Erklärung des Vaterunsers

Von Elische Wardapet

Erklärung zum Gebet, welches lautet: Vater unser, der du im Himmel.

Das Vater unser, das da anhebt, Vater unser, der im Himmel, ist edel im Inhalt und voll Hoheit im Ausdruck. Nach oben lenkt es den Blick und lehrt, daß Gott der Vater von allen ist. Das Verlangen nach Erbarmung drängt die Kinder, zum Vater zu flehen, und die Zuneigung zu den Hilfsbedürftigen weckt im Vater den Zug zur Barmherzigkeit. Nach dem Willen des Vaters sollen die Kinder leben, aber der Vater stillt auch nach dem Willen der Kinder ihre Nöten und macht sie zu Erben seines ganzen Reichtums. Der Vatername ist gemeinsam den geistigen und den leiblichen Wesen. Die Verrichtungen jedoch sind auf die verschiedenen Teile verteilt und trennen dieselben voneinander. Die irdischen Väter führt der Trieb leiblicher Begierde zur Erzeugung der Kinder, daß sie, in der Zeugung der Begierlichkeit unterworfen, der Begierlichkeit unterworfene Kinder erzeugen. Die Vaterschaft ist etwas Wandelbares. Zu seiner Zeit wird der Sohn Vater; dieser scheidet aus der Welt des Lebens und die Vaterschaft wird von ihm genommen. An seine Stelle tritt der Sohn und wird Vater und geht denselben Weg. So geht die Welt in der Folge der Geschlechter ihrem Ablauf zu.

Einer ist der wahre Vater und Schöpfer der ganzen Welt. Ohne die Begierlichkeit der Erzeugung und ohne die Schmerzen der Geburt hat er alles, das Sichtbare und das Unsichtbare, hervorgebracht. Da er sich Kinder zeugte, kam er auch zu ihnen und lehrte sie zum himmlischen Vater flehen, damit nicht immerdar die Welt in Windeln und Wiege bleibe, im Genuß der Milch und des Kindleinsbreies, versenkt und begraben in ab- stoßendem Unrat, den die Mütter und Ernährerinnen scheuen, und von dem die Erzieher und Pfleger ihr Antlitz abwenden. Diese sind das Gesetz und die Propheten. Sie haben jene im Meere gewaschen und konnten sie nicht rein bringen, durch Flüsse haben sie sie geführt und nicht abgewaschen. Sie wandten reichlich Seife an und wuschen mit Peinlichkeit und brachten sie doch nicht rein. Die um sie Versammelten entfernten sie, warfen sie weg, und sie standen hinausgestoßen. Da erbarmte sich der himmlische Vater, er neigte sich vom Himmel zur Erde, er fand alle in unerträglichem Blutvergießen, in toten Opfern des Götzendienstes. Da erfaßte er sie, reinigte sie und bekleidete sie mit himmlischem Gewande und führte sie wiederum in die Sohnschaft zurück. Er lehrte sie in väterlicher Unterweisung, damit sie beten sollten zum geliebten Vater im Himmel. „Wenn ihr betet,“ sagte er, „so machet nicht nach Kinderart viele Worte.“ Gott hört die Gedanken des Herzens und ist ein gütiger Vergelter der guten Werke. Es genügt, daß der Mund zum Zeugnis also spreche: Vater unser, der du (bist) in dem Himmel, heilig ist dein Name.

Das ist die größte aller Gnadengaben an die Menschen, daß Gott der Vater der Menschen ist. Die Engel haben nicht die Gewalt, so zu sagen; wenngleich sie mächtig sind und geistige Wesen, so sind sie doch Diener (Hebr. 1, 14) und nicht Söhne. O Mensch! beachte wohl, welcher Ehre du gewürdigt bist, daß du Gott Vater nennen darfst. Und auch das beherzige wohl, gestalte dich gemäß der Ehre des Vaters, damit Hoch und Nieder erkenne, daß du wirklich ein Kind Gottes bist. Durch das Wort hat Gott den Menschen hervorgebracht. Obwohl du durch das Wort (allein) das nicht vermagst, tauche dich doch nicht durch den Willen des Fleisches in das Irdische ein. Schneide ab von dir und entferne alle überflüssige Begierlichkeit. Erachte als nützlich und genügend die notwendige Nahrung. Gehe nicht darüber hinaus und überlaß dich nicht der Völlerei. Im Fette bläht der Mensch sich auf und von vielem Fett kommen die Übertretungen wie von vielem Trinken die unreinen Lüste. Solche können Gott nicht Vater nennen. Bezeugst du das von dir nicht selbst, indem du sprichst: Heilig ist dein Name?

Wer kann den Namen Gottes bestimmen? Daß man ihn heilig nennt, das ist der wahre Name Gottes. Die Namen der falschen Götter sind nicht heilig. Der eine ist Dieb, der andere Mörder, der weitere unrein, ein jeder von ihnen allen hat seine bösen Leidenschaften, zumal sie nicht existieren und nicht existieren werden. Die Menschen, welche diese Gott genannt haben, sind keine wahren Kinder Gottes. Durch diejenigen, welche er lehrt, zu Gott zu rufen, und denen er beim Gebet befiehlt, vor ihren Vater zu treten, tut er allen die Türe auf, damit alle sich bestreben, durch diese Tür einzutreten, dasselbe Gebet an Gott zu richten lernten und sprächen: Vater unser, der im Himmel ist, geheiligt werde dein Name. Wenn sie mit wahrem Worte beten lernen, dann werden sie der Welt sich auch als die Täter wahrer Werke zeigen; dann können sie die falschen Götter verlassen und meiden. Diejenigen, welche zu Stein und Holz Vater und Mutter gesagt hatten und sie verließen und von ihren törichten Werken abstanden, die haben ihren Sinn geheiligt in der Erkenntnis der Weisheit, und ihr Mund tut sich auf, um in Zuversicht die Worte zu sprechen: „Es komme dein Reich, dein Wille geschehe, wie im Himmel also auch auf Erden.“

Wie Gott der König ist über alles, so geht sein Reich über jene, die seinen Willen tun. Er sagt nur: Es komme dein Reich. Das gemäß dem Wort: Es wird ein Stern aufgehen für Jakob, und es wird ein Mann erstehen aus Israel und er wird aufbrechen und vernichten die Macht Amaleks. Der Stern ist aufgegangen und der Mann ist erstanden, und er hat geschlagen und niedergerungen den Satan, der die Macht der Heiden war. Das war der Wille Gottes von Anfang an, und er hat sich erfüllt in der Ankunft unseres Herrn, Jesus Christus. Dieses Gebet müssen wir nach seinem Sinne lernen und gläubig hoffen auf die zweite Ankunft; dort werden gemäß unseren Gebeten auch unsere Werke sich [S. 280] in Wahrheit zeigen. „Es komme dein Reich.“ Jener lehrt uns das Reich mit Bezug auf sein Wort: „Er war in der Welt, und die Welt ist durch ihn geworden, und die Welt hat ihn nicht erkannt“ (Joh, 1, 10). Er lehrt Vater sagen, daß du ihn allein als Schöpfer der Welt erkennest, der Schöpfung nach (Vater) von allem, der Kindesannahme nach nur vom Menschen. Der Schöpfer ist auch der König, und was hervorging, das ist sein Reich. Er, der von Natur unser Gott ist, ist aus Gnade in seiner Gottheit unser Vater. Dieweil Gott der Vater aller ist, ist Christus der Bruder aller, die seinen Willen tun. Er war König und wurde dein Bruder. Diese Gnade ist größer als die erste Schöpfung. Damals wurde gesagt, daß der Mensch nach dem Ebenbild Gottes werden solle, da er ihn ja nach einem Vorbilde gestaltete; wie er auch wollte, daß das Geistige Vorbild des Materiellen sei, damit auch jenes in ihm durch Tugend sich gestalten lerne. Weil er jedoch sich mit ihm nicht vereinigen konnte, so nahm er dessen Vorbild, wie er es selbst weiß. Er selbst bildete ihn in der unauflösbaren und unzerstörbaren Beschaffenheit unerreichbar und unaussprechlich, nur für den Glauben und die Hoffnung erfaßbar, allein würdig der Liebe, ihn, der mit uns unter uns spricht und uns lehrt. Er spricht als unser Genosse und lehrt uns die unsichtbare Gottheit im Sichtbaren, auf daß du an den sichtbaren Dingen das unsichtbare Reich erkennest. Mit jenem kam er und wird er zum zweiten Male kommen. Nunmehr hat die Lehre die Jünger Söhne genannt und die Knechte zu Herren gemacht, und die dem Tod Verfallenen zur Unsterblichkeit, zur Anregung der Bereitschaft eingeladen, indem es heißt: Es komme dein Reich. Hernach zur Vergeltung nach eines jeden Würdigkeit. Auf daß auch du dich teilhaftig machen könnest und erhebest in das Gebiet des Reiches, ist das liebliche Gebet. Und es verspricht uns Gaben, die erhabener sind als unsere Natur.

„Dein Wille geschehe“ heißt es dann. Der Wille Gottes ist die Heiligung des Menschen (1 Thess. 4, 3), denn er hat ihn zum Teilhaber gemacht an seinem Reiche. Nicht, weil wir nicht zu diesem Anteil gelangen könnten, (heißt es so), sondern, damit wir leichter die Standhaftigkeit erwürben um der Hoffnung willen als solche, denen er das Gebet gelehrt hat. Wenn derselbe nach dem Gebet erfüllt wird, dann kommt das Können auch für uns. Glaube nur, hoffe, liebe und dann wirst du mit Freuden erfüllt werden. Und wenn du mit Herzenswilligkeit Teilnehmer wirst am Leiden Christi, dann stärkt dich Gott selbst in der Beharrlichkeit. Und wenn das nicht möglich wäre, würde uns Gott nicht ein solches Gebet gelehrt haben. Schauen wir auf die früheren hin, damit wir uns ermutigen. Nicht nur die Leiden hielten sie für ihrer würdig im Glauben, sondern selbst das Sterben (für würdiger) als die Rettung. Sie blickten hin auf den, der das Martyrium angefangen, und gewannen die Vollendung. Wir wollen sie im Worte preisen und in der Tat, indem wir uns auch selbst zu solchem Martyrium vollenden. Gott ist unser gemeinsamer Vater. Gemeinsam müssen wir alle seine Söhne sein, denn auch das Erbe ist eines, welches er allen zugeteilt hat.

Dein Wille soll geschehen, wie im Himmel, also auch auf Erden. Da Gott alle Menschen himmlisch machen kann, so legt er das Gebet in unseren Willen, auf daß wir Erdenkinder von uns aus zu himmlischen Kindern werden könnten. Die himmlischen Kräfte dienen alle seinem Willen mit Liebe. Einmütig sind sie vereinigt, Gott zu preisen, und vor seiner furchtbaren Herrlichkeit verhüllen sie ihre Füße und ihr Antlitz, damit sie in sich Gott liebten. Statt mit den Augen zu schauen, halten sie für genug die in ihnen wohnende Liebe. In ihrer Liebe erfüllt Gott auch seinen Willen aus Liebe gegen sie. Streben wir nicht darnach, mit leiblichen Augen Gott zu schauen, damit wir nicht vor der Zeit hingerafft werden. Die Liebe soll Bote an ihn von unserer Seite sein. Und in seiner Liebe wird sein Wille in uns zur Erfüllung kommen. Was uns die Propheten gelehrt haben, darnach sollen wir uns bemühen zu wandeln. Denn diese haben im Worte gesprochen und in der Tat die Erfüllung gewirkt. Kein anderer war ihr Lehrer als derjenige, der auch euch beten lehrt. Auch du laß im Worte das Gebet dich lehren und vollführe es eifrig im Werke. Du bist den Engeln nicht fern, sondern mit ihnen trittst du zum Gebete, damit du mit ihnen Gott preisest. Wie du mit ihnen dich vereinst, so werden sie Teilhaber an euren Liedern bei Gebet und Lobpreis. Zuversichtlich öffnest du deinen Mund und sprichst: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, also auch auf Erden.“ Das ist eine größere Würde als der vorangehende Lobpreis. Dort wird nur die Herrschaft über die Erde allein in Betracht gezogen, hier sagt er: im Himmel und auf Erden.

„Gib uns unser immerwährendes Brot.“ Das von der Erde stammende Brot gibt Gott allen zusammen, ohne daß sie beten. „Die Menschen und Tiere rufst du zum Leben, o Herr“ (Ps. 35, 7). Und wie konnte es (so) genannt werden? Es ist ja doch nicht immerwährend. Die Kindheit hindert, die Krankheit hält davon ab, Dürftigkeit verwehrt es, und der Tod nimmt es hinweg und schließt es aus. „Euere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen und sind gestorben. Das ist das wahre Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wenn jemand von diesem Brote ißt, der wird nicht sterben in Ewigkeit.“ Sie hörten sein Wort, konnten es aber nicht alsbald mit dem Geiste erfassen. Da wiederholte er dasselbe Wort zum zweiten und dritten Male, damit sie es leichter hören und im Glauben die Kraft des Wortes erfassen sollten. „Ich bin so“, sagte er, „das lebendige Brot, das vom Himmel herabgestiegen ist; wer von diesem Brote ißt, der wird den Tod nicht kosten.“ Dieses Brot lehrt er im Gebet von Gott als immerwährendes erflehen. Wenn du wohl acht hast, wer dieses Brot mit Reinheit ißt und sich gebührend für dasselbe vorbereitet, der bedarf nicht des Reiches dieser Welt. In sterbliche Hände wird das unsterbliche Brot gelegt und alsbald werden nun auch diese Hände unsterblich. Der ganze Mensch wird, indem er es ißt, mit Geist, Seele und Leib vergeistigt und ein Teilhaber an Christus. Nur muß er den Anfang der Kraft bis zum Ende unbefleckt bewahren. Da gibt es kein irdisches Leiden mehr, das ihn besiegen könnte. Verächtlich wird in seinen Augen das Silber, ein Gegenstand des Hasses ist seinen Blicken das Gold; die Größe dieser Welt wird als Schmerz betrachtet, denn seine Gedanken wurden zu himmlischer Freiheit geheiligt, da er mit unsterblichem Brote gesättigt wurde. Es ist für alle zugerichtet. Das Kind erscheint in der Reife des Alters. Für den durch Krankheit Geschwächten wohnt darin die Kraft Gottes. Wer aus dem Leben dieser Welt schied, nahm mit sich zu Gott unsterbliches Leben. Das lehrte uns unser Herr im Gebet zu ihm erflehen: Gib uns unser Brot von Tag zu Tag, nicht von der Erde, sondern das Brot vom Herrn. Offenbar ist, auch nicht nur (ein Brot) vom Himmel, sondern den Herrn aller; „das ist“, sagt er, „mein Leib; das ist mein Blut.“ Wenngleich er unzerbrechlich ist, aus Liebe zu dir, ward er zerbrochen und dich, der du in deinem Willen zerbrochen wardst, hat er in seiner unzerbrechlichen Gottheit sich verbunden. „Nicht wirst du meine Seele in der Hölle lassen, und deinen Heiligen nicht schauen lassen die Verwesung.“ Am Freitag wurde er gekreuzigt zur Zerbrechung des Todes. Am Sonntag sammelte er die zerbrochenen Gebeine Adams und verknüpfte sie mit Unsterblichkeit und zeigte sich vielen in Wahrheit und nicht (nur) in einer Erscheinung für das Auge. An einem Tage gab er sich als Brot im Obergemach, und immerfort gibt er sich nun als Brot in den Kirchen auf dem heiligen Altar. Zuerst kostete er selbst von sich, nachher machte er uns alle zu Tischgenossen seines Leidens-(opfers). Er ist nun nicht mehr im Leiden, sondern in der Glorie seines Vaters wird er verherrlicht von den Engeln und von den Menschen. Und die Leiden von uns allen hat er übernommen auf seine leidlose Gottheit.

Diese Hoffnung unseres Glaubens wollen wir wie einen sicheren Anker (Hebr. 6, 19) bewahren in unserer Seele und in unserem Leibe. Wie die Säule die Stütze des Gebäudes ist, so ist der Glaube des Menschen seine Grundfeste vor Gott. In dieser Zuversicht kann er rufen und sprechen: „Vergib uns unsere Schulden, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.“

Das ist ein wahres Gebet, vernünftig und wirksam. Wenn du deine Forderungen nicht von deinem Nächsten für dich verlangst, dann wird Gott auch dir alle Übertretungen erlassen zur Befreiung von Sünden. Höre, was Petrus vom Herrn vernahm: Er wollte die Verfehlungen des Bruders siebenmal verzeihen, unser Herr aber erklärte siebzigmal siebenmal. Petrus stellte als Mensch eine Grenze auf; unser Herr bestimmte für die Wohltätigkeit der Menschenliebe seiner Gottheit keine Grenze. Immerdar sündigen wir in unseren Worten und Werken; Gott sieht es und schaut hinweg, um uns in seiner Langmut zur Buße zu führen (Röm. 3, 4). Nicht zu sündigen ist Sache des Menschen in vollendeter Gerechtigkeit. Wenn man aber wie ein Mensch gesündigt hat, so beeile man sich, in Zerknirschung Buße zu tun. Offen stehen die Pforten seiner Erbarmung. Er verschließt sie nicht vor jenen, die Buße tun. Besonders diejenigen, welche voll Glauben zu beten wissen, die können auch mit Tugend stärke sich üben in den Anstrengungen des Geistes. Diese vergeben nicht nur ihren Nächsten die Schulden, sondern verteilen auch den Bedürftigen, was sie besitzen. Gottes Kraft ist es, die sie zur Tugend leitet, wie es auch die Alten getan haben. „Wer immer“, so sagt (die Schrift) „Felder und Äcker und Güter besaß, verkaufte seine Besitztümer und brachte (den Preis) und legte ihn zu Füßen der Apostel“ (Apg. 4, 34 f.). Unser Herr schickte sie aus als Prediger seines Wortes. Sie waren Prediger des Wortes und Verwalter der Güter. Der Schall des Wortes klang ans Ohr und die Liebe zum Höheren lehrte ohne Worte die Freigebigkeit. Nicht als ob sie die Verarmung hätten herbeiführen wollen, sondern sie begehrten zur himmlischen Größe anderer Art zu gelangen. Auch du sollst, wenn du dem Nächsten seine Schuld erlassest, dies tun, nicht als hassest du dein Eigentum, sondern daß um deiner geringen Barmherzigkeit, die du übtest, Gott dir deine vielfältigen Verschuldungen, die du vor ihm hast, erlasse. Folge diesem Worte! Wenn du deinem Nächsten Nachlaß gewährst, wirst auch du des Nachlasses würdig werden.

Mit Vertrauen öffnest du deinen Mund und sprichst: „Führe mich nicht in Versuchung, sondern erlöse mich vom Bösen.“ Es ist nicht der Wille Gottes, den Menschen in Versuchung zu führen, sondern ihn aus der Versuchung zu retten und ihn vom Tode zu erlösen. Denn er, der seinen Sohn nicht geschont hat, sondern ihn für uns alle in den Tod gab, schenkte durch ihn allen alles Gute, welches sie von ihm erbitten. Wenn es auch nicht in unserer Macht liegt, Gott zu vergelten, so wollen wir es doch nicht vernachlässigen, soweit es in unserer Kraft liegt. Unsere Mäßigkeit wird uns als Fasten gerechnet, und der mäßige Trank als Enthaltung vom Weine; geringe Kleidung als Abhärtung und notdürftiger Besitz als Armut. Um der Seligkeit willen milde werden, dem Nächsten Sanftmut lehren. Können wir nicht leben ohne Schlaf, so wollen wir uns doch nicht die ganze Nacht dem Schlafe ergeben, damit wir nicht ganz des Psalmgebetes und des Lobpreises vergessen. Wenn wir die Not der Armen nicht stillen können, so wollen wir ihnen doch den Bissen und den Labtrunk nicht verkürzen. In unserm Besitz soll sich nichts finden, was aus der Beraubung von Witwen und Waisen stammt. Was immer in unserem Besitze ist, das sei Gott geweiht. Dann werden wir selbst ein ihm gefälliges und angenehmes Opfer sein. Für alle geziemt es sich, eifrig zu sein in der tätigen Erfüllung der Gebote Gottes, für Männer und Frauen, für Knechte und Freie. Denn unser Herr ist gekommen wegen der Nachlassung gegen alle. Seiner Menschenliebe gebührt Ruhm, Herrschaft und Ehre jetzt und in alle Ewigkeit! Amen.

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