Die Dogmen des christlichen Glaubens

Von Hl. Justin von Celije

1. Zum Begriff „Dogmatik“

Die Bedeutung und logische Definition des Begriffs „Dogmatik“ ist in seinem Namen selbst enthalten. Dogmatik ist die Wissenschaft von den Dogmen des christlichen Glaubens. Doch da man auf Grund der Vielfalt der christlichen Glaubensbekenntnisse die Dogmen auf verschiedene Arten verstehen und interpretieren kann, bezeichnet die Orthodoxe Kirche, indem sie die Dogmen der göttlichen Offenbarung im evangelischen, apostolischen und katholischen Geist darlegt und interpretiert, ihre Dogmatik als „orthodox“.[2] Damit sondert und grenzt sie sich ab von den nicht-evangelischen, nicht-apostolischen, nicht-katholischen und nicht-orthodoxen Heilslehren. Die orthodoxe Dogmatik ist mithin allem anderen voran die Wissenschaft, welche die Dogmen des orthodoxen Glaubens systematisch und im Geist der Einen, Heiligen, Katholischen und Apostolische Kirche darlegt und interpretiert.

 

2. Zum Begriff „Dogma“

Die Dogmen sind die ewigen Wahrheiten des Glaubens, die in der heiligen Offenbarung enthalten sind, so wie die Kirche sie bewahrt, erklärt und überliefert als göttliche, lebenspendende und unwandelbare Heilsordnung. Der Begriff „Dogma“ ist griechischer Herkunft und leitet sich ab vom Verb δοκεῖν (denken, erachten, glauben, meinen). Die Verbform δέδοκται (Perfekt Passiv 3. Person) bedeutet wörtlich: „Es wurde entschieden, definiert, bestimmt“ und bezieht sich auf einen als logische und unbestreitbare Wahrheit definierten und bejahten Gedanken in jedwelchem Bereich menschlicher Tätigkeit, sei es in der Philosophie, der Religion, dem Recht usw. [3] Die griechischen und römischen Autoren der Antike benutzten den Begriff „Dogma“ im philosophischen, ethischen, und juristischen Bereich im Sinn einer Lehre oder Regel, die auf Grund ihrer Unbestreitbarkeit den Charakter einer logisch und faktisch erhärteten verbindlichen Wahrheit angenommen hat, oder im Sinn eines Gebots, Gesetzes oder Dekrets.[4]

Im Alten Testament bezeichnet das Wort „Dogma“ einerseits die politischen Erlasse, Gesetze und Verordnungen des Staates (Dan 2,13; 3,10; 6,8-9; Esther 3,9) und andrerseits die Gebote des mosaischen Gesetzes (Ez 20,24) sowie die Bestimmungen, die sich auf das religiöse Leben im allgemeinen beziehen (II Makk 10,8; 15,36).

Im Neuen Testament wird das Wort „Dogma“ fünfmal verwendet, und zwar zum einen im politischen Sinn für die Gesetze und Befehle Cäsars (Lk 2,1, Apg 17,7) und zum anderen im religiösen Sinn für die Gebote des mosaischen Gesetzes, die zur Zeit Mose für jeden Juden verbindlich waren (Kol 2,14), ferner für die Gebote des Evangeliums, die verbindlich sind für alle Mitglieder der Kirche Christi: In der Apostelgeschichte steht geschrieben, dass die Apostel Paulus und Timotheos den Gläubigen überlieferten, die von den Aposteln und Ältesten in Jerusalem gefaßten Beschlüsse einzuhalten [φυλάσσειν τὰ δόγματα τὰ κεκριμένα ὑπὸ τῶν ἀποστόλων καὶ τῶν πρεσβυτέρων ἐν Ἰερουσαλήμ] (Apg 16,4).[5] Und der Apostel Paulus schreibt im Epheserbrief, dass der Herr Jesus durch die Dogmen – das heißt durch die ewigen Wahrheiten des Neuen Bundes – das Gesetz der Gebote (des Mose) abgeschafft hat[τὸν νόμον τῶν ἐντολῶν ἐν δόγμασι καταργήσας] (Eph 2,15).

Auf dieser Grundlage kristallisierte sich schon in apostolischer Zeit der spezifische kirchliche Sinn des Begriffes „Dogma“ als göttliche, unumgängliche, absolute und für alle verbindliche Glaubenswahrheit heraus. [6] Der heilige Kyrillos von Jerusalem, der große Verteidiger der von Gott Selbst stammenden apostolischen Überlieferung, charakterisiert die grundlegenden Wahrheiten des wahren Glaubens, wie sie im Glaubensbekenntnis der Kirche von Jerusalem niedergelegt waren, als „notwendige Dogmen“ [ἀναγκαίων δογμάτων], als „gottesfürchtige Dogmen“ [δογμάτων εὐσεβών], und den Glaubensakt, durch welche man sie sich zu eigen macht zum Heil, als „den dogmatischen Aspekt des Glaubens“ [εἶδος της πίστεως το δογματικόν]. Die Gesamtheit der Lehren des Neuen Testaments über Gott schließlich nennt er „die Dogmen über Gott“ [τὰ περί Θεού δόγματα] und bezeichnet die persönliche und lebendige Assimilierung dieser Dogmen kraft eines wirksamen Glaubens als unabdingbare Voraussetzung für das Heil. Deshalb kann er sagen: „Ein Erwerb von höchstem Wert ist das Erlernen der Dogmen“ [Μέγιστον κτήμα τὸ τῶν δογμάτων μάθημα].[7]

Der heilige Gregor der Theologe seinerseits zählt der Reihe nach alle Wahrheiten des Neuen Testaments auf über Gott den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist, über Gut und Böse, über die Gesamtheit der Heilsökonomie, und fordert dann den Getauften auf, sein Wohl, seine Rettung und sein neues Leben zu gründen „auf dieses Fundament der Dogmen“ [ἐπὶ τούτῳ τῷ θεμελίῳ τῶν δογμάτων].[8]

Der hl. Gregor von Nyssa gliedert die Gesamtheit der christlichen Lehre in zwei Teile: den ethischen Teil und den eigentlichen dogmatischen Teil.[9] Der heilige Johannes Chrysostomos faßt unter dem Namen „Dogmen“ die gesamte Lehre des christlichen Glaubens zusammen,[10] und der heilige Vinzenz von Lérins bezeichnet den universellen Glauben [universalis fides] als „katholisches Dogma“ [catholicum dogma].[11] An den Oekumenischen Konzilen wurde der Begriff „Dogma“ benutzt im Sinn von „Wahrheit der christlichen Glaubenslehre“,[12] und die Konzilsväter bezeichnen ihre Dekrete über den Glauben als „Dogmen“, während sie die Entscheide und Dekrete über andere Themen „Kanones“ oder „Regeln“ nennen.

All dies widerspiegelt sich bis zu einem gewissen Grad auch in der Bezeichnung „Dogmati-kon“, mit welcher die Kirche in ihrer Hymnographie jene Hymnen bezeichnet, die eine Glaubenslehre enthalten über die Allheilige Gottesmutter, über die Inkarnation unseres Herrn oder über Seine beiden Naturen in einer einzigen gottmenschlichen Person.

So bezeichnet denn in der Sprache der Kirche der Begriff „Dogmen“ im engeren Sinn nur jene göttlich offenbarten Wahrheiten, die den Glauben betreffen, im Unterschied zu den ebenfalls von Gott offenbarten ethischen, liturgischen und kanonischen Wahrheiten. Doch darf nie aus den Augen verloren werden, dass letzten Endes all dies ein unauflösbares Ganzes bildet.

 

3. Die besonderen Eigenschaften der christlichen Dogmen –
A. Ihr göttlicher Ursprung

Die Dogmen sind ewige göttliche Wahrheiten und kennzeichnen sich als solche durch folgende Haupteigenschaften: ihre Offenbarung durch Gott, ihre Ekklesialität, ihre universale Verbindlichkeit und ihre Unwandelbarkeit.

A. Die göttliche Offenbarung ist die grundlegende Eigenschaft, welche die Dogmen zu dem macht, was sie sind. Sie bezeugt ihren göttlichen Ursprung. Auf Grund dieses Ursprungs sind die Dogmen nicht nur Glaubenswahrheiten, sondern von Gott Selbst offenbarte Glaubenswahrheiten. Ihres göttlichen Ursprungs wegen sind diese Wahrheiten unanfechtbar, ewig, heilbringend, unbegreiflich und jenseits des menschlichen Verstands. Hätte nicht Gott Selbst sie offenbart, wären sie ewiglich unzugänglich geblieben für jedwelches Bemühen, sei es seitens der kollektiven Intelligenz der Menschheit insgesamt, sei es seitens der individuellen Intelligenz irgendeines Menschen.

Aus diesem Grund sind die Dogmen Sache des Glaubens und werden kraft des Glaubens angenommen als göttliche Wahrheiten, die höher sind als der Verstand. Deshalb auch stellt die Kirche an den Anfang des Bekenntnisses jenes „Ich glaube“ (gr. Πιστεύω, slaw. Veruju).

Aus ihrem göttlichen Ursprung, aus Gott Selbst, Der sie offenbart hat, beziehen die Dogmen die Wahrheiten über die göttliche Dreiheit, über Gottes Beziehung zur Schöpfung und zum Menschen als Schöpfer, als Fürsorger, als Erlöser, als Erleuchter und als Richter. In alledem kennt nur Gott allein Sich Selbst, und deshalb ist Er allein imstand, Sich Selbst und Seine Wahrheiten zu offenbaren (s. Mt 11,27). Und Er tut es durch Seinen inkarnierten Sohn, den Einziggeborenen (Joh 1,18 und 1,14), in Dem die ganze Fülle der Gottheit wohnt in leiblicher Weise [πᾶν τὸ πλήρωμα τῆς Θεότητος σωματικώς] (Kol 2,9), und mit ihr zusammen die ganze Fülle der göttlichen Wahrheiten (Joh 1,14; 1,17; 5,33; 8,32ff; 14,6; 17,17ff, 18,37; Eph 1,13; 4,21), die Er aus Seinem eigenen guten göttlichen Willen denjenigen offenbart, die an Ihn glauben und durch Ihn und für Ihn leben (s. Mt 11,27, Joh 1,12-13, 3,34-36, 6,45-46, Mt 16,17, Eph 3,3, Gal 1,12, 1 Joh 1,1ff).

Weil sie von Christus stammen, sind diese dogmatischen Wahrheiten göttlich, ewig, unwandelbar und absolut wahr (s. Joh 14,6; 1,17; 8,12; 12,35, 12,46). Sie bilden zusammen die vollkommene und endgültige Offenbarung Gottes. Sie sind das Letzte Wort, jenes, das Gott den Menschen unmittelbar verkündet hat durch Seinen Einzigen Sohn (s. Hebr 1,1).

Auf Grund ihres göttlichen Ursprungs unterscheiden sich die christlichen Dogmen, die göttliche und ewige Wahrheiten sind, von den Dogmen der nichtchristlichen Religionen und von den philosophischen Lehren, welche relative und vergängliche menschliche Wahrheiten sind. Ewige göttliche dogmatische Wahrheiten außerhalb der christlichen Offenbarung gibt es nicht und kann es nicht geben. Die göttlichen Wahrheiten sind ein für allemal in der Heiligen Offenbarung gegeben, und die Kirche bewahrt sie und bekennt sie als solche.

Auf Grund des göttlichen Ursprungs der Dogmen und all dessen, was daraus folgt, bezeichnen die Heiligen Väter und Lehrer unserer Kirche dieselben als „Dogmen Gottes“[13], „Dogmen Christi“,[14] „Dogmen des Herrn“,[15] „evangelische Dogmen“,[16] „göttliche Dogmen“,[17] „apostolische Dogmen“, [18] „wahre Dogmen“,[19] „Dogmen der himmlischen Philosophie“.[20] Der heilige Basilios der Große schreibt: „Von den Dogmen und Verkündigungen, die in der Kirche bewahrt werden, haben wir die einen aus der schriftlichen Unterweisung [der Heiligen Schrift] empfangen, während wir die anderen, die aus der Überlieferung der Apostel auf uns gekommen sind, im Mysterium [ἐν μυστηρίῳ] empfangen haben.[21] Die einen wie die anderen haben dieselbe Gültigkeit für den rechten Glauben.“[22]

 

B. Ihre Ekklesialität

Die Ekklesialität ist die zweite Eigenschaft eines jeden der christlichen Dogmen. Da jedes dieser Dogmen Werk der Offenbarung ist, ist es auch Werk der Kirche, denn die Kirche ist der Leib der Offenbarung. Die göttliche Offenbarung umfaßt alle dogmatischen Glaubenswahrheiten, und sie vollzieht sich allein in der Kirche. Die Formulierung und Kommentierung der heiligen Dogmen ist Sache der Kirche als dem gottmenschlichen Leib Christi, der durch den Heiligen Geist lebt und wirkt. Hierin ist sie unfehlbar, weil ihr Haupt Christus ist, der Unfehlbare (s. Eph 1,22-23; 5,23, Kol 1,18; 1,24), und weil ihre Seele der Heilige Geist der Wahrheit ist, Der sie zur ganzen Wahrheit führt (Joh 16,13).

Die Ekklesialität, jene organische und logische Eigenschaft der Dogmen, ist mithin vorgegeben durch deren Wesen als göttliche Offenbarung und umgekehrt. Zwischen göttlichem Ursprung und Ekklesialität der Dogmen vermag die menschliche Logik keine Grenze zu ziehen, ebensowenig wie sie eine Grenze ziehen kann zwischen göttlicher Offenbarung und Kirche, denn die göttliche Offenbarung ist Offenbarung durch die Kirche und innerhalb der Kirche, geradeso wie die Kirche Kirche ist kraft der Offenbarung und innerhalb der Offenbarung. So wie jede unerläßlich ist für die Natur der anderen, sind beide in sich selbst untrennbar miteinander vereint und bedingen sich gegenseitig.

Außerhalb der Kirche kann es keine Dogmen geben, weil es außerhalb der Kirche keine wahre göttliche Offenbarung geben kann. Das Dogma ist Dogma allein durch die Kirche, für die Kirche und innerhalb der Kirche, und eben deshalb hat Gott die Kirche als einzigen Hüter und einzigen Kommentator Seiner Heiligen Offenbarung eingesetzt. Anders gesagt, die Kirche ist die einzige Jurisdiktion, die kraft göttlicher Gnade und göttlichem Recht bevollmächtigt ist zum unfehlbaren Unterscheiden der echten Offenbarung von der falschen, und sie allein legt den Kanon der Heiligen Schriften fest und verkündet die göttlichen Wahrheiten als Dogmen.
Außerhalb der Kirche, ohne sie und in Gegnerschaft zu ihr verlieren die ewigen Wahrheiten der Offenbarung ihre göttliche Authentizität, ihre Substanz und ihre Unwandelbarkeit und werden zur Beute des menschlichen Eigenwillens und der menschlichen Launen. Den Beweis dafür sehen wir bei den Häretikern, die gewöhnlich deswegen abfallen, weil sie die ewigen Wahrheiten der Offenbarung, die hinausgehen über den menschlichen Verstand, gemäß ihrem eigenen Verstand auslegen und nicht gemäß dem Verstand der Kirche, der ein heiliger, ekklesialer, apostolischer und katholischer Verstand ist.

Doch der Herr Christus hat die Kirche zu Seinem gottmenschlichen Leib gemacht, Er hat sie auf immer erfüllt mit dem Geist der Wahrheit, und Er hat sie eingesetzt, damit sie die Säule und Grundfeste der Wahrheit sei [στύλος καὶ ἑδραίωμα τῆς ἀληθείας] (1 Tim 3,15, s.auch Joh 16,13; 8,32ff) und damit sie für alle Zeiten der furchtlose Hüter und untadelige Kommentator der ewigen göttlichen Wahrheiten der Heiligen Schrift und der Heiligen Tradition bleibe. Als solche kann sie weder irren, noch täuschen, noch sich täuschen. Ihr Wort ist ein göttliches Wort, in allen Fragen der Heiligen Schrift und der Heiligen Tradition. In ihr und durch sie spricht der Herr Christus mit Seinem Heiligen Geist und führt jede göttliche Wahrheit zur heiligen Offenbarung.

Die erste Kundgebung hiervon finden wir in der Apostelgeschichte, als die Kirche, in der Person ihrer Repräsentanten und geführt vom Heiligen Geist, die für alle Glieder der Kirche ver-bindlichen dogmatischen Entscheide durch folgende Formel ausdrückte: „Es wurde beschlossen vom Heiligen Geist und von uns …“ [ἔδοξε τῷ Ἁγίῳ Πνεύματι καὶ ἡμῖν] (Apg 15,28, s.a. 16,4).

Dieser von Gott offenbarten apostolischen Formel und Methode gemäß sind alle heiligen Oekumenischen Konzile der Orthodoxen Kirche vorgegangen, als sie die göttlichen Dogmen der heiligen Offenbarung unfehlbar kommentierten und proklamierten. Wenn die heiligen Väter die Dogmen bezeichnen als „die Dogmen der Kirche“ [τὰ τῆς Ἐκκλησίας δόγματα][23] oder als „die kirchlichen Dogmen“ [τὰ ἐκκλησιαστικά δόγματα],[24] so tun sie das kraft der Vollmachten und Rechte, die Gott der Kirche verliehen hat zur Sanktionierung der heiligen Dogmen.

Deshalb kann keiner Glied der Kirche sein, wenn er nicht alle Dogmen des Glaubens so annimmt und glaubt, wie die Kirche sie lehrt und interpretiert. Denjenigen, der sich ihnen widersetzt, sie ablehnt oder sie umwirft, den trennt die Kirche ab von ihrem gottmenschlichen Leib und stößt ihn aus. Die Heiligen Väter des 6. Oekumenischen Konzils zählten alle Dogmen der vorhergehenden Oekumenischen Konzile der Reihe nach auf und ordneten dann an: „Wenn einer nicht alle dieser vorerwähnten heiligen Dogmen bewahrt und auch nur ein einziges davon verwirft, wenn er nicht diesen Dogmen gemäß denkt und verkündet, sondern versucht, sich ihnen entgegenzustellen, so sei er Anathema., … er sei ausgeschlossen aus der christlichen Gemein-schaft als ein ihr Fremder und verworfen…“ [25]

 

C. Ihre universelle Verbindlichkeit

Die universelle Verbindlichkeit der Dogmen, so wie die Heiligen Väter des 6. Oekumenischen Konzils sie definieren, ist die natürliche Folge ihres göttlichen Ursprungs und ihrer Unerläßlichkeit für das Heil eines jeden Glieds der Kirche. Weil die Dogmen offenbart sind durch die Dreisonnige Gottheit und von der Kirche Christi sanktioniert und ver-kündet wurden als ewige göttliche Wahrheiten, die unentbehrlich sind für das Heil, sind sie verbindlich für jedwelchen Menschen, der das Heil begehrt. Sie zu verleugnen wäre gleichbedeu-tend mit der Verleugnung des Erlösers und Seines erlösenden Heilswerks. Nur indem er sich durch den Glauben die Dogmen als ewige göttliche, erlösende und lebendigmachende Wahrheiten zu eigen macht, kann jeder Mensch das Heil und das ewige Leben erlangen (s. Mt 28,19-20, Mk 16,15-16, Joh 5,24; 6,40; 7,38-39; 17,3-6, 1 Joh 5,20).

In ihrer Reinheit und Wahrhaftigkeit als Offenbarungen Gottes Selbst sind die Dogmen unerläßlich für das Heil. Derjenige, der sie ändern oder umgestalten will, setzt sich damit dem schrecklichen apostolischen Anathema aus: Doch sogar wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel her euch etwas anderes verkünden sollte als das, was wir euch verkündet haben [εὐαγγε-λίζηται ὑμῖν παρ‘ ὃ εὐηγγελισάμεθα ὑμῖν], so sei er Anathema! (Gal 1,8; s.a. 1 Joh 2,21-23).

Die Kirche ist stets vorgegangen und geht stets vor kraft der Macht, die ihr verliehen worden ist vom Herrn Christus Selbst (s. Joh 20,21-23, Mt 18,17-18). Von allen, die sich ihr anschließen, verlangt sie das Bekenntnis zur Wahrheit aller göttlichen Glaubenslehren. Und während sie in ihrem Schoß Sünder aller Art duldet, die zu berichtigen und zu retten sie sich bemüht, gemäß dem Gebot des Retters (Mt 18,17-18; 10,32-33; Mk 8,38; Lk 9,26; 12,9; s.a. 2 Tim 2,12), stößt sie all jene von sich, die sich den heiligen Dogmen widersetzen oder sie umgehen.

Wenn die Annahme der Dogmen eine allen gemeinsame Verpflichtung ist, eine absolute Vorbedingung des Heils, so auch deshalb, weil von dieser Annahme das ganze sittliche Leben der Menschen abhängt.[26] Indem der Mensch sich kraft des Glaubens die ewigen dogmatischen Wahr-heiten der göttlichen Offenbarung aneignet und sie durch die evangelischen Werke des Gebets, des Fastens, der Liebe, der Hoffnung, der Demut, des Friedens, des Erbarmens und der Gerechtigkeit sowie durch die heiligen Mysterien allmählich verinnerlicht, wächst er hin zu Gott, mit dem Wachstum, das Gott wirkt (Kol. 2,19), um schließlich das volle Maß der Fülle Christi(Eph 4,13) zu erreichen.

Die heiligen Dogmen als ewige göttliche Wahrheiten verhelfen zum Heil durch die belebende Kraft der Dreieinigen Gottheit, aus Der sie die ganze Kraft des neuen Lebens gemäß Christus, die ganze Kraft des evangelischen Segens empfangen. Sie sind wahrlich Worte ewigen Lebens (Joh 6,68). Eben deshalb, weil sie Worte Christi sind, sind sie Geist und sind Leben [πνεύμα καὶ ζωή ἐστι] (Joh 6,63). Ohne Glauben an sie kann keiner den ewigen Sinn dieses vergänglichen Leben erfassen, noch auch die selige Unsterblichkeit des ewigen Lebens erlangen (s. Joh 6,69; 14,6; 1 Joh 5,20).

Erst dann, wenn der Mensch kraft des Glaubens die ewigen dogmatischen Wahrheiten Christi annimmt, wird er dem göttlichen Weinstock, Christus, eingepfropft. Erst dann beginnt in ihm der Saft des ewigen göttlichen Lebens zu strömen, der ihn befähigt, reiche Frucht hervorzubringen zum ewigen Leben. Dies ist für den Menschen, der seine Natur unfruchtbar gemacht hat durch die Sünde, der einzige Weg, sie wiederum fruchtbar zu machen zur Unsterblichkeit und Ewigkeit. Einen anderen Weg gibt es nicht. Der Mensch kann nur dann hinwachsen bis zur Ebene der göttlichen Vollkommenheit (s. Mt 5,48), wenn er durch das Werk der Selbstverleugnung, kraft des Glaubens, zum Teilhaber wird an der Wurzel [συγκοινωνὸς τῆς ῥίζης] der ewigen Wahrheiten Christi (s. Röm 11,17).

In Wirklichkeit sind die Dogmen die Gebote Gottes, die göttlichen Satzungen des neuen Lebens im Heiligen Geist, denn durch ihr Licht ohne Untergang erleuchten sie den ganzen Weg, den der Mensch des Glaubens geht von der dunklen Höhle des Leibes bis zum Himmel der Ewigkeit Christi. Deshalb ist die orthodoxe Ethik nichts anderes als die Assimilierung der Dogmen im eigenen Leben. Das neue Leben in Christus ist zur Gänze gewoben aus den dogmatischen Wahrheiten der heiligen Offenbarung.[27]

Die Kirche ist jener Leib, in welchem die göttlichen dogmatischen Wahrheiten strömen wie Blut ewigen Lebens, das alle Glieder des gottmenschlichen Organismus belebt. Alles was sich in diesem geheimnisvollen und gesegneten Leib der Kirche befindet, wird durch die belebende Kraft des Heiligen Geistes zusammengebunden zu einer wunderbaren gottmenschlichen Ganzheit.
Derjenige, der kraft des orthodoxen Werks des Glaubens zum Glied dieses gottmenschlichen Leibs der Kirche Christi wird, empfindet mit seinem ganzen Wesen, dass die heiligen Dogmen belebende Kräfte sind, die ihn nach und nach vom Sterblichen zum Unsterblichen machen, vom Vergänglichen zum Ewigen. Er erkennt in seiner Seele, dass diese belebenden dogmatischen Wahrheiten die größte aller Notwendigkeiten sind im Leben und im Denken der Menschen und dass die Kirche infolgedessen mit vollem Recht all jene von sich stößt, die diese Dogmen leugnen, sie umwerfen oder verzerren. Wenn ein Mensch die heiligen Dogmen leugnet oder umwirft, so ist das, wie wenn er geistigen Selbstmord beginge, denn damit trennt er sich vom lebenspendenden Leib der Kirche, schneidet den lebendigen Kontakt ab zwischen sich selbst und den gesegneten Kräften der Kirche, die allein fähig sind, den Menschen mit ewigem göttlichem Leben zu erfüllen und ihn hinüberzuführen vom Tod ins ewige Leben.

Die Lebensnotwendigkeit der heiligen Dogmen rechtfertigt die konsequente Verteidigung der Glaubenswahrheiten durch die Kirche. Sie erklärt jene gottweise Entschlossenheit, mit welcher die Kirche jene verwirft, die die göttlichen Dogmen umwerfen. Bliebe die Kirche in solchen Fällen gleichgültig, würde sie aufhören, Kirche zu sein, und erwiese einen schwerwiegenden Mangel an Bewußtsein des unwandelbaren, lebenspendenden und erlösenden Charakters der ewigen göttlichen Wahrheiten, die in den heiligen Dogmen der Offenbarung enthalten sind.

Wenn die Dogmen allgemein verbindlich sind für den wahren Glauben, so auch deshalb, weil sie die von Gott gegebenen Satzungen sind für echtes religiöses Denken und echte religiöse Erfahrung. Sie sind es, die es dem Mensch ermöglichen, in seinem Bewußtsein und seinem Empfinden fortzuschreiten zu unvorstellbaren göttlichen Vollkommenheiten, wogegen er außer-halb von ihnen unwiederbringlich im Sumpf des menschlichen Relativismus versinkt und erstickt. Nirgendwo auf Erden oder in den Himmeln gibt es mehr Freiheit und mehr Möglichkeiten ewiger Bewußtwerdung und ewiger menschlicher Erfahrung als in den göttlichen dogmatischen Wahrheiten der Kirche. Sie sind es, die den Menschen in das Reich der Dreieinigen Gottheit führen, wo alles grenzenlos, ewig und endlos ist. Gibt es irgendwo mehr Freiheit als in den unergründlichen Tiefen und grenzenlosen Höhen des göttlichen Geistes? Diese ewige Wahrheit verkündet der Apostel, wenn er sagt: Wo der Geist des Herrn ist, da ist die Freiheit [οὗ δὲ τὸ Πνεύμα Κυρίου, ἐκεῖ ἐλευθερία] (2 Kor 3,17; s.a. 1 Kor 2,10-12; Röm 8,16).

 

D. Ihre Unwandelbarkeit

Die Unwandelbarkeit als Eigenschaft der Dogmen folgt daraus, dass die Dogmen von Gott Selbst offenbart sind, sowie aus ihrer Ekklesialität und ihrer Unerläßlichkeit für das Leben und das Heil der Menschen. Weil sie von Gott Selbst gegebene Glaubens-regeln sind, hängt das Heil der Menschen von ihrer Assimilierung ab. Deshalb sind die Dogmen unwandelbar und unantastbar. Diese Unwandelbarkeit garantiert die Katholische Kirche Christi [28] durch ihre Anathemata gegen diejenigen, die sie umzuwerfen suchen.[29]

Sowenig wie Gott Sich ändert, sowenig ändern sich auch Seine Wahrheiten. Da die Dogmen ewige göttliche Wahrheiten sind, ändern sie sich nicht und können sich nicht ändern. Sie sind aus Gott, bei Dem kein Wandel ist, kein Schatten von Veränderung (Jk 1,17). Da sie von Gott Selbst der Kirche übergeben und von der Kirche sanktioniert und formuliert sind, können die Dogmen weder verändert noch vermehrt oder vermindert werden. „Die göttlichen Dogmen sind unwandelbar“, sagt der heilige Basilios der Große.[30] Und der heilige Vinzenz von Lérins schreibt: „Die Dogmen der himmlischen Philosophie dürfen nicht abgeändert, verzerrt oder verstümmelt werden“,[31] den sie sind nicht wie die Statuten von menschlichen Institutionen, welche ständig überprüft und verbessert werden müssen.

Zusammenfassend gesagt: Die christlichen Dogmen sind ewige göttliche Wahrheiten, die Gott Selbst offenbart und der Kirche übergeben hat als göttliche, unwandelbare und für alle Gläubi-gen verbindliche Glaubensregeln, ohne welche und außerhalb welcher das Heil unerreichbar, der Sinn des Daseins unerkennbar und das ewige Leben unerfahrbar ist.

 

4. Dogmen und göttliche Offenbarung

Die göttliche Offenbarung ist die einzige und alleinige Quelle der Dogmen. Der Dreieinige Gott hat Sich – Sich Selbst und Seine Wahrheiten – den Menschen offenbart, damit sie wahre Kenntnis haben können von Ihm und wahren Glauben an Ihn, und damit sie durch das Leben in Ihm und in Seinen göttlichen Wahrheiten erlöst werden vom Bösen und von der Sünde und das ewige Leben erlangen.

Diese Selbstoffenbarung hat Gott stufenweise vollzogen durch die heiligen Patriarchen und Propheten des Alten Testaments, um sie schließlich durch Seinen Einziggeborenen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus, zur ganzen Fülle und Vollendung zu bringen. Auf viele und verschiedene Arten hat Gott vormals zu unseren Vätern gesprochen durch die Propheten, und in diesen Tagen, die die letzten sind, hat Er zu uns gesprochen durch Seinen Sohn, Den Er eingesetzt hat als Erbe aller Dinge und durch Den Er auch die Welten erschuf (Hebr 1,1-2; s.a. Gal 4,45).

Gott hat Sich den Menschen offenbart auf eine Weise, die weder dem menschlichen Bewußt-sein noch der menschlichen Erfahrung Gewalt antat. Er hat Wahrheiten offenbart, zu denen die Menschen niemals durch ihre eigenen Kräfte hätten gelangen können, weder in ihrem Bewußt-sein noch in ihrer Erfahrung. Was das Auge des Menschen niemals zu sehen, sein Ohr niemals zu vernehmen und sein Herz niemals zu empfinden vermochte (s. 1 Kor 2,9 / Is 64,3; 1 Kor 2,10), das hat Gott den Menschen durch Seinen Heiligen Geist offenbart. Er hat im Mysterium [ἐν μυστηρίῳ] die Weisheit offenbart, die von jeher in Seinem Allheiligen Sein verborgen war (s. 1 Kor 2,7). Diese Weisheit Gottes, die ewig, grenzenlos und über dem menschlichen Verstand ist, konnte den Menschen nur durch göttliche Offenbarung [κατὰ ἀποκάλυψιν] mitgeteilt werden (s. Eph 3,3, Gal 1,12).

Und was noch wunderbarer ist – sie ist nicht nur durch das Wort mitgeteilt worden, sondern sie ist im Fleisch erschienen, in der gottmenschlichen Person des Herrn Jesus. Deshalb zeigt und verkündet die Offenbarung Christus als Gottes Kraft und Gottes Weisheit [Χριστόν Θεού δύναμιν καὶ Θεού σοφίαν] (1 Kor 1,24; s.a. Röm 1,16), als Denjenigen, in Dem alle Schätze der Weisheit und des Wissens verborgen sind [ἐν ᾧ εἰσι πάντες οἱ θησαυροὶ τῆς σοφίας καὶ τῆς γνώσεως ἀπόκρυφοι] (Kol 2,3) und durch Den sie offenbart werden.

Deshalb ist die Offenbarung Jesu Christi einzigartig in ihrem Wesen, in ihrer Vollkommenheit und ihrer Vollständigkeit, denn Er allein ist es, Der uns in Seiner gottmenschlichen Person, inkarniert in den Grenzen des menschlichen Körpers, in den Kategorien von Zeit und Raum, wie sie dem Leben des Menschen eigen sind, Gott und alle göttlichen Wahrheiten auf reale Weise zeigt (s. Kol 2,9; Joh 14,9; 1 Joh 1,1-2). Das Wort ward Fleisch [ὁ Λόγος σάρξ ἐγένετο] (Joh 1,14) und mit Ihm zusammen alle ewigen göttlichen Wahrheiten, denn in Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit in leiblicher Weise (Kol 2,9). Leib geworden, sagt der Apostel, offenbart Er, zeigt Er uns Gott so, wie niemals ein anderer vor Ihm oder nach Ihm es je getan hat noch je zu tun vermöchte.

Deshalb sagt uns der Apostel und Evangelist, indem er uns die frohe Botschaft verkündet, mit vollem Recht: Keiner hat Gott je gesehen; Sein Einziggeborener Sohn[ὁ μονογενής Υἱός], Er, Der im Schoß des Vaters ist, Er hat Ihn bekanntgemacht[ἐξηγήσατο] (Joh 1,18; s.a. Joh 6,46; 5,37; 12,45). Der Erlöser Selbst bezeugt es:„Keiner kennt den Sohn außer dem Vater, und keiner kennt den Vater außer dem Sohn und demjenigen, dem der Sohn den Vater offenbaren [ἀποκαλύψαι] will“ (Mt 11,27; s.a. Joh 3,34-35; 6,46; Mt 16,17).

So ist denn die Offenbarung – in allem göttlich, vollkommen und über dem menschlichen Verstand – für uns die einzige und alleinige Quelle der heiligen göttlichen Dogmen. Der heilige Gregor von Nyssa sagt: „Was uns betrifft, so sind wir nicht ermächtigt worden, zu behaupten, was uns gefällt. Für jedes Dogma nehmen wir die Heilige Schrift als Maß und Regel… Unsere Dogmen auf die Regeln der Dialektik zu gründen, auf eine Wissenschaft, welche Schlußfolgerun-en zieht und widerlegt, würde eine Art von Diskussion mit sich bringen, von der wir verschont zu bleiben bitten, denn dies ist eine schwache und fragwürdige Methode zum Nachweis der Wahrheit. Es ist in der Tat offenkundig für jedermann, dass die Subtilitäten der Dialektik in beide Richtungen angewandt werden können – zur Umwerfung der Wahrheit ebenso wie zur Bloßstellung der Falschheit.“[32]

Da der Dreieinige Herr Seine Offenbarung auf zwei Arten vollzogen hat, nämlich durch das gesprochene Wort und durch die Schrift, und da Er ihre Bewahrung, Interpretation und Weitergabe Seiner Kirche anvertraut hat, ist die göttliche Offenbarung in diesen zwei Formen die Quelle der heiligen Dogmen: in der Form der Heiligen Schrift und in der Form der Heiligen Tradition. Diese beiden sind es, die in ihrer göttlichen Reinheit und Vollständigkeit bewahrt, interpretiert und gelehrt werden von der Einen und Einzigen, Heiligen, Katholischen und Apostolischen Kirche, der unfehlbaren Orthodoxen Kirche Christi.

Hierzu haben die orthodoxen Ersthierarchen in der jüngsten Vergangenheit Folgendes gesagt:

– „Der orthodoxe Christ ist gehalten, ohne Zweifel zu anerkennen (Kanon 82 des 6. Oekume-nischen Konzils), dass alle Glaubensartikel der Orthodoxen Katholischen Kirche derselben von unserem Herrn Jesus Christ übergeben sind vermittels Seiner Apostel, und dass die Oekumenischen Konzile sie erläutert und bekräftigt haben, und an sie zu glauben, so wie es die Apostel gebieten: So steht denn fest, Brüder, und bewahrt die Überlieferungen [τὰς παραδόσεις], die ihr gelehrt worden seid, sei es durch eine Rede, sei es durch einen Brief von uns (2 Thess 2,15).“ [33]

Daraus sieht man, dass die Glaubensartikel ihre Wichtigkeit und ihre Kraft einesteils aus der Heiligen Schrift beziehen, zum anderen Teil aus der Überlieferung der Kirche sowie aus den Lehren der Konzile und der Heiligen Väter. Das bedeutet, dass die Dogmen von zweifacher Art sind: Die einen sind schriftlich überliefert und sind in den Büchern der Heiligen Schrift enthalten, die anderen wurden mündlich überliefert durch die heiligen Apostel und erläutert und bekräftigt durch die Konzile und die Heiligen Väter. Auf dieser zweifachen Art von Dogmen gründet unser Glaube.

– „Obwohl die Kirche geschaffen ist und aus Menschen besteht, ist doch ihr Schöpfer Selbst, Christus der wahre Gott, ihr Haupt, und der Heilige Geist führt sie immerdar und macht sie, wie der Apostel sagt, zur Braut Christi, ohne Makel, ohne Runzeln (Eph 5,27), aber auch zur Säule und Grundfeste der Wahrheit (1 Tim 3,15). Ihre Dogmen und ihre Lehre kommen nicht von Menschen, sondern von Gott. Wenn wir daher sagen, dass wir an die Kirche glauben, so meinen wir damit, dass wir an die Heiligen Schriften glauben, die Gott ihr anvertraut hat, und an ihre von Gott offenbarten Dogmen. Dies ist es, was uns bewegt, nicht nur dem Heiligen Evangelium zu glauben, das die Kirche angenommen hat, wie es Christus Selbst gebietet, da Er sagt: ‚Glaubt an das Evangelium‘ (Mk 1,15), sondern auch allen anderen Schriften und Anordnungen der Konzile.“ [34]

Und in ihrer Enzyklika über den Orthodoxen Glauben erklären die orthodoxen Patriarchen:
– „Wir glauben, dass die Heilige und Göttliche Schrift von Gott gelehrt worden ist. Deshalb sollen wir ohne Zweifel an sie glauben, nicht auf unsere eigene Art, sondern so, wie die Katholische Kirche[35] sie interpretiert und überliefert hat. Denn auch die häretische Eitelkeit anerkennt die Heilige Schrift, interpretiert sie aber auf irrige Art…. Deshalb glauben wir, dass das Zeugnis der Katholischen Kirche nicht geringer ist an Autorität als die göttliche Schrift. Denn Ein und Derselbe Heilige Geist ist Urheber von beiden, und es läuft auf dasselbe heraus, ob man aus der Heiligen Schrift lernt oder aus der Katholischen Kirche. Jeder Mensch, der aus sich selbst redet, kann irren, sich täuschen oder getäuscht werden, doch die Katholische Kirche, die niemals aus sich selbst geredet hat, noch es je tut, sondern aus dem Geist Gottes – Der sie ständig reich macht und Den sie als Lehrer hat auf immer -, kann sich in keiner Weise irren, noch getäuscht werden oder täuschen, sondern wie die göttliche Schrift ist sie unfehlbar und hat ewige Autorität.“ [36]

 

Dogmen und Heilige Schrift

Die Heilige Schrift ist die Quelle aller heiligen Dogmen, doch nur in jenem Sinn, in jener Form und mit jenem Inhalt, wie die Eine, Heilige, Katholische und Apostolische sie interpretiert, besitzt und bewahrt, als vom Herrn Christus und den heiligen Aposteln stammend. Als gottmenschlicher Leib Christi, belebt vom Heiligen Geist, besitzt sie allein göttli-che Autorität und Befugnis, um den vollständigen Inhalt und den von Gott offenbarten Sinn der Heiligen Schrift mit heiliger Hingabe zu hüten und unverändert zu bewahren.

Weil die Kirche Christi durch den Heiligen Geist lebt, denkt, sich bewegt und existiert, ist sie allein imstand, Gottes Heilige Schrift in ihrer göttlichen Vollständigkeit und Reinheit zu bewahren und ihre göttlichen Wahrheiten unfehlbar zu interpretieren. Der heilige Hippolytos drückt diese evangelische Wahrheit aus, wenn er sagt, dass nur „der Geist der Kirche“ Führer ist und sein kann bei der Bewahrung und Auslegung der Heiligen Schrift.[37]

Bei der Auslegung der Heiligen Schrift als Quelle der heiligen Dogmen kann keiner der Menschen noch auch irgendetwas Menschlicher Führer und Maßstab sein. Keiner der Menschen, denn alle sind geschaffen, alle sind begrenzt, alle tragen die Spur der Sünde in sich, wogegen die Wahrheiten der Heiligen Schrift alle ewig sind, unbegrenzt und heilig. Nichts Menschliches, denn alles, was menschlich ist, ist relativ, winzig und sündig, wogegen die Wahrheiten der Heiligen Schrift alle absolut sind, unbegrenzt und ohne Sünde.

Einige wollen im menschlichen Verstand eine Art Maßstab und Führer sehen für die Auslegung der Heiligen Schrift. Doch der menschliche Verstand ist eng und begrenzt. Er ist nicht imstand, die grenzenlosen Wahrheiten Gottes auf angemessene Weise zu erklären. Er ist nicht imstand, die absoluten Wahrheiten der Offenbarung auf würdige Weise zu erfassen. Verdunkelt von der Sünde, vermag er den ewigen Sinn der sündelosen Wahrheiten Christi nicht zu ergründen. In diesem Bereich stürzt die Führung des Verstands den Menschen in Chaos und Anarchie, denn das Endergebnis davon sind ebensoviele Bedeutungen der Heiligen Schrift wie es menschliche Meinungen gibt.

Eben das ist bei den protestantischen Rationalisten geschehen: Nachdem sie die menschliche Vernunft zum Maßstab und Führer bei der Interpretation der Heiligen Schrift erhoben haben, sind sie am Ende so weit gekommen, dass es bei ihnen ebenso viele Heilige Schriften gibt wie sie selbst. Das Chaos und die Anarchie der rationalistischen Interpretation der Heiligen Schrift füh-ren zwangsläufig zum Nihilismus. Indem sie dem Grundsatz folgten, dass jeder die Heilige Schrift gemäß seinem eigenen Verstand interpretiere, haben die protestantischen Rationalisten unzählige „heilige Schriften“ erfunden, unter denen die Heilige Schrift nicht mehr zu finden ist.

Dies kann uns nicht überraschen, denn solches ist das unvermeidliche Endprodukt aller Häresien, die von jeher aufgeschossen sind und weiterhin aufschießen werden auf dem Boden der rationalistischen Interpretation der ewigen göttlichen Wahrheiten der Heiligen Schrift.

– „Auch die häretische Eitelkeit“, lesen wir in der Enzyklika der Patriarchen des Ostens, „anerkennt die Heilige Schrift, interpretiert sie aber auf irrige Art, indem sie Metaphern, Homo-nyme und die Sophistereien der menschlichen Weisheit benutzt, indem sie zusammenmischt, was sich nicht vermischen läßt, und auf kindische Weise spielt mit Dingen, über welche sich nicht spaßen läßt. Wenn jeder die Heilige Schrift nach seiner eigenen wechselhaften Inspiration interpretieren würde, wäre die Katholische Kirche nicht kraft der Gnade Christi bis heute die Katholische Kirche, die immerdar dieselbe Glaubenslehre lehrt und ohne zu Wanken immerdar auf dieselbe Art glaubt, sondern sie würde in unzählige Teile zerrissen und von Häresien beherrscht sein. Noch auch wäre die Kirche heilig, die Säule und Grundfeste der Wahrheit (1 Tim 3,15), ohne Makel, ohne Runzeln (Eph 5,27), sondern die Versammlung der Frevler(Ps 25,5), wie es die Versammlung der Häretiker unzweifelhaft ist.“ [38]

Andere wiederum sind der Ansicht, dass nur die Heilige Schrift selbst Führer und Interpret der Heiligen Schrift sein könne. Doch diese Auffassung zieht fatale Folgen nach sich. Denn die Heilige Schrift ist nicht ein lebendiges Wesen, das unsere Fragen und Zweifel anhören und beantworten kann. Sie ist stummes Wort, stummer Buchstabe. Sie direkt als Führer zu nehmen zur Auslegung ihrer selbst, bedeutet in Wirklichkeit einmal mehr, den eigenen Verstand zum Führer zu nehmen, denn der Mensch selbst ist es ja, der seinem eigenen Verstand gemäß eine bestimmte Bibelstelle in bezug setzt zu anderen und sie auf diese Weise interpretiert. Auch bei der Befolgung dieser Methode der Schriftauslegung gelangt man letzten Endes soweit, dass es ebensoviele Interpretationen gibt wie Interpreten.

Die Interpretation der Heiligen Schrift aus dem Zusammenhang kann sehr hilfreich sein, doch nur unter der Führung der Kirche und nicht unter jener des Menschenverstands, denn sie allein ist fähig, unfehlbar durch alle Tiefen und Höhen der ewigen und göttlichen Wahrheiten der Heiligen Schrift zu führen. Ohne die gesegnete Führung der Kirche setzt der Mensch seine Seele mit größter Leichtigkeit fatalen Irrtümern aus bei der Interpretation der abgrundtiefen Wahrheiten der Offenbarung Gottes.

Eben das sieht man bei allen Häretikern, denn indem sie sich selbst als Führer nehmen durch die Abgründe der göttlichen Mysterien der Wahrheiten der Heiligen Schrift, fallen sie in den Abgrund ihrer eigenen Träumereien und gehen zugrunde an ihren eigenen ungesunden Gedankengängen. Es genügt nicht, sich auf die Heilige Schrift zu berufen. Es ist nötig, sich auf sie zu berufen durch die Kirche und in der Kirche. Es gibt keinen Häretiker, der sich nicht auf die Heilige Schrift beruft, schreibt der heilige Hilarius, doch indem er sich auf sie beruft, verzerrt er sie in Wirklichkeit und beleidigt sie.[39]

Der heilige Vinzenz von Lérins wiedergibt in seinem Commonitorium die apostolische Lehre über die Kirche als dem einzigen sicheren und unfehlbaren Führer bei der Auslegung der Heiligen Schrift. Auf den Einwand: „Wo doch das heilige Wort Gottes niedergeschrieben und vollkommen und zur Gänze verständlich ist, wenn man gewisse Stellen in bezug setzt zu anderen, welche Notwendigkeit besteht dann noch für die Autorität der Schriftauslegung der Kirche?“, antwortet er Folgendes: „Die Notwendigkeit ergibt sich daraus, dass auf Grund der Erhabenheit der Heiligen Schrift nicht alle sie im selben Sinn verstehen, sondern dass der eine ihre Worte auf eine Weise versteht, der andere auf eine andere, sodass man aus ihr – wie festzustellen ist – beinahe ebensoviele Bedeutungen ziehen kann, wie es Menschen gibt. Novatian erklärt die Schrift seiner Meinung gemäß, Sabellios, Donatus, Arius, Eunomios und Makedonios gemäß der ihrigen, Photinos, Apollinarios, Priskillinus, Jovinian, Pelagius und Celestinus gemäß der ihrigen, Nestorios schließlich gemäß der seinigen. Deshalb, im Angesicht einer solchen Vielfalt von Irrtümern aller Art, ist es unabdingbar notwendig, bei der Interpretation der prophetischen und apostolischen Schriften vorzugehen nach der Norm des kirchlichen und katholischen Verständ-nisses [secundum ecclesiastici et catholici sensus normam]. “ [40]

Noch andere schließlich betrachten die Erleuchtung durch den Heiligen Geist als Leitprinzip für die Interpretation der Heiligen Schrift. Doch ein solches Prinzip öffnet jeder Willkür die Tür, denn jeder kann aus freiem Ermessen seine persönliche Neigung als sichere Erleuchtung durch den Heiligen Geist betrachten und verlangen, dass seine Interpretation der Heiligen Schrift als solche angenommen werde. Und dies ist in der Tat, was bei den protestantischen Sekten geschieht, die solche Methoden benutzen bei der Schriftauslegung. Meistens liegen sie im Widerstreit gegeneinander, womit sie beweisen, dass das, was sie als den wahren Sinn der Heiligen Schrift proklamiert haben, nichts weiter ist als ein Kommentar ihres eigenen Dünkens.

Es gäbe freilich ein evangelisches Mittel, mit welchem sie ihren Anspruch auf Erleuchtung durch den Heiligen Geist als authentisch nachweisen könnten, jenes nämlich, dass sie echte Wunder wirken. Das ist jedoch nicht der Fall, und deshalb erweisen sich ihre Interpretationen immerdar als bloßes Produkt ihres Eigenwillens und ihrer Vorstellung. Das Fehlen echter Wunder zeigt, dass sich hinter dieser Methode in Wirklichkeit ein satanischer Hochmut verbirgt, der vermittels solcher Schriftauslegungen die Seelen verdirbt, denn berauscht von solchem Hochmut proklamieren sie mit Geschick und eigenmächtig ihre unterschiedlichen individuellen Neigungen als Erleuchtungen des Heiligen Geistes.

Doch wir wissen – und die Heilige Schrift selbst ebenso wie die Heilige Tradition legen Zeugnis ab hiervon –, dass der Heilige Geist in Fülle den wahrhaft demütigen und wahrhaft heiligen Menschen gegeben wird, und zwar durch die Kirche und in der Kirche (s. Apg 2,1-4; 8,18-23; 1 Petr 5,5, Jak 4,6).

Für eine wahrheitsgetreue Interpretation der Heiligen Schrift ist es in der Tat notwendig, erleuchtet und gesegnet zu sein vom Heiligen Geist, doch dies vermag einer nur innerhalb der Kirche zu erlangen, als Entgelt für viele evangelische Werke, wie das Beispiel zahlreicher Heiliger Väter zeigt. „Diejenigen, die die Schrift erforschen wollen,“ sagt der heilige Johannes Chrysostomos, „müssen die Erleuchtung von oben haben, damit sie finden können, was sie suchen, und zu bewahren vermögen, was sie gefunden haben.“ [41]

 

Dogmen und Heilige Tradition

Im selben Maß wie die Heilige Schrift die Quelle der heiligen göttlichen Dogmen ist, ist es auch die Heilige Tradition, denn sie ist das lebendige Wort Gottes, bewahrt in der Kirche durch die mündliche apostolische Überlieferung. Die Heilige Schrift ist die schriftliche Überlieferung, und die Heilige Tradition ist die mündliche Überlieferung. Beide haben denselben göttlichen Ursprung, denn beide sind die Offenbarung Ein und Derselben Dreieinigen Gottheit. Mehr noch, die Heilige Tradition ist älter in der Zeit als die Heilige Schrift. Sowohl im Alten Testament als auch im Neuen ging die Heilige Tradition den Heiligen Büchern voraus. Mehr als zwanzig Jahre lang hatte die Kirche kein geschriebenes Neues Testament, sondern die Heilige Tradition war der einzige Maßstab für den Glauben und für den gesamten Bau des Heils.

„Die heiligen Männer des Alten Bundes“, schreibt der selige Theophylakt, „lernten nicht aus Schriften und Büchern, sondern weil sie ein reines Herz hatten, wurden sie erleuchtet durch die Erleuchtung des Heiligen Geistes. Sie erkannten den Willen Gottes durch die Zwiesprache mit Gott von Angesicht zu Angesicht. So geschah es mit Noah, mit Abraham, Isaak und Jakob, mit Hiob und mit Moses. Doch als die Menschen verdarben und der Erleuchtung und Unterweisung durch den Heiligen Geist unwürdig wurden, da gab Gott in Seiner Menschenliebe die Schrift, damit sie dank ihr sich erinnern möchten an den Willen Gottes. Und im Neuen Bund sprach Christus am Anfang Selbst zu Seinen Aposteln, worauf Er ihnen die Gnade des Heiligen Geistes sandte, um sie zu unterweisen. Und da der Herr voraussah, dass später die Häresien auftreten und unsere Natur verderben würden, hat es Ihm wohlgefallen, dass das Evangelium geschrieben wurde, damit wir, unterwiesen durch seine Wahrheiten, der Lüge der Häresien zu widerstehen vermöchten und unsere Seelen nicht vollends zugrundegehen würden.“ [42]

Und der heilige Johannes Chrysostomos sagt: „Eigentlich sollten wir der Hilfe des geschrie-benen Worts gar nicht bedürfen, sondern unser Leben in solcher Reinheit führen, dass die Gnade des Heiligen Geistes unsere Seelen belehrt anstelle von Büchern, und dass dieselben so, wie letztere mit Tinte geschrieben sind, vom Heiligen Geist beschrieben werden. Doch nachdem wir diese Gnade von uns gestoßen haben, kommt und laßt uns wenigstens dem zweitbesten Weg folgen. Dass aber der erste der bessere ist, hat Gott sowohl durch Seine Worte als auch durch Sein Wirken gezeigt. Denn zu Noah, Abraham und seinen Nachkommen sowie zu Hiob und Moses sprach Er nicht vermittels der Schrift, sondern unmittelbar durch Sich Selbst, da Er ihre Herzen rein erfand. Als jedoch das ganze jüdische Volk in den Abgrund der Bosheit fiel, da wurden die Schrift und die Gesetzestafeln notwendig, mit den Ermahnungen, die sie enthalten.
„Wie wir sehen, geschah es so nicht nur bei den Heiligen des Alten Bundes, sondern auch bei jenen des Neuen, denn den Aposteln wurde von Gott nichts Geschriebenes gegeben, sondern anstelle von geschriebenen Worten verhieß Er ihnen die Gnade Heiligen Geistes. „Er wird euch an alles erinnern“, sagte Er zu ihnen (Joh 14,26). Und damit du erkennst, dass dies bei weitem das Bessere ist, vernimm, was Er durch den Propheten sagte: „Ich werde einen neuen Bund schließen mit ihnen… die Gesetze werde Ich in ihr Denken setzen, und sie in ihre Herzen schreiben“ (Jer 38,33), „und alle werden belehrt sein von Gott Selbst“ (Is 54,13 /Joh 6,45). Auch Paulus zeigt die Überlegenheit des ersten über das zweite, indem er sagt, dass die Christen ein Gesetz empfangen haben, geschrieben nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf Tafeln von Herzen aus Fleisch (2 Kor 3,3). Doch nachdem etliche Zeit verflossen war und die einen sich von der wahren Lehre entfernt hatten, die anderen von der Reinheit der Lebensführung und der Sitten, da wurde abermals die Ermahnung durch das schriftliche Wort notwendig.“ [43]

In allen Dingen sind die Heilige Schrift und Heilige Tradition gleicherweise notwendig, gleicherweise wichtig, gleicherweise unwandelbar. Ihre Gleichwertigkeit zeigt der Apostel Paulus, wenn er den Thessalonikern schreibt: Brüder, bewahrt die Überlieferungen [τὰς παραδόσεις], die ihr gelehrt worden seid , sei es durch eine Rede, sei es durch einen Brief von uns [εἴτε διὰ λόγου εἴτε δι‘ ἐπιστολῆς ἡμῶν] (2 Thess 2,15; s. auch 1 Tim 6,20; Kol 2,8; 1 Kor 11,2; 2 Tim 1,13; 2,2; 3,14; 2 Joh 12; Joh 21,25, Mt 4,23;; 9,35; Mk 6,2; 10,1; Lk 24,27; Apg 1,3;20,30-31).

In seinem Kommentar zu diesen Worten des Apostels sagt der hl. Johannes Chrysostomos:

„Daraus ist klar zu ersehen, dass die Apostel nicht alles durch Briefe überliefert haben, sondern viele Dinge auch ungeschrieben. Und die einen wie die anderen sind gleicherweise glaubwürdig. Deshalb betrachten wir die Tradition der Kirche ebenfalls als glaubwürdig. Es ist überliefert – verlange nichts weiter [Παράδοσις ἑστι, μηδὲν πλέον ζητεῖ].“ [44]

Denjenigen, die sich bekehrten, wurden keine Bücher gegeben, um die Wahrheiten Christi zu erlernen, sondern die Apostel selbst und ihre Jünger unterwiesen sie auf mündlichem Weg. Erst später erwuchs die Notwendigkeit, einen Teil der Heiligen Tradition schriftlich niederzulegen in den Heiligen Büchern des Neuen Testaments, doch der größte Teil wurde weiterhin mündlich weitergeben in der Kirche, von den Aposteln und ihren Jüngern, auf dem Weg der apostolischen Nachfolge.

Die Wichtigkeit und Bedeutung der Heiligen Tradition, sowohl der schriftlich niedergelegten als auch der mündlichen, ist stets ein und dieselbe geblieben. Die eine in der anderen und die eine zusammen mit der anderen bilden die Vollständigkeit der göttlichen Heilswahrheiten. Hiervon haben wir ein gottweises Zeugnis vom heiligen Irenäos, der schreibt: „Gesetzt der Fall, die Apostel hätten uns keine Schriften hinterlassen, müßten wir dann nicht der Ordnung der Tradition folgen, die sie denjenigen überlieferten, denen sie auch diese Kirchen anvertrauten? Dieser Ordnung folgen viele Barbarenvölker, die an Christus glauben. Bei ihnen ist das Heil ohne Papier und Tinte vom Heiligen Geist in ihr Herz geschrieben, und sie bewahren mit großer Sorgfalt die alte Tradition…. Jene die ohne Schriften diesen Glauben angenommen haben, sind zwar Barbaren, was ihre Sprache anbelangt, doch was ihr Denken, ihre Bräuche, ihre Lebensweise betrifft, sind sie dank ihrem Glauben höchst weise und Gott wohlgefällig, leben sie doch in aller Gerechtigkeit, Reinheit und Weisheit. Sollte es geschehen, dass ihnen einer die Erfindungen der Häretiker verkündet, indem er in ihrer eigenen Sprache zu ihnen spricht, würden sie sich sogleich die Ohren verstopfen und weit weg fliehen, ohne diese blasphemischen Reden auch nur anhören zu wollen. So verwerfen sie denn dank der überlieferten Tradition der Apostel sogar noch den Gedanken an irgendeine der lügnerischen Erfindungen der Häretiker.“ [45]

Aus diesem Grund bewahrt die Katholische Kirche Christi[46] mit nicht nachlassender Beflissenheit sowohl die Heilige Schrift als auch die Heilige Tradition in ihrer apostolischen Vollständigkeit, in der Reinheit und Unantastbarkeit der Offenbarung Gottes. „Deshalb soll niemand bei anderen die Wahrheit suchen, die mit Leichtigkeit in der Kirche empfangen wird, denn die Apostel haben in ihr wie in einer Schatzkammer auf die umfassendste Art alles gesammelt, was sich auf die Wahrheit bezieht, damit hier jedwelcher, der es wünscht, den Trunk des Lebens schöpfen kann. Denn sie ist wahrhaftig der Zugang zum Leben. Alle anderen sind Diebe und Räuber (Joh 10,8). Deshalb muß man solche meiden, jedoch mit äußerster Hingabe lieben, was zur Kirche gehört, und festhalten an der Überlieferung der Wahrheit [veritatis traditionem]… , worin alle Gaben des Herrn gesammelt sind. Hier soll man die Wahrheit erlernen, das heißt bei denen, wo die Nachfolge der Kirche der Apostel ist, wo eine gesunde und untadelige Lehre herrscht, ein Wort ohne Verzerrung oder Abänderung. Sie sind es, die unseren Glauben bewahren…. und uns die Schriften darlegen, ohne dass wir fürchten müssen, getäuscht zu werden.“[47]

Und der heilige Epiphanios schreibt: „Es ist unerläßlich, sich an die Tradition zu halten, denn es ist unmöglich, alles in der Heiligen Schrift zu finden. Die heiligen Apostel haben das eine in der Heiligen Schrift hinterlassen, das andere in der Heiligen Tradition, wie es Paulus selbst bestätigt: Haltet fest an den Traditionen, so wie ich sie euch überliefert habe (1 Kor 11,2).“[48]

Die Heilige Schrift und die Heilige Tradition, die zusammen die eine und unteilbare göttliche Wahrheit vermitteln, erfüllen, erklären und stützen sich gegenseitig und setzen sich gegenseitig voraus. Um ein richtiges Verständnis der Heiligen Schrift zu erlangen, ist es unerläßlich, die Heilige Tradition zum Führer zu haben. Der heilige Irenäos sagt mit aller Entschiedenheit: „Diejenigen, welche die Tradition mißachten, sind unfähig, die Wahrheit zu finden in der Heiligen Schrift.“[49] Klemens von Alexandria schreibt: „Diejenigen, die die Heilige Schrift in Widerspruch zur Tradition der Kirche interpretieren, haben den Maßstab der Wahrheit verloren.“[50] Und der heilige Kyprian sagt: „Sobald wir uns hinwenden zur Quelle, zur göttlichen Tradition, hört das menschliche Irren sogleich auf.“ [51]

Der hl. Basilios der Große lehrt: „Von den Dogmen und Lehren, die in der Kirche bewahrt werden, haben wir die einen aus der schriftlichen Unterweisung [ἐκ τῆς ἐγγράφου διδασκαλίας], empfangen, während wir die anderen, die aus der Überlieferung der Apostel [ἐκ τῆς τῶν Ἀποστόλων παραδόσεως] auf uns gekommen sind, im Mysterium [ἐν μυστηρίῳ] empfangen haben. Die einen wie anderen haben dieselbe Gültigkeit [τὴν αὐτὴν ἰσχύν] für den rechten Glauben, und letzteren wird keiner widersprechen, der einigermaßen vertraut ist mit den Regeln der Kirche. Denn wenn wir anfangen, die nichtgeschriebenen Überlieferungen als von geringer Bedeutung beiseite zu schieben, werden wir, ohne es zu merken, auch das Evangelium abändern in wichtigen Dingen und, noch schlimmer, die Lehren der Apostel ihres Inhalts entleeren.“[52]

Der heilige Johannes von Damaskus weist hin auf die unaussprechlich göttliche Bedeutung der Heiligen Tradition und mahnt: „Überschreiten wir nicht ewigen Grenzen [ὅρια αἰώνια], die unsere Väter festgesetzt haben, sondern bewahren wir die Traditionen [τὰς παραδόσεις] so, wie wir sie empfangen haben. Denn wenn wir anfangen, den Bau der Kirche [τὴν οικοδομὴν τῆς Ἐκκλησίας] auch nur in den geringsten Dingen zu zerbröckeln, wird er am Ende vollends zusammenbrechen.“[53] Und: „Laßt uns beten, Volk Gottes, heiliges Volk, damit man sich unverrückt an die kirchlichen Überlieferungen halte [τῶν ἐκκλησιαστικῶν παραδόσεων], denn wenn man die kleinsten Dinge der Tradition herauslöst wie die Steine aus einem Bauwerk, wird man bald den ganzen Bau zerstören.“[54]

In seinem 19. Kanon hat das 6. Oekumenische Konzil ein für allemal die apostolische Lehre der Katholischen Kirche Christi über die Auslegung der Heiligen Schrift durch die Heilige Tradition bekräftigt: „Die Vorsteher der Kirchen sollen jeden Tag und vor allem am Tag des Herrn den ganzen Klerus und das Volk belehren durch Worte wahren Glaubens, indem sie aus der Heiligen Schrift Betrachtungen und Darlegungen der Wahrheit schöpfen, ohne hierbei hinauszugehen über die festgelegten Grenzen oder abzuweichen von der Tradition der gotttragenden Väter.“

Es ist wohlbekannt, dass alle Oekumenischen Konzile, vom ersten bis zum letzten, die Häresien verworfen und die göttlichen Dogmen des Glaubens bekräftigt haben, nicht nur auf Grund der Heiligen Schrift, sondern auch auf Grund der Heiligen Tradition.[55] Der heilige Kyrillos von Jerusalem sagt, wenn die Kirche „katholisch“ [καθολική] genannt werde, so deshalb weil sie sich über die ganze Welt erstreckt und überall ohne irgendeine Schmälerung alle Dogmen lehrt, die die Menschen kennen müssen.[56]

Das Obgesagte zeigt deutlich, aus welchem Grund die Kirche Christi das Anathema verhängt über jene, die die Heilige Tradition und die Heiligen Oekumenischen Konzile ablehnen: „Über diejenigen, welche die Heilige Überlieferung und die Heiligen Oekumenischen Konzile ablehnen, obwohl sie die göttliche Offenbarung beibehalten und die Orthodoxe Katholische Kirche bejahen, Anathema!“[57] Und: „Über diejenigen, welche die Konzile der Heiligen Väter und ihre Traditionen ablehnen, obwohl sie die göttliche Offenbarung bewahren und die Katholische Orthodoxe in Frömmigkeit bejahen, Anathema!“[58]

 

5. Dogmen und menschliche Vernunft

Das Verhältnis zwischen Dogmen und menschlicher Vernunft ist bestimmt durch ihre respektiven Eigenschaften. Während die Dogmen von Natur aus göttliche Wahrheiten sind, gekennzeichnet durch die göttlichen Eigenschaften der Ewigkeit, der Unbegrenztheit und der Unwandelbarkeit, ist die menschliche Vernunft von Natur aus geschaffen und gekennzeichnet durch die menschlichen Eigenschaften der Relativität, der Endlichkeit und der Wechselhaftigkeit. Auf Grund ihres empirischen Charakter ist die menschliche Vernunft zudem in die Sünde abgesunken, und ihre ganze Tätigkeit hat sich in der Kategorie der Sünde vollzogen.

Von welcher Seite man die Dogmen auch betrachtet, sie erweisen sich stets als göttliche Wahrheiten, die in jeder Hinsicht hinausgehen über die menschliche Vernunft und sie übertreffen. Es gibt keine dogmatische Wahrheit, die Raum fände im Kokon der sündigen menschlichen Vernunft, und es gibt kein Dogma, das man zur Gänze logisch erfassen, logisch beweisen, logisch rechtfertigen könnte. Welches der von Gott offenbarten Dogmen man der menschlichen Vernunft auch vorlegt – die Dreiheit, die Inkarnation, die Taufe, die Auferstehung, das ewige Leben, die allheilige Gottesmutter, die göttliche Gnade, die Sünde der Urahnen, das Endgericht oder irgendein anderes -, sie ist unfähig, einzudringen in die mysteriöse Natur irgendeines von ihnen.

Da Gott uns Menschen eine Gnade gewährt hat, die die menschliche Vorstellung übersteigt, verlangt Er von uns mit vollem Recht den Glauben, wie der heilige Johannes Chrysostomos sagt:

„Unsere erhabenen Dogmen, wie fern sind sie allen menschlichen Gedankengängen [ἑρημα λογισμῶν]! Dem Glauben nur sind sie zugänglich [πίστεως ἐχεται μόνης]. Zum Beispiel: Gott ist überall und nirgends. Gibt es etwas Unvorstellbareres für die Vernunft? Und in beidem ist vieles, was sich nicht erhellen läßt. Gott schließt Sich nicht ein an einem Ort, und in Ihm Selbst ist kein Ort. Er ist nicht geworden, noch auch hat Er Sich Selbst erschaffen. Es gibt keinen Anfang Seines Seins. Welches menschliche Denken könnte dies anerkennen ohne den Glauben? Würde es nicht lächerlich erscheinen? Und Gottes Unendlichkeit, ist sie nicht das schwierigste aller Rätsel?

„Gott ist ohne Anfang, ungeschaffen, unumschrieben, unendlich – auch dies ist freilich unfaß-bar für unser Denken. Oder möchten wir durch das Denken die Unkörperlichkeit Gottes untersu-chen? Sehen wir näher hin. Gott ist unkörperlich. Doch was heißt ‚unkörperlich‘? Es ist nur ein Wort. Das Denken zieht nichts aus diesem Wort, kann sich darunter nichts vorstellen. Um sich darunter etwas vorstellen zu können, müßte es zurückgreifen auf die Materie, auf das, woraus ein Körper besteht! Das heißt, wenn der Mund vom Unkörperlichen redet, weiß der Verstand nicht, wovon er redet [οὐκ οἷδε δὲ ἡ διάνοια τί λέγει], oder er versteht nur, dass das Unkörperliche das ist, was ohne Körper ist…

„Etwas anderes: Gottes Natur ist unzugänglich für das Böse. Doch man kann gut sein nur durch freien Willen. Folglich ist sie doch zugänglich für das Böse. Doch solches können wir nicht sagen – Gott bewahre! Oder eine andere Frage. Besitzt Gott das Sein kraft Seines Wollens [θέλων] oder ohne es zu wollen [μή θέλων]? Auch dies können wir nicht beantworten. Ferner: Umgrenzt Gott das Universum oder nicht? Umgrenzt Er es nicht, dann ist es das Universum, das Ihn umgrenzt. Umgrenzt Er es aber, ist Er unendlich in Seiner Natur. Weiter: Umgrenzt Er Sich Selbst? Wenn ja, dann ist Er nicht ohne Anfang im Verhältnis zu Sich Selbst, sondern nur im Verhältnis zu uns und somit nicht von Natur aus anfanglos.

„So kommen wir überall zu widersprüchlichen Schlußfolgerungen. Welche Finsternis! Wie nötig ist der Glaube in allem! Er allein ist stark.“[59]

Die menschliche Vernunft ist machtlos vor jedwelchem göttlichen Dogma, und wenn sie aufrichtig ist, muß sie ihre Schwäche anerkennen: „Ich verstehe nicht.“ Lehnt sie sich auf gegen die Mysterien und Rätsel der Dogmen, gelten sie ihr als Unsinn, Torheit oder Verblendung (s, 1 Kor 1,18-23). Unfähig zum Erfassen und Verstehen der dogmatischen Wahrheiten, bezeugt die menschliche Vernunft hiermit, dass sie unfähig ist, ihr Interpret zu sein, geschweige denn ihr Schöpfer. Da die menschliche Vernunft begrenzt, relativ, wechselhaft und sündig ist, vermag sie unbegrenzte, absolute, unwandelbare und sündelose Wahrheiten weder zu schaffen noch zu begreifen, denn diese übersteigen ihre Kategorie von Verstehen und bleiben ihr immerdar überlegen. Sie gehen in jeder Hinsicht hinaus über ihre Kräfte und Fähigkeiten.

Die dogmatischen Wahrheiten sind ihrem Wesen nach verborgen in den unerforschlichen Tiefen der göttlichen Weisheit und abgeschirmt durch den Vorhang der göttlichen Mysterien. Sie wesen im unzugänglichen Licht der Dreisonnigen Gottheit. Die menschliche Vernunft vermöchte den überhellen Glanz des göttlichen Mysteriums nicht zu ertragen. Geradeso wie ein Mensch nicht nur geblendet, sondern vernichtet würde, wenn er sich den Sonneneruptionen nähern würde, so auch würde die menschliche Vernunft vernichtet, wenn sie ohne Bedeckung vordringen könnte in die überhimmlischen Höhen der Dreieinigen Gottheit, wo unzählige Sonnen ewiger Wahrheiten flammen. Um in ihrer Mitte wandeln zu können, muß die menschliche Vernunft das Gewand des Glaubens tragen und unterwiesen sein im Gebrauch aller Ausrüstungen durch das Werk der evangelischen Tugenden.

Die Beziehung zwischen den Dogmen als ewigen Wahrheiten Christi und der menschlichen Vernunft wird bestimmt durch das, was der Herr Jesus Selbst festgelegt hat in Seiner Beziehung zur menschlichen Vernunft in ihrer sündigen Wirklichkeit. Und was verlangt der Herr von jedem Menschen als Vorbedingung dafür, dass er Ihm nachfolgen kann? Eines nur, eine einzige Sache -dass er sich selbst verleugnet und sein Kreuz auf sich nimmt. „Wer Mir nachfolgen will, verleugne sich selbst [ἀπαρνησάσθω ἑαυτόν], nehme sein Kreuz auf sich und folge Mir nach“ (Mt 16,24; s. auch Mk 8,34; Lk 14,26-27; Joh 12,24-26).

Sich selbst verleugnen bedeutet, seine sündige Person in ihrer ganzen psychosomatischen Wirklichkeit zu verleugnen – seine anthropozentrische und egoistische Seele, seinen anthropo-zentrischen und egoistischen Willen, seine anthropozentrische und egoistische Vernunft, sein anthropozentrisches und egoistisches Ich, seine anthropozentrische und egoistische Lebens- und Denkweise. Dies kann dem Menschen nur gelingen, wenn er, durch das hohe Werk des Glaubens an Christus, sich selbst der Sünde kreuzigt und allem, was sündig ist in ihm und um ihn, wenn er der Sünde stirbt und dem Tod, um belebt zu werden vom Herrn Christus zu einem Leben ohne Sünde und ohne Tod (s. Kol 3,3-8; Röm 6,6; 6,10-13; Gal 2,19; 6,14).

Die menschliche Vernunft im besonderen verleugnet sich selbst, wenn sie durch das hohe Werk des Glaubens aufhört, sich selbst als ein Wesen an sich zu betrachten, das Wahrheit schafft, Maßstab der Wahrheit ist und Führer zur Wahrheit, und sich stattdessen dem Herrn Christus übergibt, damit Er Selbst der Schöpfer der Wahrheit, der Maßstab der Wahrheit und der Führer zur Wahrheit sei.

Der Mensch wird das ewige Leben nur dann erlangen, wenn er, durch dieses hohe Werk der Selbstverleugnung kraft des Glaubens, um Christi willen seine Seele verliert, anders gesagt: sie Christus übergibt, denn in Ihm wird er sie auch wiederfinden – neu gemacht, erfüllt von der Gnade, unsterblich und ewig. Dies ist, was die Worte des Herrn bedeuten: „Wenn einer seine Seele verliert um Meinetwillen, wird er sie wiederfinden [εὑρήσει αὐτήν]“ (Mt 16,25) und „sie retten [σώσει αὐτήν]“ (Mk 8,35; Lk 9,24; s. auch 17,33) und „sie bewahren zum ewigen Leben“ [εἰς ζωήν αἰώνιον φυλάξει αὐτήν] (Joh 12,25).

Wenn der Mensch um des Herrn Christus willen sich selbst verleugnet – seine sündige Seele, seine sündige Vernunft, sein sündiges Ich – und sich Ihm übergibt und überläßt, stirbt er um Christi willen. Er sät den Samen seiner Person in den Herrn Christus. Danach geschieht in den göttlichen Tiefen der Gnade Christi Folgendes: der Same zersetzt sich, verliert seine feste Form, bricht auf, die menschliche Person wird befreit von Sünde und Sterblichkeit, kommt heraus aus ihrer egoistischen Absonderung und Isolation, stirbt allem Vergänglichen und Sündigen, und dann kommt der Herr, Der die Menschen liebt, und macht sie lebendig durch Seine Unsterblichkeit, macht sie ewig durch Seine Ewigkeit, erfüllt sie mit Seiner Wahrheit und macht sie fähig, göttliche Früchte zu erbringen in Fülle.

Das ist es, was jene Worte des Herrn bedeuten: „Wahrlich, wahrlich Ich sage euch, wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, wird es allein bleiben, doch wenn es stirbt, wird es viele Frucht bringen. Wer seine Seele liebt, wird sie verlieren, doch wer in dieser Welt seine eigene Seele haßt, wird sie bewahren zum ewigen Leben“ (Joh 12,24-25).

Mit anderen Worten, wenn der Mensch seine sündige Seele nicht haßt, wenn er sie nicht verleugnet in ihrer sündigen Wirklichkeit durch das hohe Werk der Selbstverleugnung kraft des Glaubens und sie nicht dem Herrn Christus übergibt, wird er alleine bleiben. Er wird in seiner Einsamkeit bleiben, ohne Hilfe in seiner Sünde und seiner Sterblichkeit, steril, ohne Frucht in seinem Denken, seiner Vernunft, seinem Wollen und seinem ganzen Tun. Doch wenn er durch das hohe Werk des Glaubens – ein Werk, das höher ist als die Vernunft – seiner Sünde stirbt, seinem Egoismus, seiner sündigen Vernunft, wenn er sein ganzes Leben in die Hände des Herrn Jesus Christus legt, wird er reiche Frucht bringen. Dann wird er sich selbst, seine Seele, seine Vernunft bewahren für das ewige Leben. Er wird wachsen und zunehmen um ein Vielfältiges, um die unendliche Vielfalt der Vollkommenheiten Christi, und die Fülle des Lebens erlangen. Dies ist das Entgelt für die Selbstverleugnung kraft des evangelischen Glaubens.

Der Apostel Paulus erfuhr an sich selbst die ganze Tragik und die ganze Sinnlosigkeit des Menschen und der Welt ohne Christus. Durch das hohe Werk des Glaubens – das höher ist als die Vernunft – erkannte er die ganze Tiefe und Breite und Höhe der Liebe Christi (s. Eph 3,18-19). Und von da an erachtete er alles andere als Schaden und Unrat im Vergleich zu jener ungleich wichtigeren Erkenntnis Jesu Christi, Seines Herrn, um Dessentwillen er alles verließ (s. Phil 3,7-8). Deshalb lehrt der Apostel, dass es Pflicht der Christen ist, jeden Gedanken einzufangen zum Gehorsam gegenüber Christus [αἰχμαλωτήζοντες πᾶν νόημα εἰς ὑπακοὴν τοῦ Χριστοῦ] (2 Kor 10,5).

Indem der Mensch sich dem Herrn Christus übergibt und durch Ihn und in Ihm lebt, wird er eines Leibes mit Christus (s. Eph 3,6), seine Seele wird ewig, und er erlangt den Geist Christi, wie der große Apostel kühn sagt: Wir haben den Geist Christi[ἡμεῖς νοῦν Χριστοῦ ἔχομεν] (1 Kor 2,16). Das heißt, der Geist der Christen vereint sich, im gottmenschlichen Leib Christi, der Kirche, mit dem Geist Christi auf eine unbeschreibliche mysteriöse Art, durch eine effektive Gnadengabe. Und so wird er fähig, die göttlichen Wahrheiten Christi zu erkennen.

Diese gesegnete Erkenntnis der ewigen göttlichen Wahrheiten, inkarniert und offenbart in der gottmenschlichen Person des Herrn Jesus, ist das natürliche Ergebnis des hohen Werks des Lebens in der Kirche Christi. Wir haben geglaubt und erkannt [ἡμεῖς πεπιστεύκαμεν καὶ ἐγνώκαμεν], dass Du Christus bist, der Sohn des Lebendiges Gottes (Joh 6,69; s. auch Eph 4,13; 1,17), sagen die Apostel zum Herrn Christus, und damit klären sie auf immer das Verhältnis zwischen Glauben und Erkenntnis, erweisen den Glauben des Neuen Bundes als Mittel zur Erkenntnis der ewigen Wahrheiten, die uns durch den Herrn Christus offenbart worden sind.

Beim nicht weniger wunderbaren Vorgang der gesegneten Vertiefung der Erkenntnis der ewigen Wahrheiten Christi überläßt sich der befriedete Mensch apostolischen Glaubens freiwillig der Führung der Kirche und ihres heiligen, katholischen, apostolischen und unfehlbaren Verstands. Transfiguriert durch den Glauben an Christus, begreift, sieht und anerkennt dieser Mensch, dass das katholische und gottmenschliche Bewußtsein der Kirche für ihn der einzige unfehlbare Führer ist durch die unergründlich tiefen und unzugänglich hohen Wahrheiten Christi. Und je mehr tiefer er kraft der Gnade Gottes und seiner eigenen evangelischen Werke eintaucht in die unbeschreibliche Vielfalt des in der Kirche gesammelten Reichtums der Weisheit Christi (s. Eph 3,11), desto deutlicher muß er das unzugängliche Mysterium ihres Wesens anerkennen. Deshalb bekennt er demütig mit dem Apostel: Jetzt sehen wir vermittels eines Spiegels, im Rätsel [δι‘ ἐσόπτρου, ἑν αἰνίγματι] (1 Kor 13,12).

Solcherart mithin ist die Natur der göttlichen dogmatischen Wahrheiten, und wie tief der Mensch mit der Gnade Gottes auch eingedrungen sein mag in sie, er ist außerstand, sie in ihrer ganzen Tiefe zu ergründen und zu erkennen, bleibt er doch immerdar innerhalb der Grenzen seiner menschlichen Natur, in den Kategorien des Menschlichen, und diese Wahrheiten, in ihrer göttlichen Unendlichkeit, Ewigkeit und Unerforschlichkeit, sind erhoben über alle Grenzen. Deshalb ruft der Mensch Christi, im gesegneten Bewußtsein seiner himmlischen Freude, mit dem Apostel zusammen aus: O Tiefe des Reichtums und der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind Seine Ratschlüsse und wie unerforschlich Seine Wege! (Röm 11,33)….

Die ewigen dogmatischen Wahrheiten sind Gegenstand des Glaubens, und der Glaube ist ein Werk, das die ganze menschliche Person einbezieht, mithin auch die Vernunft. Glaube ist echt in dem Masse, wie er die ewigen Wahrheiten des Evangeliums zum Leben des Glaubenden macht. Alle evangelischen Tugenden, angefangen mit jener des Glaubens, bilden zusammen das himmlische Brot des ewigen Lebens. Indem sich der Mensch davon ernährt, wird er unendlich, ewig, heilig, unsterblich und gesegnet. Er wird vollkommen bis zum vollen Maß des Gottesbildes, das in ihm ist. Und erst jetzt empfängt die Vernunft selbst, die ein organischer Teil der menschlichen Person ist, ihre wirkliche Tiefe, Breite und Höhe.

Bei diesem Vorgang der Vervollkommnung durch die gesegneten evangelischen Werke werden die Dogmen als ewige göttliche Wahrheiten zur Norm und zum Leitsatz des gesamten Lebens des Menschen, seines ganzen Denkens und seiner ganzen Tätigkeit. Das gesegnete Leben des Menschen innerhalb der Kirche wird so zur Quelle der Erkenntnis der ewigen dogmatischen Wahrheiten. Indem der Mensch diese Wahrheiten als Substanz seines Lebens lebt, erweist er ihre Authentizität, Unerläßlichkeit und Heilwirksamkeit für die menschliche Person im allgemeinen.

Der kategorische Imperativ des Evangeliums ist: „Tu es, um zu erkennen.“ Dies ist der Sinn der Worte des Herrn: „Will einer Seinen Willen tun, wird er erkennen, ob diese Lehre aus Gott ist“ (Joh 7,17). Alles, was Christi ist, ist wirklich und inkarniert, denn im Herrn Christus gibt es nichts Abstraktes, nichts Irreales. Seine Einzigkeit besteht eben darin, dass Er der fleischgewordene Gott ist und dass in Ihm alle göttlichen Wahrheiten inkarniert sind. Deshalb sind sie alle wirksam und real gegenwärtig geworden in der Sphäre des menschlichen Lebens, innerhalb der Grenzen von Zeit und Raum. Zeugnis hiefür sind das ganze Neue Testament und die ganze Geschichte der Kirche Christi.

Indem der Mensch Christi durch die gesegneten Werke der Askese die ewigen dogmatischen Wahrheiten zu seinem eigenen Leben macht, gelangt er nach und nach zur Erkenntnis dieser Wahrheiten, doch stets unter der Führung des heiligen konziliaren Verstands der Katholischen Orthodoxen Kirche. Es ist völlig natürlich, dass die Erkenntnis aus dem Glauben erwächst und dass der Glaube als Lebens- und Denkprinzip nach und nach von Erkenntnis zu Erkenntnis erhebt. Doch je mehr der Asket fortschreitet im gesegneten Verständnis der dogmatischen Wahrheiten, desto mehr erhärtet sich in ihm durch den Glauben die Überzeugung, dass die Offenbarung in der Tat Offenbarung ist und nicht ein selbstgefundenes Wissen.

Dieses Verhältnis zwischen Dogmen und menschlicher Vernunft, zwischen Glauben und Erkenntnis, wird voll bestätigt durch die Lehre der Heiligen Väter und Lehrer unserer Kirche. So schreibt der heilige Kyrillos von Alexandria: „Es ist notwendig, zu glauben, um verstehen zu können. Dass die göttlichen Wahrheiten durch den Glauben erlangt werden, bedeutet nicht, dass man ihre Untersuchung verbieten soll, doch bevor sich einer an eine solche Untersuchung macht, muß er sich zumindest bis zu dem erhoben haben, was nicht völlig klar ist im Verständnis dieser Wahrheiten und in bezug auf welches der Apostel sagt: Wir sehen vermittels eines Spiegels, im Rätsel (1 Kor 13,12). Deshalb hat er Recht, wenn er erklärt, man solle nicht zuerst erkennen und dann glauben wollen, sondern den Glauben an die erste Stelle setzen, die Erkenntnis aber an die zweite. Denn die Erkenntnis folgt auf den Glauben, sie geht diesem nicht voraus, wie geschrieben steht: Wenn ihr nicht glaubt, werdet ihr nicht begreifen (Is 7,9). Der Glaube in seiner Einfachheit, frei von Neugier, ist mithin gewissermaßen das Fundament, auf welchem danach die Erkenntnis aufgebaut wird, die uns nach und nach hinführt zum vollkommenen Menschen, zum Vollmaß der Fülle Christi (Eph 4,13).“ [60]

Der selige Augustinus sieht das Verhältnis zwischen Glauben und Erkenntnis ebenso: „Wir glauben, um zu erkennen und nicht umgekehrt.“ [61] Der hl. Johannes Chrysostomos verkündet: „Durch den Glauben gelangt man zur Erkenntnis Gottes, und ohne Glauben ist es unmöglich, Ihn zu erkennen.“ [62] Nach Klemens von Alexandria ist der Glaube das Kriterium für die Erkenntnis Gottes und der göttlichen Dogmen.[63] Auch für Tertullian geht der Glaube dem Wissen voraus, denn er ist es, der „die Vernunft hinführt zur Erkenntnis des Wahren.“[64] In seiner Kampfschrift gegen Eunomios unterstreicht der heilige Basilios der Große die Unmöglichkeit, in der Heiligen Dreiheit eine Vielheit zu sehen, was für ihn ein Grund ist, noch stärker an Sie zu glauben, und er hält dem Rationalismus des Häretikers entgegen. „Wenn wir alles an unserem Denken messen und das, was dem Verstand unzugänglich sei, für inexistent halten, dann ist der Lohn für den Glauben abgeschafft, dann ist der Lohn für die Hoffnung abgeschafft. Wie werden wir denn jener Seligkeiten würdig werden, die uns verheißen sind für unseren Glauben an das, was wir nicht sehen, wenn wir nur an das glauben, was offenkundig ist für den Verstand?“ [65]

Wie in Fortsetzung des Gedankens des heiligen Basilios schreibt der selige Augustinus: „Der Wert des Glaubens besteht darin, dass er glaubt, ohne zu sehen. Denn was ist schon groß daran, dass die Menschen glauben, was sie sehen? Der Herr Selbst rügte deswegen den Jünger, da Er sagte: „Weil du Mich gesehen hast, hast du geglaubt? Selig diejenigen, die nicht sahen und glaubten“ (Joh 20,29).[66] Der Glaube ist nicht Angelegenheit von logischen Beweisen. Er beruht auf dem Vertrauen in den Herrn, die höchste Quelle aller Glaubenswahrheiten (s. Röm 10,17). Alle Glaubenswahrheiten gehören ihrem Wesen nach zum Bereich dessen, was man nicht sieht (s. Hebr 11,1; Röm 8,24; 2 Kor 4,18; 1 Petr 1,8).

Denjenigen, die den Glauben der Beweisführung durch den Verstand unterwerfen wollen, antwortet der heilige Johannes Kassian: „Du verlangst einen Beweis für das, was Gott gesagt hat? Ich werde ihn dir nicht geben. Gott hat es gesagt – Sein Wort ist für mich der höchste Beweis. Die anderen Beweise lasse ich beiseite und vermeide Streitgespräche. Um zu glauben, genügt mir, zu wissen, dass Er es ist, Der spricht. Der Glaube erlaubt mir nicht, zu zweifeln an dem, was Er sagt, er ermächtigt mich nicht, über Ihn zu richten. Ich kann untersuchen, in welcher Weise das, was Gott sagt, wahr ist, doch an der Wahrheit dessen, was von Gott gesagt ist, kann ich nicht zweifeln.“ [67]

Den göttlichen Glaubenswahrheiten gegenüber muß sich die Vernunft mit Ehrfurcht, Pietät und Achtung verhalten, weil Gott und alles, was Gottes ist, die Kapazität unseres Verstands übersteigt.[68] Daraus ergibt sich diese Grundregel für die Behandlung der ewigen dogmatischen Wahrheiten durch den menschlichen Verstand:Nicht sinnen über das hinaus, was zu sinnen recht ist, sondern danach sinnen, Besonnenheit zu erlangen [φρονεῖν εἰς τὸ σωφρονεῖν], ein jeder im Maß des Glaubens, das Gott ihm zugeteilt hat (Röm 12,3; s. auch 1 Kor 4,6; Gal 6,3; Röm 14,23).

 

6. Die Kirche und die Dogmen

Im Herrn Christus sind uns ein für allemal alle göttlichen Kräfte zum Leben und zur Gottesfurcht (2 Petr 1,3) gegeben und alle göttlichen Heilswahrheiten offenbart, denn beim Mystischen Abendmahl sagte der Erlöser zu Seinen Jüngern: „Alles was Ich gehört habe von Meinem Vater, habe Ich euch bekanntgemacht“ (Joh 15,15; s. auch Joh 1,18; Judas 3). Alles was der Herr Christus den Menschen offenbart und übergeben hat, ist ewig, unwandelbar und absolut, weil Er Selbst ewig, unwandelbar und absolut ist. Jesus Christus ist Derselbe gestern und heute und in Ewigkeit (Hebr 13,8; s. auch 1 Kor 3,11; Offb 1,4).

Seine unaussprechliche Liebe zu den Menschen erreichte ihren Gipfel darin, dass Er Sich selbst so, wie Er ist, mit Seiner Lehre so, wie sie ist, in Seiner ganzen gottmenschlichen Fülle der Kirche mitgeteilt hat, als dem Leib, dessen Haupt Er ist und in dem Er zu wohnen fortfährt (s. Eph 5,23; 4,1013; Kol 1,24; Mt 28,20). Deshalb verhängen Seine Apostel, die der Kirche und von der Kirche her den ganzen göttlichen Willen offenbaren (s. Apg 20,27; Eph 1,11), das Anathema über jeden, der das Evangelium Christi und Seine ewigen und unwandelbaren Wahrheiten verzerrt, wie gering auch immer. Wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel her euch etwas anderes verkündet als was wir euch verkündet haben, so sei er Anathema! (Gal 1,8).

Im Bewußtsein dessen bewahrt die Kirche Christi mit seraphischer Beständigkeit alle dogmatischen Wahrheiten der Offenbarung in ihrer göttlichen Reinheit und Unwandelbarkeit. Von Gott eingesetzt als Hüter und Interpret der göttlichen Offenbarung und geführt vom Heiligen Geist, überliefert, interpretiert und formuliert die Kirche die Dogmen unter der Führung des Heiligen Geistes so, wie Er sie sie lehrt. Sie tut dies unter Berücksichtigung der Bedürfnisse der Gläubigen, um die von Gott offenbarten heiligen dogmatischen Wahrheiten zugänglich zu machen für das menschliche Bewußtsein, sodass es sie annehmen kann. Hierbei führt sie nichts Neues ein in die heiligen Wahrheiten der Dogmen. Sie drückt sie lediglich auf eine neue Art aus, gibt ihnen ein anderes sprachliches Gewand. In dieser Tätigkeit, die ihr obliegt, ist sie unfehlbar, denn sie wirkt kraft des unfehlbaren Herrn Christus, im Heiligen Geist, Der sie vor jedem Irrtum und jeder Illusion bewahrt (s. Joh 16,13; 14,26; 14,17).

Immerdar besorgt um das Heil ihrer Glieder, steht die Kirche in einem stetigen Kampf gegen die Häresien. Deshalb hat sie, herausgefordert durch die Bedürfnisse der Zeit, bei der Formulierung der dogmatischen Wahrheiten auch spezifische Begriffe geschaffen, die in der Heiligen Schrift nicht vorkommen, wie zum Beispiel: wesenseins [ὁμοούσιος], Gottmensch [Θεάνθρωπος], Inkarnation, Fleischwerdung [ἐνσάρκωσις], Menschwerdung [ἐνανθρώπησις], Gottgebärerin, Gottesmutter [Θεοτόκος, Θεομήτωρ], Ewigjungfräuliche [Ἀειπάρθενος] usw.

Um die Gläubigen vor den Irrtümern und Täuschungsversuchen der Häretiker zu schützen, hat die Kirche, insbesondere durch ihre Oekumenischen Konzile, gewisse Dogmen besonders ausführlich definiert, erklärt und kommentiert, wie zum Beispiel:

– am 1. Oekumenischen Konzil (325) das Dogma der Wesenseinheit der Drei Personen der Allheiligen Dreiheit und das Dogma der Göttlichkeit des Sohns;

– am 2. Oekumenischen Konzil (381) das Dogma der Göttlichkeit des Heiligen Geistes:

– am 3. Oekumenischen Konzil (431) das Dogma der Inkarnation des Logos Gottes und das Dogma der Allheiligen Gottesmutter;

– am 4. Oekumenischen Konzil (451) das Dogma der Gottmenschlichkeit (der zwei Naturen) des Herrn Jesus Christus;

– am 5. und 6. Oekumenischen Konzil (553 und 680) das Dogma der zwei Willen und Energien des Herrn Jesus Christus;

– am 7. Oekumenischen Konzil (787) das Dogma der heiligen Ikonen;

– am lokalen 3. Konzil von Karthago (397) das Dogma der Ursünde und der Gnade;

– am lokalen Konzil von Laodikäa (364) das Dogma des Mysteriums der Salbung usw.

Hierbei hat die Kirche nichts Neues eingeführt in die Dogmen der göttlichen Offenbarung, noch auch hat sie etwas verändert daran. Sie hat diese Dogmen, die als von Gott Selbst offenbarte Wahrheiten und Lehren ihres einen, katholischen und apostolischen Glaubens von Anfang an existierten in ihr, lediglich auf neue Weise formuliert. Dies wird allein schon dadurch dokumentiert, dass die Konzilsväter die Proklamation ihrer Beschlüsse mit dem Ausruf zu begleiten pflegten: „Dies ist der Glaube der Apostel! Dies ist der Glaube der Väter! Dies ist der Katholische Glaube!“ Das Bewußtsein der Kirche, dass die heiligen Dogmen absolut wahr, unerläßlich und heilsnotwendig sind, ist von jeher fest und lebendig gewesen, doch wenn sich dies in ihrem Gang durch die Geschichte infolge verschiedener Umstände als notwendig erwies, formulierte sie sie an ihren Konzilen mit neuer Schärfe und neuen Begriffen.

Die Dogmen sind in der Kirche von jeher Dogmen gewesen. Sie waren es zur Zeit der Oekumenischen Konzile geradeso, wie sie es vor denselben waren und wie sie es seither geblieben sind. Dies ist der Kirche allezeit und vollauf bewußt, doch in ihrem gottweisen Verständnis hat sie zuzeiten einige von ihnen besonders hervorgehoben, entsprechend den Bedürfnissen der Gläubigen. Die Kirche ist der lebendige gottmenschliche Leib der ewigen dogmatischen Wahrheiten, und deshalb ist sie immerdar im Besitz dieser von Gott offenbarten Wahrheiten, die ihr vom Herrn Christus Selbst und Seinen heiligen Aposteln von Anfang an anvertraut worden sind. Wenn sie die dogmatischen Wahrheiten ausspricht, kommen die Worte von ihr, doch gesprochen im Namen Gottes und vor Gott, in Christus (s. 2 Kor 2,17; 5,20).

Die Kirche denkt durch die Dogmen. Durch sie und mit ihrer Hilfe kennt sie sich selbst und empfindet sich als das, was sie ist. Ohne die Dogmen wäre sie undenkbar, geradeso wie die Dogmen ohne die Kirche undenkbar wären. Im Bewußtsein ihrer selbst als lebendiger Leib der dogmatischen Wahrheiten und kraft der Natur selbst dieses ihres Bewußtseins sowie ihrer heiligen, katholischen und apostolischen Erfahrung, ist sie gerufen, die ewigen Wahrheiten der Offenbarung zu erhellen und zu formulieren, so wie es die Umstände ihres geschichtlichen Daseins erfordern, und sie tut dies im Geist und gemäß dem Geist der göttlichen Offenbarung, die sie besitzt und bewahrt.

Denn der Dreieinige Herr Selbst hat den Menschen nicht von vornherein alle Wahrheiten der Offenbarung kundgetan, sondern nach und nach hat Er sie ihnen offenbart, entsprechend ihren Bedürfnissen und ihrer Aufnahmefähigkeit. Dies bestätigt der Apostel, indem er sagt: Nachdem Gott in vergangenen Zeiten oftmals und auf verschiedene Arten zu unseren Vätern gesprochen hat durch die Propheten, hat Er in diesen Tagen, die die letzten sind, zu uns gesprochen durch den Sohn(Hebr 1,1).

Warum hat Gott so gehandelt? Auf diese Frage antwortet der heilige Basilios der Große: „Der Spender unseres Heils führt uns zum vollen Licht der Wahrheit, indem Er uns, wie in Finsternis gewachsene Augen, nach und nach daran gewöhnt, denn Er schont unsere Schwachheit. In der Tiefe des Reichtums Seiner Weisheit und gemäß den unerforschlichen Ratschlüssen Seines Wissens hat Er für uns diesen leichten und gangbaren Weg gewählt, indem Er uns zunächst daran gewöhnt, die Schatten der Körper wahrzunehmen und den Widerschein der Sonne im Wasser, damit wir nicht durch den direkten Blick ins volle Licht geblendet würden. Desgleichen sind auch das Gesetz, das den Schatten der kommenden Dinge enthält (Hebr 10,1), und die durch die Propheten gegebenen Figuren, die die Wahrheit im Rätsel künden, als Übung gedacht zur Ertüchtigung der Augen des bbbbb

Herzens, damit uns der Übergang von denselben zu der im Mysterium verborgenen Weisheit (1 Kor 2,7) mühelos gelinge.“ [69]

Und der heilige Gregor der Theologe schreibt: „Im Zeitenlauf sind zwei große Umwälzungen [μεταθέσεις ] erfolgt im Leben der Menschen – jene, die man die beiden Bündnisse (Testamente) nennt oder auch, nach dem wohlbekannten Zeugnis der Heiligen Schrift, Erdbeben [σεισμοὶ γῆς] (Hag 2,7). Die erste dieser Umwälzungen führte vom Götzenkult zum Gesetz, die zweite vom Gesetz zum Evangelium…. Doch in beiden Fällen geschah etwas Identisches. Und was war das? Das Neue wurde nicht auf einen Schlag eingeführt. Und warum nicht? Damit wir Menschen es nicht auf Zwang hin annehmen möchten, sondern durch Überzeugung [μὴ βιασθῶμεν, ἀλλὰ πεισθῶμεν]. Denn was nicht aus freiem Willen geschieht, hat keinen Bestand, wie jener erkennen muß, der das Strömen des Wassers oder den Pflanzenwuchs mit Gewalt aufhalten möchte. Was freiwillig geschieht, ist dauerhafter und sicherer. Was erzwungen wird, gehört dem, der Gewalt angewandt hat. Doch was wir freiwillig tun, gehört uns selbst. Das eine ist der Duldsamkeit Gottes zugehörig, das andere der tyrannischen Macht.

„Das Alte Testament verkündete mit aller Deutlichkeit den Vater und weniger deutlich den Sohn. Das Neue Testament hat den Sohn offenbart und die Göttlichkeit des Heiligen Geist angedeutet. Jetzt wohnt der Heilige Geist in uns und gewährt uns eine deutlichere Kundgebung Seiner Selbst. Denn es war nicht ohne Gefahr, den Sohn deutlich anzukünden, bevor die Menschen die Göttlichkeit des Vaters anerkannt hatten, und ihnen die Göttlichkeit des Heiligen Geistes aufzubürden – ich sage es überspitzt -, bevor sie die Göttlichkeit des Sohnes anerkannt hatten. Denn solches hätte unsere Kräfte überschritten und eine Überlastung hervorgerufen, wie es denen geschieht, die zuviel essen, oder denen, die, obwohl sie schwache Augen haben, in die Sonne blicken. Daher war es nötig, dass das Licht der Allheiligen Dreiheit unsere Erleuchtung durch allmähliche Steigerungen wirkte [ταῖς κατὰ μέρος προσθήκαις], oder, wie David sagt, durch Aufstiege [ἀναβάσεσι] (Ps 83,6), durch Voranschreiten und Fortschreiten von Herrlichkeit zu Herrlichkeit (2 Kor 3,18).“[70]

Diese allmähliche Steigerung in der Offenbarung der göttlichen Wahrheiten zeigt sich auch in der Verkündigung des Herrn Christus Selbst, spricht Er doch zuerst in Gleichnissen und Bildern, dann in verhüllten Anspielungen und Allegorien und schließlich offen und klar. Die heiligen Apostel folgten Ihm in diesem Vorgehen, und die Orthodoxe Kirche ihrerseits tut dasselbe, wenn sie die göttlichen Wahrheiten der Offenbarung den Zeiten entsprechend formuliert und erklärt. Und wenn es sich als notwendig erweist, gewisse dogmatische Wahrheiten der göttlichen Offenbarung in unantastbare Formulierungen zu gewanden, dann tut sie auch das. So geschah es im Fall des Glaubensbekenntnisses von Nikäa-Konstantinopel. Die Kirche hat dieses Bekenntnis festgesetzt als Glaubensregel für alle Zeiten und damit kundgetan, dass jede Veränderung desselben unzulässig ist, nicht nur was den Inhalt betrifft, sondern auch was die Form angeht, das heißt den genauen Wortlaut.[71]

In der ganzen Vielfältigkeit ihres dogmatischen Wirkens lehrt und bekennt die Kirche eine einzige und selbe Offenbarung, eine einzige und selbe dogmatische Wahrheit. Ihr dogmatisches Wirken kann und darf daher keinesfalls als eine die Substanz betreffende Umgestaltung, eine „Weiterentwicklung“ der Dogmen betrachtet werden. Wie der heilige Irenäos schreibt: „So wie die Sonne, diese Kreatur Gottes, eine einzige und selbe ist in der ganzen Welt, so auch leuchtet dieses Licht der Verkündigung der Wahrheit überall und erleuchtet alle Menschen, die zur Erkenntnis der Wahrheit gelangen (1 Tim 2,4) wollen. Und weder kann selbst der Wortgewaltigste unter den Kirchenführern etwas anderes sagen – denn keiner steht über dem Meister –, noch auch kann der an Worten Ärmste diese Überlieferung schwächen, denn da der Glaube ein einziger und selber ist, hat weder der Redegewandte und Wortreiche mehr, noch der Wortkarge weniger. Dass einer mehr weiß als andere, beweist er nicht dadurch, dass er die Lehre verändert oder fälschlich einen anderen Gott erfindet… oder einen anderen Christus oder einen anderen Einziggeborenen Sohn, sondern in diesem zeigt es sich – dass er imstand ist, den genauen Sinn der Gleichnisse offenbar zu machen und ihre Übereinstimmung mit der Lehre der Wahrheit aufzuzeigen und die Art und Weise darzulegen, wie der Heilsplan Gottes zum Wohl der Menschheit verwirklicht worden ist.“[72]

In dieser Hinsicht ist der Gedanke des heiligen Vinzenz von Lérins von besonderer Wichtigkeit. Bezugnehmend auf das Wort des Apostels Paulus: Behüte das dir anvertraute Gut (1 Tim 6,20), schreibt er: „Bewahre das anvertraute Gut, sagt der Apostel, doch was ist das anvertraute Gut? Es ist das, was man dir anvertraut hat, und nicht das, was du du dir selbst ausgedacht hast. Was du empfangen hast, und nicht was du selbst erfunden hast. Es ist nicht eine Angelegenheit von Klugheit, sondern des Belehrtwerdens. Es ist nicht Privateigentum, sondern Überlieferung an alle Völker. Ein Werk, das zu dir gekommen ist, und nicht eins, das entdeckt worden ist von dir. Du bist nicht sein Erfinder, sondern sein Bewahrer, du bist nicht der Lehrer, sondern der Schüler, nicht der Führer, sondern der Geführte. Bewahre das anvertraute Gut, sagt der Apostel, das heißt: bewahre zur Gänze und ohne Veränderung das Talent des universellen Glaubens. Was dir anvertraut worden ist, was in dir wohnt, das gib auch du weiter. Du hast Gold empfangen, gib Gold weiter. Ich will nicht, dass du es mir in etwas anderes umwechselst. Ich will nicht, dass du mir anstelle des Goldes insgeheim Blei oder Kupfer untermogelst. Ich will nicht den Anschein von Gold. Gib mir echtes Gold. …

„Lehre das, was man dich gelehrt hat. Und redest du auf neue Art, so sei das, was du sagst, nicht eine Neuerung… Kann es also in der Kirche Christi keinerlei Fortschritt geben? Ganz im Gegenteil, solchen Fortschritt muß es geben, und zwar sehr großen…. Doch dieser Fortschritt muß ein echter Fortschritt sein, ein Vorwärtsschreiten im Glauben, nicht eine Abänderung desselben [vere profectus sit ille fidei, non permutatio]. Fortschritt ist dann vorhanden, wenn eine Sache sich in sich selbst entfaltet [amplificetur]. Abänderung hingegen liegt dann vor, wenn eine Sache in eine andere verwandelt wird [transvertatur].

„Was mithin notwendig ist, ist dies: dass das Verständnis, die Erkenntnis und die Weisheit, eines jeden Christen einzeln sowohl als auch aller zusammen, jedes einzelnen Menschen sowohl als auch der Kirche insgesamt, im Laufe der Jahrhunderte und Zeitalter wachsen und sich entfalten bis zu ihrem höchsten Grad, jedoch ausschließlich innerhalb derselben Gattung, das heißt in der einen und selben Lehre, im einen und selben Sinn, im einen und selben Verständnis. Der Glaube ist Sache der Seele, doch in dieser Hinsicht gleicht er dem Körper. Der Körper entwickelt sich im Lauf der Jahre, doch er bleibt stets derselbe. Der Frühling der Kindheit und die Reife des Alters sind zwei sehr verschiedene Dinge, doch derjenige, der Greis geworden ist, ist derselbe wie jener, der einst Kind war. Ändern sich auch die Körpergröße und das Aussehen eines Menschen, seine Natur bleibt unverändert, und seine Person ist dieselbe … Soviele Glieder, wie sein Körper in der Kindheit hatte, hat er auch im Alter. Und wenn etwas gewachsen ist im Lauf der Zeit, hat es schon zuvor existiert im Embryo. Im Greis erscheint nichts Neues, nichts was nicht schon im Kind verborgen gewesen wäre. …

„Es ziemt sich, dass auch die Lehre des christlichen Glaubens diesem Gesetz des Fortschritts folgt, dass sie an Festigkeit gewinnt mit dem Alter, an Breite und Feinheit im Verlauf der Zeiten, jedoch immerdar unverändert bleibt, unverderbt, vollständig und vollkommen in allen Dimensionen ihrer Teile, in allen ihren Gliedern und Sinnen gewissermaßen, ohne die geringste Abweichung, ohne die geringste Schmälerung ihres Inhalts, ohne die geringste Verschiebung der gesetzten Grenzen….

„Benutzen wir ein Bild: Unsere Vorväter säten vormals in den Acker der Kirche Weizen – den wahren Glauben. Es wäre höchst unangebracht und unrecht, wenn wir, ihre Nachkommen, anstatt des echten Weizens der Wahrheit das Unkraut des Irrtums und der Fälschung ernten würden. Es darf keinen Widerspruch geben zwischen dem Ende und dem Anfang. Wenn wir legitime Nachkommen sind, werden wir vom gesäten Weizen dasselbe ernten, nämlich den Weizen der wahren Lehre, und dies um ein Vielfaches. Die alten Pflanzen mögen sich unter guter Pflege und Düngung üppig entfalten, doch ihre Eigenschaften bleiben unverändert. Sie mögen zunehmen an Größe und Formenvielfalt, doch die Natur jeder Art muß immerdar dieselbe bleiben…

„Was immer der Glaube der Väter in den Acker der Kirche Gottes gesät hat – dasselbe sollen die Söhne mit großer Sorgfalt anbauen und pflegen, damit in ihr dasselbe gedeiht und blüht, fortschreitet und zur Vollkommenheit gelangt. Denn die Dogmen der himmlischen Philosophie [coelestis philosophiae dogmata] müssen zwar im Laufe der Zeit wie der Weizen sortiert, verfeinert und poliert werden [excurentur, limentur, poliantur], doch man darf sie nicht abändern, verzerren oder verstümmeln.“ [73]

Die Art, wie die Heiligen Väter die Aufgabe der Kirche verstanden, die dogmatischen Wahrheiten der göttlichen Offenbarung zu sanktionieren und zu formulieren, zeigt uns die Akte des Vierten Oekumenischen Konzils (451), welche Kaiser Markianos übersandt wurde. Darin schreiben die Konzilsväter unter anderem: „Das Bekenntnis von Nikäa reicht aus für die Gläubigen. Doch man muß denjenigen den Weg versperren, die den Glauben zu verderben suchen, damit dem Bekenntnis von Nikäa nichts Neues hinzugefügt werde und damit die Neuerungen der Häretiker bloßgelegt werden.“[74]

So war zum Beispiel der orthodoxe Glaube bezüglich des Heiligen Geistes für die Gläubigen ausreichend formuliert mit den Worten: „Ich glaube an den Heiligen Geist“, doch der Pneumato-machen [75] wegen fügten die Väter des Zweiten Oekumenischen Konzils hinzu: „… an den Heiligen Geist, den Herrn, Der ausgeht vom Vater“. Desgleichen war im Bekenntnis von Nikäa die Lehre über die Inkarnation des Logos Gottes ausreichend formuliert mit den Worten: „Er kam herab, inkarnierte Sich und wurde Mensch“. Doch der Teufel täuschte einige Leute, sodass die einen die Geburt Gottes aus der Jungfrau leugneten und den Begriff „Theotokos“ (Gottgebärerin) verwarfen. Andere behaupteten, die göttliche Natur des Sohnes sei veränderlich und dem Leiden unterworfen. Die einen leugneten das Mysterium der Vereinigung der beiden Naturen im Herrn Christus und präsentierten das Auftreten Christi als jenes eines gewöhnlichen Menschen oder eines Propheten, während die anderen den Unterschied zwischen Seinen beiden Naturen übertrieben stark herausstrichen. Deshalb empfanden es die Heiligen Väter – z. B. Basilios der Große, Papst Damasus, die Konzilsväter von Sardica und Ephesos – als notwendig, weitere Erläuterungen zum Glauben von Nikäa zu geben.

„Doch man soll nicht meinen, dass man hier innehalten und es dabei bewenden lassen könne, denn die Häretiker für ihren Teil halten nicht inne. Selbst der heilige Kyrillos von Alexandria, in seinen Briefen an die Westlichen, an Proklos von Konstantinopel und Johannes von Antiochia, bezeichnete es als notwendig, über zusätzliche Erläuterungen zum Glauben nachzudenken.“ [76]

 

[1] Der hier leicht gekürzt wiedergegebene Text bildet den ersten Teil des einleitenden Kapitels des theologischen Hauptwerks des hl. Justin (Popović, 1894-1979, s. Das Synaxarion am 25. März und Heilige Altväter der Gegenwart, Chania 2007), seiner mehrbändigen „Dogmatik“, die er unter den Titel Orthodoxe Philosophie der Wahrheit stellte (serbische Originalausgabe Pravoslavna Filosofija Istine publ. in Belgrad 1932, 1935 1978, franz. Ausgabe Philosophie orthodoxe de la Vérité, Ed. L’Age d’Homme, Lausanne 1992-1997, griech. und engl. Ausgaben in
Vorbereitung). Übersetzung aus dem Französischen vom Kloster des hl. Johannes des Vorläufers, Chania 2011.

[2] Das griechische Wort „orthodox“ setzt sich aus zwei Elementen zusammen: ὀρθώς = wahr, richtig, und δοκῶ = ich denke, glaube, erachte, halte für, beschließe. Das Wort „Orthodoxie“ (serb. Pravoslavlje) bedeutet mithin: rechtes Denken, rechter Glaube (das slawische Wort bedeutet auch: rechte Gottesverehrung). Das Gegenteil der Orthodoxie ist die Heterodoxie (von ἕτερως = anders, und δοκῶ): „anderer Glaube, anderes Denken“.

[3] Siehe z.B. Klemens von Alexandria (150-215), Stromata VIII, 5 (PG 9,581).

[4] Siehe u.a. Xenophon, Anabasis, III,3; Ciceron, Quaest. acad. IV, 9, Seneca Epist. 95. In diesem Sinne auch nennt der hl. Isidoros von Pelousion den Philosophen Sokrates „Legislator der attischen Dogmen“ (Brief 11, PG 78,185).

[5] Die im vorliegenden Text jeweils in eckigen Klammern eingefügten griechischen und lateinischen Zitate stehen so im serbischen Originaltext des hl. Justin.

[6] Siehe z.B. hl. Ignatios von Antiochia der Gottträger († 113) im Brief an die Magnesier 13,1, ferner Barnabas-Brief (um das Jahr 100) 1,6.

[7] Siehe Hl. Kyrillos von Jerusalem (315-386), 18 Katechesen an die Täuflinge,Katechese 4,3; 4,2; 5,2; 4,2.

[8] Hl. Gregor der Theologe (330-390), Homilie 40,45 (Über die Heilige Taufe).

[9] Hl. Gregor von Nyssa (331-395), Brief 24.

[10] Hl. Johannes Chrysostomos (344-407), Kommentar zum Buch Genesis, Homilie 11,5.

[11] Hl. Vinzenz von Lérins (5. Jh.), Commonitorium prim. 18 (PL 50,664).

[12] Siehe 6. Oekumenisches Konzil (680), Dekret 1.

[13] Hl. Gregor von Nyssa, Über die Auferstehung Christi. Siehe auch Klemens v. Alexandria, Stromata III,2; VI, 15; Theodoret von Kyros, Brief an Johannes von Antiochia.

[14] Hl. Ignatios v. Antiochia, Brief an die Magnesier, 13; Hl. Basilios d. Große, Über Psalm 46, 4; Hl. Johannes Chrysostomos, Homilie über den Brief an die Galater, I, 1.

[15] Hl. Ignatios v. Antiochia, Brief an die Epheser, 13.

[16] Hl. Athanasios d. Große (295-373), Homilie über Matthäus, 9.

[17] Hl. Gregor von Nyssa, Über die Auferstehung Christi und Über das Leben des Hl. Ephrem d. Syrers.

[18] Theodoret von Kyros (5.Jh.), Kirchengeschichte 1,1.

[19] Hl. Gregor von Nyssa, Über die Seele und die Auferstehung.

[20] Hl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium prim. 23 (PL 50,669).

[21] Gemeint ist insbesondere das, was sich auf die Gottesanbetung und die Hl. Mysterien (Sakramente) bezieht.

[22] Hl. Basilios d. Große (329-379), Über den Heiligen Geist, 27,2.

[23] Hl. Gregor von Nyssa, Gegen Eunomios, 12, sowie Leben des hl. Ephrem des Syrers; hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Brief an die Galater, Homilie 9,1.

[24] Hl. Kyrillos von Alexandria (380-444), Über den Propheten Amos; hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Evangelium nach Matthäus, Homilie 21,23; hl. Gregor von Nyssa, Über die Seele und die Auferstehung.

[25] Sechstes Hl. Oekumenisches Konzil (680), Kanon 1.

[26] Der hl. Ignatios von Antiochia verkündet den Christen: „Bemüht euch, euch zu festigen durch die Dogmen unseres Herrn Jesus Christus und der heiligen Apostel“ (Brief an die Magnesier, 13).

[27] Dies zeigt der hl. Gregor von Nyssa, wenn er sagt, die Erkenntnis Gottes als Schöpfer, Fürsorger und Richter „verlangt, dass unser Leben ohne Sünde sei“ (Über die christliche Vollkommenheit).

[28] „Katholisch“ ist selbstverständlich gesagt im Sinn des orthodoxen Glaubensbekenntnisses [Anm.d.Übers.].

[29] Siehe Kanon 1 des 6. Hl. Oekumenischen Konzils.

[30] Hl. Basilios der Große, Über das Sechstagewerk, 2.

[31] Hl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium prim., 23 (PL 50,669).

[32] Hl. Gregor von Nyssa, Über die Seele und die Auferstehung.

[33] Orthodoxes Glaubensbekenntnis der Katholischen und Apostolischen Kirche des Ostens, Antwort auf Frage 4. [Es handelt sich um den sog. „Katechismus des Metropoliten Peter Mogila v. Kiew“, ein Dokument, das 1642 vom Konzil von Iasi gutgeheißen wurde zur Stärkung des Glaubens des orthodoxen Volkes der Moldau, das damals gefährdet war durch den römisch-katholischen und protestantischen Proselytismus. Da die russische Theologie damals stark geprägt war von Einflüssen des scholastischen Westens, was sich auch in diesem Dokument
niederschlug, wurde es erst dann allgemein als orthodox anerkannt, nachdem es von einem griechischen Theologen, Meletios Syrigos, korrigiert worden war. Siehe Fr. James Thornton, The Oecumenical Synods of the Orthodox Church, Etna, California 2007, S. 142. – Anm. d.Übers.]

[34] Ebenda, Antwort auf Frage 96.

[35] Gemeint ist selbstverständlich die Orthodoxe Kirche, die im wirklichen Sinn katholisch ist [Anm.d.Übers.].

[36]Enzyklika der Patriarchen der Katholischen Kirche des Ostens über den Orthodoxen Glauben, Art. 2. [Diese Enzyklika, besser bekannt unter dem Namen „Glaubensbekenntnis des Dositheos“, ist das Schlußdokument des Konzils von Jerusalem des Jahres 1672, das unterzeichnet ist vom Patriarchen Dositheos von Jerusalem sowie von den Vertretern der Patriarchen von Konstantinopel, Alexandria, Antiochia und Moskau. Es ist die Antwort der Orthodoxen Kirche auf die Häresie des Kalvinismus. Griech. Originaltext und engl. Übers. in The Creeds of Christendom, With a History and Critical Notes, 6th ed., ed. Philip Schaff, rev. Davis S. Schaff (Grand Rapids, mi: Baker Books, 1998), Band 2. – Anm.d.Übers.].

[37] Zitiert von Eusebios von Cäsarea in seiner Kirchengeschichte, V, 28.

[38] Enzyklika der Patriarchen, loc.cit., Art. 2.

[39] Hl. Hilarius von Poitiers, An Kaiser Konstantius, I,9. Siehe auch hl. Irenäos von Lyon, Gegen die Häresien, V, 21,2.

[40] Hl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium prim., 2 (PL 50,640).

[41] Hl. Johannes Chrysostomos, Über Psalm 119.

[42] Theophylakt Erzbischof von Ochrid (1055-1107), Kommentar zum Evangelium nach Matthäus, Vorwort.

[43] Hl. Johannes Chrysostomos, Zum Evangelium nach Matthäus, Erste Homilie, 1.

[44] Hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Zweiten Brief an die Thessaloniker, Homilie 4,2.

[45] Hl. Irenäos von Lyon (2. Jh.), Gegen die Häresien, III, 4, 1-2. Siehe auch III, 3: „Die Heilige Schrift ist die erste schriftliche Form der Tradition.“

[46] Siehe Fußnoten 28 und 35.

[47] Hl. Irenäos von Lyon, op. cit., III, 4,1; IV 36 und 45. „Alle, die die Wahrheit zu wissen begehren, können sie in jeder Kirche durch die apostolische Überlieferung erfahren, die bekannt ist in der ganzen Welt“ (ebenda, III,1).

[48] Hl. Epiphanios von Zypern (310-403), Panarion, 60,6; s. auch 55, 61 und 75.

[49] Hl. Irenäos, op. cit., III, 2. S. auch IV,6.

[50] Klemens v. Alexandria, Stromata I, 7.

[51] Hl. Kyprian von Karthago († 258), Brief 74.

[52] Hl. Basilios der Große, Kanon 91 (= Über den Heiligen Geist, 27).

[53] Hl. Johannes von Damaskus, Über die Ikonen II,12. Sie auch III,41.

[54] Ebenda, I.

[55] Siehe Theodoret von Kyros, Kirchengeschichte, I, 8 und 9; Hl. Athanasios der Große, Über die Dekrete des Konzils von Nikäa, 27; Harduin, Konzilsakten II, 1354; III 450. Kanones 1 und 2 des 6. Oekumenischen Konzils; Kanon 1 des 7. Oekumenischen Konzils.

[56] Hl. Kyrillos von Jerusalem, Katechesen an die Täuflinge 18,23.

[57] 8, Moskau 1820 [Die Quellenangabe ist im franz. Text leider unvollständig. – Anm. d. Übers.]

[58] Ebenda, 7.

[59] Hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Brief an die Kolosser, Homilie 5,3.

[60] Hl. Kyrillos von Alexandria, Kommentar zum Johannes-Evangelium, IV, 4 (PG 73,628-629).

[61] Hl. Augustinus, Zum Johannes-Evangelium, 40,9. Siehe auch Über den freien Willen I, 2,4.

[62] Hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Philipper-Brief, Homilie 11,2.

[63] Klemens von Alexandria, Stromata II, 4.

[64] Tertullian, Gegen Marcion, I, 2.

[65] Hl. Basilios der Große, Gegen Eunomios, II,24.

[66] Hl. Augustinus, Zum Johannes-Evangelium, 79,1. Siehe auch Hl. Gregor von Nyssa: „Auf den Glauben an den Herrn Jesus Christus gründen wir unser Leben, und durch unsere tägliche Übung im Guten machen wir ihn zum Gesetz unseres Denkens und unseres Tuns.“ (Über die christliche Vollkommenheit).

[67] Hl. Johannes Kassian, Über die Inkarnation, IV, 6.

[68] Hl. Johannes Chrysostomos, Kommentar zum Hebräer- Brief, Homilie 2,1.

[69] Hl. Basilios der Große, Über den Heiligen Geist, Kap. 14.

[70] Hl. Gregor der Theologe, Rede 31, Über den Heiligen Geist (5. Theologische Rede), Para 25 und 26.

[71] Dieser Regel widerspricht offenkundig die deutsche Übersetzung dieses Glaubensbekenntnisses, so wie sie sich bei den Heterodoxen eingebürgert hat und wie sie leider ohne Korrektur auch von den deutschsprachigen Orthodoxen übernommen worden ist. – Anm. d. Übers.

[72] Hl. Irenäos von Lyon (2. Jh.), Gegen die Häresien, I, 20,2-3.

[73] Hl. Vinzenz von Lérins, Commonitorium prim., 22-23 (PL 50, 667-669).

[74] Siehe Hefele, Conciliengeschichte, Bd. II, 473-474.

[75] Pneumatomachen: Bekämpfer der Göttlichkeit des Heiligen Geistes.

[76] Hefele, loc. cit.

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