55 ausführliche Regeln in Frage und Antworten

Von Basilius von Cäsarea (379)

1. Inhalt der Einleitung

In der Einleitung fordert er die versammelten Brüder auf, die Zurückgezogenheit zu benutzen, um für das Heil ihrer Seele zu sorgen, die Lauheit abzulegen und die Bekehrung nicht von einem Tage aus den andern zu verschieben damit sie, wenn der Herr käme, nicht unvorbereitet gefunden würden. Die Zeit der Buße ist auf diese Welt beschränkt, hier hilft Gott den sich Bekehrenden, hier zeigt er noch seine Langmuth, im Jenseits zeigt er sich nur als strenger und gerechter Richter. (1) Es genügt nicht, mit Worten nach dem Himmelreiche zu verlangen, sondern man muß sich keine Mühe um dasselbe verdrießen lassen. Wer nicht säet, kann nicht ernten, wer keinen Weinberg pflanzt, keine Traube lesen, wer nicht kämpft, keine Siegeskränze beanspruchen. Auch kommt es darauf an, daß wir so handeln, wie es der Herr geboten hat, und uns nicht damit begnügen, das eine oder andere Gebot zu erfüllen oder mit dem einen oder andern Talente zu wirthschaften, sondern wir müssen alle Gebote halten alle Talente gebrauchen, wie denn der Herr auch geboten hat, Alles zu halten, was er befohlen. Eine böse That macht alle vorhergebrachten guten Thaten unnütz. Von vielen Krankheiten frei sein nützt Nichts, wenn der Leib von einer verzehrt wird. (2) Daß es Nichts nützt, das eine oder andere Gebot zu halten, zeigt das Beispiel des seligen Petrus, der trotz seiner vielen guten Werke keinen Theil am Herrn haben sollte, wenn er sich nicht waschen ließe. Freilich heißt es: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden;“ aber es heißt auch: „Nicht ein Jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen.“ Auch arbeitet der, welcher den Willen des Herrn nicht so thut, wie Gott will, vergebens, er hat seinen Lohn dahin. Auf dreifache Weise nun wird der Mensch zur Erfüllung der Gebote bewogen: entweder aus Furcht vor der Strafe, oder zur Erlangung des Lohnes, oder aus Liebe zum Gesetzgeber. Der Letzte aber wird allein selig gepriesen. (3) Um so mehr müssen alle Gebote gehalten werden, weil, wie die Schrift sagt, durch jede Übertretung Gott verunehrt wird. Wer daher die Lüste des Lebens der Erfüllung der Gebote vorzieht, wird an den Freuden der Engel und Heiligen keinen Theil haben, Niemand wird Siegern und Nichtkämpfern gleiche Kränze zuerkennen, um so weniger der gerechte Gott, der Jedem nach seinen Werken vergilt. Barmherzigkeit und Gerechtigkeit gehen bei ihm immer Hand in Hand. Seine Güte und Barmherzigkeit soll uns nicht zur Trägheit, sondern zur Buße führen; der Verstockte wird seinem Zorne nicht entgehen. Also alle Gebote Gottes muß der Mensch erfüllen, wenn er selig werden will; denn nur so kann er zur Vollkommenheit gelangen. Worin sich Jemand schwach fühlt, das möge er der gemeinsamen Berathung der Brüder vorlegen. Wie Basilius die Pflicht hat, das Evangelium zu verkündigen, so müssen die übrigen forschen und die Vorschriften mit Eifer beobachten, damit nicht Joh. 12, 48 und Luk. 12, 47. 48 an ihnen erfüllt werde.

2. Inhalt der Regeln

1. Ordnung und Reihenfolge der Gebote. 2. Liebe gegen Gott; der Mensch hat von Natur Neigung und Kraft, die Gebote zu erfüllen. 3. Nächstenliebe. 4. Furcht Gottes. 5. Beständigkeit des Geistes. 6. Nothwendigkeit, in Zurückgezogenheit zu leben. 7. Zusammenleben mit Gesinnungsgenossen; Gefahr des einsamen Lebens. 8. Entsagung. 9. Wer sich dem Herrn weiht, braucht sein Vermögen nicht den Verwandten zu überlassen. 10. Wie bei Aufnahme neuer Mitglieder zu verfahren. 11. Knechte. 12. Aufnahme Verheiratheter. 13. Stillschweigen. 14. Solche, welche ihre Gelübde nicht mehr halten wollen. 15. Aufnahme und Unterricht der Knaben; Gelübde der Keuschheit. 16. Enthaltsamkeit. 17. Enthalten vom Lachen. 18. Gleichgültigkeit in Beziehung auf Speise. 19. Maß der Enthaltsamkeit. 20. Bewirthung der Gäste. 21. Benehmen bei den Mahlzeiten. 22. Kleidung. 23. Gürtel. 24. Zusammenleben. 25. Pflicht des Vorstehers, die Fehlenden zu strafen. 26. Selbst die geheimen Gedanken sind dem Vorsteher mitzutheilen. 27. Irrt der Vorsteher, so haben ihn die Vornehmsten der Brüder zu ermahnen. 28. Wie ein Ungehorsamer zu behandeln ist. 29. Wie ein Stolzer und Unzufriedener. 30. Gesinnung des Vorgesetzten bei der Sorge für die Brüder. 31. Den vom Vorgesetzten gegebenen Auftrag muß Jeder nachahmen. 32. Benehmen gegen Blutsverwandte. 33. Unterhaltung mit den Schwestern. 34. Ökonomen der Bruderschaft. 35. Ob in deinem Dorfe mehrere Bruderschaften zugleich bestehen dürfen. 36. Aus der Bruderschaft Austretende. 37. Ob des Gebets wegen die Arbeiten vernachläßigt werden dürfen. 38. Welche Handarbeiten angemessen sind. 39. Verkauf der Arbeiten und Reisen. 40. Der Verkauf darf nicht stattfinden, wo die Menschen zur Verehrung der Martyrer zusammenkommen. 41. Befehl und Gehorsam. 42. Gesinnung bei der Arbeit. 43. Eigenschaften der Vorsteher und wie sie die Brüder leiten sollen. 44. Welchen die Reisen zu übergeben und wie sie nach ihrer Rückkehr zu fragen sind. 45. Stellvertreter des Vorstehers. 46. Niemand darf des Bruders, oder seine eigenen Sünden dem Vorsteher verbergen. 47. Über die den Verordnungen des Vorstehers nicht Nachkommenden. 48. Über die Verwaltung des Vorstehers ist nicht vorwitzig nachzugrübeln. 49. Uneinigkeiten in der Bruderschaft. 50. Wie der Vorgesetzte strafen soll. 51. Wie das Vergehen zu bessern ist. 52. Wie die Strafen zu erdulden sind. 53. Wie die Lehrmeister die fehlenden Knaben zurechtweisen sollen. 54. Die Vorsteher der Bruderschaft haben mit einander Rath zu nehmen. 55. Ob es der Frömmigkeit entspricht, von der Heilkunde Gebrauch zu machen.

Die Einleitung zu den ausführlichen Regeln

Da wir durch die Gnade Gottes im Namen unsers Herrn Jesus Christus zusammengekommen sind, die wir uns einen gottseligen Wandel als ein und dasselbe Lebensziel vorgesetzt haben, und ihr deutlich zeigt, daß ihr Etwas für euer Seelenheil zu lernen begehrt, es mir aber obliegt, die Gerichte Gottes vorzutragen, Tag und Nacht der Worte des Apostels eingedenk: „Drei Jahre lang, Tag und Nacht habe ich nicht aufgehört, mit Thränen zu ermahnen einen Jeden von euch;“da ferner die gegenwärtige Zeit für uns die geeignetste ist und dieser Ort eine von dem äusseren Getümmel ganz ungestörte Ruhe und Muße gewährt, so lasset uns mit einander beten, auf daß wir unseren Mitknechten den zugemessenen Weizen spenden, ihr aber das Wort aufnehmet als das gute Erdreich und vollkommene und vielfältige Frucht bringet in Gerechtigkeit, wie geschrieben steht. Ich fordere euch nun auf bei der Liebe unsers Herrn Jesus Christus, der sich für unsere Sünden hingegeben hat, laßt uns doch einmal die Sorge richten auf unsere Seelen, laßt uns betrauern die Eitelkeit des früheren Lebens, lasset uns kämpfen für die zukünftigen Güter zur Ehre Gottes und seines Gesalbten und des anbetungswürdigen und heiligen Geistes. Lasset uns nicht verharren in dieser Leichtfertigkeit und Lauheit, stets leichtsinnig die gegenwärtige Zeit vergeudend und den Anfang der Werke auf den morgigen und folgenden Tag verschiebend, damit wir später nicht von dem, welcher unsere Seelen fordert, leer an guten Werken gefunden und von der Freude des Brautgemachs ausgeschlossen werden und dann nicht vergebens und unnütz weinen und die schlecht verwendete Zeit beklagen, wann die Reue Nichts mehr frommt. „Jetzt ist die gnadenreiche Zeit,“ sagt der Apostel, „jetzt ist der Tag des Heils.“Dieses ist die Zeit der Buße, jenes die der Vergeltung; dieses die Zeit der Geduld, jene die des Trostes. Jetzt hilft Gott Denjenigen, die sich von dem bösen Wege bekehren, dann ist er ein schrecklicher und nicht zu täuschender Untersucher der menschlichen Handlungen, Worte und Gedanken. Jetzt genießen wir seine Langmuth, dann werden wir sein gerechtes Gericht kennen lernen, wann wir auferstehen, die Einen zur ewigen Strafe, die Andern zum ewigen Leben, und Jeder empfängt nach seinen Werken. Auf welche Zeit verschieben wir denn den Gehorsam gegen Christus, der uns zu seinem himmlischen Reiche berufen hat? Werden wir nicht zur Besinnung kommen, uns nicht von dem gewohnten Wandel zur Befolgung des Evangeliums zurückrufen? Werden wir uns nicht jenen schrecklichen und erhabenen Tag des Herrn vor Augen stellen, an welchem Diejenigen, welche wegen ihrer Werke zur Rechten des Herrn treten, das Himmelreich empfangen, die aber, welche aus Mangel an guten Werken zur Linken verstoßen werden, höllisches Feuer und ewige Finsterniß umgeben wird? „Da wird sein,“ heißt es, „Heulen und Zähneknirschen.“

Freilich sagen wir, wir verlangten nach dem Himmelreiche, kümmern uns aber um Das nicht, wodurch wir es erlangen, sondern obgleich wir für das Gebot des Herrn uns keiner Mühe unterziehen, wähnen wir doch in der Eitelkeit unsers Sinnes gleicher Ehren mit Jenen gewürdigt zu werden, die bis zum Tode der Sünde widerstanden haben. Wer hat denn, wenn er zur Zeit der Aussaat zu Hause saß oder schlief, zur Zeit der Ernte den Schooß mit Garben gefüllt? wer von einem Weinberge, den er nicht pflanzte und bearbeitete, Trauben gelesen? Wer die Arbeit gethan, dessen sind auch die Früchte; die Ehren und Kränze gebühren den Siegern. Wer wird denn jemals den krönen, der sich nicht einmal gegen den Widersacher gerüstet hat, zumal man nicht allein siegen, sondern auch nach dem Apostel gesetzmäßig kämpfen, d. h. kein Titelchen der Vorschriften vernachläßigen darf, sondern jedes so thun muß, wie es uns geboten ist. „Denn selig,“ heißt es, „ist jener Knecht, den der Herr wenn er kommt, findet,“ nicht daß er überhaupt handelt, sondern, „daß er so handelt.“ Ferner: „Wenn du zwar recht opferst, das Opfer aber nicht recht austheilst, so sündigst du.“Wir aber, wenn wir nur ein Gebot erfüllt zu haben glauben, — denn ich möchte nicht sagen, wir hätten es erfüllt, zumal sie nach dem gesunden Sinne der Schrift alle in so engem Zusammenhange stehen, daß mit der Übertretung eines auch nothwendig die andern übertreten werden, — erwarten nicht den Zorn wegen der übertretenen, sondern gewärtigen die Liebkosungen wegen des einen, welches wir erfüllt haben. Wer von den zehn Talenten, die ihm anvertraut worden sind, eines oder zwei zurückbehält, die andern aber zurückgibt, wird wegen Rückgabe der mehrern nicht für rechtschaffen angesehen, sondern er wird wegen Zurückhaltung der wenigen der Ungerechtigkeit und Habsucht bezichtigt. Was spreche ich von Zurückhaltung? Ja ist Jemandem ein Talent anvertraut, und er gibt es ganz und unversehrt zurück, so wird er verurtheilt, weil er zu dem verliehenen Nichts hinzugewonnen hat. Wer seinen Vater zehn Jahre hindurch geehrt, ihm später aber nur einen Schlag versetzt hat, der wird wegen seiner guten Handlung nicht gepriesen, sondern als Vatermörder verdammt. „Gehet,“ spricht der Herr, „und lehret alle Völker“ und lehret sie nicht das Eine halten, das Andere aber vernachlässigen, sondern „Alles halten, was ich euch befohlen habe.“ Und der Apostel schreibt in ähnlicher Weise: „Wir geben Niemandem irgend Anstoß, damit unser Amt nicht gelästert werde, sondern in Allem erweisen wir uns als Diener Gottes.“ Denn wären uns nicht alle Gebote zur Erlangung der Seligkeit nothwendig, so hätte man sie wohl nicht alle aufgeschrieben noch alle nothwendig zu halten befohlen. Was nützen mir alle übrigen guten Werke, wenn ich dadurch, daß ich den Bruder einen Narren heisse, des ewigen Feuers schuldig werde? Was nützt es, von den Übrigen in Freiheit gelassen zu werden, wenn man von Einem in Knechtschaft gehalten wird? „Denn wer Sünde thut,“ heißt es, „ist ein Sklave der Sünde.“ Was für ein Gewinn ist es, von vielen Krankheiten frei zu sein, wenn der Leib von einer verzehrt wird?

Nun denn, wird man sagen, wird der größte Theil der Christen, da er nicht alle Gebote hält, einige ohne Nutzen beobachten? Hierbei ist es gut des seligen Petrus zu bedenken, der, nachdem er so viele Werke vollbracht, so viele Seligpreisungen empfangen hatte, eines Vergehens wegen hörte: „Wenn ich dich nicht wasche, so hast du keinen Theil an mir.“ Ich brauche nicht zu sagen, daß Dieses keineswegs ein Beweis von Leichtsinn oder Verachtung, sondern vielmehr ein Ausdruck der Ehrfurcht und Hochachtung war. Aber, wird man sagen, es steht doch geschrieben: „Jeder, der den Namen des Herrn anruft, wird gerettet werden,“ so daß schon die Anrufung des Namens des Herrn dem Anrufenden zur Seligkeit genügt. Aber dieser höre auch den Apostel sprechen: „Wie werden sie den anrufen, an den sie nicht glauben?“ Glaubst du aber, so höre den Herrn sagen: „Nicht Jeder, der zu mir sagt: Herr, Herr, wird in das Himmelreich eingehen, sondern wer den Willen meines Vaters thut, der im Himmel ist.“ Hat doch auch Derjenige, der den Willen des Herrn thut, aber nicht so, wie es Gott will, und nicht aus inniger Liebe zu Gott, seinen Eifer zur Arbeit vergebens aufgewendet, selbst nach dem Ausspruche unsers Herrn Jesus Christus, welcher sagt: ,,Sie thun es, um von den Menschen gesehen zu werden. Wahrlich ich sage euch, sie haben ihren Lohn dahin.“ Hierdurch wurde auch der Apostel Paulus bewogen zu sagen: „Und wenn ich alle meine Güter unter die Armen austheilte, und wenn ich meinen Leib zum Verbrennen hingäbe, hätte aber die Liebe nicht, so nützte es mir Nichts.“ Überhaupt sehe ich drei Beweggründe, die unausweichlich zum Gehorsam zwingen. Denn entweder vermeiden wir das Böse aus Furcht vor der Strafe und sind knechtisch gesinnt, oder wir erfüllen die Gebote, die Früchte des Lohnes suchend, zu unserm eigenen Nutzen, und gleichen darin den Miethlingen, oder weil es an sich gut ist und aus Liebe zu Demjenigen, der uns das Gebot gegeben hat, indem wir uns freuen, daß wir gewürdigt worden sind, einem so glorreichen und guten Gotte zu dienen, und haben so eine kindliche Gesinnung. Daher wird denn auch Derjenige, welcher die Gebote aus Furcht erfüllt und immer die Strafe der Versäumniß vor Augen hat, nicht das Eine des ihm Gebotenen thun und das Andere vernachläßigen, sondern die Strafe für jede Vernachläßigung in gleicher Weise für schrecklich ansehen. Und deßwegen wird der selig gepriesen, der sich Allem in kindlicher Furcht unterwirft, in der Wahrheit fest steht und sagen kann: „Ich sehe den Herrn unabläßig vor meinen Augen, denn er ist zu meiner Rechten, damit ich nicht wanke,“ als habe er sich vorgesetzt, Nichts von dem, was seine Pflicht ist, zu vernachläßigen. Ferner: „Selig der Mann, welcher den Herrn fürchtet.“ Warum? „Denn er hat an dessen Geboten sein Wohlgefallen.“ Daher denn freilich Diejenigen, welche den Herrn fürchten, kein Gebot vernachläßigen oder saumselig erfüllen; selbst nicht einmal der Miethling wird eine Vorschrift übertreten wollen. Denn wie wird er den Lohn für die Pflege des Weinbergs empfangen, wenn er nicht Alles, was dazu gehört, erfüllt hat? Denn läßt er es nur in einem Stücke an dem nothwendigen fehlen, so macht er den Weinberg für den Besitzer unnütz. Wer aber wird dem Urheber des Schadens noch einen Lohn für den Schaden geben? Der dritte Beweggrund war der Gehorsam aus Liebe. Welcher Sohn nun, der die Absicht hat seinem Vater wohl zu gefallen, wird ihn in größeren Dingen erfreuen, in noch so kleinen aber betrüben wollen? um so mehr, wenn er sich an den Apostel erinnert, der sagt: „Und betrübet nicht den heiligen Geist, mit welchem ihr versiegelt seid.“

Auf welche Seite wollen denn nun die gestellt werden, welche die meisten Gebote übertreten, weder Gott als Vater ehren noch ihm, der Großes verheißt, glauben noch ihm als Herrn dienen? „Denn bin ich der Vater,“ sagt er „wo ist meine Ehre, und bin ich der Herr, wo ist die Furcht vor mir?“  „Denn wer den Herrn fürchtet, hat an dessen Geboten sein Wohlgefallen.“ „Durch die Übertretung des Gesetzes aber entehrst du Gott,“ 2 heißt es ferner. Wie sollen wir also, das Leben in sinnlicher Lust dem Leben nach dem Gebote vorziehend, Lebensseligkeit, Gleichstellung mit den Heiligen und die Freuden der Engel vor dem Angesichte Gottes uns versprechen? Das sind Einbildungen eines wahrhaft thörichten Sinnes. Wie kann ich bei Job sein, da ich kein mich treffendes Ungemach mit Dankbarkeit aufgenommen? wie bei David, der ich mich gegen den Feind nicht langmüthig bewiesen? wie bei Daniel, der ich nicht durch stete Enthaltsamkeit und eifriges Gebet Gott gesucht? Wie bei einem der Heiligen, da ich nicht in ihren Fußtapfen gewandelt habe? Welcher Kampfrichter handelt so unüberlegt, daß er den Sieger und den, der nicht gekämpft hat, gleicher Kränze für würdig hält? Welcher Feldherr hat jemals die, welche nicht einmal in der Schlacht erschienen, zu gleichem Beuteantheil mit den Siegern gerufen? Gott ist gut, aber auch gerecht. Des Gerechten Vergeltung geschieht nach Verdienst, wie geschrieben steht: ,,Thue Gutes, o Herr, den Guten und welche aufrichtig im Herzen sind. Die aber, welche abweichen auf krumme Wege, wird der Herr fortführen mir den Übelthätern.“ 3 Er ist barmherzig, aber auch Richter. Wir dürfen Gott nur nicht halb kennen noch von seiner Güte Anlaß zur Trägheit nehmen. Deßhalb die Blitze, deßhalb die Donner, damit seine Güte nicht verachtet werde. Der die Sonne aufgehen läßt, straft auch mit Blindheit; der den Regen gibt, läßt auch Feuer regnen. Jenes sind Zeichen seiner Güte, dieses seiner Strenge; entweder sollen wir ihn Jenes wegen lieben oder Dieses wegen fürchten, damit nicht auch zu uns gesagt werde: „Oder verachtest du den Reichthum seiner Güte, seiner Geduld und seiner Langmuth? Weißt du nicht, daß die Güte Gottes dich zur Buße treibt? Aber durch deine Verstocktheit und dein unbußfertiges Herz häufest du dir den Zorn auf den Tag des Zorns.“ Da nun also Diejenigen nicht selig werden können, welche nicht die von dem Gesetze vorgeschriebenen Werke thun, auch nicht ohne Gefahr eines der Gebote vernachläßigt wird, — denn es ist ein ungeheurer Übermuth, uns zu Richtern über den Gesetzgeber aufzuwerfen und einige Gesetze gut zu heissen, andere aber zu verwerfen, — wohlan denn, so lasset uns, die wir als Kämpfer der Frömmigkeit dieses ruhige und geschäftslose Leben gewählt haben, um uns die Beobachtung der evangelischen Lehren zu erleichtern, gemeinschaftlich dafür sorgen und dahin streben, daß uns keines der Gebote entgehe. Denn wenn der Mann Gottes vollkommen sein muß, wie geschrieben steht und in dem Vorhergehenden nachgewiesen ist, so muß er nothwendig in jedem Gebote vollkommen werden, bis zum Maße der Altersreife der Fülle Christi, 5 zumal auch nach dem göttlichen Gesetze ein deines, aber verstümmeltes Thier Gott zum Opfer nicht wohlgefällig ist. Worin sich also Jeder für mangelhaft hält, das lege er zur gemeinsamen Berathung vor. Denn durch die fleissige Forschung Mehrerer wird das Verborgene leichter gefunden, da nach dem Evangelium unsers Herrn Jesus Christus Gott offenbar durch die Belehrung und Ermahnung des heiligen Geistes uns das Gesuchte finden läßt. Wie nun mir die Nothwendigkeit obliegt und mich Wehe trifft, wenn ich das Evangelium nicht verkündige, so treibe ich auch in gleicher Weise euch, wenn ihr nachlässig seid, zur Forschung, und zeigt ihr euch schlaff und träge, zur Beobachtung dessen, was überliefert ist, und zur Werkthätigkeit an. Daher sagt der Herr: „Das Wort, welches ich geredet habe, dieses wird ihn richten am jüngsten Tage.“ Ferner: ,,Der Knecht, welcher den Willen seines Herrn nicht kannte und that, was Schläge verdiente, wird wenige Streiche bekommen; der aber, welcher ihn kannte und sich nicht nach seinem Willen richtete, wird viele bekommen.“ Laßt uns also beten, daß ich das Wort untadelhaft verkünde und die Belehrung für euch fruchtbar werde. Da wir nun wissen, daß uns die Worte der göttlichen Schrift vor dem Richterstuhle Christi vorgestellt werden, —„denn ich will dich tadeln,“ heißt es, „und deine Sünden dir vor Augen stellen,“ — so laßt uns mit Sorgfalt auf die Worte achten und eilen, die göttlichen Werke eifrig ins Werk zu setzen, da wir nicht wissen, an welchem Tage oder zu welcher Stunde der Herr kommt.

Die fünfundfünfzig ausführlichen Regeln in Form von Frage und Antwort

1. Frage

Erste Frage:

Von der Ordnung und Reihenfolge der Gebote Gottes.

Da uns die Schrift die Erlaubniß zu fragen gegeben hat, so möchten wir vor Allem zuerst darüber belehrt werden, ob in den Geboten Gottes eine gewisse Ordnung und Aufeinanderfolge herrscht, so daß ein Gebot das erste, ein anderes das zweite u. s. w. sei, ob alle mit einander zusammenhängen und rücksichtlich des Ranges alle einander gleich sind, so daß man ohne Bedenken, wie in einem Kreise anfangen kann, wo man will.

Antwort:

Eure Frage ist alt und schon früher in den Evangelien gestellt worden, „als ein Gesetzlehrer zum Herrn kam und sagte: Meister, welches ist das erste Gebot in dem Gesetze? Und der Herr antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben aus deinem ganzen Herzen und aus deiner ganzen Seele, aus deiner ganzen Kraft und aus deinem ganzen Gemüthe. Dieses ist das erste Gebot; das andere ist ihm gleich: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Also hat der Herr selbst seinen Geboten die Ordnung angewiesen. Das erste und größte Gebot hat er auf die Liebe gegen Gott beschränkt: als zweites in der Ordnung und jenem gleich, oder vielmehr als Ergänzung des vorigen und von ihm abhängig hat er die Nächstenliebe aufgestellt; demnach läßt sich aus dem Gesagten und aus anderen ähnlichen Stellen der göttlichen Schriften die Ordnung und Reihenfolge bei allen Geboten des Herrn entnehmen.

Zweite Frage:

Von der Liebe zu Gott, und daß die Menschen von Natur aus einen Zug und die Kraft für Gottes Gebote besitzen.

Sprich uns nun zuerst von der Liebe gegen Gott, denn daß wir Gott lieben müssen, haben wir gehört, wünschen aber zu erfahren, wie es auf die rechte Weise geschieht.

Antwort 1.

Antwort:

Die Liebe gegen Gott kann nicht gelehrt werden. Denn wir haben auch von keinem Andern gelernt, uns des Lichts zu freuen und das Leben zu schätzen, noch hat uns Jemand gelehrt, die Eltern oder Ernährer zu lieben. Ebenso nun oder noch viel weniger läßt sich die Liebe Gottes von aussen her lernen, sondern es ist zugleich mit der Schöpfung des lebenden Wesens, des Menschen nämlich, in uns ein gewisser Keim gelegt, der von Haus aus die Triebe enthält, sich die Liebe anzueignen. Diesen übernahm die Schule der göttlichen Gebote, pflegte ihn mit Sorgfalt, nährte ihn mit Wissenschaft und führte ihn mit Gottes Gnade zur Vollkommenheit. Deßhalb billigen wir denn auch euren Eifer als zum Zwecke nothwendig und werden mit Gottes Hilfe und von euren Gebeten unterstützt den in euch verborgenen Keim der Liebe gemäß der uns vom heiligen Geiste verliehenen Kraft zu wecken suchen. Indessen muß man wissen, daß Dieß nur eine Tugend ist, aber solche Kraft besitzt, daß sie jedes Gebot erfüllt und in sich schließt: „Denn wer mich liebt,“ sagt der Herr, „der wird meine Gebote halten.“ Und ferner: „An diesen beiden Geboten hangen das ganze Gesetz und die Propheten.“ Jetzt aber wollen wir uns in keine weitläufige Abhandlung darüber einlassen, — denn wir würden sonst, ohne es zu bemerken, die ganze Lehre über die Gebote hier zusammenfassen, — sondern soviel uns angemessen und dem gegenwärtigen Zwecke entspricht, wollen wir euch an die Liebe erinnern, die wir Gott schuldig sind, indem wir Dieses vorausschicken, daß wir bezüglich aller Gebote, die uns von Gott gegeben sind, auch von ihm im Voraus die Kräfte empfangen haben, sie zu erfüllen, damit wir uns nicht beklagen, als werde etwas Aussergewöhnliches von uns verlangt, noch uns überheben können, als brächten wir mehr ein, als gegeben worden. Und wenn wir diese Kräfte richtig und gehörig gebrauchen, so führen wir ein tugendhaftes und frommes Leben; zerstören wir aber ihre Wirksamkeit, so stürzen wir uns in das Laster. Und Folgendes ist die Definition von Laster, es ist der schlechte und dem Gebote des Herrn widersprechende Gebrauch der von Gott uns zum Guten verliehenen Fähigkeiten; ebenso ist nun die Definition von der Tugend, die Gott von uns verlangt, der Gebrauch jener Fähigkeiten in guter Absicht und dem Gebote des Herrn gemäß. Da nun Dieses so ist, so müssen wir auch Dasselbe von der Liebe sagen. Wir haben also das Gebot empfangen, Gott zu lieben, und besitzen die Kraft zu lieben, welche sofort bei der Schöpfung in uns gelegt ist; auch gibt es dafür keinen äusserlichen Beweis, sondern Jeder kann das von sich selbst und in sich selbst erkennen. Denn von Natur verlangen wir nach dem Schönen, obwohl meistens Jedem etwas Anderes schön zu sein scheint, und lieben ohne Unterricht, was zur Familie und Verwandtschaft gehört, wie wir den Wohlthätern aus freien Stücken alles Wohlwollen erweisen. Was ist nun bewunderungswürdiger als die göttliche Schönheit? welcher Gedanke angenehmer als der an die Herrlichkeit Gottes? welches Verlangen der Seele ist so stark und gewaltig als dasjenige, welches von Gott der von allem Bösen gereinigten Seele eingeflößt wird, so daß sie in wahrem Gefühle sagen kann: „Ich bin verwundet von Liebe“? Der Glanz der göttlichen Schönheit läßt sich weder irgend aussprechen noch erklären; keine Rede schildert ihn, kein Ohr faßt ihn. Nennst du den Glanz des Morgensterns, die Klarheit des Mondes und das Licht der Sonne, so sind sie alle verächtlich im Vergleiche mit jener Herrlichkeit und stehen, mit dem wahren Lichte verglichen, hinter diesem weiter zurück als die tiefe, traurige mondlose Nacht hinter dem hellsten Mittag. Diese Schönheit ist unsichtbar den fleischlichen Augen und kann nur von der Seele und dem Gedanken erfaßt werden. Umstrahlte sie irgend einen der Heiligen und ließ sie einen unerträglichen Stachel zurück, so wurden sie des Lebens hienieden überdrüssig und sagten: „Wehe mir, daß meine Pilgerschaft verlängert ist.“ „Wann werde ich kommen und erscheinen vor dem Angesichte Gottes?“ Und ferner „Aufgelöst zu werden und bei Christus zu sein, Dieß ist das viel Bessere.“ Ferner: „Meine Seele dürstet nach Gott, dem starken, lebendigen.“ Endlich: „Nun entlässest du deinen Diener, o Herr.“ Da Denjenigen, deren Seelen die göttliche Sehnsucht ergriffen hatten dieses Leben beschwerlich wie ein Kerker war, so konnten sie in ihrem Drange kaum zurückgehalten werden. Und unersättlich in dem Anschauen der göttlichen Schönheit fleheten sie, es möchte aus das ganze ewige Leben das Anschauen der Lieblichkeit des Herrn ausgedehnt werden. So als sehnen sich die Menschen von Natur nach dem Schönen. Das wirklich Schöne und Liebenswürdige ist aber das Gute. Gut aber ist Gott, und nach dem Guten trägt Alles Verlangen, also trägt Alles Verlangen nach Gott.

Es liegt demnach von Natur in uns, aus freier Wahl das Gute zu thun wenn wir nicht aus Bosheit in unseren Gesinnungen verkehrt sind. Daher wird die Liebe gegen Gott als eine nothwendige Schuld von uns gefordert, deren Mangel für die Seele das unerträglichste aller Übel ist. Denn die Trennung und Abkehr von Gott ist unerträglicher als die zukünftigen Höllenstrafen und für den davon Betroffenen beschwerlicher als für das Auge die Beraubung des Lichtes, auch wenn kein Schmerz damit verbunden ist, und für das Lebendige die Entziehung des Lebens. Wenn aber schon die Kinder von Natur ihre Eltern lieben, wie Dieses sowohl das Benehmen der unvernünftigen Thiere als auch die Zuneigung der Menschen in den ersten Jahren zu den Müttern zeigt, so dürfen wir uns doch nicht unvernünftiger als die Unmündigen und wilder als die Thiere dadurch erweisen, daß wir uns lieblos und fremd gegen unsern Schöpfer benehmen, den wir, auch wenn wir nicht wissen, wie gut er ist, schon deßwegen über die Maßen lieben müssen, weil er uns erschaffen hat, und stets ihm anhangen und an ihn denken müssen wie die kleinen Kinder an ihre Mütter. Unter Denjenigen, welche ein natürlicher Zug zu lieben nöthigt, steht der Wohlthäter oben an, und dieser Trieb findet sich nicht ausschließlich bei den Menschen, sondern auch fast alle Thiere fühlen sich zu denen hingezogen, die ihnen Gutes erwiesen haben. „Es kennt,“ heißt es, „der Ochs seinen Eigenthümer und der die Krippe seines Herrn.“ Es sei aber ferne, daß uns das Folgende gesagt werde: „Israel aber kennt mich nicht, und mein Volk versteht mich nicht.“ Denn was soll ich vom Hunde und vielen andern Thieren der Art sagen, die eine so große Erkenntlichkeit gegen ihre Ernährer zeigen? Fühlen wir uns aber von Natur in Wohlwollen und Liebe zu den Wohlthätern hingezogen und unterziehen wir uns jeder Anstrengung, um die uns zuvor bewiesenen Wohlthaten zu vergelten; welche Rede könnte dann wohl die Geschenke Gottes würdig schildern? Ihre Menge ist so groß, daß sie nicht gezählt werden kann, und ausserdem sind sie derart, daß schon eine hinreicht, um dem Geber unsern ganzen Dank darzubringen. Ich will die übrigen Geschenke übergehen, die, wenn sie auch überschwenglich groß und wohlthuend sind, dennoch von den größern wie die Sterne von den Sonnenstrahlen übertroffen werden und daher ihre Wohlthätigkeit nicht genugsam erkennen lassen. Denn ich habe keine Zeit mit Übergehung der größeren noch der kleineren Geschenke die Güte des Wohlthäters zu bemessen.

Schweigen wir also von dem Ausgange der Sonne, den Wandelungen des Mondes, den Veränderungen der Luft, den Wechseln der Jahreszeiten, dem Wasser der Wolken und dem andern der Erde, selbst dem Meere und der ganzen Erde, den Geschöpfen der Erde und der Gewässer, sowie der Lust, von den tausend verschiedenen Thieren und Allem, was zum Gebrauche unsers Lebens bestimmt ist. Allein Folgendes können wir, auch wenn wir wollen, nicht übergehen, und überhaupt kann Niemand, dessen Verstand und Vernunft gesund sind, diese Wohlthat verschweigen; noch unmöglicher ist es aber, sie nach Verdienst zu schildern, die Wohlthat nämlich, daß Gott den Menschen nach seinem Bilde und seiner Ähnlichkeit erschaffen, ihn seiner Erkenntniß gewürdigt, ihn vor allen lebenden Wesen mit Vernunft ausgestattet hat, ihn sich der unaussprechlichen Schönheiten des Paradieses erfreuen ließ und ihn zum Herrn aller irdischen Dinge einsetzte; dann aber, als er von der Schlange verführt in die Sünde gefallen war und durch die Sünde in den Tod und das seiner würdige Elend, ihn doch nicht verließ, sondern ihm sofort ein Gebot zu seiner Hilfe gab, Engel zu seiner Bewachung und Beschützung ausstellte, Propheten zur Widerlegung der Bosheit und zur Lehre der Tugend sandte, die Angriffe der Bosheit durch Drohungen niederhielt, das Verlangen nach dem Guten durch Verheissungen anregte, das Ende von Beidem oft an verschiedenen Personen zur Warnung der übrigen vorherzeigte und trotzdem, daß wir bei Diesem allen im Ungehorsame verharrten, sich dennoch nicht ab wendete. Denn wir sind von der Güte des Herrn nicht verlassen und haben seine Liebe nicht auslöschen können, obgleich wir durch Gefühllosigkeit gegen seine Wohlthaten den Wohlthäter hart kränkten, vielmehr sind wir vom Tode zurückgerufen und dem Leben wiedergegeben durch unsern Herrn Jesus Christus. Dabei ist die Art der Wohlthat noch bewunderungswürdiger: „Denn da er in Gottes Gestalt war, hielt er es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern er entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an.“

Auch hat er unsere Schwachheiten auf sich genommen, unsere Krankheiten getragen und ist für uns verwundet worden, damit wir durch seine Striemen geheilt würden; auch hat er uns von dem Fluche erlöst, indem er für uns zum Fluche, wurde, und den schmachvollsten Tod erduldet, um uns zu dem herrlichen Leben zurückzuführen. Und es genügte ihm nicht allein, uns, die wir todt waren, wieder zum Leben zu erwecken, sondern er verlieh uns auch die Würde seiner Gottheit und bereitete uns die ewige Ruhe, welche an Größe der Freude alle menschlichen Gedanken übersteigt. Was nun wollen wir dem Herrn vergelten für Alles, was er uns gethan hat? Er ist sogar so gütig, daß er nicht einmal eine Vergeltung fordert, sondern er ist zu frieden, wenn er für Das, was er gegeben hat, nur geliebt wird. Wenn ich alles Dieses überdenke, so gerathe ich — um mein Gefühl auszusprechen — in Schrecken und furchtbare Unruhe, ich möchte einmal aus Unachtsamkeit oder durch die Beschäftigung mit eiteln Dingen die Liebe Gottes verlieren und Christo zur Schmach werden. Denn Derjenige, welcher uns jetzt verführt und alle List aufbietet, uns durch die weltlichen Lockungen zu bewegen, unsers Wohlthäters zu vergessen, zum Verderben unserer Seele auf uns losstürmt und uns angreift, wird einst unsere Verachtung als eine Schmach für den Herrn darstellen und sich unsers Ungehorsams und Abfalls rühmen; er, der uns weder geschaffen hat noch für uns gestorben ist, aber uns dennoch zu seinen Genossen im Ungehorsame und in der Vernachlässigung der Gebote Gottes gehabt hat. Diese Schmach gegen den Herrn und dieses Rühmen des Feindes scheint mir härter zu sein als selbst die Höllenstrafen, weil wir dem Feinde Christi Veranlassung geben, sich zu brüsten, und eine Handhabe, sich gegen Den zu erheben, der für uns gestorben ist, und dem wir auch deßhalb größeren Dank schuldig sind, wie geschrieben steht. Doch soviel von der Liebe Gottes. Denn wie ich sagte, war es meine Absicht nicht, Alles zu erwähnen. Das ist ohnehin unmöglich, sondern ich wollte nur die Hauptsachen kurz erwähnen, um dadurch eueren Seelen ein stetes Verlangen nach Gott einzuflößen.

Dritte Frage:

Von der Liebe zum Nächsten.

Folgerichtig wäre von dem der Reihe und Bedeutung nach zweiten Gebote zu handeln.

Antwort 1.

Antwort:

Daß also das Gesetz die in uns von Natur liegenden Keime der Kräfte pflegt und nährt, ist von uns früher gesagt worden. Da uns nun geboten ist, den nächsten wie uns selbst zu lieben, so lasset uns sehen, ob wir auch die Kraft zur Erfüllung dieses Gebotes von Gott empfangen haben. Wer weiß wohl nicht, daß der Mensch ein zuthunliches und geselliges Geschöpf ist und nicht einzeln in der Wildniß lebt? Denn Nichts ist unserer Natur so eigenthümlich wie Dieses, daß wir gesellig mit einander leben, einander bedürfen und unsere Stammgenossen lieben. Wovon nun aber der Herr selbst die Keime in uns vorher gelegt hat, davon fordert er auch folgerichtig die Früchte, indem er sagt: „Ein neues Gebot gebe ich euch, auf daß ihr euch einander liebet.“ Und indem er unsere Seele zur Erfüllung dieses Gebotes anregen will, fordert er als Kennzeichen seiner Jünger nicht wunderbare Zeichen und Kräfte, — denn auch dazu hatte er ihnen im heiligen Geiste die Macht verliehen, — sondern was sagt er? „Daran werden Alle erkennen, daß ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe habt gegen einander. Und überall gibt er diesen Geboten eine solche Verbindung, daß er die Wohlthätigkeit gegen den Nächsten auf sich selbst bezieht. „Denn ich war hungrig,“ sagt er, „und ihr habt mich gespeiset u. ff.“ Dann fügt er bei: „Was ihr einem dieser meiner geringsten Brüder gethan habt, Das habt ihr mir gethan.“

Daher ist auch das erste durch das zweite zu erfüllen und durch das zweite wiederum zum ersten zurückzukehren, und wer den Herrn liebt, der liebt folglich auch den Nächsten. „Denn wer mich liebt,“ sagt der Herr, „der wird auch meine Gebote halten.“ „Das aber ist mein Gebot,“ sagt er ferner, „daß ihr euch einander liebet, wie ich euch geliebt habe. Und wiederum, wer den Nächsten liebt, der erfüllet auch die Liebe gegen Gott, indem Gott diese Wohlthat abnimmt, als sei sie ihm selbst erwiesen. Daher zeigte auch Moses, der treue Diener Gottes, eine solche Liebe gegen seine Brüder, daß er sogar aus dem Buche Gottes, in welches er geschrieben war, ausgelöscht zu werden verlangte, wenn dem Volke die Sünde nicht vergeben würde. Paulus wagte selbst von Christus zu bitten, statt seiner ihm dem Fleische nach verwandten Brüder ausgestossen zu werden, denn er wollte nach dem Beispiele Christi selbst ein Lösegeld werden zur Rettung Aller; zugleich wußte er aber auch, daß Derjenige unmöglich von Gott getrennt werden könne, der aus Liebe zu ihm zur Erfüllung des höchsten Gebotes auf die Gnade verzichte, und daß er deßwegen viel mehr empfangen werde, als er gegeben habe. Daß sich denn doch die Heiligen zu diesem Maße der Nächstenliebe aufgeschwungen haben, davon ist das Gesagte ein hinlänglicher Beweis.

Vierte Frage:

Von der Furcht Gottes.

Antwort:

Für Diejenigen nun, welche eben erst in die Frömmigkeit eingeführt werden, ist es heilsamer, wenn sie zuerst durch die Furcht unterrichtet werden, nach dem Rathe des sehr weisen Salomo, der da sagt: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Weisheit;“ euch aber, die ihr, so zu sagen, aus der Kindheit in Christus herausgetreten seid und nicht der Milch bedürft, sondern durch die feste Speise der Glaubenslehren dem inneren Menschen nach vollendet werden könnt, sind die erhabeneren Gebote nothwendig, in denen die ganze Wahrheit der Liebe in Christus ausgeführt wird. Denn ihr müsset euch schon hüten, daß die überreichen Gaben Gottes für euch nicht die Ursache einer schwerern Strafe werden, wenn ihr euch undankbar gegen den Wohlthäter erweiset. „Denn wem Viel anvertraut worden,“ heißt es, „von Dem wird Viel zurückverlangt.“

Fünfte Frage:

Von der Fixirung des Sinnens (in Gott).

Antwort 1.

Antwort:

Das müssen wir freilich wissen, daß wir weder ein anderes Gebot halten noch selbst die Liebe gegen Gott und gegen den Nächsten erfüllen können, wenn wir mit unsern Gedanken bald da bald dorthin abschweifen. Auch ist es unmöglich, eine Kunst oder Wissenschaft gut zu lernen, wenn man von der einen zur andern übergeht; nicht einmal eine einzige kann sich Der aneignen, der ihr eigentliches Ziel nicht kennt. Denn die Handlungen müssen dem Zwecke entsprechen, da nichts Vernünftiges durch ungeeignete Handlungen vollbracht wird. So wird weder der Zweck der Schmiedekunst durch die Arbeiten der Töpferkunst erreicht, noch werden Siegeskränze der Athleten durch eifriges Flötenspiel erworben, sondern jeder Zweck erfordert auch seine eigene und entsprechend Anstrengung. Daher besteht die Gott wohlgefällige Tugendübung nach dem Evangelium Christi in der Entfernung von den Sorgen der Welt und in der Verbannung aller geistigen Zerstreuungen. Daher hat der Apostel, obgleich die Ehe erlaubt und des Segens gewürdigt ist, die mit ihr verbundenen Beschäftigungen den Sorgen um Gott entgegen gestellt, gleich als wenn diese neben einander nicht bestehen könnten, und sagt: „Wer kein Weib hat, sorgt nur für Das, was des Herrn ist, wie er dem Herrn gefalle; wer aber ein Weib hat, sorgt für Das, was der Welt ist, wie er dem Weibe gefallen werde.“ So hat auch der Herr den Jüngern ihre aufrichtige und nicht wakelmüthge Gesinnung bezeugt, indem er sagt: „Ihr seid nicht von dieser Welt.“ Anderseits hat er auch bezeugt, daß die Welt nicht im Stande sei, die Erkenntniß Gottes aufzunehmen und den heiligen Geist zu fassen, denn er sagt: „Gerechter Vater, auch hat die Welt dich nicht erkannt.“ Und: „Der Geist der Wahrheit, den die Welt nicht empfangen kann.“

Wer also Gott wahrhaft nachfolgen will, muß sich von den Banden der leidenschaftlichen Anhänglichkeit an dieses Leben frei machen; Dieses geschieht aber durch gänzliche Lostrennung und Vergessen der alten Gewohnheiten. Verzichten wir also nicht gänzlich auf fleischliche Verwandtschaft und Lebensgemeinschaft und versetzen uns gleichsam geistig in eine andere Welt nach dem Beispiele dessen, der da sagt: „Denn unser Wandel ist im Himmel;“ so sind wir nicht im Stande, unser Ziel, Gott wohlgefällig zu werden, zu erreichen, da der Herr ausdrücklich sagt: „So kann auch Keiner von euch, der nicht Allem entsagt, was er besitzt, mein Jünger sein.“ Haben wir aber Dieses gethan, so müssen wir vorzüglich darüber wachen, daß unser Herz niemals den Gedanken an Gott verliert oder die Erinnerung an seine Wunder mit eiteln Einbildungen befleckt; sondern wir müssen den heiligen Gedanken an Gott beständig und in reinem Andenken unserer Seele eingeprägt wie ein unauslöschliches Siegel bei uns tragen. Denn auf diese Weise gelangen wir zur Liebe gegen Gott, die uns zugleich antreibt, die Gebote des Herrn zu erfüllen, sowie sie wiederum von diesen immer und ungestört erhalten wird. Auch Dieses deutet der Herr an, indem er einmal sagt: „Wenn ihr mich liebt, so haltet meine Gebote.“ Dann sagt er aber wieder: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so bleibet ihr in meiner Liebe.“ Und was uns ganz besonders beschämen muß: „So wie auch ich meines Vaters Gebote gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.“

Hierdurch lehrt er uns, daß wir bei jedem Werke, weiches wir verrichten, als Zweck den Willen dessen, der es uns aufgetragen hat, uns vorsetzen und ihm gemäß unser Bestreben einrichten, wie er denn an einer andern Stelle sagt: „Ich bin vom Himmel herabgestiegen, nicht damit ich meinen Willen erfülle, sondern den Willen des Vaters, der mich gesandt hat.“ Denn wie die zum Leben nothwendigen Künste gewisse ihnen eigenthümliche Zwecke verfolgen und dem entsprechend die einzelnen Arbeiten einrichten; ebenso haben auch unsere Werke nur dieses eine Ziel und diese eine Regel, nämlich die Gebote auf eine Gott wohlgefällige Weise zu erfüllen, und ist es unmöglich, das Werk anders gut auszuführen, als wenn es nach dem Willen dessen, der es aufgegeben hat, vollbracht wird. Bemühen wir uns aber, das Werk genau nach dem Willen Gottes zu erfüllen, so vereinigen wir uns durch diesen beständigen Gedanken mit Gott. Denn wie ein Schmied bei seiner Arbeit, wäre es z. B. eine Axt, an Denjenigen denkt, der sie bei ihm bestellt hat, und bei dem Gedanken an ihn zugleich auf die bezeichnete Form und Größe Bedacht nimmt und die Arbeit nach dem Willen des Auftraggebers ausführt, — denn denkt er nicht daran, so wird er etwa Anderes oder von dem Bestellten Verschiedenes machen, — so richtet auch der Christ jede Handlung, sie mag klein oder groß sein, nach dem Willen Gottes und zwar mit der größten Genauigkeit und in beständigem Andenken an den Auftraggeber den Ausspruch erfüllend: „Ich sehe den Herrn allzeit vor meinen Augen, denn er ist mir zur Rechten, daß ich nicht wanke.“ Auch folgende Vorschrift erfüllt er: „Ihr möget essen oder trinken oder etwas Anderes thun, thuet Alles zur Ehre Gottes.“ Wer sich aber bei seinem Thun nicht genau nach dem Gebote richtet, der erinnert sich offenbar wenig an Gott. Eingedenk daher der Worte dessen, der da sagt: „Erfülle ich nicht den Himmel und die Erde?“ spricht der Herr; und: „Ich bin ein Gott in der Nähe und ein Gott in der Ferne;“ und: „Wo Zwei oder Drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen“ — müssen wir jede Handlung so verrichten, als wenn sie vor den Augen Gottes geschähe, und Alles so denken, als wenn es von ihm gesehen würde. Denn so wird uns beständig die Furcht erfüllen, welche, wie geschrieben steht, das Unrecht haßt und die Hoffart und die Wege der Bösen; anderseits werden wir auch die Liebe vollbringen, die in ihrer Fülle den Ausspruch des Herrn enthält: „Ich suche nicht meinen Willen, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat,“ indem die Seele die Überzeugung festhält, daß die guten Handlungen dem Richter und Belohner unsers Lebens wohlgefällig sind, die entgegengesetzte aber von ihm verdammt werden. Ich glaube auch Dieses wird hiedurch bestimmt, daß man die Gebote des Herrn nicht, um Menschen zu gefallen, erfüllen soll. Denn Niemand der von der Gegenwart des Höheren überzeugt ist, wendet sich an den Niedrigen: sondern scheint Das, was man thut, der angeseheneren Person angenehm .und wohlgefällig, der untergeordneten aber unangenehm und tadelnswerth, so legt man der Billigung des Höheren einen grösseren Werth bei und verachtenden Tadel des Niedrigeren. Geschieht Dieß von gewöhnlichen Menschen, wann wird dann die Seele, die wahrhaft klug und gesund ist, in der vollkommenen Überzeugung von der Gegenwart Gottes jemals unterlassen, Alles zum Wohlgefallen Gottes zu thun, und sich nach den Meinungen der Menschen richten? wann jemals mit Hintansetzung der Gebote der menschlichen Sitte dienen oder sich von dem allgemeinen Vorurtheile beherrschen oder durch Rang und Ansehen einschüchtern lassen? Dieses war die Gesinnung dessen, der sprach: „Die Gottlosen erzählten mir thörichte Fabeln, aber sie sind nicht wie dein Gesetz, o Herr.“ Und wiederum: „Und ich redete von deinen Zeugnissen vor Königen und schämte mich nicht.“

Sechste Frage:

Es ist nothwendig, in der Abgeschiedenheit zu leben.

Antwort:

Sehr trägt zur Verhütung ausschweifender Gedanken auch das Wohnen in der Abgeschiedenheit bei. Denn daß das Zusammenleben mit Solchen, die ohne Scheu und mit Verachtung die genaue Beobachtung der Gebote unterlassen, schädlich sei, zeigen schon die Worte Salomons, der uns die Lehre gibt. Schließ keine Freundschaft mit einem zornmüthigen Manne, noch wohne bei einem jähzornigen Freunde, damit du nicht etwa seine Wege lernest und deiner Seele Schlingen legest. Und die Worte: „Gehet heraus aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr“ sagen Dasselbe. Damit wir also weder durch die Augen noch durch die Ohren Lockungen zur Sünde aufnehmen und uns unbemerkt an sie gewöhnen und nicht gleichsam Bilder und Abdrücke von dem Gesehenen und Gehörten in der Seele bleiben zu ihrem Verderben und Untergange, und damit wir im Gebete verharren können, so ist das Erste, daß wir uns häuslich absondern. Denn so werden wir auch die frühere Lebensweise, in welcher wir den Geboten Christi zuwider lebten, überwinden — dieser Kampf aber, seiner Gewohnheit Herr zu werden, ist nicht leicht; denn eine durch die Länge der Zeit erstarkte Gewohnheit erhält die Stärke der Natur — und die Makeln der Sünde sowohl durch anhaltendes Gebet als durch beständige Betrachtung des Willens Gottes tilgen können, denen wir uns bei den vielen Zerstreuungen und Beschäftigungen in der Welt unmöglich hingeben können. Und wie will Jemand, der darin lebt, folgenden Ausspruch erfüllen können. „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst.“ Denn wir müssen uns selbst verleugnen, das Kreuz Christi auf uns nehmen und so ihm nachfolgen. Die Selbstverleugnung besteht aber in dem gänzlichen Vergessen des Vergangenen und in dem Aufgeben des eigenen Willens diese wird ein in gemischter Gesellschaft Lebender sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich aufrecht erhalten können. Ausserdem ist die Theilnahme an einem solchen Leben auch ein Hinderniß, sein Kreuz aus sich zu nehmen und Christus nachzufolgen. Denn um Christi willen sich zum Tode bereit halten, die irdischen Glieder abtödten, für jede Gefahr, die um des Namens Christi willen über uns kommt, gerüstet sein und an dem gegenwärtigen Leben nicht mit Leidenschaft hangen, das heißt, sein Kreuz auf sich nehmen; wir sehen, daß diesem das gesellige Zusammenleben große Hindernisse entgegenstellt.

Auch hat die Seele ausser allen den vielen anderen Hindernissen schon wegen der Menge der Sünden, die sie sieht, keine Zeit, ihre eigenen Sünden gewahr zu werden und darüber in Reue sich zu zerknirschen, sondern sie maßt sich bei der Vergleichung mit den Schlechteren sogar noch einen Schein von Tugend an; anderseits wird sie durch das Getümmel und die Geschäfte, welche das Zusammenleben sich zu führen pflegt, von dem sehr kostbaren Gedanken Gott abgelenkt und nicht nur der Freude und Wonne in Gott beraubt und des Genusses des Herrn und seiner lieblichen Worte, so daß sie nicht sagen kann: „Ich denke an Gott und freue mich;“ ferner: „Wie süß sind deine Worte meinem Gaumen, sie sind süßer meinem Munde als Honig;“ sondern sie gewöhnt sich auch, seine Gerichte ganz und gar zu verachten und zu vergessen, was das größte und verderblichste Übel ist, das sie treffen kann.

Siebente Frage:

Über das Zusammenleben mit Gesinnungsgenossen und die Gefahr des einsamen Lebens.

Da uns deine Rede vollkommen überzeugt hat, das Leben mit Solchen, welche die Gebote des Herrn verachten sei gefährlich, so möchten wir demgemäß jetzt vernehmen, ob Derjenige, welcher sich von solchen Menschen trennt, für sich allein leben oder mit gleichgesinnten Brüdern, die sich dasselbe Ziel der Gottseligkeit gewählt haben, zusammenleben soll.

Antwort:

Das Zusammenleben mit Mehreren, die denselben Zweck haben, weiß ich, ist zu vielen Dingen nützlich. Erstens ist Keiner von uns für sich allein im Stande, die Bedürfnisse des Leibes zu befriedigen, zu deren Herbeischaffung wir einander nöthig haben. Denn wie der Fuß die eine Kraft hat, die andere aber vermißt und ohne Beihilfe der übrigen Glieder seine Kraft sich weder stark noch ausdauernd genug zeigt, auch das Mangelnde aus sich nicht zu ersetzen vermag; so wird auch im einsamen Leben das, was wir haben, für uns unnütz und das Fehlende unbeschaffbar, da Gott bestimmt hat, daß der Eine des Andern bedürfen solle, wie geschrieben steht, damit wir uns an einander anschlößen. Aber ausserdem leidet es auch die Rücksicht auf die Liebe Christi nicht, daß Jeder auf seinen eigenen Vortheil sieht „denn die Liebe,“ heißt es, „ist nicht selbstsüchtig.“ Das abgeschlossene Leben aber hat zu seinem alleinigen Zwecke die Besorgung der eigenen Bedürfnisse. Dieses widerspricht aber offenbar dem Gesetze der Liebe, wie es der Apostel erfüllte, indem er nicht seinen eigenen Vortheil, sondern die Rettung Aller suchte. Zudem ist es in der Abgeschiedenheit nicht leicht, seine eigenen Fehler kennen zu lernen, weil man Niemanden hat, der Einen zurecht weist und ihn sanft und mitleidsvoll bessert. Denn Zurechtweisung selbst von einem Feinde erzeugt bei einem rechtlich gesinnten Manne oft den Wunsch nach Heilung; wer aber aufrichtig liebt, der heilt auch auf verständige Weise die Sünde; denn „wer liebt,“ heißt es, „der erzieht mit Sorgfalt.“ Ein Solcher ist in der Einsamkeit schwerlich zu finden, wenn er nicht schon vorher im Leben verbunden war. Daher begegnet ihm, was gesagt ist: „Wehe Dem, der allein ist, weil er, wenn er fällt, Niemanden hat, der ihn aufrichtet.“ Auch werden von Mehreren leichter mehrere Gebote erfüllt, was von einem Einzelnen niemals geschehen kann, da das eine Gebot die Erfüllung des andern hindert. So wird z. B. durch den Besuch eines Kranken, die Aufnahme des Fremdlings und durch die Spendung und Vertheilung der Lebensmittel — zumal wenn solche Dienste viel Zeit erfordern —die Vollbringung der Liebeswerke verhindert, so daß deßwegen das größte und zum Heile nothwendigste Gebot unterbleibt, indem weder der Hungrige gespeist noch der Nackte bekleidet wird. Wer wollte daher wohl das müßige und fruchtlose Leben dem fruchtbaren und nach dem Gebote des Herrn eingerichteten vorziehen?

Wenn wir aber alle, in einer Hoffnung der Berufung aufgenommen, ein Leib sind und zum Haupte Christus haben und wir nur dadurch einzeln Glieder von einander sind, daß wir durch die Eintracht im heiligen Geiste zur Harmonie eines Leibes vereinigt werden, dagegen Jeder von uns das einsame Leben erwählt und nicht, wie es Gott wohlgefällig ist, in der Heilsökonomie dem gemeinsamen Wohle dient, sondern seiner eigenen Neigung sich selbst genügend folgt; wie können wir dann, geschieden und getrennt, die gegenseitige Haltung und Leistung der Glieder gegen einander oder die Unterwürfigkeit unter unser Haupte, welches da Christus ist, aufrecht erhalten? Denn weder können wir in der Trennung von einander mit dem Verherrlichten uns freuen noch mit dem Leidenden mitleiden, da ja natürlich Niemand den Zustand des Andern wissen kann. Da ferner Einer allein nicht im Stande ist, alle geistigen Gaben zu empfangen, sondern der Geist nach dem Maaße des Glaubens, der in Jedem ist, verliehen wird, so wird in dem gemeinsamen Leben die einem jeden verliehene besondere Gabe Gemeingut der Genossenschaft. Denn dem Einen wird verliehen das Wort der Weisheit, dem Andern das Wort der Erkenntniß, dem Andern Glaube, dem Andern Weissagung, dem Andern die Gabe zu heilen u. ff. und was Jeder besitzt, Das hat er nicht so sehr seinet- als der Übrigen wegen empfangen, daher dann im gemeinsamen Leben die Einem verliehene Wirksamkeit des heiligen Geistes zugleich auf Alle übergehen muß. Wer aber abgesondert für sich lebt, der macht die Gnadengabe die er vielleicht empfangen hat, durch den Nichtgebrauch unnütz, indem er sie in sich vergräbt. Mit welcher Gefahr das aber verknüpft sei, wisset ihr alle, die ihr die Evangelien gelesen habt. In dem Zusammenleben mit Mehreren aber genießt Jeder nicht nur seine eigene Gabe, indem er sie durch Mittheilung vervielfältigt, sondern er zieht auch aus den Gaben der Andern wie aus seiner eigenen Gewinn.

Das gemeinsame Leben gewährt auch noch viele andere Vortheile, die sich schwerlich alle aufzählen lassen. Auch ist es nützlicher zur Erhaltung der uns von Gott verliehenen Güter als die Einsamkeit, wie es auch sicherer ist zur Verhütung der äusseren Nachstellungen des Feindes, indem Diejenigen, welche wachen, Den aufwecken, der das Unglück hat, in jenen Todesschlaf zu sinken, um dessen Abwendung uns David zu bitten lehrt, indem er sagt: „Erleuchte meine Augen, damit ich nicht etwa entschlafe zum Tode, wie sich denn auch viel leichter der Sünder von der Sünde losreißt, wenn ihn Viele einstimmig verdammen, so daß auf ihn paßt: „Es ist für einen Solchen die Züchtigung genügend, welche von Mehreren geschieht,“ und der Gerechte dadurch, daß seine Handlung die Billigung und Beistimmung Vieler findet, eine feste Überzeugung gewinnt. Denn wenn jede Sache auf Aussage zweier oder dreier Zeugen festgesetzt wird, um wie viel mehr wird dann Derjenige, welcher ein gutes Werk gethan hat, durch das Zeugniß Mehrerer bestärkt werden. Aber auch noch von andern als den genannten Gefahren ist das einsame Leben begleitet. Die erste und größte ist das Wohlgefallen an sich selbst. Denn da er Niemanden hat, der sein Thun und Treiben prüfen kann, so wird er meinen, das Gebot vollkommen zu erfüllen; da er ferner seinen Zustand immer ohne Übung ließ und verschloß, so kennt er weder seine Mängel noch seine Fortschritte in Dem, was er thut, da ihm alle Gelegenheit, die Gebote zu erfüllen, abgeschnitten ist.

Denn worin soll er seine Demuth beweisen, da er niemand hat, vor dem er sich demüthig zeigen könnte? worin seine Barmherzigkeit, da er vom Umgange mit Andern abgeschnitten ist? Wie soll er sich in der Großmuth üben, da sich Niemand seinem Willen widersetzt? Sagt aber Jemand, er habe an der Lehre der göttlichen Schriften genug, um seine Sitten zu bessern, so macht er es wie Einer, der bauen gelernt hat, aber niemals baut, der im Schmiedehandwerk unterrichtet ist, aber das Gelernte nicht anwendet. Zu Diesem möchte der Apostel sagen: „Nicht die Hörer des Gesetzes sind gerecht bei Gott, sondern die Ausüber des Gesetzes werden gerechtfertigt werden.“ Denn siehe der Herr begnügte sich aus überschwenglicher Liebe zu den Menschen nicht allein mit der Belehrung durch Worte, sondern er hat, um uns klar und deutlich ein Beispiel der Demuth in vollkommener Liebe zu geben, sich geschürzt und den Jüngern die Füße gewaschen. Wen willst du denn waschen, wen bedienen. gegen wen der Letzte sein, wenn du einsam für dich lebst? Das Schöne und Angenehme aber, das Zusammenwohnen der Brüder nämlich, welches der heilige Geist mit einer Salbe vergleicht, welche vom Haupte des Hohenpriesters duftet,wie wird dieses beim Wohnen in der Einsamkeit erfüllt werden? Ein Kampsplatz also, ein guter Weg zum fortschreiten, eine beständige Übung und Pflege der Gebote des Herrn ist das Zusammenleben der Brüder, welche zum Zwecke hat die Ehre Gottes nach dem Befehle unsers Herrn Jesus Christus, der da sagt: „So leuchte euer Licht vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater preisen, der im Himmel ist, und welche die Art und Weise der in der Apostelgeschichte erwähnten Heiligen bewahrt, von denen geschrieben steht: „Alle aber, welche glaubten, waren beisammen und hatten Alles gemeinschaftlich,“ und ferner: „Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nannte nicht Einer von Dem, was er besaß, Etwas sein eigen sondern ihnen war Alles gemeinsam.“

Achte Frage:

Entsagung. Ob man zuerst Allem entsagen und dann die Gott wohlgefällige Lebensweise antreten soll.

Antwort:

Da unser Herr Jesus Christus nach öfterer und durch mehrere Thaten bekräftigter Hinweisung zu Allen sagt: „Wenn Jemand zu mir kommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach;“ und wiederum: „Also nun kann Keiner von euch, welcher nicht Allem, was ihm eigen ist, entsagt, mein Jünger sein;“ so glauben wir, daß sich dieses Gebot auf Mehreres erstreckt, dem man entsagen muß. Freilich vor Allem entsagen wir dem Teufel und den Begierden des Fleisches, die wir den verborgenen Schändlichkeiten, den leiblichen Verwandtschaften, den menschlichen Freundschaften und dem gewöhnlichen Leben entsagt haben, welches der Vollkommenheit des Evangeliums des Heils widerstreitet. Aber nothwendiger als Dieses ist, sich selbst zu entsagen und den alten Menschen der da verderbt ist durch die Begierden des Irrthums, in seinen Werken auszuziehen. Aber auch allen weltlichen wird er entsagen, welche dem Zwecke der Frömmigkeit hinderlich sein können. Für seine wahren Eltern wird ein Solcher Diejenigen ansehen, die in Jesus Christus ihn durch das Evangelium geboren haben, für seine Brüder Diejenigen, welche denselben Geist der Kindschaft empfangen haben, alle Besitzungen aber wird er für fremdes Gut halten, was sie wirklich sind. Mit einem Worte, wie kann Derjenige, dem um Christi willen die ganze Welt und der selbst der Welt gekreuzigt ist, an den Sorgen der Welt Theil nehmen? zumal unser Herr Jesus Christus sowohl den Haß der Seele als auch die Selbstverleugnung unverbrüchlich fordert, wenn er sagt: „Wenn Jemand mir nachfolgen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich“ und dann hinzufügt: „und folge mir nach,“ und wiederum: „wenn Jemand zu mir kommt und hasset nicht seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seine Kinder, seine Brüder und Schwestern, ja auch sogar seine eigene Seele, der kann mein Jünger nicht sein.“ Daher besteht die vollkommene Entsagung darin, auch gegen das Leben selbst gleichartig zu sein, ihm abzusterben, so daß man nicht mehr auf sich selbst vertraut. Man beginnt aber damit, sich von den äusserlichen Gütern loszusagen, wie Besitzungen, eitlem Ruhm, Umgang, Anhänglichkeit an unnütze Dinge, wovon die heiligen Jünger des Herrn, Jakobus und Johannes, ein Beispiel gegeben haben, die ihren Vater Zebedäus und selbst das Schiff, ihre einzige Nahrungsquelle, verließen, ferner Matthäus, der sich von dem Zolltische erhob und dem Herrn folgte und nicht allein den Gewinn des Zöllneramtes verließ, sondern auch die Gefahren verachtete, welche sowohl ihm als seinen Verwandten von Seiten der Obrigkeit drohten, weil er die Rechnungen unvollendet gelassen. Dem Paulus ward sogar die ganze Welt gekreuzigt und er der Welt.

Demnach kann Derjenige, der ein heftiges Verlangen trägt, Christus nachzufolgen, sich um Nichts kümmern, was mit diesem Leben in Beziehung steht, nicht um die Liebe der Eltern oder Verwandten, wenn sie dem Gebote des Herrn zuwider ist, denn dann trifft Das zu: „Wenn Jemand zu mir kommt und nicht hasset seinen Vater, seine Mutter u. s. w.;“ — nicht um Menschenfurcht, so daß er ihretwegen etwas Förderliches unterließe, wie die Heiligen thaten, die sagten: „Man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen;“ nicht um das Gelächter der Weltmenschen über die guten Werke, so daß er sich von ihrer Verachtung überwinden ließe. Will aber Jemand die mit der Sehnsucht verbundene Stimmung Derjenigen, welche dem Herrn nachfolgen, genauer und deutlicher kennen lernen, der denke an Das, was der Apostel über sich zu unserer Belehrung anführt und sagt: ,,Wenn Jemand meint, auf Fleisch vertrauen zu können, ich kann es mehr; ich bin beschnitten am achten Tage, aus dem Geschlechte Israel, dem Stamme Benjamin, Hebräer von Hebräern, dem Gesetze nach Pharisäer, dem Eifer nach Verfolger der Kirche, nach der Gerechtigkeit, sofern sie im Gesetze ist, ohne Tadel wandelnd. Aber was mir Gewinn war, Das habe ich um Christi willen als Verlust erachtet. Ja ich erachte daher auch Alles als Verlust, ob der überschwänglichen Erkenntniß unsers Herrn Jesus Christus, um derentwillen ich auf Alles verzichtet habe und für Koth halte, damit ich Christus gewinne.“ Denn wenn er, um etwas Kühnes, aber Wahres zu sagen, mit dem Auswurf und Abgang unsers Leibes und wessen wir uns zu entledigen beeilen, wenn er mit Diesem die Vorzüge der von Gott für eine Zeit gegebenen Gesetze vergleicht und sie so als Hindernisse der Erkenntniß Jesu Christi, der Gerechtigkeit in ihm und der Gleichförmigkeit seines Todes bezeichnet, was soll man dann von den menschlichen Satzungen sagen? Und was brauchen wir da unsere Behauptung noch durch Vernunftgründe und Beispiele der Heiligen zu bekräftigen, da wir ja selbst die Worte des Herrn anführen und mit ihnen die ängstliche Seele beruhigen können, durch die er Dieses deutlich und unwidersprechlich bezeugt, indem er sagt: „So kann also Keiner von euch, der nicht Allem entsagt, was er besitzt, mein Jünger sein.“ Und anderswo fügt er zu den Worten: „Wenn du vollkommen werden willst“ erst dann hinzu: „Komm und folge mir nach,“ nachdem er vorhergesagt hat: „Gehe hin, verkaufe Alles, was du hast, und gib es den Armen.“ Auch das Gleichniß von dem Kaufmanne weiset, wie jeder Vernünftige leicht begreift, ebendahin. „Denn das Himmelreich,“ sagt er, „ist gleich einem Kaufmanne, der gute Perlen sucht. Wenn er eine kostbare Perle gefunden hat, geht er hin, verkauft Alles, was er hat, und kauft sie.“ Denn offenbar bezeichnet die kostbare Perle gleichnißweise das Himmelreich, welches wir, wie die Worte des Herrn zeigen, unmöglich erlangen können, wenn wir nicht zugleich Alles, was wir haben, Reichthum, Ehre, hohe Geburt und was es sonst noch gibt, wonach die Menschen streben, ausgeben, um jenes einzutauschen.

Daß es ferner auch unmöglich sei, wenn das Gemüth von verschiedenen Sorgen zerrissen ist, Das, wonach man strebt, auf die rechte Weise zu thun, zeigt der Herr in den Worten: „Niemand kann zweien Herren dienen.“ Und wiederum: „Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ Daher müssen wir einzig und allein den himmlischen Schatz wählen, um bei ihm das Herz zu haben; „denn wo dein Schatz ist,“ heißt es, „da wird auch dein Herz sein.“ Behalten wir daher irgend einen irdischen Besitz oder ein vergängliches Gut für uns zurück, so bleibt darin der Geist gleichsam im Kothe vergraben und kann die Seele niemals zur Anschauung Gottes gelangen und zur Sehnsucht nach den himmlischen Schönheiten und den uns in den Evangelien verheissenen Gütern bewogen werden, in deren Besitz wir nur gelangen können, wenn uns eine anhaltende und heftige Begierde, sie zu erlangen, treibt und die Mühe um sie erleichtert. Die Entsagung besteht also, wie jene Worte beweisen, in der Loslösung von den Banden dieses materiellen zeitlichen Lebens und in der Befreiung von menschlichen Handlungen, wodurch wir besser in den Stand gesetzt werden, den Weg zu Gott anzutreten und ungehindert nach dem Besitze und Genusse jener Güter zu streben, die kostbarer sind als Gold und Edelsteine. Diese Freiheit, um es mit einem Worte zu sagen. ist eine Versetzung des menschlichen Herzens in den Himmel, so daß wir sagen können: „Denn unser Wandel ist im Himmel.“ Ja sie ist, was das Größte ist, der Anfang der Gleichförmigkeit mit Christus, der unsertwegen arm wurde, da er reich war. Ohne diese Gleichförmigkeit sind wir nicht im Stande, den evangelischen Wandel Christi zu erreichen. Wann kann denn Zerknirschung des Herzens, Unterdrückung des Hochmuths, des Zorns, der Trauer und der Sorgen, um es kurz zu sagen, die Befreiung von den verderblichen Leidenschaften der Seele bei dem Reichthume, den Weltsorgen und der Anhänglichkeit und Gewöhnung an noch andere Dinge bewerkstelligt werden? Mit einem Worte, wenn es nicht einmal erlaubt ist, selbst um die nothwendigen Dinge, um Nahrung und Kleidung, besorgt zu sein, wie soll es denn erlaubt sein, sich von den bösen Sorgen des Reichthums wie von Dornen umstricken zu lassen, welche verhindern, daß der von dem Gärtner unserer Seele ausgestreute Same Frucht trage; wie unser Herr sagt: „Die, welche unter die Dornen gesäet wurden, sind Diejenigen, welche in den Sorgen, Reichthümern und Lüsten des Lebens ersticken und keine Frucht bringen.“

Neunte Frage:

Ob Derjenige, welcher sich dem Herrn weiht, sein Vermögen ohne Unterschied den unverständigen Verwandten überlassen müsse.

Antwort:

Da der Herr sagt: „Verkaufe, was du hast, und gib es den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komme und folge mir nach;“ und wiederum: „Verkaufet, was ihr habet, und gebet Almosen;“  so glaube ich, daß Derjenige, welcher in dieser Absicht die Seinigen verläßt, sein Vermögen nicht vernachläßigen darf, sondern suchen muß, Alles genau zusammenzuhalten als dem Herrn geweihtes Gut und auf durchaus Gott wohlgefällige Weise zu verwalten, sei es in eigener Person, wenn er kann und erfahren ist, oder durch Andere, die mit aller Vorsicht dazu ausersehen sind und schon von einer treuen und klugen Verwaltung Beweise gegeben haben, zumal er weiß, daß er sein Vermögen weder ohne Gefahr seinen Verwandten übergeben noch es dem ersten Besten zur Verwaltung überlassen kann. Denn wenn Derjenige, dem die Verwaltung der königlichen Güter übergeben ist, auch oft von Dem, was da ist, Nichts entwendete, aber, wenn er konnte, aus Nachläßigkeit Nichts dazu erwarb, nicht ohne Schuld ist, welches Urtheil haben dann die zu erwarten, welche die bereits dem Herrn geweihten Güter träge und nachläßig verwaltet haben? Wird sie nicht die Strafe der Nachläßigen treffen wie die Schrift sagt: „Verflucht sei ein Jeder, welcher die Werke des Herrn nachlässig thut“?

Überhaupt müssen wir uns hüten, daß wir nicht unter dem Vorwande, ein Gebot zu erfüllen, ein anderes zu verletzen scheinen. So ziemt es uns nicht, mit den Unverständigen zu streiten oder zu zanken, zumal soll ein Diener des Herrn nicht streiten, sondern, wenn ihm von dem fleischlichen Verwandten Unrecht geschieht, sich an den Herrn erinnern, der da sagt: „Es ist Niemand, der Haus oder Brüder oder Schwestern oder Vater oder Mutter oder Weib oder Kinder oder Äcker, nicht schlechthin, sondern meinet- und des Evangeliums wegen verläßt, der nicht dafür Hundertfältiges in dieser Zeit empfängt und in der zukünftigen Welt das ewige Leben.“ Den Unverständigen muß man daher erklären, sie machten sich der Sünde des Kirchenraubs schuldig nach dem Gebote des Herrn, der da sagt: „Hat dein Bruder gesündigt, so gehe hin und verweise es ihm u.s.w.;“ aber mit ihm vor weltlichen Gerichten zu streiten, erbietet die Lehre der Gottesfurcht mit folgenden Worten. „Und will Jemand mit dir vor Gericht streiten, und dir deinen Rock nehmen, so laß ihm auch den Mantel;“  und. „Wagt es Jemand von euch, der einen Streit mit einem Anderen hat, sich bei den ungerechten Richtern und nicht bei den Heiligen richten zu lassen?“  Bei Diesen also wollen wir sie vor Gericht fordern, mehr auf das Heil des Bruders als auf die Menge des Geldes sehend. Denn auch der Herr, nachdem er gesagt hat: „Hört er auf dich“, fügt nicht hinzu, so hast du das Geld gewonnen, „sondern deinen Bruder.“ Es geschieht aber wohl, daß uns der Urheber des Unrechts selbst zur Aufklärung der Wahrheit vor das öffentliche Gericht fordert, dann erscheinen wir dort freilich nicht als Streitstifter, sondern der Vorladung folgend und nicht, um die eigene Leidenschaft des Zorns oder der Streitsucht zu befriedigen, sondern um die Wahrheit aufzudecken. Denn auf diese Weise entheben wir sowohl Jenen wider seinen Willen der Übel, als wir auch selbst die Gebote Gottes nicht übertreten, indem wir als Diener Gottes ohne Streitsucht und Geldgier standhaft auf der Entfaltung der Wahrheit bestehen und nirgends das erlaubte Maß des Eifers überschreiten.

Zehnte Frage:

Ob Alle, welche kommen, aufzunehmen seien, oder welche, und ob sie sofort oder erst nach einer Prüfung und welcher aufzunehmen seien.

Antwort:

Da der gütige Gott und unser Erlöser Jesus Christus verkündigt und sagt: „Kommet Alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid, und ich will euch erquicken;“  so ist es nicht ohne Gefahr, Diejenigen abzuweisen, die durch uns zum Herrn kommen, sein süßes Joch und die Bürde seiner Gebote, die uns zum Himmel emporhebt, auf sich nehmen wollen. Es darf aber nicht zugegeben werden, daß Jemand mit ungewaschenen Füßen zu der ehrwürdigen Lehre komme, sondern wie Jesus den Jüngling, welcher zu ihm kam, über sein früheres Leben befragte und, als er erfahren, es sei in der Ordnung gewesen, ihm gebot, das zur Vollkommenheit noch Fehlende hinzuzufügen, und ihm alsdann erlaubte, ihm zu folgen: so müssen offenbar auch wir das frühere Leben Derjenigen kennen lernen, die bei uns eintreten wollen, und Denen, die etwa schon recht gewandelt haben, die vollkommenen Lehren übergeben, bei Denen aber, die entweder ein schlechtes Leben aufgeben oder aus einem gleichgiltigen in das geordnete Leben der Gotteserkenntniß übergehend untersuchen, wie ihre Sitten sind, ob sie unbeständig sind und veränderlich in den Urtheilen.

Denn solche Menschen sind verdächtig wegen ihres Wankelmuths. Denn ausserdem, daß sie sich selbst Nichts nützen, schaden sie sogar noch Anderen, indem sie Schmähungen, Lügen und schändliche Verleumdungen gegen unser Werk ausstreuen. Da aber durch Sorgfalt Alles gebessert wird und die Gottesfurcht die verschiedenartigen Gebrechen der Seele überwindet, so darf man an ihnen nicht sofort verzweifeln, sondern muß sie zu den angemessenen Übungen anleiten, um mit der Zeit und in Folge angestrengter Übungen ihre Gesinnung kennen zu lernen und sie, finden wir einige Standhaftigkeit bei ihnen, ohne Gefahr zuzulassen, wenn aber nicht, sie zu verabschieden, solange sie noch draussen sind, so daß der Versuch der Bruderschaft nicht zum Nachtheile gereicht. Auch muß man untersuchen, ob Jemand, der früher in Sünden verstrickt war, ohne Scheu die verborgene Schande bekennt und sein eigener Ankläger wird, zugleich auch die Genossen seiner bösen Werke beschämt und von sich weist, wie Jener, der da sagt: „Weichet von mir Alle die ihr Böses thut;“  ob er sich auch Festigkeit für das fernere eben erwirbt, damit er nicht mehr in ähnliche Sünden falle. Übrigens müssen Alle ohne Ausnahme darin geprüft werden, ob sie, ohne sich zu schämen, zu jeder Demüthigung bereit sind, so daß sie auch die geringsten Arbeiten übernehmen, sobald die Vernunft entscheidet, die Ausführung derselben sei ersprießlich. Ist dann Jemand nach einer allseitigen Prüfung von denen, die sich darauf verstehen, als ein brauchbares Gefäß des Herrn und zu jedem guten Werke bereit erklärt worden, so mag er Denen beigezählt werden, die sich dem Herrn geweiht haben. Besonders aber soll Demjenigen, der von einem genußreicheren Leben zur Demuth nach dem Beispiele unsers Herrn Jesus Christus eilt, Einiges, was bei den Weltmenschen schmachvoll zu sein scheint, vorgeschrieben und genau daraus gesehen werden, ob er sich mit voller Überzeugung Gott als einen Arbeiter darstellt, der sich nicht schämt.

Elfte Frage:

Von den Sklaven.

Antwort:

Sklaven, welche noch unter dem Joche sind und zur Bruderschaft ihre Zuflucht nehmen, sind zu ermahnen und zu bessern und ihren Herren zurückzuschicken, nach dem Beispiele des seligen Paulus, der den Onesimus, nachdem er ihn durch das Evangelium gezeugt hatte, dem Philemon wieder zuschickte, indem er den Einen überzeugte, daß das Joch der Knechtschaft, auf eine dem Herrn wohlgefällige Weise getragen, des Himmelreichs würdig mache, den Andern aber ermahnte, nicht allein seine Drohungen gegen Jenen aufzugeben, eingedenk des wahren Herrn, der da sagt: „Wenn ihr den Menschen ihre Sünden vergebt, so wird euch auch euer himmlischer Vater eure Sünden vergeben;“  sondern ihm auch eine billigere Behandlung zu Theil werden zu lassen, indem er schreibt: „Denn vielleicht ist er deßhalb auf einige Zeit entwichen, damit du ihn auf ewig wieder bekämest und zwar nicht mehr als Sklaven, sondern statt des Sklaven einen vielgeliebten Bruder.“  Ist aber der Herr schlecht und befiehlt dem Sklaven etwas Gesetzwidriges und zwingt den Sklaven zur Übertretung des Gebots des wahren Herrn, unsers Herrn Jesus Christus nämlich, so muß man dahin streben, daß der Name Gottes nicht gelästert werde durch jenen Knecht, der Etwas thut, was Gott nicht gefällt. Dieses wird aber dadurch erreicht, daß man entweder jenen Sklaven auf die geduldige Ertragung der Leiden, die seiner warten, vorbereitet, damit er, wie geschrieben steht, Gott mehr gehorche als den Menschen, oder daß Diejenigen, welche den Sklaven aufgenommen haben, die Versuchungen, welche seinetwegen über sie kommen, seine Gott wohlgefällige Weise ertragen.

Zwölfte Frage:

Über die Aufnahme der Verheiratheten.

Antwort:

Wollen Verheirathete sich diesem Leben anschließen, so müssen sie gefragt werden, ob sie Dieß mit beiderseitiger Einwilligung thun nach der Anordnung des Apostels: „Denn — der Mann“ sagt er „hat keine Macht über seinen Leib.“ Daher muß ein Solcher, will er eintreten, vor mehreren Zeugen aufgenommen werden. Denn Nichts geht über den Gott schuldigen Gehorsam. Ist aber der eine Theil nicht einverstanden und dagegen, indem er sich wenig um das Wohlgefallen Gottes kümmert, so denke man an den Apostel, der da sagt: „Im Frieden aber hat uns Gott berufen,“ auf daß das Gebot des Herrn erfüllt werde, der da sagt : „Wenn Jemand zu mir kommt und nicht hasset seinen Vater, seine Mutter, sein Weib, seine Kinder u. s. w., der kann mein Jünger nicht sein.“ Denn Nichts gebt über den Gehorsam gegen Gott. Wir wissen aber, daß oft bei Vielen durch anhaltendes Gebet und unablässiges Fasten das Ziel eines keuschen Wandels erreicht worden ist, indem der Herr die durchaus Widerspänstigen oft durch körperliche Noth dahin führte, sich für das Richtige zu entscheiden.

Dreizehnte Frage:

Über den Nutzen des Stillschweigens für Novizen.

Antwort:

Es ist gut für die Novizen, sich im Stillschweigen zu üben. Denn durch die Bezähmung der Zunge geben sie zugleich einen hinlänglichen Beweis von Selbstbeherrschung und lernen durch Schweigen fleissig und aufmerksam von denen, welche die Sprache gehörig zu gebrauchen wissen, sowohl wie sie fragen als auch Jedem antworten müssen. Denn es gibt einen Ton der Stimme, ein Maß der Rede, eine passende Zeit und Eigenthümlichkeit der Worte, welche den Frommen eigenthümlich ist und sie unterscheidet, und welche der nicht erlernen kann, der sie nicht aus gemeinsamer Übung kennt. Zugleich macht das Stillschweigen das Frühere, weil es nicht geübt wird, vergessen und gibt Muße, das Gute zu erlernen. Daher soll man, wenn nicht die Sorge für die eigene Seele es verlangt oder eine Handarbeit es nöthig macht oder eine darauf bezügliche Frage dazu treibt, im Stillschweigen verharren, freilich mit Ausnahme beim Psalmgesange.

Vierzehnte Frage:

Von denen, die sich freiwillig Gott geweiht haben und nachher ihr Gelübde brechen.

Antwort:

Jeder, der in die Bruderschaft aufgenommen wurde, nachher aber sein Gelübde bricht, muß so angesehen werden, wie Einer, der gegen Gott gesündigt hat, vor und in dem er das Gelübde gemacht hatte. „Wenn aber Jemand, heißt es, wider Gott sündigt, wer soll für ihn beten?“ Denn wer sich Gott geweiht hat, dann aber zu einer andern Lebensweise überging, der ist ein Kirchenräuber geworden, denn er hat sich selbst gestohlen und die Gott geweihte Gabe geraubt. Diesem darf man die Thür der Brüder nicht mehr öffnen, selbst wenn er nur für kurze Zeit ein Obdach begehrte. Denn die Verordnung des Apostels befiehlt uns klar und deutlich, uns von jedem Unredlichen zu entfernen und mit ihm keine Gemeinschaft zu haben, damit er zu sich selbst komme.

Fünfzehnte Frage:

In welchem Alter man den Eintritt erlauben soll, und wann das Gelübde der Jungfräulichkeit für gültig zu halten.

Antwort:

Da der Herr sagt: „Lasset die Kindlein zu mir kommen“  und der Apostel Den lobt welcher von Kindheit an die heiligen Schriften gelernt hat, auch ferner die Kinder in der Lehre und Zucht des Herrn zu erziehen befiehlt, so halten wir jede Zeit, auch die des ersten Alters für geeignet, Diejenigen aufzunehmen, welche zu uns kommen, so daß wir nach dem Beispiele Jobs Väter der Waisen werden; Diejenigen aber, welche noch unter den Eltern stehen, nehmen wir nur auf, wenn sie uns von diesen selbst zugeführt werden und vor vielen Zeugen, um denen, welche gern Etwas finden möchten, die Veranlassung zu nehmen und denen den ungerechten Mund zu stopfen, welche uns lästern. Wir müssen sie also aufnehmen und zwar in genannter Weise, aber nicht sogleich der Körperschaft der Brüder beizählen und einverleiben, damit, wenn sie ihrem Vorsatze nicht treu bleiben, daraus dem Institute selbst kein Vorwurf gemacht werde. Freilich sollen sie als gemeinsame Kinder der Bruderschaft in aller Gottesfurcht erzogen werden, aber es sind ihnen, sowohl den Knaben als Mädchen besondere Wohnungen und eine besondere Verpflegung zu geben, damit sie nicht zu dreist und ausgelassen gegen die Älteren werden, sondern in Folge der seltenen Zusammenkunft gegen sie die Ehrfurcht bewahren, und damit nicht in Folge der Strafen, die wegen Pflichtverletzungen über die Vollkommenen verhängt werden — wenn diese einmal vorkommen sollten, bei ihnen Leichtfertigkeit im Sündigen oder oft auch unbemerkt Stolz erzeugt werde, wenn sie in Dem, was sie selbst recht thun, die Älteren fehlen sehen. Denn ein Kind an Verstand unterscheidet sich in nichts von einem Kinde an Alter; daher ist nicht zu verwundern, wenn man oft an beiden dieselben Fehler findet. Auch sollen die Jüngeren nicht in Dem, worin die Älteren wegen ihres Alters den Anstand beobachten, in Folge des häufigen Umgangs mit jenen vor der Zeit ungeziemend und unbesonnen handeln.

Daher muß sowohl, um Dieses zu erreichen, als auch der übrigen Ehrwürdigkeit wegen die Wohnung der Kinder und der älteren Brüder abgesondert sein. Zugleich wird auch das Haus der Mönche durch die Besorgung des für die Jungen nothwendigen Unterrichts nicht beunruhigt. Dagegen sollen die für den Tag vorgeschriebenen Gebete von den Kindern und Älteren gemeinschaftlich abgehalten werden. Denn durch den Eifer der Älteren gewöhnen sich die Kinder an Zerknirschung, wie denn die Älteren von den Kleinen bei ihren Gebeten nicht wenig unterstützt werden. Was dagegen Schlaf und Wachen, Zeit, Maß und Beschaffenheit der Nahrung angeht, so müssen den Kindern besondere Übungen und eine besondere Diät vorgeschrieben werden. Auch muß ihnen ein bejahrter Mann vorgesetzt werden, der vor den Übrigen erfahren ist und das Zeugniß der Sanftmuth hat, auf daß er mit väterlicher Milde und kluger Rede die Fehler der Jüngeren bessere, gegen jeden Fehler die passenden Heilmittel anwende und zwar so, daß dasselbe Mittel nicht nur eine Strafe für den Fehler, sondern auch für die Seele eine Übung in der Gelassenheit werde. Zürnt z. B. Jemand gegen seinen Altersgenossen so soll er diesen zu bedienen und ihm nach Verhältniß des Vergehens unterthänig zu sein gezwungen werden; denn Gewöhnung an Demuth schneidet gleichsam das zornige Wesen der Seele fort, während die Erhebung uns meistens den Zorn einpflanzt. Hat er vor der Zeit Speise genommen, so soll er den größten Theil des Tages ohne Speise bleiben, hat man gefunden, er habe unmäßig oder unanständig gegessen, so werde er zur Essenszeit vom Tische entfernt und genöthigt, den Anderen, welche ordnungsmäßig speisen, zuzusehen, damit er sowohl durch die Entbehrung gestraft werde als auch Wohlanständigkeit lerne. Hat er ein unnützes Wort, Schmachvolles gegen den Nächsten, Unwahres oder sonst etwas Verbotenes gesagt, so werde er durch Fasten und Stillschweigen gezüchtigt.

Auch der wissenschaftliche Unterricht muß dem Zwecke entsprechen; so müssen sie gewöhnt werden sich der Worte aus der Schrift zu bedienen, und statt Fabeln müssen ihnen Geschichten bewunderungswürdiger Handlungen erzählt werden und sind sie in den Sätzen aus den Sprüchen zu unterweisen, auch sind ihnen Preise für das Behalten von Namen und Sachen auszusetzen, so daß sie mit Freude und Lust ohne Beschwerde und Anstoß das Ziel erreichen. Auch die Aufmerksamkeit des Geistes und die Gewöhnung, sich nicht zu zerstreuen, werden sie durch eine richtige Erziehung leicht erlangen, wenn sie von ihren Lehrern beständig gefragt werden, wo sie ihre Gedanken haben, und womit sie sich geistig beschäftigen. Denn das aufrichtige, arglose und zur Lüge nicht fähige Alter verräth leicht die Geheimnisse des Herzens; überdieß wird ein Solcher, um nicht immer auf verbotenen Gedanken betroffen zu werden, sich hüten, Ungehöriges und Thörichtes zu denken, und aus Furcht vor den beschämenden Vorwürfen sich stets vor dem Ungereimten in Acht nehmen.

Daher muß die Seele, solange sie noch leicht zu bilden und zart ist und wie in weiches Wachs Das, was in sie gelegt wird, sich leicht einprägt, gleich von Anfang an zu jeder Übung guter Werke ungehalten werden, so daß, wenn Vernunft und Urtheilskraft hinzukommen, sie von den ersten Anfangsgründen und den überlieferten Eindrücken der Frömmigkeit den Ausgang nimmt und die Vernunft von der Nützlichkeit überzeugt, indeß die Gewohnheit die er Dichtung dessen, was recht ist, erleichtert. Dann aber soll man auch die Ablegung des Gelübdes der Jungfräulichkeit gestatten, weil es jetzt fest ist und aus eigener Entschließung und aus eigenem Urtheile hervorgeht, nach dem die Vernunft zur Reife gelangt ist; von dieser Zeit an werden sowohl Belohnungen als Strafen, je nachdem sie sündigen oder recht handeln, von dem gerechten Richter nach Verdienst der Werke verliehen. Zu Zeugen dieses Entschlusses nehme man aber die Vorsteher der Kirche, damit durch sie sowohl die Reinheit des Leibes als ein Weihegeschenk Gott gebracht, als auch durch ihr Zeugniß die Handlung bekräftigt werde. „Denn auf Aussage zweier oder dreier Zeugen wird jegliche Sache festgesetzt.“ Denn auf diese Weise wird das Benehmen der Brüder kein Vorwurf treffen, aber auch denen, welche sich Gott geweiht haben, später aber das Gelübde brechen wollen, kein Vorwand gelassen, sich nicht schämen zu brauchen, er aber sein Leben nicht in Jungfräulichkeit zubringen will als sei er nicht im Stande Das zu thun, was Gottes ist, der werde vor eben den Zeugen entlassen. Hat nun Jemand nach langer Prüfung und Überlegung, die ihm mehrere Tage anzustellen gestattet sein muß, damit es nicht den Anschein habe, als suchten wir zu überrumpeln, das Gelübde abgelegt, so muß er aufgenommen und in die Zahl der Brüder eingereiht werden, so daß er Wohnung und Unterhalt mit den Älteren theilt. Was wir aber vergessen haben und jetzt als nicht ungeeignet hinzufügen, ist, daß gewisse Künste schon gleich von Kindheit aus geübt werden müssen, und daß, wenn Knaben zur Erlernung derselben fähig zu sein scheinen, diese nicht abgehalten werden dürfen, den Tag bei den Lehrern der Kunst zuzubringen. Nachts werden wir sie natürlich wieder zu ihren Altersgenossen schicken, mit denen zusammen sie essen müssen.

Sechzehnte Frage:

Ist Dem, der religiös leben will, die Enthaltsamkeit (Fasten) nothwendig?

1. Offenbar ist die Enthaltsamkeit nothwendig. Erstens, weil der Apostel die Enthaltsamkeit zu den Früchten des Geistes zählt, dann aber auch sagt, daß durch sie unser Dienst tadellos werde, und zwar: „In Mühen, in Nachtwachen, in Fasten, in Keuschheit“  und an einer andern Stelle: „In Mühseligkeit und Elend, in öfterem Wachen,“  und ferner: „Ein Jeder, der sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem.“  Die Unterordnung des Leibes und dessen Dienstbarkeit wird aber durch Nichts so sehr herbeigeführt als durch die Enthaltsamkeit. Denn die Hitze der Jugend und die schwer zu bezähmenden Leidenschaften werden durch die Enthaltsamkeit, wie durch einen Zügel gebändigt. „Denn dem Thoren frommet Wohlleben nicht,“  sagt Salomo. Was ist aber thörichter als behäbiges Fleisch und eine herumschweifende Jugend? Daher sagt der Apostel: „Und pfleget der Sinnlichkeit nicht zur Erregung der Lüste;“ und: „Die, welche in Wollüsten lebt, ist lebendig todt.“ Zugleich zeigt uns auch das Beispiel des reichen Schwelgers, daß uns die Enthaltsamkeit nothwendig sei, damit wir nicht hören, was der Reiche gehört hat: „Du hast dein Gutes in deinem Leben empfangen.“

Wie schrecklich aber die Unenthaltsamkeit sei, zeigt ebenfalls der Apostel, indem er sie unter die Ursachen des Abfalls zählt, indem er sagt: „In den letzten Tagen werden schwere Zeitverhältnisse eintreten, denn die Menschen werden voll Eigenliebe sein,“  und dann, nachdem er mehrere Arten von Bosheit ausgeführt hat, hinzufügt: „Verleumder, Unmäßige.“  Auch ist das größte Unrecht, dessen Esau beschuldigt wird, seine Unenthaltsamkeit, indem er für ein einzig Gericht das Recht der Erstgeburt verkaufte. Auch war der erste Ungehorsam des Menschen eine Folge der Unenthaltsamkeit. Dagegen wird von allen Heiligen die Enthaltsamkeit bezeugt. Ja das ganze Leben der Heiligen und Seligen, sowie selbst der Wandel des Herrn im Fleische ist ein uns dazu einladendes Beispiel. Moses empfing durch anhaltendes Fasten und Beten das Gesetz und hörte Gott so reden, wie wenn Jemand, sagt er, mit seinem Freunde redet. Elias wurde dann der Anschauung Gottes gewürdigt, als auch er in gleichem Maße enthaltsam gewesen war. Wie war es mit Daniel? Wie gelangte er zur Anschauung der Wunder? Nicht nach zwanzigtägigem Fasten? Wie löschten die drei Jünglinge die Gewalt des Feuers aus? Nicht durch die Enthaltsamkeit? Auch das ganze Leben des Johannes war eine fortgesetzte Enthaltsamkeit. Mit ihr fing auch der Herr sein öffentliches Auftreten an. Enthaltsamkeit nennen wir aber nicht die gänzliche Enthaltung von Speisen, denn das hieße den Leib gewaltsam zerstören, — sondern die Enthaltung von den Annehmlichkeiten, welche dazu dient, den Stolz des Fleisches der Frömmigkeit zu Liebe zu vernichten.

Überhaupt müssen wir, die wir uns zur Frömmigkeit bilden, uns dessen enthalten, was Die zu genießen begehren, welche nach der Sinnlichkeit leben. Indessen besteht die Übung der Enthaltsamkeit nicht allein in der Enthaltung von dem Vergnügen an Essen und Trinken, sondern sie erstreckt sich auf Alles, was einem Gott wohlgefälligen Leben hinderlich ist. Wer daher vollkommen enthaltsam ist, der wird seinen Bauch beherrschen, sich aber nicht vom Ehrgeize beherrschen lassen, der wird die schändliche Begierde überwinden, nicht aber auch den Reichthum oder eine andere unedle Neigung, wie Traurigkeit oder was sonst noch ununterrichtete Seelen zu unterjochen pflegt. Denn was wir fast bei allen Geboten sehen, daß sie nämlich innig zusammenhängen und keines ohne das andere erfüllt werden kann, Das sieht man ganz vorzüglich bei der Enthaltsamkeit. Denn wer demüthig ist, ist auch nicht ehrsüchtig, und wer keinen Reichthum begehrt, erfüllt, was die evangelische Armuth fordert, und wer sanftmüthig ist, beherrscht Heftigkeit und Zorn. Ausserdem gibt die vollkommene Enthaltsamkeit der Zunge Maß, den Augen Grenzen, den Ohren Schranken. Wer sich nicht an diesen Dingen hält, ist unenthaltsam und zügellos. Du siehst, wie sich an dieses eine Gebot alle die übrigen wie beim Kettentanze anreihen.

Siebenzehnte Frage:

Muß man auch im Lachen enthaltsam sein?

Auch auf Das, was von den Meisten übersehen wird, müssen die Religiosen nicht wenig Acht haben. Denn sich einem unmäßigen und unbändigen Lachen überlassen, ist ein Zeichen von Unenthaltsamkeit und davon, daß man die Regungen nicht beherrscht und die Leichtfertigkeit der Seele nicht durch die Strenge der Vernunft niedergehalten wird. Dagegen ist nicht ungeziemend, durch sanftes heiteres Lächeln die Fröhlichkeit der Seele anzuzeigen; davon allein spricht die Schrift, wenn sie sagt: „Ein fröhliches Herz erheitert das Angesicht.“ Aber laut aufzulachen, so daß unwillkürlich der ganze Leib erschüttert wird, geziemt Dem nicht, der ruhigen Gemüths ist, fromm und sich selbst beherrscht. Diese Art des Lachens tadelt auch der Prediger, weil es die Beständigkeit der Seele sehr zum Wanken bringt, indem er sagt: „Lachen galt mir als Verwirrung,“ und: „Wie das Knistern der Dornen, die unter dem Topfe brennen, so ist der Thoren Gelächter.“  Auch hat der Herr offenbar die nothwendige Affekte des Fleisches auf sich genommen, sowie diejenigen, welche von der Tugend Zeugniß geben, z. B Müdigkeit und Mitleid mit den Bedrängten, aber gelacht hat er niemals, so viel aus der Geschichte der Evangelien bekannt ist, wohl aber nennt er Diejenigen unglücklich, welche sich demselben überlassen. Laßt euch nicht täuschen von der Doppelsinnigkeit des Wortes „Lachen“, denn die Schrift pflegt oft sowohl die Freude der Seele als auch die fröhliche Stimmung über das Gute Lachen zu nennen. So sagt Sara: „Gott hat mir Lachen erregt.“  Ferner heißt es: „Selig seid ihr, da ihr jetzt weinet, denn ihr werdet lachen,“  und steht bei Job geschrieben: „Der wahrhafte Mund aber wird voll Lachens werden.“  Denn alle diese Ausdrücke sind genommen von der Fröhlichkeit, welche die Seele bei freudiger Stimmung kund gibt. Wer daher über jede Leidenschaft erhaben weder einen Reiz zur Lust verspürt noch zeigt, sondern sich jedem schädlichen Vergnügen starkmüthig und tapfer widersetzt, der ist vollkommen enthaltsam. Ein Solcher ist aber auch offenbar von jeder Sünde frei. Es kann aber auch vorkommen, daß man sich von Dem enthalten muß, was erlaubt und zum Leben nothwendig ist, wann nämlich zum Nutzen unserer Brüder die Entsagung angeordnet wird. So sagt der Apostel: „Wenn eine Speise meinen Bruder ärgert, will ich kein Fleisch essen in Ewigkeit.“ 7 Und obgleich er die Erlaubniß hatte vom Evangelium zu leben, machte er von der Erlaubniß doch keinen Gebrauch, um dem Evangelium Christi kein Hinderniß in den Weg zu legen.

Die Enthaltsamkeit ist daher eine Aufhebung der Sünde, Entfernung der Leidenschaften, Abtödtung des Körpers bis selbst auf die natürlichen Regungen und Begierden, des geistigen Lebens Anfang und eine Anwartschaft auf die ewigen Güter, indem sie in sich den Stachel der sinnlichen Lust vernichtet. Denn die sinnliche Lust ist der große Köder des Bösen, der uns Menschen am meisten zur Sünde verführt und jede Seele wie an einer Angel in den Tod zieht. Wer sich daher von ihr nicht verweichlichen und niederbeugen läßt, der entgeht durch die Enthaltsamkeit allen Sünden. Meidet aber Jemand die meisten Sünden, wird aber von einer beherrscht, so ist er nicht enthaltsam, so wie Der nicht gesund ist, der an nur einer körperlichen Krankheit leidet, und der nicht frei ist, welcher von irgend einem, wer es immer sein mag, beherrscht wird. Die übrigen Tugenden, weil im Verborgenen geübt, werden von den Menschen selten wahrgenommen, die Enthaltsamkeit dagegen macht Den, welcher sie besitzt, beim ersten Begegnen kenntlich. Denn wie den Athleten der wohlgenährte Körper und die gesunde Gesichtsfarbe charakterisiren, ebenso zeigt die Magerkeit und Blässe eines Christen, die Folgen der Enthaltsamkeit, daß er in Wahrheit ein Kämpfer der Gebote Christi ist, der durch die Schwäche seines Leibes den Feind besiegt und in den Wettkämpfen der Frömmigkeit seine Kraft bewährt, wie es heißt : „Wann ich schwach bin, dann bin ich stark.“ Einen wie großen Nutzen gewährt nicht schon der Anblick eines enthaltsamen Menschen, der möglichst wenig von dem Nothwendigen anrührt, gleichsam gezwungen der Natur ihre Dienste leistet und unwillig über die Zeit, die er darauf verwendet, schnell von dem Tische an seine Arbeit geht. Auch glaube ich, daß die Seele eines, der dem Bauche fröhnt, durch keine Rede so ergriffen und zur Änderung seines Sinnes bewogen wird, als durch die Zusammenkunft mit einem Enthaltsamen. Und das heißt zur Ehre Gottes essen und trinken, wenn auch bei Tische unsere guten Werke leuchten, um unsern Vater zu preisen, der im Himmel ist.

Achtzehnte Frage:

Sollen wir von Allem essen, was uns vorgesetzt wird?

Antwort:

Auch Das muß nothwendig festgesetzt werden, daß die Enthaltsamkeit für die Kämpfer der Frömmigkeit zur Kasteiung des Leibes unentbehrlich sei. „Denn Jeder, welcher sich im Wettkampfe übt, enthält sich von Allem.“  Damit wir aber nicht mit den Feinden Gottes übereinstimmen, die gebrandmarkt sind in ihrem Gewissen und sich deßhalb der Speisen enthalten, welche Gott (dazu) geschaffen hat, daß sie mit Dankbarkeit von den Gläubigen genossen werden, so müssen wir, wenn es sich gerade trifft, von jeder Speise genießen, um Denen, die es sehen, zu zeigen, daß den Reinen Alles rein und jedes Geschöpf Gottes gut und Nichts zu verwerfen, sondern mit Danksagung zu genießen sei. „Denn es wird geheiligt durch das Wort Gottes und das Gebet.“  Übrigens müssen wir den Zweck der Enthaltsamkeit auch darin im Auge haben, daß wir von den geringeren und zum Leben nothwendigen Speisen nur nach Bedürfniß genießen und die schädliche Sättigung vermeiden, von zum vergnügen bereiteten Speisen uns aber gänzlich enthalten. Denn auf solche Weise werden wir nicht allein die Leidenschaft der Wollüstlinge verbannen, sondern auch, soviel auf uns ankommt, die in ihrem Gewissen Gedrandmarkten heilen und uns selbst von dem zweifachen Verdachte befreien. „Warum denn,“ heißt es, „soll ich meine Freiheit von dem Gewissen eines Anderen richten lassen?“ Die Enthaltsamkeit zeigt einen Menschen, der mit Christus gestorben ist und seine irdischen Glieder getödtet hat. Sie ist, wie wir wissen, eine Mutter der Keuschheit, eine Spenderin der Gesundheit, welche die Hindernisse, an guten Werken in Christus Frucht zu bringen, in geeigneter Weise aufhebt. Denn nach dem Ausspruche des Herrn ersticken die weltlichen Sorgen, die Vergnügungen des Lebens und die Begierden nach sonstigen Dingen das Wort, so daß es keine Frucht bringt. Vor ihr fliehen auch die bösen Geister, indem uns der Herr selbst lehrte, daß diese Art (böser Geister) nur unter Gebet und Fasten ausgetrieben werde.

Neunzehnte Frage:

Über das Maß der Enthaltsamkeit.

Antwort:

Hinsichtlich der Leidenschaften der Seele gibt es nur ein Maß der Enthaltsamkeit, nämlich die gänzliche Entfernung von Dem, was zu der verderblichen Lust führte. Wie hinsichtlich der Speisen aber die Bedürfnisse nicht gleich, sondern nach Alter, Lebensweise, körperlichem Befinden angemessen verschieden sind, so ist denn auch das Maß und die Weise des Genusses verschieden. Daher können denn auch nicht Alle, welche sich der Übung der Frömmigkeit widmen, in einer und derselben Regel zusammengefaßt werden. Wir bestimmen nur das Maß für die gesunden Asceten, überlassen aber, je nach dem Befinden eines jeden davon abzuweichen, dem vernünftigen Ernste derer, welche für die Verwaltung bestimmt sind. Denn der Vortrag kann nicht alle Einzelheiten umfassen, sondern beschränkt sich auf das Gemeinsame und Allgemeine. Denn für die Kranken, oder wer sonst von anstrengenden Arbeiten ermüdet ist oder sich auch zu einem schweren Geschäfte rüstet, wie zu Reisen oder einem anderen Unternehmen, mögen die Vorsteher immer nach Bedürfniß die Speisen bestimmen, Dem nachfolgend, der da sprach. „Jedem wurde ausgetheilt, je nachdem er bedürftig war.“  Es kann daher für Alle weder dieselbe Zeit noch dieselbe Art noch dasselbe Maß des Essens bestimmt werden, sondern der gemeinsame Zweck muß sein die Befriedigung des Bedürfnisses. Dagegen ist es fluchwürdig, den Magen zu überfüllen und mit Speisen zu beladen, da ja der Herr sagt: „Wehe euch, die ihr jetzt gesättigt seid.“  Die Überladung macht den Körper untauglich zur Arbeit, schläfrig und empfänglich für Krankheiten. Auch darf der Zeck des Essens nicht das Wohlbehagen sein, sondern das Lebensbedürfniß mit Abweisung der ungezügelten Sinnlichkeit. Denn den Lüsten dienen, ist nichts Anderes, als den Bauch zu seinem Gott machen. Da aber unser Leib sich immer entleert und abgibt, so bedarf er der Anfüllung und hat daher ein natürliches Verlangen nach Nahrung und fordert zur Erhaltung seines Organismus, bei der rechten Weise die Speisen zu gebrauchen, die Wiedererstattung dessen, was durch Entleerung abgegangen ist, mag das Bedürfniß nun trockene oder nasse Nahrung sein.

Was ohne großen Aufwand das Bedürfniß hebt, Das ist anzuwenden. Dieses lehrt selbst der Herr, als er das ermüdete Volk bewirthete, damit es nicht auf dem Wege verschmachten möchte, wie geschrieben steht. Denn obwohl er durch Ersinnung eines reichlichen Mahles das Wunder in der Wüste hätte vergrößern können, bereitete er ihnen doch eine so geringe und einfache Speise, als da Gerstenbrode und ein Stück Fisch zum Brode sind. An Getränk dachte er nicht, denn das Wasser quillt für Alle und beseitigt derartige Bedürfnisse, nur in Krankheitsfällen könnte ein solches Getränk schädlich sein und müßte nach dem Rathe des Paulus an Timotheus verworfen werden. Überhaupt muß Alles, was offenbar schädlich ist, verworfen werden. Denn es ist unstatthaft, zur Erhaltung des Leibes Speisen zu genießen und anderseits ihn durch eben diese Speisen zu bekämpfen und an der Erfüllung des Gebots hindern. Dieses beweist uns aber auch, daß wir uns gewöhnen müssen, das Schädliche, selbst wenn es angenehm ist. zu fliehen. Daher ist Das vorzuziehen, was leichter beschafft werden kann, und müssen wir nicht unter dem Vorwande der Enthaltsamkeit Theures und Kostspieliges aufsuchen und mit allerlei theueren Gewürzen die Speisen bereiten, sondern Das wählen, was man in jedem Lande leicht haben kann, wohlfeil ist und für die Menge bereit daliegt, von den eingeführten Gegenständen nur die gebrauchen, die zum Lebensunterhalte unentbehrlich sind, wie Öl und dergleichen, sowie was zur nothwendigen Erquickung der Kranken dient, wenn es ohne viele Sorge, Geräusch und Mühe beschafft werden kann.

Zwanzigste Frage:

Über das Benehmen bei Bewirthung der Gäste.

Antwort:

Ruhmsucht, Gefallsucht und Schaustellung ist den Christen überhaupt und in jedem Falle untersagt, zumal ja Derjenige, welcher das Gebot erfüllt, um von den Menschen gesehen und gelobt zu werden, den Lohn dafür verliert. Um so mehr müssen Diejenigen, die sich dem Gebote des Herrn gemäß für jede Art von Demuth bestimmt haben, jede Art von Ruhm vor der Welt fliehen. Da wir aber sehen, daß die Weltmenschen sich der Armuth schämen und, wenn sie einen Gast bekommen, alle Arten von Speisen in Überfluß aufsetzen, so fürchte ich, auch bei uns möchte sich dieser Fehler unbemerkt einschleichen, und auch uns möchte der Vorwurf treffen, wir schämten uns der von Christus selig gepriesenen Armuth. Wie uns daher nicht ziemt, silberne Gefäße oder purpurne Teppiche oder ein weiches Bett oder feine Kleider anzuschaffen; eben so nicht, auf Speisen zu sinnen, welche von unserer Lebensweise gar sehr verschieden sind. Denn umherlaufen und suchen, was nicht nothwendig ist, sondern der erbärmlichen Vergnügungssucht und verderblichen Ruhmsucht wegen ersonnen wird, ist nicht nur schändlich und dem uns vorgesetzten Ziele zuwider, sondern hat auch noch den Nachtheil, daß Diejenigen, welche dem Wohlleben fröhnen und die Seligkeit nach den Vergnügen des Bauches bemessen, auch uns in denselben Sorgen verstrickt sehen, die sie beunruhigen. Denn ist die Schwelgerei schlecht und zu fliehen, so dürfen wir sie niemals wählen, denn Verwerfliches kann zu keiner Zeit nützlich sein. Diejenigen, welche dem Wohlleben fröhnen, sich mit den kostbarsten Ölen salben, nur abgelagerten Wein trinken, werden von der Schrift angeklagt.  Und wegen der Schwelgerei wurde die Wittwe, da sie noch lebte, todt genannt.  Der Reiche wurde wegen der Schwelgerei hienieden des Paradieses beraubt. Wozu soll uns also ein großer Aufwand? Kommt ein Gast zu uns, so finde er, ist er ein Bruder und hat dasselbe Lebensziel, den gewohnten Tisch. Denn Dasselbe, was er zu Hause verließ, wird er bei uns haben. Ist er dagegen müde von der Reise, so möge ihm soviel vorgesetzt werden, als zu seiner Erquickung erforderlich ist.

Kommt ein Anderer von den Weltleuten, so lerne er aus den Werken, wovon ihn das Wort nicht überzeugte, und lerne durch Vorbild und Beispiel sich im Essen mässigen. Er möge sich das Andenken eines christlichen Tisches bewahren und einer Armuth, der man sich Christi wegen nicht schämen soll. Rührt es ihn nicht, sondern spottet er darüber, so soll er uns zum zweiten Male nicht belästigen. Wir beklagen es sehr, sehen wir Reiche die Genußsucht unter die ersten Güter setzen, ihr ganzes Leben auf die Eitelkeit verwenden, ihre Lüste zu ihrem Gotte machen in diesem Leben schon, ohne daß sie es ahnen, den Antheil an den Gütern empfangen und durch die Schwelgerei hienieden in das für sie bereitete Feuer und in dessen Gluth sich stürzen. Und sollten wir Gelegenheit bekommen, werden wir nicht anstehen, ihnen Dieses selbst zu sagen. Machten wir uns nun selbst derselben Fehler schuldig und suchten nach Kräften Das herbeizuschaffen, was zum Vergnügen und zur Schaustellung dient, so fürchte ich, daß wir Das niederreissen, was wir aufzubauen scheinen, und durch Das, worüber wir Andere richten, uns selbst verdammen, indem wir bloß zum Scheine dieser Lebensweise folgen, uns bald so bald anders benehmen, ja selbst unsere Kleider wechseln, wenn wir mit Großen zusammenkommen. Ist Dieß aber schändlich, so ist noch viel schändlicher, Schwelgern zu Liebe unsern Tisch zu verändern. Das Leben des Christen ist einfach und hat zu seinem alleinigen Zwecke die Ehre Gottes „denn möget ihr essen oder trinken oder etwas Anderes thun, so thut Alles zur Ehre Gottes,  sagt Paulus, der in Christus redet. Allein das Lehen des Weltmenschen ist unstät und mannigfaltig, bald so bald anders, je nach Gefallen Derjenigen, mit denen sie zusammenkommen.

Besetzest du daher den Tisch zum Vergnügen deines Bruders mit vielen und überflüssigen Speisen, so klagst du ihn des Hanges zum Wohlleben an, machst ihm dadurch den Vorwurf der Schlemmerei und überführst ihn der Üppigkeit. Oder haben wir nicht oft, wenn wir die Art und Weise der Zubereitung sehen, geschlossen, wer und was der sei, der erwartet wird? Der Herr lobte die vielbeschäftigte Martha nicht, sondern sagte: „Du machst dir Sorge und bekümmerst dich um viele Dinge, aber nur Weniges oder Eines ist nothwendig.“  Weniges nämlich in Rückficht auf die Zubereitung, Eines in Rücksicht auf den Zweck, das Bedürfniß zu befriedigen. Auch weißt du, was für eine Speise der Herr selbst den fünftausend Menschen vorsetzte. Das Gebet Jakobs zu Gott lautete: „Wenn du mir Brod zu essen gibst und ein Kleid zum Anziehen;“  er sagt nicht: wenn du mir Schwelgerei und Pracht gibst. Was denn begehrte der sehr weise Salomon? „Reichthum und Armuth gib mir nicht, gib mir das Nothwendige und Hinreichende, damit ich nicht gesättigt ein Lügner werde und sage: Wer sieht mich? oder aus Armuth stehle und abschwöre den Namen meines Gottes.“  Unter Reichthum versteht er die Überfülle, unter Armuth aber den gänzlichen Mangel des zum Leben Nothwendigen; durch das Hinreichende deutet er an, daß das Nothwendige weder mangle noch im Überfluß vorbanden sei. Je nach Beschaffenheit des Leibes und dem vorhandenen Bedürfnisse ist für den Einen dieses, für den Anderen jenes hinreichend. Der Eine bedarf wegen der Arbeit mehr Speise, der Andere wegen seiner Schwäche überhaupt einer leichteren und verdaulicheren Kost. Im Allgemeinen reicht für Alle eine wohlfeile und leicht zu beschaffende Kost hin. Vor Allem müssen wir bei Tische darauf bedacht sein, die Grenze des Bedürfnisses nicht zu überschreiten, dagegen fordert die Gastfreundschaft, Jedem, der einkehrt, nach Bedürfniß zu verabreichen, denn es heißt „Wie diese Welt gebrauchend, nicht mißbrauchend.“  Mißbrauch aber ist der das Bedürfniß übersteigende Aufwand. Wir haben kein Geld? Wir sollen auch keines haben. Unsere Vorrathskammern sind nicht voll? Wir haben aber unsere tägliche Nahrung, durch unsere Hände den Lebensunterhalt. Warum nun vergeuden wir die Speise, die Gott den Hungrigen gegeben hat, zum Vergnügen der Schwelger? Hierdurch versündigen wir uns auf zweifache Weise, indem wir Jenen die Bedrängnisse der Armuth und Diesen die aus der Völlerei entstehenden Nachtheile vergrößern.

Einundzwanzigste Frage:

Wie man sich beim Frühstück oder Mittagsessen zu benehmen hat.

Antwort:

Da ein Gebot des Herrn, der uns überall an die Demuth gewöhnt, vorschreibt, auch bei Tische den letzten Platz einzunehmen, so muß Derjenige, der Alles dem Gebote gemäß zu thun sich bestrebt, auch dieß Gebot nicht vernachläßigen. Haben wir Weltleute bei Tische, so müssen wir ihnen darin ein Beispiel geben, sich nicht zu überheben und den ersten Platz zu suchen. Wo aber Alle dasselbe Ziel haben, bei jeder Gelegenheit einen Beweis ihrer Demuth zu geben, da steht es freilich einem Jeden zu, nach dem Gebote des Herrn den letzten Platz einzunehmen; dagegen ist es verwerflich, wollte man sich darum zanken und drängen, weil es die gute Ordnung störte und Lärm verursachte. Will aber Keiner nachgeben, so macht der Kampf darum uns Jenen gleich, welche sich um die ersten Plätze zanken. Daher müssen wir auch hier mit Umsicht Das einsehen lernen und thun, was sich für uns geziemt, und die Anordnung der Sitze dem Wirthe überlassen, wie denn auch der Herr voraussetzte und sagte, die Anordnung derselben komme dem Hausvater zu. Denn auf diese Weise werden wir sowohl einander in Liebe ertragen und Alles mit Anstand und Ordnung thun, als auch nicht durch anhaltendes und heftiges Sträuben vor der Menge zeigen und vor ihr prahlen, wir übten die Demuth, um uns beim Volke in Gunst zu setzen, sondern wir werden vielmehr aus Gehorsam die Demuth üben. Denn der Widerstreit ist ein größerer Beweis des Stolzes als das Einnehmen des ersten Platzes, wenn wir ihn aus Befehl einnahmen.

Zweiundzwanzigste Frage:

Welche Kleidung sich für den Christen ziemt.

Antwort:

Die frühere Erörterung hat gezeigt, daß die Demuth, Einfalt, Nüchternheit in Allem, Genügsamkeit nothwendig sei, damit uns die körperlichen Bedürfnisse möglichst wenig Veranlassung zu Zerstreuungen geben. Denselben Gesichtspunkten muß man auch rücksichtlich der Kleidung folgen. Denn wenn wir vor Allem dahin streben müssen, die Letzten zu sein, so müssen wir offenbar auch hierin das Letzte vorziehen. Denn wie die ehrsüchtigen Menschen sich selbst durch ihre Kleiderhüllen Ruhm verschaffen und wegen der Kostbarkeit ihrer Kleidung angestaunt und bewundert werden wollen, ebenso gewiß ziemt es sich für Denjenigen, der durch die Demuth sein Leben aufs Äusserste erniedrigt hat, auch hierin das Allerletzte für sich zu wählen. Denn gleichwie die Korinther wegen des gemeinsamen Mahles getadelt werden, weil sie durch ihren übergroßen Aufwand Die beschämen, welche Nichts haben;  ebenso beschämt denn doch auch gewiß Derjenige, welcher bei der ohnehin schon allgemein prunkhaften Kleidung sich noch prächtiger kleidet als die Übrigen, den Armen, wenn dieser einen Vergleich anstellt. Da nun aber der Apostel sagt: „Sinnet nicht auf Hohes, sondern haltet euch zu dem Demüthigen,“ so erforsche ein Jeder sich selbst, wem die Christen am füglichsten ähnlich sind, ob Denjenigen, welche in Palästen wohnen und mit weichen Kleidern angethan sind, oder dem Boten und Herolde der Ankunft des Herrn; kein größerer als er stand auf unter den von Weibern Gebornen. Ich meine Johannes, den Sohn des Zacharias, dessen Kleid aus Kameelhaaren bestand. Auch die alten Heiligen gingen einher „in Schafpelzen und Ziegenfellen.“

Den Zweck der Kleidung gab der Apostel in einem einzigen Ausspruche an, indem er sagte: „Wenn wir Nahrung und Bedeckung haben, so sind wir damit begnügt“  d. h. wir bedürfen nur soviel als nöthig ist, uns zu bedecken, nicht zum Prunke und zur Putzsucht, wodurch wir in die verbotene Eitelkeit fallen, um nicht noch Schlimmeres zu sagen. Denn diese Dinge sind erst durch die unnützen und eiteln Künste in das Leben eingeführt worden. Auch ist ja die erste Art von Bekleidung bekannt, welche Gott den Dürftigen gab. „Denn Gott machte ihnen,“ heißt es, „Kleider aus Fellen.“  Denn zur Bedeckung der Scham war der Gebrauch solcher Kleider hinreichend. Da aber noch ein anderer Zweck hinzu kommt, nämlich der, daß wir durch die Kleider erwärmt werden, so muß der Gebrauch derselben Beidem entsprechen: der Bedeckung unserer Scham und der Abhaltung der schädlichen Einwirkung der Luft. Da aber von den Kleidern einige mehrfach, andere weniger gebraucht werden können, so müssen wir diejenigen vorziehen, welche zu einem mehrfachen Gebrauche angewendet werden können, so daß in keiner Weise die Armuth Schaden leidet dadurch, daß wir einige Kleider zum öffentlichen Auftreten, andere zum häuslichen Gebrauche und wieder andere für den Tag und andere für die Nacht haben. Im Gegentheile müssen wir uns eine solche Kleidung zu beschaffen suchen, die uns zu Allem ausreichen kann, sowohl zum anständigen Anzuge bei Tage als auch zur nöthigen Bedeckung bei der Nacht. Daraus folgt aber, daß wir in der Kleidung mit einander übereinstimmen müssen, und daß der Christ an der Kleidung wie an einem ihn auszeichnenden Merkmale kenntlich sein muß. Denn was nach einem Ziele strebt, hat gewöhnlich das gleiche Äussere.

Es ist aber auch die eigenthümliche Art der Kleidung deßhalb nützlich, weil sie Jeden im Voraus kenntlich macht und das Gelübde des Gott gefälligen Lebens bezeugt, so daß denn auch Diejenigen, welche mit uns zusammen kommen, eine der Kleidung entsprechende Handlungsweise fordern. Denn das Unanständige und Ungeziemende ist bei gewöhnlichen und bei Großes versprechenden Menschen verschieden. Denn wenn einer aus dem Pöbel oder den gewöhnlichen Menschen öffentlich schlägt oder geschlagen ungeziemende Reden ausstößt, sich in Wirthshäusern herumtreibt und sonst Unziemendes thut, so wird Niemand leicht darauf achten, weil man weiß, daß Das, was er thut, seiner ganzen Lebensweise entspricht; versäumt dagegen Derjenige, der sich zu einem vollkommenen Leben bekennt, die geringsten seiner Pflichten, so achten Alle auf ihn, machen ihm darüber Vorwürfe und thun, was gesagt ist. „Sie werden sich umwenden und euch zerreissen.“  Daher ist das Äussere der Kleidung für die Schwächeren gleichsam ein Erziehungsmittel, sie auch wider ihren Willen vom Bösen abzuhalten. Wie nun der Soldat etwas Besonderes in seiner Kleidung hat, etwas Besonderes der Rathsherr und Andere, woraus man gewöhnlich auf ihre Würde schließt, ebenso ist es geziemend und passend, daß auch der Christ etwas Besonderes in seiner Kleidung habe, um die von dem Apostel überlieferte Bescheidenheit zu bewahren, indem er einmal befiehlt, der Bischof solle bescheiden sein, ein ander Mal bestimmt, die Weiber sollten in anständiger Kleidung er scheinen,  d. h. anständig in dem eigentlich christlichen Sinne. Dasselbe sage ich auch von der Fußbekleidung, daß man nämlich Das, was mit der geringsten Mühe und den wenigsten Kosten beschafft werden kann und das Bedürfniß vollkommen befriedigt, zu jeder Zeit vorziehen müsse.

Dreiundzwanzigste Frage:

Von dem Gürtel.

Antwort:

Daß der Gebrauch des Gürtels nothwendig sei, beweisen auch die früheren Heiligen. Johannes trug einen ledernen Gürtel um seine Lenden und noch früher Elias. Denn es steht als eine Eigenthümlichkeit des Mannes geschrieben: „Ein haariger Mann,“ und „ein lederner Gürtel um seine Lenden.“  Auch von Petrus wird erzählt, er habe sich eines Gürtels bedient, wie aus den Worten des Engels hervorgeht, der zu ihm sprach: „Gürte dich und ziehe deine Schuhe an.“  Auch geht aus der Prophezeiung des Agabus hervor, daß der selige Paulus einen Gürtel getragen habe, denn er sagt: „Den Mann, welchem dieser Gürtel gehört, werden sie in Jerusalem so binden.“  Auch dem Job wird vom Herrn befohlen sich zu gürten. Denn als wenn es ein Zeichen des männlichen Muthes und der Bereitwilligkeit zum Handeln wäre, sagt er: „Gürte deine Lenden wie ein Mann.“ Offenbar war auch bei allen Jüngern des Herrn der Gürtel im Gebrauch, da ihnen verboten wurde, Gold im Gürtel zu haben. Übrigens muß auch Derjenige, der selbst eine Arbeit verrichten will, sich ausschürzen, um ungehindert in seinen Bewegungen zu sein. Dazu bedarf er aber des Gürtels, um das Kleid an dem Körper emporzuziehen; auch wärmt das Kleid mehr, wenn es von allen Seiten zusammengezogen ist, und hindert nicht an den Bewegungen. Ja selbst der Herr, als er sich anschickte, seine Jünger zu bedienen, nahm ein Leintuch und umgürtete sich damit. Über die Menge der Kleider brauchen wir wohl Nichts zu sagen, da wir Dieses hinlänglich in der Abhandlung über die Armuth erörtert haben. Denn wenn Demjenigen, der zwei Röcke hat, befohlen wird, dem einen zu geben, der keinen hat, so ist offenbar der Besitz von mehreren zu eigenem Gebrauch verboten. Was braucht man daher für Diejenigen, welchen verboten ist, zwei Röcke zu haben, noch über den Gebrauch derselben eine besondere Verordnung zu erlassen?

Vierundzwanzigste Frage:

Wie wir mit einander leben sollen.

Antwort:

Da der Apostel sagt: „Alles geschehe mit Anstand und Ordnung“,  so halten wir jene Lebensweise in der Gesellschaft der Gläubigen für anständig und wohlgeordnet, welche dem Verhältnisse der Glieder des Körpers entspricht, so daß Derjenige, dem die gemeinsame Sorge anvertraut ist, sowohl das Geschehene zu prüfen als auch vorherzusehen und zu erwägen, was geschehen soll, das Amt des Auges hat, ein Anderer das des Ohres oder der Hand, um Das zu hören und auszuführen, was vorkommt, und so Jeder seine besondere Pflicht. Man muß nämlich wissen, daß, wie kein Glied ohne Gefahr Das, was ihm besonders obliegt, vernachläßigt oder zu Anderem gebraucht wird, als wozu es vom Schöpfer gemacht ist; — denn wenn die Hand oder der Fuß der Leitung des Auges nicht folgt, so wird jene nothwendig zum gemeinsamen Untergange Verderbliches erfassen, dieser aber anstoßen oder in Abgründe stürzen, oder wenn das Auge sich schließt, so daß es nicht mehr sieht, so muß es ebenfalls nothwendig mit den übrigen Gliedern zu Grunde gehen, wie gesagt worden; — ebenso ist auch für den Vorgesetzten der über Alle Rechenschaft geben muß, die Nachläßigkeit nicht ohne Gefahr, sowie für den Untergebenen der Ungehorsam nicht ohne Schaden und Nachtheil. Die Gefahr ist aber um so größer, wenn Anderen dadurch Ärgerniß gegeben wird. Jeder aber, der auf seinem Platze einen unverdrossenen Eifer zeigt und das Gebot des Apostels erfüllt, der sagt: „Seid nicht träge im Eifer,“ empfängt das ob der Bereitwilligkeit, ist er dagegen nachläßig, das Gegentheil nämlich den Namen eines Elenden und das Wehe: „denn verflucht,“ heißt es, „ist Jeder, welcher die Werke des Herrn nachläßig thut.“

Fünfundzwanzigste Frage:

Den Vorsteher, welcher die Fehlenden nicht straft, erwartet ein schreckliches Gericht.

Antwort:

Wem daher die gemeinsame Sorge anvertraut ist, der handle so, als wenn er für jeden Einzelnen Rechenschaft geben müßte. Er wisse, daß, wenn einer der Brüder in eine Sünde gefallen, weil er ihm vorher das Gericht Gottes nicht verkündigt oder nach dem Falle in der Sünde verharrte, weil er ihm die Weise der Besserung nicht lehrte das Blut desselben von seinen Händen gefordert wird, wie geschrieben steht, 1 und besonders wenn er nicht aus Unwissenheit das Gott Wohlgefällige vernachläßigte, sondern aus Schmeichelei Jedem die Fehler nachsieht und so die Disciplin zerstört. „Denn die, welche euch selig preisen, heißt es, betrügen euch und verderben den Weg für eure Füße.“  „Wer euch aber irre macht, der wird sein Urtheil tragen, wer es auch sei.“  Daher müssen wir, damit uns Dieses nicht widerfahre, im Umgange mit den Brüdern der apostolischen Vorschrift folgen: „Denn nimmer ja fanden wir uns in Schmeichelreden, wie ihr wisset, noch auch im Vorwande zur Habsucht; — Gott ist Zeuge und nicht suchten wir von Menschen Ruhm, weder von euch noch von Anderen.“

Wer von diesen Gebrechen rein ist, der möchte ohne abzuirren, die Leitung auf eine für ihn selbst lohnende und für Diejenigen, welche ihm folgen, heilsame Weise führen. Denn wer weder nach menschlichen Ehren strebe noch Das, was den Sündern anstößig ist, zu vermeiden sucht, um ihnen angenehm zu sein und zu gefallen, sondern wahrhaft aus Liebe handelt, der wird sich mit Freimuth aufrichtig und rein aussprechen und in keiner Weise die Wahrheit fälschen. Daher passen auf ihn auch folgende Worte: „Sind wir doch Kinder geworden in eurer Mitte, wie wenn eine Amme abwartet ihren Kindern. Also euer begehrend waren wir bereitwillig, euch darzugeben nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser Leben.“  Wer sich nicht so hält, der ist ein blinder Führer, der nicht allein sich selbst in die Grube stürzt, sondern auch Die mit hineinzieht, welche ihm folgen. Aus dem Gesagten ist daher zu ersehen, ein wie großes Übel es ist, den Bruder statt auf den rechten Weg in die Irre zu führen. Auch ist Dieses ein Zeichen, daß das Gebot der Liebe nicht erfüllt werde, denn kein Vater achtet nicht auf sein Kind, wenn es im Begriffe ist in einen Abgrund zu stürzen, oder überläßt es, wenn es hinein gefallen ist, seiner unglücklichen Lage. Um wie viel schrecklicher es aber sei, eine in den Abgrund der Sünde gefallene Seele dem Verderben zu überlassen, bedarf keiner Erwähnung. Daher muß der Vorsteher der Bruderschaft über die Seelen derselben wachen und für die Rettung eines Jeden besorgt sein, weil er davon Rechenschaft geben muß; ja seine Sorge muß so weit geben, daß er selbst bis zum Tode seinen Eifer für sie beweist, nicht allein wegen dessen, was der Herr allgemein zu Allen von der Liebe gesagt hat: daß man für seine Freunde sein Leben hingeben müsse, sondern was Paulus noch besonders gesagt hat in den Worten: „Also euer begehrend waren wir bereitwillig euch darzubringen nicht allein das Evangelium Gottes, sondern auch unser Leben.“

Sechsundzwanzigste Frage:

Dem Vorsteher ist Alles, selbst die geheimsten Gedanken sind ihm mitzutheilen.

Antwort:

Es muß aber auch ein Jeder der Untergebenen, will er einen nennenswerthen Fortschritt machen und ein den Geboten unsers Herrn Jesus Christus entsprechendes Leben führen, keine Regung der Seele bei sich geheim halten noch irgend ein unbedachtes Wort sprechen, sondern den Brüdern, welche voll Güte und Mitleid für die Kranken zu sorgen haben, die Geheimnisse seines Herzens mittheilen. Denn so wird das Löbliche befestigt, das Verwerfliche entsprechend geheilt, und gelangen wir durch diese Übung nach und nach zur Vollkommenheit.

Siebenundzwanzigste Frage:

Irrt der Vorgesetzte, so ist er von den Ersten der Bruderschaft zu erinnern.

Antwort:

Sowie aber der Vorsteher verpflichtet ist, der Bruderschaft in Allem voran zu gehen, ebenso liegt wiederum den Übrigen die Pflicht ob, ihn zu erinnern, wenn er sich irgend eines Vergehens verdächtig gemacht hat. Damit aber die Ordnung nicht gestört werde, so ist die Ermahnung Denjenigen zu übertragen, die sich durch Alter und Einsicht auszeichnen. Gibt es daher Etwas zu bessern, so werden wir sowohl unsern Bruder als durch ihn uns selbst nützen, wenn wir ihn, der gleichsam die Richtschnur unsers Lebens ist und durch seine Geradheit unsere Abweichung zurechtweisen soll, auf den rechten Weg zurückführen. Sind aber Einige ohne Grund um ihn besorgt, so werden sie, zeigt sich, daß ihr Verdacht falsch ist, aufhören, ihn zu verurtheilen.

Achtundzwanzigste Frage:

Über die Behandlung eines Ungehorsamen.

Antwort:

Gehorcht indeß Jemand läßig den Geboten des Herrn, so müssen Anfangs Alle mit ihm wie mit einem Kranken Mitleid haben und muß der Vorgesetzte versuchen, durch sondere Ermahnungen seine Schwachheit zu heilen; beharrt er aber in dem Ungehorsame und nimmt keine Zurechtweisung an, so muß er ihm vor der gesammten Bruderschaft einen nachdrücklichen Verweis geben und ihn durch unabläßiges Ermahnen zu heilen suchen. Geht er aber auch dann nicht in sich und zeigt keine thatsächliche Besserung, so müssen wir ihn, weil er sein eigener Verderber ist, wie das Sprüchwort sagt, zwar unter vielen Thränen und Seufzen, aber doch als ein unverbesserliches und ganz unnützes Glied nach dem Beispiele der Ärzte von dem gemeinsamen Körper abschneiden. Denn auch diese pflegen jedes Glied, welches sie von einer unheilbaren Krankheit ergriffen finden, damit der Schaden nicht weiter um sich greife und die zunächst liegenden Theile anstecke, durch Schneiden und Brennen zu entfernen. Eben Dieses müssen wir auch mit Denjenigen thun, welche die Gebote des Herrn hassen und hindern, nach der Vorschrift des Herrn selbst, der sagt: „Wenn dich dein rechtes Auge ärgert, so reiß es aus und wirf es von dir.“  Denn die Nachsicht mit Solchen gleicht der unverständigen Nachsicht des Heli, der dieselbe wider den Willen Gottes bei seinen Söhnen anwandte und deßhalb gestraft wurde. Daher ist eine anscheinende Nachsicht gegen die Schlechten ein Verrath an der Wahrheit, eine Schädigung des Gemeinwohls, eine Gewöhnung an Gleichartigkeit gegen das Böse, indem nicht mehr geschieht, was geschrieben steht: „Warum trauert ihr nicht vielmehr, auf daß fortgeschafft werde aus eurer Mitte, der dieses Werk vollbracht hat?“  sondern unausbleiblich das Folgende geschieht: „Ein wenig Sauerteig verdirbt den ganzen Teig.“  „Die Fehlenden aber,“ sagt Apostel, „weise Angesichts Aller zurecht,“  und sofort Ursache davon anführend fährt er fort: „Damit auch Übrigen Furcht haben.“

Überhaupt ist der mit sich selbst im Widerspruch welcher die ihm von dem Vorgesetzten dargereichte Arznei nicht annimmt. Denn will er sich nicht unterwerfen und seinem eigenen Willen folgen, warum ist er dann bei ihm? Warum nimmt er ihn sogar zum Führer seines Lebens? Ist aber Jemand einmal in die Brüderschaft eingetreten und für ein taugliches Gefäß gehalten worden, so soll er, auch wenn er glaubt, das Gebot übersteige seine Kräfte, doch das Urtheil Dem anheim geben, der ihm über seine Kräfte aus gegeben hat, und sich folgsam und gehorsam bis zum Tode beweisen, des Herrn eingedenk, „der gehorsam war bis zum Tode, bis zum Tode am Kreuze.“  Auflehnung und Widerspruch ist ein Zeichen vieler Übel: Krankheit am Glauben, Unsicherheit der Hoffnung, Stolz und Übermuth. Denn wie Derjenige, welcher ungehorsam ist, damit anfängt den Rathgeber zu verachten, so wird Derjenige, welcher den Verheißungen Gottes glaubt und auf sie seine feste Hoffnung setzte, auch wenn das Gebotene schwer ist, doch niemals säumig darin sein wohl wissend, daß die Leiden dieser Zeit nicht zu vergleichen sind mit der künftigen Herrlichkeit, welche offenbar werden wird.  Und wer überzeugt ist, daß, wer sich selbst erniedrigt, erhöht werden wird, zeigt mehr Bereitwilligkeit, als der Gebietende erwartet, wohl wissend, daß die augenblickliche leichte Trübsal überschwängliche ewige Herrlichkeit bewirkt.

Neunundzwanzigste Frage:

Über den mit Stolz und Murren seine Arbeit Verrichtenden.

Antwort:

Das Werk dessen, der bei der Verrichtung murrte oder stolz befunden wurde, darf nicht mit den Werken Derjenigen vereinigt werden, welches von Solchen herrührt, die demüthigen Herzens und zerknirschten Geistes sind, ja Jenes darf von Frommen überhaupt nicht angenommen werden; „denn was hoch ist vor den Menschen, ist ein Greuel vor Gott.“  Und ein anderes Gebot des Apostels sagt: „Murret nicht, wie Einige von ihnen murrten und durch den Würgengel umkamen.“  Ferner. „Nicht mit Traurigkeit oder Zwang.“  Daher ist das Werk Solcher als ein verwerfliches Opfer nicht anzunehmen, weil es Unrecht ist, dasselbe dem Werke der Übrigen beizumischen. Denn wenn Diejenigen, welche fremdes Feuer auf den Altar brachten, einen so großen Zorn erfuhren,  wie ist es dann nicht gefährlich, ein in feindlicher Gesinnung gegen Gott vollbrachtes Werk in die Heilsordnung seiner Gebote aufzunehmen? „Denn welche Gemeinschaft,“ sagt der Apostel, „hat die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit?“ „Oder welchen Theil hat der Gläubige mit dem Ungläubigen?“  Daher heißt es: „Der Gottlose, der mir ein Kalb opfert, ist wie Einer, der einen Hund todtschlägt; und wer ein Speiseopfer bringt, wie Einer, der Schweineblut opfert.“  Deßhalb müssen nothwendig die Werke des Trägen und Widerspenstigen von der Bruderschaft entfernt werden. Und nach dieser Seite hin müssen die Vorsteher sorgfältig ihre Aufmerksamkeit richten, damit sie weder selbst den Ausspruch Desjenigen übertreten, der da sagt: „Wer auf unbeflecktem Wege wandelt, der soll mir dienen; es soll nicht wohnen mitten in meinem Hause, der prahlerisch thut;“  noch Ursache seien, daß Der, welcher dem Gebote Sünde beimischt und durch Mäßigkeit in der Arbeit oder durch Stolz auf seine größere Leistung das Werk verunreinigt, in seiner Verlassenheit beharre, weil sie ihn dadurch, daß sie seine Werke annehme, nicht zur Erkenntniß seiner Fehler kommen lassen. Daher muß auch der Vorgesetzte überzeugt sein, daß wenn er seinem Bruder nicht in rechter Weise vorsteht, er sich einen schweren und unvermeidlichen Zorn zuzieht. Denn jenes Blut wird von seinen Händen gefordert werden, wie geschrieben steht.  Ebenso muß der Untergebene bereit sein, keines, auch nicht das schwierigste Gebot zögernd zu verrichten, in der Überzeugung, daß seiner im Himmel großer Lohn wartet. Möge den Untergebenen daher die Hoffnung auf die Herrlichkeit ermuntern, damit das Werk in aller Freude und Geduld gethan werde.

Dreissigste Frage:

Wie die Vorgesetzten gegen die Brüder gesinnt sein müssen.

Antwort:

Der Vorgesetzte soll sich wegen seiner Würde nicht überheben, damit er nicht die Seligkeit verliere, welche der Demuth verheissen ist  oder gar aus Stolz in das Gericht des Teufels falle; 2 sondern er soll die Überzeugung haben, daß für Mehrere sorgen, Mehreren dienen heißt. Wie da ber Derjenige, welcher viele Verwundete bedient, sowohl jede Wunde von Eiter reinigt als auch nach der Beschaffenheit des Übels die entsprechenden Heilmittel anwendet, keineswegs aus diesem Dienste einen Gegenstand des Stolzes, sondern vielmehr der Demuth, des Eifers und der Sorgfalt macht, so und noch weit mehr muß Derjenige, der die Pflicht hat, die Schwächen der Bruderschaft zu heilen, da er ein Diener Aller ist und für Alle Rechenschaft geben muß, aufmerksam und besorgt sein. Denn auf diese Weise wird er seinen Zweck erreichen, da der Herr sagt: „Wenn Jemand der Erste unter euch sein will, der sei der Letzte von Allen und ein Diener Aller.“

Einunddreissigste Frage:

Der Dienst des Vorgesetzten ist anzunehmen.

Antwort:

Von Denen, die in der Brüderschaft den Vorrang zu haben scheinen, müssen die Übrigen den leiblichen Dienst annehmen, den sie ihnen erweisen wollen. Denn die Demuth verlangt nicht nur von dem Höheren, daß er dienen, sondern zeigt auch dem Niederen, daß es nicht unpassend sei, sich bedienen zu lassen. Denn hierzu leitet uns das Beispiel des Herrn an, der es nicht unter seiner Würde fand, seinen Jüngern die Füße zu waschen, und diese nicht wagten, sich dagegen zu sträuben. Selbst auch Petrus, der Anfangs aus großer Ehrfurcht es nicht zulassen wollte, war sofort gehorsam, als er über die Gefahr des Ungehorsams belehrt worden war. Daher braucht der Untergebene nicht zu fürchten er werde den Zweck der Demuth verfehlen, wenn er sich einmal von dem Vorgesetzten bedienen ließe. Denn oft wird der Dienst mehr der Belehrung und eines wirksamen Beispiels wegen geleistet, als weil es die Nothwendigkeit erfordert. Er zeige daher durch Gehorsam und Nachahmung seine Demuth und mache sich nicht dadurch, daß er sich unter dem Scheine der Demuth widersetzt, einer stolzen und übermüthigen That schuldig. Denn der Widerspruch ist ein Zeichen von Eigenmächtigkeit und Unterwürfigkeit. Daher liegt darin mehr Stolz und Verachtung als Demuth und Gehorsam. Deßhalb müssen wir nothwendig Dem gehorchen, der sagt: „Ertragend einander in Liebe.“

Zweiunddreissigste Frage:

Über das Betragen gegen die leiblichen Verwandten.

Antwort:

Den einmal in die Brüderschaft Aufgenommenen darf von den Vorgesetzten nicht gestattet werden, sich zu zerstreuen oder unter dem Vorwande, die Verwandten zu besuchen, sich von den Brüdern zu trennen und ein Leben ohne Zeugen zu führen oder sich Sorgen zu machen, um die fleischlichen Verwandten zu unterhalten. Denn es ist überhaupt in einer Brüderschaft verboten, das Wort „mein“ und „dein“ zu nennen. Sagt doch die Schrift: „Denn alle Gläubigen waren ein Herz und eine Seele,“ und Keiner sagte, „daß Das, was er besaß, sein Eigenthum sei.“  Demnach sollen die fleischlichen Eltern oder Brüder eines Mitgliedes der Brüderschaft, wenn sie Gott wohlgefällig leben, von allen Brüdern als gemeinschaftliche Eltern oder Verwandte gepflegt werden. „Denn wer immer den Willen deines Vaters thut, der im Himmel ist,“ sagt der Herr, der ist dir Bruder, Schwester und Mutter.“  Wir halten indessen dafür, daß die Sorge für sie Sache des Vorgesetzten der Brüderschaft ist. Sind sie aber noch im Weltleben verwickelt, so haben wir, die wir fern von Zerstreuung dahin streben, Das zu thun, was dem Herrn werth und wohlgefällig ist, keine Gemeinschaft mit ihnen. Denn ausser dem, daß wir ihnen Nichts nützen, erfüllen wir auch sogar noch unser eigenes Leben mit Lärm und Verwirrung und bereiten uns Gelegenheiten zu Sünden. Ja, kommen von unseren früheren Verwandten solche zu Besuch bei uns, die Gottes Gebote verachten und den Dienst der Frömmigkeit für Nichts halten, so dürfen wir sie nicht aufnehmen, weil sie den Herrn nicht lieben, der sagt: „Wer mich nicht liebt, der beobachtet meine Gebote nicht.“  Welche Gemeinschaft hat aber die Gerechtigkeit mit der Ungerechtigkeit?“ „Oder was hat der Gläubige mit dem Ungläubigen zu thun?“

Auch muß man sich ganz besonders und auf jede Weise angelegen sein lassen, Denen, welche noch in der Kampfschule der Tugenden beschäftigt sind, die Gelegenheiten zu sündigen zu nehmen, von denen die größte die Erinnerung an das frühere Leben ist, damit ihnen nicht widerfahre, was geschrieben steht: „Sie kehrten in ihren Herzen nach Ägypten zurück  was durch den häufigen Verkehr mit den Blutsverwandten sehr oft geschieht. Überhaupt darf man weder einem Verwandten noch einem Fremden erlauben, sich mit den Brüdern in ein Gespräch einzulassen, wenn wir von ihnen nicht die Überzeugung haben, daß die Unterredungen Erbauung und Vervollkommnung der Seelen bewirken. Sollte es aber nöthig sein, mit den nun einmal Gekommenen zu reden, so möge es von Solchen geschehen, denen die Gabe der Rede verliehen ist, weil sie im Stande sind, mit Einsicht zu reden und zu hören, was zur Erbauung des Glaubens förderlich ist, zumal der Apostel ausdrücklich lehrt, nicht Alle besäßen die Gabe der Rede, sondern sie sei nur Wenigen verliehen, indem er sagt: „Denn dem Einen wird durch den Geist verliehen das Wort der Weisheit, dem Andern aber das Wort der Wissenschaft.“  Und anderswo: „Damit er im Stande sei, in der gesunden Lehre zu unterrichten und die Widersprechenden zu widerlegen.“

Dreiunddreissigste Frage:

Über die Art und Weise, mit den Schwestern zu reden.

Antwort:

Wer einmal dem ehelichen Stande entsagt hat, wird offenbar sich auch viel eher den Sorgen entschlagen, welche, wie der Apostel sagt, den Verheiratheten in Anspruch nehmen, wie er nämlich seinem Weibe gefalle,  auch wird er sich in alle wegen von jeder Sorge frei halten, um dem Weibe zu gefallen, aus Furcht vor dem Gerichte dessen, der da sagt: „Gott zerstreut die Gebeine Derjenigen, welche den Menschen gefallen.“  Daher wird er, um sich dessen Gunst zu erwerben, mit keinem Manne zusammenkommen, wohl aber wird er, wenn es die Nothwendigkeit erfordert, wegen der nach dem Gebote Gottes einem Jeden schuldigen Nächstenliebe mit ihm zusammenkommen. Aber nicht Jedem ohne Unterschied darf man auf Verlangen eine Unterredung gestatten, noch ist dazu jede Zeit und jeder Ort passend. Im Gegentheile; wollen wir nach der Vorschrift des Apostels weder Juden noch Heiden noch der Kirche Gottes Ärgerniß geben, und wünschen wir Alles anständig und nach der Ordnung und zur Erbauung zu vollführen, so müssen wir aus Person, Zeit, Nutzen und Ort geziemend Rücksicht nehmen, um so jeden Schatten eines bösen Verdachts zu vermeiden. Aber auch Diejenigen, denen gestattet ist, einander zu sehen und zu berathen über Das, was Gott wohlgefällt, mag es nun das leibliche Bedürfniß oder die Sorge für die Seelen betreffen, müssen in jeder Weise Würde und Anstand zur Schau tragen. Es sollen aber nicht weniger als zwei von jeder Seite sein: denn eine einzige Person geräth leicht in Verdacht, um nicht mehr zu sagen, und kann Das, was sie sagt, weniger bekräftigen, wie denn auch die Schrift deutlich sagt, daß auf Aussage zweier oder dreier Zeugen jegliche Sache festgesetzt werde.  Es sollen aber auch nicht mehr als drei sein, damit die Thätigkeit, der wir uns nach dem Gebote unsers Herrn Jesus Christus gewidmet haben, keinerlei Hinderniß erfahre.

Vierunddreissigste Frage:

Von den Eigenschaften der Verwalter.

Antwort:

Überhaupt sollen auch in jeder Abtheilung Einige sein, welche unter den Klostergenossen die Lebensbedürfnisse austheilen, und zwar sollen sie der Art sein, daß sie im Stande sind, Denen nachzuahmen, von denen die Apostelgeschichte sagt: „Es wurde Jedem zugetheilt, je nachdem er bedurfte;“ sollen besonders darauf bedacht sein, gegen Alle barmherzig und großmüthig zu sein und bei Niemandem Verdacht zu erregen, Einigen besonders geneigt und günstig zu sein, nach dem Gebote des Apostels, der sagt: Nichts thuend mit Parteilichkeit,“  oder daß sie Streit lieben, was der Apostel als für Christen nicht passend verwirft mit den Worten: „Wenn Jemand streitsüchtig zu sein scheint, — wir haben eine solche Gewohnheit nicht, auch nicht die Kirchen Gottes,“  so daß sie deßhalb denen, mit welchem sie im Streite sind, das Nöthige entziehen, denen aber, welchen sie zugethan sind, über Gebühr zukommen lassen. Jenes ist ein Zeichen von Bruderhaß, dieses von Parteilichkeit, die um so mehr zu tadeln ist, weil dadurch Eintracht und Liebe aus der Brüderschaft verbannt und sich böser Verdacht, Eifersucht, Streit und Unlust zur Arbeit einschleichen.

Von Parteilichkeit und Streitsucht müssen daher sowohl wegen des Gesagten als wegen vieler anderer ähnlichen Folgen Diejenigen rein sein, denen in der Brüderschaft die Vertheilung der nothwendigen Lebensbedürfnisse obliegt. Ja eine solche Gesinnung und einen solchen Eifer sollen auch Diejenigen haben, welche zum Dienste der Brüder ein anderes Amt bekleiden, als dienten sie nicht Menschen, sondern dem Herrn selbst, der in seiner großen Güte die Ehre und den Eifer, die wir seinen Nachfolgern erweisen, so ansieht, als hätte er sie selbst empfangen, und dafür die Erbschaft des Himmelreichs verheißt. „Denn kommt,“ sagt er, „ihr Gesegneten meines Vaters, und nehmet zum Erbe das Reich, welches euch bereitet ist von Grundlegung der Welt.“ „Denn was ihr Einem dieser meiner geringsten Brüder gethan habt, das habt ihr mir gethan.“ 1Dagegen sollen sie auch die Gefahr der Sorglosigkeit kennen lernen, indem sie sich der Worte erinnern „Verflucht sei ein Jeder, der die Werke des Herrn nachläßig thut.“  Denn sie werden nicht allein aus dem Reiche verstoßen, sondern sie erwartet auch jener schreckliche und furchtbare Ausspruch des Herrn über solche Menschen: „Weichet von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, welches den Teufel und seinen Engeln bereitet ist.“  Wenn aber Diejenigen, welche sich mit Sorgfalt dem Dienste widmen, einen solchen Gewinn für ihren Eifer finden, für ihre Nachläßigkeit aber eine solche Strafe zu erwarten haben, welche Anstrengung werden dann Diejenigen, welche das Amt übernehmen, machen müssen, um sich des Namens der Brüder des Herrn würdig zu machen, der da sagt: „Denn wer den Willen meines Vaters thut, der im Himmel ist, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter“.

Denn wer nicht den Willen Gottes zu seinem alleinigen Lebensziele macht, so daß er in Gesundheit durch den Eifer für die Werke des Herrn seine Liebesmühe zeigt und in Krankheit freudig jede Geduld und Hingebung an den Tag legt, der läuft Gefahr. Das Erste und Größte besteht darin, daß er sich vom Herrn und von der Verbindung mit seinen Brüdern trennt und zwar dadurch, daß er den Willen Gottes nicht thut. Das Zweite ist, daß er es wagt, unwürdiger Weise an Dem Theil zu nehmen, was den Würdigen bereitet ist. Daher müssen wir auch hierbei an den Apostel denken, welcher sagt: „Als Mitarbeiter aber ermahnen wir euch, daß ihr nicht vergeblich die Gnade Gottes empfangen habt,“ und wir befehlen, daß Diejenigen, welche in die Stelle der Brüder des Herrn berufen worden sind, auf eine solche Gnade Gottes sich Nichts einbilden und nicht durch Vernachläßigung des göttlichen Willens eine solche Würde Preis geben, sondern lieber auf den Apostel hören, der sagt: „Ich beschwöre euch, ich der Gefesselte im Herrn, wandelt würdig des Berufes, zu dem ihr berufen seid.“

Fünfunddreissigste Frage:

Ob in demselben Dorfe mehrere Brüderschaften errichtet werden dürfen.

Antwort:

Das Beispiel von den Gliedern, deren Gebrauch mannigfaltig ist erklärt uns den zu behandelnden Gegenstand recht passend. Da früher gezeigt worden, daß ein Körper, der zu jeder Handlung gut und entsprechend sein soll, Augen, Zunge und die übrigen nothwendigen und unentbehrlichen Glieder haben muß, so wird schwer und mit Mühe eine Seele gefunden, die das Auge Mehrerer sein kann. Denn wenn die Zucht einen Vorsteher der Brüderschaft fordert, welcher vorsichtig, redegewandt, nüchtern, barmherzig und mit vollkommenem Herzen die Satzungen Gottes sucht; wie kann man in einem und demselben Dorfe mehrere dergleichen finden? Sollte es sich aber auch einmal treffen, daß zwei oder drei gefunden werden, was freilich nicht leicht ist und, soviel wir wissen, nie geschehen ist, so ist es viel besser, wenn sie mit einander die Sorge theilen und sich die Arbeit erleichtern, so daß, wenn der eine Vorsteher verreiset oder beschäftigt oder sonst verhindert ist, wie es sich denn wohl trifft, daß der eine Vorsteher der Brüderschaft abwesend ist, der andere die Abwesenheit jenes ersetze; oder ist Das nicht der Fall, so möge er zu einer anderen Brüderschaft gehen, die eines Führers bedarf. Viel kann uns auch für den vorliegenden Zweck die aus anderen Verhältnissen geschöpfte Erfahrung nützen. Wie nämlich bei den gewöhnlichen Handwerkern daraus, daß sie miteinander wetteifern, unbemerkt Eifersucht entsteht, ebenso pflegt es häufig auch in einem solchen Leben zu geschehen. Denn Anfangs wetteifern sie im Guten und streben einander zu übertreffen, entweder in der Aufnahme der Fremden oder in der Vermehrung der Zahl der Mönche oder in anderen Werken dieser Art, bis es dann zu Hader und Ränken kommt. Dann geschieht es, daß die Brüder, welche aus der Fremde kommen, sehr in Zweifel gerathen und Unannehmlichkeit statt Ruhe finden, indem sie nicht wissen, bei welchen sie einkehren sollen; denn es ist nimmer traurig, die Einen vorzuziehen, und doch ist es nicht möglich, beiden genug zu thun, zumal wenn sie Eile haben. Denen aber, welche von Anfang mit ihnen zusammenleben, werden sie große Verlegenheit über die Wahl der Vorsteher ihres Lebens bereiten, da sie überhaupt, wenn sie die Einen wählen, die Anderen verwerfen müssen.

Daher fühlen sie sich sofort am ersten Tage in ihrem Stolze verletzt, da sie sich nicht nach der Regel richten, sondern sich zu Richtern und Beurtheilern der Brüderschaft aufwerfen. Wenn nun eingestandener Maßen in der Absonderung der Wohnungen nichts Gutes, sondern gerade das Gegentheil gefunden wird, so ist die Trennung von einander durchaus schädlich. Wann aber Derartiges bereits geschehen, so muß es schnell geändert werden, zumal man die Nachtheile kennt, die daraus entspringen, und ist das Beharren in der Trennung offenbar Streitsucht. „Wenn aber Jemand streitsüchtig zu sein scheint,“ sagt der Apostel, „so haben wir eine solche Gewohnheit nicht, noch auch die Kirchen Gottes.“ 1Denn was für einen Grund werden sie angeben, von der Vereinigung abgehalten zu werden? Vielleicht wegen der Bedürfnisse? Allein diese lassen sich in der gemeinsamen Wohnung viel leichter beschaffen, weil eine Lampe, ein Herd und Alles dergleichen für Alle ausreichen kann. Denn man muß, wenn je auf Etwas, dann auch darauf sehen, daß in diesen Dingen kein Aufwand gemacht und der Besitz des Nothwendigen vermindert werde. Zudem sind bei der Trennung Mehrere nöthig, um der Brüderschaft von aussen die Bedürfnisse herbeizuschaffen, während bei der Zusammenwohnung die Hälfte erforderlich ist. Wie schwer es aber ist, einen Mann zu finden, der dem Namen Christi keine Schande macht, sondern, wenn er auf seinen Reisen mit Mitmenschen zusammenkommt, die Würde seines Standes behauptet, wisset ihr, ehe ich es euch sage. Wie können ferner die in der Trennung Verharrenden die gemeinsam Lebenden erbauen oder zum Frieden antreiben, wenn es nöthig sein sollte, oder zur Erfüllung der übrigen Gebote auffordern, da sie durch ihre Uneinigkeit gegen sich selbst einen bösen Verdacht erregen? Und dazu hören wir, daß der Apostel an die Philipper schreibt ,,Machet meine Freude vollkommen, daß ihr Eines seid, gleiche Liebe habet, einmüthig und einhellig seid, daß ihr Nichts thuet aus Streitsucht oder Ehrgeiz, sondern daß in Demuth der Eine den Anderen höher achtet als sich selbst, indem Jeder nicht das Seinige, sondern auf Das des Anderen sieht.“

Was gibt es wohl für einen größeren Beweis von Demuth, als wenn die Vorgesetzten der Brüderschaft einander untergeben sind! Denn sind sie an geistigen Gaben gleich, so ist der Wetteifer um so schöner. Darauf weiset uns auch der Herr hin, der seine Jünger paarweise aussandte; auch wird sich der Eine dem Anderen mit Freude unterworfen haben, eingedenk des Herrn, der da sagt: „Wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“  Trifft es sich aber, daß der Eine weniger, der Andere mehr Gaben hat, so ist es zuträglich, daß dem Schwächeren von dem Stärkeren unter die Arme gegriffen wird. Denn anders wäre es doch wohl eine offenbare Übertretung des apostolischen Gebots, der da sagt, „daß nicht Jeder auf das Seinige sehen sollte, sondern auf Das, was des Andern ist.“ Denn ich glaube nicht, daß Dieses bei getrennten Wohnungen geschehen kann da jede Abtheilung nur für die zu ihr Gehörenden sorgt und die Sorge für die Übrigen abweiset, was, wie gesagt, offenbar dem Gebote des Apostels widerspricht. Auch bezeugen die Heiligen, von denen in der Apostelgeschichte einmal geschrieben steht: „Die Menge der Gläubigen war ein Herz und eine Seele;“  dann: „Alle Gläubigen waren zusammen an demselben Orte und hatten Alles gemeinschaftlich,“  daß unter ihnen allen keine Theilung stattfand, und daß Keiner nach seinem Belieben lebte, sondern daß Alle unter einer und derselben Obsorge geleitet wurden, trotzdem, daß ihrer im Ganzen fünftausend an der Zahl waren, unter denen nach menschlichem Dafürhalten es Manches gab, was der Vereinigung hinderlich zu sein schien. Sind nun aber in den einzelnen Dörfern bei Weitem weniger, aus welchem Grunde sollten sie denn von einander getrennt leben? Möchte es doch nur geschehen können, daß nicht allein die in demselben Dorfe Lebenden zusammen blieben, sondern daß mehrere an verschiedenen Orten bestehende Bruderschaften unter der einen Obsorge Solcher, die ohne Parteilichkeit und mit Weisheit die Angelegenheiten Aller ordnen können, in der Eintracht des Geistes und durch das Band des Friedens auferbaut werden!

Sechsunddreissigste Frage:

Über die aus der Brüderschaft Austretenden

Antwort:

Denjenigen, welche einmal gelobt haben, mit einander zusammenzuleben, ist es nicht erlaubt, sich ohne Weiteres zu entfernen; denn Jemand kann nur zwei Gründe haben, bei seinem Entschlüsse nicht zu beharren, entweder weil aus dem Zusammenleben für ihn Nachtheil entspringt, oder weil er unbeständigen und wankelmütigen Sinnes ist. Wer sich nun wegen des Nachtheils von den Brüdern trennt, der halte die Ursache nicht bei sich geheim, sondern decke den Nachtheil auf nach der von dem Herrn überlieferten Weise, der sagt: „Hat dein Bruder gesündigt, so gehe hin und verweise es ihm zwischen dir und ihm allein u. s. w.“  Und wird Das, was von ihm verlangt wird, gebessert, hat er nicht allein die Brüder gewonnen, sondern er entehrt auch ihre Genossenschaft nicht; sieht er aber, daß sie im Bösen verharren und keine Besserung annehmen, so zeige er es Denen an, welche darüber zu urtheilen im Stande sind, und trete dann, wenn er das Zeugniß Mehrerer für sich hat, aus. Nun trennt er sich aber nicht mehr von Brüdern, sondern von Fremden, da der Herr Denjenigen, der im Bösen verharrt, mit einem Heiden und öffentlichen Sünder vergleicht. „Denn ein Solcher,“ sagt er, „sei dir wie ein Heide und öffentlicher Sünder.“  Entzieht sich aber Jemand aus eigenem Leichtsinn der Genossenschaft der Brüder, so soll er seine Schwäche heilen oder, wenn er Das nicht will von den Brüdern nicht ferner aufgenommen werden. Wird aber wegen des Gebotes des Herrn der Eine hierhin, der Andere dorthin zu gehen veranlaßt, so trennen sich diese nicht, sondern thun ihre Pflicht. Einen anderen Grund der Trennung der Brüder aber läßt die Vernunft nicht zu erstens deßwegen nicht, weil dadurch der Name unsers Herrn Jesus Christus, der sie zusammengeführt hat, verunehrt wird; weil sie zweitens gegen einander kein reines Gewissen haben können, sondern gegen einander mißtrauisch sein werden. Dieses widerspricht aber offenbar dem Gebote des Herrn, der sagt: „Wenn du deine Gabe zum Altare bringst und dich daselbst erinnerst, daß dein Bruder Etwas gegen dich hat, so laß deine Gabe dort vor dem Altare und gehe hin und versöhne dich zuvor mit deinen Bruder und dann komme und opfere deine Gabe.“

Siebenunddreissigste Frage:

Ob man des Gebets und Psalmgesangs wegen die Arbeit unterlassen dürfe; welche Zeiten zum Gebete geeignet seien; ob man arbeiten müsse.

Antwort:

Da unser Herr Jesus Christus sagt, nicht einfach Jeder, auch nicht der erste Beste, sondern, „Der Arbeiter ist seiner Nahrung werth,“  auch der Apostel zu arbeiten und mit unsern eigenen Händen Gutes zu thun befiehlt, damit wir hätten, um den Nothleidenden mitzutheilen; so geht daraus klar hervor, daß man fleissig arbeiten muß. Wir müssen nicht glauben, daß das Ziel des frommen Lebens der Trägheit und Arbeitsscheu Vorschub leiste; im Gegentheile ist es ein eben des Kampfes, häufigerer Arbeiten und der Geduld in Trübsalen, so daß auch wir sagen können: „In Mühsal und Elend, in zahlreicheren Nachtwachen, in Hunger und Durst;“  denn eine solche Lebensweise ist uns nicht allein zur Abtödtung des Leibes, sondern auch wegen der Nächstenliebe nützlich, damit Gott durch uns auch den schwachen Brüdern das nothwendige darreiche, nach dem uns von dem Apostel in der Apostelgeschichte gegebenen Vorbilde, wo er sagt: „In Allem habe ich euch gezeigt, daß man also arbeitend sich müsse der Schwachen annehmen;“  und ferner: „Damit ihr habet, um Dem, der Mangel leidet, mitzutheilen;“  auf daß wir würdig werden zu vernehmen: „Kommet, ihr Gesegneten meines Vaters, besitzet das Reich, welches seit der Gründung der Welt für euch bereitet ist. Denn ich war hungrig, und ihr gabt mir zu essen; ich war durstig, und ihr gabt mir zu trinken.“

Was brauche ich noch zu sagen, ein wie großes Übel die Trägheit sei, da der Apostel ausdrücklich befiehlt, daß Derjenige, welcher nicht arbeitet, auch nicht essen solle? Wie also Jedem die tägliche Nahrung nöthig ist, ebenso nothwendig ist ihm auch, nach Kräften zu arbeiten. Denn nicht umsonst hat Salomon zum Lobe (der Hausfrau) geschrieben „Sie ißt ihr Brod nicht müssig.“ Und ferner sagt der Apostel von sich selbst: „Wir haben von Keinem umsonst Brod gegessen, sondern in Mühsal und Elend Tag und Nacht gearbeitet,“  obwohl er als Verkünder des Evangeliums Erlaubniß hatten vom Evangelium zu leben. Aber auch der Herr verband die Trägheit mit der Bosheit, indem er sagt: „Du böser und fauler Knecht.“  Allein der weise Salomon lobt, wie aus dem Gesagten hervorgeht, nicht allein den Arbeitsamen, sondern straft auch den Faulen im Vergleich mit den kleinsten Thieren: „Gehe zur Ameise, du Fauler.“ Daher müssen wir fürchten, auch uns könne Dieses am Tage des Gerichts vorgehalten werden, wo Derjenige, welcher uns Kraft zum Arbeiten gegeben hat, die dieser Kraft entsprechenden Werke von uns fordert. Deßhalb heißt es: „Wem sie viel anvertraut haben, von Dem werden sie um so mehr fordern.“ Weil aber Einige unter dem Vorwande des Gebets und Psalmgesangs die Arbeiten vernachläßigen, so soll man wissen, daß bei manchen anderen Dingen jedes seine bestimmte Zeit hat, wie denn der Prediger sagt: „Jedes Ding hat seine Zeit;“  daß aber zum Gebete und Psalmgesang, sowie auch zu mehreren andern Dingen jede Zeit geeignet ist, so daß wir, während wir die Hände zur Arbeit bewegen, zugleich auch mit der Zunge, wenn Dieß möglich oder vielmehr zur Auferbauung des Glaubens nützlich ist, wenn aber nicht, dann im Herzen durch Psalmen und Hymnen und geistliche Lieder Gott preisen, wie geschrieben steht,  und so während der Arbeit das Gebet verrichten, indem wir Dem danken, der uns die Kraft der Hände zur Arbeit und Weisheit des Verstandes zur Erlangung der Kenntniß gegeben hat, zugleich auch den Stoff für die Werkzeuge und die Kunstgegenstände, welche wir bearbeiten, geliefert hat, und bitten, daß die Arbeiten unserer Hände den Zweck, Gott zu gefallen, erreichen möchten.

Auch auf folgende Weise bewahren wir die Seele eiteln Gedanken, wenn wir bei jeder Arbeit Gott um den guten Fortgang bitten, Dem danken, der uns zu arbeiten gegeben hat, und den Zweck, ihm wohlzugefallen, nicht aus dem Auge lassen, wie oben gesagt worden ist. Geschieht Dieß aber nicht, wie sollen dann die Worte des Apostels mit einander stimmen: „Betet ohne Unterlaß“ und „Arbeitet Tag und Nacht“?  Da die Danksagung zu jeder Zeit selbst durch ein Gesetz geboten und gezeigt ist, daß sie nach Natur und Vernunft unserm Leben nothwendig ist, so dürfen wir freilich die in den Brüderschaften festgesetzten Zeiten des Gebets nicht versäumen, die wir nach Bedürfniß gewählt haben, indem jede besonders an die Wohlthaten Gottes erinnert: das Frühgebet, um die ersten Regungen des Herzens und des Verstandes Gott zu weihen und uns keiner anderen Sorge zu unterziehen, bevor wir durch den Gedanken an Gott freudig gestimmt worden sind, wie geschrieben steht: „Ich dachte an Gott und freute mich,“  oder den Körper zur Arbeit zu bewegen, bevor wir gethan, wie es heißt: „Zu dir will ich beten, Herr, und des Morgens wirst du meine Stimme hören, des Morgens will ich vor dir stehen und betrachten.“  Ferner soll man sich um die dritte Stunde zum Gebet erheben und die Brüderschaft versammeln, mit welcher Arbeit immer der Einzelne beschäftigt sein mag, um sich an die Verleihung des heiligen Geistes zu erinnern, der um die dritte Stunde den Aposteln gegeben wurde. Alle sollen ihn einmüthig anbeten, auf daß auch sie gewürdigt werden, an der Heiligung Theil zu nehmen, und ihn anrufen, daß er sie auf seinem Wege führe und sie lehre, was nützlich ist, nach dem Beispiele dessen, der da sprach: „Ein reines Herz erschaffe in mir, o Gott, und den echten Geist erneuere in meinem Innern. Verwirf mich nicht von deinem Angesichte und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir. Gib mir wieder die Freude deines Heils und stärke mich durch den leitenden Geist.“  Und an einer andern Stelle. „Dein guter Geist führe mich auf die rechte Bahn.“

Sind sie aber in Folge der Arbeit oder aus sonstigen Gründen zu weit entfernt, so sollen sie ohne Bedenken dort alle die gemeinschaftlichen Vorschriften des Ordens erfüllen, denn der Herr sagt: „Wo zwei oder drei in meinen Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen.“  Auch um die sechste Stunde halten wir das Gebet für nothwendig nach dem Beispiele der Heiligen, die sagen: „Abends und Morgens und Mittags will ich erzählen und verkünden, und er wird anhören meine Stimme.“  Und damit wir von dem Angriffe des mittägigen Teufels befreit werden, ist um diese Zeit der neunzigste Psalm zu sprechen. Daß aber die neunte Stunde uns zum Gebete nothwendig sei, haben uns die Apostel in der Apostelgeschichte überliefert, indem dort erzählt wird, Petrus und Johannes seien um die neunte Stunde des Gebets hinaufgegangen zum Tempel. Ist aber der Tag beendigt, so sollen wir für Das danken, was uns an demselben gegeben oder von uns Gutes gethan worden ist, und bekennen, was wir unterlassen haben, und für alles Das Gott im Gebete versöhnen, was wir freiwillig, unfreiwillig oder unwissend in Worten, Werken oder auch im Herzen gesündigt haben. Denn es ist großem Nutzen, das Vergangene zu überdenken, um nicht wieder in ähnliche Sünden zu gerathen. Daher heißt es: „Was ihr sprechet in euerm Herzen, das bereuet auf euren Lagern.“

Auch sollen wir ferner beim Anbrechen der Nacht beten, auf daß wir eine vorwurfslose und von Phantasiebildernfreie Ruhe genießen; auch um diese Zeit ist nothwendig, den neunzigsten Psalm zu beten. Daß wir aber auch um Mitternacht beten müssen, haben uns Paulus und Silas überliefert, wie die Apostelgeschichte berichtet, indem sie sagt: „Um Mitternacht aber lobten Paulus und Silas Gott.“  Und der Psalmist sagt: „Um Mitternacht stehe ich auf, um dich zu preisen wegen der Gerichte deiner Gerechtigkeit.“  Ferner müssen wir der Morgenröthe zuvorkommen und zum Gebete aufstehen, damit wir nicht von dem Tage im Schlafe und Bette getroffen werden und mit David sagen können: „Meine Augen kommen der Morgenröthe zuvor, um deine Aussprüche zu betrachten.“  Keine von diesen Zeiten dürfen die vernachläßigen, die sich entschlossen haben, sorgfältig zur Ehre Gottes und Christi zu leben. Ich halte aber dafür, daß Verschiedenheit und Abwechselung in den Gebeten und Psalmgesängen zu den bestimmten Stunden nützlich ist, schon deßhalb, weil die Seele in Folge des Einerlei oft gleichgiltig und zerstreut wird: wird aber in jeder Stunde mit dem Psalmgesange und Gebete gewechselt, so wird die Sehnsucht der Seele erneuert und die Aufmerksamkeit erfrischt.

Achtunddreissigste Frage:

Über die für den Mönchsstand passenden Handwerke.

Antwort:

Es ist nicht leicht, gewisse Handwerke zu bestimmen, weil nach der besonderen Beschaffenheit der Orte und der Zweckmäßigkeit, wie in jeder Gegend Geschäfte betrieben werden, für die einen diese, für die anderen andere erforderlich sind. Im Allgemeinen aber kann die Auswahl derselben insoferne bestimmt werden, als wir diejenigen betreiben sollen, welche das Friedliche und Geräuschlose unseres Lebens nicht stören und weder viel Mühe zur Herbeischaffung des Stoffes noch viel Anstrengung, um die angefertigten Sachen zu verkaufen, erfordern, und welche für uns kein ungeziemendes und schädliches Zusammentreffen mit Männern oder Weibern veranlassen; sondern wir müssen glauben, daß uns in allen Einfachheit und Wohlfeilheit als besonderes Ziel vorgesteckt sei, und uns hüten, den unvernünftigen und schädlichen Begierden der Menschen durch zu dienen, daß wir Das verfertigen, wonach ihr Streben geht. Daher müssen wir zum Weben Das wählen, was im gewöhnlichen Leben gebraucht wird, nicht was von üppigen Menschen erdacht worden, um die Jugend zu fangen und zu bestricken. Ebenso müssen wir auf die Anfertigung von Schuhen nur soviel Kunst anwenden, als zur Befriedigung des Bedürfnisses erforderlich ist. Zimmer-, Schreiner-, Schmiedehandwerk und Ackerbau sind zwar auch an und für sich zum Leben nothwendig und gewähren großen Nutzen und können eigentlich von uns nicht verworfen werden; nun müssen wir, wenn sie uns Lärm verursachen oder das Zusammenleben der Brüder stören, sie nothwendig ablehnen und jene Künste vorziehen, die unser Leben vor Zerstreuung bewahren und im Wohlgefallen des Herrn erhalten und die weder von dem zeitigen Psalmgesange nach dem Gebete noch der übrigen Ordnung Diejenigen abhalten, welche sich die Übung der Frömmigkeit ganz besonders angelegen sein lassen. Kommt bei ihnen aber Nichts vor, was den Hauptzweck unseres Lebens beeinträchtigt, so sind sie vielen anderen Beschäftigungen vorzuziehen, besonders der Ackerbau, der durch sich selbst das Nothwendige herbeischafft und die sich mit ihm Beschäftigenden vom vielen Umherschweifen und Hin- und Herlaufen zurückhält; nur muß er, wie gesagt, weder von Seiten der Nachbarn noch von Seiten der Hausgenossen Lärm und Unruhe verursachen.

Neununddreissigste Frage:

Wie man die Arbeiten verkaufen und wie man zu diesem Zweck reisen soll.

Antwort:

Auch ist daraus Bedacht zu nehmen, die Arbeiten nicht in die Ferne zu verkaufen noch, um sie zu verkaufen, unter das Volk zu gehen. Denn es ist schicklicher und sowohl zur gegenseitigen Erbauung als auch zur genauen Beobachtung der täglichen Lebensordnung nützlicher, an einem Orte zu bleiben. Daher sollen wir es vielmehr vorziehen, die Waare etwas unter dem Werthe zu verkaufen, als um geringen Gewinn auswärtige Orte zu besuchen. Ist Dieß aber, wie die Erfahrung zeigt, unmöglich, so müssen wir Orte und Städte frommer Männer auswählen, damit die Reise für uns nicht unnütz werde, und müssen mehrere Brüder, von denen jeder seine eigenen Waaren mitbringt, in den bezeichneten Versammlungsorten zusammentreffen. Auch müssen sie die Reise gemeinschaftlich machen, damit sie den Weg unter Psalmgesängen und Gebeten zu gegenseitiger Erbauung zurücklegen. Haben sie den Ort erreicht, so sollen sie dieselbe Herberge wählen, sowohl zu gegenseitiger Bewachung, als auch um weder bei Tag noch bei Nacht die Gebetszeit zu versäumen, damit endlich der Umgang mit unverträglichen und habsüchtigen Menschen dem Einzelnen nicht schade denn auch die gewaltthätigsten Menschen haben nicht gern viele Zeugen ihrer Ungerechtigkeiten.

Vierzigste Frage:

An welchen Versammlungsorten Handelsgeschäfte nicht gestattet sind.

Antwort:

Daß Märkte an den Orten, wo Martyrer verehrt werden, nicht stattfinden sollen, zeigt uns die Schrift. Denn es ziemt sich nicht für Christen, an den Martyrerorten oder in deren Umgegend aus einer andern Ursache zu erscheinen, als des Gebets wegen und um sich die Standhaftigkeit in’s Gedächtniß zu rufen, welche jene des Glaubens wegen bis zum Tode bewiesen haben, und um sich zu gleicher Standhaftigkeit zu entstammen, und sie sollen sich an den furchtbaren Zorn erinnern, mit welchem der Herr, wie sanft und demüthig von Herzen er immer und überall auch sein mochte, wie geschrieben steht, nur allein gegen Jene die Geißel schwang, die im Tempel kauften und verkauften, weil der Handel das Haus des Gebets in eine Räuberhöhle umwandelte. Auch dürfen wir nicht, weil Andere die bei den Heiligen bestehende Gewohnheit früher verletzt haben und, anstatt für einander zu beten, mit Mehreren vor Gott zu Knieen und zu weinen, ihm die Sünden abzubitten, für die Wohlthaten zu danken, durch Worte des Trostes einander zu erbauen, was, wie wir wissen, noch bis auf unsere Tage beobachtet wurde, anstatt dessen diese Zeit und diesen Ort, zu einem Markte, einem Volksfeste, einem gemeinen Handelsplatze machen, Jenen nachahmen und durch unsere Theilnahme sie in ihrem thörichten Gebahren bestätigen. Im Gegentheile müssen wir jene Versammlungen bei unsern Herrn Jesus Christus nachahmen, von denen die Evangelien berichten, und thun, was der Apostel befohlen hat und als Vorbild für dergleichen hinstellt. Er schreibt aber also: „Wenn ihr zusammenkommt, hat Jeglicher von euch einen Psalm, er hat einen Lehrvortrag, hat eine Offenbarung, hat eine (Rede in fremder) Sprache; — Alles geschehe zur Erbauung.“

Einundvierzigste Frage:

Über Eigenmächtigkeit und Gehorsam.

Antwort:

Rücksichtlich der erlaubten Handwerke darf nun aber nicht Jeder das ausüben, welches er kann, oder lernen welches er will, sondern das, wozu er tauglich befunden wird. Denn wer sich selbst verleugnet und allen seinen Eigenwillen abgelegt hat, der thut nicht, was er will, sondern was ihm vorgeschrieben wird. Auch läßt die Vernunft nicht zu, daß Derjenige aus sich Das, was entsprechend ist, wähle, der einmal die Leitung seines Lebens Anderen anheimgegeben hat, die ihn zu Dem bestimmen, wozu sie ihn im Namen des Herrn tauglich finden. Denn wer nach seiner eigenen Neigung ein Geschäft wählt, der klagt sich selbst an und zwar erstens der Selbstgefälligkeit, dann daß er entweder wegen weltlichen Ruhmes oder aus Hoffnung auf Gewinn oder aus einer ähnlichen Ursache zu dem Geschäfte eine Vorneigung hege oder aus Trägheit oder Nachläßigkeit die leichtere Arbeit vorziehe. Ist aber Jemand noch mit solchen Fehlern behaftet, so ist das ein Beweis, daß er die Neigungen zum Bösen noch nicht abgelegt hat. Denn weder hat sich selbst verleugnet, wer noch seine Neigungen befriedigen will, noch hat Der den weltlichen Dingen entsagt, der noch nach Gewinn und Ruhm verlangt. Auch hat Der seine irdischen Glieder noch nicht abgetödtet, welcher die Beschwerde bei den Arbeiten nicht geduldig erträgt, sondern er zeigt, daß er selbstgefällig ist, indem er glaubt, sein Urtheil sei richtiger als die Ansicht der Wahrheit. Hat daher Jemand ein Handwerk, welches von der Gesellschaft nicht zurückgewiesen ist, so darf er dasselbe nicht aufgeben; denn es ist das Zeichen einer unbeständigen Gesinnung und eines schwachen Willens, Das, was man besitzt, gering zu schätzen; hat er aber kein Handwerk, so soll er sich selbst keines wählen, sondern das übernehmen, welches von Oberen gutgeheissen ist, damit er in Allem den Gehorsam beobachte. Wie es aber als ungeziemend erwiesen worden ist, sich selbst ein Handwerk zu wählen, ebenso vorwurfsvoll ist es, das von Anderen gutgeheissene nicht annehmen zu wollen. Ja hat Jemand ein Handwerk, dessen Ausübung der Brüderschaft nicht zusagt, so gebe er es bereitwillig auf und zeige dadurch, daß er an nichts Irdischem leidenschaftlich hange. Daher handelt nur Der nach seiner eigenen Willensmeinung, der keine Hoffnung hat nach dem Ausspruche des Apostels.  Gehorsam aber in allen Dingen ist lobenswürdig, wie denn der Apostel Einige lobt, weil sie zuerst sich dem Herrn hingeben, dann aber auch uns nach dem Willen Gottes.

Übrigens muß sich Jeder an seine eigene Arbeit halten und ihr mit Fleiß obliegen und, als wenn Gott ihm zusähe, dieselbe mit unermüdlichem Eifer und emsiger Sorgfalt ohne Tadel verrichten, auf daß er immer mit Zuversicht sagen kann. „Siehe, wie die Augen der Knechte auf die Hände ihrer Herren, so schauen unsere Augen auf den Herrn unsern Gott,“  und nicht von der einen zur andern übergehen. Denn auch unsere Natur kann nicht viele Geschäfte zugleich verrichten; es ist daher nützlicher, eines mit Fleiß zu betreiben, als viele anzufangen und keines zu vollenden. Denn sich auf mehrere vertheilen und von einem zum andern übergehen, ohne eines zu vollenden, ist entweder das Zeichen eines wirklich leichtsinnigen Charakters oder führt dazu. Fordert es aber einmal die Noth, daß Derjenige, welcher tauglich ist, auch bei anderen Handwerken helfen muß, so soll er Das nicht aus sich thun, sondern wenn er dazu aufgefordert wird, nicht nach eigenem Entschluß, sondern wenn es die Umstände erheischen, wie wir ja auch bei den Gliedern des Körpers, wenn der Fuß seine Dienste versagt, uns auf die Hand stützen. Und wie es ferner unpassend ist, aus eigenem Antriebe daran zu gehen, ebenso tadelswürdig ist es ein übertragenes Geschäft abzulehnen, damit nicht die Leidenschaft der Eigenmächtigkeit genährt, noch die Grenze des Gehorsams und der Folgsamkeit überschritten werde. Die Sorge für die Gerätschaften ist vorzüglich die Sache dessen, der das Handwerk betreibt, zu dem sie gehören. Trifft es sich aber nun, daß Etwas übersehen wird, so muß es als ein Allen gemeinsamer Besitz von denen, die es zuerst wahrnehmen, mit geziemender Vorsicht besorgt werden. Denn ist auch der Gebrauch derselben ein besonderer, so ist Das, was mit ihnen geschaffen wird, gemeinschaftlich. Denn die Geräthschaften eines anderen Handwerkes, als gingen sie ihn Nichts an, verachten, heißt sie für fremde ansehen. Auch dürfen sich die Handwerker, welche die Gerätschaften gebrauchen, darüber keine Herrschaft anmaßen, so daß sie dem Vorsteher der Brüderschaft nicht gestatten, sich derselben zu bedienen, oder sich herausnehmen, sie zu verkaufen oder zu vertauschen oder auf andere Weise fort zu geben oder zu den vorhandenen andere anzuschaffen. Denn wer sich einmal entschlossen, über seine eigenen Hände nicht mehr Herr zu sein, und es einem Anderen anheimgegeben hat, ihre Thätigkeit zu bestimmen, wie wird der seinem Entschlusse gemäß handeln, wenn er sich das alleinige Recht über sein Handwerkszeug anmaßt und darüber despotisch gebietet!

Zweiundvierzigste Frage:

Über Absicht und Gesinnung der Arbeiter.

Antwort:

Indessen muß man wissen, daß der Arbeiter nicht arbeiten soll, um durch seine Arbeiten sich die Lebensbedürfnisse zu verschaffen, sondern um das Gebot des Herrn zu erfüllen, welcher sagt: „Ich war hungrig, und ihr habt mich gespeiset u. s. w.“  Denn für sich selbst ängstlich besorgt sein, ist von dem Herrn durchaus verboten, der da sagt: „Sorget nicht ängstlich für euer Leben, was ihr essen werdet, noch für euern Leib, was ihr anziehen werdet,“ und beifügt: „Denn nach allem Diesem trachten die Heiden.“  Daher muß ein Jeder als Zweck der Arbeit die Unterstützung der Dürftigen im Auge haben, nicht aber die Beschaffung seines eigenen Bedarfs. Denn auf diese Weise wird er sowohl dem Vorwurfe der Eigenliebe entgehen als auch den Segen der Bruderliebe vom Herrn empfangen, der sagt: „Was ihr einem meiner geringsten Brüder gethan habt, das habt ihr mir gethan.“  Denke aber Niemand, daß Das, was der Apostel sagt, unserer Ansicht entgegen sei: Sie sollen arbeiten, damit sie ihr eigenes Brod essen.“  Denn Dieß ist zu den Unredlichen und Trägen gesagt, weil es besser ist, daß Jeder sich sein Brod verdient, als sein Leben in Müßiggang hinbringt und Anderen lästig fällt. „Denn wir hören,“ sagte er, „daß Einige unter euch unordentlich leben und nicht arbeiten, sondern Unnützes treiben;“ „Solchen nun,“ sagt er, „befehlen wir und fordern sie auf, in Ruhe zu arbeiten, damit sie ihr eigenes Brod essen.“  Auch Jenes: „Wir arbeiten Tag und Nacht, um Niemandem lästig zu sein“ hat denselben Sinn;  denn der Apostel unterzog sich aus Bruderliebe und zur Entfernung der Unordnung den Arbeiten mehr, als ihm geboten war. Wer also zur Vollkommenheit eilt, der muß Tag und Nacht arbeiten, damit er Dem mittheilen kann, der Mangel leidet.

Denn wer auf sich oder Denjenigen, welcher die Sorge für die Lebensbedürfnisse übernommen hat, seine Hoffnung setzt oder seine eigene oder seines Genossen Arbeit zur Erhaltung des Lebens für hinlänglich achtet, der läuft insofern er seine Hoffnung auf Menschen setzt Gefahr, dem also lautenden Fluche zu verfallen: Verflucht der Mensch, welcher sein Vertrauen auf Menschen setzt und das Fleisch seines Armes stützen wird, und dessen Herz von Gott abweicht.“  Durch die Worte „Der sein Vertrauen auf Menschen setzt“ verbietet die Schrift auf einen Anderen die Hoffnungen setzen; und durch die Worte: „Das Fleisch seines Armes stützen wird“ auf sich selbst zu vertrauen. Beides aber nennt sie Abfall von dem Herrn und führt euch von Beiden das Ende an, indem sie sagt: „Er wird sein wie die wilde Tamariske in der Wüste und das Gute nicht schauen, wann es kommt.“  Die Schrift weiset also darauf hin, daß auf sich selbst oder aus Andere hoffen, von Gott abfallen heißt.

Dreiundvierzigste Frage:

Wie die Vorsteher der Brüderschaft beschaffen sein und wie sie diese leiten müssen.

Antwort:

Wohl haben wir auch über diesen Punkt bereits im Allgemeinen gesprochen; da ihr indessen wünscht und zwar mit Recht, daß dieser Punkt ausführlicher erörtert werde, — denn wie der Vorgesetzte und der Obere ist, so sind gewöhnlich auch die Untergebenen, so dürfen wir diesen Punkt nicht oberflächlich übergehen. Der Vorsteher nun muß eingedenk des Gebots des Apostels, der sagt: „Sei ein Vorbild für die Gläubigen“  sein Leben zu einem deutlichen Beweise machen, daß er jedes Gebot des Herrn erfüllt, um Denen, die er unterrichtet, keine Veranlassung zu geben, das Gebot des Herrn für unmöglich zu halten und zu verachten. Der Erste muß daher, was das Erste ist, die Demuth in der Liebe Christi so üben, daß, wenn er auch schweigt, das Beispiel seiner Werke eine kräftigere Belehrung gibt als jede Rede. Denn besteht der Zeck des Christenthums in der Nachahmung Christi nach Maßgabe seiner Menschheit, wie es der Berufung eines Jeden entspricht, so müssen Diejenigen, denen die Leitung Vieler anvertraut ist, die Schwächeren durch ihre Dazwischenkunft in der Nachahmung Christi fördern nach dem Beispiele des seligen Paulus, der sagt: „Werdet meine Nachfolger, wie ich Christi (Nachfolger) bin.“

Daher müssen die Ersten selbst das von unserm Herrn Jesus Christus überlieferte Maß der Demuth beobachten, um ein vollkommenes Vorbild zu werden. Denn „lernt von mir“ sagt er, „denn ich bin sanftmüthig und demüthig von Herzen.“  Ein solches Benehmen und ein demüthiges Herz soll daher den Vorsteher kennzeichnen. Denn wenn der Herr sich nicht scheute, seine eigenen Diener zu bedienen, sondern sich herabließ, ein Diener der Erde und des Kothes zu sein, den er selbst gebildet und zu einem Menschen gestaltet hatte, — denn sagt er: „Ich bin in eurer Mitte wie einer, der dient;“  — was müssen wir dann nicht unsers Gleichen thun, um zu glauben, seine Nachahmung vollkommen erreicht zu haben! Dieß ist eins, was ein Vorsteher haben muß. Dann muß er barmherzig sein und geduldig gegen Diejenigen, welche aus Unerfahrenheit irgend eine Pflicht versäumen, zu Sünden nicht stillschweigen, aber sich gegen Widerspenstige mit Sanftmuth benehmen und ihnen mit aller Milde und Mäßigung die Heilmittel beibringen. Ferner muß er fähig sein, das für die Krankheit passende Heilmittel aufzufinden, nicht mit Anmaßung anherrschen, sondern mit Sanftmuth ermahnen und zurecht weisen, wie geschrieben steht, wachsam bezüglich des Gegenwärtigen, vorsorglich für das Zukünftige, fähig, den Starken beizustehen, die Schwachheiten der Unmächtigen tragen und im Stande, Alles zu thun und zu reden, was zur Vervollkommnung der Genossen dient. Er darf sich nicht selbst das Vorsteheramt nehmen, sondern muß von den Vorstehern der anderen Brüdergemeinden gewählt werden und in seinem früheren Leben einen hinlänglichen Beweis von seinem Charakter gegeben haben. „Denn auch diese,“ heißt es, „müssen zuvor geprüft werden, dann mögen sie das Amt bekommen, wenn sie untadelhaft sind.“  Ist nun auf diese Weise ein Solcher in das Vorsteheramt eingesetzt, so stelle er in der Brüderschaft eine gute Ordnung her und theile einem Jeden die Arbeit so aus, wie er dazu tauglich ist.

Vierundvierzigste Frage:

Welchen die Reisen anzuvertrauen und worüber sie bei ihrer Rückkehr zu befragen sind.

Antwort:

Das Reisen werde Demjenigen übertragen, der es ohne Schaden für seine Seele und zum Nutzen Derjenigen mit denen er zusammenkommt, auszuführen versteht. Ist aber kein Geeigneter vorhanden, so ist es besser, bei dem Mangel an dem Nothwendigen selbst bis zum Tode jede Drangsal und Noth zu erdulden, als leiblichen Behagens wegen einen anerkannten Schaden der Seele zu verachten. „Denn lieber wollte ich sterben,“ sagt der Apostel, „als daß mir Jemand meinen Ruhm vereitelte“  und zwar in den erlaubten Dingen, wie viel mehr in den gebotenen. Indessen läßt auch Dieses das Gesetz der Liebe nicht ohne Abhilfe. Denn trifft es sich, daß in einer Brüdergemeinde sich Niemand findet, der mit Fug abgeschickt werden kann, so sollen die benachbarten den Mangel ersetzen, gemeinsam die Reisen machen und sich nie von einander trennen, so daß sowohl Die, weiche von schwachem Geiste sind als auch Die, welche einen gebrechlichen Körper haben, durch diese Gemeinschaft mit den Stärkeren erhalten werden. Auch muß Dieses schon lange vorher von dem Vorgesetzten angeordnet werden, damit man nicht in der Noth wegen der Kürze der Zeit rathlos dastehe, um ein Hilfsmittel aufzufinden. Nach der Rückkehr aber soll der Vorgefetzte den Reisenden fragen was er ausgeführt, mit welchen Menschen er zusammengekommen, was er mit ihnen gesprochen, was er bei sich gedacht, ob er den ganzen Tag und die ganze Nacht in der Furcht Gottes zugebracht hat, ob er gesündigt und eine der Verordnungen übertreten, entweder den äusseren Umständen nachgebend oder von seinem eigenen Leichtsinne fortgerissen.

Und das auf die rechte Weise Gethane bestätige er durch seinen Beifall, die begangenen Fehler aber rüge er mit sorgfältiger und vernünftiger Belehrung. Denn dadurch, daß die Reisenden an die Rechenschaft, die sie ablegen müssen, denken, werden sie wachsamer sein, während wir nicht einmal zur Zeit ihrer Abwesenheit uns der Sorge für ihr Leben zu entschlagen scheinen. Diese Sitte herrschte auch bei den Heiligen, wie die Apostelgeschichte überliefert, indem sie uns berichtet, wie Petrus bei seiner Rückkehr nach Jerusalem den dort Anwesenden von seinem Umgange mit den Heiden Rechenschaft gab, und wie Paulus und Barnabas nach ihrer Rückkehr die Gemeinde versammelten und ihr verkündigten, was Gott mit ihnen gethan hatte,  und daß die ganze Menge geschwiegen und zugehört habe, als Paulus und Barnabas erzählten, was Gott gethan. Auch Das muß man noch wissen, daß die Brüderschaften sich in jeder Weise vor dem Hausiren und Feilschen, sowie krämerischem Gewinn hüten müssen.

Fünfundvierzigste Frage:

Über den Stellvertreter, der den Vorsteher im Behinderungsfalle zu ersetzen hat.

Antwort:

Weil es oft vorkommt, daß der Vorsteher, sei es wegen körperlicher Schwachheit, einer nothwendigen Reise oder eines anderen Umstandes, von der Brüderschaft abwesend ist, so soll ein Anderer da sein, der unter Zustimmung des Vorstehers und Anderer, die fähig sind, zu prüfen dazu gewählt ist, dazu nämlich, während seiner Abwesenheit die Sorge für die Brüder zu übernehmen, so daß die Anwesenden von Einem die Tröstungen der Rede haben, die Brüderschaft während der Abwesenheit des Vorstehers sich aber auch nicht einem demokratischen Charakter zuneige, die Regel und die vorgeschriebene Einrichtung zerstöre, sondern das mit Überlegung Gewählte zur Ehre Gottes beibehalte und Einer da sei, der den fremden Reisenden verständig antworten kann, die einen Zuspruch Verlangenden dem Gegenstande angemessen erbaut werden und die ganze Brüderschaft nicht zu Schanden werde. Denn wenn Alle herbeieilen, um zu sprechen, so veranlaßt Das Lärm und ist ein Zeichen von Unordnung, da der Apostel nicht einmal gestattet, daß von Denjenigen, welche der Gabe zu reden gewürdigt worden sind, Mehrere zugleich sprechen, weßhalber sagt: „wenn aber einem Anderen eine Offenbarung zu Theil wird, so soll der Erste schweigen.“  Und wiederum tadelt er das Thörichte einer solchen Unordnung, indem er sagt: „wenn also die ganze Gemeinde zusammenkäme und Alle in Sprachen redeten, und es kämen Unkundige und Ungläubige hinzu, würden sie nicht sagen: „Ihr seid wahnsinnig?“

Sechsundvierzigste Frage:

Keiner soll dem Bruder oder sich seine Sünden verheimlichen.

Antwort:

Jede Sünde muß dem Vorgesetzten angezeigt werden, entweder von dem Sünder selbst oder von Einem, der darum weiß, wenn sie dieselbe nicht zu heilen im Stande sind, wie von dem Herrn geboten ist. Denn eine Sünde, die verschwiegen wird, ist eine heimliche Krankheit der Seele. Wie wir nun nicht Den einen Wohlthäter nennen möchten, der das Übel in den Körper einschließt, sondern vielmehr Denjenigen, der es durch Schmerz und Verwundung zu Tage fördert, damit das Schädliche entweder durch Erbrechen entfernt oder überhaupt durch Aufdeckung des Leidens die Art der Heilung erkannt wird; ebenso führt auch offenbar die Verheimlichung der Sünde für den Kranken den Tod her bei. „Denn der Nagel des Todes,“ sagt der Apostel, „ist die Sünde.“ „Aber freimüthiger Tadel ist besser als verborgene Freundschaft.“  Daher soll Keiner dem Anderen die Sünde verbergen, damit er nicht ein Brudermörder statt eines Bruderfreundes und nicht sein eigener Mörder werde. „Denn wer sich nicht selbst durch seine eigenen Werke heilt, der ist ein Bruder dessen, der sich selbst ins Verderben stürzt.“

Siebenundvierzigste Frage:

Über Die, welche den Vorschriften der Vorgesetzten nicht nachkommen.

Antwort:

Wer dem von dem Vorgesetzten Verordneten nicht nachkommt, der muß offen oder vor ihm besonders Widerspruch leisten, falls er einen im Sinne der Schrift triftigen Grund hat, oder er muß schweigend das Befohlene thun. Scheut er sich aber, so bediene er sich Anderer als Vermittler dazu, damit er, ist das Gebot gegen die Schrift, sowohl sich als die Brüder vor Schaden bewahre, zeigt es sich aber, daß es der gehörigen Ordnung entspricht, die eitele und gefährliche Grübelei fahren lasse — „denn wer zweifelhaft ist,“ sagt der Apostel, „der ist verdammt, wenn er isset, weil er nicht aus Überzeugung handelt,“  — und den Einfältigen keine Veranlassung zum Ungehorsame gebe. „Denn es wäre besser,“ sagt der Herr, „daß ein Mühlstein an seinen Hals gehängt und er in’s Meer geworfen würde, als daß er eins aus diesen Kleinen ärgert.“  Wenn aber Einige im Ungehorsame verharren, indem sie heimlich tadeln und ihre Unzufriedenheit nicht öffentlich vorbringen, die sollen als Urheber des Zwistes unter den Brüdern und als Zerstörer des Ansehens der Gesetze und als Lehrer der Auflehnung und des Ungehorsams aus der Brüderschaft gestoßen werden. „Denn treibe,“ sagt Salomon, „die Pest aus der Versammlung, und es wird der Zank mit ihr fortgehen.“  Und ferner: „Schaffet den Bösewicht aus eurer Mitte fort. Denn ein wenig Sauerteig verdirbt den ganzen Teig.“

Achtundvierzigste Frage:

Man soll über die Handlungsweise des Vorgesetzten nicht nachgrübeln, sondern auf seine eigene Arbeit sehen.

Antwort:

Damit aber Niemand leicht durch diesen Fehler des Grübelns und Streitens sich und Anderen Schaden zufüge, so muß überhaupt in der Brüderschaft darauf gesehen werden, daß gleich Anfangs Niemand über die Handlungsweise des Vorgesetzten nachgrübele und sich mit Dem, was geschieht, zu thun mache, mit Ausnahme Derjenigen, welche dem Vorgesetzten an Rang und Einsicht näher stehen, die er dann auch nothwendig zur Berathung und Überlegung der gemeinschaftlichen Angelegenheiten herbeiziehen wird, gehorsam der Ermahnung dessen, der sagt: „Thue Alles mit Rath.“  Denn haben wir ihm die Leitung unserer Seelen anvertraut für die er Gott Rechenschaft geben wird, so wäre es durchaus unvernünftig, ihm hinsichtlich der geringfügigsten Dinge nicht zu trauen und nicht allein selbst gegen den Bruder Verdacht zu hegen, sondern auch Andere dazu zu verleiten. Damit Dieses daher nicht geschieht, soll Jeder bei Dem bleiben, wozu er berufen ist, sich ganz der Besorgung dessen hingeben, was ihm obliegt, sich mit nichts Anderen zu thun machen, die heiligen Jünger des Herrn nachahmende von denen, obgleich der Vorfall mit der Samariterin Verdacht erregen konnte, doch Keiner, wie Johannes sagt, sprach: „Wornach fragst du, oder was redest du mit ihr?“

Neunundvierzigste Frage:

Von denen, die in der Brüderschaft uneins werden.

Antwort:

Wenn Einige über einen Gegenstand uneins werden, so sollen sie nicht streitsüchtig mit einander hadern, sondern die Entscheidung denen, die dazu befähigt sind, anheimgeben. Damit daher weder die Ordnung gestört, wenn Alle und überall fragen, noch Anlaß zum Scherzen und Schwätzen gegeben werde, so muß Einer dazu bestimmt und ermächtigt sein, die Streitsache der Brüderschaft zur gemeinschaftlichen Berathung vorzulegen oder dem Vorsteher zu überweisen. Denn so wird die Streitfrage richtiger und gründlicher diskutirt werden. Denn ist bei jeder Sache Kenntniß und Erfahrung nöthig so ganz besonders bei diesen. Und wenn schon Niemand Unerfahrenen den Gebrauch der Werkzeuge anvertraut, so muß man um so mehr die Handhabung der Reden den Erfahrenen überlassen, die Ort, Zeit und Art der Fragen zu unterscheiden im Stande sind und durch einsichtsvolles und kluges Gegenfragen sowie verständiges Anhören sorgfältig darüber wachen, daß die Lösung der Fragen zur Erbauung der Gemeinde geschehe.

Fünfzigste Frage:

Wie der Vorgesetzte strafen soll.

Antwort:

Keineswegs soll der Vorsteher mit Leidenschaft die Strafen über die Fehlenden verhängen. Denn mit Wuth und Zorn den Bruder zurechtweisen heißt nicht, ihn von der Sünde befreien, sondern sich selbst in Sünden verwickeln. Daher sagt der Apostel: „Mit Milde weise er sie zurecht, welche widerstreben.“  Nicht einmal, wenn er selbst verachtet wird, darf er heftig sein; sieht er aber, daß ein Anderer verachtet wird, so beweise er gegen den Fehlenden gütige Nachsicht, zürne aber um so mehr über die Sünde. Denn auf diese Weise wird er nicht nur dem Verdachte der Eigenliebe entgehen, sondern auch beweisen, daß er nicht den Sünder hasse, wohl aber die Sünde verabscheue, indem er zwischen beiden einen Unterschied macht. Zeigt er aber seinen Unwillen nicht in der gesagten, sondern entgegengesetzten Weise, so geht daraus hervor, daß er nicht wegen Gott noch wegen der Gefahr des Sünders, sondern wegen seines Ehrgeizes und seiner Herrschsucht unwillig ist. Freilich muß er für die Ehre Gottes, welche durch die Übertretung des Gebots beleidigt wird, Eifer beweisen, aber auch mitleidsvolle Bruderliebe wegen der Rettung des Bruders, welcher durch die Sünde Gefahr läuft, „weil die Seele, welche sündigt, sterben wird,“  bei jeder Sünde gleichsam gegen die Sünde aufgebracht werden und durch die Heftigkeit der Bestrafung den Eifer seiner Gesinnung an den Tag legen.

Einundfünfzigste Frage:

Wie das Begehren des Sünders zu bessern ist.

Antwort:

Die mit Leidenschaften Behafteten suche er nach der Weise der Heilkunde zu bessern, indem er den Schwachen nicht zürnt, sondern die Krankheit bekämpft und sich den Leidenschaften widersetzt, auch, wann es nöthig ist, zur Heilung der Seelenkrankheit eine strengere Disciplin anwendet, z. B. gegen die Ruhmsucht die Auflegung von Übungen in der Demuth, gegen die Geschwätzigkeit das Stillschweigen, gegen übermäßigen Schlaf Wachen und Beten, gegen die Trägheit des Körpers Arbeiten, gegen Unmäßigkeit im Essen Fasten, gegen Murren Absonderung, so daß weder ein Bruder mit ihm arbeite noch seine Arbeit mit der der Übrigen zusammengelegt werde, wie früher gesagt worden, es sei denn, daß er zeige, er habe sich durch aufrichtige Buße von dem Fehler befreit. Und dann mag die unter Murren verfertigte Arbeit angenommen werden, nicht aber zum Gebrauche der Brüder, sondern zu einem anderen Zwecke. Der Grund hierfür ist oben genugsam dargelegt worden.

Zweiundfünfzigste Frage:

In welcher Gesinnung die auferlegten Strafen zu tragen sind.

Antwort:

Wie wir oben gesagt haben, muß der Vorgesetzte den Schwachen die Heilmittel ohne Leidenschaft beizubringen suchen. Ebenso müssen wiederum Diejenigen, welche geheilt werden, die Strafen nicht als Feindschaft aufnehmen und die Sorge, welche jener aus Barmherzigkeit zum Heile ihrer Seele anwendet, nicht als Tyrannei ansehen. Denn es ist schändlich, daß, während die Leibeskranken den Ärzten so viel Zutrauen schenken und sie, mögen sie schneiden und brennen und mit bittern Arzneien belästigen, für ihre Wohlthäter halten, wir gegen die Ärzte unserer Seelen, wenn sie uns durch eine strenge Lebensweise retten wollen, nicht die gleiche Gesinnung hegen, da doch der Apostel sagt: „Und wer ist, der mich erfreut, wenn nicht Derjenige, der durch mich betrübt ist?“  Und ferner: „Denn siehe, eben Dieses, daß ihr in Gott wohlgefällige Traurigkeit versetzt wurdet, welch einen Eifer hat es bei euch bewirkt!“  Daher müssen wir auf das Ende schauen und den für unseren Wohlthäter halten, der uns in eine Gott wohlgefällige Traurigkeit versetzt.

Dreiundfünfzigste Frage:

Wie die Lehrmeister die fehlenden Knaben zurechtweisen sollen.

Antwort:

Freilich müssen auch Diejenigen, welche die Handwerke lehren, die Lehrlinge, wenn sie Etwas verfehlen, wegen des Vergehens für sich besonders tadeln und die Fehler verbessern. Diejenigen Vergehen aber, welche aus die Verkehrtheit des Charakters schließen lassen, wie Ungehorsam, Widerspruch, Leichtsinn in der Arbeit oder unnützes Reden, Lügen oder Anderes dergleichen, was den Frommen untersagt ist, müssen sie dem Aufseher der allgemeinen Ordnung anzeigen und in seiner Gegenwart tadeln, damit er das Maß und die Art der Heilung der Fehler bestimme. Denn ist die Strafe eine Arznei für die Seele, so darf nicht Jeder strafen, wie auch nicht Jeder heilen kann, es sei denn, der Vorsteher habe es Einem nach reiflicher Prüfung übertragen.

Vierundfünfzigste Frage:

Die Vorsteher der Brüderschaft müssen sich über ihre Angelegenheiten miteinander besprechen.

Antwort:

Es ist aber gut, daß die Vorsteher der Brüderschaften und wieder zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten zusammenkommen, um sich über unerwartete Vorfälle und schwer zu behandelnde Charaktere und die Art, wie sie bei Jedem verfahren sind, mit einander zu besprechen, so daß, wenn von Einem ein Mißgriff gemacht worden ist, dieser durch das Urtheil Vieler sicher aufgedeckt und Das was recht geschehen ist, durch das Zeugniß Mehrerer bekräftigt werde.

Fünfundfünfzigste Frage:

Ob es dem Zwecke der Frömmigkeit entspricht von der Heilkunde Gebrauch zu machen.

Antwort:

Wie uns jede Kunst zur Unterstützung der Schwäche unserer Natur von Gott verliehen ist, wie der Ackerbau, weil Das, was die Erde aus sich selbst hervorbringt, zur Befriedigung der Bedürfnisse nicht hinreicht, ferner die Webekunst, da der Gebrauch der Kleider sowohl der Ehrbarkeit wegen als auch gegen die schädlichen Einflüsse der Lust nothwendig ist, in gleicher Weise die Baukunst und so die Heilkunde. Denn da unser für Leiden empfänglicher Körper verschiedenen Schädigungen, die ihm theils von aussen zustoßen, theils von innen durch die Speisen entstehen, unterworfen ist und bald in Folge von Überfluß, bald von Mangel leidet, so ist uns die Heilkunde zum Vorbilde der Heilung der Seele von Gott, dem Lenker unsers ganzen Lebens, gegeben worden, damit durch sie das Überflüssige entfernt und das Mangelnde ersetzt werde. Denn wie wir, solange wir im Paradiese der Lust waren, weder der Kenntniß noch der Arbeit des Ackerbaues bedurften, ebenso brauchten wir auch, solange wir der Schöpfungsgnade gemäß vor dem Falle ohne Leiden waren, keine Heilkunde zu unserer Erleichterung. Allein wie wir an diesen Ort verbannt wurden und hörten: „Jm Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen,“  da nach langer Erfahrung und Abmühen um die Erde machten wir aus der Kunst des Feldbaues ein Trostmittel für die traurigen Folgen jenes Fluches, indem uns Gott Einsicht und Verstand für jene Kunst verlieh. Ebenso wurde uns auch, nach dem wir wieder an die Erde angewiesen waren, von der wir genommen, und an das lästige Fleisch gefesselt, welches der Sünde wegen zum Untergange verdammt und deßwegen diesen Krankheiten unterworfen ist, die Heilkunde gewährt, um den Leidenden wenigstens einige Erleichterung darzubieten.

Denn die Kräuter, welche für jede einzelne Krankheit passend sind, sind nicht von selbst aus der Erde hervorgewachsen, sondern offenbar durch den Willen des Weltschöpfers aus dem Grunde hervorgebracht, daß sie uns nützen sollen. Daher ist die natürliche Kraft in den Wurzeln und Blumen oder in den Blättern oder Früchten oder Säften, oder was von Metallen oder was aus dem Meere gefunden wird, daß es von Haus aus dem Körper zum Nutzen gereiche, der Erfindung von Speisen und Getränken ähnlich. Was aber überflüssig und unnütz erdacht worden und viele Mühe macht und gleichsam unser ganzes Leben der Sorge für das Fleisch zuwendet, Das müssen die Christen vermeiden und sich bestreben, in die Kunst, wenn es einmal nöthig ist, sie zu gebrauchen, nicht jede Ursache von Gesundheit oder Krankheit zu setzen, sondern gleichsam zur Ehre Gottes und zum Vorbilde, wie sie für die Seelen zu sorgen haben, von ihren Heilmitteln Gebrauch zu machen. In Ermangelung ärztlicher Hilfe müssen wir nicht alle Hoffnung auf Linderung des Übels in jene Kunst setzen, sondern wissen, daß der Herr uns entweder nicht über unsere Kräfte versucht werden läßt oder wie er einst Koth machte, damit die Augen bestrich und im Teiche Siloe sich zu waschen befahl, bald sich aber auch mit dem bloßen Willen begnügte und sagte: „Ich will, sei gereinigt!“ Einige aber ließ er auch in den Drangsalen kämpfen, um sie durch die Versuchung bewahrter zu machen. So verfährt er auch mit uns, bald sichtbarer, bald unsichtbarer Weise, je nachdem er es für unsere Seelen zuträglich findet, und gefällt es ihm, daß wir uns bei unsernKrankheiten materieller Hilfsmittel bedienen, so verzögert er die Heilung, um die Erinnerung au die Wohlthat fester einzuprägen oder auch um uns eine Andeutung zu geben, wie ich sagte, die Sorge für die Seele nicht zu vernachlässigen. Denn wie für den Körper nothwendig ist, daß das Fremdartige entfernt und das Mangelnde zugeführt wird, ebenso muß auch bei unserer Seele das Fremdartige entfernt und das naturgemäße aufgenommen werden. Denn Gott hat den Menschen recht gemacht und uns zu guten Werken geschaffen, in denen wir wandeln sollen.

Und wie wir dort zur Heilung des Leibes uns schneiden und brennen lassen und bittere Arznei nehmen, so müssen wir auch hier zur Heilung der Seele das Schneidende der Strafrede und die bitteren Arzneien der Zurechtweisungen annehmen. In dieser Beziehung macht das prophetische Wort denen, die sich nicht gebessert haben, Vorwürfe und sagt „Ist denn kein Balsam mehr in Galaad? Oder ist kein Arzt dort? Warum macht die Heilung der Tochter meines Volks keine Fortschritte?“  Auch daß wir bei chronischen Krankheiten von der Länge der Zeit und zu gleich von schmerzlichen und mannigfaltigen Hilfsmitteln die Heilung erwarten, ist ein Hinweis, daß wir auch das Gebresten der Seele durch fleissiges Gebet, lange Buße und strengen Wandel, den uns die Schrift genugsam zur Heilung empfiehlt, bessern müssen. Keineswegs dürfen wir, da Einige von der Heilkunde nicht den rechten Gebrauch machen, jede Anwendung derselben von der Hand weisen. Denn weil unmäßige Lüstlinge die Koch-, Back- oder Webekunst zur Schwelgerei gebrauchen und die Grenze der Bedürfnisse überschreiten, so dürfen wir darum nicht sogleich alle Künste verwerfen, sondern müssen im Gegentheile, was von jenen verderbt worden, durch den rechten Gebrauch wieder gut machen. So ist es auch nicht vernünftig, wegen des schlechten Gebrauchs, der mit der Heilkunde gemacht wird, dieses Geschenk Gottes anzuklagen. Denn einerseits ist es thierischer Unverstand, die Hoffnung auf seine Gesundheit in die Hände der Ärzte zu setzen, wie wir einige Unglückliche thun sehen, die sich nicht scheuen, sie ihre Retter zu nennen; anderseits ist es Eigensinn, von ihr gar keinen Gebrauch zu machen. Im Gegentheil, wie Ezechias nicht die Feigenmarmelade für die erste Ursache seiner Gesundheit hielt und ihr nicht die Heilung seines Leibes zuschrieb, sondern Gott die Ehre gab und ihm für die Erschaffung der Feigen dankte; ebenso pflegen auch wir, wenn wir von Gott, der unser Leben gut und weise lenkt, Leiden empfangen, ihn zuerst um die Erkenntniß der Ursache, weßwegen er die Leiden über uns verhängt, dann aber um Befreiung von den Drangsalen und um Geduld zu bitten, auf daß er mit der Versuchung auch den Ausgang gewähre, um ausharren zu können.

Die uns verliehene Gnade der Gesundheit, mag sie durch Wein und Öl, wie bei Demjenigen, der unter die Räuber gefallen war, oder durch Feigen, wie bei Ezechias, herbeigeführt worden sein, nehmen wir dankbar an. Auch machen wir keinen Unterschied, ob Gott durch ein verborgenes oder sinnfälliges Mittel sich unser annimmt, obgleich die letzteren uns oft wirksamer zur Erkenntniß der Gnade des Herrn führen. Oft fallen wir aber auch der Züchtigung wegen in Krankheiten und sind der Zurechtweisung wegen dazu verurtheilt, eine schmerzliche Heilung zu erdulden; daher denn die rechte Vernunft weder schneiden noch brennen, weder die Schmerzen scharfer und beschwerlicher Arzneien noch Hunger, weder eine genaue vorgeschriebene Diät noch die Enthaltsamkeit von schädlichen Dingen zu verschmähen räth; dabei bleibt der Zweck, ich wiederhole es, der Seele zu nützen bestehen, daß sie nach diesem Beispiele ihre eigene Heilung bewerkstelligen soll. Es ist aber die Gefahr nicht gering, auf den irrigen Gedanken zu verfallen, jede Krankheit bedürfe der ärztlichen Hilfe. Denn nicht alle Krankheiten entstehen aus der Natur, aus einer fehlerhaften Lebensweise oder anderen körperlichen Ursachen, gegen welche, wie wir sehen, hin und wieder die Heilkunde nützlich ist. Oft sind auch die Krankheiten Strafen für die Sünden und sind der Besserung wegen verhängt. „Denn wen der Herr lieb hat, den züchtigt er.“ Ferner: „Darum sind unter euch viele Kranke und Schwache und schlafen Viele. Denn wenn wir uns selbst richteten, so würden wir nicht gerichtet werden. Wenn wir aber gerichtet werden von dem Herrn, so werden wir gezüchtigt, damit wir nicht mit der Welt verdammt werden.“ Solche nun müssen stille schweigend und auf die ärztliche Hilfe verzichten, die über sie verhängten Leiden mit Geduld ertragen, sobald wir unsere Fehler erkennen, wie Jener, der da sagt: „Den Zorn des Herrn will ich tragen, denn ich sündigte wider ihn,“ und dadurch, daß sie würdige Früchte der Buße bringen, Besserung zeigen und des Herrn gedenken, der da sagt : „Siehe, du bist gesund geworden, sündige nun nicht mehr, damit dir nicht etwas Schlimmeres begegne.“ Es treten aber auch manchmal Krankheiten auf Begehren des bösen Feindes ein, wenn nämlich der gütige Herr Jemanden als großen Kämpfer mit ihm in einen Kampf stellt und seine Prahlerei durch die überaus große Geduld seiner Diener zu Schanden macht, was, wie wir uns erinnern, bei Job geschehen ist. Oder es werden auch von Gott den im Leiden Ungeduldigen Einige zum Muster vorgestellt, welche die Widerwärtigkeiten standhaft bis zum Tode auszuhalten im Stande waren; so Lazarus, der, wie sehr er von Geschwüren bedeckt war, doch niemals, wie geschrieben steht, weder den Reichen um Etwas bat noch über seinen Zustand murrte. Deßhalb erlangt er auch die Ruhe in Abrahams Schooße, weil er in seinem Leben das Böse empfangen hatte. Wir finden aber auch noch, daß Heilige aus einer anderen Ursache von Krankheiten befallen werden, wie z. B. der Apostel. Denn damit es nicht den Anschein hätte, als überschreite er die Grenze der menschlichen Natur, und man dächte, er sei von der Natur besser ausgestattet, wie die Lykaonier meinten, die ihm Kränze und Stiere brachten, war er, damit seine menschliche Natur sich zeigte, beständig krank.

Welcher Gewinn kann daher für solche Leute aus der Heilkunde entspringen und nicht vielmehr Gefahr, die aus Sorgfalt für ihren Leib von der rechten Lehre abweichen? Diejenigen, die durch ein schlechtes Leben sich die Krankheit zugezogen haben, sollen die Heilung des Körpers sich zum Beispiel nehmen für die Pflege der Seele, wie früher gesagt worden. Denn die Enthaltung von dem Schädlichen, die Auswahl des Nützlichen und die Beobachtung der Vorschriften, wie die Arzneikunde vorschreibt, ist auch für uns von Nutzen. Auch selbst der Übergang des Leibes aus dem kranken in den gesunden Zustand soll ein Trost für uns sein, damit wir an der Seele nicht verzweifeln, als könne sie aus den Sünden nicht durch Buße in ihren früheren natürlichen Zustand zurückkehren. Daher ist die Arzneikunst weder gänzlich zu fliehen noch auf sie alle Hoffnung zu setzen. Im Gegentheil, wie wir das Feld bauen, Gott aber um die Früchte bitten, und wie wir dem Steuermann das Ruder anvertrauen, Gott aber um Errettung aus dem Meere anflehen; ebenso sollen wir auch, wenn die Vernunft räth, einen Arzt zu rufen, die Hoffnung auf Gott nicht ausgeben. Mir scheint auch die Arzneikunst sehr viel zur Mäßigkeit beizutragen. Denn ich sehe, sie beschränkt die Schwelgerei, tadelt die Völlerei, entfernt die Mannigfaltigkeit der Speisen und den zu großen Aufwand von Gewürzen als unzuträglich und nennt die Genügsamkeit eine Mutter der Gesundheit, so daß uns auch in dieser Beziehung ihr Rath nicht unnütz ist. Mögen wir uns also der Vorschriften der Heilkunde bedienen oder sie aus den angeführten Gründen abweisen, immer müssen wir den Zweck im Auge behalten, Gott zu gefallen, der Seele zu nützen und das Gebot des Apostels zu erfüllen, der da sagt: „Ihr möget also essen oder trinken oder etwas Anderes thun, thut Alles zur Ehre Gottes.“

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