Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns

Von Athanasius (295-373)

Einleitung zu „Gegen die Heiden“ und „Über die Menschwerdung“

Das zweiteilige Jugendwerk des hl. Athanasius „Gegen die Heiden“ (κατὰ Ἑλλήνων – contra gentes, MPG XXV, 1-96) und „Über die Menschwerdung des Logos und dessen leibliche Erscheinung unter uns“ (περὶ τῆς ἐνανθρωπήσεως τοῦ λόγου καὶ τῆς διὰ σώματος πρὸς ἡμᾶς ἐπιφανείας αὐτοῦ – de incarnatione Verbi, MPG XXV, 96-198) ist eine Apologie des Christentums gegen das Heidentum und Judentum. In der ersten Schrift wird das Heidentum in seiner Verkommenheit und Torheit bloßgestellt und verurteilt und dem heidnischen Götzenwahn gegenüber der christliche Monotheismus als allein vernünftig und heilsnotwendig begründet. Im zweiten Teilwerk wird das christliche Mysterium des Heils in der „Menschwerdung des Logos“ erläutert, als vernunftgerecht dargelegt und gegen heidnische und jüdische Einwände verteidigt.

Die beiden Schriften als ein Werk anzusprechen und zu behandeln, dazu berechtigen ihre gegenseitigen formellen und inhaltlichen Beziehungen: „Über die Menschwerdung“ stellt im ersten Kapitel ausdrücklich die Überleitung vom ersten zum zweiten Buch her und gibt außerdem wiederholt ähnliche Rückverweisungen (in cc. 4. 11) zu lesen. Der Autor der ersten Schrift „Gegen die Heiden“ kündigt aber gleich in seiner Einleitung (c. 1) auch eine Abhandlung über ein speziell christologisches Thema an, die er tatsächlich erst im zweiten Buch liefert. Daraus erhellt, daß die beiden Schriften von Anfang an auch inhaltlich aufeinander angelegt sind.

Eine Apologie des Christentums im strengen Sinn stellt das Werk dar, insofern es einmal die charakteristische Zweiteilung der Apologie enthält: den Angriff auf die gegnerische Position und die Verteidigung der eigenen, sodann auch die doppelte Bestimmung hat, einem bereits christlichen Leserkreis eine noch notwendige weitere Belehrung zu geben, wie auch dem Christentum noch Fernstehende über die Wahrheit aufzuklären und für Christus zu gewinnen.

Die zwei Abhandlungen sind nämlich nicht an einen bestimmten Freund Makarius  adressiert, sondern an einen weiteren, und zwar zunächst  an einenchristlichen Leserkreis, der allerdings noch einer Unterweisung und Befestigung im Glauben bedarf: Der Adressat wird wiederholt (contra gentes cc. 1. 47; de incarnatione cc. 1. 56) als μακάριος und φιλόχριστος angeredet, und die Angaben des Athanasius über den Zweck seines Schreibens (im Schlußabschnitt von contra gentes c. 1 sowie in de incarnatione c.1) stellen außer jeden Zweifel, daß der Leser desselben sich bereits zum Christentum bekehrt hat. Anderseits sollte das Werk wohl auch einem noch außenstehenden Leserpublikum zugänglich werden. Zu solcher Annahme rieten schon die einläßliche Bloßstellung des Götzendienstes und die wiederholte Aufforderung zum Schriftstudium (contra gentes c. 1; de incarnatione c. 57. u. ö.) und raten mehr noch einzelne Stellen der einen wie der anderen Schrift: In contra gentes c.1 stößt der Leser auf die Warnung, „die bei uns vorgetragene Lehre geringzuschätzen oder den Glauben an Christus für unvernünftig zu halten“. In c.21 werden durchweg die Heiden direkt angeredet. In de incarnatione ergeht an den Leser wiederholt (cc. 28. 55) der Appell, sich zum christlichen Glauben zu bekennen und seine Vorurteile aufzugeben. 

Die Herkunft dieser doppelgliedrigen Apologie von Athanasius wurde vorübergehend mit ganz unzulässigen Gründen bezweifelt und bestritten, von einer besonnenen Kritik aber sichergestellt.

Entstanden ist das „Jugendwerk“ des Athanasius wohl vor dem Auftauchen der arianischen Streitigkeiten und jedenfalls vor dem Nizänum, mit ziemlicher Sicherheit ca. 320. Der alexandrinische Diakon wäre dann bei seiner Abfassung etwa 25 Jahre alt gewesen.

Bei der Bestimmung des Abfassungsortes wird man auf Ägypten und näherhin auf Alexandria weisen müssen. Die Bemerkung in contra gentes c. 1: „Da wir aber die Traktate der Lehrer augenblicklich nicht zur Hand haben, so müssen wir das, was wir von jenen gelernt haben, dir mitteilen und schreiben“, spricht nicht ernsthaft dagegen. K. Hoß 5 beurteilte sie einfach als „eine ungeschickte Motivierung des eigenen schriftstellerischen Unternehmens“ und meint, „es dürfte kaum möglich sein, dieser“ – ziemlich belanglosen – „Stelle einen vernünftigen Sinn abzugewinnen“. – Indes darf man mit Grund annehmen, daß Athanasius mit der zitierten Äußerung sich kommunikativ in die Lage des Adressaten dachte. Unmittelbar zuvor schreibt er ja, wer in der Lage sei, nebst den heiligen Büchern auch die Väterschriften studieren zu können, werde erwünschten Aufschluß finden und zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen. Nun bedarf aber doch nicht Athanasius erst noch solcher Erkenntnis und damit eines weiteren „Väter“studiums, sondern sein Leser. Ihm, der hierzu die „Vätertraktate“ benötigte, aber solche nicht zur Verfügung hat, will er nun in mitfolgender Schrift einen Ersatz dafür liefern.

Mit diesen zwei Traktaten hat Athanasius zweifellos einen wertvollen Beitrag zur apologetischen Literatur geliefert. Mögen auch beide an Weitschweifigkeit und lästigen Wiederholungen leiden, gelegentlich auch wenig gelungene Bilder und Vergleiche bringen oder eine klare Gedankenabfolge missen lassen, – stilistisch gewertet, zählen sie doch zu den besten Arbeiten des Alexandriners, und sachlich betrachtet, mangelt ihnen kaum ein wesentliches apologetisches Beweismoment. „Über die Menschwerdung“ darf geradezu als „die klassische Darstellung der altkirchlichen Erlösungslehre“ bezeichnet werden. 

Der Übersicht halber schicken wir eine detailliertere Inhaltsangabe für die zwei Schriften voraus:

1: Die lateinische Übersetzung des Ambrosius von Kamaldoli trug erstmals die irrige Aufschrift: Athanasii Alexandrini episcopi contra gentiles liber primus ad Macarium Alexandrinae eoclesiae presbyterum. Sie ist aber sicher auf ein Mißverständnis der Anrede in c. 1 .(ὦ μακάριε) zurückzuführen. Die ganz analoge Anrede in de incarnatione c. 1 .(μακάριε καὶ ἀληθῶς φιλόχριστε) verbietet allein schon, an einen Adressaten mit dem Eigennamen „Makarius“ zu denken. 2: K. Hoß (Studien über das Schrifttum und die Theologie des Athanasius, Freiburg 1899, S. 6) denkt sich – sicher mit Unrecht – als erste Adressaten nichtchristliche Leser. 3: Vgl. Hoß a. a. O. S. 6 f. 4: Besonders von A.. Stülcken (Athanasiana, Literar- und dogmengeschichtliche Untersuchungen. Leipzig 1899. SS. 1-23) und K. Hoß (a. a. O. SS. 1- 95). Hoß‘ sichere Urteile und Ergebnisse wurden für unsere „Einleitung“ vor allem berücksichtigt und angenommen. 5: A. a. O. S. 85. 6: O. Bardenhewer, Patrologie 3. Aufl.. Freiburg 1910. S. 212.

I. „Gegen die Heiden.“

Das Einleitungskapitel enthält die Zweckangabe für beide Schriften, nämlich die Nichtigkeit und Verwerflichkeit des heidnischen Götzenkultes aufzudecken, um dann die wahre Gottesverehrung im Monotheismus und speziell den christlichen Glauben an die Gottheit des menschgewordenen Logos und sein Erlösungswerk in desto reinerem Lichte erstrahlen zu lassen.

Der Einleitung folgt in cc. 2-29 der erste Hauptabschnitt, eine ausführliche Widerlegung des Götzendienstes mit zwei Unterabteilungen:

Sie belehren (cc. 2-8) über den Ursprung des Bösen und des Götzendienstes: Das Böse ist nicht etwas Prinzipielles; es kommt ihm kein wahres Sein zu. – Es kam mit dem Mißbrauch der Freiheit, insofern der Mensch, an sich gut veranlagt für die Betrachtung Gottes und die Anschauung des Wahren und Guten, von dieser göttlichen und himmlischen Betrachtungsweise sich abkehrte (c. 2), das Irdische zu schätzen und zu suchen begann und immer mehr seinen leiblichen Begierden willfährig wurde. Die Einzelsünde führte rasch zur Gewohnheitssünde, zum Laster (c.3). Dieser Abfall des Menschen von Gott und dem Guten vollzog sich auf dem Wege der doppelten Erkenntnis, daß auch das Böse möglich (c. 4) und dies als möglich erkannte Böse auch erlaubt wäre (c. 5). Die heidnische und häretische These, das Böse sei eine Substanz, wird mit Vernunft- und Schriftbeweisen widerlegt (cc. 6. 7). Die selbstverschuldete Bosheit war nun primäre Ursache des Götzendienstes (c.8).

In der zweiten Unterabteilung (cc. 9-29) wird der Götzenkult in seiner Weiterentwicklung und in seinen einzelnen Formen dargestellt und kritisiert sowie die mit ihm verbundenen oder durch ihn verschuldeten sittlichen Verirrungen aufgezeigt. – Nach einer mehr summarischen Übersicht über die immer tiefer sinkende Göttervorstellung (cc. 9.10) verspottet und widerlegt Athanasius den göttlichen Charakter der erdichteten Götter auf Grund ihrer ganz unsittlichen Handlungen und Eigenschalten (cc.11-15). Sind aber diese verwerflichen Handlungen und Eigenschaften der Götter nur dichterischer Lizenz zugute zu halten, dann sind wohl auch die Namen der Götter und sie selbst nur eine dichterische Fiktion (cc. 16. 17). Dem Einwand, die Götter verdanken ihre Verehrung ihren Erfindungen, begegnet er mit der Antwort, man würde vernünftiger die Erfindungen dem Menschengeiste gutschreiben oder andernfalls wenigstens alle Menschen, die nachweisbar Erfindungen gemacht haben, auch zu Göttern erheben (c.18). Wenn die Heiden die Götzenbilder samt deren Anbetung zu rechtfertigen suchen als Medien für göttliche Erscheinungen und Offenbarungen, bzw. als Postulate des menschlichen Herzens, das nach einem sinnlichen Kult begehrt (c. 19), so wäre es der Gottheit würdiger, in lebenden Geschöpfen sich zu offenbaren und darum vernünftiger, solche zu verehren als tote Bildwerke. Wenn aber die menschliche Kunst die göttliche Erscheinung veranlaßt, dann wäre eher der Künstler als sein Werk anbetungswürdig (cc. 20. 21). Zudem sind die Darstellungen der Götter in den unwürdigen Formen von Menschen und allerlei Getier widersinnig (c. 22). – Die Nichtigkeit der heidnischen Götter erhellt sodann aus ihrer örtlichen Beschränkung und aus der Geringschätzung der verschiedenartigen Kultfiguren und Kultgegenstände seitens der Nachbarstädte und Nachbarvölker (cc. 23. 24) sowie auch aus dem unsittlichen und widernatürlichen Kult, den man diesen Göttern zollt (cc. 25. 26). In cc. 27 und 28 wendet Athanasius sich gegen den Sternenkult mit Berufung auf die Vernunft und Heilige Schrift. Auch nicht das Weltganze könne als Gott angesprochen werden, da es aus Teilen zusammengesetzt ist und stetem Wechsel unterliegt.

In einem zweiten Hauptabschnitt (cc. 30-41) wird der bunten Musterkarte von Göttern und Kulten der eine, wahre Gott gegenübergestellt.

Zunächst wird in cc. 30-34 auf die menschliche Seele verwiesen als auf den Weg zur Erkenntnis des wahren Gottes (c.30), deren Vernünftigkeit aus ihren Äußerungen (cc. 31. 32) und deren Unsterblichkeit mit Vernunftgründen (c.33) erwiesen. Doch nicht die sündenbeschmutzte, sondern nur eine von Begierlichkeit freie Seele ist für die Erkenntnis des wahren Gottes disponiert (c. 34).

In cc. 35-45 wird dann die menschliche Seele im Verein mit der Zweckmäßigkeit der Naturordnung zum Argument für die Existenz Gottes (cc. 35-31), und eben diese Harmonie und die Einzahl der Welt zum Beweis für das Dasein eines Gottes (cc. 38-39), der kein anderer sein kann als der Vater Christi, der göttliche Logos (cc. 40-45). Für diese Thesen liefert auch die Heilige Schrift die Belege (cc. 46-41).

Im Schlußkapitel (c. 41) hat Athanasius auch schon den Übergang zur zweiten Schrift de incarnatione gefunden, wenn er thematisch angibt, daß Gott eben diesen Sohn und Logos der Welt nicht verborgen, sondern geoffenbart habe und in ihm sich selbst.

II. „Über die Menschwerdung des Logos.“

Nach einer kurzen Zusammenfassung der Ausführungen in der ersten Abhandlung (c. l) folgt die Darstellung der durch den Abfall von Gott notwendig gewordenen Erlösung in zwei Abschnitten:

In cc. 2-32 wird die Erlösung nach ihren verschiedenen Seiten und mit ihren Begleitumständen behandelt, und zwar in cc. 2-10 die Erlösung des Menschen vom göttlichen Fluch und dem Todesgeschick. – Es galt, zunächst von den Prämissen der Erlösung zu reden: Die Welt und den Menschen entgegen den falschen Theorien von Heiden und Häretikern als das Werk des göttlichen Logos zu verkünden (cc. 2. 3), an den Sündenfall der Menschen und an seine schrecklichen Folgen zu erinnern (cc. 4. 5), eine Erlösung daraus als der Güte und Würde Gottes konform zu erweisen (c. 6) und eventuelle Erlösungsmöglichkeiten (schlechthinnige Aufhebung des Todesurteils durch Gott oder Wiedergutmachung des Geschehenen durch einen Reueakt der Menschen) auszuschließen (c. 7), sodann in cc. 8-10 von der einzig erfolgreichen Erlösung selber zu handeln, die in der Menschwerdung des Schöpfer-Logos und mit der Übernahme und Vernichtung des Todes durch ihn sich vollzog (cc. 8. 9), wofür auch die Schrift zeugt (c.l0).

In cc.11-19 bespricht Athanasius die andere Seite des Werkes Christi, die Erneuerung der Gotteserkenntnis, und zwar wieder zunächst in cc.11-15 die Voraussetzungen: Besitz der wahren Gotteserkenntnis im Urstand, Verlust derselben (cc.11.12), Unmöglichkeit, sie auf anderem Wege zurückzugewinnen (cc.13-15), und in cc.15-19 die Erneuerung selber, die mit der Inkarnation des Logos und durch seine im Leibe vollbrachten Werke möglich und wirklich wurde.

Nach einer kurzen Rekapitulation des Bisherigen und nochmaliger ausdrücklicher Betonung einer Erlösung vom Tode weiß Athanasius in cc. 21-26 die Todesart Christi, ihre Zweckmäßigkeit und Notwendigkeit gegen heidnische Einwände zu verteidigen (cc. 21-24) und auch für wißbegierige Gläubige den Kreuzestod Christi als geziemend und schriftgemäß zu erweisen (c.25).

In cc. 26-32 folgt der Tatsachenbeweis für Tod und Auferstehung Christi und die dadurch besiegelte Überwindung des Todes und der Todesfurcht (cc. 26-30). Ein gewichtiger Beweis für die Auferstehung des Herrn liegt namentlich im Sieg des Gekreuzigten über die Dämonen und in der durch ihn bewirkten Besserung der schlimmen Welt, da ein Toter ja machtlos wäre (c.31). Die Unsichtbarkeit Christi spricht nicht gegen seine Auferstehung, wohl aber zeugen seine sichtbaren Werke dafür, daß er lebt (c. 32).

Der zweite Hauptabschnitt (cc.33-55) bringt den Angriff des Athanasius auf den Unglauben der Juden und den Spott der Heiden. In cc. 33-40 erinnert er die Juden an die Weissagungen des Alten Testamentes über die Umstände der Geburt, der Werke und des Todes des Erlösers, die nur auf den erschienenen Christus und sein Wirken passen (cc.33-38), und daß speziell die Zeitangabe in Daniel 9, 24 jedes weitere Warten auf einen anderen Heiland verbiete (cc. 39. 40). In cc. 41-55 erhalten die Heiden ihre Antwort: Ihnen wird die Möglichkeit der Erscheinung Gottes in einem irdischen Körper (cc. 41. 42), ja die Angemessenheit seiner Offenbarung in einem unansehnlichen menschlichen Leibe (c. 43) bewiesen. Zur Erschaffung der Welt aus dem Nichts bedurfte es wohl nur eines göttlichen Winkes; aber es war billig, daß der Logos den Leib durch Vereinigung mit ihm dem Tode wieder entriß, dem er verfallen war (cc. 44. 45). – Sodann werden die Heiden gemahnt, die Wahrheit des Christentums zu erschließen aus seiner mächtigen Ausbreitung, aus dem Zerfall des Heidentums, der Erfolglosigkeit aller Philosophenweisheit (cc.46-48), sowie aus den wunderbaren Taten und Vorgängen im Leben Jesu. In den drei Schlußkapiteln (cc. 55-57) werden die erörterten Hauptgesichtspunkte nochmals berührt und zusammengefaßt und der Leser zum Schluß ermahnt, seine Erkenntnis der christlichen Lehre durch Schriftstudium zu erweitern und zu diesem Behufe besonders auch eines reinen Lebenswandels sich zu befleißigen.

Im vorausgehenden haben wir aus der Menge der Fragen bezüglich des heidnischen Götzenwahnes und Aberglaubens wenigstens einige wenige zur Genüge erörtert, so die Frage, wie man im Anfang auf diese Verirrungen kam und wie die Menschen aus ihrer Bosheit heraus sich ihren Götzenkult ersannen. Doch haben wir mit Gottes Gnade auch schon über den göttlichen Logos des Vaters einige wenige Andeutungen gemacht und über seine allumfassende Vorsehung und Macht und gezeigt, daß der gütige Vater durch ihn alles anordnet, alles von ihm Bewegung und in ihm Leben erhält. Nun wohlan, Glücklicher und wahrer Christusjünger1, im folgenden wollen wir, dem frommen Glauben treu, auch die Fragen von der Menschwerdung des Logos behandeln und uns klar werden über seine göttliche Erscheinung unter uns, auf welche die Juden lästern, die Heiden höhnen, die wir aber anbeten. So soll dann die äußere Erniedrigung des Logos dir geradezu Anlaß geben zu einer noch größeren und höheren Ehrfurcht gegen ihn. Denn je mehr er den Ungläubigen zum Gespötte ist, desto schlagender führt er den Beweis für seine Gottheit, weil er das als möglich offenbart, was Menschen unmöglich und darum unbegreiflich finden, weil er in seiner Güte das ehrenhaft macht, was Menschen als anstößig verspotten, weil er in seiner Macht das als göttlich erweist, was die Menschen in ihrer Weisheit als menschliche Schwächen verhöhnen, insofern er den Götzenwahn mit seiner vermeintlichen Erniedrigung am Kreuze zerstört und die Spötter und Ungläubigen unvermerkt bekehrt, so daß sie seine Gottheit und Macht anerkennen. Zur Erläuterung dessen ist es angezeigt, an das bereits Gesagte zu erinnern, damit du auch den Grund der in einem Leibe erfolgten Erscheinung des so großen und erhabenen Logos des Vaters einsehen könnest und nicht etwa meinst, der Heiland hätte dem Naturgesetz zufolge einen Leib getragen; vielmehr sollst du erkennen, daß er, obschon unkörperlich von Natur und Logos, gleichwohl gehorsam der Menschenfreundlichkeit und Güte seines Vaters um unseres Heiles willen im Menschenleibe uns erschienen ist.

Es empfiehlt sich aber, bei einer diesbezüglichen Erörterung zuerst von der Schöpfung der Welt zu reden und von ihrem schöpferischen Gott, um so auch ihre Erneuerung durch den Logos, der sie im Anfange geschaffen hat, recht würdigen zu können. Denn man wird keinen Widerspruch darin finden, wenn der Vater die Erlösung der Welt in dem bewerkstelligt hat, durch den er sie auch erschaffen.

Die Gründung der Welt und die Erschaffung aller Dinge haben viele verschieden aufgefaßt, und ein jeder hat nach seinem Kopf eine Erklärung gegeben. Die einen behaupten, alles sei von selbst und durch Zufall entstanden, so die Epikureer, die zu ihrem eigenen Verderben die Vorsehung in der Welt wegschwatzen – in direktem Widerspruch mit der hellen, augenscheinlichen Wahrheit. Wäre nämlich alles durch sich selbst ohne Vorsehung entstanden, wie sie meinen, dann hätte alles einfach entstehen müssen, sich gleich, nicht verschieden. Wie in einem Körper müßte alles notwendig Sonne oder Mond sein, und bei den Menschen müßte das Ganze Hand oder Auge oder Fuß sein. Nun ist es aber nicht so. Wir sehen vielmehr da Sonne, da Mond, da Erde, und so wieder bei den menschlichen Körpern da Fuß, da Hand, da Haupt. Solche Ordnung aber zeigt, daß sie nicht von selbst entstanden, weist vielmehr auf eine vorausliegende Ursache für diese Dinge hin, aus der man auf Gott, der alles angeordnet und geschaffen hat, schließen kann. Andere hingegen, zu denen auch der große Grieche Plato zählt, behaupten, aus einer bereits vorliegenden, unerschaffenen Materie hätte Gott das Weltall geschaffen. Gott hätte ja nichts machen können, wenn die Materie nicht bereits vorgelegen hätte, so wie auch dem Zimmermann das Holz zur Verfügung stehen muß, um etwas verfertigen zu können. Doch die so reden, merken nicht, daß sie Gott eine Schwäche beilegen. Ist er nämlich nicht auch Urheber der Materie, schafft er vielmehr überhaupt alle bestehenden Dinge aus einer bereits vorhandenen Materie, so erweist er sich schwach, weil außerstande, ohne die Materie auch nur ein Dingzu schaffen, wie es selbstverständlich auch ein Unvermögen des Zimmermanns verrät, wenn er ohne Holz keinen der unentbehrlichen Gegenstände fertigen kann. Nach dieser Annahme hätte also Gott nichts fertigen können, wenn keine Materie vorgelegen hätte. Wie könnte man ihn dann noch Schöpfer und Baumeister nennen, wenn er einem dritten, der Materie, seine schöpferische Macht verdankt? In diesem Falle wird aber nach ihrer Ansicht Gott nur mehr ein Handwerker sein, nicht mehr eigentlich Schöpfer, wenn er ja nur den vorliegenden Stoff bearbeitet, nicht aber auch dem Stoff das Dasein gibt. Er kann überhaupt nicht Schöpfer genannt werden, wenn er nicht auch den Stoff schafft, aus dem das Geschaffene geworden ist, Die Häretiker träumen sich freilich einen anderen Weltschöpfer als den Vater unseres Herrn Jesu Christi und verraten in ihren Worten eine arge Verblendung. Wenn der Herr zu den Juden sagt: „Habt ihr nicht gelesen, daß Gott im Anfange sie als Mann und Weib schuf und sprach: Deshalb wird der Mann Vater und Mutter verlassen und seinem Weibe anhangen, und sie werden zwei in einem Fleische sein?“, und hernach mit einem Hinweis auf den Schöpfer: „Was Gott verbunden hat, soll der Mensch nicht trennen“, warum reden sie denn so, als hätte die Schöpfung mit dem Vater nichts zu tun? Und wenn Johannes zusammenfassend sagt: „Alles ist durch ihn geworden, und ohne ihn ward nichts“, wie könnte es denn neben dem Vater Christi einen anderen Schöpfer geben?

So faseln diese Leute. Die göttliche Lehre aber und der christliche Glaube verurteilen solch törichtes Gerede als Gottlosigkeit. Sie sagen uns, daß die Dinge nicht von selbst entstanden sind, da sie ja unter einer Vorsehung stehen, noch auch aus einem bereits vorhandenen Stoff, weil ja Gott nicht schwach, daß vielmehr Gott durch seinen Logos alle Dinge aus dem reinen Nichts ins Dasein gerufen habe, wie es bei Moses heißt: „Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde“, und im sehr nützlichen Buch vom Hirten: „Allererst glaube, daß nur einer Gott ist, der alles erschaffen und angeordnet und aus dem Nichts ins Dasein gerufen hat“. Dasselbe lehrt Paulus mit den Worten: „Im Glauben erkennen wir, daß die Welten durch das Wort Gottes geschaffen worden sind, so daß also nicht das Sichtbare aus der Erscheinungswelt hervorgegangen ist“. Denn Gott ist gut, oder vielmehr er ist die Quelle der Güte. Den Guten aber kann keinerlei Neid befallen, weshalb er niemand das Dasein vergönnte und alles aus dem Nichts geschaffen hat durch seinen eigenen Logos, unseren Herrn Jesum Christum. Unter den irdischen Kreaturen aber erregte vor allen das Menschengeschlecht sein Mitleid, und weil er sah, daß es nach dem Gesetze seines eigenen Werdens außerstande wäre, immerdar fortzubestehen, gewährte er ihnen einen Vorzug und schuf die Menschen nicht einfach wie die ganze vernunftlose Lebewelt auf der Erde, sondern er machte sie nach seinem Bilde und teilte ihnen von der Kraft seines eigenen Logos mit, damit sie gleichsam einen Schatten vom Logos hätten und so, vernünftig geworden, in seligem Zustand verbleiben könnten – im Besitze des wahren und wahrhaft heiligen Paradieseslebens. Da er ferner die doppelte Wahlfreiheit der Menschen kannte, so traf er Vorsorge und suchte ihnen durch Gesetz und Ort die ihnen gewährte Gnade zu sichern: Er führte sie in sein Paradies ein und gab ihnen ein Gebot, damit sie, im Falle, daß sie die Gnade bewahrten und gut blieben, zu der Verheißung ihrer himmlischen Unsterblichkeit hin auch im Paradiese ein Leben ohne Kummer, Schmerzen und Sorgen hätten, im Falle, daß sie aber das Gebot überträten und nach ihrer Abkehr von Gott schlecht würden, zur Einsicht kommen sollten, daß sie der natürlichen Verwesung im Tode unterworfen wären und nicht mehr im Paradiese leben, sondern nunmehr aus ihm verbannt und in Tod und Verwesung verbleiben würden. Dies verkündet ganz offen auch die göttliche Schrift, die in der Person Gottes also redet: „Von allen Bäumen des Gartens magst du essen, aber vom Baume der Erkenntnis des Guten und Bösen sollt ihr nicht essen. Am Tage, da ihr davon esset, sollt ihr des Todes sterben“. „Ihr werdet des Todes sterben“, was soll das anderes bedeuten, als nicht nur sterben, sondern auch in der Verwesung des Todes verbleiben?

Vielleicht wunderst du dich etwas, daß wir, die wir uns doch vorgenommen haben, von der Menschwerdung des Logos zu reden, jetzt vom Ursprung der Menschen handeln. Doch auch das hängt mit dem Zweck unserer Abhandlung zusammen. Wenn wir von der Erscheinung des Heilands unter uns reden wollen, so müssen wir auch vom Ursprung der Menschen reden, um zu erkennen, daß unsere Schuld Anlaß zu seiner Herabkunft gegeben und unsere Sünde die Menschenliebe des Logos herausgefordert hat, so daß der Herr zu uns kam und unter den Menschen erschien. Wir sind die Ursache seiner Verkörperung (ἐνσωματώσεως). Und um unseres Heiles willen offenbarte er seine Menschenliebe, wollte in einem menschlichen Leibe geboren werden und erscheinen.

So also hat Gott den Menschen erschaffen und ihn in der Unsterblichkeit belassen wollen. Die Menschen jedoch würdigten den geistigen Verkehr mit Gott wenig, kehrten sich davon ab, erdachten und ersannen sich die Bosheit, wie im ersten Teil ausgeführt wurde, und verfielen dem angedrohten Todesurteil. Jetzt sollten sie auch nicht mehr so bleiben, wie sie geschaffen worden sind, vielmehr sanken sie entsprechend ihrer Denkart immer tiefer, und der Tod wurde ihr Gewaltherr. Denn die Übertretung des Gebotes warf sie auf ihren natürlichen Urstand zurück, so daß sie, wie aus dem Nichts geworden, so auch mit Recht nach Ablauf der Zeit den Verlust ihrer Existenz zu gewärtigen hatten. Denn wenn es in ihrer Natur lag, einmal nicht zu sein, und sie erst durch das Eingreifen und die Menschenliebe des Logos ins Dasein gerufen wurden, so ergab sich als natürliche Folge, daß die Menschen mit dem Verlust ihrer Gottesvorstellung und mit ihrer Abkehr zum Nichtseienden – nichtseiend ist das Böse, seiend das Gute, weil ja vom Seienden Gott ausgegangen – auch ihrer ewigen Existenz verlustig gingen, das heißt aber, daß sie der Auflösung anheimfielen und im Tod und in der Verwesung verblieben. Tatsächlich ist ja der Mensch von Natur aus sterblich, da er aus dem Nichts entstanden ist. Doch dank seiner Ähnlichkeit mit dem Seienden hätte er in dem Falle, daß er sie mit einer richtigen Herzensstellung zu ihm bewahrt hätte, die naturgemäße Auflösung von sich ferngehalten und wäre unverweslich geblieben, wie ja die Weisheit sagt: „Die Beobachtung der Gebote ist die Sicherung der Unverweslichkeit“. Wenn aber unverweslich, dann hätte er fortan wie Gott gelebt, wie dies auch irgendwo die göttliche Schrift zum Ausdruck bringt, wenn sie sagt: „Ich habe gesagt: Götter seid ihr und Söhne des Höchsten allzumal. Doch Menschen gleich sterbet ihr dahin und fallet wie einer der Fürsten“.

Gott hat uns ja nicht nur aus dem Nichts erschaffen, sondern durch die Gnade des Logos uns auch ein gottgleiches Leben verliehen. Da aber die Menschen das Ewige von sich wiesen und auf Eingebung des Teufels sich dem Vergänglichen zuwandten, so haben sie selber damit ihre Vergänglichkeit im Tode verschuldet; sie waren ja wohl, wie vorhin bemerkt, von Natur aus sterblich, wären aber diesem natürlichen Los dank ihrer Teilnahme am Logos entronnen, wenn sie gut geblieben wären. Denn um des Logos willen, der mit ihnen war, hätte die naturgemäße Vernichtung sie nicht betroffen, wie auch die Weisheit sagt: „Gott hat den Menschen zur Unverweslichkeit erschaffen und als Bild seiner eigenen Ewigkeit; aber durch den Neid des Teufels kam der Tod in die Welt“. Wie aber das geschehen war, begann das Sterben der Menschen; die Vergänglichkeit gewann nunmehr und entfaltete um so stärkere Macht über das ganze Geschlecht denn der natürliche Urstand, als sie auch die Drohung Gottes wegen der Übertretung des Gebotes ihnen gegenüber voraus hatte. Denn auch bei ihren Verfehlungen blieben die Menschen nicht bei bestimmten Grenzen stehen, sondern sie kamen nach und nach immer weiter und haben schließlich kein Maß mehr gekannt. Zuerst wurden sie zu Erfindern der Bosheit und beschworen gegen sich herauf Tod und Verderben. Dann verfielen sie in Ungerechtigkeit und überboten sich in aller Gesetzwidrigkeit, blieben nicht beieiner Schlechtigkeit stehen, sondern ersannen immer neue zu neuen und sind so im Sündigen unersättlich geworden. Ehebruch und Diebstahl waren allenthalben an der Tagesordnung; von Raub- und Mordtaten voll war die ganze Welt. Kein Gesetz wußte der Verderbnis und Ungerechtigkeit zu wehren. Alle Missetaten wurden vereinzelt und im Bunde von allen verübt. Staaten führten gegen Staaten Krieg; Völker erhoben sich gegen Völker; der ganze Erdkreis war durch Zwietracht und Kampf gespalten, indes ein jeder den anderen im Sündigen zu überbieten suchte. Nicht einmal von widernatürlichen Lastern hielten sie sich frei, sondern wie der Apostel, der Zeuge Christi, sagte: „Ihre Weiber verkehrten den natürlichen Umgang in den widernatürlichen; ebenso gaben auch die Männer den natürlichen Umgang mit dem Weibe auf und entbrannten in ihren Begierden zueinander, indem Männer mit Männern Schändliches trieben und den verdienten Sold ihrer Verirrung an sich selbst empfingen“.

Da infolgedessen der Tod immer mächtiger wurde und das Verderben über der Menschheit lagerte, so ging das Menschengeschlecht dem Untergang entgegen, der vernünftige und nach dem Bilde Gottes erschaffene Mensch mußte verschwinden und das von Gott geschaffene Werk verloren gehen. Denn, wie vorhin gesagt, der Tod gewann jetzt über uns gesetzliche Gewalt, und es war unmöglich, dem Gesetze zu entrinnen, weil es von Gott wegen der Sünde erlassen worden war.

In der tatsächlichen Verwirklichung dessen lag aber etwas Ungereimtes und Unwürdiges zugleich. Ungereimt wäre es, Gottes Rede Lügen zu strafen, wenn nämlich der Mensch trotz der göttlichen Verfügung, er müsse im Falle der Übertretung des Gebotes des Todes sterben, nach der Sünde nicht starb, vielmehr seine Verfügung aufgehoben wurde. Dann war ja Gott nicht wahrhaftig, wenn der Mensch nicht starb trotz seines Wortes, daß wir sterben würden. Anderseits war es unziemlich, wenn die einmal erschaffenen vernünftigen und seines Logos teilhaftig gewordenen Wesen zugrunde gingen und auf dem Weg der Vernichtung wieder ins Nichts zurücksanken. Es reimte sich doch nicht mit der Güte Gottes zusammen, wenn die von ihm geschaffenen Wesen wegen des vom Teufel an den Menschen verübten Truges umkamen. Zudem war es ganz und gar unziemlich, daß das Kunstwerk Gottes in den Menschen durch deren Sorglosigkeit oder durch den Dämonentrug verloren ging. Da also die vernünftigen Wesen dem Verderben und solch vorzügliche Werke dem Untergang geweiht waren, was mußte da Gott in seiner Güte tun? Etwa zulassen, daß das Verderben gegen sie weiter seine Macht entfalte und der Tod über sie herrsche? Wozu dann auch ihre Schöpfung im Anfange? Sie wären dann besser nicht entstanden, als nach ihrer Entstehung der Verwahrlosung und dem Untergang anheimgefallen. Denn solche Vernachlässigung, wie die Überantwortung seines eigenen fertiggestellten Werkes an die Zerstörung, verrät deutlicher die Schwäche, nicht die Güte Gottes, als wenn er den Menschen von Anfang an nicht erschaffen hätte. Denn wenn er ihn nicht erschuf, dachte niemand an eine Schwäche. Erschuf er ihn aber und rief er ihn ins Dasein, dann war es höchst ungereimt, wenn die Werke dem Untergang verfielen – und dies gar unter den Augen des Schöpfers. So durfte er also die Menschen nicht dem Verderben überantworten, weil das unziemlich und der Güte Gottes unwürdig gewesen wäre.

Doch so gut sich das gehörte, so sehr steht anderseits dem entgegen, was die Ehre Gottes erforderte1, daß nämlich Gott in der Aufstellung des Todesgesetzes wahrhaftig erschien. Denn es wäre widersinnig gewesen, wenn Gott, der Vater der Wahrheit, unseres Nutzens und unserer Erhaltung wegen als Lügner sich erwiesen hätte. Was mußte also auch in dieser Beziehung geschehen, bzw. was mußte Gott tun? Von den Menschen Reue ob ihrer Sünde verlangen? Dies hätte man ja Gottes würdig finden können und sagen, daß sie, wie sie infolge der Sünde dem Verderben anheimgefallen sind, so auf ihre Reue hin wieder zur Unverweslichkeit gelangen sollten. Doch die Reue hätte das, was der Ehre Gottes entsprach, nicht gewahrt – denn er wäre wieder nicht wahrhaftig geblieben, wenn die Menschen nicht im Tod bezwungen worden wären -, noch hebt auch anderseits die Reue den natürlichen Zustand auf, sondern setzt nur dem Sündigen ein Ende. Wenn also nur Sünde, und nicht auch Vernichtung als deren Folge dagewesen wäre, dann wäre es mit der Reue gut gewesen. Wenn aber die Menschen einmal nach geschehener Sünde dem natürlichen Tode preisgegeben und der Gnade ihrer Gottebenbildlichkeit verlustig gegangen waren, was mußte da geschehen? Oder wessen Hilfe war dann zu solcher Gnade und Wiederherstellung nötig, wenn nicht die des Logos Gottes, der auch im Anfange alles aus nichts gemacht hat? Ihm stand es ja wieder zu, sowohl das Verwesliche zur Unverweslichkeit zurückzuführen, als auch für alle die Ehrenschuld beim Vater einzulösen. Denn als Logos des Vaters und über alle erhaben, war er eben damit allein nur imstande, alles zu erneuern und für alle zu leiden, und fähig, für alle beim Vater Vermittler zu sein.

Deshalb also kommt der körperlose, unverwesliche und immaterielle Logos Gottes in unsere Heimat, obschon er auch vorher uns nicht ferne stand. Denn kein Teil der Schöpfung ist von ihm leer gelassen; vielmehr hat er alles in allem erfüllt, indes er selbst bei seinem Vater blieb. Aber jetzt erscheint er und läßt sich zu uns herab aus Liebe zu uns Menschen, und zwar in sichtbarer Gestalt. Er sah das vernünftige Geschlecht zugrunde gehen und den Tod mit seiner Verwesung herrschen über die Menschen; er sah, wie auch die Strafandrohung für die Sünde uns im Banne des Verderbens festhalte und eine Befreiung daraus vor der Erfüllung des Gesetzes unangebracht wäre; er sah auch das Unziemliche, das im Falle des Unterganges der Wesen, deren Schöpfer er selber war, gelegen wäre; er sah auch die überflutende Bosheit der Menschen und wie sie diese nachgerade bis zur Unerträglichkeit zu ihrem eigenen Verderben steigerten; er sah endlich alle Menschen als die Beute des Todes. Deshalb erbarmte er sich unseres Geschlechtes, hatte Mitleid mit unserer Schwachheit, ließ sich herab zu unserer Vergänglichkeit, duldete die Herrschaft des Todes nicht, und um die Schöpfung gegen den Tod zu schützen und das Werk seines Vaters an den Menschen nicht vergeblich sein zu lassen, nahm er einen Leib an, und zwar keinen anderen als den unsrigen. Denn er wollte nicht einfach in einem Leibe Wohnung nehmen, und er wollte nicht bloß äußerlich erscheinen. Hätte er nur das wollen, so hätte er in einem anderen besseren Leibe als Gott erscheinen können. Aber nein! Er nimmt unseren Leib an, und zwar nicht auf einem beliebigen Wege, sondern von einer unbefleckten, makellosen und mit keinem Mann bekannten Jungfrau einen reinen, vom Verkehr mit Männern wahrhaft unberührten Leib. In seiner Macht und als Schöpfer aller Dinge bereitet er sich in der Jungfrau den Leib zum Tempel und eignet sich ihn als Werkzeug an, gibt sich in ihm zu erkennen und wohnt darin. Und so nahm er einen Leib an, dem unsrigen gleich, überantwortete ihn, da alle unter der Macht des Todes standen, anstatt aller dem Tode und brachte ihn dem Vater dar. Und das tat er aus Liebe zu den Menschen, damit alle in ihm sterben und so das Gesetz von der Verwesung der Menschen aufgehoben würde, da ja seine Macht am Leibe des Herrn sich erschöpft hat und bei den gleichartigen Menschen keinen Zugang mehr finden kann. Auch wollte er die Menschen, die in die Verweslichkeit zurückgefallen waren, wieder zur Unverweslichkeit erheben und sie vom Tode zu neuem Leben erwecken, indem er durch die Aneignung des Leibes und die Gnade der Auferstehung den Tod in ihnen wie eine Stoppel im Feuer vernichtete.

Der Logos erkannte nämlich, daß das Verderben unter den Menschen nicht anders behoben werden könnte als durch seinen unbedingten Tod. Nun aber konnte der Logos, weil unsterblich und Sohn des Vaters, nicht sterben. Deshalb nimmt er einen sterbensfähigen Leib an, damit dieser durch seine Teilnahme am Logos, dem alle unterstehen, zum Tod für alle geeignet würde, dank dem einwohnenden Logos unvergänglich bliebe und nunmehr für alle das Verderben in der Gnade der Auferstehung ein Ende fände. Daher hat er den Leib, den er angenommen, als eine Weihegabe und als ganz makelloses Schlachtopfer in den Tod gegeben und verscheuchte alsobald von allen seinesgleichen den Tod durch das stellvertretende Opfer. Denn weil erhaben über alle, hat natürlich der Logos Gottes mit der Hingabe seines Tempels und der leiblichen Werkstätte ein Entgelt für das Leben aller entrichtet und die Schuld in seinem Tod bezahlt. Und so bekleidete der unverwesliche Sohn Gottes, durch den gleichen Leib mit allen in Gemeinschaft getreten, natürlich auch alle mit der Unverweslichkeit – in der Verheißung der Auferstehung. Denn auch die Auflösung im Tode hat keine Macht mehr über die Menschen wegen des Logos, der unter ihnen in dem einen Leib gewohnt hat. Wie wenn ein mächtiger König in irgendeine große Stadt kommt und darin auch nur in einem Hause Wohnung nimmt, sicher eine solche Stadt aller Ehre gewürdigt wird und kein Feind oder Räuber sie mehr anfällt und unterjocht, wie ihr vielmehr wegen des Königs, der darin auch nur in einem Hause wohnt, alle Aufmerksamkeit geschenkt wird, so war es auch der Fall beim König aller Dinge. Denn damit, daß er in unsere Heimat kam und in einem unserem Leibe gleichen Körper wohnte, hat jede feindliche Nachstellung gegen die Menschen ein Ende genommen. Auch das Verderben des Todes, das ehedem unter ihnen wütete, war vorüber. Das Menschengeschlecht wäre verloren gewesen, wenn nicht der Herr und Heiland aller, der Sohn Gottes, gekommen wäre, um dem Tode ein Ende zu machen.

Vor allem aber geziemte dies wahrhaft große Werk der Güte Gottes. Denn wenn schon ein König ein Haus oder eine Stadt, die er erbaut hat und dann wegen der Gleichgültigkeit der Einwohner von Räubern überfallen sieht, durchaus nicht ihrem Schicksal überläßt, sondern als sein Werk verteidigt und rettet, wobei er nicht auf die Lässigkeit der Bewohner, sondern auf das sieht, was sich für ihn ziemt, so hat noch weit weniger der göttliche Logos des allgütigen Vaters das von ihm erschaffene Menschengeschlecht, das auf dem Weg zum Verderben war, seinem Schicksal überlassen. Vielmehr hat er den verschuldeten Tod mit der Opferung seines eigenen Lebens hinweggenommen, hat die Nachlässigkeit der Menschen durch seine Lehre wieder gut gemacht und die ganze Lage der Menschen durch seine Macht wieder in die rechte Ordnung gebracht. Das kann man auch beglaubigt hören von den Gottesmännern, die um die Person des Heilandes waren, wenn man in ihren Schriften die Worte liest: „Die Liebe Christi drängt uns, indem wir also urteilen: Ist einer für alle gestorben, so sind füglich alle gestorben. Nun aber ist er für alle gestorben, damit wir nicht mehr uns leben, sondern dem, der für uns gestorben und von den Toten auferstanden ist, unserem Herrn Jesus Christus“. Und wieder: „Doch sehen wir den kurz unter die Engel Erniedrigten, Jesum, mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt wegen seines Todesleidens, womit er durch die Gnade Gottes für einen jeden den Tod kosten wollte“. Dann gibt er auch den Grund an, weshalb kein anderer als Gott der Logos selbst Mensch werden mußte, wenn er sagt: „Denn es ziemte sich für ihn, um dessentwillen alles und durch den alles ist, viele Kinder zur Herrlichkeit zu führen und deshalb den Urheber ihres Heils durch Leiden zu vollenden“. Mit diesen Worten gibt er ja zu verstehen, daß es keinem anderen zukam, die Menschen aus dem verhängten Verderben zu erretten als Gott dem Logos, der sie auch im Anfang geschaffen hat. Daß sodann der Logos einen Leib angenommen, um ihn als Opfergabe für die ihm ähnlichen Leiber darzubringen, auch das deuten sie an mit den Worten: „Da also die Kinder Fleisch und Blut gemeinsam haben, so nahm er in ähnlicher Weise auch daran teil, damit er durch den Tod den überwinde, der die Gewalt des Todes hatte, nämlich den Teufel, und die erlöste, die im Banne der Todesfurcht ihr Leben lang unter dem Joch der Knechtschaft standen“. Denn mit der Opferung seines eigenen Lebens hat er dem Gesetz wider uns ein Ende gesetzt und uns einen neuen Anfang des Lebens gegründet, indem er uns die Hoffnung der Auferstehung gab. Weil ja der Tod durch Menschen(schuld) über die Menschen die Macht erhalten hatte, deshalb ist wieder durch die Menschwerdung Gottes des Logos des Todes Macht gebrochen worden und die Auferstehung des Lebens eingetreten. Sagt ja doch der Christusträger: „Denn wie durch einen Menschen der Tod, so durch einen Menschen die Auferstehung von den Toten. Wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden usw.“. Jetzt sterben wir nicht mehr, um gerichtet zu werden, sondern mit der Bestimmung zur Auferstehung harren wir auf die gemeinsame Auferstehung aller, die Gott zu seiner Zeit schauen lassen wird, er, der sie auch bewerkstelligt und gewährt hat. Das also ist die erste Ursache der Menschwerdung des Erlösers. Doch auch aus folgendem mag man erkennen, daß seine gnädige Ankunft unter uns wohlbegründet war.

Als Gott, der über alles die Macht hat, das Menschengeschlecht durch seinen eigenen Logos erschuf, da wußte er alsobald auch um die Ohnmacht seiner Natur und daß diese nicht imstande wäre, von sich aus den Schöpfer zu erkennen noch überhaupt von Gott eine Erkenntnis zu gewinnen, da er ja unerschaffen, sie aber aus dem Nichts hervorgegangen ist, er unkörperlich, die Menschen aber irgendwo hienieden mit einem Leib gebildet worden sind und überhaupt den geschöpflichen Wesen ein großer Mangel anhaftet, um den Schöpfer zu begreifen und zu erkennen. So erbarmte er sich wieder in seiner Güte des Menschengeschlechtes und wollte den Menschen nicht die Erkenntnis seiner vorenthalten, damit sie nicht ein Dasein führten, ohne einen Gewinn davon zu haben. Was haben denn die Geschöpfe für einen Gewinn davon, wenn sie ihren Schöpfer nicht erkennen? Oder wie wären sie vernünftig, wenn sie den Logos des Vaters nicht erkannten, in dem sie doch entstanden sind? Denn zwischen ihnen und den vernunftlosen Wesen wäre gar kein Unterschied, wenn sie weiter nichts als irdische Dinge wahrnähmen. Wozu hätte sie Gott auch erschaffen, wenn er von ihnen nicht erkannt sein wollte? Eben um dieses zu verhüten, teilt er ihnen in seiner Güte sein eigen Bild, unseren Herrn Jesum Christum, mit und macht sie seinem Bild und seiner Ähnlichkeit gleichförmig, damit sie durch diese das Abbild erkannten, nämlich den Logos des Vaters, und durch ihn eine Vorstellung vom Vater gewinnen könnten und in der Erkenntnis des Schöpfers ein glückliches und wahrhaft seliges Leben führten. Doch die also angebotene Gnade mißachteten ihrerseits die Menschen im Unverstand und kamen so weit von Gott ab und befleckten so sehr ihre Seele, daß sie nicht nur die Vorstellung von Gott vergaßen, sondern auch andere Dinge um Dinge sich einbildeten. Götzenbilder schufen sie sich an Stelle der Wahrheit, das Nichtseiende stellten sie höher als den wahrhaftigen Gott und huldigten der Schöpfung anstatt dem Schöpfer. Und das Schlimmste war noch, daß sie auf Holzstücke und Steine, auf alle möglichen Stoffe und auf Menschen die Gott schuldige Ehre übertrugen und noch mehr dergleichen sich leisteten, wie bereits früher gesagt worden. Ja, so gottlos wurden sie, daß sie nunmehr gar Dämonen verehrten und als Götter ansprachen und deren Wünsche erfüllten. Opfer von vernunftlosen Wesen und Menschenopfer brachten sie ihnen, wie früher erwähnt worden, als schuldigen Tribut dar und ließen sich durch deren Lockungen immer mehr in Fesseln schlagen. Deshalb wurden bei ihnen auch magische Künste gelehrt, und Orakelsprüche da und dort täuschten die Menschen, und alle schrieben die Ursachen ihrer Geburt und ihres Lebens den Sternen zu und allen Erscheinungen am Himmel, ohne an etwas anderes zu denken als an das Sichtbare. Überhaupt war alles voll Gottlosigkeit und Sünde, und nur der eine Gott und sein Logos wurden nicht erkannt, obschon er sich den Menschen nicht unbezeugt ließ und ihnen auch nicht nur eine primitive Erkenntnis seiner gab, sondern sie ihnen auch mannigfach und in vielen Offenbarungen erläuterte.

Genügt hätte ja schon die Gnade unserer Ebenbildlichkeit, um Gott den Logos und durch ihn den Vater zu erkennen. Da aber Gott die Ohnmacht der Menschen kannte, traf er schon zum voraus auch für deren Gleichgültigkeit Vorsorge, damit sie im Falle ihrer Lässigkeit, von sich aus Gott zu erkennen, Gelegenheit hätten, aus den Werken der Schöpfung den Schöpfer zu erkennen. Da aber die Interesselosigkeit der Menschen immer mehr zu Schlimmerem ausartete, so hatte Gott auch für diese ihre Schwäche vorgesehen und ihnen ein Gesetz gegeben und bekannte Propheten, damit sie bei ihrer Lethargie, zum Himmel aufzublicken und den Schöpfer kennen zu lernen, aus ihrer nächsten Umgebung sich die Belehrung holen könnten. Denn Menschen können leichter von ihresgleichen über höhere Probleme Aufschluß erhalten. So war es ihnen wohl möglich, im Aufblick zur Größe des Himmels und in der Betrachtung der in der Schöpfung waltenden Harmonie ihren Regenten, den Logos des Vaters, zu erkennen, der mit seiner allesumfassenden Fürsorge allen den Vater offenbart und eben deshalb allem die Bewegung gibt, damit durch ihn alle zur Erkenntnis Gottes gelangten. War aber das den Menschen beschwerlich, so konnten sie sich doch an die Heiligen wenden und durch sie Gott als den Schöpfer der Welt und den Vater Christi kennen lernen und einsehen, daß ihr Götzenkult Atheismus und aller Gottlosigkeit voll ist. Sie konnten aber dann auch bei ihrer Kenntnis des Gesetzes von jeglicher Gesetzwidrigkeit ablassen und ein tugendhaftes Leben führen. Denn nicht allein der Juden wegen war das Gesetz da, und nicht bloß ihretwegen wurden die Propheten gesandt. Sie wurden wohl zu den Juden gesandt und von den Juden verfolgt, waren aber für den ganzen Erdkreis eine heilige Lehranstalt für Theologie und Moral1. So groß also die Güte und Menschenliebe Gottes war, so haben die Menschen gleichwohl im Banne der augenblicklichen Lüste und der Vorspiegelungen und Trugbilder der Dämonen sich nicht zur Wahrheit bekannt, sondern sich neuen Sünden und Missetaten überantwortet, so daß sie nicht mehr vernünftig erschienen, sondern – nach ihrem Wandel zu schließen – unvernünftig waren.

Wenn nun die Menschen so den vernunftlosen Tieren gleichgeworden waren, wenn der teuflische Trug überallhin seinen Schatten geworfen und die Erkenntnis des wahren Gottes verfinstert hatte, was hätte da Gott tun sollen? Hätte er zu solch schrecklichem Zustand schweigen, die Menschen der Verführungskunst der Dämonen überlassen und ihnen die Erkenntnis Gottes entziehen sollen? Wozu wäre aber dann der Mensch im Anfange nach dem Bilde Gottes erschaffen worden? Er hätte ja dann einfach als unvernünftiges Geschöpf erschaffen werden sollen, oder aber, wenn vernünftig geschaffen, durfte er nicht leben wie das unvernünftige Tier. Was hätte es ihm überhaupt genützt, im Anfang eine Vorstellung von Gott gehabt zu haben? Wenn er nämlich auch jetzt einer solchen nicht gewürdigt werden kann, dann hätte sie ihm auch im Anfang nicht gegeben werden sollen. Was aber würde es Gott dem Schöpfer an Nutzen oder Ehre eintragen, wenn die von ihm erschaffenen Menschen nicht ihn anbeten, sondern andere als ihre Schöpfer wähnen? Gott scheint dann für andere, nicht für sich die Menschen erschaffen zu haben. Sodann läßt auch ein König, wenn schon nur ein Mensch, die von ihm gegründeten Städte nicht in fremde Hand und Herrschaft kommen noch auch zu anderen übergehen, vielmehr gibt er ihnen brieflich Mahnungen, nicht selten stellt er sie auch durch Freunde zu und erscheint, wenn nötig, persönlich, um sie dann durch seine Gegenwart anders zu stimmen, damit sie ja nicht unter die Herrschaft anderer geraten und so sein Werk vereitelt würde. Wird nicht noch viel mehr Gott seine Geschöpfe davor bewahren, daß sie nicht von ihm abirren und nichtseienden Dingen dienen, zumal da eine solche Verirrung ihr Verderben und ihr Ende wäre? Es sollte aber das, was einmal mit dem Bilde Gottes in Gemeinschaft stand, nicht verloren gehen. Was hatte nun Gott zu tun? Oder was anders hatte zu geschehen, als wieder eine Erneuerung nach dem Ebenbilde vorzunehmen, damit die Menschen ihn darin wieder erkennen könnten? Wie hätte aber dies geschehen können, wenn nicht das Ebenbild Gottes selbst, unser Heiland Jesus Christus, erschien? Durch Menschen war dies unmöglich, da ja auch sie nach dem Bilde geschaffen sind, aber auch nicht durch Engel, – sie sind ja keine Ebenbilder. Deshalb kam der Logos persönlich zu uns, um als Bild des Vaters den ebenbildlich erschaffenen Menschen wiederherzustellen. Dies hätte aber wieder nicht anders vor sich gehen können, wenn nicht Tod und Verwesung beseitigt wurden. Daher nahm er natürlich einen sterblichen Leib an, damit nunmehr der Tod in ihm vernichtet werden könnte und die ebenbildlich erschaffenen Menschen wieder erneuert würden. So war also niemand anders dieser Aufgabe gewachsen als nur das Bild des Vaters.

Wenn z. B. eine auf Holz gemalte Figur durch den Schmutz von außen unkenntlich geworden ist, so muß derjenige, der in der Figur dargestellt ist, wieder zugegen sein, wenn das Bild in demselben Holz erneuert werden soll; wegen des Bildes wird nämlich eben das Material selbst, auf dem gemalt worden, nicht weggeworfen, vielmehr auf ihm die Figur nachgezeichnet. Ebenso hat auch der allheilige Sohn des Vaters als Bild des Vaters an unseren Stätten sich eingefunden, um den nach ihm erschaffenen Menschen zu erneuern und ihn, der verloren war, durch die Sündennachlassung wieder zu finden, wie er ja auch selbst in den Evangelien sagt: „Ich bin gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war“1. Daher sagte er auch zu den Juden: [S. 620] „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird“2. Er verstand das nicht von der Geburt aus einem Weibe, wie jene vermuteten, sondern meinte die Seele, die in der Verähnlichung mit ihm eine Wiedergeburt und Erneuerung erfährt. Wenn nun der Götzenwahn und der Atheismus den Erdkreis im Banne hielt und die Erkenntnis Gottes verschwunden war, wer hätte da die Welt über den Vater belehren sollen? Ein Mensch – könnte etwa einer sagen. Doch Menschen waren nicht imstande, den ganzen Erdkreis zu durchwandern, noch hatten sie von Natur die Kraft zu solchem Laufe. Auch hätten sie nicht mit der nötigen Autorität für ihre Lehre einstehen können, noch auch hätten sie von sich aus dem Trug- und Gaukelspiel der Dämonen zu widerstehen vermocht. Wenn doch alle vom teuflischen Trug und Götzenwahn beschlagnahmt und verwirrt waren, – wie hätte da ein Mensch Herz und Sinn der Menschen umstimmen können, wo sie doch diese nicht einmal sehen konnten? Was man aber nicht sieht, wie vermag man das umzubilden? Doch vielleicht möchte einer sagen, die Schöpfung hätte dazu genügt. Doch wenn die Schöpfung genügt hätte, wären keine solche Übel eingetreten. Die Schöpfung war ja wirklich da; und doch blieben die Menschen in demselben Irrwahn über Gott befangen. Wer also hätte helfen können, außer dem Logos Gottes, der Weg und Sinn durchschaut, allen Dingen in der Schöpfung Bewegung gibt und durch sie den Vater offenbart. Denn dem, der durch seine Vorsehung und Anordnung aller Dinge über den Vater Aufschluß gibt, dem kam es auch zu, eben diese Lehre wiederaufzufrischen. Wie hätte nun dies geschehen sollen? Vielleicht möchte einer antworten, daß es eben durch die nämlichen Mittel möglich gewesen wäre, so daß also wieder durch die Werke der Schöpfung der Aufschluß über den Vater erfolgt wäre. Aber das hätte keine Sicherheit mehr geboten. Durchaus nicht! Denn eben das haben ja zuvor die Menschen unbeachtet gelassen und ihr Auge nicht mehr aufwärts, sondern abwärts gewandt. Deshalb kommt er, der den Menschen nützen wollte – nämlich durch die Werke des Leibes -, natürlich wie ein Mensch zu uns, nimmt einen Leib an, der dem jener gleich ist und von unten stammt, damit die, welche ihn nicht aus seiner allumfassenden Vorsehung und Herrschaft erkennen wollten, wenigstens aus den Werken seines Leibes den im Leibe befindlichen Logos Gottes erkannten und durch ihn den Vater.

Wie nämlich ein guter Lehrer, dem etwas an seinen Schülern liegt, für die, die dem höheren Lehrgang nicht mit Nutzen folgen können, sicher zu einem leichter faßlichen sich herabläßt und sie so unterrichtet, so hält es auch der Logos Gottes, wie auch Paulus sagt: ,,Weil die Welt mit ihrer Weisheit Gott in seiner Weisheit nicht erkannte, hat es Gott gefallen, durch die Torheit der Predigt diejenigen selig zu machen, welche glauben“. Da sich nämlich die Menschen von der Betrachtung Gottes abgekehrt hatten und, wie im Abgrund versunken, ihre Augen abwärts kehrten und Gott in der Natur und den sinnlichen Dingen aufsuchten und (schließlich) sterbliche Menschen und Dämonen als Götter sich vorstellten, deshalb nimmt der menschenfreundliche und allen gemeinsame Erlöser, der Logos Gottes, einen Leib an und verkehrt wie ein Mensch unter Menschen, nimmt die Empfindungen aller Menschen an, damit die, die Gott in körperlichen Gestalten wähnen, aus den Werken, die der Herr durch die Werke des Leibes vollbringt, die Wahrheit einsehen und durch ihn den Vater erkennen möchten. Denn da sie als Menschen auch nur an Menschliches dachten, so sahen sie sich von all dem angezogen, worauf ihre Sinne fielen, und von allen Seiten über die Wahrheit belehrt. Mochten sie die Schöpfung anstaunen, sie sahen in ihr ein Bekenntnis an Christus den Herrn. Mochten ihre Gedanken für Menschen eingenommen sein, so daß sie diese gar für Götter hielten, so erwies sich aus den Werken des Heilandes, verglichen mit denen jener, nur einer unter den Menschen als Sohn Gottes, der Heiland, da ja jene nichts Ähnliches aufzuweisen haben, was seitens des Logos Gottes geschehen ist. Waren sie aber den Dämonen zugetan, so mußten sie doch, wenn sie diese vor dem Herrn fliehen sahen, zur Erkenntnis kommen, daß dieser allein der Logos Gottes ist, und nicht auch die Dämonen Götter sind. Stand aber gar ihr Geist im Banne des Totenkultes, so daß sie die Heroen und die bei den Dichtern vorkommenden Götter verehrten, so mußten sie angesichts der Auferstehung des Heilandes zugeben, daß jene Truggestalten sind und der wahre Herr allein der Logos des Vaters ist, da er auch der Herr ist über den Tod. Darum ward er auch geboren, erschien als Mensch, starb, stand wieder auf, und mit seinen eigenen Werken stellte er die Taten aller Menschen aller Zeiten in den Hintergrund und in den Schatten, um die Menschen aus jedweder Verbohrtheit herauszuführen und sie seinen wahren Vater kennen zu lehren, wie er auch selbst sagt: „Ich bin gekommen, zu retten und zu suchen, was verloren war“.

Denn da einmal der Menschengeist in die Sinnenwelt versunken war, so erbot sich der Logos, im Leibe zu erscheinen, um als Mensch die Menschen an sich zu ziehen, ihre Sinne auf sich zu lenken und sie dann mit seinen Werken, die sie ihn in Menschengestalt vollbringen sehen, zur Überzeugung zu führen, daß er nicht nur Mensch, sondern auch Gott, Logos und Weisheit des wahrhaftigen Gottes wäre. Eben das will auch Paulus zu verstehen geben in den Worten: „In der Liebe festgewurzelt und begründet, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen zu begreifen, welches die Breite, Länge, Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen, daß die Liebe Christi alle Erkenntnis weit überragt, damit ihr erfüllt werdet zu aller Fülle Gottes“. Überall hat sich ja der Logos verbreitet, oben und unten, in der Tiefe und in der Breite, oben in der Schöpfung, unten in der Menschwerdung, in der Tiefe in der Unterwelt, in der Breite in der Welt, und so ist alles von der Erkenntnis Gottes angefüllt. Eben deshalb hat er sich auch nicht unmittelbar nach seiner Ankunft mit der Hingabe seines Leibes in den Tod und mit dessen Auferweckung das Opfer für alle dargebracht, weil er sich damit unsichtbar gemacht hätte. Vielmehr hat er im Leibe sich sichtbar gemacht, indem er in ihm verweilte und solche Werke vollbrachte und Zeichen wirkte, die ihn nicht mehr als Menschen, sondern als Gott-Logos offenbarten. Zwei Liebesdienste erwies uns der Heiland durch seine Menschwerdung, einmal, daß er den Tod von uns hinwegnahm und uns erneuerte, und daß er, an sich nicht wahrnehmbar noch sichtbar, durch seine Werke sich kundgab und sich als den Logos des Vaters, als den Lenker und König des Alls zu erkennen gab.

Er war ja nicht im Körper eingeschlossen und war auch nicht nur in einem Leibe und nirgends anderswo. Auch gab er ihm nicht die Bewegung, indes das All seiner Wirksamkeit und Fürsorge entraten mußte, sondern als Logos war er – ganz auffallend – von keinem Ding eingeschlossen, schloß vielmehr alles in sich ein. Und wie er sich in der ganzen Schöpfung befindet, außerhalb des Alls mit seiner Wesenheit, in allem aber vermöge seiner Wirksamkeit, alles anordnend, alles in allem mit seiner Fürsorge durchwaltend, das Einzelne wie das Ganze zugleich belebend, alles umschließend, ohne selbst umschlossen zu werden, nur in seinem Vater voll und ganz ruhend, so belebte er, auch im menschlichen Leibe weilend und ihn selbst belebend, natürlich auch alles. Und so war er in allem und doch außerhalb des Alls. Und wie er an den mit dem Körper vollbrachten Werken erkennbar war, so offenbarte er sich auch in seiner Tätigkeit im Weltall.

Es liegt nun zwar auch im Wirkungskreise der Seele, auch das außerhalb des Leibes Liegende zu betrachten und zu überdenken, aber nicht auch außerhalb des eigenen Leibes eine Wirksamkeit zu entfalten oder das, was ihm fernliegt, durch ihre Gegenwart in Schwingung zu setzen. Nie vermag ein Mensch den fernabliegenden Gegenstand seines Denkens nun schon auch zu bewegen und zu versetzen. Wenn jemand in seinem Hause sitzt und über die Himmelserscheinungen sich seine Gedanken macht, so bewegt er damit nicht auch schon die Sonne und dreht er nicht auch schon den Himmel. Vielmehr sieht er bloß die Bewegungen und Vorgänge, vermag aber nicht auf sie einzuwirken. Nicht so also war der Logos im Menschen. Denn er war nicht an den Leib gefesselt, sondern er war Meister über ihn, so daß er sowohl in diesem als auch in allen anderen war und sogar außerhalb der Dinge und im Vater allein ruhte. Und das Wunderbare daran war das, daß er wie ein Mensch lebte und als Logos alles belebte und als Sohn mit dem Vater war. Deshalb litt er auch nicht unter der Geburt der Jungfrau und wurde nicht befleckt, da er im Leibe war, vielmehr heiligte er den Leib. Auch nimmt er nicht an allem Anteil, obschon er in allem ist; vielmehr wird alles von ihm belebt und ernährt. Denn wenn schon die Sonne, die von ihm erschaffen ist und von uns gesehen wird, bei ihrem Kreislauf am Himmel durch ihre Berührung mit irdischen Körpern nicht beschmutzt wird und durch die Finsternis nicht unsichtbar wird, vielmehr selbst die Körper beleuchtet und reinigt, so wurde noch weit weniger der allheilige Logos Gottes, der Schöpfer und Herr der Sonne, durch seine Offenbarungen im Leibe befleckt. Nein, weil selbst unverweslich, belebte und reinigte er vielmehr den sterblichen Leib. „Denn der keine Sünde beging“, heißt es, „und in dessen Mund keine Arglist gefunden ward“.

Wenn also die Gottesgelehrten, die hiervon handeln, behaupten, daß er aß, trank, geboren ward, so wisse, daß zwar der Leib als Leib geboren und mit den entsprechenden Speisen genährt wurde, daß aber Gott der Logos selbst, der mit dem Leibe zusammen war, dadurch, daß er alles anordnete und durch die Werke, die er im Leibe vollbrachte, sich nicht als Mensch, sondern als Gott-Logos offenbarte. Wohl sagt man diese Zuständlichkeit von ihm aus, weil eben auch der Leib, der aß, geboren ward und litt, nicht einem anderen, sondern dem Herrn gehörte, und weil man nach seiner Menschwerdung dieses von ihm wie von einem Menschen mit Fug und Recht sagte, damit er in Wirklichkeit und nicht in der Einbildung mit einem Leibe erscheine1. Doch wie man hieraus auf seine leibliche Gegenwart schloß, so gab er sich durch die Werke, die er durch seinen Leib vollbrachte, als Gottes Sohn zu erkennen. Deshalb rief er auch den ungläubigen Juden die Worte zu: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht! Tue ich sie aber, so glaubt, wenn ihr mir auch nicht glauben wollt, meinen Werken, damit ihr erkennet und wisset, daß der Vater in mir ist und ich in dem Vater“. Denn wie er, an sich unsichtbar, aus den Werken der Schöpfung erkannt wird, so sollte, nachdem er Mensch geworden und in einem Leibe verborgen ist, aus den Werken erkannt werden, daß es nicht ein Mensch, sondern Gottes Kraft und Logos ist, der dies vollbringt. Denn wenn er Teufeln gebietet und sie austreibt, so ist das kein menschliches, sondern ein göttliches Werk. Und wenn man ihn Krankheiten heilen sieht, an denen das Menschengeschlecht leidet, wer möchte ihn da noch für einen Menschen und nicht für Gott halten? Denn er heilte Aussätzige, machte Lahme gehen, öffnete Tauben das Gehör, machte Blinde sehen und verscheuchte einfach alle Krankheiten und Gebrechen von den Menschen, woraus ein jeder seine Gottheit erkennen konnte. Wer würde denn angesichts der Tatsache, daß er die Mängel der Geburt ersetzt und die Augen eines Blindgeborenen öffnet, nicht auf den Gedanken kommen, daß die Geburt der Menschen seiner Macht untersteht und daß er ihr Begründer und Schöpfer ist? Wer nämlich etwas verleiht, was der Mensch von Geburt auf nicht besaß, der muß doch offenbar auch über die Geburt der Menschen Herr sein. Deshalb bildete er sich auch, wie er im Anfang zu uns herabkam, seinen Leib aus einer Jungfrau, um allen einen nicht unwesentlichen Beweis seiner Gottheit zu geben, insofern der, welcher diesen geschaffen, auch der Schöpfer der übrigen (Leiber) ist. Wer müßte denn angesichts der Tatsache, daß ein Leib ohne Beteiligung eines Mannes aus einer Jungfrau allein hervorgeht, sich nicht sagen, daß der, welcher in diesem Leibe erscheint, auch Schöpfer und Herr der übrigen Leiber ist? Oder wenn einer auch die Substanz des Wassers verändert und in Wein verwandelt sieht, sollte der nicht einsehen, daß der, welcher das zuwege brachte, der Herr und Schöpfer der Substanz aller Wasser ist? Deshalb betrat er auch wie ein Herr das Meer und wandelte darauf wie auf festem Lande und gab damit den Augenzeugen einen Beweis seiner Herrschaft über alles. Wenn er dann mit Wenigem eine so große Menge speiste, und wenn er aus dem Mangel Überfluß schuf, so daß mit fünf Broten Fünftausend gesättigt wurden und noch so viel übrig blieb, so offenbarte er sich damit doch als nichts anderes denn als den Herrn, der für alles sorgt.

All das zu vollbringen, fand der Heiland für gut, damit die Menschen, die für seine allesumfassende Fürsorge kein Verständnis hatten, wenigstens auf seine im Leibe vollbrachten Werke hin aufblickten und durch ihn einen Begriff bekämen von der Erkenntnis des Vaters – und zwar, wie bereits gesagt, auf dem Wege einer Schlußfolgerung von den Einzelwerken auf seine Fürsorge für das Ganze. Wer wird denn angesichts seiner Macht über die bösen Geister oder als Zeuge davon, daß die Dämonen ihn als ihren Herrn anerkennen, noch Zweifel hegen, ob dieser der Sohn Gottes, die Weisheit und Macht sei? Ja, nicht einmal die Schöpfung durfte schweigen, sondern wunderbar ereignete sich gerade bei seinem Tode oder vielmehr in der Siegestrophäe über den Tod, nämlich im Kreuze, daß die ganze Schöpfung den, der im Leibe sichtbar war und litt, nicht einfach als Menschen, sondern als Gottes Sohn und Heiland aller bekannte. Als nämlich die Sonne sich wegwandte, die Erde bebte, die Felsen sich spalteten, da erschraken alle. Diese Vorgänge bezeugten aber Christum am Kreuze als Gott und die ganze Schöpfung als ihm Untertan und als die fürchtende Zeugin für die Gegenwart des Herrn. So also hat Gott der Logos durch seine Werke den Menschen sich geoffenbart. Es dürfte sich aber empfehlen, auch über das Ende seines Wirkens und Wandels im Leibe zu berichten und anzugeben, welcher Art sein leiblicher Tod gewesen, zumal es sich hierbei um den Hauptpunkt unseres Glaubens handelt und alle Welt davon spricht. So mögest du dann einsehen, daß auch hieraus wenigstens ebensogut Christus als Gott und Gottes Sohn erkannt wird.

So haben wir denn im Vorausgehenden den Grund für seine Erscheinung im Leibe, so gut es möglich war, (wenigstens) teilweise und nach unserem geistigen Vermögen angegeben. Danach kam es keinem anderen zu, das Verwesliche in die Unverweslichkeit umzuwandeln, als nur dem Heiland selbst, der auch im Anfang alles aus nichts erschaffen hat. Kein anderer sollte die Menschen nach dem Ebenbilde wieder erneuern als das Ebenbild des Vaters, und kein anderer das Sterbliche unsterblich machen als unser Herr Jesus Christus, der das Leben selbst ist; kein anderer sollte über den Vater Aufschluß bringen und den Götzenkult beseitigen als nur der Logos, der alles regiert und allein der wahre eingeborene Sohn des Vaters ist. Weil aber die Schuld aller getilgt werden mußte – es mußten ja, wie bereits gesagt, alle sterben, weshalb er ja auch in erster Linie herabgekommen ist -, deshalb brachte er nach dem faktischen Beweis seiner Gottheit alsbald auch für alle das Opfer dar, indem er für alle seinen Tempel dem Tode preisgab, um alle für die alte Übertretung unverantwortlich und von ihr freizumachen, und um sich als den Herrn auch über den Tod zu erweisen, indem er seinen eigenen Leib in Unverweslichkeit als Erstlingsfrucht der Auferstehung aller aufwies. Wundere dich doch nicht, wenn wir so oft über denselben Gegenstand dasselbe sagen! Denn da wir von der Huld Gottes reden, deshalb erklären wir denselben Gedanken weitläufiger, daß es nicht etwa scheint, als übergingen wir etwas, oder daß uns nicht der Vorwurf trifft, als hätten wir die Sache nur notdürftig behandelt. Denn besser ist es, sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, daß man sich wiederhole, als den, daß man etwas Notwendiges zu schreiben unterlassen habe.

So mußte also der Leib, der auch mit allen anderen das Wesen gemeinsam hatte – denn ein menschlicher Leib war es -, wie die anderen sterben, weil eben doch auch er sterblich war trotz seiner unerhört wunderbaren Bildung aus einer bloßen Jungfrau. Aber weil der Logos in ihm sich niederließ, verfiel er nicht mehr folgend dem Gesetz seiner Natur der Verwesung, sondern blieb dank dem einwohnenden Logos Gottes vor ihr bewahrt. So geschah ganz auffallend bei einem und demselben Geschehnis etwas Doppeltes: Der über alle verhängte Tod übte sein Recht am Leibe des Herrn, und Tod und Verwesung wurden wegen des einwohnenden Logos aufgehoben. Der Tod mußte eintreten, und zwar im Interesse aller, um die allgemeine Schuld zu zahlen. Deshalb nahm, wie bereits gesagt, der Logos, der an sich nicht sterben konnte – er war ja unsterblich -, einen Leib an, der sterben konnte, um ihn als eigenen für alle zu opfern und durch sein mit dem Eintritt in den Leib bedingtes Leiden für alle „dem die Macht zu nehmen, der die Herrschaft über den Tod hatte, d.h. dem Teufel, und die zu erlösen, die im Banne der Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in der Knechtschaft standen“.

Gewiß, da der gemeinsame Heiland aller für uns gestorben ist, so brauchen wir, die wir in Christus gläubig sind, jetzt nicht mehr des Todes zu sterben, wie ehedem das Gesetz laut drohte; aufgehoben ist ja dies Urteil. Vielmehr werden wir jetzt, da die Verwesung in der Gnade der Auferstehung beseitigt und gehoben ist, nur mehr entsprechend unserem sterblichen Leib eine Zeitlang aufgelöst, wie es Gott einem jeden festgesetzt hat, um zu einer besseren Auferstehung gelangen zu können. Denn nach Art der in die Erde gesenkten Samen gehen wir bei der Auflösung nicht zugrunde, sondern Saatkörnern gleich werden wir auferstehen, da der Tod in Kraft der Gnade des Heilandes überwunden ist. Deshalb sagt ja auch der selige Paulus, der allen ein Bürge der Auferstehung geworden ist: „Dies Verwesliche muß die Unverweslichkeit anziehen und dies Sterbliche die Unsterblichkeit. Wenn aber dies Verwesliche die Unverweslichkeit und dies Sterbliche die Unsterblichkeit angezogen hat, dann wird das Wort der Schrift sich erfüllen: Verschlungen ist der Tod im Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Hölle, wo ist dein Sieg?“1 Man könnte nun einwenden: Wenn er für alle seinen Leib dem Tod überantworten mußte, warum hat er ihn dann nicht wie ein Mensch in natürlicher Weise abgelegt, sondern ließ es bis zur Kreuzigung kommen? Er wäre es seiner Ehre doch eher schuldig gewesen, von sich aus den Leib abzulegen als mit Schmach einen solchen Tod erleiden. Doch habt acht, ob dieser Einwand nicht menschlich ist! Nein, wahrhaft göttlich war, was der Heiland vollbrachte, und von vielen Gesichtspunkten aus seiner Gottheit würdig: Fürs erste tritt der Tod, der über die Menschen kommt, ein infolge der Schwäche ihrer Natur. Nicht imstande, auf die Länge zu bestehen, gehen sie mit der Zeit ihrer Auflösung entgegen. Deshalb kommen auch die Krankheiten über sie, und sie sterben an Entkräftung. Der Herr aber ist nicht schwach, sondern Gottes Kraft und Gottes Logos und das Leben selbst. Hätte er also irgendwie auf natürliche Weise und nach dem gewöhnlichen Lauf des Menschenlebens seinen Leib in einem Bette abgelegt, so hätte man auch ihm diese Leiden als Schwäche seiner Natur ausgelegt und ihn mit den anderen Geschöpfen auf die gleiche Linie gestellt. Da er aber das Leben und Gottes Logos war, und anderseits der Tod bei allen eintreten mußte, so teilte er als das Leben und die Kraft in seiner Person die Kraft mit dem Leibe, holte aber, um dem Tod seinen Tribut zu zahlen, nicht bei sich, sondern bei anderen die Veranlassung zur Vollbringung des Opfers; durfte ja doch auch der Herr nicht krank werden, er, der die Krankheiten anderer heilte. Auch kein Kräfteverfall durfte über seinen Leib kommen, in dem er ja auch die Schwäche der anderen in Stärke umwandelte. Warum wehrte er dann nicht auch dem Tod wie der Krankheit? Weil er eben darum den Leib trug und es untunlich war, den Tod zu verhindern, weil damit auch die Auferstehung hintangehalten worden wäre. Ebensowenig ging es andererseits an, daß dem Tod eine Krankheit vorausging, damit man nicht den im Leib Befindlichen schwach wähne. Hat ihn aber nicht gehungert? Freilich, es hungerte ihn entsprechend dem Bedürfnis des Leibes; allein weil der Herr ihn trug, erlag er dem Hunger nicht. Daher sah er auch die Verwesung nicht, obschon er zur Sühne für alle starb. Unversehrt stand er ja wieder auf, da es nicht der Leib des nächsten Besten, sondern des Lebens selbst war.

Aber er hätte doch, könnte man einwenden, dem Anschlag der Juden entgehen sollen, um so seinen Leib überhaupt unsterblich zu erhalten. Doch ein solcher lasse sich sagen, daß auch das dem Herrn nicht angestanden hätte. Wie es sich für den Logos Gottes, der das Leben ist, nicht geziemt hätte, von sich aus seinen Leib dem Tode zu überantworten, so hätte es sich auch nicht gepaßt, dem von anderen ihm bereiteten zu entfliehen, sondern eher ihn zu verfolgen bis zu seiner Vernichtung. Deshalb hat er mit Recht weder selbst den Leib abgelegt noch anderseits die verfolgungssüchtigen Juden geflohen. Solches Vorgehen verriet aber nicht Schwäche des Logos, offenbarte ihn vielmehr als Heiland und Leben, weil er einerseits den Tod abwartete, um ihn zu vernichten, anderseits es ihn drängte, zur Erlösung aller sein Todeslos zu besiegeln. Und zudem kam der Heiland nicht, um seinen Tod, sondern den der Menschen zu besiegeln. Deshalb entäußerte er sich seines Leibes nicht in einem höchsteigenen Tod – als das Leben kannte er ja keinen solchen -, sondern er nahm den Tod von den Menschen herüber, um eben diesen, mit seinem Leibe in Berührung gebracht, endgültig zu beseitigen. Sodann mag auch folgendes ein solches Ende des Herrenleibes recht gut erklären. Es war dem Herrn in erster Linie um die Auferstehung des Leibes zu tun, die er bewerkstelligen wollte. Denn eben das war das Zeichen des Triumphes über den Tod, diese (Auferstehung) allen vor Augen zu stellen und allen die sichere Überzeugung zu verschaffen von dem durch ihn eingetretenen Ende der Verwesung und einer nunmehrigen Unverweslichkeit der Leiber, für die er gewissermaßen zum allgemein gültigen Unterpfand und Wahrzeichen einer allen beschiedenen Auferstehung seinen eigenen Leib unverweslich bewahrt hat. Wäre aber der Leib krank geworden, und hätte der Logos vor aller Augen sich wieder von ihm getrennt, so wäre es unschicklich gewesen, daß der, der die Krankheiten anderer heilte, sein eigenes Organ in Krankheit hätte verkümmern lassen. Denn wie hätte man ihm die Macht, die Schwächen anderer zu heilen, zugetraut, wenn sein eigener Tempel an ihm gebrechlich gewesen wäre? Entweder hätte man ihn verspottet, weil er nicht imstande, der Krankheit zu wehren, oder man hätte ihn, wenn er es trotz der Macht dazu nicht getan hätte, ihn für lieblos1 auch gegen die anderen gehalten.

Hätte er sodann ohne irgendwelche Krankheit und ohne jedwelchen Schmerz irgendwo für sich in einem Winkel oder in einem einsamen Ort, zu Hause oder sonst irgendwo seinen Leib verborgen gehalten, und hätte er hernach plötzlich wieder sich gezeigt und von sich behauptet, daß er von den Toten auferstanden sei, so hätte niemand ihn mit seiner Behauptung ernst genommen; im Gegenteil hätte seine Aussage von einer Auferstehung um so weniger Glaube gefunden, als ja überhaupt niemand seinen Tod hätte bezeugen können. Der Auferstehung muß aber der Tod vorausgehen, weil es ohne vorausgegangenen Tod keine Auferstehung gibt. Wäre daher der Tod seines Leibes irgendwo in der Verborgenheit erfolgt, so wäre bei der Heimlichkeit des Todes und bei dem Mangel eines Zeugen hierfür auch seine Auferstehung geheim und unbezeugt geblieben. Oder warum hätte er, auferstanden, seine Auferstehung verkünden sollen, den Tod aber geheim eintreten lassen? Oder warum hätte der, welcher die bösen Geister vor aller Augen austrieb, dem Blindgeborenen die Augen öffnete, das Wasser in Wein verwandelte, um dadurch als Logos Gottes sich zu beglaubigen, das Sterbliche nicht vor aller Augen als unverweslich erweisen wollen, um sich als das Leben selbst zu beglaubigen? Woher hätten auch seine Jünger den Mut zur offenen Predigt von seiner Auferstehung gehabt, wenn sie nicht auch sagen konnten, daß er zuvor gestorben? Oder wie hätten sie mit ihrer Behauptung, erst sei der Tod erfolgt und dann die Auferstehung, Glauben gefunden, wenn sie nicht die zu Zeugen seines Todes gehabt hätten, vor denen sie mit allem Freimut davon predigten? Wollten doch die damaligen Pharisäer trotz der allgemein bezeugten Tatsache seines Todes und seiner Auferstehung nicht nur selbst nicht glauben, sondern zwangen gar die Augenzeugen, diese Auferstehung zu bestreiten. Fürwahr, wären jene Vorgänge geheim geblieben, wieviel Ausreden hätten sie erst dann für ihren Unglauben gefunden? Wie wäre aber dann das Ende der Todesherrschaft und der Sieg über ihn erwiesen worden, wenn er ihn nicht vor aller Augen herausgefordert und ihn als einen durch die jetzige Unverweslichkeit des Leibes entwaffneten Toten erwiesen hätte?

Auch die etwaigen Äußerungen von anderer Seite müssen wir vorausgreifend widerlegen. Es könnte nämlich vielleicht einer auch mit folgender Behauptung kommen: Mußte sein Tod vor aller Augen und vor Zeugen eintreten, damit die Botschaft von seiner Auferstehung Glauben fände, so hätte er sich doch einen Tod in Ehren ausdenken sollen, um wenigstens der Schmach des Kreuzes zu entgehen. Allein damit hätte er gegen sich den Verdacht wachgerufen, als ob er nicht über jeden Tod Macht hätte, sondern nur über den von ihm erwählten. Und so hätte man gleichwohl wieder eine Ausrede für seinen Unglauben gegenüber der Auferstehung gehabt. Deshalb erfolgte der Tod seines Leibes nicht nach eigener Wahl, sondern auf einen Anschlag hin, damit der Heiland eben den Tod, den sie ihm bereiteten, vernichte, Ein hochgemuter Kämpfer, groß durch Einsicht wie durch Tapferkeit, wählt sich seine Gegner auch nicht selbst, um nicht bei einigen in den Verdacht der Furchtsamkeit zu kommen, sondern überläßt dies dem Belieben der Zuschauer, zumal wenn es seine Feinde sind, um den nächsten Besten, den sie ihm gegenüberstellen, niederzuschmettern und sich so als den allen Überlegenen zu bewähren. Geradeso hat auch das Leben aller, unser Herr und Heiland Jesus Christus, nicht selbst eine Todesart für seinen Leib erdacht, um nicht den Anschein zu erwecken, als bange ihm vor einer anderen. Vielmehr ließ er sich dazu herbei, den Tod, den ihm andere, und zwar gerade seine Feinde als schrecklichen, ehrlosen und furchtbaren ersannen, den Tod am Kreuze, auf sich zu nehmen und zu erdulden, damit er gerade durch dessen Überwindung selbst als das Leben beglaubigt und die Macht des Todes endgültig gebrochen würde. Etwas ganz Wunderbares und Auffallendes ist damit geschehen: Der Tod der Unehre, den sie ihm beizubringen wähnten, der ward zum Siegeszeichen über den Tod selbst. Deshalb litt er auch nicht den Tod des Johannes durch Enthauptung noch wurde er zersägt wie Isaias, damit er auch im Tode den Leib ungeteilt und ganz bewahre und denen keinen Vorwand biete, welche die Kirche spalten wollen.

Soviel den Außenstehenden, die auf solche Spitzfindigkeiten ausgehen. Wenn aber jemand aus unserer Mitte nicht aus Streitsucht, sondern aus Wißbegier darüber nachforscht, warum er nicht anders als am Kreuze starb, so lasse auch er sich sagen, daß es nur so für uns ersprießlich war, und daß der Herr dieses Sterben unsertwegen aus gutem Grunde auf sich nahm. Denn wenn er gekommen ist, den über uns ergangenen Fluch zu tragen, wie anders wäre die Verfluchung Wirklichkeit geworden als eben dadurch, daß er den im Fluche verhängten Tod auf sich nahm? Dieser aber ist das Kreuz, So steht auch geschrieben: „Verflucht, wer an dem Holze hängt!“ Ferner, wenn der Tod des Herrn der Lösepreis für alle ist, und durch seinen Tod die trennende Scheidewand niedergerissen wird und die Berufung der Heidenvölker erfolgt, wie hätte er uns denn berufen, wenn er nicht gekreuzigt worden wäre? Denn nur am Kreuze stirbt man mit ausgespannten Armen. Daher mußte der Herr gerade diesen Tod erdulden und die Arme ausspannen, um mit dem einen das alte Volk, mit dem anderen die Berufenen aus der Heidenwelt an sich zu ziehen und beide Teile in sich zu verbinden. Das hat er ja auch selbst gesagt, da er andeutete, durch welchen Tod alle erlöst werden sollten: „Wenn ich erhöhet sein werde“, sagt er, „werde ich alle an mich ziehen“. Wenn sodann der Feind unseres Geschlechtes, der Teufel, aus dem Himmel verstoßen, in dieser unteren Luft umherirrt und hier seinen gleich ihm ungehorsamen Genossen gebietet, mit Blendwerken auf die Phantasie (der Menschen) einwirkt und die aufwärts Strebenden zurückzuhalten sucht – hierüber bemerkt ja auch der Apostel: „Unter dem Einfluß des Fürsten, der Macht hat in dieser Luft, des Geistes, der jetzt wirkt in den Söhnen des Ungehorsams“, – wenn sodann der Herr gekommen ist, den Teufel zu stürzen, die Luft zu reinigen und uns den Weg zum Himmel zu bahnen, wie der Apostel gesagt hat, „durch den Vorhang, d.i. sein Fleisch“, und wenn dies durch den Tod geschehen mußte, durch welch anderen Tod wäre das geschehen als durch den in der Luft, durch den am Kreuze? Denn nur dann stirbt einer in der Luft, wenn er sein Leben am Kreuze beschließt. Darum hat auch mit Recht der Herr diesen Tod erduldet. Doch so erhöht, reinigte er die Luft von der Nachstellung des Teufels und jedem Anschlag der bösen Geister, wie er selber sagt: „Ich sah Satan wie einen Blitz niederfallen“. Und er eröffnete uns wieder den Weg zum Himmel, wie er wieder sagt: „Erhebet eure Tore, ihr Fürsten, erhebet euch, ihr ewigen Tore!“Der Logos selber hatte nicht nötig, daß ihm die Tore geöffnet wurden, da er der Herr aller Dinge ist; auch gibt es kein geschaffenes Ding, das dem Schöpfer verschlossen wäre. Wohl aber bedurften wir solcher Öffnung, die er mit seinem eigenen Leibe emportrug. Wie er nämlich diesen für alle dem Tode überantwortete, so bahnte er wieder durch ihn uns den Weg zum Himmel.

Recht und billig also war sein Tod am Kreuze für uns. Seine Begründung hat sich in allweg als stichhaltig erwiesen und entspricht auch den Forderungen der Vernunft, daß die allgemeine Erlösung nicht anders als durch das Kreuz erfolgen durfte. Denn so ließ er sich selbst am Kreuz nicht unbezeugt, vielmehr hieß er zu allem hier auch die Schöpfung Zeugnis geben für die Gegenwart ihres Schöpfers und erweckte seinen Tempel, den Leib, den er nur vorübergehend ruhen ließ und nur zum Zeichen, daß er eine Leiche geworden im Kampfe mit dem Tod, sofort am dritten Tag und trug als Triumph- und Siegeszeichen über den Tod davon des Leibes Unverweslichkeit und Leidensfreiheit. Wohl hätte er ja unmittelbar nach dem Tode den Leib auferwecken und wieder lebendig zeigen können. Doch auch das hat der Heiland in kluger Voraussicht nicht getan. Denn man hätte mit dem Einwand kommen können, er wäre überhaupt nicht gestorben, oder der Tod hätte sich seiner nicht ganz bemächtigt, wenn er sofort die Auferstehung hätte folgen lassen. Vielleicht wäre auch in dem Falle, daß der Tod und die Auferstehung im gleichen Zeitraum erfolgt wären, die Glorie der Unverweslichkeit nicht zur Geltung gekommen. Um also den Tod seines Leibes zu beweisen, wartete der Logos einen Zwischentag ab und hat dann erst am dritten Tag allen ihn in seiner Unverweslichkeit geoffenbart. Um also den Tod an seinem Leibe zu konstatieren, hat er ihn am dritten Tage auferweckt. Um aber nicht mit einer Auferstehung nach einem längeren Intervall und nach völliger Verwesung (des Leibes) dem Mißtrauen zu begegnen, als trage er nicht denselben, sondern einen anderen Leib – man hätte ja seiner Erscheinung wegen der Länge der Zeit mißtrauen und das Geschehnis vergessen können -, so ließ er es aus diesem Grunde nicht länger als drei Tage anstehen und hielt die, die von seiner Auferstehung gehört hatten, nicht lange hin. Nein, zu einer Zeit, wo seine Rede in ihrem Ohr noch nachklang, ihr Auge noch nach ihm ausschaute und ihre Seele voller Erwartung war, wo die Mörder noch auf Erden lebten und an Ort und Stelle waren und den Tod des Herrenleibes noch bezeugen konnten, da – nach dreitägigem Intervall – hat der Sohn Gottes den erst toten Leib unsterblich und unverweslich geoffenbart. Und so ward allen klar, daß der Leib nicht infolge der Schwäche der Natur des einwohnenden Logos gestorben ist, sondern zum Zweck der Beseitigung seines Todes in der Kraft des Heilandes.

Daß der Tod überwunden und der Sieg über ihn im Kreuze vollendet, und daß er nun keine Gewalt mehr hat, sondern wirklich tot ist, dafür ist kein unwesentlicher Beweis und sichere Bürgschaft die Tatsache, daß er von allen Jüngern Christi verachtet wird, alle ihm trotzen und sich nicht mehr vor ihm fürchten, sondern im Zeichen des Kreuzes und im Glauben an Christus ihn wie einen Toten zu Boden treten. Dereinst vor der göttlichen Ankunft des Heilandes war der Tod selbst für die Heiligen etwas Schreckliches, und alle beweinten die Sterbenden als der Vernichtung verfallen. Seitdem aber der Heiland seinen Leib von den Toten auferweckt hat, ist der Tod nicht mehr schrecklich; vielmehr treten ihn alle, die an Christus glauben, mit Füßen, wie wenn er nichts bedeutete, und wollen lieber sterben als den Glauben an Christus verleugnen. Denn sie sind sich sicher, daß sie sterbend nicht untergehen, sondern fortleben und durch die Auferstehung unverweslich werden. Jener Teufel aber, der vormals böswillig mit dem Tode dräute, ist nach Beseitigung der Todeswehen allein wirklich tot geblieben. Beweisend hierfür ist, daß die Menschen, ehe sie an Christus glauben, den Tod als schrecklich ansehen und ihn fürchten. Sobald sie aber zum Glauben an ihn und seine Lehre übergetreten sind, machen sie sich so wenig aus dem Tode, daß sie sogar hochgemut ihm entgegengehen und Zeugen der Auferstehung werden, die der Heiland im Kampfe gegen ihn errungen hat. Ja selbst solche, die im zarten Kindesalter stehen, eilen in den Tod, und nicht nur Männer, sondern auch Frauen üben sich im Kampf gegen ihn. So ohnmächtig ist er geworden, daß selbst das von ihm zuvor getäuschte Frauengeschlecht seiner wie eines Toten und Verblichenen spottet. Denn wie nach einem Sieg des rechtmäßigen Königs über einen Tyrannen und nach dessen Fesselung an Händen und Füßen nunmehr alle, die vorübergehen, ihn verhöhnen, schlagen und an ihm herumzerren, da sie ja seine Wut und Grausamkeit nach dem Siege des Königs nicht mehr zu fürchten haben, so treten auch nach Überwindung des Todes, seiner Bloßstellung im Kreuze des Heilandes und seiner Fesselung an Händen und Füßen auf ihn alle, die in Christus vorübergehen, und sie spotten zum Zeugnis für Christus des Todes und höhnen ihn mit den oben zitierten Worten der Schrift: „Tod, wo ist dein Sieg? Hölle, wo ist dein Stachel?“

Ist das etwa ein geringfügiger Beleg für die Ohnmacht des Todes? Oder ist es ein schwacher Beweis für den Sieg des Heilandes über ihn, wenn die christlichen Knaben und Mädchen das Leben hienieden nicht achten und zum Sterben sich rüsten? Von Natur aus fürchtet ja der Mensch den Tod und die Auflösung des Leibes. Daher ist es sogar auffallend, daß der, welcher den Glauben an das Kreuz angenommen hat, um Christi willen die Natur nicht achtet und den Tod nicht scheut. Wenn z. B. jemand bei der Tatsache, daß zum Wesen des Feuers die Brennkraft gehört, sagte, es gebe etwas, was seine Flamme nicht fürchte, sondern eher deren Unvermögen beweise, wie man dies z. B. vom indischen Amiant1 behauptet, und daraufhin dann ein Ungläubiger die Probe mit der Sache machen wollte, den unverbrennlichen Stoff anzöge und ihn dem Feuer nahebrächte, so gewänne er daraufhin sicher die Überzeugung von der Ohnmacht des Feuers. Oder wenn einer den gefesselten Tyrannen sehen wollte, dann begäbe er sich ins Land und Reich des Siegers, und sähe nun den für andere so Furchtbaren in seiner Ohnmacht. Geradeso mag der, der auch nach so vielen Ereignissen und auf so viele christliche Martyrien hin und trotz tagtäglich sich wiederholender Geringschätzung des Todes von seiten der glorreichen Streiter in Christus, gleichwohl noch ungläubig ist und Zweifel hegt in seinem Herzen, ob der Tod wirklich beseitigt und am Ende angekommen sei, ja, so mag er ganz wohl staunen ob solch großen Geschehnisses. Doch möge er nicht im Unglauben sich verhärten und gegen so einleuchtende Wahrheiten nicht unverschämt sein! Wie vielmehr der, welcher mit dem Amiant den Versuch gemacht hat, erkennt, daß das Feuer ihm gegenüber keine Brennkraft besitzt, und der, welcher den Tyrannen in Fesseln sehen will, in das Reich des Siegers sich begibt, so soll auch der, welcher den Sieg über den Tod bezweifelt, den Glauben an Christus annehmen und in seinen Unterricht übergehen; dann wird er die Ohnmacht des Todes und den Sieg über ihn zu schauen bekommen. Denn viele, die zuvor ungläubig waren und spotteten, haben später, gläubig geworden, den Tod so wenig geachtet, daß sie sogar Märtyrer für Christus wurden.

Wenn aber durch das Zeichen des Kreuzes und den Glauben an Christus der Tod mit Füßen getreten wird, so ist doch wohl offenbar vor dem Richterstuhl der Wahrheit niemand anders als eben Christus derjenige, der die Trophäen und Siege über den Tod aufzuweisen und ihm die Macht genommen hat. Und wenn der Tod zuvor die Macht hatte und deshalb furchtbar war, aber jetzt nach der Ankunft des Heilandes und dem Tod seines Leibes und der Auferstehung verachtet wird, so ist doch wohl offenbar der Tod eben von Christus, der das Kreuz bestiegen hat, entkräftet und besiegt worden. Denn wie es ganz unzweifelhaft ist, daß, wenn nach der Nacht die Sonne aufgeht und der ganze Erdkreis von ihr beleuchtet wird, eben die Sonne mit ihrem ausstrahlenden Licht auch zugleich die Finsternis verscheucht und alles erleuchtet, so liegt es auch ganz klar am Tag, daß, wenn seit der erlösenden Erscheinung des Heilands im Leibe und seinem Tod am Kreuze der Tod verachtet und mit Füßen getreten wird, es eben der im Fleische erschienene Heiland ist, der den Tod vernichtet hat und tagtäglich in seinen Jüngern Siege über ihn aufzuweisen hat. Wenn man nämlich sieht, wie von Natur schwache Menschen sich in den Tod stürzen und vor seiner Verwesung nicht zurückschaudern noch auch den Weg in die Unterwelt fürchten, sondern hochgemuten Herzens ihn herausfordern, vor den Martern nicht zittern, vielmehr um Christi willen den Gang in den Tod dem Leben hienieden vorziehen, oder wenn man Zeuge davon ist, wie Männer, Frauen und zarte Kinder um ihres christlichen Glaubens willen freudig in den Tod gehen und sich hineinstürzen, – wer wäre da noch so töricht oder so ungläubig, oder wer geistig noch so verblendet, daß er nicht einsähe und bedächte, daß Christus selbst, für den die Menschen das Zeugnis ablegen, den Sieg über den Tod einem jeden verleiht und gibt, indem er ihn ohnmächtig macht in jedem, der den Glauben an ihn hat und das Zeichen des Kreuzes trägt? Auch wer eine Schlange zertreten sieht, deren frühere Wildheit er vielleicht besonders gut kannte, zweifelt weiter nicht mehr, daß sie tot und ganz ohnmächtig geworden ist, er müßte denn nur geistig verrückt geworden sein und nicht einmal die gesunden leiblichen Sinne haben. Und wenn man Kinder einen Löwen necken sieht, weiß man dann nicht, daß er tot ist oder doch alle seine Kraft verloren hat? So gut man nun hier von der Wirklichkeit mit seinen Augen sich überzeugen kann, so soll angesichts des Spottes und der Verachtung des Todes auf Seiten der Christusgläubigen niemand mehr zweifeln und auch der Wahrheit sich nicht verschließen, daß der Tod von Christus überwunden und seine Verwesung aufgehoben und beendigt ist.

Daß also dem Tod seine Macht genommen und das Kreuz des Herrn das Zeichen des Sieges über ihn ist, dafür ist das oben Gesagte ein nicht geringer Beweis. Daß aber die nunmehrige unsterbliche Auferstehung des Leibes von Christus, dem gemeinsamen Weltheiland und Leben, bewirkt worden, dafür spricht denen, die noch einen offenen, ungetrübten Blick haben, der Augenschein deutlicher, als es Worte vermögen. Denn wenn der Tod, wie die Erörterung gezeigt hat, vernichtet ist, und um Christi willen ihn alle mit Füßen treten, so hat doch noch weit eher zuerst er selbst ihn mit seinem Leibe niedergetreten und ihm die Macht genommen. Wenn aber der Tod von ihm getötet war, was anders hätte dann geschehen sollen, als daß der Leib auferstand und als Zeichen des Sieges über ihn sich offenbarte? Oder wie wäre die Vernichtung des Todes offenbar geworden, wenn nicht der Leib des Herrn auferstanden wäre? Wenn aber einem dieser Beweis für seine Auferstehung nicht hinreichend scheint, so glaube er dem Gesagten wenigstens auf den Augenschein hin. Denn wenn ein Verstorbener nichts mehr wirken kann, vielmehr die Gunst ihn nur bis ans Grab geleitet und dann aufhört – denn nur den Lebenden sind Handlungen eigen und ein Bestimmungsvermögen auf die Menschen, – dann soll der nächste Beste zusehen und auf den Augenschein hin urteilen und dann die Wahrheit bekennen. Wenn nämlich der Heiland unter den Menschen so Großes vollbringt und tagtäglich von allen Seiten, im Lande der Griechen wie der Barbaren, eine solche Menge unbemerkt für seinen Glauben gewinnt und alle seiner Lehre gefügig macht, kann man da noch zweifeln in seinem Herzen, ob die Auferstehung des Heilandes wirklich erfolgt sei und ob Christus lebe oder vielmehr das Leben selbst sei? Könnte etwa ein Toter die Herzen der Menschen erschüttern, daß sie den Satzungen ihrer Väter abschwören und dafür der Lehre Christi huldigen? Oder wie, wenn er selbst untätig ist – das ist ja beim Toten der Fall, – könnte er der Wirksamkeit der Tätigen und Lebenden wehren, so daß der Ehebrecher die Ehe nicht mehr bricht, der Mörder nicht mehr mordet, der Ungerechte nicht mehr der Habsucht frönt, der Gottlose fortan gottesfürchtig ist? Wie kann er auch, wenn er nicht auferstand, sondern noch tot ist, die falschen Götter, die von den Ungläubigen für lebend ausgegeben werden, und die bösen Geister, die sie verehren, austreiben, verfolgen und vernichten? Denn wo Christus und der Glaube an ihn bekannt wird, da schwindet aller Götzendienst, aller Trug der bösen Geister kommt ans Licht, ja kein Dämon verträgt seinen Namen, sondern flieht in alle Weite, wenn er diesen nur hört. Das ist aber nicht das Werk eines Toten, sondern eines Lebenden und vorab Gottes. Übrigens wäre es lächerlich, von den Dämonen, die von ihm verfolgt, und den Götzen, die von ihm vernichtet wurden, zu behaupten, sie hätten ein Leben, von dem aber, der sie vertrieb und in seiner Macht sie auf Nimmerwiederkehr verstieß, ja der sogar von diesen selbst als Sohn Gottes bekannt wurde, zu sagen, er sei tot.

Doch ein gewichtiger Beweis, mit dem die, welche nicht an die Auferstehung glauben, wider sich selbst operieren, liegt darin, daß alle Dämonen und die von ihnen angebeteten Götter den von ihnen totgesagten Christus nicht verfolgen, sondern im Gegenteil Christus diese als tot erweist. Denn wenn es wahr ist, daß der Tote nichts mehr leistet, der Heiland aber tagtäglich soviel fertig bringt, zum Glauben führt, zur Tugend beredet, die Unsterblichkeit lehrt, zur Sehnsucht nach himmlischen Gütern anspornt, die Erkenntnis seines Vaters offenbart, die (nötige) Kraft gegen den Tod einflößt, einem jeden sich zu erkennen gibt, die Gottlosigkeit des Götzenkultes beseitigt, während die Götter und Dämonen der Ungläubigen von alledem nichts vermögen, sondern vielmehr mit der Gegenwart Christi tot umsinken, da sie ja nur ein leeres, eitles Trugbild bieten, wenn vor dem Zeichen des Kreuzes jegliche Zauberei weichen muß und kein Zaubermittel mehr wirken will, alle Götzen vereinsamt und verlassen werden, wenn alle tierische Lustbarkeit ein Ende nimmt und ein jeder von der Erde zum Himmel aufschaut, – wen könnte man da wohl totsprechen? Etwa Christum, der so Großes vollbringt? Aber es liegt doch nicht in der Macht des Toten, eine Wirksamkeit zu entfalten. Oder den, der überhaupt nichts leistet, sondern wie leblos daliegt, wie dies der Fall ist bei den leichengleichen Dämonen und Götzen? Denn der Sohn Gottes, der lebt und tätig ist, wirkt tagtäglich und wirkt das Heil aller. Der Tod aber verrät sich selbst Tag für Tag in seiner Ohnmacht, und die Götzen und Dämonen sieht man geradezu aussterben. So kann also daraufhin niemand mehr an der Auferstehung seines Leibes zweifeln. Wer aber an die Auferstehung des Leibes des Herrn nicht glaubt, der scheint die Macht des Logos und der Weisheit Gottes nicht zu kennen. Denn wenn er überhaupt einen Leib annahm und diesen in richtiger Konsequenz sich zu eigen machte, wie unsere Abhandlung gezeigt hat, was hätte denn der Herr mit ihm anfangen sollen? Oder welches Ende hätte der Leib nehmen sollen, nachdem einmal der Logos bei ihm Einkehr genommen hatte? Nicht sterben war ein Ding der Unmöglichkeit, da er ja sterblich war und für alle in den Tod dahingegeben werden sollte, weshalb auch der Heiland ihn sich zubereitete. Tot durfte er aber auch nicht bleiben, weil er der Tempel des Lebens gewesen war. Deshalb starb er, weil er sterblich war, lebte aber wieder auf, weil das Leben in ihm war, und seiner Auferstehung Zeugen sind die Werke.

Wenn aber seine Auferstehung deshalb keinen Glauben findet, weil man ihn nicht sieht, dann müssen die Ungläubigen auch natürliche Vorgänge leugnen. Denn, wie bereits weiter oben gesagt worden, gehört es zum Wesen Gottes, nicht gesehen, wohl aber aus den Werken erkannt zu werden. Wenn nun keine Werke vorliegen, so versagen sie mit gutem Grund dem den Glauben, der sich nicht kundgibt. Wenn aber die Werke laut ihre Stimme erheben und klares Zeugnis geben, warum leugnen sie denn geflissentlich das so offenkundige Leben der Auferstehung? Wenn sie ja auch geistig verblendet sind, so könnten sie doch mit ihren äußeren Sinnen die unbestreitbare Macht und Gottheit Christi sehen. Denn auch ein Blinder, der zwar die Sonne nicht sieht, doch die von ihr ausgehende Wärme spürt, weiß, daß eine Sonne über der Erde strahlt. So sollen auch die Widerspruchsgeister, auch wenn sie, augenblicklich blind für die Wahrheit, noch im Unglauben verharren, doch wenigstens angesichts des Starkmuts der anderen, die gläubig sind, die Gottheit Christi und die von ihm verwirklichte Auferstehung nicht bestreiten. Es ist doch ganz klar, daß ein toter Christus die Dämonen nicht verjagte und den Götzen keine Beute abnähme; einem Toten hätten die bösen Geister nicht gehorcht. Wenn sie aber augenscheinlich schon beim Aussprechen seines Namens die Flucht ergreifen, dann ist er doch wohl offenbar nicht tot, zumal ja die bösen Geister, die auch das den Menschen Verborgene schauen, in der Lage waren, sich zu überzeugen, ob Christus tot, und ihm dann überhaupt den Gehorsam zu verweigern. Nun aber sehen die bösen Geister das, was die Gottlosen nicht glauben, daß er nämlich Gott ist, und darum fliehen sie, fallen vor ihm nieder und bezeugen, was sie schon bekannten, als er noch im Leibe war: „Wir wissen, wer Du bist; Du bist der Heilige Gottes“, und: „Laß doch, was haben wir mit Dir zu schaffen, Sohn Gottes? Ich bitte Dich, quäle mich nicht!“. Wenn also die bösen Geister solches Bekenntnis und tagtäglich die Werke ihr Zeugnis ablegen, so ist doch wohl offenbar – und niemand wage doch, der Wahrheit keck zu trotzen -, daß der Heiland seinen eigenen Leib auferweckt hat, und daß er der wahrhaftige Sohn Gottes ist, aus dem er als des Vaters eigener Logos, Weisheit und Kraft, stammt, der später in der Zeit zum Heil der Welt einen Leib annahm und dem Erdkreis Aufschluß gab über den Vater, den Tod vernichtete und alle mit der Unverweslichkeit begnadigte mit der Verheißung der Auferstehung, als deren Erstlingsfrucht er seinen eigenen Leib erweckte und im Zeichen des Kreuzes das Siegeszeichen über den Tod und dessen Verwesung aufpflanzte.

Da dem so ist, und der Beweis für die Auferstehung des Leibes und den Sieg des Heilandes über den Tod klar vor uns liegt, wohlan, so wollen wir auch dem Unglauben der Juden und dem Spott der Heiden die Antwort geben. Denn hierin treffen die Juden mit ihrem Unglauben und die Heiden mit ihrem Spott zusammen, daß sie an der Schmach des Kreuzes und der Menschwerdung des Logos Gottes ihren Spott auslassen. Doch unsere Untersuchung wird weder den einen noch den anderen scheu ausweichen, zumal ja offensichtliche Beweise wider sie zu Gebote stehen.

Die ungläubigen Juden finden ihre Widerlegung in den Schriften, die sie selber lesen. Erhebt doch die ganze von Gott inspirierte Schrift von vorne bis hinten ihre Stimme laut dafür, wie auch die Einzelworte selbst ganz klar sind. So kündigten schon in alten Zeiten die Propheten das Wunder von der Jungfrau und ihrer Geburt an in den Worten: „Siehe, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären, und man wird seinen Namen Emmanuel, d.h. Gott mit uns nennen“. Auch Moses, der wirklich große Mann, der auch ihnen Autorität für die Wahrheit ist, hat das Wort über die Menschwerdung des Heilandes grandios gefunden und die erkannte Wahrheit in den Worten niedergelegt: „Aufgehen wird ein Stern aus Jakob und ein Mann aus Israel und zerschmettern wird er den Fürsten Moabs“. Und wieder: „Wie schön sind deine Wohnungen, Jakob, deine Zelte, Israel, wie schattige Täler und wie Gärten an Strömen, und wie Zelte, die der Herr aufgeschlagen hat, wie Zedern am Wasser. Hervorgehen wird ein Mensch aus seinem Samen und wird herrschen über viele Völker“. Und wieder sagt Isaias: „Ehe das Knäblein Vater- oder Mutternamen nennen kann, wird es die Stärke von Damaskus nehmen und die Beute von Samaria vor dem Angesichte des Königs der Assyrer“. Daß also ein Mensch erscheinen werde, wird damit angekündigt. Und daß der, der kommen soll, Herr der Welt ist, geben wieder folgende Worte zum voraus zu verstehen: „Siehe, der Herr thront auf einer lichten Wolke, und er wird nach Ägypten kommen, und erbeben werden die von Menschenhand erschaffenen Gebilde Ägyptens“. Von da ruft ihn auch der Vater zurück, wenn er sagt: „Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen“.

Auch sein Tod ist nicht vergessen worden, sondern er wird sogar recht deutlich in den göttlichen Schriften angekündigt. Ja, auch die Ursache des Todes, daß er ihn nämlich nicht seinetwegen, sondern um der Unsterblichkeit und des Heiles aller willen erduldet, den Anschlag der Juden und ihre Freveltaten wider ihn haben sie ungescheut erzählt, damit niemand die künftigen Geschehnisse außer acht lasse und in Irrtum gerate. Sie sagen nämlich: „Ein Mensch, der verwundet ist und die Schwachheit tragen kann, weil sein Antlitz abgewandt ist. Er wurde entehrt und nicht beachtet. Er trägt unsere Sünden und leidet für uns. Wir dachten uns ihn in der Strafe, unter der Zuchtrute und im Elend. Er aber ward verwundet um unserer Missetaten willen, und um unserer Sünden willen ist er zerschlagen. Unseres Friedens wegen liegt die Züchtigung auf ihm, und durch seine Wunden werden wir geheilt“. Staune ob der Liebe des Logos zu den Menschen, da er unsertwegen sich Entehrung gefallen läßt, damit wir zu Ehren gelangen. „Denn wir alle“, heißt es, „sind wie Schafe in die Irre gegangen; der Mensch ist von seinem Wege abgekommen; und der Herr hat ihn unseren Sünden überliefert. Obschon mißhandelt, öffnet er seinen Mund nicht. Wie ein Schaf ward er zur Schlachtbank geführt und stumm wie ein Lamm vor dem, der es schert, öffnet er seinen Mund nicht. In seiner Erniedrigung wurde sein Urteil aufgehoben“. Dann aber kommt die Schrift, um zu verhüten, daß man wegen seines Leidens ihn für einen gewöhnlichen Menschen halte, den Meinungen der Menschen zuvor und erinnert an seine erhabene Macht und seine uns ungleiche Natur mit den Worten: „Wer wird seine Geburt erklären. Denn sein Leben wird von der Erde hinweggenommen. Für die Ungerechtigkeiten des Volkes wurde er in den Tod geführt. Und ich will ihm die Bösewichte für sein Begräbnis geben und die Reichen für seinen Tod. Denn er hat keine Missetat begangen, und kein Trug ward gefunden in seinem Munde, Und der Herr will ihn reinigen von seiner Wunde“.

Allein nach diesen Prophezeiungen über seinen Tod wünschest du wohl die Andeutungen über seinen Tod zu erfahren. Denn auch darüber herrscht nicht Schweigen, vielmehr haben wir darüber von den Heiligen ganz deutliche Offenbarungen. So verkündet als erster Moses ganz laut die Botschaft: „Ihr werdet euer Leben vor euren Augen hängen sehen und nicht glauben“. Auch andere Propheten nach ihm bezeugen wieder dasselbe mit den Worten: „Wie ein unschuldiges Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, erkannte ich es nicht. Sie ersannen wider mich einen schlimmen Anschlag und sprachen: Kommt und laßt uns Holz unter sein Brot mengen und ihn vertilgen aus dem Lande der Lebendigen“. Und wiederum: „Sie haben meine Hände und Füße durchbohrt; alle meine Gebeine haben sie gezählt, meine Kleider unter sich geteilt und das Los geworfen über mein Gewand“. Der Tod in der Luft und am Holz kann kein anderer sein als die Kreuzigung. Auch werden bei keiner anderen Todesart Hände und Füße durchbohrt als nur beim Kreuzestode. Weil aber mit der Ankunft des Heilandes auch bei allen Heidenvölkern allüberall die Erkenntnis Gottes aufleuchtete, so haben sie auch das nicht unerwähnt gelassen, vielmehr auch hiervon in den heiligen Schriften Erwähnung getan. „Denn“, so sagt sie, „es werden sein die Wurzel Jesses und der sich erhebt, zu herrschen über die Völker; auf ihn werden die Heidenvölker hoffen“.

Diese wenigen Zeugnisse seien (angeführt) zur Bestätigung dessen, was sich verwirklicht hat. Doch ist die ganze Schrift voll solcher Stellen zur Widerlegung des Unglaubens der Juden. Wo fände sich denn je unter den in den göttlichen Schriften genannten Gerechten, heiligen Propheten und Patriarchen der Mann, der sein leibliches Leben bloß aus einer Jungfrau erhalten hätte? Oder wo wäre ein Weib gewesen, die auch ohne einen Mann Menschen das Dasein hätte geben können? Stammt nicht Abel von Adam, Enoch von Jazed, Noe von Lamech, Abraham von Thara, Isaak von Abraham, Jakob von Isaak? Nicht Juda von Jakob, Moses und Aaron von Ameram? Stammt nicht Samuel von Elkana, nicht David von Jesse, Salomo von David, nicht Ezechias von Achaz, nicht Josias von Arnos, nicht Isaias von Arnos, nicht Jeremias von Helkias, nicht Ezechiel von Buzi? Hatte nicht ein jeder einen Vater zum Urheber seiner Geburt? Wer ist nun aus einer Jungfrau allein geboren worden? Dem Propheten lag ja sehr viel daran, diesen Umstand anzuführen. Wessen Geburt ging ein Stern am Himmel voraus und verkündete den Neugeborenen dem Erdkreis? Moses wurde ja bei seiner Geburt von den Eltern versteckt. Von der Geburt Davids bekamen nicht einmal die Nachbarn zu hören, kannte ihn ja doch nicht einmal der große Samuel, mußte er vielmehr erst fragen, ob Isai noch einen weiteren Sohn habe. Auch Abraham wurde, erst groß geworden, seiner Umgebung bekannt. Für die Geburt Christi aber ward nicht ein Mensch Zeuge, sondern ein leuchtender Stern stand am Himmel, von wo er auch herniedergestiegen war.

Wo wäre sodann je der König gewesen, der, noch nicht imstande, Vater oder Mutter zu rufen, schon regiert und im Kampf gegen seine Feinde Trophäen erbeutet hätte? Ist nicht David im dreißigsten Lebensjahre König geworden und Salomo im Jünglingsalter? Hat nicht Joas mit sieben Jahren die Herrschaft angetreten und der noch spätere Josias mit etwa sieben Jahren die Regierung übernommen? Doch gleichwohl konnten auch sie mit diesem Alter Vater und Mutter rufen. Wer ist also der, der fast schon vor seiner Geburt herrscht und den Feinden die Beute abnimmt? Wo ist ein solcher König in Israel und Juda aufgestanden, die Juden mögen nachforschen und Antwort geben -, auf den alle Völker ihre Hoffnung gesetzt und Frieden gefunden haben? Fanden jene nicht vielmehr überall ihren Gegner? Denn solange Jerusalem stand, lag es in ständigem Krieg mit ihnen, und alle kämpften wider Israel: Die Assyrer bedrängten sie, die Ägypter verfolgten sie, und die Babylonier griffen sie an. Ja, ganz auffallend hatten sie sogar die Syrer in der Nachbarschaft zu ihren Feinden. Oder hat nicht David die Moabiter bekriegt und die Syrer geschlagen? Mußte nicht Josias vor den Nachbarn auf der Hut sein, und hatte nicht Ezechias die Brutalität des Senacherib zu fürchten? Ist nicht gegen Moses Amalek ins Feld gerückt, und haben nicht die Amorrhäer sich gegen ihn gestellt? Haben nicht die Einwohner von Jericho gegen Josue, den Sohn des Nave, gekämpft? Und haben jemals die Heidenvölker eine freundschaftliche Stellung Israel gegenüber eingenommen? Wer nun der ist, auf den die Völker ihre Hoffnung gesetzt haben, das muß man nachsehen. Da muß er sein, da ja der Prophet unmöglich lügen kann. Wo hat aber je einer der heiligen Propheten oder alten Patriarchen zum Heil der Welt den Kreuzestod erduldet, oder wurde verwundet und hinweggerafft zur Genesung aller? Wann ging ein Gerechter oder König hinab nach Ägypten, und stürzten bei dessen Ankunft die Götzen der Ägypter zusammen? Abraham ging hinab; aber der Götzendienst blieb über all nach wie vor. Moses ist dort geboren worden, und trotzdem verblieben die Verirrten dort bei ihrem Götzenkult.

Wo liest man in der Schrift von einem bezeugt, daß er an Händen und Füßen durchbohrt worden, oder daß er überhaupt am Holze gehangen und am Kreuze zum Heile aller verstorben sei? Abraham starb an Naturnachlaß im Bette; auch Isaak und Jakob streckten ihre Füße und verschieden im Bette. Moses und Aaron starben auf dem Berge, David zu Hause, ohne einem Anschlag der Völker zum Opfer gefallen zu sein. Denn obschon Saul ihm nach dem Leben trachtete, entrann er doch mit heiler Haut. Isaias ward zwar zersägt, aber er hing nicht am Holze; Jeremias wurde mit Schmach überhäuft, starb aber nicht auf einen Richterspruch hin. Ezechiel mußte leiden, aber nicht für das Volk, sondern weil er ungünstige Prophezeiungen über das Volk machte. Sodann waren alle diese Leidensheroen Menschen wie alle anderen – vermöge ihrer gleichen Natur. Der aber in den Schriften als Dulder für alle gemeint ist, wird nicht einfach Mensch, sondern Leben aller genannt, auch wenn er der Natur nach den Menschen ähnlich war. „Denn ihr werdet“, heißt es, „euer Leben vor euren Augen hängen sehen“, und: „Wer wird seinen Stammbaum verfolgen?“ Bei allen Heiligen kann man nämlich den Stammbaum erfahren und ihn zurück bis zum Ursprung verfolgen. Bei dem aber, der das Leben ist, läßt sich laut den göttlichen Aussprüchen der Stammbaum nicht angeben. Wer ist es nun, von dem die göttlichen Schriften solches berichten? Oder wer ist so erhaben, daß auch die Propheten über ihn so Großes vorhersagen? Ja fürwahr, kein anderer läßt sich ausfindig machen in den Schriften als der gemeinsame Heiland aller, Gott der Logos, unser Herr Jesus Christus. Er ist es ja, der aus einer Jungfrau hervorgegangen und als Mensch auf Erden erschienen ist, und dessen fleischliche Geburt sich nicht verfolgen läßt. Niemand kann nämlich seinen leiblichen Vater nennen, da sein Leib nicht von einem Mann, sondern nur von einer Jungfrau stammt. So also, wie man ein Stammregister von David, Moses und all den Patriarchen aufstellen kann, läßt sich die fleischliche Abstammung des Heilands aus einem Mann nicht verfolgen. Er ist es auch, der die Geburt seines Leibes durch einen Stern anzeigen ließ. Es mußte doch der Logos, der vom Himmel herabkam, auch vom Himmel her ein Zeichen geben; es mußte der König in dem Augenblick, da er hervortrat, von der ganzen Schöpfung deutlich erkannt werden. Gewiß ward er in Judäa geboren, und aus Persien kamen sie, um ihn anzubeten. Er ist es, der auch schon vor seiner Erscheinung im Leibe den Sieg über seine Widersacher, die Dämonen, errang und über den Götzendienst triumphierte. So schwören denn auch überall alle Völker der Vätersitte und der Gottlosigkeit des Götzendienstes ab und setzen nunmehr ihre Hoffnung auf Christus und verschreiben sich ihm, wie man solches mit eigenen Augen sehen kann. Denn erst damals hat die Gottlosigkeit der Ägypter ein Ende genommen, als der Herr aller Dinge wie auf einer Wolke schwebend im Leibe dorthin kam, den Götzenwahn aufhob und alle zu sich und durch sich zum Vater bekehrte. Er ist es, der gekreuzigt worden im Angesichte der Sonne, der Schöpfung und derer, die an ihm das Todesurteil vollstreckten. Und durch seinen Tod ist für alle das Heil gekommen und ist die ganze Natur erlöst worden. Er ist das Leben aller, der wie ein Schaf zum Heile aller seinen Leib als Entgelt dem Tode überantwortete, mögen auch die Juden es nicht glauben.

Wenn ihnen aber das nicht ausreichend scheint, so mögen sie sich mit anderen Weissagungen, die sie auch selbst wieder kennen, überzeugen lassen. Von wem sagen denn die Propheten: „Offenbar ward ich jenen, die mich nicht suchten; ich ward gefunden von jenen, die nach mir nicht fragten. Ich sprach: Siehe, hier bin ich – zu einem Volke, das meinen Namen nicht anrief; ich streckte aus meine Hände nach einem unfolgsamen, widerspenstigen Volke“. Wer ist nun der, der sichtbar geworden ist? könnte man die Juden fragen. Ist es nämlich der Prophet, dann sollen sie sagen, wann er sich verborgen hat, um später zu erscheinen. Was ist aber das für ein Prophet, der aus der Verborgenheit an die Öffentlichkeit getreten ist und am Kreuze seine Arme ausgespannt hat? Gewiß keiner von den Gerechten, allein nur der Logos, der, von Natur unkörperlich, unsertwegen im Leibe erschienen ist und für alle gelitten hat. Genügt ihnen auch das nicht, so mögen sie noch durch andere Stellen beschämt werden, wenn sie sich denn so klar widerlegt sehen. Denn so sagt die Schrift: „Werdet stark, ihr ermatteten Hände und ihr geschwächten Kniee! Seid getrost, ihr Kleingläubigen; fasset Mut, fürchtet euch nicht! Seht, unser Gott vergilt das Gericht; er selbst wird kommen und uns erretten. Dann werden sich öffnen die Augen der Blinden, und die Ohren der Tauben werden hören. Dann wird springen wie ein Hirsch der Lahme, und deutlich wird werden die Zunge der Stammelnden“. Was vermögen sie nun hierüber zu sagen, oder wie mögen sie überhaupt demgegenüber ihr Auge erheben? Denn die Prophetie kündigt das Kommen Gottes an; die Zeichen geben aber auch die Zeit seiner Ankunft an. Denn das Sehen der Blinden, das Gehen der Lahmen, das Hören der Tauben, das Lösen der Zunge bei den Stammelnden, das sagen sie für die Zeit der göttlichen Ankunft vorher. Wann nun sind solche Zeichen in Israel geschehen? Oder wo ist so etwas in Judäa geschehen? Sie sollen doch antworten! Ein Aussätziger Naaman wurde gereinigt; doch kein Tauber erhielt das Gehör noch konnte ein Lahmer gehen. Einen Toten erweckten Elias und Elisäus; aber nicht erlangte ein Blindgeborener das Gesicht. Freilich ist es auch um eine Totenerweckung etwas wahrhaft Großes; aber es ist eben doch nicht ein solches Wunder, wie es vom Heiland erwartet wurde. Denn wenn die Schrift den Vorgang vom Aussätzigen und dem toten Sohn der Witwe nicht verschwiegen hat, dann hätte sie auch einen wirklichen Vorfall einer Lahmen- oder Blindenheilung sicher nicht übergangen. Da aber die Schriften sich hierüber ausschweigen, so ist offenbar etwas Derartiges früher nicht vorgekommen. Wann wäre nun das vorgekommen, wenn nicht damals, als der Logos Gottes selbst im Leibe erschienen ist? Wann aber ist er erschienen, wenn nicht damals, als die Lahmen umhergingen, die Stammelnden verständlich redeten, die Tauben hörten und die Blindgeborenen sahen? Eben darum sprachen damals auch die Juden, die Dinge mitansahen, wovon sie zuvor nie gehört hatten: „Solange die Welt steht, hat man noch nie gehört, daß einer einem Blindgeborenen die Augen geöffnet hat. Wenn also dieser nicht von Gott wäre, könnte er solche Dinge nicht tun“.

Doch vielleicht sehen sie sich jetzt selbst außerstande, wider so offenbare Wahrheiten zu kämpfen und wollen das nicht bestreiten, was geschrieben steht, behaupten aber, daß sie darauf noch warten und daß Gott der Logos noch nicht erschienen sei. Denn das sagen sie ja immer und immer wieder und trotzen ganz ausgeschämt offenkundigen Wahrheiten. Doch auch hierin, ja hierin vor allem sollen sie ihre Widerlegung finden, nicht von uns, sondern von dem hochweisen Daniel, der den Zeitpunkt wie die göttliche Ankunft des Heilandes ankündigte mit den Worten: „Siebzig Wochen sind bemessen für dein Volk und für die heilige Stadt, um zu vollenden die Schuld und zu besiegeln die Sünden, zu beendigen die Ungerechtigkeiten und zu sühnen die Missetaten, zu bringen ewige Gerechtigkeit und zu besiegeln das Gesicht und die Propheten und zu salben den Heiligen der Heiligen. Du sollst wissen und merken: Von der Zeit an, da der Ausspruch erfolgt, daß Jerusalem wieder aufgebaut werden soll, bis daß der Gesalbte als Führer kommt“. Vielleicht können sie wenigstens für die anderen Stellen Ausreden finden und die Schriftworte für eine erst kommende Zeit gelten lassen. Was aber können sie auf die Stelle sagen oder wie ihr begegnen, in der ja der Gesalbte vorausgesagt wird und der, welcher gesalbt werden soll, nicht einfach als Mensch, sondern als der Heilige der Heiligen verkündet wird, und wonach bis zu seiner Ankunft Jerusalem bestellt und dann Prophet und Gesicht in Israel ein Ende nehmen? Gesalbt wurden einst David, Salomo und Ezechias; aber anderseits blieb auch Jerusalem und die Stätte bestehen und die Propheten prophezeiten weiter: Gad, Asaph, Nathan und nach ihnen Isaias, Osee, Amos und andere. Dann wurden auch die Gesalbten selbst heilige Männer genannt, nicht aber Heilige der Heiligen. Wenn sie aber auf die Gefangenschaft verweisen und sagen, daß ihr zufolge kein Jerusalem mehr bestehe, was wollen sie dann von den Propheten sagen? Denn als vor Zeiten das Volk nach Babylon hinabzog, waren daselbst Daniel und Jeremias, und es prophezeiten Ezechiel, Aggäus und Zacharias.

Demnach fabeln die Juden, wenn sie den bereits eingetretenen Zeitpunkt in die Zukunft verlegen. Wann verschwand denn Prophet und Gesicht aus Israel, wenn nicht damals, als Christus, der Heilige der Heiligen, kam? Ein Zeichen und ein ganz wichtiger Beweis für die Ankunft Gottes des Logos ist doch die Tatsache, daß Jerusalem nicht mehr besteht, kein Prophet mehr erweckt, noch auch solchen ein Gesicht zuteil wird – und ganz mit Recht. Wenn ja der Angekündigte da ist, wozu dann noch solche, die ihn anzeigen? Und wenn die Wahrheit da ist, wozu dann noch der Schatten? Eben deshalb prophezeiten sie ja auch, bis der kam, der die Gerechtigkeit selber ist und die Sünden aller tilgt. Deshalb stand auch Jerusalem so lange, damit sie dort zuvor die Typen der Wahrheit studieren könnten. Als dann der Heilige der Heiligen ankam, da wurde dann mit Recht auch Gesicht und Prophetie besiegelt und nahm die Herrschaft Jerusalems ein Ende. Denn nur so lange wurden bei ihnen Könige gesalbt, bis der Heilige der Heiligen gesalbt wurde. Auch Jakob weissagt, daß das Königtum der Juden bis auf ihn bestehen bleibe, wenn er sagt: „Nicht wird der Herrscher aus Juda weichen und der Führer aus seinen Lenden, bis kommen wird, was ihm hinterlegt ist; und er ist die Erwartung der Völker“. Daher hat auch der Heiland selbst laut verkündet: „Das Gesetz und die Propheten bis auf Johannes haben geweissagt“. Wenn es nun bei den Juden jetzt noch einen König oder einen Propheten oder ein Gesicht gibt, dann leugnen sie mit Recht die Ankunft Christi. Gibt es aber keinen König, kein Gesicht mehr, ist vielmehr jetzt jegliche Prophetie besiegelt und Stadt und Tempel erobert, warum sind sie dann so gottlos und sündigen so schwer, daß sie trotz der Geschehnisse, die sie vor Augen sehen, den leugnen, der sie verwirklicht hat, Christum? Wenn sie sehen, wie sogar die Heiden ihre Götzen verlassen und durch Christus ihre Hoffnung auf den Gott Israels setzen, wie mögen sie da noch Christum leugnen, der aus der Wurzel Jesse stammt dem Fleische nach und nunmehr die Herrschaft hat? Wenn die Heidenvölker einen anderen Gott verehrten als den Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Mosis, dann könnten sie wenigstens wieder mit Recht mit der Ausrede kommen, Gott sei nicht gekommen. Wenn sie aber den Gott verehren, der dem Moses das Gesetz gegeben und dem Abraham die Verheißung gegeben hat, und dessen Logos die Juden schmählich verunehren, die Heiden aber verehren, warum sollen sie nicht zur Einsicht kommen, oder vielmehr warum wollen sie es geflissentlich übersehen, daß der von den Schriften geweissagte Herr den Erdkreis erleuchtet hat und ihm leiblich erschienen ist? So hat ja die Schrift gesagt: „Gott der Herr ist uns erschienen“, und wiederum: „Er sandte seinen Logos und heilte sie“, und abermals: „Nicht ein Bote, nicht ein Engel, sondern der Herr selbst hat sie errettet“. Es geht ihnen aber ähnlich wie einem geistig Verrückten, der die von der Sonne beleuchtete Erde sieht, die sie erhellende Sonne aber wegstreitet. Was hätte denn auch der, den sie erwarten, nach seiner Ankunft noch mehr zu tun? Die Heidenvölker berufen? Doch sie sind schon berufen. Oder dem Propheten, dem König und dem Gesicht ein Ende setzen? Auch das ist schon geschehen. Oder die Gottlosigkeit des Götzenkultes bloßstellen? Sie ist aber bereits widerlegt und gerichtet. Aber den Tod ohnmächtig machen? Das ist aber bereits geschehen. Was ist also noch nicht geschehen, was Christus tun mußte? Oder was bleibt noch übrig und ist noch nicht in Erfüllung gegangen, daß die Juden sich darob erfreuen und im Unglauben verharren könnten? Denn wenn sie, wie wir sehen, weder einen König, noch einen Propheten, noch ein Jerusalem, noch ein Opfer, noch ein Gesicht haben, vielmehr der ganze Erdkreis von der Erkenntnis Gottes angefüllt ist und auch die Heiden von ihrer Gottlosigkeit weg zum Gott Abrahams sich bekehren durch den Logos, unseren Herrn Jesum Christum, so muß es selbst den Ausgeschämtesten klar sein, daß Christus bereits gekommen ist, daß er alle ohne Ausnahme mit seinem Lichte erleuchtet und die wahre und göttliche Lehre über seinen Vater gebracht hat. So kann man damit und mit noch weiteren Beweisen aus den göttlichen Schriften die Juden schlagend widerlegen.

Was aber die Heiden betrifft, so mag man sich höchlichst wundern, daß sie das verspotten, was doch gar nicht lächerlich ist, für ihre eigene Schmach aber blind sind, die sie, ohne es zu merken, in Holzstücken und Steinen bloßstellen. Da wir aber um Beweise für unsere Behauptung gar nicht verlegen sind, wohlan, so wollen wir auch diese Heiden mit guten Gründen zuschanden machen, vornehmlich mit Berufung darauf, was wir selber sehen. Was gäbe es denn bei uns Ungereimtes oder Lächerliches als äußersten Falles unsere Behauptung, der Logos sei im Leibe erschienen? Doch werden sie wohl auch selbst zugestehen, daß das nicht in widersinniger Weise vor sich gegangen ist, falls sie es wirklich mit der Wahrheit ernst nehmen. Wenn sie nun überhaupt das Dasein eines Logos Gottes leugnen, dann tun sie etwas Überflüssiges, wenn sie über das spotten, wovon sie nichts wissen. Geben sie aber einen Logos Gottes zu und bekennen sie, daß er der Lenker des Alls ist, daß in ihm der Vater die Schöpfung zustande gebracht hat, daß durch seine Vorsehung alles erleuchtet und belebt wird und besteht, und daß er über alles herrscht, so daß er selbst aus den Werken seiner Vorsehung erkannt wird und durch ihn der Vater, so sieh doch, bitte, ob sie nicht, ohne es zu wissen, sich selbst lächerlich machen. Die Welt erklären die griechischen Philosophen für einen großen Körper und sagen damit eine Wahrheit. Wir sehen ja, wie sie und ihre Teile in die Sinne fallen. Wenn also der Logos in der Welt wie in einem Körper ist, und wenn er in das Ganze und in all die Einzelteile eingegangen ist, wie soll es dann sonderbar oder ungereimt sein, wenn wir sagen, daß er auch in einen Menschen eingegangen ist? Denn wenn es ungereimt klingt, daß er überhaupt in einem Körper wohnt, so wäre es auch ungereimt, wenn er im Weltall Wohnung genommen hätte und alles durch seine Vorsehung erleuchtete und bewegte; denn ein Körper ist auch das Weltall. Wenn es aber angeht, daß er in die Welt kommt, und daß er im Ganzen sich zu erkennen gibt, so wird es auch angehen, wenn er auch in einem menschlichen Körper sich offenbart und dieser von ihm erleuchtet wird und seine Wirksamkeit erhält. Ein Teil des Ganzen ist ja auch das Menschengeschlecht. Und wenn es nicht angeht, daß ein Teil sein Medium für die Erkenntnis Gottes wird, dann geht es wohl erst recht nicht an, daß er durch die ganze Welt sich zu erkennen gibt.

Wie einer angesichts der Tatsache, daß der ganze Körper vom Menschen in Bewegung gesetzt und beleuchtet wird, mit seiner Behauptung, es sei ungereimt, die Kraft des Menschen auch in der Fußzehe anzunehmen, wohl für unverständig erachtet würde, da er trotz seines Zugeständnisses, daß er den ganzen Körper durchdringt und bewegt, ihn nicht im Einzelteile sein ließe, so sollte auch der, der gläubig zugibt, daß der Logos Gottes im Weltall ist und das Weltall von ihm beleuchtet und bewegt wird, es nicht ungereimt finden, wenn ein menschlicher Körper von ihm bewegt und erleuchtet wird. Wenn sie aber deshalb, weil das Menschengeschlecht kreatürlich und aus dem Nichts entstanden ist, es nicht für passend finden, daß wir von einer Erscheinung des Heilandes in einem Menschen reden, so müssen sie ihn auch von der ganzen Schöpfung ausschließen; denn auch sie ist durch den Logos aus dem Nichts ins Dasein getreten. Wenn es aber nicht ungereimt klingt, daß der Logos in der Welt weilt trotz ihrer Kreatürlichkeit, dann ist es doch auch nicht ungereimt, wenn er in einem Menschen sich befindet. Denn was sie vom Ganzen denken wollten, das müssen sie auch vom Teile annehmen; ein Teil vom Ganzen ist ja, wie ich vorhin sagte, auch der Mensch. So ist es also durchaus nicht ungehörig, wenn der Logos sich in einem Menschen befindet und alles von ihm und durch ihn Licht, Bewegung und Leben erhält, wie auch ihre Schriftsteller sagen: „In ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir“. Was sagen wir also Lächerliches, wenn (tatsächlich) der Logos das, worin er weilt, als Werkzeug benützt, um sich zu offenbaren. Wäre er nicht in ihm gewesen, so hätte er sich seiner auch nicht bedienen können. Wenn wir sodann bereits zugegeben haben, daß er im Ganzen und in den Einzelteilen ist, wie sollte es unglaublich sein, wenn er sich in dem, worin er weilt, auch sichtbar macht. Denn wenn er mit seinen Kräften ganz in die Einzelteile wie ins Ganze eingeht und alles reichlich versieht, und wenn er durch die Sonne oder den Mond oder den Himmel oder die Erde oder das Wasser oder Feuer sich offenbaren wollte, so würde es wohl niemand beanstanden, wenn er sich auf diese Weise vernehmen ließe und sich und seinen Vater zu erkennen gäbe; er schließt ja alles in einem Akt in sich zusammen und ist mit allem und in jedem Einzelteile zugegen und offenbart sich, ohne gesehen zu werden. Geradeso ist es wohl auch nicht ungereimt, wenn er, der alles ordnet und das Ganze belebt und den Menschen sich kundgeben wollte, sich eines menschlichen Leibes als eines Werkzeuges zur Mitteilung der Wahrheit und zur Offenbarung des Vaters bedient hat. Ein Teil vom Ganzen ist ja auch die Menschheit. Und wie der Verstand, der den ganzen Menschen durchwaltet, durch ein Glied des Leibes, die Zunge, sich offenbart, und dabei doch wohl niemand behauptet, dadurch verliere das Wesen des Verstandes, so erscheint es doch wohl auch nicht unpassend, wenn der Logos, der in allem ist, einen Menschen als Werkzeug benützt hat. Denn wenn es, wie vorhin gesagt, unziemlich war, daß er einen Leib zum Werkzeug nahm, dann gehörte es sich auch nicht, daß er im Weltall weilt.

Wenn sie nun sagen: Warum erschien er denn nicht in anderen schöneren Teilen der Schöpfung, und warum hat er sich denn nicht eines herrlicheren Werkzeuges, etwa der Sonne, des Mondes, der Sterne, des Feuers oder des Äthers bedient, sondern nur eines Menschen? – so mögen sie wissen, daß der Herr nicht herniederkam, um zu prunken, sondern um die Leidenden zu heilen und zu lehren. Denn es wäre Ostentation gewesen, nur zu erscheinen und die Augenzeugen perplex zu machen. Wer aber heilen und lehren will, hat nicht einfach zu kommen, sondern auf das Wohl der Notleidenden bedacht zu sein und sich bei der Ankunft nach ihrem Bedürfnis und Befinden zu richten, um nicht durch überflüssigen Aufwand für die Notleidenden eben die Bedürftigen zu verwirren, und ihnen so die Erscheinung Gottes unnütz würde. Nun gab es unter den Kreaturen keine, die sich in ihrem Denken über Gott verirrt hatte als allein der Mensch. Sonne, Mond, Himmel, Sterne, Wasser, Äther waren doch wahrhaftig nicht von der Ordnung abgewichen, sondern dank ihrer Erkenntnis des Logos, ihres Schöpfers und Königs, verblieben sie, wie sie geschaffen worden sind. Nur die Menschen kehrten sich vom Guten ab, bildeten sich dann das Nichtseiende ein anstatt der Wahrheit und übertrugen die Gott gebührende Ehre und den Begriff von ihm auf Dämonen und Menschen in Steinfiguren. Da es nun der Güte Gottes nicht entsprach, solch schwere Verirrung ruhig mitanzusehen, anderseits aber auch die Menschen ihn als Ordner und Lenker im Weltall nicht erkennen konnten, deshalb nimmt er billig einen Teil vom Ganzen als Werkzeug an, den menschlichen Leib, geht in ihn ein, damit die Menschen ihn, den sie im Ganzen nicht hätten erkennen können, wenigstens im Teile erkannten, und damit sie ihn, dessen unsichtbare Macht sie nicht schauen konnten, wenigstens aus Gleichartigem erschließen und erkennen könnten. Denn als Menschen werden sie durch einen dem ihrigen gleichen Körper und durch die in ihm gewirkten Werke rascher und sicherer der Erkenntnis seines Vaters näherkommen können, wenn sie einsehen, daß seine Taten nicht Menschen-, sondern Gotteswerke sind. Wenn sie sodann die Möglichkeit für ungereimt halten, durch die im Leibe vollbrachten Werke den Logos zu erkennen, dann wäre es wieder ungereimt, ihn aus den Werken des Alls zu erschließen. Denn wie er mitten in der kreatürlichen Welt nichts von der Kreatur annimmt, vielmehr allen Dingen von seiner Macht mitteilt, so nahm er auch, wenn er den Leib als Werkzeug benützte, nicht an den Zuständlichkeiten des Leibes teil, heiligte vielmehr selbst den Leib. Denn wenn selbst auch der von den Griechen vielbewunderte Plato sagt, daß der Schöpfer der Welt, wenn er sie in Sturmesdrang sieht und in der Gefahr, in das Reich des Chaos zu versinken, an das Steuerruder der Seele sich setzt und Hilfe bringt und alle Schäden ausbessert, was liegt dann Unglaubliches darin, daß wir sagen, der Logos habe, nachdem die Menschheit sich verirrt hatte, in ihr sich niedergelassen und sei als Mensch erschienen, um sie aus ihrer Bedrängnis durch seine Steuerung und Güte zu erretten?

Doch vielleicht werden sie beschämt dem beipflichten, aber entgegnen wollen: Gott hätte, wenn er einmal die Menschen belehren und erlösen wollte, durch einen bloßen Wink das tun sollen, ohne daß ein Logos mit einem Leibe in Berührung kam, wie er ja auch ehedem verfahren ist, als er die Dinge aus dem Nichts ins Dasein rief. Auf diese ihre Entgegnung könnte man mit Recht erwidern, daß ehedem, da noch nirgends etwas existierte, es nur eines Winkes und bloßen Willensaktes bedurfte, um die Welt zu erschaffen. Als aber der Mensch erschaffen war und das Bedürfnis eintrat, nicht das Nichtseiende, sondern das schon Existierende zu heilen, da war es nur natürlich, daß der Arzt und Heiland in dem bereits Geschaffenen gegenwärtig wurde, um auch das Existierende zu heilen. Erschaffen aber war der Mensch. Deshalb bediente er sich auch eines menschlichen Werkzeuges, des Leibes. Denn wenn der Logos nicht auf diesem Wege hätte kommen sollen, wie hätte er, der sich nun einmal eines Organs bedienen wollte, dann zu uns kommen sollen? Oder woher hätte er dies nehmen sollen, wenn nicht aus dem, was bereits vorhanden war und seiner Gottheit durch die Vermittlung der gleichartigen Natur bedurfte? Denn nicht das Nichtseiende bedurfte der Erlösung, so daß ein bloßer Befehl genügt hätte, sondern der bereits erschaffene Mensch war dem Verderben und Untergang überantwortet. Deshalb hat der Logos gewiß recht passend sich eines menschlichen Werkzeuges bedient und über alles sich verbreitet. Sodann muß man sich auch das sagen, daß das eingetretene Verderben nicht außerhalb des Leibes lag, sondern an ihm haftete, und daß er statt der Verweslichkeit das Leben anziehen mußte, damit wie im Leibe der Tod gekommen ist, so in ihm auch das Leben erstehe. War der Tod außerhalb des Leibes, so mußte auch das Leben außerhalb seiner existiert haben. Haftete aber der Tod am Leibe und herrschte er in ihm über ihn, dann mußte auch das Leben mit dem Leibe sich verbinden, damit der Leib das Leben wieder anziehe und die Verweslichkeit ablege. Zudem wäre der Tod, wenn der Logos außerhalb des Leibes und nicht in ihm gewesen wäre, auf ganz natürliche Weise überwunden worden, da ja der Tod dem Leben gegenüber machtlos ist; aber es wäre eben gleichwohl die Verweslichkeit, die der Leib sich zugezogen hat, geblieben. Deshalb hüllte sich billig der Heiland in einen Leib, damit dank der Vereinigung von Leib und Leben der Leib nicht mehr sterblich im Tode verbliebe, sondern mit der Unsterblichkeit bekleidet sei und dann auferstanden immer unsterblich bleibe. Denn einmal angetan mit der Verweslichkeit, wäre er nicht auferstanden, wenn er nicht das Leben angezogen hätte; anderseits hätte der Tod für sich nicht erscheinen können, sondern nur im Leibe. Deshalb zog er einen Leib an, um den Tod darin zu suchen und dann daraus zu verbannen. Wie hätte der Herr überhaupt sich als das Leben erweisen können, wenn er nicht das Sterbliche belebt hätte? Und wie die Stoppel vom Feuer ganz natürlich verzehrt wird, aber nicht verbrennt, wenn man das Feuer von ihr fernhält, gleichwohl aber Stoppel Stoppel bleibt und die Feuersgefahr zu fürchten hat – denn von Natur droht das Feuer, sie zu verzehren -, aber gefaßt in vielen Amiant, der ja als feuersicher gilt, die Stoppel das Feuer nicht mehr zu fürchten hat, dank der Sicherung, die ihr die feuersichere Hülle gewährt, genau so könnte man auch vom Leib und Tod sagen, daß der Leib, der nur mit einem bloßen Befehl gegen den Tod geschützt worden wäre, gleichwohl wieder entsprechend der Natur der Leiber sterblich und verweslich wäre. Um aber das zu verhüten, hat er den unkörperlichen Logos Gottes angezogen, und so braucht er den Tod nicht mehr zu fürchten noch auch die Verwesung, da er ja das Leben als Hülle trägt und in ihm die Verwesung verschwindet.

So hat also der Logos Gottes folgerichtig einen Leib angenommen und sich eines menschlichen Werkzeuges bedient, um auch den Leib zu beleben und um in gleicher Weise, wie er in der Schöpfung durch die Werke sich offenbart, auch im Menschen sich zu betätigen und sich überall zu zeigen, ohne auch nur eine Stätte gegen seine Gottheit und Erkenntnis abzumessen. Ich sage hier noch einmal, woran ich schon früher erinnert habe: Der Heiland hat dies getan, um, wie er alles ringsum mit seiner Gegenwart erfüllt, so auch alles mit seiner Erkenntnis zu erfüllen, wie auch die göttliche Schrift sagt: „Die ganze Welt ward erfüllt mit der Erkenntnis des Herrn“. Denn mag man zum Himmel aufschauen, man sieht dessen Ordnung; oder man mag, wenn das nicht möglich, nur auf den Menschen sein Augenmerk richten, so gewahrt man aus den Werken seine übermenschliche Macht und erkennt, daß er allein unter den Menschen der Logos Gottes ist. Oder wer sich in die Dämonenwelt verirrt hat und für sie eingenommen ist, der sieht, wie er diese verjagt, und erkennt ihn daraus als ihren Herrn. Oder wer in das Element des Wassers sich versenkt hat und dieses für Gott hält, wie die Ägypter, die das Wasser verehren, der sieht, wie dieses von ihm verwandelt wird und folgert daraus, daß der Herr sein Schöpfer ist. Ja, stiege einer gar in die Unterwelt hinab, und staunte er die Heroen, die dorthin hinabgestiegen sind, als Götter an, so sieht er auch da seine Auferstehung und seinen Sieg über den Tod und schließt daraus, daß auch unter ihnen Christus allein wahrer Herr und Gott ist. Alle Teile der Schöpfung hat ja der Herr berührt, und aller Kreatur die Erlösung und Überzeugung von allem Trug gebracht, wie Paulus sagt: „Er hat die Herrschaften und Gewalten entwaffnet und über sie triumphiert am Kreuz“, damit niemand mehr betrogen werden könnte, vielmehr jeder überall den wahren Logos Gottes fände. Denn wenn so überall ringsumschlossen der Mensch die Gottheit des Logos überall, d. h. im Himmel, in der Unterwelt, im Menschen, auf der Erde walten sieht, so kann er sich nicht mehr über Gott täuschen, betet nur ihn an und erkennt durch ihn recht gut den Vater. Damit werden hoffentlich auch die Heiden sich von uns geschlagen wissen, und zwar mit guten Gründen. Wenn sie aber die Gründe zu ihrer Beschämung nicht hinreichend finden, so mögen sie aus dem, was vor aller Welt sich abspielt, sich vom Gesagten überzeugen lassen.

Wann begannen denn die Menschen, den Götzenkult aufzugeben, wenn nicht von dem Augenblick ab, da Gott, der wahre Logos Gottes, unter den Menschen aufgetreten ist? Wann haben denn die Orakel bei den Griechen und allerorts ein Ende genommen und sind verstummt, wenn nicht mit dem Augenblick, da der Heiland erschienen ist? Wann erwachte die Erkenntnis, daß die sogenannten Götter und Heroen bei den Dichtern einfach nur sterbliche Menschen sind, wenn nicht damals, als der Herr seinen Triumph über den Tod feierte und den Leib, den er angenommen, in der Unverweslichkeit bewahrt hat, da er ihn von den Toten erweckte? Wann sagte man sich los vom Dämonentrug und -wahn, wenn nicht eben damals, als der Logos, die Kraft Gottes, aller und auch ihr Gebieter, um der Ohnmacht der Menschen willen herabgestiegen und auf Erden erschienen ist? Wann begann man, über Zauberkunst und Zauberlehre hinwegzugehen, wenn nicht eben damals, als die Theophanie des Logos unter den Menschen Wirklichkeit geworden ist? Wann hat sich überhaupt die Weisheit der Heiden als Torheit erwiesen, wenn nicht damals, als die wahre Weisheit Gottes auf Erden sich offenbarte? Ehedem war der ganze Erdkreis und jeder Ort im Wahne des Götzenkultes befangen, und nur in den Götzen wähnten die Menschen ihre Götter. Jetzt aber geben die Menschen auf dem ganzen Erdkreis ihren abergläubischen Götzenwahn auf, flüchten sich zu Christus, beten ihn als Gott an und lernen durch ihn auch den Vater erkennen, den sie zuvor nicht kannten. Und wie wunderbar! Es gab verschiedene und abertausend Religionen, und jeder Ort hatte seinen eigenen Götzen; aber keiner ihrer sogenannten Götzen vermochte auch nur im nächsten Nachbarbereich Eingang zu finden, so daß er auch die Nachbarn zu seiner Anbetung bewogen hätte; vielmehr fand er kaum bei seinen Eigenen die gebührende Verehrung, – denn niemand verehrte den Gott des Nachbars, sondern ein jeder hielt seinen eigenen Götzen im Wahne, dieser wäre aller Herr. – Nur Christus wird von allen und überall als ein und derselbe angebetet. Und was der Ohnmacht der Götzen nicht gelungen ist, wenigstens die nächsten Anwohner zu gewinnen, das hat Christus fertiggebracht, indem er nicht nur Nachbarn, sondern einfach die ganze Erde dahin brachte, einen und denselben Herrn anzubeten und durch ihn Gott, seinen Vater.

Was wir aber hier behaupten, sind keine leeren Worte, sondern die Erfahrung selbst gibt dem das Zeugnis der Wahrheit. Komme, wer da wolle, und achte er auf den sprechenden Beweis in der Tugend der Jungfrauen Christi und der keuschheitsbeflissenen Jünglinge, anderseits in dem Glauben bei einem so großen Chor von Märtyrern. Wer das vorhin Gesagte auf seine Wahrheit prüfen will, der komme doch und mache über den Dämonenspuk, den Orakeltrug und über die Gaukeleien der Zauberkunst das Zeichen des von ihnen geschmähten Kreuzes und spreche den Namen Christi nur aus, dann wird er sehen, wie vor ihm die Dämonen fliehen, die Orakel verstummen, alle Zauberei und Beschwörung abgetan ist. Wer ist also dieser Christus und wie groß ist er, wenn er schon mit seinem Namen und seiner Gegenwart überall alles in Schatten stellt und beseitigt und allein mächtiger ist als alle und den ganzen Erdkreis mit seiner Lehre erfüllt? Sie sollen doch Rede stehen, die Heiden, die gar so sehr spotten, ohne zu erröten! Denn ist er ein Mensch, wie konnte ein Mensch die Macht aller ihrer Götter überbieten und deren Nichts mit seiner Kraft erweisen? Nennen sie ihn aber einen Zauberer, wie ist es möglich, daß von einem Zauberer alle Zauberei gebrochen und nicht vielmehr befestigt wird? Hätte er nur den einen und anderen menschlichen Zauberer besiegt oder nur über einen obgesiegt, dann hätten sie wohl mit Recht ihn nur den anderen dank einer größeren Geschicklichkeit überlegen gehalten. Hat aber sein Kreuz über alle Zauberei überhaupt und gar über ihren Namen den Sieg davongetragen, dann ist doch wohl offenbar der Heiland kein Zauberer, da ja auch die von anderen Zauberern angerufenen Dämonen vor ihm wie einem Herrn fliehen. Wer er nun ist, das sollen uns die Heiden sagen, die sich nur aufs Spotten verlegen. Möglich, daß sie sagen, er sei selbst auch ein Dämon gewesen und besitze deshalb solche Kraft. Doch bei solcher Ausrede werden sie für den Spott sicher nicht zu sorgen haben, und schon die obigen Beweise können sie wieder zuschanden machen. Wie kann denn der ein Dämon sein, der die Dämonen vertreibt? Hätte er einfach nur Dämonen ausgetrieben, dann hätte man ganz wohl annehmen können, daß er im obersten der Dämonen die niedrigeren seine Macht fühlen läßt, wie ja ähnlich auch die Juden ihm höhnisch vorwerfen wollten. Wenn aber der ganze Dämonenwahn vor seinem Namen weicht und flieht, dann sind sie offenbar auch hierin im Irrtum befangen, und unser Herr und Heiland Christus ist nicht, wie sie meinen, eine dämonische Macht. Wenn also der Heiland weder ein einfacher Mensch, noch ein Zauberer, noch ein Dämon ist, wenn er vielmehr die Gebilde der Dichter, den Dämonenwahn und die Weisheit der Dichter mit seiner Gottheit überwunden und in den Schatten gestellt hat, so liegt doch wohl klar am Tage und muß von allen zugestanden werden, daß er in Wahrheit der Sohn Gottes ist als der Logos, die Weisheit und die Kraft des Vaters. Deshalb sind auch seine Werke nicht menschlich, sondern übermenschlich. Daß sie in der Tat Gottes Werke sind, ergibt sich schon aus dem Augenschein und aus der Vergleichung mit denen der Menschen.

Auch war ehedem alles voll vom Truge der Orakel, und die Orakel in Delphi1, Dodona, Böotien, Lycien, Libyen, Ägypten, bei den Kabiren und die Pythia fesselten die Phantasie der Menschen. Jetzt aber, seitdem Christus überall verkündet wird, hat auch dieser Wahn ein Ende genommen, und es gibt bei ihnen keinen Wahrsager mehr. Einst täuschten die Dämonen mit ihrem Blendwerk die Menschen, ließen sich vornehmlich nieder an Quellen oder Flüssen, im Holz oder Stein und schreckten so mit ihren Gaukeleien die Einfältigen. Jetzt aber, nach der göttlichen Erscheinung des Logos, hat dieser Spuk aufgehört. Mit dem bloßen Kreuzeszeichen verscheucht der Mensch ihren Trug. Ehedem hielten die Menschen die bei den Dichtern erwähnten Götter Zeus, Kronos, Apollo und die Heroen für wirkliche Götter und verehrten sie in ihrem Wahne. Kaum aber war der Heiland unter den Menschen erschienen, da wurden jene bloßgestellt als sterbliche Menschen, und Christus allein ward unter den Menschen als wahrer Gott erkannt, als Gott der Logos Gottes. Was soll man aber von ihrer so hochgehaltenen Zauberkunst sagen? Ehe der Logos erschienen war, spielte sie eine große Rolle bei den Ägyptern, Chaldäern und Indern und setzte die Zuschauer in Staunen. Doch mit der Ankunft der Wahrheit und der Erscheinung des Logos ward auch sie gerichtet und zum Tod verurteilt. Was aber die heidnische Weisheit und das Wortgepränge der Philosophen anlangt, so glaube ich, daß wir darob kein Wort zu verlieren brauchen, liegt doch das Wunder offen da, daß die heidnischen Philosophen mit all ihren Schriften nicht einmal ein paar Leute aus ihrer nächsten Umgebung von der Unsterblichkeit zu überzeugen und zu einem Tugendleben zu führen vermochten, während Christus in einfachen Worten und mit Leuten, die nicht redegewandt waren, den ganzen Erdkreis bevölkerte mit Gemeinden und sie dahinbrachte, den Tod zu verachten, an das Unsterbliche zu denken, über das Zeitliche wegzusehen, auf das Ewige es abzusehen, die Erdenherrlichkeit für nichts zu achten und allein nach dem Himmlischen zu trachten.

Denn wo hätte es je einen Menschen gegeben, der nur aus einer Jungfrau sich einen Leib bildete? Oder wo hätte je ein Mensch so viele Krankheiten geheilt wie der gemeinsame Herr aller? Wer hat einem schon bei der Geburt vorhandenen Mangel abgeholfen, und einen Blindgeborenen sehend gemacht? Äskulap wurde von ihnen als Gott verehrt, weil er die Heilkunst ausübte und Kräuter fand für die kranken Körper, die er aber nicht selber aus Erde bildete, sondern dank seiner Naturkunde entdeckte. Doch was bedeutet das im Vergleich zu dem, was der Heiland tat, der nicht bloß eine Wunde heilte, sondern eine Neuschöpfung vornahm und den Körper wiederherstellte? Herkules wird von den Griechen als Gott angebetet, weil er mit seinesgleichen kämpfte und wilde Tiere listig erlegte. Was ist aber das im Vergleich mit den Taten des Logos, der die Menschen von Krankheiten, Dämonen und selbst vom Tode befreite? Dionysos wird bei ihnen verehrt, weil er den Menschen ein Lehrmeister der Trunksucht gewesen war. Aber der wahrhaftige Heiland und Herr des Alls, der die Mäßigkeit gelehrt, wird von ihnen verspottet, Doch genug hiervon! Wo fände sich aber eine Parallele zu den übrigen Wundertaten seiner Gottheit? Wo starb ein Mensch, währenddessen die Sonne sich verfinsterte, die Erde bebte? Siehe doch: bis heute sterben Menschen, und es starben solche schon im Anfange. Wann aber wäre solch ein Wunderzeichen bei ihnen eingetroffen? Oder, um die Taten zu übergehen, die er im Leibe vollbrachte, und nur die Werke nach seiner leiblichen Auferstehung zu erwähnen: wo gab es je einen Menschen, dessen Lehre von einem Ende der Erde bis zum anderen überall als eine und dieselbe Geltung gewonnen hätte, so daß seine Verehrung im Flug die ganze Welt erobert hätte? Oder wenn ja Christus, wie sie meinen, nur ein Mensch wäre und nicht Gott der Logos, warum verhindern es dann ihre Götter nicht, daß seine Verehrung auf die Stätte übergreift, wo sie selber sind, ja daß vielmehr der Logos selbst, wo er hinkommt, mit seiner Lehre ihren Kult beendet und ihr Blendwerk zuschanden macht?

Der Könige und Beherrscher der Erde hat es vor ihm viele gegeben; von vielen Weisen und Magiern bei den Chaldäern, Ägyptern und Indern weiß die Geschichte zu berichten. Welcher von diesen hat nun je – ich sage nicht: nach dem Tode, sondern noch bei Lebzeiten – eine solche Macht entfaltet, daß er die ganze Erde mit seiner Lehre erfüllte und eine solche Menge vom teuflischen Götzenwahn abbrachte, wie unser Heiland von den Götzen weg zu sich bekehrte? Die heidnischen Philosophen haben vieles mit überzeugender Kraft und in kunstvoller Darstellung geschrieben. Vermochten sie einen Erfolg aufzuweisen wie das Kreuz Christi? Bis zu ihrem Lebensende fanden ihre Sophismen Glauben. Nein, noch zu ihren Lebzeiten wurde das, was ihnen sicher schien, Gegenstand wechselseitiger Kontroverse, und sie verlegten sich auf eine gegenseitige Bekämpfung. Aber ganz auffallend lehrte der Logos Gottes in einer mehr als einfachen Sprache und stellte doch damit die ersten Sophisten in Schatten, verdrängte ihre Lehren, zog alle an sich und füllte seine Kirchen. Und es ist gewiß wunderbar, daß er die Großsprecherei der Weisen über die Götzen damit zum Verstummen brachte, daß er als Mensch in den Tod ging. Wessen Tod vertrieb denn je die Dämonen? Oder wessen Tod fürchteten denn die Dämonen je so wie den Tod Christi? Wo immer der Name des Heilandes genannt wird, da weicht auch jeglicher böse Geist. Wer hat die Menschen von den Leidenschaften des Herzens so freigemacht, daß die Unkeuschen jetzt keusch leben, die Mörder nicht mehr zum Mordstahl greifen, und die männlich stark werden, die zuvor im Banne feiger Furcht standen? Und wer hat überhaupt die Barbaren- und Heidenvölker überall so weit gebracht, daß sie ihre Wildheit ablegten und friedliche Gesinnung annahmen, wenn nicht der Glaube an Christus und das Zeichen des Kreuzes? Wer anders hat die Menschen im Glauben an die Unsterblichkeit so sehr bestärkt wie das Kreuz Christi und die Auferstehung seines Leibes? Denn obschon die Heiden alle möglichen Lügen fertigbrachten, so konnten sie eine Auferstehung ihrer Götzen sich doch nicht einbilden, da sie überhaupt nicht mit der Möglichkeit rechneten, daß der Leib nach dem Tod noch fortbestehen könne. Und hierin möchte man ihnen am ehesten rechtgeben, insofern sie in einer solchen Schlußfolgerung die Ohnmacht ihres Götzenkultes bewiesen, dagegen Christus die Macht zugestanden, so daß alle auch daraufhin ihn als Gottes Sohn erkennen könnten.

Wo wäre auch der Mensch, der nach seinem Tode oder schon zu Lebzeiten die Jungfräulichkeit gelehrt und diese Tugend unter Menschen für wohl möglich gefunden hätte? Aber Christus, unser Heiland und König aller Dinge, fand mit seiner diesbezüglichen Lehre solchen Anklang, daß selbst Kinder, die das gesetzliche Alter noch nicht erreicht haben, die über das Gebot hinausgehende Jungfräulichkeit geloben1. Welcher Sterbliche vermochte je solche Strecken zu durchqueren, zu den Skythen, Äthiopiern, Persern, Armeniern, Gothen oder zu den Völkern, die man jenseits des Ozeans loziert, oder die über Hyrkanien hinauswohnen, oder überhaupt (auch nur) zu den Ägyptern und Chaldäern zu gelangen, die der Magie zugetan und außergewöhnlich abergläubisch und sittenroh sind, und dort von Tugend und Keuschheit und gegen den Götzenkult zu predigen, wie der Herr aller, die Kraft Gottes, unser Herr Jesus Christus getan hat? Er hat diesen nicht nur durch seine Jünger gepredigt, sondern sie auch so weit gebracht, daß sie ihre Sittenroheit ablegten und jetzt nicht mehr die Götter ihrer Väter verehren, sondern zur Erkenntnis seiner gelangen und durch ihn den Vater anbeten. Denn vor Zeiten, da die Griechen und Barbaren noch den Götzen dienten, lagen sie im Krieg gegeneinander und waren gegen eigene Stammesgenossen grausam. Es war überhaupt nicht möglich, über Land oder Meer zu reisen, ohne seine Hand zu bewaffnen – eben wegen ihrer unaufhörlichen gegenseitigen Befehdung. Ja, ihr ganzer Lebenslauf war ein Waffengang; das Schwert war ihr Stock und ihre einzige Rettung. Doch, wie vorhin gesagt, mochten sie auch ihren Götzen dienen und ihren Dämonen Opfer bringen, der teuflische Götzenwahn ließ bei ihnen, die in solcher Verfassung waren, natürlich keine sittliche Umwandlung zu. Als sie aber zur Lehre Christi übertraten, da ließen sie auffallend, tief im Herzen gerührt, von der mordlustigen Grausamkeit ab und denken jetzt nimmer an Krieg; vielmehr hegen sie jetzt nur mehr Gesinnungen des Friedens und der Freundschaft.

Wer hat nun solches fertiggebracht, oder wer hat die im Frieden geeint, die zuvor sich haßten, wenn nicht eben der geliebte Sohn des Vaters, der gemeinsame Heiland aller, Jesus Christus, der in seiner Liebe um unseres Heiles willen alles ertragen hat? Schon vor Zeiten war der Friede, der mit ihm anbrechen sollte, geweissagt in den Worten der Schrift: „Ihre Schwerter werden sie zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Sicheln; nicht mehr wird Volk gegen Volk zum Schwerte greifen, und sie werden nicht mehr auf den Krieg sich einüben“. Und es klingt dies doch recht glaubwürdig, wenn noch jetzt die roh gesitteten Barbaren, solange sie eben den Götzen opfern, widereinander wüten und keine Stunde ohne das Schwert sein können, sobald sie aber von der Lehre Christi hören, alsbald vom Krieg zum Feldbau übergehen und die Hand, anstatt mit dem Schwert sie zu bewaffnen, zum Gebet erheben. Ja, ganz allgemein waffnen sie sich jetzt, anstatt zu kriegen gegen ihresgleichen, gegen den Teufel und die bösen Geister, um sie in Keuschheit und Seelenstärke niederzuringen. Das ist aber doch ein sichtlicher Beweis für die Gottheit des Heilandes, wenn die Menschen das, was sie von den Götzen nicht lernen konnten, von ihm gelernt haben, wie es anderseits nicht unwesentlicher Beleg ist für die Ohnmacht und Nichtigkeit der Dämonen und Götzen. Die Dämonen waren sich ja ihrer Ohnmacht wohl bewußt; deshalb hetzten sie ehedem die Menschen zum Krieg gegeneinander, damit sie nicht vom Hader unter sich abließen und dann gegen die Dämonen den Kampf aufnähmen. Wahrhaftig, die Jünger Christi befehden nicht sich gegenseitig, sondern setzen sich mit ihren guten Sitten und einem tugendhaften Wandel gegen die Dämonen zur Wehr, verjagen sie, schlagen selbst den obersten, den Teufel, sind keusch in ihrer Tugend, halten stand in den Versuchungen, harren aus in den Mühsalen, erdulden Mißhandlungen und machen sich nichts daraus, wenn sie ausgeraubt werden, und gewiß auffallend: sie achten nicht des Todes und werden Märtyrer für Christus.

Und um noch einen, und zwar ganz auffallenden Beweis für die Gottheit des Heilandes anzuführen: Wann hat denn je ein bloßer Mensch oder Zauberer oder Herrscher oder König für sich allein mit so vielen sich zu messen vermocht und zu kämpfen wider den ganzen Götzenkult, gegen das ganze Heer der Dämonen, gegen alle Zauberei und alle Weisheit der Heiden, da sie noch soviel galten und auf dem Höhepunkt waren und alle Welt in Staunen setzten, und mit einemSchlag allen gegenüberzutreten wie unser Herr, der wahre Logos Gottes, der unsichtbar einen jeden über seinen Götzenwahn aufklärt und allein alle Menschen allen (Götzen) abwendig macht, so daß die, die zuvor vor den Götzen auf die Erde sich niederwarfen, diese nunmehr mit Füßen treten, die bewunderten Größen der Magie ihre Bücher verbrennen und die Weisen die Erklärung der Evangelien allem anderen vorziehen? Die Götzen, die sie zuvor anbeteten, geben sie auf und beten den an, den sie als Gekreuzigten zuvor verspotteten, Christum, und bekennen ihn als Gott. Und ihre sogenannten Götter werden durch das Kreuzeszeichen verscheucht, der gekreuzigte Heiland aber wird auf dem ganzen Erdkreis als Gott und Gottes Sohn verkündigt. Die Götter, welche die Heiden anbeten, werden von ihnen wegen ihrer Schändlichkeit verworfen; diejenigen aber, die die Lehre Christi annehmen, führen ein züchtigeres Leben als jene. Wenn nun dies und Ähnliches nur Menschenwerk ist, so zeige und beweise doch mal einer, wer immer nur will, ein Gleiches auch für die früheren Zeiten. Wenn aber diese Erscheinungen nicht als Menschenwerk, sondern als Gottes Werk erscheinen und das auch wirklich sind, warum versteigen sich denn die Ungläubigen zu solcher Gottlosigkeit, daß sie den Herrn nicht erkennen, der das gewirkt hat? Es geht ihnen ja ähnlich so wie denen, die aus den Werken der Schöpfung Gott, ihren Schöpfer, nicht erkennen. Denn wenn sie seine Gottheit aus seiner Macht, die sich auf alles erstreckt, erkannten, so hätten sie damit auch die Erkenntnis gewonnen, daß auch die im Leibe vollbrachten Werke Christi nicht die eines Menschen sind, sondern Taten des Heilandes aller, des Gott-Logos. Hätten sie solche Erkenntnis gehabt, „dann hätten sie“, wie Paulus sagte, „den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt“.

Wie also einer, der den von Natur unsichtbaren und überhaupt nicht sichtbaren Gott schauen will, ihn aus seinen Werken erkennt und begreift, so möge auch der, welcher Christum mit seinem Geiste nicht sieht, ihn wenigstens aus den Werken des Leibes erkennen und prüfen, ob es Menschen- oder Gotteswerke sind. Sind es Menschenwerke, dann mag er spotten; sind es aber nicht Menschen-, sondern Gotteswerke, dann soll er zur Einsicht kommen und nicht spotten über das, was keinen Spott verdient. Nein, er soll sich vielmehr wundern, daß uns das Göttliche durch eine so geringfügige Sache offenbar geworden ist, durch den Tod allen die Unsterblichkeit zuteil wurde und in der Menschwerdung des Logos die allwaltende Vorsehung und ihr Urheber und Schöpfer, der Logos Gottes, erkennbar wurde. Denn er wurde Mensch, damit wir vergöttlicht würden. Er offenbarte sich im Leibe, damit wir zur Erkenntnis des unsichtbaren Vaters gelangten; er ließ sich den Frevelmut seitens der Menschen gefallen, damit wir die Unsterblichkeit ererbten. Er erlitt ja für seine Person keinen Schaden, da er leidensunfähig und unverweslich, der Logos selbst und Gott war. Die leidende Menschheit aber, derentwegen er das auf sich nahm, hat er in seiner Leidensunfähigkeit bewahrt und gerettet. Überhaupt sind die Großtaten des Heilandes, die er in seiner Menschwerdung vollbrachte, derart und so groß, daß man beim Versuch, sie aufzuzählen, denen gliche, die auf das unermeßlich weite Meer hinausschauen und dessen Wogen zählen wollen. Denn wie man mit dem Auge nicht alle Wellen erreichen kann, da immer neue folgen, die dem zählenden Auge entschwinden, so wäre es auch dem, der alle Großtaten Christi, die er im Leibe vollbracht hat, zusammenfassen wollte, unmöglich, sie in ihrer Gesamtheit auch nur in seinem Geiste aufzunehmen, weil mehr noch seiner Beobachtung entgeht, als was er erfaßt zu haben glaubt. Es empfiehlt sich darum mehr, nicht auf alles zu sprechen zu kommen, wovon man ja doch nicht einmal einen Teil vollständig behandeln kann, vielmehr nur noch an einen Punkt zu erinnern und das Allgemeine dir zur Bewunderung anheimzustellen. Alles ist ja gleich wunderbar, und wohin man schauen mag, man gewahrt die Gottheit des Logos und wird ganz überrascht.

Folgendes verdient also nach dem Gesagten besonders deine Beachtung und muß für die vorausgegangene Erörterung gleichsam die Grundlage bilden und gar sehr Erstaunen erregen, daß nämlich mit der Ankunft des Heilandes der Götzendienst nicht mehr zunahm, sondern der bereits bestehende abnimmt und allmählich verschwindet, daß die heidnische Weisheit keine Fortschritte mehr macht, im Gegenteil die noch vollends aufhört, die da ist, die Dämonen mit Gaukelei, Wahrsagerei und Zauberei nicht mehr betören, sondern schon beim ersten kecken Versuch dazu durch das Kreuzeszeichen zuschanden werden. Und um es kurz zu sagen: Betrachte nur, wie die Lehre des Heilandes überall neue Anhänger findet, aller Götzendienst aber und alles, was dem christlichen Glauben zuwiderläuft, von Tag zu Tag abnimmt, ohnmächtig wird und zusammenfällt! Bei solcher Betrachtung bete den Weltheiland an, den mächtigen Gott-Logos, verwirf das, was vor ihm weichen und verschwinden muß! Denn wie beim Sonnenschein die Finsternis keine Macht mehr hat, vielmehr vor ihm noch der letzte Rest (von Finsternis) verschwinden muß, so hat seit der göttlichen Erscheinung des Gott-Logos die Finsternis der Götzen keine Macht mehr; vielmehr stehen jetzt überall alle Teile des Erdkreises im Lichte seiner Lehre. Und wie oftmals einige Aufrührer in einem Lande, in dem ein König ist, der sich aber in der Öffentlichkeit nicht zeigt, sondern innerhalb seines Palastes bleibt, unter Benützung dieser seiner Zurückgezogenheit sich selbst proklamieren lassen, und der einzelne verkleidet den Einfältigen gegenüber sich als König ausgibt, und die Leute sich so durch den Namen irreleiten lassen, da sie wohl von einem Könige hören, aber ihn nicht sehen, zumal sie ja auch nicht in seinen Palast gelangen können, dann aber, wenn der wirkliche König sich zeigt und öffentlich auftritt und dann die betrügerischen Aufrührer mit seiner Gegenwart entlarvt werden, die Leute angesichts des rechten Königs ihre früheren Verführer verlassen, so haben ehedem auch die Dämonen die Menschen betrogen, als sie sich göttliche Würde anmaßten. Seitdem aber der Logos Gottes im Leibe erschienen ist und uns seinen Vater zu erkennen gegeben, da schwindet der Trug der Dämonen und hört gänzlich auf; die Menschen aber schauen auf den wahrhaftigen Gott-Logos des Vaters, lassen ab von den Götzen und anerkennen nunmehr den wahren Gott. Das ist aber ein Beweis, daß Christus Gott der Logos und Gottes Kraft ist. Denn wenn das Menschliche aufhört, das Wort Christi aber bleibt, so ist doch allen klar, daß das, was ein Ende hat, augenblicklich ist, der aber, der bleibt, Gott und wahrer Sohn Gottes und der eingeborene Logos ist.

Diese kurze Abhandlung sei dir, Freund Christi, als erster Entwurf und Abriß einer Glaubenslehre über Christus und seine göttliche Ankunft unter uns gewidmet! Du aber wirst diesen Anlaß benützen, dich mit den biblischen Schriften zu befassen und ehrlichen Sinnes in sie dich vertiefen, um zum Verständnis ihres Inhalts zu gelangen und damit auch zu einer vollkommeneren und klareren Erkenntnis dessen, was wir gesagt haben. Denn in jenen Schriften hat Gott durch gottesgelehrte Männer geredet und geschrieben. Wir aber tradieren dir auch zu deinem Studium, was wir von den gotterleuchteten Lehrern gelernt haben, die auf das Schriftstudium sich verlegten und sogar Märtyrer für die Gottheit Christi geworden sind. Du wirst aber auch von seiner zweiten herrlichen und wahrhaft göttlichen Ankunft bei uns Kenntnis erhalten, wann er nicht mehr in Niedrigkeit kommt, sondern in seiner Herrlichkeit, nicht mehr in Demut, sondern in seiner Majestät, nicht mehr, um zu leiden, sondern um dann allen die Frucht seines Kreuzes mitzuteilen, nämlich die Auferstehung und die Unverweslichkeit. Auch wird er nicht mehr gerichtet; vielmehr richtet er alle, einen jeden nach dem Guten oder Bösen, das er mit seinem Leibe getan hat. Da ist den Guten das Himmelreich aufbehalten, den Übeltätern aber das ewige Feuer und die äußerste Finsternis. Denn so spricht der Herr selbst: „Ich sage euch: von nun an werdet ihr den Menschensohn zur Rechten der Kraft sitzen und auf den Wolken des Himmels kommen sehen, in der Herrlichkeit des Vaters“. Darum lautet auch ein heilsames Wort, das uns auf jenen Tag vorbereiten will: „Seid bereit und wachet; denn er kommt zu einer Stunde, die ihr nicht wisset“. Denn nach dem seligen Paulus „müssen wir alle vor dem Richterstuhl Christi erscheinen, damit ein jeder empfange, was er in seinem Leibe Gutes oder Böses getan hat“.

Aber zum Studium und wahren Verständnis der Schriften hin bedarf es noch eines guten Lebenswandels, eines reinen Herzens und der christlichen Tugend, damit der Geist auf diesem Weg erlangen und erfassen kann, wonach er strebt, soweit überhaupt der Menschennatur ein Wissen über Gott den Logos erreichbar ist. Denn ohne reinen Sinn und Nachahmung des Lebens der Heiligen kann wohl niemand die Sprache der Heiligen verstehen. Denn wie einer, der das Licht der Sonne sehen möchte, gewiß das Auge abwischt und reinigt und sich durch die Reinigung dem Sehobjekt fast ähnlich macht, damit das Auge, so gleichsam Licht geworden, das Sonnenlicht schaue, oder wie einer, der eine Stadt oder ein Land sehen möchte, notgedrungen an die Stätte sich begibt, um seine Beobachtung zu machen, so muß der, welcher die Gedanken der Gottesgelehrten verstehen will, seine Seele im Leben zuvor abwaschen und reinigen und durch gleichartige Handlungen den Heiligen selbst nahekommen, damit er durch einen gleichen Lebenswandel mit ihnen verbunden auch das verstehe, was diesen von Gott geoffenbart worden, und, von nun an gleichsam mit diesen vereint, der den Sündern drohenden Gefahr und ihrem Feuer am Tage des Gerichtes entrinne und das erlange, was den Heiligen im Himmelreich hinterlegt ist, „was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat und in keines Menschen Herz gedrungen ist“, was alles denen bereitet ist, die tugendhaft leben und Gott und den Vater lieben in Christus Jesus, unserem Herrn, durch den und mit dem dem Vater selbst mit dem Sohne im Heiligen Geiste Ehre, Macht und Herrlichkeit sei von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen!

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