Altvater Joseph der Hesychast und die Lehre des Inneren Gebets, die aus seinen Briefen fließt

Der selige Altvater Joseph der Hesychast ist eine der bedeutendsten Gestalten des gegenwärtigen athonitischen Mönchtums. Dieser Mönch ist geheiligt. Sein Leben ist wahrlich das eines zeitgenössischen Heiligen, und seine Schüler haben heutzutage fast die Hälfte des Heiligen Berges besiedelt und sind auch für viele Frauenklöster innerhalb und außerhalb Griechenlands zuständig.

Von einem frommen Mönch, der die Sprache des Heiligen Geistes spricht, stammt der Ausspruch, daß die gesegnete Erneuerung des Heiligen Berges in der heutigen Zeit in erster Linie das gemeinsame Werk von Archimandrit Sophronij, dem Altvater des Klosters des hl. Vorläufers in Essex, mit seinem hervorragenden Buch über den hl. Siluan den Athoniten[1], Altvater Paisios des Asketen[2] mit seinem gesegneten Aufenthalt im Heiligen Land und den Schülern des seligen Altvaters Joseph des Hesychasten ist. Den Baum erkennt man an den Früchten.

Wir glauben fest, daß die Rückkehr des Athos zur Innerlichkeit und zum Gebet und allgemein zur hesychastischen Theologie weitgehend der Anwesenheit des geheiligten Altvaters Joseph des Hesychasten [1898-1959] zu verdanken ist. Wie man aus allem weiß, was bis heute über den seligen Altvater Joseph in Umlauf ist, war er ein Mann, der nicht die Fähigkeit besaß, mit weltlichen Dingen umzugehen. Er war darin nicht einmal ein Anfänger. Seine Schulbildung bestand aus nur zwei Klassen Grundschule, und das kann man leicht erkennen, wenn man auf eine Kopie seiner handgeschriebenen Briefe schaut. Doch da er die Fülle der göttlichen Gnade besaß und es ihm durch die vollständige Erleuchtung seines von Gnade erfüllten Geistes gelang, zu den höchsten Stufen der Theologie aufzusteigen, wurde er ein vollkommener Theologe. Denn wir
wissen, daß ein Theologe nicht jemand ist, der an den modernen theologischen Schulen studiert hat, sondern einer, in dem Gott der Logos spricht. Theologie ist eine Gabe des Heiligen Geistes. Der selige Altvater schrieb diesbezüglich: „Wenn jemand in Gehorsam und Stille die Sinne reinigt und den Geist beruhigt und das Herz reinigt, dann empfängt er Gnade und die Erleuchtung des Wissens. Er wird ganz nous, ganz Klarheit und so sehr von Theologie erfüllt, daß, wenn drei mitschrieben, sie nicht mit diesem Fluß mithalten könnten. Er verbreitet Frieden und völlige Untätigkeit der Leidenschaften im ganzen Leib.“

Theologie gemäß dem verehrungswürdigen Vater und allgemein den Heiligen Vätern ist eine Frucht der göttlichen Gnade in uns. Daher betrachten die Heiligen Väter die Klöster der Wüste als Universitäten. Die Briefe des verehrungswürdigen Vaters sind echte theologische Abhandlungen, doch geschrieben ohne die Regeln der Syntax und Orthographie. Jeder, der in den Briefen des seligen Altvaters stöbert, kann leicht die große Gnade erkennen, mit der dieser vollkommene athonitische Mönch sie verschickte. Um so mehr wir, die wir seine geistlichen Nachkommen sind und zusätzlich das Glück hatten, unseren Altvater [d. h. Altvater Joseph den Jüngeren, der ein Schüler des Altvaters Joseph des Hesychasten war]bei uns zu haben, der unter den geistlichen Kindern des Altvaters ewigen Gedenkens war und uns sehr oft etwas Geistliches bezüglich seines Altvaters, Joseph des Hesychasten, vermittelte.

Und wir befinden uns am Ort über allen anderen der orthodoxen Tradition, auf dem Heiligen Athos, wo die Liebe der Mutter Gottes für uns fleht. Wir, die wir im von der Gottesgebärerin behüteten Kloster Vatopedi durch den höchsten Langmut unseres großen Gottes leben, leben die wahre Bedeutung der orthodoxen Tradition.

Heutzutage wird viel gesprochen über die orthodoxe Tradition, und das ist auch richtig so.  Doch es ist in unseren Tagen schwer, traditionelle Menschen gemäß der Fülle des orthodoxen Verständnisses zu finden. Man sagt, daß traditionelle Menschen jene seien, die traditionelle/patristische Bücher studiert haben, und das ist nicht falsch. Doch wahrhaft traditionelle Menschen sind jene, die das orthodoxe Leben von Menschen empfangen haben, die es besitzen und es schlicht und unmißverständlich vermitteln können.

Auf diese Weise haben wir in all unserer Niedrigkeit diese Situation erfahren und kennen persönlich den großen Segen, der darin liegt, auf unmittelbarem Weg die Erfahrung und Fertigkeit des orthodoxen Lebens zu empfangen. Wenn unser Altvater uns etwas von seinem Geistlichen Vater berichtet, unserem „papou“, wie wir ihn nennen, ist das für uns ein großer Segen, eine geistliche Harmonie; es ist eine Freude und ein Glück.

Wenn jemand aus erster Hand die Erfahrung des Heiligen Geistes empfängt, spürt er auf außerordentliche Weise, daß das Evangelium nicht etwas ist, das „zu jener Zeit“ geschehen ist, sondern daß es ein fortwährendes Leben darstellt, in dem sich bestätigt, daß Jesus Christus Derselbe ist – gestern, heute und allezeit.

Wenn man den Briefwechsel des seligen Altvaters studiert, ist das erste, was auffällt, sein Verlangen, seine Sehnsucht, sein reiner Wunsch, seinen Mitmenschen nahezubringen, sich mit dem Jesus-Gebet zu befassen. Denn als er auf den Athos kam, hatte er sich als Ziel gesetzt, wie die Asketen der frühen Zeit zu leben, wie er das in dem Buch jenes Tages – Kalokairini – gelesen hatte, das die Leben der Heiligen enthielt.

Das ganze Leben des verehrungswürdigen Altvaters bestand in seiner ständigen Versenkung in das Jesus-Gebet. Er versuchte, das Gebot des Apostels Paulus: Betet ohne Unterlaß zu erfüllen. Jeden Abend hatte er als Regel, sich mit dem Jesus-Gebet unbeirrbar sechs volle Stunden hintereinander zu befassen. Er beschrieb diese Methode in einem seiner Briefe: „Ich kannte einen Bruder, der sechs Stunden lang seinen Geist in sein Herz hinunterführte und ihm nicht gestattete, von der neunten Stunde des Nachmittags an (ca. 3 Uhr) bis zur dritten Stunde der Nacht (ca. 9 Uhr) hinauszugehen. Er hatte eine Uhr, die die Stunden schlug. Und er war schweißgebadet. Als er hinausging, arbeitete er den Rest seiner Pflichten ab.“ Diese Art des geistlichen Werks, von den Vätern gelernt, beweist große geistige Kraft und einen hohen geistlichen Zustand. Denn es ist wahrlich selten, besonders in unseren Tagen, einen Geist zu finden, der unbeirrbar eine solch lange Zeit zu beten vermag. Der selige Altvater sagte, daß sich der Mensch, um solch eine große geistliche Leistung zu vollbringen, ins Gebet hineinzwingen müsse, und er betonte: „Sprich das Gebet zu jeder Zeit, laß deinen Mund überhaupt nicht ruhen. Auf diese Weise wird es in dir zur Gewohnheit, und der Geist wird es aufnehmen.“

Der hesychastische Altvater ist einer der zeitgenössischen Altväter, die die Einzelheiten der Praxis des geistigen Gebets nicht nur Mönchen, sondern auch in der Welt lebenden Christen lehren. Gemäß dem Altvater können alle Menschen – ungeachtet ihrer Lebensweise, des Ortes, an dem sie sich befinden, und dessen, was auch immer sie tun – das geistige Gebet auf sich nehmen. Der selige Altvater schrieb diesbezüglich: „Die Übung des geistigen Gebets besteht darin, sich zu zwingen, das Gebet unablässig mit dem Mund zu sprechen. Achte nur auf die Worte ‚Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner’, und du wirst eine Süße erfahren, als hättest du Honig im Mund.“

Jemand, der das geistige Gebet systematisch üben möchte, sollte nicht auf besondere Momente warten, die er für das Gebet bestimmt. Der geheiligte Altvater – als ein Lehrer des Gebets – betont: „Sprich allezeit das Gebet: im Sitzen oder in deinem Bett, oder wenn du gehst oder stehst. Betet ohne Unterlaß, sprecht Dank in allen Dingen, sagt der Apostel. Du solltest nicht nur beten, wenn du dich zum Schlaf begibst. Das Gebet erfordert einen Kampf: im Sitzen und im Stehen. Wenn du müde bist, setze dich, dann stehe wieder auf. Ob du ißt oder arbeitest, höre nicht auf mit dem Gebet.“

Das Gebet ist gemäß dem seligen Altvater der Atem des Lebens für die Seele. Und er rät diesbezüglich: „Laß ‚Herr Jesus Christus, erbarme Dich meiner’ dein Atem sein.“ Daher sind die Gaben groß, groß ist der Trost, außerordentlich ist die Süße, unbeschreiblich das Glück, unaussprechlich die Freude, tief der Frieden, unendlich die Liebe, die durch das Jesus-Gebet erlangt werden.

Die Hauptbotschaft des Heiligen Berges an das fromme Volk Gottes lautet: So viel du kannst, sprich das Gebet. Was auch immer wir sagen, was auch immer wir erklären – es ist unmöglich, mit Worten die Tiefe und Breite der guten Ergebnisse des Jesus-Gebets zum Ausdruck zu bringen. Ihm – dem Herrn Jesus – aber gebühret alle Herrlichkeit, Ehre und Anbetung in alle Ewigkeit. Amen.

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[1] Archimandrit Sophronij Sacharov (1896-1993) war als junger Mann als Künstler in Rußland und Frankreich tätig. Er befaßte sich intensiv mit hinduistischen und buddhistischen Meditationsformen, kehrte dann aber zum orthodoxen Christentum zurück und wurde Mönch auf dem Heiligen Berg Athos. Er war 22 Jahre Schüler des hl. Siluan des Athoniten bis zu dessen Tod 1938, lebte dann einige Jahre als Einsiedler und gründete später das Kloster des hl. Johannes des Vorläufers in Tolleshunt Knights, Maldon, Essex. Im Alter von 92 Jahren beschrieb er seine Erfahrungen des Ungeschaffenen Lichtes in seinem Buch We Shall See Him As He Is. Seine Lebensbeschreibung des hl. Siluan, zuerst 1949 auf russisch erschienen und dann in mehrere Sprachen übersetzt (dt. in Auszügen: Starez Siluan, Mystische Schriften, Patmos Verlag Düsseldorf 1999) fand große Beachtung und stellt eine grundlegende Schrift über die orthodoxe Spiritualität dar. (Übers.)

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