung deinem Bau gewissermaßen eine reichgeschmückte Bekrönung verliehen und hast deine heiligmäßigen Kinder, die du schon durch sittliche Unterweisung erzogen hast, nun auch mit den Lehren des Geistes ausgestattet, auf daß sie sich in Lehre und Leben in gleichem Maße auszeichnen könnten. Nun erübrigt es sich nur noch, daß unser Herr, durch dessen Gnade die beiden bewundernswerten Jünglinge so geworden sind, sie ganz deinen Büchern angleiche, das heißt; was deine Bücher in einem Mysterium enthalten, das sollen beide in ihrem Herzen tragen. Und da sie nach göttlichem Willen und göttlicher Fügung auch schon Lehrer in ihren Kirchen geworden sind, gebe es Gottes mildreiche Güte, daß ihre Lehre eine schöne Frucht werde für ihre Kirchen wie für dich und daß sie durch herrliche Erfolge ebenso den auszeichnen, von dem sie gezeugt sind, wie diejenigen, die sie selbst wiederum durch ihre Lehrtätigkeit zeugen. Und mir möge – zwar nicht gleichzeitig mit all diesem, aber doch nach all diesem! – der barmherzige Gott verleihen, daß sie, die einst meine Schüler waren, nunmehr täglich meine Fürbitter seien! Lebe wohl, du mein Herr und mein trauter Freund!

IX. Salvian an den Bischof Salonius

Der Empfänger ist Salonius, der Sohn des Eucherius, dem auch die Bücher „De gubernatione Dei“ gewidmet sind. Der Brief wurde nach der Erhebung des Salonius zum Bischof und vor der Herausgabe der „Gubernatio“, also zwischen etwa 437/38 und 439/40, geschrieben. Denn die in der Gub. zitierten Bücher Ad ecclesiam werden als neu erschienen, nuper facti, bezeichnet.

Salvian an den Bischof Salonius, seinen Herrn und ehrwürdigen Schüler, Vater und Freund: Schüler um des früheren Unterrichts, Sohn um der Liebe, Vater um der Würde willen.

Du fragst mich, mein geliebter Salonius, warum die Schrift, die jüngst ein Zeitgenosse „An die Kirche“ gerichtet hat, den Namen „Timotheus“ trage. Du fügst ferner hinzu, daß die Schrift doch eigentlich zu den Apokryphen gerechnet werden müsse, wenn ich den Sinn der Bezeichnung nicht ganz einleuchtend erklärte. Ich weiß und sage dir Dank, daß du von mir eine solche Meinung hast und von vorneherein annimmst, es stimme ganz zu meiner Wahrheitsliebe und Sorgfalt, daß ich bei einem die Kirche betreffenden Werk kein Schwanken und Zweifeln dulde, damit ja ein an sich höchst heilsames Unternehmen durch die Unsicherheit der Vermutungen nicht an Wert verliere. Um den Verdacht einer apokryphen Schrift völlig auszuschließen, hätte daher die Tatsache genügen können, daß ich eingangs angeführt habe, die Schrift sei ein Stück neuzeitlicher Literatur und von einem Menschen der Gegenwart aus dem Eifer und der Liebe für Gottes Sache heraus verfaßt; denn eine Schrift, die sich als nicht vom Jünger Timotheus stammend zu erkennen gibt, kann doch nicht in den Verdacht geraten, apokryph zu sein. Aber es könnte freilich jemand fragen, wer denn der Verfasser sei, wenn es nicht der Jünger ist, und ob er seinen wirklichen oder einen fremden Namen auf das Buch geschrieben habe. Und wirklich: so kann gefragt werden – und zwar mit Recht gefragt werden – wenn die Frage irgendein nennenswertes Ergebnis zeitigen kann. Bleibt sie aber ohne Ergebnis, was braucht sich dann die Neugierde zu plagen, wenn die glückliche Erkenntnis dann doch die Neugierde nicht befriedigt? Es handelt sich doch bei jedem Buch mehr um den Wert des Gelesenen als um den Namen des Verfassers. Wenn also das Gelesene einen Nutzen und wenn es, gleichviel was es sei, die Möglichkeit hat, den Leser zu fördern, – was bedeutet ihm da ein bloßer Name, der einem Neugierigen doch nichts frommen kann? Einem solchen Frager könnte man ganz passend das Wort des Engels entgegenhalten: „Suchst du die Herkunft oder den Knecht?“ Denn da der Name keine Förderung bedeutet, fragt derjenige, der in der Schrift selbst schon Förderung gefunden hat, ganz überflüssigerweise noch nach dem Namen des Verfassers. Wie gesagt also: Dies könnte als Grund genügen.

Weil ich jedoch dir, mein Salonius, meine Zier und meine Stütze, nichts abschlagen kann, will ich es dir noch deutlicher erklären. Drei Fragen sind es, die bei dem zur Rede stehenden Buch auftauchen können: warum der Verfasser es an die Kirche gerichtet und ob er unter einem fremden oder unter seinem eigenen Namen geschrieben hat; wenn nicht unter seinem eigenen, warum er unter fremdem Namen schrieb; wenn unter fremdem, warum er gerade den Namen Timotheus wählte.

Daß er also die Schrift „an die Kirche“ richtete, hat folgenden Grund: Jener Schriftsteller – seine Schriften können es selbst bezeugen – ist so erfüllt von der Liebe und vom Dienste Gottes, daß er Gott nichts vorziehen zu dürfen glaubt nach dem Wort unseres Herrn, das da sagt: „Wer seinen Sohn oder seine Tochter mehr liebt als mich, der ist meiner nicht wert.“ Es gibt freilich immer laue und nachlässige Menschen, die da glauben, dieses Gebot müsse nur in den Zeiten der Verfolgung beachtet werden. Als ob es überhaupt irgendeine Zeit gäbe, in der irgend etwas vor Gott den Vorzug haben dürfte, oder als ob der gleiche, der in den Zeiten der Verfolgung Christus als das kostbarste aller Güter betrachten muß, ihn zu anderen Zeiten als minderwertig ansehen dürfte! Wenn dem wirklich so ist, dann werden wir ja die Liebe zu Gott der Verfolgung und nicht unserem Glauben verdanken; und so werden wir nur dann gottliebend sein, wenn die Gottlosen uns verfolgen, während wir gerade in ruhigen Tagen viel eher als in stürmischen Gott eine größere – oder doch zum mindesten nicht geringere Liebe schuldig sind. Schon deswegen verdient er ja unsere größere Liebe, weil er uns nicht von Leiden heimgesucht werden läßt und uns mit der ganzen Nachsicht eines milden, gütigen Vaters behandelt, der es lieber sieht, wenn wir in Ruhe und Frieden unseren Glauben durch fromme Werke erweisen, als wenn wir ihn bei einer Verfolgung in leiblichen Qualen erproben. Wenn daher nichts über ihn gestellt werden darf zu einer Zeit, da wir Bitteres durchmachen müssen, so darf dies auch dann nicht geschehen, wenn er durch seine Nachsicht uns noch mehr verpflichtet. Doch passen solche Erwägungen besser für ein anderes Mal; jetzt müssen wir zu Ende bringen, was wir begonnen haben.

Jener Schriftsteller also, von dem wir sprachen, sah die schweren und vielfältigen Krankheiten fast aller Christen vor Augen; er sah, wie von allen, die zur Kirche gehören, nicht nur nicht alles geringer gewertet wird als Gott, sondern daß sogar fast alles vorgezogen wird – denn offenbar verachten doch auch die Trunkenbolde in ihrer Trunksucht Gott und die Habsüchtigen in ihrer Gier und die Unzüchtigen in ihren Gelüsten und die Blutgierigen in ihrer Grausamkeit und fast alle zusammen in all diesen Lastern; und dies wiegt um so schwerer, als all diese Sünden nicht nur – welch ungeheurer Frevel! – eine lange Zeit hindurch begangen, sondern nicht einmal später durch die Reue wieder gutgemacht werden, zumal da auch bei denen, die Büßer heißen, mehr der Name der Buße in Erscheinung tritt als ihre Frucht; bloße Namen, die das Wesen der Dinge nicht in sich haben, sind zu wenig, und bloße Bezeichnungen der Tugenden ohne die Tugendkräfte sind nichts wert. Denn die meisten, ja fast alle, die einerseits an Gütern Überfluß haben, andererseits ihrer Fehler und Laster sich bewußt sind, halten es nicht der Mühe wert, was sie begangen haben, durch Beichte und Genugtuung loszukaufen – ja, noch weniger, nicht einmal durch Gaben der Barmherzigkeit, was doch wirklich ganz leicht wäre! Und sie gehen so nicht bloß in glücklichen Lebenslagen darüber hinweg, nein – und das ist noch viel unchristlicher! – auch im Unglück; nicht allein solange sie bei Kräften sind, sondern auch wenn ihre Kräfte schon nachlassen. So groß ist die Vertrauenslosigkeit der Menschen und so mächtig die seelische Lauheit dieser Untreue, daß viele nur mehr das wirklich zu verlieren wähnen, was sie für ihre ewige Hoffnung und ihr ewiges Heil spenden sollen, während sie ihren Erben, bisweilen auch ganz fremden, die allergrößten Reichtümer hinterlassen. Und mag ein solches Denken bei fast allen anderen schwer wiegen, besonders schwer wiegt es jedenfalls bei denen, gegen die in einem derartigen Vergehen der Veruntreuung sogar noch das Gelöbnis eines gottgeweihten Lebens Anklage erhebt! Aber so ist es wirklich: diese Krankheit hat nicht nur Weltleute befallen, sondern auch solche, die den Ehrentitel des Dienstes Gottes für sich in Anspruch nehmen.

Da also jener Verfasser sehen mußte, daß dieses Übel ganz allgemein verbreitet sei und daß diese Pest nicht allein die Menschen in der großen Welt, sondern auch die Büßer und Asketen, die Witwen, die Enthaltsamkeit gelobt haben, und die an heiligen Altären geweihten Jungfrauen, ja – was sozusagen schon ganz ungeheuerlich ist – auch die Leviten und Priester und – verderblicher noch als all das andere – sogar die Bischöfe befallen hat (viele von denen, die ich genannt habe, die ohne Angehörige und Nachkommen sind, die weder Familie noch Kinder haben, vermachten ihr Gut und ihr Vermögen nicht den Armen, nicht den Kirchen, nicht sich selbst und auch nicht – größer und vorzüglicher als all das Vorige! – auch nicht Gott, sondern Weltleuten, und dazu reichen und ganz fremden!), da erwachte im Herzen des Verfassers, wie geschrieben steht, der Eifer des Herrn wie ein brennendes Feuer. Und weil er, da sein Inneres in heiliger Liebe erglühte, in seinem glühenden Eifer nichts anderes tun konnte, brach er in jenen Klageruf voll des Schmerzes aus. An wen aber dieser Ruf ergehen sollte? Niemand war offenbar mehr dazu geeignet als die Kirche; denn die solches taten, waren ja ein Teil von ihr! Ist es doch überflüssig, an einen oder an ein paar wenige zu schreiben, wo es um die Sache aller geht! Das also war der Beweggrund und die treibende Kraft, daß die Schrift, von der wir reden, an die Kirche gesandt wurde!

Nun aber wollen wir vom zweiten Punkt sprechen: Warum steht im Titel der Schrift nicht der Name des Verfassers? Dafür hätte es nun, wie ich glaube, eine ganze Reihe von Gründen geben können, wiewohl einer davon der allerwichtigste ist. Und dieser erste Grund ergibt sich aus dem Gebot Gottes, das uns heißt, auf alle Weise die Eitelkeit irdischen Ruhmes zu meiden, um nicht den himmlischen Lohn einzubüßen, während wir nach dem leichten Windhauch menschlichen Lobes trachten. Daraus erwächst auch jene andere Wahrheit, daß Gott im Verborgenen zu beten und zu schenken befiehlt, und daß er uns die Früchte unserer guten Werke der Stille anzuvertrauen befiehlt; denn keine Glaubensfrömmigkeit ist größer als jene, die die Mitwisserschaft der Menschen flieht und sich mit Gott als dem einzigen Zeugen begnügt. So sagt ja unser Heiland: „Deine Linke wisse nicht, was deine Rechte tut; und dein Vater, der im Verborgenen sieht, wird es dir vergelten.“ Und so konnte für den Verfasser zum Fortlassen seines Namens aus dem Titel und zu seinem Unerkanntbleiben dieser einzige Grund genügen, nämlich daß er das Werk, welches er zu Ehren seines Herrn geschaffen, auch nur dem göttlichen Wissen vorbehalten wollte, und daß seine Arbeit Gott um so wohlgefälliger werden sollte, wenn sie dem öffentlichen Gerede auswich. Und doch muß zugestanden werden, daß der vornehmste Grund ein anderer war: jener Schriftsteller ist, wie wir lesen, niedrig in seinen eigenen Augen und gering vor sich selbst; er dünkt sich als ganz schwach und der letzte von allen, und zwar, was bedeutsamer ist, aus dem reinen Glauben heraus, nicht etwa aus der Verpflichtung angenommener Demut, sondern aus der wahrhaftigen Einfalt seines Urteils. Und weil er so mit Recht der Ansicht war, er dürfe sich auch von den anderen nur für das halten lassen, wofür er sich selbst einschätzte, hat er ganz folgerichtig über seine Schrift einen fremden Namen gesetzt, auf daß die Geringfügigkeit seiner Person nicht der Bedeutung seiner heilsamen Darlegungen Abbruch tue; denn alles, was gesagt wird, steht nur so hoch im Werte, wie derjenige, der es sagt. Ja, so hinfällig, so – fast muß man sagen – so nichtig ist das Urteil in unserer Zeit, daß die Leser nicht so sehr erwägen, was sie lesen, als vielmehr, von wem sie etwas lesen, und nicht so sehr die innere Kraft und Macht der Sprache auf sich wirken lassen als den Rang des Sprechenden. Aus diesem Grunde also wollte der Verfasser um jeden Preis in der Stille verborgen bleiben: die Schrift, die so viel des Guten und Heilsamen in sich trägt, sollte in ihrem Wert nicht etwa durch den Namen des Verfassers herabgemindert werden. Nun weiß also jeder, der danach fragt, warum er sich einen fremden Namen beilegte.

Es bleibt nur noch zu erklären: warum gerade den Namen „Timotheus“? Wir müssen auch bei dieser Erklärung wieder auf den Autor selbst zurückgehen; er ist der Urgrund aller Gründe. Wie er in seiner Demut einen fremden Namen schrieb, so aus Furcht und Vorsicht den des Timotheus. Ist er doch äußerst zaghaft und furchtsam und schrickt manchmal auch vor der kleinsten Lüge zurück und scheut jede Sünde so sehr, daß er sich auch vor dem fürchtet, was gar nicht zu fürchten ist. Da er also seinen Namen aus dem Titel fortlassen und einen fremden dafür setzen wollte, da fürchtete er schon bei dieser Namensvertauschung die Lüge und meinte, er dürfe unmöglich, auch nicht in der Ausübung eines frommen Werkes, sich mit einer Falschheit beflecken. In diesem unsicheren Hin und Her des Zweifelns gewann er dann die Überzeugung, es sei das Beste, dem hochheiligen Beispiel des ehrwürdigen Evangelisten zu folgen, der an den Anfang seiner beiden von Gott eingegebenen Werke den Namen Theophilus setzte und so an die Liebe Gottes schrieb, während er nach außen hin nur an einen Menschen schrieb; er hielt es eben für das Passendste, seine Werke an die Liebe Gottes selbst zu richten, die ihn zum Schreiben getrieben hatte. Diese Überlegung, diesen Gedankengang machte sich auch unser Verfasser zu eigen. Im Bewußtsein, daß er in seinem Buch alles zur Ehre Gottes getan habe, wie der Evangelist zur Liebe Gottes, schrieb er den Namen „Timotheus“ darüber, wie jener den Namen „Theophilus“; wie mit dem Wort „Theophilus“ die Liebe, so wird mit „Timotheus“ die Ehre Gottes ausgedrückt. Wenn du daher liest, daß „Timotheus“ „An die Kirche“ geschrieben habe, so mußt du dies dahin verstehen, daß es „zur Ehre Gottes“ an die Kirche geschrieben ist, oder noch besser: daß „die Ehre Gottes“ selbst die Schrift hinausgehen ließ; denn ganz richtig gilt der als der Schreiber, der die Schrift bewirkt hat. Aus diesem Grunde also steht über den vier Büchern der Name „Timotheus“. Der Verfasser hielt es für angemessen, wenn er schon zur Ehre Gottes das Werk schriebe, gleich auch den Titel der göttlichen Ehre zu weihen.

Nun hast du, mein vielgeliebter Salonius, erhalten, was du verlangtest; nun habe ich die mir übertragene Aufgabe gelöst. Es erübrigt sich nur noch, daß nun auch du das Deinige tust, nachdem ich das Meinige getan: Bitte den Herrn, unseren Gott, und erreiche durch dein Flehen, daß die Bücher „An die Kirche“, zu Christi Ehre niedergeschrieben, bei Gott ihrem Verfasser so viel Nutzen bringen, wie viel sie nach seinem eigenen Wunsch allen nützen sollen! Ich glaube, das Verlangen ist nicht ungerecht, wenn einer begehrt, daß ihm gerade so viel zu seinem Heil geschenkt werde, als er allen Mitmenschen aus seiner Liebe heraus wünscht. Leb wohl, mein Salonius, du meine Zier, du meine Stütze!

 

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