Zeitvergötzung, Fortschrittsbetrug (1977)

Meine lieben Brüder und Schwestern, meine lieben Freunde

in der Geheimen Offenbarung des hl. Evangelisten Johannes heißt es im 12. Kapitel: Jubelt ihr Himmel und alle die darin wohnen, wehe aber dem Land und dem Meer, denn hinabgestiegen ist zu euch der Teufel grimmigen Zornes, er weiß, daß er eine kurze Frist hat. Liebe Brüder, liebe Schwestern, ich darf Sie ganz herzlich bitten, während meiner Rede mitzudenken. Denn es ist ein Gedankengang, der unsere heutige Situation erklärt, begründet, erhellt, aufdeckt. Wie ist es dazu gekommen und was hat dahin geführt? In welcher Lage befinden wir uns? Und was ist unsere Hoffnung und die uns gegebene Verheißung?

Manche haben Angst vor allzu großer Härte. Es ist eine typisch moderne Legende, man dürfe als Christ niemals hart sein. Man muß als Christ immer lieben, aber die Liebe erfordert immer wieder Härte. Wenn man dem Wohl des Menschen dienen will, muß man ihm gelegentlich weh tun, muß seine wahren Absichten aufdecken und sie ihm entgegenhalten. Wir dürfen niemals hassen. Wir dürfen niemals gewöhnlich werden, wenn auch aus menschlicher Schwäche hie und da etwas geschehen mag, was man schwerlich verantworten kann. Alles, was wir hier sagen, sagen wir aus Liebe, aus verwundeter Liebe zu unserer herrlichen, konkurrenzlos dastehenden Kirche, die das zeitlose Zeichen in jeder Zeit ist, die raumlos ewige Wirklichkeit in jedem Raum. Sie können wir anschauen, da Gott Mensch geworden ist. Und wir rufen zurück nach ihrem Anblick, daher haben wir uns hier versammelt. Wir wollen den verlorengegangenen Anblick Sions wieder herbeisehnen, herbeibeschwören, herbeirufen, laut und waidwund, denn Jäger sind aufgestanden, um zu verwunden unser sehnsüchtiges Herz. Und zwischen der Sehnsucht unseres Herzens und seiner Erfüllung ist seit 15 Jahren ein eiserner Vorhang niedergegangen. Meine lieben Brüder und Schwestern, wer sind denn die Spalter? Wir wollen nicht spalten, aber wir beklagen Spaltung, die längst vorliegt. Lassen Sie mich zwei Grundstimmungen der gläubigen und wissenden Menschen beleuchten. In diesem Wort „wissend“ mag vielleicht einer Hochmut wittern, aber es ist kein Hochmut. Denn unser Wissen haben wir erhalten vom Allerbarmer, der unsere Armseligkeit und Sündigkeit nicht beachtet hat, und der uns dennoch das Wissen gab vom Wesen der Kirche. Und die so Wissenden hatten gegenüber zwei sehr verschiedenen Ereignissen sehr verschiedene Vorahnungen.

Ich erinnere mich sehr gut des wunderbaren Tages des 1. November 1950. An diesem Tag wurde das Dogma von der leiblichen Aufnahme Mariens in den Himmel durch den Heiligen Vater Papst Pius XII. definiert, verkündet, für alle verpflichtend. Unsere heilige katholische Wahrheit hat damals eine weitere Seite ihrer unaussprechlichen Fülle aussprechbar gemacht, und hat dem forschenden Geist der Theologen eine neue Stufe der Sicherheit gewährt. Und außerdem unserem Jahrhundert das Zeichen, denn das große Zeichen im Himmel Maria, die Frau der Offenbarung, gegen die der Drache wettert und schnaubt, um das Kind, das aus ihr geboren werden soll, zu verschlingen. Dieser Drache ist mobil in diesem Säkulum, aber sie selber ist entrückt seinem Zugriff, sie gebiert unter Schmerzen und Wehen durch die Jahrhunderte hin ihre Söhne und Töchter. Aber ihre Wehen steigen in diesem Jahrhundert besonders an. Sie schreit gequält in ihren Schmerzen, aber sie wird von Gott entrückt in eine Stätte, wohin der Drache nicht kann, und wo er keine Macht hat. Sie ist das Zeichen für unser Jahrhundert. Warum? Und damals spürten es alle: Es ereignet sich an diesem Tage etwas ganz Großes, etwas Überirdisches. An diesem Tage wird eine Posaune erschallen, aus den anderen Welten hinein in unsere Zeit und der Himmel lüftet sich und er kommt und küßt die Erde mit seinem Licht und mit seiner Wahrheit. Erregend der Morgen dieses Tages!

Und das andere Gefühl zum Beginn des Konzils im Jahre 1962, jenes bittere, unbehagliche, abwehrende Gefühl des Abscheus, dieses unwiderstehliche Gefühl, hier wird sich etwas ereignen aus den unteren Bereichen. Hier tritt eine Phalanx an, die lange mobil gemacht hat, aus den Sphären, die nicht von oben kommen. Und laßt uns diese beiden Lager nun einmal näher betrachten, und gestatten Sie mir, daß ich weiter aushole.

Was ist Gottes Urbefehl an die Menschen? Alles gehört euch, wenn ihr Mir gehört! Ihr sollt über alles herrschen, aber eure Herrschaft ist begrenzt, sie grenzt an Mir. Das sagt Gott. Und ihr werdet erst herrschen über die Tiere des Himmels, im Wasser und auf der Erde, ihr werdet erst eure königliche Macht ausüben, wenn ihr sie begrenzen laßt durch mich, wenn ihr euch beherrschen laßt in Liebe, dann werdet ihr herrschen über die Erde. Wenn wir diesen Befehl befolgen, dann wird alles eine Schrift, alle Dinge werden deutbar, weil sie über sich selber hinausweisen. Denn alles untermenschliche, Tiere, Pflanzen, Materie weist auf den Menschen hin, und der Mensch weist auf Gott hin. Und im Menschen werden auf einmal alle Dinge klar in ihrer Zeichenhaftigkeit. Wir können sie deuten, weisen, Weisheit kommt in unseren Geist, weil wir um der Dinge Herkunft und Ziel wissen. Denn nur, wenn wir alles was da lebt und webt als Gedanken Gottes erkennen, der zurückweist auf Gott und durch den Menschen zurückstrebt zu Gott, dann werden wir die Inhaber und Beherrscher der Erde sein. Und dies allein hat Gott gemeint, als er den Befehl gab: Macht euch die Erde untertan. Werdet der Erde mächtig, in dem ihr Interpreten und Deuter der Erde werdet. Alle Dinge werden Abbild Gottes, Spuren Gottes, und der Mensch, das intensivste Ebenbild Gottes wird gottbar. Aus sich selber nichts, aus dem Nichts erschaffen, ist er ein unendlicher Abgrund, in den das Licht Gottes fallen kann, so daß der Mensch in der Kraft Gottes die Welt zu beherrschen vermag. Das ist Sinn und Ziel, das ist Urgesetz aller Dinge.

Und jetzt das andere Lager, der Gegenrat, der Rat des Vaters der Lüge: „Laßt euch nicht dumm machen“, sagt die Schlange, „Gott hat euch diesen Befehl aus Konkurrenzfurcht gegeben. Sagt euch los von Gott, stellt euch auf eigene Füße, werdet ein aus euch selber rollendes Rad. Glaubt an euren Fortschritt und den Fortschritt der Welt, und dann werdet ihr selbst sein wie Gott, und selber bestimmen, was Gut und Böse ist“. Wir kennen die verschlüsselte Bildsprache in der Heiligen Schrift: Von allen Früchten dürft ihr essen, aber von der Frucht von dem Baume in der Mitte, dürft ihr nicht essen! Und dann der Rat der Schlange: „Ihr werdet nicht sterben, wenn ihr davon esset, sondern ihr werdet sein wie Gott und wissen, was Gut und Böse ist“:

Wenn man aber von unten her sich entwickeln will aus eigener Kraft, von Mal zu Mal und von Fortschritt zu Fortschritt, dann wandeln sich alle Dinge zu Nullen und Sinnlosigkeiten. Die ganze Welt wird ein Konglomerat von nackten Tatsachen, die nun einmal da sind, und deren man sich bedienen kann, dem eigenen Wunsche gemäß. Aber der eigene Wunsch und die Mittel die einem zur Verfügung stehen, sind alle Elemente des Nichts. Was nun einmal da ist, um einmal bestehende Menschenwünsche zu erfüllen, wird zum Tyrannen und zum Sklaven des Menschen. Und zwischen Tyrann und Sklave herrscht ein Wechselverhältnis. Der Tyrann ist immer der Sklave seines Sklaven. Und der Sklave ist der Tyrann seines Tyrannen. Das ist das kennzeichnende Wechselverhältnis von Mensch und Erde in unserem Jahrhundert. Der von der Erde ausgebeutete Mensch und die vom Menschen ausgebeutete Erde.

Und weiter: Kehren wir zurück ins erste Lager, ins Lager Gottes und seines Urgesetzes. Von oben kommt die Weisung: „Ihr sollt mir gehören und euch mir vollkommen überlassen, euch mir schenken“. Was ist das, sich Gott schenken? Das ist eine Entscheidung des freien Willens. Der freie Wille ist aber immer Sache des Einzelnen. Erkennen wir Gott an, dann ist unsere Personenwürde gerettet, dann ist unser Ich aufgehoben und bestätigt, denn nur in Gott können wir „ich“ sagen, weil wir in Gott den haben, der zu uns „Du“ sagt, der uns auffordert, der uns vor die Wahl stellt, unentrinnbar, so daß es ganz am Einzelnen liegt, ob er ja sagt, oder nein. Und wenn wir ja sagen, dann geht es uns wie dem Samenkorn, das in die Erde fällt und scheinbar stirbt, in Wirklichkeit aber in dieser Selbsthingabe und Preisgabe an Gott sich selber findet und Frucht bringt für und für. Von oben, wenn wir Ausschau halten zu dem, was sich uns vorstellt, unabhängig von uns, vor uns, ohne uns, dann werden wir uns immer in unserer unvergleichlichen, unersetzbaren und unwiederholbaren Einzelwürde und Persönlichkeit erkennen und finden, Ichfindung, Selbstfindung, im Ich und Du wird dann das wahre Wir, die wahre Gemeinschaft begründet.

Aber von unten? Von unten, aus der Erde geboren, aus dem Wollen des Mannes und aus dem Fleische, da finden wir nur Sinnlosigkeit vor, Kommen und Gehen. Die Welt Kafkas wird offenbar. Ein „Im-Kreise-sich-drehen“. Endlose Kontrollinstanzen, die einander kontrollieren, ohne einen Endpunkt, ohne einen letzten, richtenden Maßstab zu haben, ein Ring ohne Ausgang, ein Verlies, ein Labyrinth ohne Befreiung. Und nun will man der Sinnlosigkeit und dem Nichts, was man vorfindet, Trotz bieten. Und darum wird einfach gearbeitet, man geht ran, man weiß nicht, ob es sich lohnt, aber man tut eben irgend etwas und glaubt gegen das innere bessere Wissen daran, daß es eben vielleicht doch gelinge, daß es vielleicht doch zu etwas Nutze sei. Es ist ein wesenlosen Gebaren, man hat kein Urbild, man hat nur Gestein und Atom, irgendwelche Elemente, die sich entwickelt haben zu einem lebendigen Leben – warum lebendig, was soll das Leben – zu einem geistigen Leben, zu einem Verstandesdenken, was soll dieses Denken? Man kommt und geht, es ist alles ohne Rückhalt, bodenlos, grundlos.

Und wenn man dann voran gehen will, dann muß es ein gemeinsames Gesetz geben, das alle verpflichtet. Dann gibt es kein Ich, sondern nur das vorgegebene Wir, das Kollektiv. Achten Sie sehr darauf, wir werden zu sprechen kommen auf dieses vorgegebene Wir. Da gibt es Möglichkeiten und Konkurrenzen. Entweder will der Einzelne seine Macht als nackte Tatsache – und er braucht dazu ein Sklavenheer, Widerspruch kann er nicht dulden – er ist dann ein einsamer monolithischer Block – und in seiner Hand eine gefügige Masse, eingeebnet und planiert. Oder der Einzelne will eine bessere Welt, eine bessere Menschheit, gegrenzt in Volk und Völkern, in Gesellschaft oder in der Masse aller Menschen, die vorfindbar sind, auch dies führt zur Zertrümmerung des Ich. Alles was irgend von unten zu erklären ist, von unten aufsteht, bildet Masse, planiert und ebnet ein. Oder drittens: Ein System entfesselt die Masse aus sich selbst. Das ist die andere Tyrannei, die spezifische Tyrannei des 20. Jahrhunderts, die Tyrannei der Massendemokratie, oder des Demokratismus. Von unten her soll alles gezimmert werden, gebaut werden. Die Menschen sollen zusammenfinden, um eine bessere Welt zu schaffen. Da kann man sich natürlich nicht den Luxus absoluter Überzeugungen leisten. Da kann der Einzelne nicht auf seinem privaten Leben und seinem Einzelgewissen bestehen. Das ist dann Luxus, der nicht verkraftet und geduldet werden kann im Gebaren des Fortschrittes.

Überall, wo Weltverbesserer und Fortschrittler am Werk sind, dann ist es der Antichrist, der Vater der Lüge! Dann ist es von unten kommend, und der Reiz der Überschaubarkeit haftet diesen Bestrebungen an. Denn immer, wenn die gesamte Menschheit einen gemeinsamen Fortschrittsweg gehen soll, dann wird aus dem Vielfältigen, das aus dem Einzelrecht kommt, aus dem Recht der Familie, des Privatlebens und des Einzelnen, aus dem Recht des Ich, eine überschaubare Einheit. Man marschiert mit gleichem Schritt und Tritt. Scheinbar wollen das die Demokratisten – nichts gegen Demokratie, als Versuch einer gewissen Lebensform in begrenztem Rahmen – aber in dem Moment, wo man anfängt aus der Demokratie einen Wert in sich zu machen, und eine Weltanschauung, dann kommt der Teufel zum Zuge. In diesem demokratistischen Gebaren kommt der Einzelne scheinbar zu Zuge, aber er kommt nur zum Zug, um sich einzubringen. Er wird verbuttert in ein System, z.B. das System der Gruppendynamik, das System der Diskussion oder das System des Ausdiskutierens. Jeder darf da seine Meinung haben, aber er darf keine absolute Überzeugung haben, er darf nur sagen: „Ich toleriere dich“ in dem Sinne, in dem man zum anderen sagt: „Du behauptest zwar das Gegenteil, von dem, was ich behaupte, Du stellst den Widerspruch auf, zu dem, was ich glaube, aber ich halte das, was du sagst, auch wenn es ein Widerspruch ist, für eine Ergänzung des meinen, denn wir sind ja alle auf dem Wege und jeder hat eine legitime Station bezogen, auf diesem gemeinsamen Weg der Menschheit zu immer lichteren Höhen“.

Das alles ist Sprache des Satans. Merken Sie sich’s, und fühlen Sie den Leuten unter die Haut, aus welchen Dimensionen und Maßstäben sie hoffen und reden. Immer wenn Sie von Menschheitsfrieden hören, der Friede ist möglich, nehmt den Menschen vom Kreuz, macht die Welt humaner und besser, der Friede läßt sich herstellen, Friedensforschung, wir müssen uns nur zusammentun, der Einzelne muß endlich einmal seine bockbeinige Überzeugungsstarre aufgeben und sich einbringen, dann werden wir schon von Station zu Station marschieren, und unter den Menschen wird immer alles humaner und toleranter werden. Das ist die Sprache des Antichristen. Und Johannes der Evangelist würde ausrufen: Kindlein, der Antichrist! Überzeugungen und Weltanschauungen, die einem Angebot von oben antworten und auf das eingehen, was von oben kommt, ohne uns, das wird degradiert zu Beitrag, zu Beiträgen, relativiert, seiner Würde beraubt, als eine Möglichkeit anerkannt, mit einer gewissen Bonhomie, einem gewissen Schulterklopfen, glaub nur schön, glaub nur schön weiter, du darfst alles glauben, herrlich, wir finden das so ausgesprochen nett, daß du an das alles glaubst, nur darfst du keinen Absolutheitsanspruch erheben, nur darfst du nicht behaupten, dies allein sei die Wahrheit und der andere würde irren. Dann bist du ein Störenfried und fügst dich nicht ein in das übersichtliche System eines verheißungsvollen Demokratismus. Die machbare Welt der Macher kommt in ihr Recht, der Fortschrittswahn, als ließe sich je auf Erden vollkommene Gerechtigkeit oder vollkommene Freiheit herstellen, wo es doch ein Kleines-Einmal-Eins-Rechenexempel ist, zu wissen, daß wir nur die bekömmlichste Ungerechtigkeit und die bekömmlichste Unfreiheit wählen können. Und wenn die Wahl ist zwischen mehr Gerechtigkeit oder mehr Freiheit, dann wählen wir immer mehr Freiheit für den Einzelnen und je Einzelnen.

Wir könnten uns sehr lange den Marsch durch die Jahrtausende ansehen, die Götzen uns anschauen, denn die Götzen stehen für den Menschenwunsch, daß die Vernunft den tierischen Wünschen dient, das ist der Reiz der Götzen. Wir erleben es in der Geschichte des Alten Bundes, aber wir beschränken unseren Blick auf das letzte halbe Jahrtausend. Und es sind vier kritische Momente zu verzeichnen, ohne die wir nicht verstehen können, warum alles so gekommen ist. Vier Krisen während der Geschichte der Kirche, sie hängen miteinander zusammen und ergeben sich auseinander.

Das erste kritische Moment ist zu verzeichnen in der Wende von Mittelalter zu Neuzeit, die Wende im 16. Jahrhundert. Etwas ganz Neues bricht in das Bewußtsein der Menschen ein, die Erde wird auf einmal erlebt, und es kommt wie ein Rausch über die Menschen. Diese Erde bietet Herrlichkeiten, Schönheiten, sie ist also doch nicht zu verachten, man soll der Welt also doch nicht entfliehen, sondern man soll diese Welt lieben und loben und ihre Schönheit bewundern und bestaunen. Ist das in sich falsch? Zweifellos nicht, aber jeglicher Rausch der Neuentdeckung läßt über die Ufern geraten und die Grenzen sprengen. Und die Kirche befällt in diesem Jahrhundert eine Angst, sofern sie als Kirche in Erscheinung tritt, also durch die Päpste und die Bischöfe, die nicht nur auf die Jagd gehen und sich mit ihren Mätressen amüsieren, sondern durch die Bischöfe und Päpste, denen es um das Heil der Menschen und das Gottesreich geht, gerade die haben Angst. Sie haben Angst um dieses eingebrochene Lebensgefühl, das die Schönheit der Erde erkennt. Sie wissen, je mehr man sich der Erde bemächtigt, je mehr man den Blick nach außen wendet, auf den Rand, die Oberfläche, desto mehr muß man zuvor einen Weg nach innen gegangen sein, je mehr Mittel uns zur Verfügung stehen, die unserem Wunsche dienen, und unserem Wohle dienen sollen, müssen wir wissen, wer wir sind.

Die Kirche hätte damals diese Neuentdeckung der Erde mit ihren Schönheiten auffangen und sich zur souveränen Führerin der Menschheit aufschwingen sollen. Sie hätte stärkere Geistkräfte offerieren müssen, damit die Menschen über diese Schwelle kommen. Statt dessen hat sie sich nicht von ihrer Souveränität, sondern von der Angst beraten lassen und hat sich eingemischt in das Geschehen. Ich meine jetzt nicht in sündhafter Weise, wie es ja auch in allzu breitem Rahmen geschehen ist, sondern ich meine, sie hat sich eingemischt mit guten Absichten. Sie wollte die Naturwissenschaft bremsen, sie wollte Einhalt gebieten, dem, das im Begriffe war, sich zu verselbständigen, und aus der schirmenden Macht des Geistes zu lösen. Dadurch kamen dann solche kompromittierenden Dinge heraus, wie der Fall Gallilei. Es war nicht etwa daraus zu erklären, daß die Kirche aus ihrer eigenen Konsequenz heraus eng, muffig und düster sein müßte, sondern es kam aus der Angst heraus: Es ist etwas im Werden, was wir nicht einfangen können. Die Welt breitet sich vor den Menschen aus, schwingend zum Forschen anregend und wir versäumen es, den Menschen klar zu machen, daß dies alles nur soviel Wert und Sinn hat, wie es in Bezug zu bringen ist zu Gott. Wir schaffen das nicht, deshalb laßt uns die Naturwissenschaften bremsen. Darum laßt uns den neuen Erkenntnissen Einhalt gebieten, damit wir Menschen in unserem Rahmen halten können.

Es ist immerhin einiges geschehen, man hat immerhin einige spirituelle Dienste geleistet. Aber wenn man sich so betrachtet, näher, ein gewisser Spalt ist bis heute nicht geheilt. Eine Kluft zwischen Natur und Übernatur ist geblieben. Auch die gewaltigen Impulse des Jesuitenordens durch die Exerzitien haben nicht ganz diese große Einheit, die notwendige Einheit herstellen können zwischen dem, was sich in der Welt begibt und dem, was Gott ist. Konnte man im Mittelalter noch getrost sagen, als Wahlspruch der Benediktiner, daß in Allem Gott verherrlicht werde, so war eine Veränderung vorgegangen im Wahlspruch der Jesuiten: Alles zur größeren Ehre Gottes. Ad maiorem Dei gloria. Gott wurde zum Ziel, die Welt war etwas für sich selber und sie handelte zum Zwecke der Verherrlichung Gottes.

Aber man hat nicht mehr in den Dingen und Schönheiten und Offenbarungen des weltlichen Gebarens Gott selber sehen, schauen und verherrlichen können. Die Naturwissenschaften machten sich selbständig, sie machten sich los von den Primärwissenschaften, von der Philosophie und der Theologie, von der Kunst und der Grammatik waren sie nicht mehr beherrscht. Die Sprache, die in das Wesen der Dinge hineinleuchtet, war nicht mehr die große Führerin bei allen Unternehmungen der Forschung, sondern es war etwas auseinandergerückt. Die Naturwissenschaft handelte auf eigene Faust und sie erlag der Versuchung, sich selber zu einer Weltanschauung zu machen. Es war der Sieg des Verstandes über den überwölbenden und wesens- und sinngebenden Geist. Primärwissenschaften oder Geisterkenntnisse, wie sie Philosophie, Theologie, Grammatik und Kunst in sich bergen, erschließen den Personalraum des Menschen, sein Ich und seine Würde und sein Wesen, sie bieten sich der Freiheit des Einzelnen an. Die untergeordneten, dienenden Wissenschaften erschließen den Medialraum, den Raum der Mittel, die der Mensch gebrauchen soll. Aber losgelöst vom Geist sprechen sie den tierischen Wunsch und die Massenerwartung an. Das Wir, die Masse, zeichnet sich bei diesem Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit als eine ganz besonders bedrängende neue Macht und Dimension aus.

Die zweite Krise ergibt sich daraus: 1789, Höhepunkt des Rationalismus, die Entgleisung der Vernunft wird proklamiert, die Verdichtung des neuzeitlichen Wahns zur Weltanschauung. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – sprich Vertierung, nämlich Freiheit im Sinne von Willkür, Gleichheit im Sinne von Einebnung und Brüderlichkeit – wir – im Sinne von Vermassung – Vertierung, Einebnung und Vermassung. Im Zusammenhang mit all dem bricht dann immer mehr das Verlangen auf, die Welt voranschreiten zu lassen. Im Zusammenhang mit dem Jakobinertum der Französischen Revolution sind zu sehen, als Blüten dieses Prozesses, der Nationalsozialismus, der Bolschewismus und der Demokratismus. Und der Hauptfeind all‘ dieser Bestrebungen, wobei sich die Freimaurerei besonders des Demokratismus annimmt, der Hauptfeind ist die katholische Kirche als solche in ihrem wahren Wesen. Löscht die Infame aus! ruft Voltaire.

Die dritte Krise: Der Einbruch der modernen Technik in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Erdmenschheit. Man hat dies nie in weitem Umfange derer, die bestellt sind, die Zeit zu deuten, richtig gesehen. Die Naturwissenschaft wird zur Weltanschauung und infolge dessen wird die Technik zur Erlösungsverheißung. Und die moderne Technik, die 1850 etwa, in die Erde einbricht, die ist in der ganzen bekannten Menschheitsgeschichte ohne Parallele. Das Jahr 1850 gleicht dem Jahr 5000 vor Christus technisch durchaus, aber nicht mehr dem Jahr 1950. In einer rasanten Beschleunigung entwickelt sich die moderne Technik. Technik wird zum Inbegriff eines Menschheitsfrühlings. Die Zeit wird auf einmal zum Götzen proklamiert, je weiter die Zeit voranschreitet, desto mehr schreitet die Menschheit voran, und man sagt, soll man diesen Prozeß beschleunigen. Auf einmal wird die Zeit zum Götzen, zum fordernden Moloch. Das Wort „es ist nicht mehr zeitgemäß“ wird zu einem niederschlagenden, niederknüppelnden Dogma.

Im Grunde ist die Zeit aber für sich gesehen ein Nichts. Innerhalb der letzten 100 Jahre ist ja die Technik immer mehr vorangeschritten, atemberaubend, und darin sieht man einen Menschheitsfortschritt. Mittel schreiten voran, und dann sagt man, weil die Mittel, die dem Menschen zur Verfügung stehen, sich häufen, deshalb häuft sich auch die Würde, die Macht des Menschen. Welch ein Trugschluß! Noch nie war die Erde dem Menschen so wenig untertan, wie infolge des Einbruchs der modernen Technik in den letzten 100 Jahren. Noch nie!

Je größer das Vielerlei, das mir zur Verfügung steht, um so stärker muß die bannende Macht der Einheit sein, durch die der Geist dieses Vielerlei in den Griff bekommt. Je mehr Mittel mir zur Verfügung stehen, die meinem Wohle dienen sollen, um so mehr muß ich wissen, wer ich bin. Denn wohl ist das, was dem Wesen des Menschen dient. Also muß ich mehr um mein Wissen wissen, je mehr sich anbietet, daß ich’s gebrauche. Denn wenn es nur meinem Wunsch dient, wird es mein Tyrann, wie ich gesagt habe, und zwischen Wunsch und Wohl klafft nur allzu oft ein Unterschied, das wissen wir, denn wir wünschen nur allzu oft, was unserem Wohle im Wege steht. Wenn wir aber nur zu unserem Wunsche etwas gebrauchen, dann entraten wir uns selber, unserer Würde, unserem Wesen. Wir werden dann Gesteuerte unseres Wunsches, und die Mittel erheben sich zu Tyrannnen, von denen wir nicht mehr loskommen. Und darum zappelt die Menschheit sinnlos daher, ziellos daher. Je mehr Mittel anschwellen, je mehr eine Schwemme sich ausbreitet, um so mehr ist der Mensch hilflos ausgeliefert einem Taumelkreis des Sinnlosen. Und darum füllen sich die Sprechzimmer der Psychiater und der Psychotherapeuten, die Menschen wissen nicht mehr warum, und darum vergehen sie in banger Erwartung der Dinge, die da kommen sollen. Sie fühlen sich umlauert von immer neuen Fremdheiten, sie können die Welt nicht mehr übersehen, die Dinge sind nicht mehr im Griff und die Toren meinen, wegen ein paar Druckknöpfen, die man bedienen kann, wäre der Mensch in seiner Würde gewachsen.

Und auch Geistliche können sich nicht genug tun, zu betonen „wir müssen noch so dankbar sein, über den Fortschritt der modernen Technik, weil damit der Befehl Gottes „Macht euch die Erde untertan“ in einer noch nicht dagewesenen Weise erfüllt würde“. Welch ein Trugschluß! Das Gegenteil ist der Fall! Die Kirche hätte die Aufgabe gehabt – und nur die Kirche kann es, denn sie hat die Kräfte aus dem Schatz ihrer Geheimnisse und ihrer Weisheiten, dem Menschen diese Gegengewichte zu schenken, so daß er, annehmend was von sich ihm aufdrängt, wieder die Übersicht gewinnt. Die Kirche ist aus ihren eingegebenen Kräften in der Lage, den Menschen über den Wasserspiegel hinaufzureißen, über den Wasserspiegel der Mittel, die sich andrängen der modernen Technik, die ihn überwuchert und begräbt unter ihrem Wachstum.

Das ist diese Krise, die den Nihilismus dieses 20. Jahrhunderts hervorgerufen hat. Das Grauen der Materialschlachten, der Weltkriege, und es waren genug Propheten am Ende des vorigen Jahrhunderts zu Gange, nicht nur aus dem Bereich des Katholischen, ich denke an Bruckner, seine Symphonien – seine letzten Symphonien sind apokalyptische Visionen des 20. Jahrhunderts – und zugleich bergen sie unaussprechliche verheißungsträchtige Kräfte. Aber auch Nichtchristen wittern, was da kommt. Ein Nietzsche: „Habt acht ihr, die ihr in den Tälern wohnt, der Tauwind weht“. Richard Wagner und dann Christen wie Solowjew und Dostojewski, sie alle sahen die Heraufkunft des Nihilismus im 20. Jahrhundert voraus. Und der Nihilismus ist gekommen in einer beklemmenden Weise. Und jetzt kommt die vierte Krise, gekennzeichnet durch das Versagen der Kirche.

Allerdings sind zwei Linien zu bemerken: Denn es war mit dem Anwachsen des Nihilismus und der seichten, optimistischen und gefährlichen Fehldeutung der modernen Technik durchaus auch die Witterung für das Notwendige im Gange, es waren durchaus verheißungsvolle Zeichen da, z.B. gegen die Gleichmacherei. Man lese Ansprachen und verschiedene Texte Pius‘ XII. Der Aufstand gegen den Modernismus mit seiner Zeitvergötzung und Inhaltsrelativierung durch Pius X. Die Erkenntnis der All-Einheit, die erst die richtige Gemeinschaftsdeutung brachte: Der Einzelne ist Mitte und jeder Einzelne ist Mitte. Das ist der christliche Organismus der All-Einheit und des mystischen Leibes. Denn die Geheimnishaftigkeit des Leibes – das ist ein Begriff, kein Bild – Christus und wir bilden einen Leib, da wir getauft und gefirmt sind, Leib nicht als Bild, sondern als Begriff, er das Haupt und wir die Glieder, und wie aus Braut und Bräutigam ein Fleisch wird, so wird aus Christus, dem Bräutigam, und seiner Kirche, der Braut, der eine geheimnisvolle Leib, aber die Geheimnishaftigkeit, die Mystizität, liegt eben in der Zentralbedeutung des Ich, des Einzelnen und seiner Freiheit, im Gegensatz zur mißverständlichen Hervorhebung des Gottesvolkes, worin durchaus ein kollektivistischer Zug liegt. Nicht ist es falsch etwa – wir sind in der Tat das Volk Gottes – wenn man Volk richtig versteht und richtig definiert, aber wenn man gegenüber dem mystischen Leib den Begriff Gottesvolk hervorhebt, dann liegt darin eine höchst verdächtige Tendenz zur Masse, zum Kollektivismus, wie er eben mit Fortschrittsglauben immer verbunden ist.

Ferner lag in dieser Bewegung die ostkirchliche Bewegung, im tiefen Zusammenhang damit die Mariologie, die Sophiologie und die Erkenntis eines Solowjew, der die Weisheit der Väter wieder ans Licht brachte, eines Athanasius, der in Maria die menschgewordene Weisheit sah, den menschgewordenen, fleischgewordenen Urgedanken Gottes von der ganzen Schöpfung. Wenn bei den Marienfesten aus dem Buch der Weisheit Texte vorliegen, dann ist das nicht etwas, was auf Maria angewandt ist und was ursprünglich auf Christus gemünzt war, sondern nein, hier ist ursprünglich Maria gemeint, die hagia sophia und sie ist es, die die bräutliche Einzelseele als Inbegriff wahrer Gemeinschaft und als Quelle wahrer Gemeinschaft empfindet. Das sind die vier Kennzeichen der einen Linie. Es war durchaus verheißungsträchtig, was da so geschah, wenn man die Pius-Päpste – Pius IX., Pius X., Pius XI., Pius XII. – und Leo XIII. bedenkt. Höhepunkt dieser Linie war die Verkündigung des Dogmas, und das war aufgegeben, damit es verwertet würde.

Erstens. Wenn Maria, welche die Schöpfung ist in ihrer Versammlung, in ihrer Alleinheit – MARIA ist ja das Weib, in dem alles Wesen, alles menschenmögliche drinnen sind, die umfassende Frau, wenn die mit Leib und Seele verklärt ist, dann ist das ein Gegengewicht gegen die isolierte Materievergötzung und Materieanbetung unseres Jahrhunderts. Denn in ihr wird deutlich, wohin alle Materie drängt und jegliche technische Anstrengung, alle industrielle Anstrengung gewinnt gegenüber diesem hohen Endziel eine verhältnismäßige Kleinheit und Armseligkeit. Und außerdem war Maria die Aufgenommene – die asumpta – Anrufung, Verheißung an das Ich, denn die Einzelne steht immer für das Zeichen der Freiheit im Wechselzug zum Einzelnen. Außerdem steht auf dieser Linie am Ende des 19. Jahrhunderts die Belebung der Herz-Jesu-Verehrung in ihrer echten Tiefe. —

Und dann die andere Linie, die sich zum Unheil der Menschen und zur Schmach der Kirche auszieht, sofern man unter ihr die Träger gottmenschlichen Amtes versteht. Zu ihrer Entstellung und Kompromittierung setzt sich die andere Linie durch. Auch hier waren durchaus schon die Vorzeichen, die Vorbereitung da, die Wir-Ideologie, die Gemeinschafts-Ideologie, in Wirklichkeit keine Gemeinschaft, sondern Kollektivismus, Ideologie des Kollektivs. Während das Ich gemeinschaftszeugend ist, ist immer jene Gemeinschaft, die das Ich begräbt, das Ich einfängt, immer etwas Tödliches, massenhaft, Wahn der Erdenhoffnung, der Einwelt, Abbau der Unterschiede, Geschichtsfeindlichkeit, Abbau der Tradition, man soll von den früheren Jahrtausenden nichts mehr wissen, damit man ja keine überzeitliche‚ Gesetzmäßigkeiten mehr erkennt, an die sich der Einzelne bilden kann. Nein, es soll immer das Jetzt sein. Dieses Hier und Jetzt sein, welches die Herde und das Herdentier zeugt, nur nichts Überwölbendes, daher Geschichtsfeindlichkeit, Technikverherrlichung, Wissenschaftsanbetung, Professoralismus, auch lange vorbereitet.

Der Professor wird immer mehr zum bestimmenden Faktor des kirchlichen Lebens, nicht mehr der Bischof, nicht mehr der Priester, der seinen bestimmten Bereich hat, in dem er dafür zu sorgen hat, daß da Himmel und Erde sich berühren, sondern der fleißige Wissenschaftler, der wird bestimmend, der gibt die Maße an, vor seiner wissenschaftlichen Arbeit beugt man sich. Es sollte anders sein. Der Professor sollte durchaus Dank finden, die Wissenschaft ist unabdingbar – natürlich – aber sie sollten sich vor allem mit dem Philosophischen, Theologischen beschäftigen, die Priester und Bischöfe, die für die Seelsorge bestimmt sind. Wie in den ersten Zeiten sollten die großen theologischen Impulse ausgehen und die großen theologischen Dokumente sollten Hirtenbriefe und Predigten sein, wie es einmal war. Das ist auseinandergeklafft. Der Wissenschaftler soll mit vielem Fleiß herbeibringen, was er mit souveräner, intuitiver Erkenntnis der Priester und der Bischof zum Heil seines Volkes auswertet. Statt dessen ist das Niveau des Seelsorgeklerus, das eigentlich an der Spitze stehen sollte, gesunken.

Und viele Bischöfe und Kleriker waren dem ausgeliefert, vor dem man zu Füßen liegt: Nämlich der Wissenschaft, z.B. die Wir-Ideologie in der Messe. Es ist genau dies, was ich eben erklärt habe: Dieses von unten. Nicht wird im richtigen Sinne des Wortes die Messe integriert durch die Anwesenden, z.B. das Anwesende bei der Zelebration der Heiligen Messe, das ist ein integraler Bestandteil der Messe, aber kein essentieller, d.h. wie der Arm zum Menschen gehört, aber nicht zum Wesen des Menschen, ich bin durchaus ganzer Mensch, wenn mir auch beide Arme fehlen, aber es gehört zum Integralen, daß mir Arme gegeben sind. So ist zweifellos die Anwesenheit von Gläubigen ein integraler Bestandteil der Messe, aber wenn niemand zugegen ist, als nur der Priester allein, dann ist die Messe ganz da in ihrer ungeteilten Fülle.

Aber es wird halt umgekehrt gesagt. Es heißt, zunächst ist die Gemeinschaft da, das Gottesvolk sagt man, hat seine ursprünglichen Rechte, die kommen von unten, und aus dem was von unten, vom Wir her geschieht, entfaltet sich und ergibt sich dann das Christusereignis. Wie man untereinander sich in einer netten, herzlichen Atmosphäre verträgt, wie Menschen den Menschen einander begegnen, sich kennenlernen, miteinander sprechen, einander umarmen, sowie die Atmosphäre zu einer Offenbarung des Christus, Christus dann ein anderes Wort für die Nettigkeit unter den Menschen, sie setzen sich zum Mahl zusammen, und im Mahl, in der Gemeinsamkeit erleben sie dann den Geist Jesu, der gekommen ist, um eine ganz besondere Verhaltensweise unter den Menschen zu begründen.

Das ist genau der Antichrist, der das Ursprüngliche Von-Oben umkehrt in ein Von-Unten. Aber auch hier so die Überschaubarkeit, der Überschaubarkeitsreiz, wie bei allen menschheitsfortschrittlichen und Wir-getragenen Bewegungen. Auch da wird es – wie man so schön diese Überschaubarkeit definiert – es wird alles ehrlicher, es wird alles breit ausgelegt, es wird alltagsgemäß, es wird nichts mehr Entrücktes, dem Alltag Entzogenes, sondern man sagt, Gott ist Mensch geworden, daß er so in diese hiesige Welt eingeht, daß man gar keinen Unterschied mehr erkennt, mitten im Staube, im Saal, wo geraucht und getanzt wird, dort, wo die Menschen ihre harmlosen Freuden erleben oder ihre Arbeit verrichten, dort, so sagt man, ist Kirche, und dort soll dann auch das Christusmahl, das eucharistische Mahl, sich vollziehen. Nur nichts Himmlisches mehr, denn Gott ist ja als Mensch am Kreuze gestorben, damit wir durch ihn, der eingegangen ist ins Hiesige, ins Zeitliche, in unser Nichts sich verloren hat, unseren Blick abwenden vom Himmel und uns zuwenden mit aufgekrempelten Ärmeln in der Erwartung einer besseren Welt und einer besseren Menschheit.

Das ist genau die Lehre – die werden Sie natürlich nicht so hören, so schnell und so leicht und von allen – aber wo Sie Neues gewahr werden, wird es immer ein Hinweg zu diesem satanischen Irrtum sein. Alles Neue, alles, was sich vom Vergangenen unterscheidet seit 15 Jahren, alles, was da neu geworden ist, ist ein Abweg, ein Hinweg zum Umgekehrten, ist ein Antiweg. Eine Welt, kein Unterschied mehr der Nationen, kein trennender Unterschied mehr zwischen Überzeugungen, alles wird ineinander verbuttert, alles wird eingebracht. Denn, wie ein Kardinal sagte vor zwölf Jahren, die katholische Kirche hat kein anderes Ziel, als einen Beitrag zu leisten zur wachsenden Humanisierung der Welt. Einen Beitrag hätten wir zu leisten, wo wir den Ausschlag zu geben haben!

Da wird lächelnd und mit überlegener Gebärde gesagt: Macht doch so kein Heckmeck mit dem „für alle“, Christus wollte alle Menschen erlösen, also ist er mit seiner Absicht für alle am Kreuze gestorben. Warum sollen wir dann nicht sagen: für alle. Selbstverständlich will Gott alle Menschen erlösen und Christus hat den Tod am Kreuze, den Leibestod, erlitten, weil er alle Menschen damit meinte, zweifellos. Aber im Zusammenhang der Wandlungsworte ist nachweislich nicht gemeint die Absicht, sondern die Wirksamkeit, der Erfolg. Der Erfolg des Opfers erstreckt sich eben nicht auf alle, sondern nur auf viele. Es ist vom Bundesblut die Rede, aber der Bund ist eine begrenzte Sache, abgegrenzt von denen, die nicht zum Bund gehören. Warum legt man denn so einen Wert auf das „für alle“, wenn es angeblich so egal ist? Warum will man es denn auf Biegen und Brechen an die Stelle des „für viele“ setzen? Warum Abbau des Sakralen, warum denn weniger Gebärden, warum soll denn nichts vorgeführt werden? Denn Gebärden, Kreuzzeichen, Kniebeugen sind Elemente der Entrücktheit, der Ehrfurcht, denn Gott ist Mensch geworden, um den großen Austausch einzugehen. Er gibt uns seine Himmlichkeit und seinen Sieg und seine übernatürliche Herrlichkeit und nimmt an unsere armselige Menschlichkeit, unseren Erdenstaub, so daß er in zweierlei Gestalt auf Erden ist, in der Gestalt der Entrücktheit, seiner sieghaften verklärten Herrlichkeit, in der Liturgie, im heiligen Raum, im Zelt der Kathedrale, des Domes, der Kirche, das er sich geschaffen hat, denn er hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen, und in der Gestalt der Armseligkeit, in der Gestalt des Alltages, in beiden Gestalten ist er da. Man will ihn aber nur noch in der einen Gestalt haben, weil man die Gestalt der Entrücktheit nicht mehr wahrhaben will, weil man nicht mehr wahrhaben will, daß er im Fleische erschienen ist, als ein Zeichen der Herrlichkeit, und darum will man auch nicht mehr die Gebärden der Ehrfurcht. Deshalb baut man die Kniebeugen ab, darum baut man die Kreuzzeichen ab, die feierlichen Gebärden. Ich gebe zu, daß da sehr viele Mißbräuche waren, daß man da sehr vieles früher hingehudelt, hingeschludert hat bei der Zelebration der Messe, aber es lag etwas vor, was man herrlich ausgestalten konnte.

Liegt etwa heute etwas vor, das man im gleichen Maße wie früher herrlich ausgestalten kann? Eben nicht mehr! Es ist weniger geworden und nicht mehr, und warum nennt man das denn Fortschritt? Ich bin aus mir nichts und werde durch Gott ein Sein, in der Opferbereitung halte ich mich hin, und es wird vorweggenommen die gültige Gabe in den Gebeten, denn ich bin aus mir nichts und bin erst das, was ich bin in Ihm, durch Ihn und mit Ihm. Warum setzt man denn einen Gegenwert, warum bietet man denn Gott etwas an, was schon ohne Ihn da wäre, so à la Prometheus nach den Worten Goethes: „Mußt mir meine Erde doch lassen stehen und meine Hütte, die Du nicht gebaut und meinen Herd um dessen Glut Du mich beneidest.“ Wie ist es denn mit Frucht der Erde und der menschlichen Arbeit? Wie läßt sich das denn noch vereinbaren damit, daß ich mein Ich, mein Nichts hinhalte, um durch Ihn ein Sein zu werden und ein Ich und eine lebendige ewige Werthaftigkeit. Und dann sagt man ganz einfach, das sei nicht mehr zeitgemäß, so wie es gewesen ist, man müßte es nun zeitgemäß machen. Es sei immer so gewesen, man habe immer mal etwas geändert.

Ja man hat entfaltet, gewiß auch hier und da Wucherungen beseitigt, z.B. durch Pius V., das stimmt. Aber waren denn Wucherungen? Da waren ja gar keine! Waren da überflüssige Gebärden, waren da überflüssige Texte? Was war denn daran der Zeit so fremd? Wieso fordert denn die Zeit Neues? Fragt doch mal die Vertreter des Neuen, was denn da so zeitfordernd, so zeitgemäß wäre. Fragt sie mal! Was sie dann antworten, wird sie entlarven. Konzil, meine lieben Brüder und Schwestern, nichts Falsches steht drin, ganz gewiß. Wenn man es Satz für Satz und im Zusammenhang liest, kann man wohl kaum eine Häresie darin entdecken, einen formalen Irrtum. Aber ist denn da tatsächlich die alte Lehre, die ewig junge, die jüngste und älteste zugleich, nämlich die katholische Lehre, ist die da wirklich so zeitnotwendig und auf unsere Zeitkrankheit bezogen vertieft worden? Wo haben wir denn da tiefere Einblicke, Ausblicke, wo sind uns denn da Schätze geboten, mit denen wir dem, was heute sich tummelt, begegnen können? Wo sind denn da Gegengewichte, Antiworte gegen das Gebaren der Welt gesetzt?

Da wird gesprochen von Dialog mit der Welt. Gewiß, das wird gesagt, daß man der Welt sich nicht gleichförmig machen sollte und daß in der Welt vieles Böse sei, aber auch vieles Gute, an das man anknüpfen könnte, und deshalb müsse man einen Dialog führen. Da kann alles richtig gedeutet werden, aber das sind doch Binsenweisheiten, die werden nun ausgebreitet, ausgewalzt, so in der Art einer angehobenen Conference mutet das Lesen der langen Texte an. Warum denn, was sollte das denn, warum hat man denn unbedingt dieses Konzil, wenn es ja doch nur die alte Wahrheit wiederholt, so unbedingt bringen müssen, man sagt doch, das sei die Offenbarung des 20. Jahrhunderts, das sei das ganz Neue. Da steckt doch eine Absicht dahinter! Wenn es wirklich nur da ist, daß man feststellt, es ist keine Häresie drinnen, ja warum hat man es dann überhaupt in die Welt gesetzt, dieses Konzil? Wir hatten ja genug, wir hatten ja in den präzisesten Ausdrücken aus allen vergangenen Konzilien die Lehre von der Verdammnis, von den Engeln, von den guten und bösen Engeln, von der Bestimmung des Menschen usw. alles höchst entfaltet. Und nun wird dies alles mit anderen Schwerpunkten versehen, Verdammnis wird z.B. weggelassen, die intensivste Notwendigkeit unserer Zeit – Sühne und Buße – wird totgeschwiegen. Es muß dringend der Fortschrittswahn aufgedeckt und es muß ihm widersprochen werden, wo ist denn davon was im Konzil? Gar nichts, im Gegenteil, es ist eine Atmosphäre, daß man so mitmischt, so zwischen den Zeilen, so in dem, was so als Fluidum zwischen den Sätzen hin- und herweht, da ist so eine tiefe Einvernahme mit der Welthoffnung. Man spricht, daß die Menschen sich immer besser verstehen, daß die Welt immer einheitlicher würde. Darin liegt eine furchtbare Gefahr der Vermassung oder es ist eine Illusion. Wenn es keinen Unterschied mehr gibt der Überzeugungen und der Traditionen und der Nationen dann gibt es einen fürchterlichen grauenhaften, tödlichen Menschheitsbrei, aber keineswegs Friede. Also, entweder ist das eine falsche Illusion, oder es ist eine verderbliche Verheißung, eines von beiden. Wir sind mündige Katholiken, Du und ich, getauft und gefirmt, wir wissen was katholisch ist und infolgedessen was nicht katholisch ist! Infolgedessen können wir Sätze aufstellen, von denen wir wissen, daß sie nicht katholisch sind!

Wenn man sich geheim mit dem Menschheitsfortschritt, mit einer falschen Menschheitsverheißung verschwört, hat man eine unauslöschliche Sympathie mit dem Bolschewismus. Man hält ihn zwar als eine gewisse, mit Eierschalen behaftete Frühform der künftigen Menschheitsherrlichkeit, vieles ist durchaus zu verwerfen, aber… aber… aber. Aber an diesem „aber“ hängt der Teufel, denn heute und gestern und morgen ist es eine beständige, dringlichste Notwendigkeit, den Satanismus des marxistischen Sozialismus und des Bolschewismus aufzudecken. Gut – Dritte Welt, wir müssen der Dritten Welt helfen, damit sie nicht dem Bolschewismus verfällt, das ist richtig, aber als Ablenkung vom Bolschewismus weg ist diese öde, ständige, penetrante Thema höchst selbstverräterisch, mit der Dritten Welt.

Religionsfreiheit, entweder ist es das, was wir schon immer wußten, daß man nämlich keinen Menschen zwingen kann, eine Religion anzunehmen, daß man ihm nach Gottes Willen keine Religion abzwingen, und wegzwingen und aufzwingen darf, das ist ein uralter Hut. Aber wenn so etwas lange ausgebreitet wird, sorglos, trotz des Wissens, wie mißverständlich so ein Wort ist, dann steckt doch was dahinter! Denn die Menschen haben doch gejubelt und gesagt: Ach die katholische Kirche ist ja gar nicht mehr so, es ist ja alles heute nicht mehr so schlimm, sie hat ja die Religionsfreiheit verkündet, man kann also eine Religion haben, wie man sie will, wie sie einem Spaß macht, diese oder jene oder gar keine, man hat ja jetzt die Religionsfreiheit. Hat man etwas gegen diesen Irrtum mit äußerstem Nachdruck getan und hat man deutlich gesagt, du irrst, denn du bist verpflichtet nach der Wahrheit zu suchen und es gibt in unserem Sinne und in unserer himmlischen Erkenntnis nur eine Wahrheit und das ist die katholische. Hat man das gesagt?

Die erlösende Gewalt der Dogmen bringt man natürlich auch in Mißkredit. Man sagt, die Dogmen seien zeitgebundene Einkleidungen der Wahrheit, die Wahrheit selber könne man nie unmittelbar identifizieren durch Wortbezeichnungen, sondern immer nur umkreisen. Und diese Ausdrücke, die Formulierungen, also Umkreisungen würden von Zeit zu Zeit abgelöst, es gebe keine endgültige Wahrheitsaussage, die alle verpflichte, sondern immer nur Stationen auf dem Wege, auf dem Weg zu Punkt Omega. Teilhard de Chardin hat das in einer sehr raffinierten Weise gemacht, diesen Menschheitsfortschritt, er hat einfach Christus genommen, in die Menschheit hineingelegt und zu einem Prinzip, einem Impuls des Fortschrittes umgemodelt. Das ist natürlich auch eine Weise mit Christus fertig zu werden, die sehr moderne Weise, d.h. ihn einfach auszulöschen. Denn wer Christus zu einem Element des reinen Menschheitsfortschritts auf Erden ummodelt, der sagt das Gegenteil von dem aus, was Er ist, er leugnet also Christus, in dem er die Buchstaben gebraucht, aus denen sich das Wort zusammensetzt. Ein zweifacher Nihilismus also, keine Inhalte mehr, man kann keine Inhalte mehr entdecken, die Dogmen werden nicht mehr anerkannt als ewig gültige Identifizierung der Wahrheit, denn das Dogma ist das Gesicht der Wahrheit. Wenn ich das Gesicht eines Menschen sehe und ihn liebe, dann weiß ich, wenn ich dieses Gesicht wieder erblicke: er ist es. In der liebenden Begegnung erschließen sich immer neue Aspekte dessen, was er ist. Aber jede hinzukommende Erkenntnis bekräftigt die je gehabte, das ist der katholische Weg der Wahrheitserkenntnis. Die Gesichter der Dogmen sind offene Tore, und eine Erkenntnis löst nicht die andere ab, sondern eine Erkenntnis, die hinzukommt, bestätigt und bekräftigt jede bisher gehabte Erkenntnis, in je gehabtem Sinne. Aber genau das leugnet man, man sagt, das christliche Leben steht in Ablösungen, mal so, mal so. Und das ist gegen die Erlösung, das ist der Teufel, der uns die ewige Befreiung ausreden möchte, der das Von-Unten beschwört, statt des Von-Oben, die Zeit ist kein Patient mehr in den Augen der Zerstörer, sondern ein Götze. Aber in unseren Augen ist die Zeit, wenn sie nicht dieses für sich genommene, dieses Nichts an Kategorie ist, das von dem Wollen und den Taten der Menschen Ausgefüllte, und wenn wir heute das Panorama dessen sehen, was die Menschen aus Zeit gemacht haben, da liegt ein Patient vor uns, dem tausend Mineralien und Vitamine fehlen. Wie dient man also seiner Zeit? In dem man unzeitgemäß ist und genau das eingibt, was unüblich ist. Wo ist denn dieses unübliche im offiziellen Gebaren der Kirche heute zu finden? Im Gegenteil, nur immer zeitgemäß, nur immer mitmachen, nur immer das mit- und nachreden, was so üblich ist.

Der italienische Kommunistenführer Berlinguer hat das in diesem modernistischen Sinne so ausgedrückt: „Laßt nur die Religion gewähren als Stimulanz zur Weltverbesserung“, hat er wörtlich gesagt, und so werden wir geduldet, auch von den Kommunisten,  und in dem Sinne schließt man augenzwinkernd mit Augurenlächeln mit den kommunistischen Ländern und Machthabern Verträge ab. Nicht etwa zum Heil der Gläubigen dort, denn die werden daraufhin noch mehr unterdrückt, aber durchaus im geheimen bis offenen Einverständnis. Denn einer hat gesagt, der wochenlang und monatelang immer Richtiges sagt, plötzlich sagte er mit Blickwendung zur Linken: Wir alle wollen ja eine bessere Welt. Mit einem solchem Satz, mit einem solchen Satz hat der, der ihn spricht, seine wahre Gesinnung geoffenbart, denn genau das unterscheidet die Menschen in zwei Lager: Die einen wollen die bessere Welt hier, von unten, und die anderen wollen sie von oben, im Ewigen erwarten, durch den, der da kommen wird am Jüngsten Tage und schon gekommen ist. Wie kann man sich augenzwinkend mit den Weltverbesserern verständigen, in dem man sagt: Wir alle wollen ja eine bessere Welt. Als würde uns das einen! Genau das ist ja, was uns trennt!

Und darum ist auch die Heilige Messe zweifellos ein Zeichen der Einheit, nämlich der Einheit derer, die den katholischen Glauben in seiner Fülle annehmen, der Glauben, der gestern und vorgestern und morgen und übermorgen war und sein wird. Das ist das Zeichen der Einheit. Aber die Heilige Messe ist zugleich ein Zeichen dem widersprochen wird, nämlich von den Welt- und Menschheitsverbesserern kann ein Geschehen, welches das Opfer des Gottmenschen in unsere Zeit hineinstellt und verwirklicht, nicht anerkannt werden. Sie werden dem widersprechen, es ist ein Zeichen des Widerspruches und zum Fall und Auferstehung vieler in Israel. Es ist einfach nicht wahr, daß die Heilige Messe ein Sammelbecken ist für alle, die irgendwann mal guten Willens sind. Das ist eine Verfälschung!

Was ist aus der Kirche eines Athanasius und Cyrill, eines Augustinus, eines Anselm und Thomas, eines Bellarmin und Möhler geworden? Es ist eine innerweltliche, optimistische Beitragserscheinung geworden, eine Kraft-durch-Freude-Veranstaltung, und es ist außerordentlich bezeichnend, es sind drei Kategorien von Menschen, die diesen Neuerern aus dem Mistbeet des Jakobinertums zustimmen, dieselben Kategorien wie bei den Nazis: Einmal die Zerstörer selbst, dann die verantwortungslosen Intellektuellen, die zu allem, was jeweils ist, ja sagen, diese Opportunisten, und auf der anderen Seite die Masse der Spießer, die Kleinbürger, die nun auf einmal etwas sind. Das hat man ja damals beobachtet, so bei der Nazizeit. Kleinbürger jetzt nicht im Sinne einer Standes- und Berufsbezeichnung, sondern im Sinne einer Geisteshaltung, all‘ diese von Minderwertigkeitskomplexen Belasteten waren auf einmal etwas, sie durften eine Uniform tragen. Heute tragen sie zwar keine Uniformen mehr, aber sie dürfen Meinungen produzieren, sie sind auf einmal auch wer, sie dürfen mitmischen und wenn es der größte Unsinn ist, er wird honoriert, und sie können stramm und voller Freude sagen: Hier, wir werden akzeptiert, unser Unsinn, den wir von uns gegeben haben, den haben wir auch eingebracht und er wird mit in den Kessel gerührt, der Menschheitsfortschritt heißt. Aus dieser bewußten Destruktion der Inhalte, aus diesem Nihilismus bloßer Verhaltensweisen – denn dazu degradiert man ja das Christliche: nur noch Verhaltensweisen. Wie man ist, ist entscheidend, nicht mehr was man glaubt. Nicht mehr der Glaube, sagt man, sondern das Glauben, eine gewisse Vertrauenshaltung, ein Weltoptimismus, ein Netz sein, ein ineinander Einhängen und Einhaken, keine Inhalte mehr, die trennen ja nur, sondern Verhaltensweisen, sich einander erkennen in gemeinsamen Bedürfnissen und Wünschen, wir alle haben Hunger und der tut weh, und wir alle freuen uns, wenn wir uns sattessen können, und freuen uns, wenn wir ein schönes Mädchen sehen, also warum liegen wir uns nicht schon längst in den Armen. Das ist eine totale Dekadenz und Destruktion des Geistes ins Nihilistische hinein. Klar, daß daraus auch eine Destruktion des Moralischen wird. Selbstverständlich werden auch die moralischen Gesetze abgebaut, die sind ja auf einmal auch nicht mehr zeitgemäß, und dann fragt doch mal warum denn nicht mehr? Es ist auf einmal furchtbar ehrlich, wenn man die alten, tiefen Gründe des Moralischen, aus dem Seinshaften ableitet, nicht mehr anerkennt. Man sagt, man lädt dem Menschen ungebührliche und unerträglich Lasten auf, wenn man die ewigen Maßstäbe verkündet. Sexualismus und Hedonismus machen sich breit. Und ist die Kirche ein Bollwerk dagegen? Gewiß, an den äußersten Endpunkten, wenn der Mord in Frage steht, da kann man ja nicht so einfach ja sagen. Wenn auch gewisse Theologen und Moralprofessoren durchaus mit der Abtreibung ihren inneren Frieden geschlossen haben, aber kirchenoffiziell muß man dagegen natürlich noch einschreiten, aber was man alles geduldet hat, was dahinführen mußte, das ist zu bedenken. —

 

Nun die wahren Notwendigkeiten, die andere Linie in ihrem Ausgezogenwerden, die durch den 1. November 1950 bestimmt und bezeichnet worden ist, die katholische Linie. Denn gerade diese Linie, gegen die hat man ja etwas, die sollte nicht gezogen werden. Aber sie ist das eigentlich Zeitgebotene im Sinne der Heilung der Zeit, und man tut alles, daß sie nicht gezogen wird. Man lügt Fortschritt vor, der Kirche sei ein Fortschritt gegeben, aufgegeben, der Heilige Geist wird euch in alle Wahrheit einführen, das Vorgegebene wird unter seiner Sonne und unter seinen Impulsen entfaltet, unser Wissen wird vermehrt, jeder wahre Fortschritt ist ein Mehr an Inhalten, ein Mehr an Schweigen, ein Mehr an Ehrfurcht, wo ist denn dieses Mehr heute, und man wagt von Fortschritt zu reden. Aber wir wollen den wahren Fortschritt, das Gegengewicht, das Gegengewicht gegen das, was heute vorliegt, gegen diese gar nicht bewältigte und uns heimsuchende und uns um unser geistiges Gleichgewicht bringende moderne Technik – die ist natürlich in sich unschuldig – aber der Mensch hat sich noch nicht aufgeschwungen ihrer habhaft zu werden, bzw. sie hat sich auch so entwickelt, daß der Mensch immer weniger ihrer habhaft werden kann, weil überhaupt nicht im Bewußtsein die Notwendigkeit erkannt wurde, daß die Technik im Sinne eines höheren Menschenwesens und Menschenzweckes dienend eingesetzt werden muß.

Hätte man das von vornherein erkannt, hätte sie auch einen anderen Lauf genommen, die Ich-Du-Beziehung, denn Gott gibt sich dir ungeteilt, als wärest du allein auf der Welt. Und dieses augustinische – Gott und die Seele und sonst nichts – das ist heute wieder im höchsten Maße fällig und muß mehr als bisher erkannt werden. Mehr Bewegung der Gebärden, feierlicherer Schritt, feierlichere Bewegungen der Kreuzzeichen, der Kniebeugen, heiliges Schreiten, feierliche Atmosphäre, feierlich das, was man vorfindet, mehr für die staunenden Augen, mehr für die staunenden Ohren, Entrückteres für unsere geistigen Sinne, das ist Fortschritt, das wäre liturgischer Fortschritt. Weckung der Schaukräfte des Schweigens, des Fragens und des Staunens, statt Meinungsproduktion von unten, Herausstellung, Hervorhebung, Erstrahlenlassen, Epiphanie des von oben kommenden, also genau das umgekehrte. Die Ichweckung, gleich die Erhebung des Menschen, dessen, der unten ist, nach oben, weil Gott von oben gekommen ist, werden wir von unten emporgehoben in seine Höhe. Das sind die Dimensionen, worüber wir uns gerne unterhalten, aber nicht das, was uns da heute geboten wird im weltimmanentistischen Sinne mit wohl ausgepichter Absicht. Also eine aristokratische Kirche, himmlichen und göttlichen Adels, von oben kommend, tiefste Bestätigung aller moralischen Gesetze. Herr, unterscheide meine Sache gegen ein unheiliges Volk, so begann nach altem Ritus und so beginnt sie, die Messe, unsere ewige Heilige Messe, unterscheide Herr meine Sache gegen die anderen, gegen die Masse, gegen die meisten.

Und dann die Bedeutung Mariens im Zeichen des Vertrauens. Christusunmittelbarkeit des Einzelnen. Wer bürgt mir die Christusunmittelbarkeit? Man sagt, Maria sei dazwischen, sie lagere zwischen Ihm und mir, sie stelle sich in den Weg, so daß wir erst über sie zu Ihm könnten, statt unmittelbar, wie töricht! Bist du christusunmittelbar aus dir? Gibst du dich Ihm ganz hin? Vielleicht in einer Stunde höchsten Glücksgefühls, aber eine halbe Stunde später kommen schon wieder die Bedenken und Reserven und Vorbehalte. Dieser Schutt in dir stellt sich zwischen Christus und das Ich. Wer räumt diesen Schutt weg? Wo ist der Mensch, der meine Christusunmittelbarkeit garantiert? Genau dies ist Maria! Ihr Ja-Wort, ihre Hingabe ist die fürbittende Allmacht, durch die ich es wagen kann, unmittelbar vor Christus hinzutreten. Sie ist meine Christusunmittelbarkeit, und durch sie weiß ich, daß die Materie verklärt, vergöttlicht wird, und daß ich sie dann beherrsche, wenn ich sie zu meinen gottmenschlichen Zwecken in Christus zu den Zwecken meines in Christus zur Königsherrschaft emporgehobenen Ichs verwende. Alles vermag ich in dem, der mich stärkt.

In dem Sinne ist es auch wichtig, daß wir wissen als einzelne: Die Engel sind uns gesandt, jedem einzelnen, dir, wie Christus da Er gegen die Versuchung des Satans Seine Entscheidung für den Vater fällte, von Engeln umstellt war, die Ihm dienten, so sind wir, wenn wir uns zu Christus entschließen, in Maria und durch Christus zum Vater hin von Engeln umgeben, die uns dienen, und an den Engeln entscheidet sich auch sehr klar, wes Geistes Kind er ist.

Mit dem Fleisch mag einer Schindluder treiben, wir sehen es ja, wie die Wandlung verhöhnt, in Abrede gestellt wird durch Ersatzbegriffe, wie Zweck- und Sinnverwandlung im Sinne zwischenmenschlichen Gebarens, so kann man mit der Hostie Schindluder treiben in einem öden, faden Gemeinschaftsgebaren, was den einzelnen nicht erhebt, sondern in der Horizontalen läßt! So kann man auch mit Maria, der fleischgewordenen Weisheit, Schindluder treiben, in dem man sie zu einer ausgebeuteten Magd, zu einer unehelichen Mutter gotteslästerlicherweise degradiert, so kann man mit Christus Schindluder treiben, in dem man aus Ihm einen Sozialrevolutionär, oder den ersten Gewerkschaftsfunktionär der Welt machte. Es ist ja bereits so weit, daß ein Katholik, der sich besonders gewerkschaftlich engagiert, beim Katholikentag sagen kann, das mit dem Jammertal, das sei eine nicht aufrecht zu erhaltende Theorie, die mit dem Christlichen nicht vereinbar sei, wir seien Weltoptimisten. Offenbar meint dieser kluge Herr mit der nächsten Erhöhung der Löhne sei das Leid aus der Welt geschafft, oder das Leid der Welt sei geringer geworden durch tarifliche Vereinbarungen zu Gunsten der Arbeitnehmer, zu solchem Schwachsinn kommt das „katholische Bewußtsein“ im Sinne der Weltimmanens.

Man kann also mit Christus und Maria und mit allem, was im Fleische ist, Schindluder treiben, es uminterpretieren und umdeuten. Aber die Engel muß man leugnen, denn Engel sind entweder, und dann gibt es das Übernatürliche, aber wenn es das Übernatürliche nicht geben darf, sondern nur das Weltimmanente, dann müssen die Engel weg. Und darum leugnet man die Engel, und es sei überholt, und durch die Wissenschaft der Exegese hat man erkannt, daß die Engel nur personifizierte Gotteskräfte seien. Und mit Gott ist das natürlich auch so eine Sache, im Grunde wird er auch nicht mehr anerkannt, er ist nur das Codewort für Menschheitsfrieden und erfüllte Menschheitssehnsucht. Das alles ist so im Gange, das alles ist momentan durchaus erlaubt, man kann darüber reden, man kann ruhig darüber reden, über das, was einem der Antichrist ins Ohr geflüstert hat, das ist höchst ungefährlich, nur wenn man das ewig Gültige unbedingt behaupten will, ist es höchst gefährlich leben in der Kirche heutzutage.

Das ist die Zukunft der Kirche: Die Thronerhebung des Einzelnen, im Zeichen Mariens, im Zeichen des geöffneten Herzens, das den Einzelnen einlädt, durch den Einzelnen zur Gemeinschaft, denn dem Einzelnen gehörte jeweils Christus ganz, Maria ist das große Zeichen, Maria ist diejenige, die die Gralsschale trägt, das Blut des Herrn auffängt und über die Menschheit gießt, und ein Tropfen reicht, um aller Welt Verbrechen zu sühnen und zu tilgen. Unser ist die Zukunft im Zeichen Mariens! Die große totale Wende wird kommen in nicht unabsehbarer Zeit. Das wird die katholische Stunde, der katholische Tag sein. Noch haben wir keine Lichtblicke außer dem Gebet der Beter, aber plötzlich wird unser katholischer Tag kommen, und dann wird der wahre katholische Fortschritt anfangen, und es wird ganz anders sein, als die Macher es heutzutag arrangieren ringsum, die uns vereinnahmen wollen, und die uns zu Beiträgen degradieren wollen. Dann werden wir unsere Häupter erheben und es wird die Zeit der Kirche beginnen, einer gesundgeschrumpften, aber zum Wachstum fähigen, die vielleicht, so hoffen wir, ein neues christliches Zeitalter vor dem Ende, eine neue Zwischenphase, ein höheres Mittelalter einzuleiten im Stande sein wird. Das ist die Zukunft der Kirche, die dadurch garantiert ist, daß wir festhalten am Alten, an der heiligen Tradition, an dem was heute in Frage gestellt, verkürzt und entstellt wird. Wir halten am Alten fest und sind dadurch die Träger der großen katholischen Zukunft. Gehen wir nach Hause in diesem heiligen Bewußtsein: Nicht nur die Zahl der Tausende aus allen Gauen des deutschsprachigen Raumes gibt uns die Hoffnung, sondern deine heute neu bestätigte Gewißheit: Denn unser ist das Katholische. AMEN.

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