Wie ist Luther zu begreifen (1983)

Meine lieben Damen und Herren,

die Fülle der Anwesenden beklemmt mich fast und läßt mich vermuten, daß Sie viel zu viel erwarten. Denn wenn ich in einem umfassenden Sinne von Luther sprechen wollte, müßte ich mindestens ein Seminar von einer Woche mit täglich drei Vorträgen halten. Luther ist eine sehr komplexe Gestalt, und in seinen Schriften findet sich so viel – auch viel einander Widersprechendes, daß – wie ja auch der ganze Umfang der protestantischen Kirche zeigt – fast jeder sich auf Luther berufen kann, wenn er irgendeine Meinung vertreten zu sollen meint.

Ich will mich auf das Entscheidende, auf den einen einzigen Punkt beschränken: Wie ist Luther zu begreifen? Was wollte er? Worum ging es ihm? Wie ist sein Werdegang eigentlich zu verstehen? Und aus diesem einen springenden Punkt ergibt sich letztlich alles andere, vor allem das, was wenig später Zwingli und Calvin aus seiner Lehre für Konsequenzen gezogen haben. Das waren die eigentlichen konsequenten Deuter seiner Lehre. Die haben bis ins Äußerste mit unerbittlicher Logik die Folgerungen gezogen und angewendet – was Luther selber nicht getan hat. Luther hat aus seiner eigentlichen zentralen Lehre nicht die äußersten Folgerungen gezogen – aus einem gesunden Instinkt heraus. Denn bei aller Krankhaftigkeit hatte er ein gewisses gesundes Fundament, er hatte eine gesunde Art krank zu sein – und wenn Sie so wollen, eine kranke Art gesund zu sein.

Im Grunde muß man sein ganzes Gottesverhältnis aus einer Neurose heraus begreifen: Er war ein neurotischer Mensch, ein exzentrischer Mensch, zweifellos ein säkulares Genie, von umfassender, universaler Begabung. Allein wenn man seine musikalischen Fähigkeiten bedenkt: Er hat Melodien komponiert, die es in sich haben, Texte gedichtet, die es in sich haben. Er war ein Sprachgenie, seine Bibelübersetzung ist sprachlich unerreicht, es gibt keine Bibelübersetzung, die an die Sprachgewalt Luthers herankommt, er ist überhaupt der Schöpfer der hochdeutschen Sprache, die wir heute gebrauchen. Er war auch in religiöser Hinsicht außerordentlich genial und hat Worte der Innigkeit, der religiösen Minne gefunden, die wir unbedenklich übernehmen können. Ich kann also ganz und gar nicht wagen, den ganzen Umfang dessen, was die Persönlichkeit und das Werk Luthers ausmacht, an diesem Abend auch nur annähernd zu erschöpfen. Ich kann mich nur auf einen einzigen Punkt konzentrieren, der freilich für seine religiöse Entwicklung wesentlich ist und aus dem man alles andere begreifen kann und muß.

Der strenge Vater

Zunächst einmal müssen wir wissen, daß er in einer Irrlehre aufgewachsen ist – nicht als Kind, sondern als Student. Er hatte einen strengen Vater, und man sagt, daß deshalb sein Gottesverhältnis getrübt oder belastet gewesen sei. Er habe keinen rechten Vaterbegriff gehabt, wenigstens zunächst nicht, er habe einen Angstkomplex gehabt vor dem Vatergott, weil sein Vater so grausam dreingeschlagen habe. Das ist natürlich barer, halbpsychologischer Unsinn. Wieviele wissen von Vätern, die draufgeschlagen haben wie auf kaltes Eisen, und trotzdem kein gestörtes Verhältnis zum himmlischen Vater haben.

Es war überhaupt lange Jahrhunderte hindurch üblich, bis in die jüngste Zeit, daß man gemeint hat, Erziehung besteht im Draufschlagen, je mehr geschlagen wird, desto besser ist die Erziehung. „Aals druff!“ Oder mit den Worten Wilhelm II.: „Immer feste druff!“ Das hat er allerdings in einem politischen Zusammenhang gesagt. So erzählt Luther, daß sein Vater ihn einmal wegen einer einzigen Nuß, die er genascht hat, „so gestäupet habe, daß er gar blutig geworden sei.“ — Aber das kennen wir… – das ist eine alte Geschichte, die sich immer wiederholt hat und aus der sogar eine gewisse Ideologie gemacht worden ist. Das gehört nicht notwendig zum Vater, das ist auch nicht das Wesen der Erziehung, es ist ein falsch verstandener Begriff von Härte und Erziehung. Zu wahrer Erziehung gehört zweifellos auch Härte, auch, aber nicht solche. Und daß Väter an ihren Kindern und Lehrer an den Schülern ihrem Sadismus freien Lauf gelassen haben, ist eine alte Suppe, das kennen wir. Und wenn die Söhne dann später sagen, „schade um jeden Schlag, der danebenging“, ist das natürlich auch Quatsch mit Soße. Es ist durchaus nicht schade um jeden Schlag, der danebenging, eine solche Schlagerziehung ist eine falsche Erziehung, durchaus falsch und in nichts gutzuheißen. War immer falsch und wird immer falsch sein.

Diese Falschheit rechtfertigt allerdings nicht die moderne Falschheit des Antiautoritären und des laissez-faire, des laissez-passer, was heute viele Eltern anwenden. Das ist genauso eine Grausamkeit, nur mit umgekehrten Vorzeichen. Ein Extrem rechtfertigt nicht das andere Extrem, man kann nicht mit einem Extrem das andere Extrem verteidigen, das ist eine alte logische Unsitte der Menschen. Aber daraus zu folgern, Luther hätte ein belastetes Gottesverhältnis gehabt, ist Unsinn. Davon wird gar kein Gottesverhältnis belastet, auch kein Vaterverhältnis. Der Vaterbegriff kann durchaus in der Seele gereinigt und geklärt werden. –

Die Irrlehre des Nominalismus

Er hatte als Student – er war außerordentlich begabt, begriff schnell, war ein guter Schüler und war ein lustiger Student – plötzlich ein Schreckerlebnis: Er ging neben einem Freund, der neben ihm vom Blitz erschlagen wurde, und spontan rief er: „Hilf‘ Sankt Anna, ich will ein Mönch werden!“ – Die heilige Anna war zu der damaligen Zeit außerordentlich verehrt, was Sie vielleicht von ihrer Vorgängergeneration auch noch wissen, man denke allein an Schlesien an den St. Annaberg, die vielen Bilder Annas. – Er ging ins Kloster, und dieses Angsterlebnis trieb ihn und offenbarte seine innere neurotische Veranlagung, ganz sicher sein zu wollen, daß Gott ihm gnädig ist. Er wollte es mitabsoluter Sicherheit wissen, ganz fest: Gott ist mir gnädig, er nimmt mich an, er will mich, und ich bin bei ihm aufgehoben.

Als Theologiestudent lernte er bei Gabriel Biel in Wittenberg, einem Nominalisten. Überhaupt war damals der ganze englische, norddeutsche, nordeuropäische bis mitteleuropäische Raum vom Nominalismus beherrscht. Das war eine gravierende Irrlehre, sie kommt von Nomen = Namen. Die wahre katholische Philosophie und Theologie lehrt, daß der menschliche Geist imstande ist, zu erkennen, was den Erscheinungen, dem was die fünf Sinne wahrnehmen, vorausliegt. Der Menschengeist ist also fähig, das Metaphysische, was hinter der Physis, dem Wahrnehmbaren, dem Greifbaren ist, zu erkennen. Aber die Nominalisten behaupten, der Mensch sei dazu nicht fähig.

Weil wir durch die Wand der Erscheinungen hindurchlesen können – intus legere, daher „Intellekt“ oder „Intelligenz“ – darum ist der Mensch imstande, das zu erkennen, was den Erscheinungen vorausliegt, was Träger der Erscheinungen ist. Der Träger der Erscheinungen, bzw. der erkennbaren Eigenschaften ist das Ding, die Sache. Daher das Fremdwort „Substantiv“ für das Dingwort oder Hauptwort, das eine Person kennzeichnet, ein Lebewesen oder eine Sache. „Substantiv“ ist eine Substanz – Substanz heißt das Darunterliegende, der Träger, das, was die Eigenschaft trägt. Alles, was wir mit unseren fünf Sinnen wahrnehmen, alles, womit überhaupt die Naturwissenschaft zu tun hat, all‘ das hat nur mit den Eigenschaften zu tun.

Die Naturwissenschaft hat es überhaupt niemals mit der Substanz zu tun, die kann die Naturwissenschaft gar nicht erreichen und will sie auch nicht erreichen. Zwar gebraucht sie auch den Begriff Substanz, aber in einer abgewandelten, mehr symbolischen Weise. Im strengen Sinne hat die Naturwissenschaft mit der Substanz rundherum nichts zu tun. Deshalb ist es auch ein vollkommener Unsinn, wenn heutzutage Leute meinen, man müsse aufgrund eines gewandelten Substanzbegriffes in der Naturwissenschaft den Begriff der „Transsubstantiation“ abschaffen – die Wesensverwandlung, die Substanzwandlung. Wir sind davon überzeugt, daß die Eigenschaften des Brotes und die Eigenschaften des Weines bleiben. Alles, was der Physiker, der Chemiker feststellen kann, alles was sich durch Strahlung usw. erfassen läßt, das bleibt. Aber das ist alles nur Eigenschaft. Jedoch der Träger der Eigenschaften ändert sich. Er ist dann nicht mehr Brot und Wein, sondern Christus, der die Eigenschaften von Brot und Wein annimmt.

Nun behaupten die Nominalisten, wir können überhaupt keine Substanz erkennen, wir können auch kein den Erscheinungen zugrundeliegendes gemeinsames Wesen erkennen, wir können nicht aufgrund von gleichen Erscheinungen auf eine gemeinsame ihnen zugrundeliegende Wesenheit schließen.

Wir bilden ja Allgemeinbegriffe: Das Wahre, das Schöne, das Gute, der Mensch, der Baum usw. – das sind alles Allgemeinbegriffe. Nun sagen die Nominalisten: Wenn wir sagen: der Mensch, der Baum, die Pflanze, das Tier usw., dann sind das nur Hilfsmittel, Etiketten, die man aufklebt wie auf eine Weinflasche – reine Namen. Diese Etiketten, diese Namen brauchen wir, um überhaupt miteinander reden, uns über die Erscheinungen verständigen zu können. Um ihnen einen Namen zu geben, nennen wir sie aufgrund ganz bestimmter Ähnlichkeiten mit dem gleichen Namen, aber dieser Name besagt nichts über das innerste Wesen – das ist uns verschlossen. Der Nominalismus ist also ein Agnostizismus: Im Griechischen ist „a“ die Verneinungsvorsilbe, gnosis heißt Erkenntnis – Agnostizismus ist also die Lehre, daß der Mensch das Wesen der Dinge überhaupt nicht erkennen kann.

Der Nominalismus, der mit dem modernen Existenzialismus außerordentlich verwandt ist, sagt: Wenn wir schon das Wesen der Dinge nicht erkennen, können wir auch das Wesen Gottes nicht erkennen, Gott ist das große, unfaßbare, unaussprechbare, unausdenkbare Rätsel. Nicht nur ein Geheimnis, in das unser Geist im Zeichen des Helldunkel, in unendlicher Weise einzusteigen vermag, aber nie fertig wird, sondern einfach eine Wand. Er ist zu, wir wissen von ihm gar nichts. Wenn wir sagen „allmächtig“, „unendlich“, dann ist das im Grunde nur ein Stammeln gegenüber dem, was wir nicht wissen können. Der schlechthin Unfaßbare – das ist Gott. Von daher wissen wir auch nicht, warum er die Gebote verordnet hat, die Zehn Gebote. Er hat sie verordnet, weil er sie verordnen wollte, und weil er sie verordnen wollte, sind sie gut – so lehrt der Nominalismus.

Ganz anders die katholische Lehre, die da sagt, Gott hat die Gebote gegeben, weil sie gut sind, d.h. weil sie dem Wesen des Menschen entsprechen. Mit den Zehn Geboten wird das Wesen des Menschen geradezu beschrieben. Gott hat gar keine anderen Gebote geben können, weil sie seinem eigenen Wesen widersprochen hätten. Denn alles, was Gott ausdenkt, alles Geschaffene, ist seinem Wesen nach – jenem Wesen, das den Erscheinungen vorausliegt – in Gott selber begründet. Widerspricht Gott also dem Wesen dessen, was er geschaffen hat, widerspricht er damit sich selbst. Gott kann sich nicht selber widersprechen, folglich hätte er gar keine anderen Gebote geben können: Die Gebote sind nicht gut, weil er sie erlassen hat, sondern er hat sie erlassen, weil sie gut sind. So die katholische Lehre, die durchaus davon überzeugt ist, daß man in Gottes Wesen bis zu einem gewissen Grade eindringen kann – allein schon durch die durch die Gnade gestärkte menschliche Vernunft, erst recht sind wir durch Christus in dieses Warum Gottes eingeweiht. – Das alles hat der Nominalismus geleugnet, da herrscht der Willkürgott.

Die Gewißheit eines gnädigen Gottes

„Wie kann ich,“ fragt Luther, „feststellen, daß Gott mir gnädig ist? Ich muß und kann es nur dadurch feststellen, daß ich seinem Willkürwillen entspreche. Ich muß das tun, was er gebietet. Um es ganz sicher zu wissen, um es zweihundertprozentig zu wissen, muß ich halt zweihundertprozentig seinen Willen erfüllen. Ich muß also Klassenprimus sein vor dem Angesichte Gottes. Ich muß es richtig machen.“ Darüber ist er eigentlich beinahe verrückt geworden. Im Kloster hat er Höllenqualen erlitten. Er hat sich gegeißelt. Er hat sich kasteit. Er hat gefastet. Er hat gebetet. Er hat im Schlaf Abbruch getan. Er hat die Ordnung, die Regel des Klosters, bis aufs I-Tüpfelchen genau befolgt. Aber er hätte kein so großer Geist sein müssen, um zu erkennen, daß das nichts anderes ist als eine grausige Kommödie. Denn es entging ihm nicht, daß in der Tiefe des Seelenlebens halt doch alles nicht so ist, wie es sein soll. Daß unsere Beweggründe mies sind, verdächtig, zwielichtig, unredlich, unklar, ungar, verwoben, verschroben, ineinander verschränkt usw. Er wußte, ich mache mir dauernd nur was vor. Ich spiele vor mir selber die Rolle eines Zweihundertprozentigen. Ich mache, jawohl ich mache, ich strenge mich an, ich mache mich dabei verrückt und weiß, ich tauge doch nichts. Ich bin ein ganz armseliges Wrack. Das ist ihm so klar bewußt gewesen wie selten jemandem in der Geschichte des Geistes. Man kann das nur mit dem heiligen Paulus, dem heiligen Augustinus – gerade dem steht er ja auch geistig sehr nahe – vergleichen, dann aber auch mit solchen Seelenkennern, mit Atheisten wie einem Nietzsche, der mit unbarmherzig ätzender Schärfe in die Tiefe des menschlichen Seelenlebens eindrang und die Verdächtigkeit sehr vieler Frömmigkeitsregungen entlarvte, Dostojewski, Tolstoi usw. mit ihrem unbestechlichen Blick: Sie machen sich nichts vor. Luther erkannte also: Mit Machen kann ich mir das Himmelreich nicht gewinnen und mir keinen gnädigen Gott erzwingen. – Er wollte ihn aber geradezu zwingen, ihm gnädig zu sein.

„Ich mache das alles, was bleibt ihm jetzt anderes übrig, als mir gnädig zu sein.“ Im Letzten eine bis ins Äußerste durchgezogene pharisäische Linie. Allerdings: Anders als die Pharisäer machte er sich nichts vor, er war gequält, er wußte, „das ist alles Kommödie, das ist alles Schall und Rauch, ich mache mir dauernd etwas vor, ich täusche mich, ich belüge mich selber, das ist alles nichts!“ – Er lief mit finsterem Gesicht einher, er begann Gott, den er nicht zwingen konnte, ihm gnädig zu sein, zu hassen. Er erzählt es selbst.

Das Turmerlebnis

Mittlerweile wurde er durch seinen eisernen Fleiß und seine übermächtige Begabung relativ schnell Professor der Theologie und der Exegese in Wittenberg, lehrte dort um x-ten Male die Evangelien in ihrer Auslegung und die Briefe des hl. Paulus in ihrer Auslegung. Und da geschah es – und das ist der entscheidende Augenblick in Luthers Leben – im Turm zu Wittenberg: das große Turmerlebnis. Das ist der entscheidende Augenblick, nicht etwa die Ablaßgeschichte, wie manchmal gesagt wird, sondern dasTurmerlebnis: Sein Blick fiel im Römerbrief auf jene Stelle, die er schon oft gelesen, über die er schon oft geredet hatte, ohne sie auf sich selber anzuwenden und ohne sie in der ganzen Intensität, Gewichtigkeit, Schicksalhaftigkeit zu begreifen.

Es geht einem ja oft so: Man hört tausendmal was, abertausend Mal was, auf einmal begreift man. Es plätschert am Ohr vorbei, es geht ins Ohr rein, es sickert ab – aber nicht in die Tiefe. Auf einmal: „Ach ja, natürlich!“ – wird’s einem klar. Bei ihm war das nun ganz abrupt, wie ein vulkanisches Erlebnis. Er schreibt davon: „Es war mir, als würde es wie Schuppen von den Augen fallen und würde ich sogleich von der Hölle in den Himmel springen.“

Es war die Stelle, in der Paulus schreibt: „Ein Gerechter lebt aus dem Glauben“, ein Zitat Paulus‘ aus dem Alten Bund, und die andere Stelle, in der er im Zusammenhang einer langen Passage schreibt, daß wir vom Gesetzesdienst befreit sind: „Wir halten dafür, daß der Mensch gerechtfertigt werde nicht durch die Werke des Gesetzes, sondern durch den Glauben.“ Luther fügt in seiner Übersetzung hinzu: „… allein durch den Glauben“. Es ist viel gelästert worden, daß er das Allein hinzugefügt hat, aber das ist ganz und gar legitim. Der hl. Paulus hätte auch das Allein hinzugefügt. Das ist also nicht wert, darüber länger zu reden. Er hat es getan, um es zu betonen, und die Betonung war vollkommen richtig. Es steht so da: „Wir werden gerettet, gerechtfertigt…“ –

Was heißt denn eigentlich „gerechtfertigt“? – Gültig gemacht in Gott, in die Senkrechte, in die Lotrechte gerückt. Was heißt denn die Gerechtigkeit, die Rechtfertigung, die Justificatio? Wenn etwas justiert wird, durch ein Lot, dann wird es lotrecht gestellt. Wenn der Mensch in Gott hineingerät, dann ist er lotrecht. So ist es zu verstehen, wenn im Neuen Bund das Wort Gerechtigkeit oder Rechtfertigung gebraucht wird, das hat mit verteilender Gerechtigkeit gar nichts zu tun. Er wird gerechtfertigt, d.h. erlöst, er wird aus seinem gottlosen Zustand, aus seinem Verwiesensein ins Innerweltliche herausgelöst, erlöst, gerettet und hineingehoben, hinaufgehoben in Gott in die Senkrechte, von Gott also angenommen, das ist „gerechtfertigt“.

Und er wird es nicht dadurch, daß er dies oder jenes tut, sondern daß er sich dem sich anbietenden Heilswillen Gottes hingibt. Wir nehmen das, was Christus anbietet, an. Und Er gibt es uns völlig umsonst. Wir können also das Heil, die Rechtfertigung, das In-Christus-Sein durch nichts verdienen. Ist das katholische Lehre? Ungeteilt ja. – Also: War das eine Bekehrung Luthers zum Katholischen? Zunächst und objektiv gesehen: Ja. Vollkommen richtig: Wir können uns auf den Kopf stellen – das schreibt Paulus sehr oft – wir können machen, was wir wollen, wir können uns die Gnade Gottes nicht erzwingen, sie wird uns umsonst gegeben. Über die Werke, die daraus hervorgehen, komme ich später noch zu sprechen.

Das Streben nach absoluter Sicherheit

Aber zunächst zurück zu Luther: Wie ist das letztlich bei Luther gelandet? – Wir haben gesehen, Luther war sehr zwanghaft, dazu hat ihm der Nominalismus verholfen, aber offenbar lag es auch in seiner neurotischen Natur. Er wollte es ganz sicher wissen, so sicher wie 2×2=4: „Ich bin angenommen von Gott, ich habe einen gnädigen Gott!“

Und jetzt kommt das große Aha-Erlebnis: Er hat gemerkt: „Ich kann mich auf den Kopf stellen, in mir ist ja doch alles chaotisch, ich bin ein sehr fragwürdiges Wesen, und ich kann an Kasteiungen an Fasten und Opfern tun, was ich will, in mir bleibt trotzdem das Rebellische, Neidische, Mißgünstige, Zwielichtige, Falsche, Gemeine, es ist in mir nun mal da.“ Richtige Erkenntnis. „Aha,“ sagt Luther, „Gott ist mir gnädig – umsonst. Ich kann das nicht erzwingen, ich kann es nicht durch eigene Werke an mir selber feststellen, sondern kann es nur aufgrund der Zusage Gottes wissen. Aber jetzt – typisch Luther – jetzt will er es auch wieder ganz genau, und zwar absolut sicher, unweigerlich, für immer, unveränderlich wissen. So unveränderlich, so metaphysisch, so absolut sicher, wie 2×2=4 ist. —

Es gibt drei Grade der Sicherheit: Das eine ist die sogenannte metaphysische oder absolute Sicherheit. Absolut sicher ist, daß es Gott gibt, daß ich bin, daß Sie sind. Absolut sicher ist 2×2=4, 3×3=9. Das liegt nicht an Gottes Willen, sondern an Gottes Wesen, daß es so ist. Daran kann sich nichts ändern. Das ist ein logisches Gesetz, die logischen Gesetze sind absolut sicher.

Die zweite Stufe der Sicherheit ist die physische Sicherheit. Daß morgen die Sonne aufgeht, ist physisch sicher. Daß regelmäßig Vollmond ist, ist physisch sicher. Danach wird Ostern berechnet: Der erste Sonntag nach dem ersten Frühlingsvollmond ist Ostern, danach wird der ganze Festkreis des Jahres berechnet. Der Schott wird vom Mond dirigiert und redigiert. Das ist eine sogenannte physische Sicherheit. Aber es ist keine absolute Sicherheit, denn es könnte ja eine Naturkatastrophe passieren. Gott kann eingreifen in den Vollzug der Naturgesetze, er kann die Naturgesetze anders zur Anwendung bringen usw. Jedenfalls das ist keine absolute Sicherheit, es könnte ja etwas anderes kommen. Das ist denkbar. Das Gegenteil der absoluten Sicherheit ist undenkbar, das Gegenteil der physischen Sicherheit ist denkbar. Wir wachen morgens um 10 Uhr auf, und es ist stockdunkel, das ist eine Denkbarkeit.

Und dann gibt es die sogenannte moralische Sicherheit, das hat mit Bravsein im Sinne von Moral nichts zu tun, sondern kommt von mos – die Sitte: Nach dem, was man normalerweise und unter gesunden Umständen von einem Menschen erwarten kann, ist man sicher, daß dies oder jenes nicht passiert. Ich bin moralisch sicher, daß Sie jetzt nicht auf einmal aufstehen und Boogie-Woogie tanzen. Das ist eine sogenannte moralische Sicherheit. Oder daß mein linker Nachbar mir nicht plötzlich einen Dolch in die Seite stößt, dessen bin ich mir moralisch sicher. Das ist keine physische Sicherheit, es ist nicht gegen die Naturgesetze, aber da ich mit seiner Normalität rechnen kann, ist es eine echte Sicherheit. Deshalb fühle ich mich jetzt auch sicher auf diesem Platz. – Das sind die drei Grade der Sicherheit.

Luther will nun – ich komme nachher noch auf die katholische Lehre zu sprechen – eine absolute, metaphysische Heilsgewißheit. Also mit anderen Worten: „Wenn ich Gott nicht zwingen kann: Gott zwingt mich zum Heil!“ – Das ist Luthers persönliche und jetzt schon nicht mehr katholische Konsequenz.

Ich will das mal vergleichen: Es ist letztlich eine Art Hysterie, und Luther war zweifellos pathologisch in dieser Hinsicht. Sehen Sie mal: Es gibt Ehefrauen – natürlich auch Ehemänner – die wollen sich der Treue ihres Mannes absolut sicher sein, so sicher wie 2×2=4. Sie wollen geradezu himmlische, von Gott beglaubigte und für alle Ewigkeit abgesicherte Policen für die Treue ihres Mannes. Das führt logischerweise zu Hysterie, denn diese Policen gibt es nicht, es kann sie nicht geben: Für die Treue, für die Liebe gibt es keine absolute Sicherheit. Sie beruht auf Vertrauen. Und das Vertrauen schafft eine sogenannte moralische Sicherheit. Deshalb lehrt die katholische Kirche, daß der Mensch eine moralische Heilsgewißheit, aber keine absolute Heilsgewißheit hat. Und die moralische Heilgewißheit ist zugleich eine dynamische Heilsgewißheit, die sich aus der lebendig gehaltenen Liebe zweier Liebenden zueinander ergibt. Also: Die Frau kann der Treue ihres Mannes moralisch sicher sein, wenn sie nicht die absolute Sicherheit erstrebt. Wenn sie die absolute Sicherheit erstrebt, wird sie hysterisch, verrückt, verfolgt ihn. – Ich habe schon erlebt, daß Detektive angestellt worden sind, um die Treue des Mannes zu überwachen. Er kommt eine Viertelstunde später als sonst: „Ah!! Wo warst du??“ Oder er war verreist, und wird danach hunderttausendmal gefragt: „Warst du mir auch treu?“ – Das ist natürlich das beste Mittel, um das Gegenteil von dem zu erreichen, was erreicht werden will. Man wird dadurch mit Sicherheit den Mann dahin treiben, wo man ihn nicht haben will.

Die berühmte Hysterie, die die absolute Sicherheit will, schafft eine neurotische Haltung und kommt aus einer neurotischen Haltung. Die Sicherheit in der Liebe, die Sicherheit über die Treue des Partners, beruht dagegen im Vertrauen. Das grenzenlose Vertrauen bindet, das unbefangene, vorbehaltlose, fraglose Vertrauen bindet. Und dieses Vertrauen muß natürlich lebendig gehalten werden. Liebe muß lebendig gehalten werden. Darüber könnte man jetzt lange sprechen, das gilt im Religiösen wie im Erotischen. Überhaupt: Eros und Religion sind zwei einander entsprechende, parallel laufende und austauschbare Gegebenheiten. Wie es zwischen Liebenden ist, so muß es sein zwischen Christus und dir, zwischen Gott und dir. Liebende müssen die Liebe lebendig halten. Sie schafft Spannungen, die müssen bewältigt, besprochen werden, es muß immer wieder ein Zueinander geben, die Liebe muß immer neu geweckt werden, es muß immer wieder zu einem Neuheitserlebnis werden. Es muß gehegt und gepflegt werden, mit dem Stempel des Standesbeamten oder des Pfarrers ist die Sache nicht geritzt. Deshalb vermuffen ja so viele Ehen: Hier ist Schott dicht, wir sind uns unserer Sache sicher und jetzt kann uns nichts mehr passieren, und dann kommt das „Traute Heim – Glück allein…“ Weil eben alles so schön, im Wahn der Sicherheit, abgeschlossen ist. Man darf von der sogenannten absoluten Sicherheit nicht ausgehen, und man darf sie nicht anstreben, sondern man muß sie im Zeichen des fraglosen Vertrauens lebendig halten. Das ist das Gesetz der Liebe schlechthin, besonders in der Ehe. Über die Seltenheit oder Häufigkeit eines solchen Liebes-Du-zu-Du in der Ehe wollen wir hier nicht reden. Das ist jedenfalls das unausweichliche Gesetz: Aufeinander hören, sich in den Anderen hineinversetzen, in den Anderen hineinschlüpfen, mißtrauisch sein gegenüber den eigenen Vorstellungen, und sich immer wieder dem Anderen öffnen, gegenseitig. Wenn es so ist – das ist wirklich selten – dann ist die Liebe im Alltag bewahrt – was sehr schwer ist, denn Liebe und Alltag beißen sich.

Schließlich auch das Gottesverhältnis: Es muß lebendig gehalten werden, das Du-zu-Du zu Christus. Wenn ich glaube: „Ich weiß ja wo ich hingehöre, ich weiß, was ich zu glauben habe, ich hab’s gelernt, Schott dicht, mir kann nichts mehr passieren, ich glaube, fertig!“ – Nein. Sondern es ist ein ständiges dynamisches Wachhalten des Du-zu-Du, und in diesem Vertrauen lebt dann jene Sicherheit, die sich aus dem Vertrauen ergibt: Eine dynamische moralische Heilsgewißheit. —

Von Gott zum Heil gezwungen

Da hapert es, aber genau da ist es bei Luther dann letztlich zu Ende. Er sagt: „Gott zwingt mich zum Heil, ich kann ihn nicht zwingen, er zwingt mich.“ Das ist im Grunde seine Pathologie, seine Krankhaftigkeit. Auch hier wieder ein Rekurs auf die Ehe, das ist ein unverzichtbares Moment der Erklärung: Sogenannte Frauenhäuser werden ja heute häufig gezeigt: Nach zwanzig Jahren, in denen sie ununterbrochen Prügel bezogen haben, melden sie sich auf einmal im Frauenhaus, um Schutz zu suchen vor ihrem Mann, der sie ständig bedroht, bedrängt, schlägt, einsperrt und nicht ausgehen läßt. Sie entweichen dann irgendwann einmal; sie sind ihm schon öfters mal ausgewichen – aber sie haben es ausgehalten. „Ja, warum hast Du das denn eigentlich ausgehalten?“ — Im Frauenhaus sind sie vielleicht acht Tage, die Schlüssel werden entsprechend gesichert, daß der Mann nicht rein kann. Oder sie trennt sich vom Mann; damit er nicht in die Wohnung kommt, werden die Schlösser ausgetauscht. – Und acht Tage später sieht man sie dann wieder in „trauter“ Einheit beieinander – sehr oft, sehr sehr oft, erschreckend oft.

Wie kommt das? Wieso halten Frauen das so lange aus? – Das ist genau diese Umkehrung, von der ich eben gesprochen habe: Wenn sie sich durch Nachforschungen und Bedrängen der Liebe ihres Mannes nicht sicher sein können, wenn sie ihn nicht zwingen können zur Treue, dann sind sie froh, wenn er wenigstens eifersüchtig ist und siezwingt. Dann sind sie sich auf diese Weise seiner sicher: „Mag er mich doch schlagen, ist es doch seine Hand, die mich schlägt!“ Die werden geschlagen, erniedrigt, mißhandelt. Und wenn man sie dann fragt: „Liebes Kind, bist du noch zu retten, warum hältst du das überhaupt aus? Jetzt haben wir dich mit Ach und Krach von diesem Unhold getrennt und die Schlüssel ausgetauscht, damit er nicht mehr in deine Wohnung kommt. Jetzt bist du ja doch wieder mit ihm zusammen und läßt ihn rein!“ – „Ja, dann bin ich jo ganz allaans!“ – Das ist an sich eine menschenunwürdige und animalische, also eine tierische, Einstellung, die im Grunde erschreckend ist. Aber sie kommt aus dieser krankhaften Sucht: „Wenn ich auch eingesperrt werde, aber dann habe ich ihn doch sicher für mich, und ich bin nicht allein! Nur nicht allein sein!“ – Irrsinn: Nur nicht allein sein. – „Und wenn er mich schlägt – ich bin dann wenigstens nicht allein! Wenn er mich tritt und mißhandelt – ich bin dann wenigstens nicht allein!“

Im Grunde ist dieses sich Beugen Luthers vor dem gnädigen Gott zugleich in die Richtung dieses Mißverständnisses hineinzuloten. Denn der gnädige Gott zwingt ihn mit seiner Gnade, er kann gar nicht anders. Und das führt dann schließlich Calvin mit unnachsichtiger Konsequenz durch. Und wenn Luther recht hat, hat Calvin nämlich auch recht. Nur geht Luther dann wieder in seiner gesunden Art, krank zu sein, nicht bis zum Äußersten. Luther sagt ja auch: „Gott wählt den Menschen aus, und wen Er auswählt, den hat Er. Und der kann sich drehen und winden, wie er will, der kommt in den Himmel, es bleibt ihm gar nichts anderes übrig. Oder er wird vom Teufel geritten – von Gott geritten oder vom Teufel geritten. Und daraus hat dann Calvin konsequenterweise seine Prädestinationslehre geschaffen: „Gott,“ sagt Calvin, „hat von vorneherein die einen Menschen für die Hölle bestimmt und die anderen Menschen für den Himmel. Wer für den Himmel bestimmt ist, der kann machen, was er will, der kommt in den Himmel. Und wer für die Hölle bestimmt ist, der kann auch machen, was er will, der kommt in die Hölle. Der wird deswegen Böses tun, weil er für die Hölle bestimmt ist. Der kommt nicht in die Hölle, weil er Böses tut, sondern er tut Böses, weil er in die Hölle kommt. Und der andere tut Gutes, weil er in den Himmel kommt – er kommt nicht in den Himmel, weil er Gutes tut, sondern er tut Gutes, weil er in den Himmel kommt.“ Das ist die äußerste Konsequenz Calvins, und die ist im Grunde keimhaft bei Luther schon angelegt.

Zweifellos gibt es bei Luther auch ganz andere Töne der innigen Liebe, der Minne, der Gottesminne, der Hingabe, der Christusvertrautheit. Und Gott sei Dank ist Luther immerhin so gesund gewesen, daß im Raum der Lutherischen Kirche sehr viel erblühen konnte, was aus katholischem Stoff ist. Man denke nur an die „Passion“ von Schütz und Johann Sebastian Bach usw. – das ist aus katholischem Stoff, das ist Jesusminne, ganz zweifellos, das ist Innigkeit. Da fehlt dieser harte grausame Zug, der bilderfeindliche kalte Zug eines Calvin, da blüht es und lebt es und liebt es und singt es – das ist zweifellos da, das kann man nicht wegdiskutieren. Aber das liegt an der glücklichen – man möchte geradezu sagen: gesegneten – Inkonsequenz Luthers.

Letztlich, soweit es ihn betrifft, zieht er die Konsequenz: „Mir kann nichts passieren!“ – „Ja wieso denn? Es könnte doch sein, daß du in Sünde fällst.“ – „Mir bleibt ja gar nichts anderes übrig als zu sündigen. Ich kann mich ja auf den Kopf stellen. Ich sündige. Und wenn ich unbedingt die Sünde vermeiden will, ist das schon wieder eine Sünde, weil ich mir dann einbilde, aus eigener Kraft die Sünde meiden zu können. Das ist geradezu eine Anmaßung, die Sünde meiden zu wollen oder gute Werke tun zu wollen.“ – So lehrt Luther. Das ist einer der deutlich und ausdrücklich verworfenen Sätze Luthers. „Der Wille, Gutes zu tun, der Wille, die Sünde zu meiden, ist in sich selber sündhaft,“ sagt er. „Ich bin Sünder vor der Rechtfertigung und nach der Rechtfertigung, ich bin Krüppel vorher und nachher. Die Rechtfertigung, die Auserwählung, ändert nichts daran, daß ich aus mir nichts anderes kann als sündigen. „Ja, aber…“ – „Nichts, ja aber! Wenn es dann davon abhängt, daß ich irgendwie nicht sündige, bin ich ja schon wieder hineingedrängt in meine Hysterie. Dann muß ich ja schon wieder Angst haben: ‚Halt! Jetzt habe ich was getan, was mich eventuell vom Heil abschneidet, jetzt habe ich wieder böse Gedanken, jetzt kommt Schadenfreude und all das was in jedem von uns brodelt und schwärt.‘ Dieser ganze Umfang des Chaos ist ja dann wiederum ein Einwand gegen die Rechtfertigung. Es darf keinen Einwand,“ sagt Luther, „gegen die Rechtfertigung geben. Er hat mich zur Gnade gezwungen, ich gehöre ihm. Und daß er mich zur Gnade, also zum Angenommen-Werden von Gott zwingt, daß er mich in seine Liebe, in sein Geliebtwerden und sein Geliebtsein zwingt, dieses reine Gotteswerk spiegelt sich auf meiner Seite so wider, daß ich eben fest daran glaube: ‚Ich werde in den Himmel kommen und bin deshalb froh!'“ Und dann sagt Luther: „Wer so ganz sicher ist, daß ihm nichts mehr passieren kann, daß er in den Himmel kommt, der wird deswegen in den Himmel kommen und wird deswegen aus Dankbarkeit heraus automatisch Gutes tun; das Gute, das er dann tut, ist dann aber auch Gottes Werk und nicht sein Werk. Wenn er es aus Eigenem tun will, ist schon die Anmaßung da. Das ist alles auch Sünde. Nein, er darf gar nichts Gutes tun wollen, sondern er wird Gutes tun, weil er gerechtfertigt ist, und wird nicht gerechtfertigt, weil er Gutes tut. Und er wird in den Himmel kommen, weil er in den Himmel kommen wird, und deshalb wird er automatisch Gutes tun durch die Kraft Gottes, die aus ihm das Gute herausschlägt. Wie der Schmied mit seinen Hammerschlägen Funken aus dem Eisen schlägt, so schlägt Gott aus ihm gute Werke heraus, die von selber kommen.“

Der Kampf gegen den Ablaßhandel

Aufgrund seiner ihn ungeheuer befreienden Sicht – worin sie falsch ist, werde ich gleich noch weiter erklären – zog Luther nun seine Konsequenzen und gewann einen großen Mut, gegenüber den Irrwegen innerhalb der Kirche aufzutreten, um dann das Kind allerdings nachher mit dem Bade auszuschütten.

Er schlug gegen den Ablaßhandel die 95 Thesen an die Wittenberger Schloßkirche – was übrigens ein akademischer Vorgang war. Es wird oft so hingestellt, als stehe da der junge Mönch und schlägt mit martialischer Miene die Thesen an die Wand, die Menschen drängen sich. – Nun die konnten gar nicht drängen, das war lateinisch, was er da veröffentlicht hat. Es war üblich, Thesen zu veröffentlichen und damit zu einer Disputation einzuladen, mehr war das nicht. Nur wurde das von anderen schleunigst ins Deutsche übersetzt und ging dann wie ein Lauffeuer von Hand zu Hand. Es gibt Bilder, auf denen sich die Leute drängen: das ist natürlich Quatsch. Sondern er hat aufgrund der Ablaßvorgänge die 95 Thesen wie am schwarzen Brett ausgehängt, das war üblich, und damit innerhalb der Akademie zur Disputation eingeladen, wo er gegen diesen völlig falschen Ablaßhandel, der natürlich ein Skandal war und auch völlig unkatholisch war, vorging.

Denn die lieben Mönchlein im Gefolge von Tetzel sagten, daß man durch ein Geldopfer sich einen Ablaß erwerben könnte. Nun ist das in sich nicht ganz falsch: Wenn man einen Geldbetrag opfert, dabei Reue erweckt oder das Bußsakrament empfängt, dann kann einem aufgrund eines solchen Werkes, das ein echtes Opfer ist, Sündenstrafe nachgelassen werden – aber keine Sünden! Der Nachlaß der Sündenstrafen setzt die Vergebung der Sünden voraus. Nun haben diese Mönchlein da gelehrt, mit dem Geldopfer würden nicht nur die Sündenstrafen getilgt, sondern auch die Sünden, ja sogar künftige Sünden! – Praktisch, gell? Ich bezahle meinetwegen eine gewisse Summe, um die Sünden der nächsten drei Monate schon zu tilgen und kann dann aufgrund dieser Vorleistung lustig drauflos sündigen, es ist ja sowieso alles schon vergeben. Das war natürlich ein Skandal allerhöchsten Grades, und jeder wache Katholik mit einem einigermaßen ausgeprägten Gewissen wäre wohl sofort dagegen eingeschritten. Dafür gab es überhaupt keine Entschuldigung. Nur in den Thesen Luthers standen eben Dinge, die nicht nur diesen Mißbrauch, sondern überhaupt den Ablaß usw. als eine Unmöglichkeit darstellten. Abgesehen davon lehrte Tetzel selbst nachweislich nicht so. Er wird immer als der Bösewicht geschildert, der das selbst geschrieben hat: „Sobald das Geld im Kasten klingt, die Seele vom Fegfeuer in den Himmel springt“. Denn nach der Predigt dieser Mönchlein konnte es ja auch auf die Seelen im Fegfeuer angewendet werden. Eine alte Ablaßlehre die in sich richtig ist, wenn sie richtig gehandhabt wird. „Sobald das Geld im Kasten klingt“ – mit anderen Worten, es kommt nur auf die reine Tat des Spendens an und es geschieht automatisch durch die Tat. Damit würde das Geldeinwerfen zu einem Sakrament erhoben und mißbraucht, darin liegt das Skandalöse in diesem ganzen Treiben. Tetzel selbst hat das nicht getan, aber seine kleinen Dummerchen, die ihm nachliefen, die von Theologie soviel verstanden wie der Herr Börner von der Philosophie Kants, die haben natürlich diesen kalten Kaffee gelehrt.

Und dagegen ist Luther mit Recht aufgestanden und hat dann Furore gemacht. Und man muß sagen, seine ganze Verhaltensweise, sein Mut, vor Kaiser und Reich im Wormser Reichstag zu erscheinen, dem nicht abzuschwören, nicht zu widerrufen, dazustehen und zu sagen: „Hier stehe ich. Gott helfe mir. Amen!“ – „Ich kann nicht anders,“ das ist nicht bezeugt – da imponiert er durchaus. Als er zum ersten Mal diese gewaltige Versammlung erblickte, bekam er es mit der Angst zu tun, bekam leichte Atemnot und erbat einen Tag Bedenkzeit. Und dann hatte er sich gesammelt und ist hingegangen. Vor den Toren hat ihm der berühmte Landsknechthauptmann Frundsberg auf die Schultern geklopft mit den berühmten Worten: „Mönchlein, Mönchlein, du gehst einen schweren Gang. Aber so es deine Überzeugung ist, und du in Gottes Willen geborgen dich glaubest, so geh‘ nur fürbaß, Gott wird mit dir sein.“ – Und: „Ich gehe nach Worms, und wenn es auf dem Wege so viele Teufel wären, wie Ziegel auf den Dächen, ich ginge doch hin.“ Das ist alles durchaus imponierend. Dann ging er auf die Wartburg, er wurde mit der Reichsacht belegt, vorher wurde er schon exkommuniziert, er hat die Bannbulle unter dem Beifall der Studenten ins Feuer geworfen mit den Worten: „Da du den Heiligen Gottes beleidigt hast, verzehre dich das ewige Feuer. Aus der Reichsacht – er war praktisch vogelfrei – wurde er befreit durch den Kurfürsten Friedrich den Weisen befreit, der ihn auf die Wartburg hineingerettet hat, wo er mit der Bibelübersetzung begann. Er trat dann wieder, nachdem er einigermaßen sicher war, aus seinem Versteck heraus, als die Bilderstürmer, seine Lehre mißdeutend, gewütet hatten.

Die Verdienste

Wie ist das nun mit den guten Werken, mit den Verdiensten? Ich habe eben mit Recht auf das Wort des hl. Jakobus hingewiesen: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“ – ganz richtig. Nun ist auch der Glaubensbegriff bei Luther anders eingefärbt, einseitig eingefärbt: Das, was Luther unter Glauben versteht, muß zweifelslos auch in unserem katholischen Glaubensbegriff mit drinnen sein: Das ist die vertrauende Hingabe an das Liebesangebot des liebenden Herrn. „Ich gebe mich Dem hin, Der meine Seele liebt. Ich habe Ihn gefunden und bin jetzt befreit. Ich atme in Ihm auf, in Ihm ist alles gut.“ – Das ist die persönliche Hingabe, die zugleich aber verknüpft ist mit dem festen Fürwahrhalten dessen, was dieser liebend sich anbietende Gott offenbart hat. Und dazu gehört der ganze Kosmos der gottmenschlichen Wahrheit. Und diese objektiven Inhalte, denen der erleuchtete, begnadete Menschengeist in der Kraft der Gnade Gottes zustimmt, werden eigentlich von Luther unerhört vernachlässigt. Bei ihm wird der Glaube eingeschränkt auf einen bloßen personalen Akt der Hingabe und ist faktisch dasselbe wie die Hoffnung und die Liebe, da ist bei Luther gar kein Unterschied. Der Glaubensakt ist ein Akt der persönlichen Hingabe – ja letztlich gesehen des Bewußtseins, ergriffen zu sein, endgültig und unwiderruflich in die Gnade Gottes hineingezwungen zu sein. Das Wissen „Ich werde in den Himmel kommen“, das ist bei Luther der Glaube. Beim Katholiken schließt die Erkenntnis, daß sich Gott als der Menschgewordene, Gekreuzigte, Auferstandene mir anbietet, ein, daß mein durch den Glauben erleuchteter Geist alles erkennt, was damit für die gesamte Menschheit und für die gesamte Welt geschehen ist. Ich darf es allein für mich beanspruchen, aber ich weiß, daß es für alle, für jeden einzelnen Menschen, für alle Geschöpfe, für alle Engel, Pflanzen, Tiere, die Materie, für alles, was es überhaupt gibt, gilt. Und darum ist die Hingabe an den sich anbietenden Gott zugleich das Erwachen einer weltumspannenden Weisheit, die alles deutet, ohne von irgend jemandem gedeutet werden zu können.

Das fehlt bei Luther: Dieser objektive Gesichtspunkt von objektiven Inhalten. Es ist also sowohl falsch, wenn ich meine, der Glaube bestehe nur darin, daß ich freundlicherweise für wahr halte, was die Kirche lehrt. So wie der von mir so oft zitierte Dorfbewohner zu meinem Regens, als der Kaplan war, gesagt hat: „Herr Kaplan, ich glaub‘ ja alles, was die Kirche lehrt, aber ich tät‘ ja lachen, wenn es nachher anders wär!“ Der bezog sich nur auf objektive Gegebenheiten, die er in der Schule gelernt hatte – wenn er es nicht gelernt hat, hat er es auf die Finger draufgekriegt: „Ich glaube das, ich nehme das alles an wie eine objektive Sache, wie daß der Mississippi soundsoviele Kilometer lang ist und daß es da-und-dort Eisenerz gibt. Das sind alles Wahrheiten.“ So fassen manche katholische Christen die Wahrheiten auf, die Gott geoffenbart hat: „Das sind alles Wahrheiten, die erkenne ich an, wenn ich sie nicht anerkenne, bin ich kein anständiger Mensch, ich glaub‘ das ja alles, ich halte es für wahr.“ Daß das sich alles auf ihn bezieht, daß er persönlich gemeint ist, daß das Schicksal, sein Schicksal ist, übersehen halt viele. Luther hat nur den schicksalhaften Aspekt gesehen, und er hat den großen kosmischen, inhaltlichen Aspekt darüber vergessen. Andere sehen nur den inhaltlichen Aspekt und vergessen darüber den personalen, schicksalhaften Bezug.

Der Glaube ist das Eingehen auf das Liebesangebot des menschgewordenen und geopferten Gott. Wer glaubt, der wird gute Werke tun wollen, aufrichtig wollen. Denn er will ja, was der Geliebte will, was Christus will. Ich kann keinen lieben, ohne sein Wohl zu wollen und zu ihm als zu etwas Wesenhaftem ja zu sagen. Ich kann nicht zu Gott ja sagen und das, was er wesenhaft will, verachten. Ich werde also automatisch, als Frucht meiner Hingabe, gute Werke tun. Das meint der hl. Jakobus: „Der Glaube ohne Werke ist tot.“ Aber der Glaube ist zunächst einmal die Einleitung, das Eingehen auf das umsonst gegebene Werk der Rechtfertigung und Erlösung. Nachdem ich erlöst bin, kann ich dann kraft meines neuen Lebens, das in mir ist, gute Werke hervorbringen. Ein Beispiel: Ich kann nicht Blech gegen Gold eintauschen, dann würde ich eingehen. Würde ich Blech kassieren und dafür Gold geben, würde ich wahrscheinlich eingeliefert werden. Das Gold muß ich also umsonst bekommen. Wenn ich aber das Gold habe, dann kann ich Gold gegen Gold eintauschen, dann kann ich mit dem Golde wuchern und das Gold vermehren. So etwa ist das mit den Verdiensten nach katholischer Lehre zu verstehen.

Ferner ergibt sich daraus, daß ich auf das Angebot des geopferten Gottmenschen eingehe, daß ich in Ihn getaucht werde und daß ich meinem Sein nach vergöttlicht werde. Gott wendet sich mir nicht nur gnädig zu – das ist bei Luther der Fall. Luther sieht es nur im Sinne einer Beziehung: Gott schaut mich an aufgrund des Kreuzesopfers seines Sohnes und rechnet mir meine ganze Sündhaftigkeit nicht an. Er liebt mich und nimmt mich gnädig auf, er ist mir gnädig gesonnen. Wir Katholiken sagen, er ist mir nicht nur gnädig gesonnen, die Gnade ist nicht nur eine personale Beziehung Gottes zu mir, sondern ein Akt der Verwandlung: Er nimmt mich in Sich hinein, und dadurch werde ich in meiner Seele mit einer neuen Eigenschaft versehen: Ich gewinne eine neue göttliche Beschaffenheit, die göttlich machende Gnade, das göttlich machende Geschenk.

Wenn die schwarze Kohle in Feuer gehalten wird, wird sie dem Feuer ähnlich, dem Feuer verwandt und gewinnt die Eigenschaften des Feuers. Vorher war sie kalt und schwarz, jetzt wird sie glühend und hell. Ein trockener Schwamm wird ins Wasser getan. Jetzt wird er dem Wasser ähnlich, das Leben des Wassers ist in ihm, er wird mit dem Wasser verwandt, der Schwamm nimmt die Eigenschaften des Wassers an, eine neue Beschaffenheit: Die Nässe. Im Falle der Kohle: Die Glut. So werde ich in Gott, in Christus, hineingetaucht, und als Folge dessen gewinne ich eine neue Eigenschaft. Ich bleibe, was ich bin, die Substanz der Kohle bleibt, auch wenn die Kohle glühend ist. Der Schwamm bleibt seiner Substanz nach, auch wenn er naß ist, ein Schwamm. Ich bleibe das, was ich bin, aber ich gewinne eine neue Eigenschaft, ich werde von Gott angesteckt, ich werde Gott ähnlich. Die Glut Gottes ist das göttliche Leben, und damit ist eine neue Fähigkeit meines Geistes verknüpft, die in Entfaltung kommen kann, wenn das Instrument des Geistes entsprechend gewachsen ist – das muß geübt werden. Ich kann denken, was Gott will, wollen, was Gott will, wissen, was Gott weiß – und das ist Glaube, Hoffnung und Liebe. Anteil am Denken, Wollen und Planen und Wissen Gottes. Eingeweiht sein – das ist Glaube, Hoffnung und Liebe. Teilnehmen an seinem Wissen und an seinem Interesse – das ist Glaube, Hoffnung und Liebe.

Und dazu bin ich seinshaft imstande – aber es kommt bei mir ja nichts zur Entfaltung wenn es nicht über die Instanz meines freien Willens geht, es muß alles durchs Vorzimmer des freien Willens. Von selbst wirkt auch der Heilige Geist nicht, den ich durch die Firmung erhalte. Millionen sind gefirmt, man merkt nichts davon, weil eben das, was sie erhalten haben, nicht durch die Instanz des freien Willens geht. Ich will dieses in Entfaltung bringen, und wer ja sagt und will – was er wiederum nur durch Gottes Gnade kann, durch die vorauseilende, zuvorkommende Gnade – dann wird es zur Entfaltung kommen von Mal zu Mal und nach und nach. Und daraus können dann Verdienste entstehen.

Und dies, daß der Mensch danach Verdienste erwerben kann, das leugnet Luther. Er sagt zwar, der Mensch tut Gutes, aber das liegt nur an Gott, es wird ihm nicht als Verdienst angerechnet. Wenn der Mensch Gutes tut, dann tut es an ihm Gott, der Mensch merkt es gar nicht. Wenn er es schon merkt, wenn er es schon extra tun will, um Gott zu gefallen, ist es schon eine pharisäische Anmaßung, deshalb darf er es gar nicht wollen. – Aber wir sagen: Wir sind ja verwandelt, wir haben ein neues Leben, eine neue Fähigkeit, können deshalb Gutes tun aus der neuen Kraft, die Gott in uns eingesenkt hat. Da liegen die Unterschiede.

Die Neigung zur Bosheit

Wie ist es denn jetzt aber mit dem ganzen Bösen in der Tiefe unserer Seele, von dem ich auch oft predige, daß wir alle zu Bösem geneigt sind von Jugend auf, wie der Herr zu Kain sagt? Und das sind wir: Wir sind nicht nur schwach, wir sind auch böse. Es ist so ein bißchen amerikanische Mentalität, die man auch gerade bei amerikanischen Katholiken findet und bei so seligen „Sonnyboys“, die sagen: „Ach, alle sind im Grunde gute Kerle, alles so gute Menschen, goldenes Herz – na ja wir sind schwach und sündigen, wer ist nicht schwach? Aber im Grunde haben wir doch alle einen guten Willen!“ Das ist natürlich nicht wahr, das stimmt nicht. Wir haben nicht im Tiefsten alle einen guten Willen, der ist höchst anzweifelbar, der gute Wille. Ich bin meiner ganz und gar nicht sicher: Bin ich gut, bin ich es überhaupt, ehrlich, ist es mein tiefster innerster Wille, oder ist er es nicht? Das hat Luther vollkommen richtig gesehen: Ich bin eine höchst zweifelhafte, armselige Gestalt.

Ja, was soll ich denn da tun? Soll ich mich jetzt nicht mehr darum bemühen, Gutes zu tun, weil es ja doch nicht stimmt? Doch, ich soll mich bemühen es zu tun, im vollen Wissen, daß es tief drinnen doch nicht stimmt. Ich muß es nur wissen in meiner Demut. Dann bilde ich mir nämlich auch nichts ein. Denn alles, was ich an Gutem, an Verdiensten leiste, tue ich kraft des freien Willens, den mir die Gnade ermöglicht. Aber ist dieser freie Wille auch bis in die Wurzel meines Seelenlebens wirksam? Das ist mit tausend Fragezeichen zu versehen.

Was folgt daraus? – Wenn Luther nichts anderes gesagt hätte, als das letzte Wort, das er gesagt hat vor seinem Hinscheiden, dann hätte er klare katholische Weisheit von sich gegeben. Sein letztes Wort hieß nämlich: „Wir sind Bettler, das ist wahr!“ – damit verschied er.

Wir sind Bettler, wir können nichts anderes sagen als „Herr, erbarme dich meiner.“ Alle! Jeder! Daß einer denkt: „Na ja also: So sehr muß er sich meiner auch nicht erbarmen, na gut, in gewisser Hinsicht bleibt halt ein gewisser Rest, da wird er sich schon erbarmen. Er weiß, daß ich es gut meine, ich tu‘ meine Pflicht, ich will ja das Beste, das weiß er ja auch, und das andere sind – na ja – nur so’n paar Stäubchen – damit wird er ja schnell fertig. Er braucht sich also sooo sehr auch gar nicht zu erbarmen. So schrecklich ist das gar nicht notwendig. Wenn er gerecht ist, dann wird er mich schon aufnehmen. Das bißchen Erbarmen, was er da noch braucht, um das Restchen Staub da noch wegzuwischen, dafür braucht er sich nicht besonders anzustrengen.“

Im Hinterkopf denken doch manche so, nicht bewußt, aber es steckt so drin. „Im großen und ganzen bin ich doch schon in Ordnung, na ja – ne Schwäch‘ hat ja jeder!“. Wie bei Beerdigungspredigten: „Er wird auch seine Schwächen gehabt haben – wer hat sie nicht – aber im großen und ganzen war es ein prächtiger Kerl.“ – Das ist die berühmte Lüge, wie ein altes Sprichwort sagt: „Es wird nirgends mehr gelogen als vor der Hochzeit, nach der Jagd und bei der Beerdigung.“ Das stimmt nur alles nicht mit dem ganz prächtigen Kerl, der nur ein paar Schwächen hätte, sondern wir sind ganz miserable Wesen und zum Bösen geneigt. Und Christus drückt das ganz klar aus und deckt das ganze Feld unserer Rachsucht, Schadenfreude, Mißgunst usw. auf. Und im Grunde sind wir Menschenmörder und haben vor allem Ihn, wir haben Gott ans Kreuz geschlagen. Nicht die „Judde“. „Die Juden, das sind die, die unseren Herrn ans Kreuz geschlagen haben!“ Das war im Mittelalter oft der Grund der Judenverfolgungen, der Judenpogrome. „Das sind die, die unseren Herrn Jesus Christus…“ – Wir haben Ihn alle, du und ich, wir haben Ihn ermordet, wir haben Ihn ans Kreuz geschlagen. Jeder von uns durch unseren schlechten Willen, durch das Böse in uns. Das können wir nicht leugnen.

Folgerung: Sind wir also böse, daß wir gar nichts anders können als Sünde, lassen wir es darauf beruhen? Das ist die Konsequenz Luthers: Der Mensch ist seines freien Willens gegenüber Gott beraubt, er hat gar keinen. Er wird von Gott geschnappt, und wenn er von Gott geschnappt ist, kann er letztlich gar nicht mehr anders. – Oder ist in uns doch letztlich freier Wille? – Jawohl er ist da! Wir müssen nur beständig bitten, daß der Herr eindringt in die Tiefe: „Ich weiß, das ich aus mir nichts vermag!“ – „Wirket euer Heil mit Furcht und Zittern!“ Furcht und Zittern heißt hier nicht etwa pathologische Angstzustände, Skrupulosität, sondern ganz einfach den heiligen Ernst, daß ich weiß: „Ich bedarf Seines Erbarmens. Herr erbarme Dich meiner!“ Das muß wirklich aus der tiefsten Tiefe heraus kommen: „Ich kann nicht in die Tiefen meiner Beweggründe hineinwirken, ich kann mich nicht analysieren, ich werde verrückt, wenn ich das nur anfange, ich bin böse; aber du kannst es.“ Und jetzt setzen diese Psalmverse ein: „Du allein durchdringst mein Herz und meine Nieren, du allein weißt es, o Herr, tu es bitte, denn ich kann es nicht, mach du es!“

Aus diesem Demutswillen heraus entsteht dann auch die eigentliche Liebe, daß man sich in den anderen hineinversetzen kann, daß man sich nicht über den anderen erhebt. Daß man wohlwollend wird, selbst wissend um seine eigene Erbarmungsbedürftigkeit. Wenn ich zum Beispiel herangehe, meine Fehler zu bekämpfen: Das gelingt mir, wenn es sich um dumme Angewohnheiten handelt: Ich kann mir abgewöhnen, in die Ecke zu spucken, oder ähnliche Dinge. – Aber meine wirklich festsitzenden, eigentlichen Fehler, wenn ich die im Laufe von fünf Jahren um einen Millimeter von mir weggeschoben habe, habe ich Gigantisches geleistet durch einen außergewöhnlichen Gnadenakt Gottes. Deshalb kommt es, daß viele Leute sagen: „Wissen Sie, Herr Pfarrer, ich beichte ja doch immer dasselbe, warum soll ich eigentlich beichten. Immer ist es bei mir dasselbe!“ – Natürlich ist es dasselbe: Das ist dein Kreuz! Deshalb wirst du sie immer wieder beichten, und es ist vollkommen richtig und ganz und gar nicht umsonst, weil in diesem großen Akt der Lossprechung die Gnade und das Erbarmen kulminieren und dich immer wieder neu von der Tiefe her reinigen, wenn du nur weißt, daß du reinigungs- und heilungsbedürftig bist.

Wer natürlich mit pharisäischer Einstellung in den Beichtstuhl geht, das erlebt man so hie und da bei „Frommen“, vor allem bei von Beruf Frommen: „Meine letzte Beichte war vor fünf Tagen. Ich habe einmal beim Gebet eine leichte Anwandlung von Ablenkung verspürt, außerdem muß ich bekennen, daß ich einmal einen ganz leichten Hauch von Abneigung gegenüber einer anderen Person verspürte, was ich aber sofort bekämpfte. Das sind alle meine Sünden!“ – Das ist ein Musterbeispiel einer pharisäischen Beichte. Wer so beichtet, bei dem muß man den ernsthaften Zweifel haben, ob die Gnade Gottes ins Innerste eindringt. Die kann nur ins Innerste eindringen, wenn ich von meiner ganzen Armseligkeit weiß.

Und hier liegt das große Ineinander von Gottes Gnade und freiem Willen, das wir gar nicht auseinanderklamüsern können. Da gab es einmal den „Gnadenstreit“: Was ist zuerst, der freie Wille und dann die Gnade oder erst die Gnade und dann der freie Wille? Wenn erst die Gnade ist, dann gibt es keinen freien Willen. – Beides ist richtig: Gottes Gnade und die Freiheit des Willens. Und wie das ineinandergeht, daß können wir mit unserem Verstand, jedenfalls bis jetzt, nicht fassen. Durch die Einwirkung des Heiligen Geistes wird das vielleicht einmal im Laufe der Kirchengeschichte klar, bis jetzt ist es nicht klar – lassen wir es darauf beruhen. An etwas, das man nicht verstehen kann, kann man nicht mit der Brechstange gehen, sondern man muß es stehenlassen, anschauen. Und dann könnte es sein, daß man so langsam durch das Anschauen, immer mehr dahinterkommt und dieses große Geheimnis einem aufleuchtet: Das Ineinander von Gnade und freiem Willen.

Die späten Jahre Luthers

Bei Luther ist das Kind mit dem Bade ausgeschüttet. „Ich erkenne mich in meiner Armseligkeit, also habe ich keinen freien Willen, also kann ich überhaupt nichts verdienen, weder vorher noch nachher. Ich kann auch nichts mehr verdienen, nachdem ich begnadet bin, ich bin ein armseliges Wrack, aber Gott schaut darüber hinweg, er schaut mich durch die goldene Brille des Kreuzesopfers Christi und sieht mich dann nur im Lichte seines Opfers, und dadurch bin ich geheilt. Und da kann ich tun und lassen, was ich will.“ Und in den späteren Jahren merkt man das ein bißchen bei Luther: Zwar baute er ein ansehnliches Familienleben auf, er ging selbstverständlich keinen zuchtlosen Abwegen nach. Daß er diese entlaufene Nonne geheiratet hat, hat etwas weniger Sympathisches an sich. Er, der Priester, der den Zölibat gelobt hat, heiratet eine entlaufene Nonne und zeugt fünf Kinder. Man sagt, daß sie die Klampfe spielte und die Kinder dazu sangen, wann es möglich gewesen ist. Die Frau war nach mittelalterlicher Art die Herrscherin im Hause, im Garten und im Hof. Die Meinung, im Mittelalter sei die Frau so ganz beherrscht gewesen, ist nicht wahr: Die Schlüsselgewalt wurde im Mittelalter sehr ernst genommen, die Frau war die Herrscherin. Die berühmten Witze, vom Mann, der seine Schmiß kriegt, stammen aus dem Mittelalter, da war das ein bißchen Realität. Da gab es durchaus Frauen, die dem Mann zu Hause Mores beibrachten und zeigten, wo der Barthel den Most holt – das ist eine typisch mittelalterliche Erscheinung. Darum schreibt Luther, dem es auch an einem gesunden Humor nicht gebrach, wenn er an seine Frau schrieb: „Mein lieber Herre Käth!“ – das war die Katharina von Bora. Also mußte er sich innerhalb des Hauses ihren Anweisungen wohl fügen.

Er wurde fürchterlich dick, er hat sich wahrscheinlich nicht sehr zusammengenommen. Es werden zwar einige derbe Ausdrücke von ihm kolportiert, die nachweislich nicht von ihm stammen, aber andererseits war er nicht wählerisch in seiner Ausdrucksweise – nur war man in der damaligen Zeit in der Ausdrucksweise generell nicht wählerisch, er bildete da keine allzu große Ausnahme. Wohlgefühlt hätte ich mich bei seinem Sauerkraut mit Rippchen, die er nachweislich in Massen gegessen hat. Die konnten damals überhaupt fressen, da kommt man heute gar nicht mehr ran. Das kann man noch gelegentlich im Westerwald, in Westfalen oder in Holland erleben, daß die da geradezu märchenhafte Mengen verschlingen, und er wurde deshalb auch entsprechend dick.

Was unsympathisch ist, sind seine haßerfüllten und immer unflätiger werdenden Angriffe auf den Papst. Mittlerweile war Papst Hadrian VI. auf dem Stuhle Petri, der Renaissance-Papst Leo X., der Medici-Papst, war nicht mehr zugange. Hadrian VI. war ein Mann von untadeliger Lebensführung und von echtem apostolischen Ernst, der auch darauf aus war, Luther wiederzugewinnen. Aber er hatte sich in einer fürchterlichen Weise in seinen Haß hineingesteigert, hineinmanövriert und nannte den Papst „des Teufels Sau“ usw. Es gibt ein Pamphlet, was selbst Evangelische verschweigen, weil sie sich dessen schämen. Er hat sich da in der wüstesten Weise nicht mehr in die Zügel genommen, und er hat eigentlich überhaupt darauf verzichtet, sich in irgendeiner Weise Gewalt anzutun – weil er meinte, das ist an sich vollkommener Unsinn: „Ich bin, der ich bin. Ich bin ein armseliger Krüppel, also bin ich ehrlich zur mir selbst und gebe ich mich, wie ich bin, sage, was ich denke, und meine ganze Lieblosigkeit und alles, was in mir an Bösem ist, platze ich heraus, alles andere ist krumme Demut und buckeligste Pharisäerei. Deshalb schrieb er Melanchton, einem etwas übersensiblen, feinsinnigen und auch etwas leicht skrupulösen Herrn: Pekaforte deit. Sündige kräftig und glaube! Mach‘ dir kein Juchhei um deine Sünden oder Nicht-Sünden, sondern sündige los – zum Donnerwetter noch einmal sündige, auf Teufel komm heraus sei ein vernünftiger Mensch, sei normal, sündige raus – und glaube! Und der Glaube führt dich sowieso in den Himmel!“

Man findet auch andere Töne, man findet durchaus sehr viel Wahres, Gutes und Schönes in vielen Schriften. Er hat bis zu einem gewissen Grade die Marienminne gepflegt, sein Kommentar zum Magnificat ist beispielhaft, und er hat eine starke Einfühlung gehabt und eine tiefe Ehrfurcht hat er schon bewahrt. Es war in ihm also das, was Conrad Ferdinand Meyer in „Huttens letzten Tagen“ zum Ausdruck bringt und Luther in den Mund legt: „Ich bin ausgeklügelt Gut, ich bin ein Mensch in seinem Widerspruch,“ – das ist in ihm eben in extremen Maße da: Ein in sich außerordentlich widersprüchlicher Mensch.

Daraus folgt nun auch seine Erbsündenlehre. Da er nicht seinshaft denkt, da ihm der Begriff eines den Erscheinungen vorausliegenden Seins unbekannt ist, ist er im Widerspruch zur katholischen Lehre und zur Offenbarung des Herrn davon überzeugt, daß der Mensch bis in die Tiefe seines Seins hinein verderbt ist. Die Folge der Erbsünde ist: Es ist alles des Teufels, alles in sich wesenhaft schlecht. Die Welt ist schlecht, der Mensch ist in sich schlecht und bleibt schlecht. Die Folge der Erbsünde ist, daß alles total verderbt ist. Es bleibt kein Rest mehr, an den die Gnade Gottes anknüpfen könnte, sondern die Gnade Gottes ist allein ein von außen kommendes Werk, das nicht seinshaft in den Menschen hineinwirkt, sondern den Menschen nur aufgrund der Verdienste unseres Herrn annimmt, trotz seiner totalen Verderbtheit. – Und diese Erbsündenlehre ist falsch. Denn nach der Lehre der Kirche, nach der wahren Offenbarung, ist eben der Rest da, der Rest geblieben, der Gedanke Gottes verwaist, aber an ihn kann angeknüpft werden und zu ihm kann wieder der Durchbruch geschaffen werden durch das, was der geopferte Gottmensch tut.

Das waren einige Aspekte über Luther. Der entscheidende Aspekt: „Wenn ich Gott nicht zwingen kann, zwingt Gott mich. Und weil Gott mich zwingt in sein Gnädigsein, in sein gnädiges Verhalten hinein, bin ich gerettet, jetzt kann ich tun und lassen, was ich will, mir kann nichts mehr passieren.“ Das ist Kern und Stern der Lutherschen Auffassung, der wir so unter keinen Umständen folgen können.

 

Ich danke Ihnen.

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Hans Milch veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s