Unbemerkte ideologische Umwandlung und Dialog

Von Plinio Correa de Oliveira

Die neueste kommunistische Kriegslist zur Eroberung der Weltmeinung

Warum ist Plinio Corrêa de Oliveira eine der meist umstrittenen, meist bejahten und meist bekämpften Persönlichkeiten im heutigen Brasilien? Warum tritt sein Name in Nord- und Südamerika und in Europa derart hervor, obwohl er immer bekämpft, bejaht und umstritten ist?

Eben deshalb weil wenige Persönlichkeiten so reich an ideologischem Gehalt sind wie er. Als verfassungsgebender Abgeordneter und später als Professor, Konferenzist, Redner, „Leader“ und Mann der Tat, war sein ganzes Leben eine ständige, folgerichtige, kristallklare und furchtlose Stellungnahme zu Gunsten gewisser Grundsätze. Und diese Grundsätze entwickelt er in all seinen Büchern Schritt für Schritt, tiefschürfend, fest und glänzend.

Von diesen Grundsätzen aus gesehen, zeigt sich für Plinio Corrêa de Oliveira die kommunistische Gefahr als eine Gefahr, die hauptsächlich ideologischer und moralischer Natur ist. Ohne die Bedeutung der Gefahr eines Atomkrieges oder einer sozialen Revolution zwecks Ausbreitung des Marxismus zu leugnen, behauptet Plinio jedoch, dass die ideologische Einwirkung auf die öffentliche Meinung der westlichen Welt, die bereits durch Korruption und Begriffsverwirrung geschwächt ist, für die rote Sekte leichtere und weniger gefährliche Erfolge erreichen kann.

Dergleichen ideologische Einwirkung entwickelt der Kommunismus mit wachsendem Erfolg und durch verschiedene listige Manöver. Eines derselben betrifft den Versuch der Entwaffnung ungezählter Katholiken, indem er sie mit dem Trugbild einwiegt, dass sie mit ruhigem Gewissen in einem kommunistischen Staate leben können, welcher zwar das Privateigentum abschafft, aber gleichzeitig der Kirche völlige Kultfreiheit gewährt. Um die Hinterhältigkeit dieses Trugbildes anzuprangern, schrieb Plinio Corrêa de Oliveira das Werk „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat`, ein gründliches und tiefschürfendes Werk, das Gegenstand eines Anerkennungsschreibens der Kongregation für Seminare und Universitäten war, gezeichnet durch Kardinal Pizzardo, Präfekt jener Kongregation des Heiligen Stuhles. Von diesem Werk, einem regelrechten „Bestseller“, wurden bereits 136.000 Exemplare in Portugiesisch, Französisch, Englisch, Italienisch, Spanisch, Polnisch, Deutsch und Ungarisch gedruckt.

In einem neuen Werk wird nun Plinio ein neues Manöver aufdecken: die unbemerkte Bolschewisierung ungezählter Antikommunisten mittels Zauberwörter. Der „Vera Cruz“-Verlag veröffentlicht hiermit dieses Werk, welches eine Studie des hochaktuellen Prozesses der unbewussten ideologischen Überredung darstellt, die von der kommunistischen Propaganda angewandt wird. Der Verfasser analysiert bis ins einzelne das Zauberwort „Dialog“.

Es handelt sich um eine Abhandlung, die mit Präzision, Methodik, klarer Ausdrucksweise und scharfer Beobachtung verfasst wurde und eine neue Taktik der Kommunisten beschreibt, welche die westliche öffentliche Meinung unvorbereitet überrascht und dieselbe zu unerwarteten Verneinungen und in namenloses Elend führen kann.

Wir sind sicher, dass diese Studie ein breites Publikum interessieren wird, das noch Wert auf Objektivität, Folgerichtigkeit und Mut legt, und das von dem seichten, leeren und alles zerstörenden Relativismus unserer Tage übersättigt ist.

Editora Vera Cruz

 

Einleitung

 

Manchmal kann ein geringfügiger Umstand eine verwickelte Lage in jeder Hinsicht erklären und auslegen. Wie man dies so oft in Romanen sieht, so kommt es auch im wirklichen Leben vor. Vorliegende Studie entstand durch einen solchen Umstand.

1.     Verdrehung der Worte im Dienste der kommunistischen Propaganda

Seit langem vernahmen wir den Missklang der verschiedenen Anwendungen, die man in gewissen Kreisen dem Wort „Dialog“ gibt. Wir merkten, dass die ursprüngliche und richtige Bedeutung dieses Wortes in der täglichen Sprachweise dieser Kreise und gewisser Pressekommentare in so erzwungener und gekünstelter Art, mit liederlicher Dreistigkeit und niedrigem Sinne angewandt wird, sodass wir die Notwendigkeit empfanden, heftig, als sei es ein Befehl des Gewissens, gegen diese Übertreibung der Regeln der guten Sprachweise zu protestieren. Hier und da gesammelte Eindrücke, Beobachtungen und Bemerkungen ließen uns vermuten, das die vielfache Verdrehung des Wortes „Dialog“ eine innere Logik habe, welche etwas Absichtliches, Geplantes und Methodisches durchblicken lässt. Und dieses Etwas schloss nicht nur dieses gebräuchliche Wort, sondern auch andere Worte in den Ausdrücken der Progressisten, Sozialisten und Kommunisten ein, Worte wie: „Pazifismus“, „Koexistenz“, „Ökumenismus“, „Christliche Demokratie“, „Dritte Kraft“ usw. Solche Worte, einmal einer ähnlichen Verdrehung unterworfen, bildeten eine Gruppe, in der die einen die anderen stützten und ergänzten. Jedes Wort bildete so etwas wie einen Zauber, um auf die Personen einen besonderen Einfluss auszuüben. Und die Wirkung dieser Zaubergruppe schien uns geeignet, in den Seelen eine langsame, aber tiefe Umformung herbeizuführen.

Wie uns durch Beobachtung klar wurde, machte man diese Verdrehung immer im selben Sinne: man schwächte bei den Nichtkommunisten den Widerstand gegen den Kommunismus, indem man ihnen eine Gesinnung einflösste, die zur Nachgiebigkeit, zur Sympathie, zum Nicht-Widerstand und zur völligen Hingabe neigte. In manchen Fällen ging die Verdrehung so weit, dass aus Nichtkommunisten Kommunisten wurden.

Im Maßstabe, wie uns die Beobachtung eine glänzende Reihe deutlicher Zusammenhänge und eine innere unveränderliche Logik in verschiedener und irreführender Anwendung jener wirksamen und spitzfindigen Worte wie einen Zauber ahnen ließ, festigte sich in uns die Vermutung, daß, wenn es jemanden gelänge, klar und bestimmt herauszufinden, worin diese Reihe von Zusammenhängen und diese Logik bestehen, er eine neue List von großer Tragweite entlarvt hätte, die vom Kommunismus in seinem unaufhörlichen psychologischen Krieg gegen die nicht-kommunistischen Völker angewendet wird.

Nicht deshalb hauptsächlich, gedachten wir, uns dem Studium dieses Themas hinzugeben, sondern ein Ereignis brachte uns dazu.

2. Entlarvung eines Prozesses

Im Jahre 1963 veröffentlichten wir eine Studie unter dem Titel: „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“. In verschiedene Sprachen übersetzt, durchdrang dieses Werk den Eisernen Vorhang, und Herr Zbigniev Czajkowski, einer der Leiter der kommunistischen Bewegung „Pax“, in Polen, glaubte, es sei notwendig, das Publikum seines Landes gegen diese Argumente zu immunisieren, und veröffentlichte in den Zeitschriften „Kierunki“ und „Zcie y Misl“ von Warschau, bei denen er Mitarbeiter ist, einen an uns gerichteten offenen Brief, in dem er versucht, unserem Werke eine umfassende Widerlegung entgegenzusetzen. Wir antworteten in dem bekannten Kulturblatt „Catolicismo“ und dadurch entstand eine Polemik, die noch nicht beendet ist.

In einer der Anspielungen seiner Beweisführung in „Kierunki“ – veröffentlicht und wiedergegeben in „Catolicismo“ (Nr. 170, Febr. 1965) – zählt Z. Czajkowski die Vorteile auf, welche er in einer mündlichen Erörterung sehe, Vorteile, die sich bei den Verhandlungen zeigen würden, selbst wenn wir zu keiner Einigung kämen. Zwischen den Zeilen dessen, was der Journalist der „Pax“ in dieser Hinsicht schrieb, schimmerte ein unauffälliger aber tatsächlicher Hegelscher Einfluss durch, und – ein kleiner Umstand, reich an Perspektiven – wenn man die Hegelsche und dialektische Prämisse bei allen Worten, deren Verfälschung uns erregte, zu Grunde legt, klärt sich der Sinn dieser Verfälschung in überraschender Weise. Es war „ipso facto“ für uns der Zusammenhang geklärt, welcher die ganze Sammlung unserer vorherigen Beobachtungen und Eindrücke ordnete und erklärte und den listigen Prozess des psychologischen Krieges, den wir bis dahin nur ahnen konnten, entlarvte.

Da Herr Z. Czajkowski sich speziell auf Diskussion berief, kam uns durch eine begreifliche Ideenassoziation in den Sinn, dass alles, was er über die Sache sagte, genau dem glich, was wir über „Dialog“ gehört oder gelesen hatten, ein Wort vielfacher und geheimnisvoller Bedeutung, das für uns nun klar wurde.

Infolgedessen entschleierte sich für uns die Wichtigkeit verschiedener Worte, besonders „Dialog“, als psychologische Kriegslist.

Die daraus entstandenen Erwägungen führten uns dazu, vorliegende Studie zu verfassen, die wir der Beurteilung des Lesers unterbreiten.

Um genau und vollständig zu sein, müsste diese Studie der Analyse des Zauberwortes „Dialog“ dieselbe Entwicklung geben, wie allen anderen vom Kommunismus verdrehten und damit zusammenhängenden Ausdrücken wie „Pazifismus“, „Ökumenismus“, „Koexistenz“, usw. Es schien uns jedoch genug, das System zu entlarven und eines von ihnen – „Dialog“ – gründlich zu behandeln, und über die anderen nur das Unerlässliche zu sagen, um dem Leser Zeit und Mühe zu sparen.

Wohlverstanden sei gleich – wir kommen später auf diesen Punkt zurück – dass wir im Dialog an sich, auch im Ökumenismus an sich und noch weniger im Frieden an sich etwas Verwerfliches sehen: Es wäre unsererseits eine Verirrung. Unsere Studie richtet ihr Augenmerk nicht auf diese Worte in ihrem normalen und korrekten Sinne, noch auf die Wirklichkeiten, auf die sie sich beziehen, sondern lediglich auf dieselben Worte in ihrer besonderen Auslegung, die sie zum Zaubermittel der kommunistischen Strategie werden lässt.

3. Mittelbare ideologische Wirkung, Hauptmerkmal des Prozesses

Es scheint wichtig, gleich zu betonen, dass der Prozess, mit dem wir uns befassen werden, dazu bestimmt ist, Personen, die an sich unempfänglich für die offene marxistische Predigt sind, günstig für die kommunistische Lehre und Taktik zu stimmen und endlich, wenn auch nicht in überzeugte Kommunisten, so doch in nützlich-harmlose zu verwandeln. Gerade deshalb wirkt der betreffende Prozess mittelbar auf die Gemüter.

Die besondere und charakteristische Note dieses Prozesses ist, dass in seinem ganzen oder beinahe ganzen Verlauf die Patienten nicht merken, dass sie eine psychologische Einwirkung erleiden, sei es durch wen es geschieht, und auch nicht, dass die Richtung, in der sich ihre Eindrücke und Sympathien bewegen, zum Kommunismus führt. Sie wissen mit mehr oder weniger Klarheit – was auf den Einzelnen ankommt – dass sie sich in ideologischer „Entwicklung“ befinden. Aber diese „Entwicklung“ kommt ihnen nur als Entdeckung und allmähliche Weiterentwicklung vor, die von ihnen selbst und ohne fremde Beihilfe gemacht wurde und sie betrachten sie als eine „Wahrheit“ oder eine Gruppe von „Wahrheiten“, die sie für sympathisch und edel halten.

In der Regel kommt es diesen Patienten während des Prozesses gar nicht in den Sinn, dass sie langsam zu Kommunisten werden. Würde ihnen in einem gewissen Augenblick die Gefahr erkenntlich, so würden sie „ipso facto“ vor dem drohenden Abgrund zurückweichen.

Erst in der Endetappe der Entwicklung wird ihnen augenscheinlich, dass ihre innere Umwandlung zum Kommunismus neigt. Dann ist ihre Mentalität jedoch schon so weit „entwickelt“, dass ihnen der Gedanke, Anhänger des Kommunismus zu werden, kein Entsetzen mehr verursachen kann, sondern eher Sympathie.

4. Die unbemerkte ideologische Umwandlung – Zusammenfassung des Inhalts dieses Werkes

Diese Erscheinung, oder besser gesagt, diesen spitzfindigen Prozess der kommunistischen Propaganda, nennen wir hier „unbemerkte ideologische Umwandlung“. Wir nehmen uns vor, seinen hauptsächlichen Inhalt in seinem Wesentlichen kurz gefasst zu beschreiben, und da er verschiedene Ausführungsarten hat, betrachten wir ihn hauptsächlich mittels der Entlarvung dessen, was wir die Kriegslist des Zauberwortes nennen. Nachher werden wir das Studium dieser Kriegslist mit einem praktischen Beispiel erklären, nämlich mit der Anwendung des Wortes „Dialog“, um unbemerkt eine zahllose Menge von Nichtkommunisten in Kommunisten zu verwandeln.

Die unbemerkte ideologische Umwandlung – es ist gut, es gleich zu sagen – umfasst verschiedene Arten. Sie kann sich in ihrer ganzen Größe und im radikalsten Sinne entwickeln, d. h., sie kann den Patienten zum Endziel des neuen Weges führen, der die Annahme des Kommunismus bedeutet.

Derselbe Prozess kann in einer weniger weitläufigen und radikalen Art vorkommen, wenn sein Opfer, zum Beispiel, nicht Kommunist, sondern einfach Sozialist wird. Im einen wie im anderen Falle ist die Umwandlung im scharfen Sinne des Wortes ideologisch. Die Erscheinung braucht eigentlich nichts mit einer philosophischen Auffassung des Universums, des Lebens, des Menschen, der Kultur, der Wirtschaft, der Soziologie und der Politik gemeinsam zu haben, wie es beim Marxismus der Fall ist, sondern nur mit Arbeitstheorien und Methoden. So kann ein feuriger Antikommunist in einen überzeugten Anhänger des Nachgebens, der Zugeständnisse und der Rückzüge umgewandelt werden. Es ist eine ideologische Umwandlung im Sinne „diminutae rationis“ des Wortes „ideologisch“.

Am Schluss der Arbeit fanden wir es notwendig darzulegen, wie man die Aktion des Zauberwortes und der unbemerkten ideologischen Umwandlung bei Personen, die sich in dem einen oder dem anderen Sinne entwickeln, aufhalten, und sogar die Unvorsichtigen rechtzeitig warnen kann.

 

1. KAPITEL

 

Die neue kommunistische Taktik: Überzeugungstätigkeit

im Unterbewusstsein

 

Vor Beginn des Studiums der unbemerkten ideologischen Umwandlung scheint es nützlich zu sein, die ganze Bedeutung und Aktualität des Themas mit Rücksicht auf die neueste Kriegslist der Kommunisten zur Welteroberung hervorzuheben.

1. Eine hinfällige Auffassung über die Wirksamkeit der Überzeugungstechniken und der Gewalt in der kommunistischen Strategie

Nicht wenige Leser werden sich anfänglich einer Schwierigkeit gegenüber sehen, wenn sie sich mit der Sache befassen wollen. In der Tat, die Presse, das Fernsehen und der Rundfunk zeigen ihnen andauernd den Angriff der USSR oder Chinas gegen die nichtkommunistischen Völker als durchführbar, meistens durch gleichzeitig bewaffnete Invasion und durch die sozialen Revolutionen, die in den zu besetzenden Ländern von den kommunistischen Parteien hervorgerufen werden. Nach dieser Auffassung wäre die Gewalt bei weitem das Hauptinstrument der kommunistischen Eroberung. Ohne Zweifel spricht man auch unter denen, die dieser Auffassung sind, von Überzeugungstechniken als Eroberungsmittel. Aber sie nehmen unter dieser Perspektive den Platz ein, den sie im klassischen internationalen oder inneren Krieg haben, bei dem sie etwas Unentbehrliches, aber gegenüber den militärischen Operationen etwas Zweitrangiges sind.

2.     Die Überzeugungstechniken sind wichtiger als die Gewalt

Unserer Ansicht nach, wird die ideologische Überzeugung unter den gegenwärtigen Umständen von den Kommunisten nicht als etwas Nebensächliches oder etwas Zweitrangiges gegenüber dem gewaltsamen Angriff betrachtet. Im Gegenteil, sie erwarten heutzutage von der Propaganda größere Erfolge als von der Gewalt.

3. Die unbemerkte ideologische Umwandlung und ihre gegenwärtige Bedeutung

Im übrigen nimmt auf dem Propagandagebiet die direkte und ausdrückliche ideologische Anstrengung der kommunistischen Partei nicht allein den ersten Platz ein: die Methode der unbemerkten ideologischen Umwandlung, eine indirekte und verschleierte Überzeugungstechnik, bleibt nicht hinter ihr zurück, sondern übertrifft sie sogar in gewisser Hinsicht.

Diese beiden Behauptungen sind unerlässlich, damit viele antikommunistische Kämpfer, die mit Eifer und Verdienst sich ihrer Aufgabe widmen, die Welt auf die Gefahr eines kommunistischen Eroberungskrieges und der gewaltsamen sozialistischen Revolution aufmerksam machen, ihren Horizont erweitern und darin auch den Eifer einschließen, den Prozeß der unbemerkten ideologischen Umwandlung anzuprangern, zu verhüten und aufzuhalten, in all seinen Formen, einschließlich auch der des Zauberwortes.

Der Erklärung dieses Punktes widmen wir das erste Kapitel dieser Studie.

4. Der Kommunismus als imperialistische Sekte

Um die Behauptungen, die wir eben gemacht haben, zu beweisen, muss man sich gut einprägen, dass die kommunistische Bewegung grundsätzlich:

– eine atheistische philosophische Sekte ist, materialistisch und hegelianisch, die aus ihren irrigen Prinzipien eine vollständige besondere Anschauung des Menschen, der Wirtschaft, der Gesellschaft, der Politik, der Kultur und der Zivilisation ableitet;

– eine weltweite Untergrundbewegung ist: Der Kommunismus ist nicht nur eine Bewegung beschaulichen Charakters. Durch seine eigene Lehre gezwungen, will er alle Menschen zu Kommunisten machen und das Leben aller Völker nach seinen Prinzipien formen. Unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, bekennt die marxistische Sekte den absoluten Imperialismus, nicht nur weil sie bestrebt ist, das Denken und den Willen einer Minderheit allen Menschen aufzuzwingen. sondern auch, weil dieser Zwang den ganzen Menschen in allen Äußerungen seiner Tätigkeit umfaßt.

5. Hindernisse, denen der kommunistische Imperialismus begegnet

Um seinen imperialistischen Wunsch zu verwirklichen, trifft der Kommunismus auf ernste Schwierigkeiten, von denen wir beispielsweise einige erwähnen möchten.

A. Die Unempfindlichkeit der Massen

Seit rund hundert Jahren predigt der Kommunismus der Arbeiterbevölkerung der ganzen Welt die soziale Revolution, das Gemetzel und die Plünderung. Für diese Predigt verfügte er während dieses Jahrhunderts fast dauernd über volle Denk- und Handlungsfreiheit in beinahe allen Ländern. Ebensowenig fehlten ihm gewaltige finanzielle Mittel, sowie die besten Propagandaspezialisten und Propagandatechniker. Trotzdem haben die Massen, in ihrer großen Mehrheit, sich unempfänglich für die Winke der marxistischen Hetze gezeigt – die sie so leicht hätte blenden können. In keinem Land ist es dem Kommunismus gelungen, durch ehrliche Wahlen an die Macht zu kommen. Der Grund für diese Unempfindsamkeit liegt zum Teil darin, dass an vielen Orten die Situation der minderbemittelten Klassen sich wesentlich gebessert hat. Aber man darf die ideologische Bedeutung dieser Verbesserung nicht überschätzen: In einigen Gegenden, wie in Norditalien, z. B., in denen die Lebensbedingungen nach dem letzten Weltkrieg nicht aufgehört haben, Fortschritte zu machen, hat der Kommunismus erstaunliche Wahlerfolge erzielt. Der Grund der Unmöglichkeit eines kommunistischen Wahlsieges liegt in gewissem Masse auch in dem Widerstand, den der gesunde Menschenverstand – der ein tausendjähriges Gemeingut der Menschheit darstellt – dem Kommunismus entgegensetzt. Dieser gesunde Menschenverstand stößt sich an dem wesentlich unnatürlichen Charakter, der sich bei allen Gesichtspunkten des Kommunismus zeigt. Bei Völkern christlicher Zivilisation kommt zu diesem Faktor noch die Unvereinbarkeit des marxistischen Geistes, seiner Lehre und seiner Methoden, mit dem Geiste der Lehre und den Methoden der Kirche hinzu. Aus der Summe dieser Hindernisse entstand die unbestreitbare und vielsagende Tatsache, dass – wir wiederholen – in hundert Jahren Bestehens es keiner kommunistischen Partei gelungen ist, in irgendeinem Land die Mehrheit zu bilden. Auf diese Tatsache kann man nie genug pochen, wenn wir die Hindernisse, denen der Kommunismus begegnet, in ihrer richtigen Perspektive sehen wollen.

– Wir beantworten Einwürfe

a) Es ist wahr, er gewann 1957 die polnische Wahl, aber dieser Wahl fehlte offensichtlich die nötige Freiheit. Die Katholiken wussten, dass sie, falls sie Gomulka besiegten, ihr Vaterland einem russischen Druck vom Kaliber dessen aussetzen würden, den bereits das ruhmreiche und unglückliche Ungarn erlitten hatte. Deshalb, obwohl sie in Polen die entscheidende Mehrheit darstellten, wählten sie das was ihnen als das kleinere Übel vorkam, indem sie Gomulka-Abgeordnete wählten. Wir lassen uns hier nicht über das Erlaubte dieses Manövers ein, noch über seine Richtigkeit vom rein politischen Standpunkt aus. Wir unterstreichen aber, dass auf keinen Fall vom edlen polnischen Volk ein Kongress mit kommunistischer Mehrheit frei gewählt wurde. Die im polnischen Parlament existierende kommunistische Mehrheit ist also kein Argument gegen das, was wir oben behauptet haben. (1)

b) Wenn die vom Kommunismus bisher angewandten Überzeugungsmethoden so unwirksam sind, wie kommt es dann, dass er heute eine Weltmacht erster Ordnung ist? Auf keinen Fall durch die Wirksamkeit dieser Methoden, denen gegenüber die öffentliche Meinung unempfänglich blieb.

 

(1) Die Fortschritte des Kommunismus in Italien widersprachen durchaus nicht dem, was über den Misserfolg der alten kommunistischen Taktiken der Anhängerwerbung gesagt wurde. Sie beweisen, im Gegenteil, den Erfolg der neuen

Techniken. Die Christlich Demokratische Partei Italiens – wenigstens in ihren mittel-linken, linken und äußerst linken Strömungen betrachtet – wird durchgreifend bearbeitet durch Gefühle der Verwandtschaft und der Furcht, die von der KPI geschickt ausgenutzt werden. Diese verdeckt in Italien so viel als möglich ihren materialistischen und atheistischen Charakter und ruft ständig zu einer Verständigung mit den Katholiken auf. Damit erzielt sie ein Auftauen in der christlichen Demokratie. Zugleich beherrscht immer noch die Gefahr eines Krieges das politische Panorama der Halbinsel. Daher ergibt sich eine größere Biegsamkeit der Christlich Demokratischen Partei gegenüber der Linken, und die Politik der guten Nachbarschaft zwischen ihr und dem Sozialismus. Diese beiden Faktoren schwächen ihrerseits die antikommunistische Einstellung der Mehrheit der Bevölkerung, erleichtern die Ausbreitung der kommunistischen Partei und bewirken vor allem ein gefährliches Abgleiten von der Mitte zur sozialistischen Linken, selbst innerhalb der Reihe der Christlich Demokratischen Partei. Eine ähnliche Erscheinung zeigt sich bei andern italienischen Parteien, die Parteien der Mitte genannt werden, und die gleichfalls durch eine ebensolche Strategie bearbeitet werden. Daher die große Gefahr, der Italien in unseren Tagen ausgesetzt ist.

 

 

 

Der erste Faktor dieses auffälligen Erfolges war die Gewalt. In Russland setzte sich der Kommunismus mittels einer Revolution durch. In andern Ländern Europas .hat die USSR als eine Siegernation aus dem Kriege, ihn mit roher Gewalt eingeführt. Die Gewalt arbeitete aber nicht für sich allein. Wäre Russland imstande gewesen, die ehemalige deutsche Wehrmacht ohne die Hilfe der verbündeten Mächte zu besiegen? Im Jahre 1939 erlitten die sowjetischen Heere durch das kleine Finnland eine beschämende Niederlage. Wie soll man dann als indiskutabel hinnehmen, dass sie allein das mächtige Deutschland hätten besiegen können?

Es kommt noch dazu, dass die vom Westen erlangten Vorteile sich nicht nur auf die militärische Unterstützung beschränken, die ihnen im Verlaufe des zweiten Weltkrieges geleistet wurde. Die katastrophale Politik des verstorbenen Präsidenten Roosevelt in Teheran und Yalta, die noch – was China angeht – durch die rätselhaften Mißgriffe der Marshallmission vervollständigt wurde, hat weitgehend zur Ausdehnung des Kommunismus beigetragen. Im kleinen Kuba hat seinerseits Fidel Castro so gut die Unpopularität des Kommunismus gespürt, dass er sich während des ganzen Bürgerkrieges als Katholik getarnt hat, in der Gewissheit, dass er ohne diese Tücke die Macht nicht erreichen würde. Erst nachdem er die Staatszügel in der Hand hatte, ließ er die Maske fallen. Alles lässt den Schluss ziehen, dass die Kommunisten auch nicht bei weitem die Erfolge erlangt hätten, mit denen sie sich jetzt brüsten, wenn sie immer entschlossene und weitsichtige Führer gegen sich gehabt hätten.

Durch Gewalt, List und Trug also, und nicht durch einen ideologischen Sieg, hat der Kommunismus seinen gegenwärtigen Grad an Macht erlangt.

c) übrigens soll man die Bedeutung dieser Erfolge nicht überbewerten. In der Tat, wenn der Kommunismus, nachdem er sich in einigen Ländern eingenistet hatte, wenigstens fähig gewesen wäre, die Geister und die Herzen zu gewinnen, wie soll man dann erklären, dass er zu seiner Erhaltung einen gewaltigen Polizeiapparat benötigt? Wie soll man erklären, dass er sich genötigt sieht, überall und mit größter Energie, die Abwanderung der Einwohner dieser Länder zu verhindern? Wie soll man erklären, dass es trotz so vieler Maßnahmen einen ständigen Flüchtlingsstrom gibt, der die größten Gefahren auf sich nimmt, um den Eisernen Vorhang zu durchbrechen?

B. Misserfolg in der Organisation und der Produktionserhöhung

Der Kommunismus, dem es weder gelang zu überzeugen, noch richtig zu siegen, zeigt sich auch im Organisieren und Produzieren unfähig. Seine Unterlegenheit dem Westen gegenüber ist in dieser Hinsicht zugegeben. Sowohl die Anhänger Chruschtschows wie auch seine Nachfolger betonen die Notwendigkeit grundlegender Reformen in der wirtschaftlichen Struktur der USSR, um eine Produktionssteigerung zu erzielen. Und nach ihren Angaben müssen diese Reformen in einer Erweiterung des freien Unternehmertums bestehen.

Mit anderen Worten, die Kommunisten erwarten von einem Prinzip, das ihrer Doktrin grundsätzlich entgegengesetzt ist, eine Erhöhung der Produktionskapazität. Man kann leicht abschätzen, wie sehr dieser Misserfolg den Kommunismus bei den von ihm unterjochten Völkern und bei der Weltmeinung in Misskredit bringt.

6. Zwecklosigkeit der Atommacht für die gewaltsame Ausbreitung des Kommunismus

Aus dieser Machtlosigkeit in der offenen ideologischen Überzeugung und der in der wirtschaftlichen Produktion, die wir eben gesehen haben, ergeben sich natürlich für den Kommunismus bei der Verwirklichung der Weltherrschaft ungezählte Schwierigkeiten, die das Gespenst seiner unwiderstehlichen Macht auf ziemlich geringe Maßstäbe reduzieren. In einem Punkt, und nur in einem, kann die kommunistische Gefahr den Augen aller Völker groß erscheinen. Das ist die Drohung mit einer Atomvernichtung, die sich vielleicht auf die ganze Welt erstreckt. Wenn der Kommunismus als konstruktive Kraft nichts darstellt, so stellt er etwas als Zerstörungskraft dar.

Es ist bekannt, dass die Atommacht Russlands der Nordamerikas unterlegen ist. Aber durch ihr eigenes Wesen stellt die USSR als Atommacht für die Welt eine viel größere Gefahr dar, als irgendeine andere Nation. In der Tat, zur Verwirklichung ihrer Pläne, zögern die Kräfte der Unordnung und der Revolution, eben ihrer Natur wegen, weniger (wenn sie überhaupt zögern) als die Kräfte der Ordnung zur Zerstörung ihre Zuflucht zu nehmen. Die natürliche Neigung des Wegelagerers, der am Wege im Hinterhalt liegt, ist die, anzugreifen. Die seines Opfers besteht nicht im Kämpfen, sondern im Fliehen. Und daher ist die Gefahr größer, daß ein Atomkrieg von den Sowjets oder von den Chinesen, als von einer westlichen Macht ausgelöst wird.

Was gilt für die kommunistische Expansion dieser einzige, durch und durch negative Punkt der Überlegenheit? Werden durch ihn die Hindernisse überwunden, die sich seiner Ausbreitung entgegenstellen, wie wir gesehen haben?

Was wäre selbst für die Kommunisten das Resultat eines Atomkrieges? Anfangs vielleicht siegreich, aber nachher wären sie die hauptsächlichsten Opfer des von ihnen ausgelösten Gemetzels. Denn, da ihre Macht geringer als die ihrer Gegner ist, würden sie wahrscheinlich sofort nach dem Angriff größere Vergeltungsmaßnahmen erleiden als der Schaden, den sie verursacht hatten. Und zum Schluss würden sie den Krieg verlieren.

Es gibt tatsächlich nichts Unwahrscheinlicheres als ihren Sieg. Selbst wenn sie siegen würden, was würde für sie übrig bleiben, als eine Welt, in der die Vereinigten Staaten und Europa ein gewaltiger Trümmerhaufen wären? Wie sollten sie auf diesen rauchenden und unförmigen Trümmern das Gebäude des Sozialismus errichten, das Marx, Lenin, Stalin und Chruschtschow auf einer Technik aufbauen wollten, die vollkommener und fortgeschrittener, ja mit einem Worte fähiger ist, mit der nordamerikanischen wettzueifern? Noch kürzlich hat „Pravda“ Organ des Zentralkomitees der kommunistischen Partei der Sowjetunion erklärt: „Es kommt in der Politik oft vor, dass die Niederlage der einen Seite nicht unbedingt dem Sieg der anderen gleichkommt. Das überraschendste Beispiel ist der Atomkrieg, der für den sozialistischen Block gar nichts nützen würde, selbst wenn durch ihn der Imperialismus buchstäblich pulverisiert würde“. Pravda, 6. 1. 1965, laut Telegramm von AFP desselben Tages, speziell für den „Estado de S. Paulo“. Selbst ein Sieg der Sowjets über den Westen würde sich für die kommunistischen Völker als enorm schädlich erweisen.

7. Der kommunistische Imperialismus in der Klemme

Wenn man die Bilanz all dieser Dinge zieht, so kommt man zu der Schlußfolgerung, daß trotz des gegenteiligen Anscheins, die weltweite Ausbreitung des Kommunismus größten Schwierigkeiten begegnet, die durch tiefgreifende Ursachen bedingt sind, von denen einige nur schwer und andere unmöglich zu beseitigen sind. Ferner kommt man zu der Schlussfolgerung, dass der kommunistische Plan einer Weltbeherrschung beträchtlichen Gefahren des Misslingens ausgesetzt ist.

8. Wie aus der Klemme herauskommen: ein neuer Weg, die Technik der verschleierten Überzeugung

Der Kommunismus fürchtet sich, den Weg der Gewalt zu beschreiten. Auf dem der Überzeugung, wenigstens auf dem der von den kommunistischen Parteien verschiedener Länder betriebenen offenen Überzeugung, erzielt er keine ermutigenden Resultate. Wie wir gesehen haben, zeigten sich die Massen kalt gegenüber dieser Überzeugungstechnik.

Da der Ausweg aus der Klemme für den Kommunismus weder in der Gewalt, noch in der offenen Überzeugung liegt, kann er nur auf einem neuen Weg liegen, auf dem der verschleierten Überzeugung. Das ist der Zentralpunkt, auf den man die öffentliche Meinung hinlenken muss.

9. Günstige Bedingungen für die kommunistische Technik der verschleierten Überzeugung

Welche Möglichkeiten bietet die westliche Mentalität für diese Art des Vorgehens? Zwei Faktoren machen sie besonders dafür verwundbar.

A. Die Angst

Der Selbsterhaltungstrieb ist im Menschen sehr stark: daher ist in ihm die Kraft der Angst sehr gebietend. In der Einbildung großer Massen der freien Welt übe der Kommunismus weiterhin seine volle Macht der Einschüchterung aus, die in der Gestalt des bärtigen Revolutionärs gesehen wird, der schmutzig, zerrissen, blut- und rachgierig ist, oder er wird in der Gestalt des erbarmungslosen Soldaten mit stählernem Blick gesehen, der bereit ist, den Zünder der Atombombe auszulösen. Das Verlangen, beinahe alles aufzugeben, um einen Bürger- oder Atomkrieg zu vermeiden, beeinflusst – bewusst oder unbewusst – zahllose Personen.

B. Die Sympathie

Auf der anderen Seite ist der Kommunismus nicht so sehr die Antithese dessen, was viele Antikommunisten denken, als vielmehr der letzte, folgerichtigste und kühnste Ausdruck gewisser Prinzipien, die sie selbst zugeben. Der Liberalismus, der mit der Französischen Revolution triumphierte, hat im Westen den Samen des Kommunismus ausgestreut. (2) Infolgedessen verbindet sich häufig mit der Angst eine, man könnte sagen, Sympathie für gewisse kommunistische Gesichtspunkte. Es gibt feurige

 

(2) Wir haben diesen Gedanken in unserer Studie „Revolution und Gegenrevolution“ entwickelt (Boa Imprensa Ltda., Campos 1959). Wir hatten die Freude, dass die hauptsächlichsten Thesen dieser Studie über die Französische Revolution als Ursache des Kommunismus auch von 269 Vätern des II. Allgemeinen Vatikanischen Konzils bestätigt wurden – die zu 66 Ländern gehören – in der umfassenden Begründung einer Bittschrift, die von zwei brasilianischen Prälaten verfasst wurde, D. Geraldo de Proença Sigaud SVD, Erzbischof von Diamantina und D. Antonio Castro Mayer, Bischof von Campos, ein Dokument, in dem gebeten wurde, dass die Verurteilung des Sozialismus und des Kommunismus durch das Konzil erneuert würde. (Der Text dieser Bittschrift wurde in „Catolicismo“ Nr. 157, vom Januar 1964 veröffentlicht.

(3) Es handelt sich um einen sehr bekannten Mythus, der bereits in den Erläuterungen gewisser protestantischer Sekten, die im XVI. Jahrhundert entstanden, gegenwärtig ist, sowie in der Ideologie gewisser „fortschrittlicher“ Elemente der Französischen Revolution. Mit ihm werden wir uns später beschäftigen.

(4) Im Vorbeigehen sei es uns erlaubt, einen Kommentar zu machen, der den Rand des Themas berührt, der aber eine bedeutende Lage des kommunistischen Problems unserer Tage erläutern kann.

Die Betrachtungen, die wir in diesem Kapitel gemacht haben, beziehen sich nämlich auf das Studium der wahren Natur der gegenwärtigen Erschütterung zwischen der USSR und der Chinesischen Volksrepublik.

Im Hinblick auf die von uns erwähnten Gründe, muss der Kommunismus logischerweise eine bedeutende Erneuerung seiner Methoden vornehmen, um eine neue Etappe seines Kampfes einzuleiten. So muss man bei jedem wichtigen Ereignis in der marxistischen Welt fragen – wie z. B., beim Bruch zwischen Russland und China – bis zu welchem Punkt, über seine nächstliegenden und sichtbaren Ursachen hinweg, es sich den neuen Methoden und Mitteln der obersten und neuesten kommunistischen Strategie anpasst. Ein vorsichtiger Beobachter muss daher den russisch-chinesischen Streit von diesem Gesichtspunkt aus, mit ganz besonders kritischem Sinn betrachten.

Wenn es auch wirklich wahr ist, dass natürliche gegensätzliche Punkte zwischen den nationalen Interessen Russlands und Chinas bestehen, und Konkurrenzgründe zwischen der russischen und chinesischen Partei, wegen der Weltleitung der kommunistischen Bewegung bestehen, so muss man doch feststellen, dass der Bruch zwischen den beiden „Grossen“ des Kommunismus, vom Gesichtspunkt der Propaganda aus gesehen, ein anderes Gesicht bekommt, und zwar von großer Wichtigkeit. Mit Rücksicht auf den Doppelbegriff Angst-Sympathie betrachtet, sieht man, dass das kommunistische China den Augen der freien Völker das finstere und aggressive Gesicht zeigt, das auf die Angst des Westens einwirken kann, während die Vorschläge friedlicher Koexistenz von seiten der USSR und die Symptome des Tauwetters diesseits des Eisernen Vorhanges die dem Kommunismus sympathischen Saiten der Seele erklingen lassen. Diese beiden Gesichter das chinesische und das russische, die die Vorder- und Rückseite einer und derselben Medaille darstellen, können leicht ein Instrument doppelten psychologischen Druckes auf den Doppelbegriff Angst-Sympathie in der öffentlichen Meinung der freien Welt darstellen und so den höchsten Interessen des kommunistischen Ausbreitungsdranges dienen. Um die Wahrscheinlichkeit dieser Annahme zu verstehen, muss man bedenken, dass diese Interessen letzten Endes, allen Marxisten gemeinsam sind, ob Russen oder Chinesen.

Ähnliche Betrachtungen muss man über die gegenwärtige Tendenz einer Wiederherstellung der freien Initiative in der USSR machen.

Auf der anderen Seite, wenn diese Tendenz – von einem selbstmörderischen Krieg vorerst abgesehen – auf dem Gebiet der Produktion, in einem Klima der friedlichen Koexistenz mit den Vereinigten Staaten konkurrieren will, muss sie natürlich auf die Wiederherstellung der freien Initiative zurückgreifen, wenn auch in unvollständiger Weise; denn die sowjetische Erfahrung beweist, dass auf andere Weise kein Fortschritt in den Abteilungen, in denen sich die Produktion am ungenügendsten gezeigt hat, möglich ist.

Aber wird diese Wiederherstellung nicht propagandistisch für andere Zwecke benutzt werden?

Könnte sie, z. B., nicht eine Demobilisierung der Geister in der freien Welt erwirken und sie für die Illusion vorbereiten, dass die USSR sich auf dem Wege zu einem demokratischen Regime befindet, das nur halbsozialistisch ist, und dass die gefährlichen Gegensätze zwischen den beiden Welten beseitigt werden können, wenn der Westen, im Interesse des Friedens, zustimmen würde, sich stark zu „sozialisieren“ im selben Masse, wie die USSR sich ein wenig „kapitalisieren“ würde? Zu welchen Rückzügen und zu welchen Kapitulierungen könnte diese Illusion, die auf den Doppelbegriff Angst-Sympathie wirkt, die freien Völker führen!

antikommunistische Kämpfer, deren Abscheu sich mehr auf die gewalttätigen Methoden und die diktatorische Prägung der gegenwärtigen kommunistischen Regime erstreckt, als auf die Endziele des Kommunismus. Es scheint ihnen unzweifelhaft, dass, falls es dem Westen gelingt diese Ziele durch unblutige Methoden zu erreichen und so eine vollständige Gleichheit an Gütern und sozialen Bedingungen auf der Welt zu schaffen, endlich Gerechtigkeit, Überfluss und Frieden herrschen werden. (3)

C. Der Doppelbegriff „Angst-Sympathie“

Wie wir sehen, gibt es in der Psychologie selbst unzähliger Personen im Westen einen Doppelbegriff von Kräften, den wir „Angst-Sympathie“ nennen werden, der einflussreichen wirtschaftlichen, politischen, intellektuellen und sogar religiösen Sektoren die Neigung einflüstert, sich mit dem Kommunismus zu vertragen. (4)

10. Die Übergabebereitschaft und die Liebe zum wahren Frieden

Diese Neigung darf – wohlverstanden – nicht mit dem edlen Wunsch verwechselt werden, der allen gut geformten Geistern eigen ist, den Frieden durch ehrenwerte Unterhandlungen und rechtliche Übereinkommen zu wahren, die für uns keinen Verzicht auf Grundprinzipien der christlichen Zivilisation bedeuten. Die Übergabebereitschaft geht viel weiter und führt den Westen dazu, ein halbkommunistisches Regime anzustreben, um in seinen Beziehungen zur anderen Seite des Eisernen Vorhanges, die Reibungen der Gegensätze zu vermeiden und die Annäherung zwischen den beiden Welten zu erleichtern.

11. Angst und Sympathie, offene und geheime Überzeugung, im Dienste des Kommunismus vereint

Angst und Sympathie scheinen unvereinbar zu sein. In der gegenwärtigen psychologischen Situation des Westens sind sie es nicht. Im Ganzen gesehen, ist es für den Kommunismus nicht nötig, auf seine Einschüchterungstätigkeit zu verzichten, um um Sympathie zu werben. Es kommt ihm darauf an, das volle „Prestige“ seiner vernichtenden Macht zu wahren. Auf Grund dieses „Prestige“ gelingt es ihm, den Widerstand zahlreicher Gegner zu erweichen und sie für ein Abkommen geneigt zu machen. Wenn dieses psychologische Resultat erreicht ist, prägt sich eine gewisse Sympathie dieser Gegner für einige Gesichtspunkte des Kommunismus aus, und bereitet sie vor, eine weitgehende oder zumindest teilweise Übergabe an ihn als ein kleineres, wirklich tragbares Übel anzusehen.

Gleichzeitig handelt es sich für den Kommunismus nicht darum, auf die offene Anhängerwerbung durch die roten Parteien der ganzen Welt zu verzichten. Diese Werbung dient weiterhin seinen Plänen, denn eine organisierte und kraftvolle Partei bedeutet für ihn einen mächtigen Faktor der Einschüchterung in irgendeinem Land und ist eine Ausbildungsschule für die Leiter des zukünftigen marxistischen Regimes.

Der Kommunismus erwartet also nicht mehr von den in den freien Ländern bestehenden roten Parteien die Eroberung der öffentlichen Meinung, sondern erwartet sie von der Technik der indirekten Überzeugung.

12. Mit Richtung auf das zweite Kapitel

Nachdem wir so die Notwendigkeit für den Kommunismus, auf die offene doktrinäre Predigt als Hauptmittel zur Welteroberung zu verzichten, klargestellt haben, nachdem sich für ihn die Gelegenheit einer indirekten ideologischen Aktion ergeben hat, und nachdem wir die verwundbaren Punkte in diesem Kapitel angeführt haben, die im Geisteszustand weiter Sektoren der freien Welt einer solchen Aktion Erfolg verschaffen können, müssen wir jetzt klar feststellen, worin diese Aktion besteht. Wir tun dies, indem wir zum Studium der unbemerkten ideologischen Umwandlung übergehen.

 

 

  1. KAPITEL

 

Die unbemerkte ideologische Umwandlung

 

Um ganz klar herauszustellen, worin die unbemerkte ideologische Umwandlung .besteht, müssen wir zuerst zeigen, worin sie sich als Überzeugungsmethode von der „klassischen“ Wirksamkeit einer kommunistischen Partei unterscheidet.

1. Die klassische kommunistische Überzeugungstechnik

Eine kommunistische Partei bildet sich in der Regel aus einer Gruppe Intellektueller oder Halbintellektueller, die die verschiedensten Faktoren der Unzufriedenheit und der Agitation hervorruft oder ausbeutet, und zwar durch die zur Genüge bekannten Mittel, nämlich durch Einzelwerbung an den Universitäten, in den Gewerkschaften, beim Heer und in anderen Milieus durch Versammlungen von Anhängergruppen und Reden, durch Tätigkeit in der Presse, im Radio, im Fernsehen, im Theater und im Kino. In dem so vorbereiteten Klima setzt die anfängliche Handvoll Anhänger bald kühn, bald vorsichtig, entweder sofort oder von einem bestimmten Augenblick ab, die kommunistische Theorie auseinander und verteidigt sie. Durch diese Belehrung angezogen, bildet sich dann eine Reihe fanatisierter Mitläufer. Die Partei ist gegründet. In dieser Phase erreicht, ermutigt und rekrutiert sie alle bolschewisierbaren Elemente, die es in der Umgebung gibt, wo sie arbeitet, und sie auf Grund vielfacher ideologischer, moralischer und wirtschaftlicher Faktoren geneigt sind, dem Kommunismus anzuhängen.

Die Erfahrung beweist aber, dass nach einer gewissen Zeit die anfänglichen und mitunter raschen Erfolge der marxistischen Überredungstechnik aufhören. Nachdem in einer bestimmten Gegend die dort bereits existierenden „bolschewisierbaren“ Elemente erfasst sind, verstärken sich die Reihen der Partei nur schrittweise, in dem Maßstab, wie der soziale Körper in seinem langsamen Zersetzungsprozess ideologischer, moralischer und wirtschaftlicher Natur, neue ansteckbare Elemente „hervorbringt“. Wahr ist allerdings, dass die kommunistische Propaganda diesen Zersetzungsprozess mehr oder weniger beschleunigen kann. So können die Individuen, die durch die Partei assimiliert werden können, zahlreicher werden. Aber sie werden in der Regel eine Minderheit sein. Und zur selben Zeit, in der der Kommunismus sich mit diesen wenigen Anhängern bereichert, prallt seine Propaganda auf eine Mehrheit, die ihr unempfänglich gegenübersteht.

Wie soll diese Mehrheit gewonnen werden?

2. Die Abarten der öffentlichen Meinung und die unbemerkte ideologische Umwandlung

Um diese Frage beantworten zu können, muss man beachten, dass, in der öffentlichen Meinung drei Strömungen vorhanden sind: Elemente, die in gewissem Maßstabe dem Kommunismus sympathisch gesinnt sind; Elemente, die ihm grundsätzlich feindlich gegenüberstehen, und Elemente, die zum Kommunismus in unbestimmter Feindschaft stehen, aber ihm gegenüber eine untätige Haltung einnehmen.

Bei jeder dieser drei Strömungen verfährt der Kommunismus mit einer jeweils anderen Strategie:

a) Was die teilweise mit dem Kommunismus sympathisierenden Elemente angeht, so sind diese bereits durch die kommunistische Werbung angegriffen worden, jedoch in unvollkommener Weise. Vom Marxismus akzeptieren sie etwas, hauptsächlich die Feindschaft gegen die Religion, Tradition, Familie und Privateigentum. Aber sie gehen nicht bis zu den letzten Konsequenzen. Es sind dies die Sozialisten und Progressisten aller Schattierungen, einige unschuldig-brauchbar, andere Komplizen des Kommunismus. Dieser trachtet danach, die Unschuldig-Brauchbaren, in linksgerichteten, nicht direkt kommunistischen Gruppen zu vereinen. Die Komplizen sucht er so weit wie möglich in die Schlüsselstellungen dieser Gruppen zu bringen. Solche Gruppen benutzt er im Kampf um den Sturz der gegenwärtigen Ordnung und um die Eroberung der Macht. Wenn dieses Resultat erreicht ist werden diese unglücklichen Statisten abgeschoben, verfolgt und vernichtet, falls sie nicht sofort der kommunistischen Partei anhängen und sich ihr bedingungslos unterordnen.

b) Bezüglich der dem Kommunismus grundsätzlich feindlichen und nicht selten gegen ihn kämpfenden Elemente, kommt es darauf an, sie durch eine totale psychologische Offensive aufs Korn zu nehmen, um sie zu desorganisieren, zu entmutigen und zu schwächen. Dazu ist es besonders nützlich, gegen die antikommunistischen Führer vorzugehen. Sie müssen sich inner- und außerhalb ihrer Verbände bespitzelt fühlen, von Verrätern umgeben, unter sich geteilt, unverstanden, verleumdet und von den übrigen Sektoren der öffentlichen Meinung ausgeschlossen, von den Schlüsselstellungen des Landes und den Propagandamitteln ferngehalten und in ihrer beruflichen Tätigkeit dermaßen verfolgt, dass sie – da die Zeit ihnen nur ausreicht, um für ihren eigenen Lebensunterhalt zu sorgen – so viel wie möglich sich behindert sehen, ernsthaft gegen den Kommunismus zu arbeiten.

Nicht selten greift der Kommunismus auch zu persönlichen Drohungen gegen sie und ihre Familien, um die Tätigkeit dieser Tapferen zu hindern.

c) Die Elemente, die dem Kommunismus gleichgültig oder mit Antipathie in den verschiedensten Graden gegenüberstehen, aber nicht bis zur kämpferischen Feindschaft gelangen, sind sozusagen, die Mehrheit in der Mehrheit. Um diese anzulocken, gibt es für den Kommunismus nur ein Mittel, da sie ja für jede klare Überzeugungstechnik unempfänglich sind, nämlich die Technik der verhüllten Überzeugung. Natürlich, um diese anwenden zu können, darf sich die kommunistische Partei nicht offen zeigen. Sie muss Agenten aussuchen, die gar nicht nach Kommunisten aussehen, oder gar Antikommunisten zu sein scheinen, die in den verschiedensten Sektoren des Sozialorganismus tätig sind. Im Falle einer Einzelbetätigung werden z. B. ein Kapitalist, ein bedeutender bürgerlicher Politiker, ein Aristokrat oder ein Geistlicher für diesen Zweck von viel größerer Wirksamkeit sein, als ein kleiner Bürger oder ein Arbeiter.

Politische Parteien, Zeitungen und andere Nachrichtenmittel haben über diesen Sektor der öffentlichen Meinung großen Einfluß zu Gunsten des Kommunismus, wenn sie anscheinend alle Garantie bieten, nicht kommunistisch zu sein, jedoch im Kampf gegen die rote Sekte keine dauernde und in unseren Tagen keine äußerst wichtige Notwendigkeit sehen.

Die einen wie die anderen, d. h. Personen, politische Parteien und Nachrichtenorgane leisten für den Kommunismus eine erste und wertvolle Mitarbeit durch die einfache Tatsache, dass sie in dem betreffenden Sektor ein Klima der geistigen Oberflächlichkeit, sowie eines leichten und unbekümmerten Optimismus im Bezug auf die kommunistische Gefahr schaffen. Denn auf diese Weise erscheinen die antikommunistischen Organisationen von selbst als hasserfüllt und übertrieben für den größten Teil der öffentlichen Meinung, der ihnen normalerweise Unterstützung gewähren könnte und sollte. Auf der anderen Seite wird verhindert, dass unter dieser Mehrheit, die sich der heutigen Größe der Gefahr bewusst ist, die Gleichgültigen zur Abneigung gegen den Kommunismus übergehen und die nicht kämpfenden Antikommunisten in den Kampf eingreifen.

Beide Früchte sind für den Kommunismus kostbar, da sie ihm ein großes Übel ersparen. Während er, wie es ihm gefällt, seine Kampfeinheiten rekrutiert, die Organisationen der Unschuldig-Brauchbaren durchdringt und von diesen Elementen unterstützt gegen die Gesellschaft sein dauerndes und unerbittliches Vernichtungswerk ausübt, schließt die Mehrheit der öffentlichen Meinung, die reagieren würde, wenn ihr die wirkliche Größe der Gefahr zum Bewusstsein käme, die Augen, kreuzt die Arme und lässt dem Gegner freien Lauf.

Ein solches Resultat ist beachtenswert. Aber es genügt dem Kommunismus nicht. Diese Mehrheit schläfert er ein, weil er sie nicht erobern konnte. Solange er sie nicht erobert, bleibt er auf kleine Fortschritte beschränkt. Und wenn eines Tages diese Fortschritte bedeutend werden und nicht mehr verschleiert werden können, besteht immer noch die Gefahr, dass die gleichgültige und unachtsame Mehrheit erschrickt und in den Kampf eingreift.

Daher kann sieh die rote Sekte nicht damit begnügen, über diesen Sektor ihren neutralisierenden und betäubenden Einfluss auszuüben, den wir eben beschrieben haben.

Der Kommunismus hatte mit der Gründung kommunistischer Parteien, mit der Gruppierung der Linken unter seinem Kommando, mit der Zerschlagung und Unbrauchbarmachung zahlloser antikommunistischer Organisationen fast in der ganzen Welt Glück. Er hatte Misserfolg, als er die Mehrheit dazu bringen wollte, seine Lehre anzunehmen. Und diese Mehrheit ist es, die er nicht nur neutralisieren, sondern unbedingt auch überzeugen muss, wenn er in unserem Jahrhundert seine große Schlacht gewinnen will.

Wie soll er es anstellen? Wenn dieser weite Sektor überzeugt werden soll, ist es klar, dass man auf ihn einwirken muss.

Die mittelbare Überzeugungstechnik, die dem Geisteszustand, in dem sich die Mehrheit befindet, am besten angepasst ist, ist die unbemerkte ideologische Umwandlung.

3. Methode der unbemerkten ideologischen Umwandlung; ihre drei Intensitätsgrade und Phasen

Drei sind die möglichen Intensitätsgrade der unbemerkten ideologischen Umwandlung. Ebenso kann die Intensität ihrer Wirkungen verschieden sein.

Diese Methode umfasst eine erste Phase vorbereitenden Charakters, die darin besteht, dass sie mittels des Doppelbegriffes Angst-Sympathie wirkt, um somit Teile der öffentlichen Meinung, die auf Grund der Fortschritte des Kommunismus zu Alarm und Reaktion neigen würden, zu einer untätigen und sogar resignierenden Haltung gegenüber dem Kommunismus zu bringen. Diese Phase haben wir im vorhergehenden Kapitel, unter Nr. 9 behandelt. In ihr erreicht die unbemerkte ideologische Umwandlung ihren geringsten Intensitätsgrad.

Diese Intensität steigt um einen Grad in der folgenden Phase. Ohne es zu merken, geht der Patient der Umwandlung, sei er eine Einzelperson, eine begrenzte Gruppe oder eine große Meinungsrichtung, von der Resignation zu einer Haltung des Abwartens über, die bereits etwas begünstigt ist. Die Frucht des Prozesses ist nicht mehr nur negativ und vorbereitend, sondern hat schon etwas Positives an sich.

Wenn es ihr zum Schluss gelingt, den Sympathisierenden in einen überzeugten Anhänger zu verwandeln, erreicht die Umwandlung ihre volle Intensität und bringt ihre charakteristischen Früchte.

4. Definition der unbemerkten ideologischen Umwandlung; ihre Kunstgriffe

In seinem Wesen besteht der Prozess der unbemerkten ideologischen Umwandlung darin, dass man auf den Geist eines anderen einwirkt und ihn dazu bringt, seine Ideologie zu ändern, ohne es selbst zu merken.

Verschieden bestehen dieses Kunstgriffe in folgendem:

a) im ideologischen System, das gegenwärtig vom Patienten angenommen wird, Punkte zu finden, die mit der Ideologie, auf die man ihn hinbiegen will, verwandt sind;

b) diese verwandten Punkte derart doktrinär und gemütsmässig zu überwerten, dass der Patient sie zuletzt über alle von ihm zugegebenen ideologischen Werte setzt,

c) in der Mentalität des Patienten den Anhang an die Prinzipien, die er gegenwärtig annimmt und die mit der Ideologie, auf die er umgewandelt werden soll, unvereinbar sind, so weit wie möglich abzuschwächen;

d) in ihm Sympathie zu erwecken für die Kämpfer und Führer der Ideologie, auf die er umgewandelt werden soll, indem man ihn dazu bringt, in ihnen Soldaten der von ihm überwerteten Prinzipien zu sehen, wie unter „b“ erklärt wurde;

e) von dieser Sympathie zur Mitarbeit für Ziele überzugehen, die dem Patienten und seinen ideologischen Gegnern von gestern gemeinsam sind, oder wohl auch zum Kampf gegen eine Ideologie oder eine Strömung überzugehen, die sowohl seine wie deren Gegner sind;

f) von da ausgehend dem Patienten die Überzeugung beizubringen, dass die überwerteten Prinzipien mehr im Einklang mit der Ideologie seiner neuen Mitarbeiter und Kampfesbrüder stehen, als mit seiner Ideologie von gestern;

g) in diesem Moment wird die Mentalität des Patienten bereits verändert sein und seine Assimilierung an die neue Ideologie wird nur noch geringfügigen Hindernissen begegnen.

Während dieses ganzen Weges wird es ihm nicht zum Bewusstsein kommen, dass er seine Ideen ändert. Würde er es aber merken, erschräke er schon nicht mehr über diese Tatsache. Vom Anfang bis zum Ende wird er glauben, aus eigener Initiative zu handeln und wird nicht merken, dass er gelenkt wird. Der Prozess ist also in doppelter Hinsicht unbemerkt:

– weil der Patient ihn beinahe während der ganzen Umwandlung nicht merkt;

– weil er nicht merkt, dass dieses Umwandlung eine in ihm von dritter Stelle verursachte Erscheinung ist.

Auf dieser Art wird aus dem Gegner nach und nach ein Sympathisierender und zum Schluss ein Anhänger.

5. Konkretes Beispiel einer unbemerkten Umwandlung

Auf der Grundlage der so sehr verbreiteten Trilogie der Französischen Revolution wollen wir ein Beispiel geben, wie eine Person, die gegen den Kommunismus ist, unbemerkt zu ihm umgewandelt werden kann.

„Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“: Es ist klar, dass keines dieser Worte an sich einen schlechten Sinn hat. Jedoch kann man sie leicht missbrauchen.

So kann man wenn man in einem Patienten das Verlangen nach Freiheit durch eine geschickte Propaganda aufs äußerste erregt, in ihm eine ungeordnete Gier nach einem Zustand erzeugen, in dem es weder öffentliche Gewalt, noch Gesetze gibt. Hierzu neigt leicht die gefallene menschliche Natur. Die ideologischen Bazillen, die die Französische Revolution der Welt vererbt hat, sind voller Anreize in dieser Hinsicht. Nun gut, das ist auch der Punkt, an dem laut den Predigern des Marxismus der totalitäre kommunistische Staat in seiner Endphase landen soll.

Aus der Übertreibung des Verlangens nach Gleichheit, die ja in Anbetracht der Tendenz des Menschen zu Neid und Empörung so leicht ist, ergibt sich logischerweise der Hass gegen die soziale oder ökonomische Hierarchie und die totale Gleichmacherei, die dem kommunistischen Regime eigen ist, schon seit der Phase des staatlichen Kapitalismus und der Diktatur des Proletariates.

Übertreibt man die Idee der Brüderlichkeit, so kommt man zum Hass gegen alles, was geregelt ist und rechtlich die Menschen trennt, und folglich gelangt man zu dem Bestreben, alle Vaterländer abzuschaffen, zwecks Gründung einer Weltrepublik: ein weiteres Ziel des Kommunismus.

Wir haben als Beispiel diese drei Begierden herausgegriffen, da sie unserer Ansicht nach, in der Bolschewisierung des Westens von ganz besonderer Bedeutung sind. Übertreibt man in jemandes Geist die Wertschätzung dieser drei Werte, indem man um sie herum ein unkontrollierbares Gemütsklima schafft, so ist es leicht, den Patienten von Stufe zu Stufe in ein liberales und gleichmacherisches Reformstreben zu bringen, das immer radikaler wird und so zuerst zu Sympathie und Zusammenarbeit mit den Kommunisten führt, um schließlich dahin zu kommen, den Kommunismus als solchen anzunehmen, da er als absolute und vollkommene Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit angesehen wird.

6. Strukturreform als Hilfsinstrumente der unbemerkten ideologischen Umwandlung

Bei Betrachtung des Beispiels, das wir soeben gegeben haben, ist es leicht zu erkennen, wie viel die unbemerkte ideologische Umwandlung, die in sich selbst ein Prozess ideologischer Einwirkung auf die öffentliche Meinung ist, durch die sogenannten strukturellen Reformen unterstützt werden kann.

Der Liberalismus und besonders der Gleichmachungstrieb können – und haben schon – Gesetze geprägt, die zu einer immer schärferen revolutionären Veränderung der Einrichtungen und des Lebens verschiedener Länder führen.

Unter dem lobenswerten Vorwand, übermäßige Vorrechte und Ungleichheiten zu zerstören, kann man weiter gehen und nach und nach auch rechtmäßige Vorrechte und Ungleichheiten, die für die Menschenwürde und das allgemeine Wohl unerläßlich sind, abschaffen. In dem Masse wie die Walze des Gleichmachertums schwerer und zerstörender wird im Zuge sozialer und gleichmachender Reformen: Agrar-, Städte-, Industrie- und Handelsunternehmungsreformen (5), wird die gesamte Gesellschaft sich dem kommunistischen Ideal annähern; und im selben Verhältnis wie die öffentliche Meinung sich daran gewöhnt, wird dieselbe auch kommunistisch werden. (Siehe unsere Studie „Die Freiheit der Kirche im kommunistischen Staat“,  Editora Vera Cruz, S. Paulo; 7. Ausgabe, 1965, Absatz VI, Seite 17). Wie man sieht, bedeuten die sozialistischen und beschlagnahmenden Reformen eine direkte Einwirkung auf die öffentliche Meinung, die auf diese Art langsam und ohne es zu merken, kommunistisch wird. (6)

(5) Wir nehmen hier die Worte „Agrarreform“, „Betriebsreform“ und „Städtereform“ nicht in ihrem natürlichen und eigentümlichen Sinne, der lediglich nur eine gerechte und gleichmäßige Verbesserung der Lebensbedingungen der Arbeiter in Stadt und Land, der kleinen ländlichen Grundbesitzer und der Mietsleute, unter Berücksichtigung des Prinzips des Privateigentums und der sozialen Funktion darstellt, die diesem bedeutenden Raum zukommen kann. Wir verwenden sie im geläufigen Sinne, den ihnen die Demagogie gegeben hat, von Gesetzen, die unter dem Vorwand, die soziale Funktion des Eigentums durchzusetzen, dieses verstümmeln, als ob die richtige Ausübung einer Funktion die Zerstörung des entsprechenden Organismus bedeuten könnte. Der Schutz der kleinen Landbesitzer und der Arbeiter, die Teilnahme der Arbeiter am Gewinn und an der Leitung der Betriebe, wenn in den richtigen Fällen gefordert und nicht vom Gesetz aufgezwungen, der Schutz der Mieter gegen mögliche Übergriffe der Mietsherrn, haben mit den Enteignungsmaßnahmen, von denen wir gesprochen haben, nichts zu tun.

(6) Wir wollen nicht behaupten, dass jede Person, die Reformen dieser Natur vornimmt, notwendigerweise Kommunist sein muss. Der Prozess der ideologischen Umwandlung ist unbemerkt, nicht nur von denen die ihn erleiden, sondern auch mitunter von denen, die ihn durchführen.

 

7. Ein Einwurf: Unvereinbarkeit zwischen Liberalismus und Sozialismus

Man wird den Erwägungen, die wir über die sogenannten Grundreformen gemacht haben, entgegen halten, dass sie durch den Anhauch des Sozialismus entstanden sind. Wenn dem so ist, wie kann man dann dem Liberalismus in diesen Veränderungen eine Rolle zuschieben, da ja der Liberalismus das genaue Gegenteil des Sozialismus zu sein scheint?

Es ist nicht zu leugnen, dass eine gleichmacherische Ordnung ein Lenkungssystem voraussetzt, denn die Freiheit führt naturgemäß zur Ungleichheit. Die Kommunisten sehen indessen die Sache anders. Für sie muss die totale Lenkung, die der Diktatur des Proletariats eigen ist, ein für alle Male die Gleichheit unter den Menschen herstellen. Wenn das erreicht ist, hat die öffentliche Gewalt zu verschwinden und einer vollständig anarchistischen Ordnung Platz zu machen (anarchisch im sprachlichen Sinne des Wortes), in der die vollständige Freiheit keine Ungleichheit mehr zeugen wird. Für die Kommunisten gibt es nur eine vorübergehende Unvereinbarkeit zwischen Freiheit und Gleichheit. Unter der Diktatur des Proletariats wird provisorisch die Freiheit geopfert, um die totale Gleichheit einzuführen, Diese Operation bereitet indessen das anarchische Zeitalter vor, in dem volle Gleichheit und absolute Freiheit zusammenwohnen werden. Dergestalt ist in ihrem Sinn und in ihrem Ziel die kommunistische Lenkung ultraliberal. Außerdem bereitet der Liberalismus mitten im Kapitalismus das Gelände für den Kommunismus vor, was Familie und gute Sitten angeht. Im Maßstabe, wie der moralische Liberalismus den Weg für die Ehescheidung, Ehebruch, Auflehnung der Kinder und Hausangestellten bereitet, löst sich tatsächlich das Familienleben auf. Hierdurch werden die Geister mehr und mehr an eine Ordnung gewöhnt, in der keine Familie existiert. Mit anderen Worten, sie gehen der freien Liebe entgegen, die dem Kommunismus eigen ist.

8. Was es in der unbemerkten ideologischen Umwandlung Neues gibt

Dieses vielartige Abgleiten der westlichen und christlichen Gesellschaft von einer Linksposition zur anderen, mit der Richtung zum Kommunismus, ist eine alte und tiefe Erscheinung. Sie stellt durch ihr eigenes Wesen eine ideologische Umwandlung dar, mehr oder weniger unbemerkt, die die Gesellschaft leider seit Jahrhunderten mit Blickrichtung auf den Kommunismus durchmacht.

Unter diesem Gesichtspunkt ist die Erscheinung also nichts Neues.

Neu ist jedoch das Aussehen, das sie annimmt, infolge der ganz besonderen Tätigkeit, die hier und dort gewisse Kreise entfalten, um diesem Prozess durch die verschiedensten Kunstgriffe eine nie dagewesene Schnelligkeit zu verleihen. Auf der anderen Seite handelt es sich jetzt nicht mehr darum, dass dieses Abgleiten sich in Etappen vollzieht, von der Mitte zur Linken, oder von einer gemäßigten Linken zu einer Ordnung der Dinge, die absolut kommunistisch ist. Es ist also nicht auf Grund der schon erwähnten Kunstgriffe, durch die er hervorgerufen wird, sondern auch in der drastischen, direkten und unmittelbaren Tendenz zum Kommunismus, gezeichnet durch eine Schnelligkeit und einen Eifer ohnegleichen, und das zum direkten Vorteil des Kommunismus, sodass dieser Prozess eine neue Note aufweist, einen Ton von tiefem Rot, der früher kaum zu sehen war. Neu ist vor allem die unbemerkte ideologische Umwandlung, die aus einem nebensächlichen Mittel zum Hauptmittel in der vom Kommunismus angewandten Taktik zur ideologischen Welteroberung geworden ist. (7)

3. KAPITEL

 

Das Zauberwort, List der unbemerkten ideologischen Umwandlung

Im vorhergehenden Kapitel studierten wir den Prozess der unbemerkten ideologischen Umwandlung. Nun wollen wir das „Zauberwort“ (8) betrachten.

1. Überaus wirksame List

Die List, die wir hier „Zauberwort“ nennen, ist eines der wirksamsten Mittel, die unbemerkte ideologische Umwandlung zu schaffen. Sie besteht wesentlich darin, mit einer äußerst raffinierten Technik gewisse Worte zu gebrauchen, die mehr oder weniger dehnbar sind, und sich eignen,  in einer ganz besonderen Weise auf den Geist der Einzelmenschen, Gruppen oder größere Gemeinden einzuwirken.

2. Anwendungsmethode des Zauberwortes

Die Methode, durch welche mittels des Zauberwortes die unbemerkte ideologische Umwandlung erreicht wird, obwohl sie notwendigerweise jedem konkreten Fall angepasst werden muss, kann in allgemeinen Linien beschrieben werden.

 

(7) Typisches Beispiel des langsamen Abgleitens ganzer Länder zum Kommunismus hin, mittels der Anwendung der unbemerkten ideologischen Umwandlung, auf gewisse Sektoren der öffentlichen Meinung, haben wir in Algier, in Tunis und besonders in Ägypten, wo er am fortgeschrittensten scheint. Die dauernden Einschränkungen im Eigentumsrecht und freien Unternehmertum haben jene Völker zu einer Ordnung der Dinge geführt, die durchaus sozialistisch ist, und die immer mehr zu der äußersten Linken hinneigt.

Die antikommunistischen Erklärungen einiger ihrer Führer beweisen nicht, dass die von ihnen aufgezwungenen Veränderungen nicht kommunistisch sind und auch nicht zum Kommunismus neigen. Denn der kommunistische Charakter einer Veränderung entspringt deren Natur und nicht dem Anhängeschild, das ihr die Politiker geben, die sie durchführen.

Gleichermaßen bedeutet die einfache Tatsache, dass in Ägypten die kommunistische Partei verboten ist nicht, dass Nassers Reformen nicht fortgeschritten sozialistisch sind. Es wäre wirklich kindisch, behaupten zu wollen, jenes Land würde einen dem Kommunismus entgegengesetzten Kurs einschlagen.

Von der Nützlichkeit der Anwendung der unbemerkten ideologischen Umwandlung auf diese drei Nationen, vervollständigt und betont durch dauernde Grundreformen, spricht deutlich die Untätigkeit der antikommunistischen Meinung in Gegenwart der Resultate. Weder in Ägypten, noch in Algerien oder Tunis, machten sich Reaktionen bemerkbar in dem Ausmaße, wie sie es in Kuba gab, gegen die offene und sogar theatralische Bolschewisierung, die Fidel Castro betrieben hat. Auch die Weltmeinung war von den Fortschritten des Kommunismus in Nordafrika nicht so beeindruckt wie von der Bolschewisierung Kubas.

(8) Selbstverständlich verwenden wir hier das Wort „Zauber“, wie auch das Wort „magisch“, in seinem geläufigen und metaphorischen Sinn.

Wir werden diese Beschreibung vornehmen und der Einfachheit halber die Methode nehmen, wie sie von jemand auf eine begrenzte Gruppe von Personen angewandt wird. Es ist klar, dass sie auch von einer Person angewandt werden kann, die individuell auf eine andere einwirkt, oder durch eine umgrenzte Gruppe, die auf eine andere, sogar viel größere Gruppe einwirkt.

Die Anwendung dieser Methode entwickelt sich fortlaufend, wie wir im Folgenden beschreiben werden.

A. Ein Punkt der Beeindruckbarkeit

Als Ausgangspunkt sieht die Methode bei denen, auf die sie angewandt wird, eine spezielle Empfänglichkeit in irgend einem Gegenstand vor.

1) Im Rahmen der Sozialprobleme wird dieser Punkt der Beeindruckbarkeit zum Beispiel sein:

a) Eine schreiende Ungerechtigkeit, wie sie es bei gewissen Klassenvorrechten geben kann;

b) Ein besonders gefürchtetes Risiko, wie das einer Sozialrevolution;

e) Ein zur Zeit bestehendes Unheil, wie Hunger oder Krankheit.

2) Im Rahmen der ideologischen, philosophischen, religiösen Probleme, usw., kann der Punkt der Beeindruckbarkeit unter anderem sein:

a) Das Unglück derer, die sich im Irrtum befinden, z. B. Irrgläubige, Heiden, Juden und andere getrennte Brüder (9) und die drängende Notwendigkeit, sie aufzuklären und zu belehren;

 

(9) Im Verlauf dieser Studie verwenden wir öfters den Ausdruck „getrennte Brüder“, der heute so geläufig ist. Mitunter mischen wir darunter die Worte „Irrgläubige und Schismatiker“, die in gewissen Kreisen stets weniger gebraucht “ werden. So gingen wir absichtlich vor, denn auch „getrennte Brüder“ ist ein Ausdruck, der seinerseits dem Zaubergebrauch unterworfen ist.

Alle Menschen sind Brüder, weil sie vom selben Gott erschaffen wurden und vom selben Menschenpaar abstammen. In edlerem Sinne sind ferner alle die „Brüder“,, die an Jesus Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch und Erlöser der Menschheit glauben und in seinem Namen getauft wurden. So tief und so stark auch die Verschiedenheiten zwischen den Menschen sein mögen, diese Titel der Brüderlichkeit, verschwinden deswegen doch nicht. Es gibt also nichts Gerechtfertigteres als die Bezeichnung „getrennte Brüder“.

„Gerechtfertigt“ zu sagen, ist noch wenig. Der Ausdruck, der einen offenen Nachdruck auf das Hauptwort „Brüder“ legt, hat das Verdienst, denen, die ihn gebrauchen, ein lebendiges Bewusstsein zu geben von der Existenz dieser brüderlichen Beziehungen über alle Spaltungen. Aus diesem Grunde stellt er einen nützlichen Faktor für apostolische Annäherung dar.

Wenn es aber nötig ist, mitunter zu betonen, dass so viele von uns getrennte Menschen Brüder sind, so ist es nicht weniger nötig, bei anderen Gelegenheiten zu betonen, dass diese Brüder nicht irgendwelche Brüder sind, sondern im Gegenteil, von uns tiefgehend getrennt sind. Denn in der Wertschätzung beider Elemente – Brüderlichkeit und Trennung – liegt die volle Wahrheit bezüglich der Lage der Nichtkatholiken den Katholiken gegenüber.

Nun, die Worte Irrglauben und Schisma drücken die Natur dieser Trennung mit wunderbarer moralischer und kanonischer Genauigkeit aus, indem sie uns ins Gedächtnis rufen: die lehrende und richtige Autorität der Kirche, die Schwere des Irrtums oder der Auflehnung gegen diese, die Strenge der Kirchenstrafen und die Notwendigkeit, dass die Katholiken sich vor der Ansteckung durch die Ungläubigen hüten müssen.

Daher bedeutet es eine regelrechte Zauberverstümmelung der wirklichen Ausdehnung dieser Trennung, wollte man den Gebrauch der Worte „Irrgläubiger und Schismatiker“ seltener machen und nur von getrennten Brüdern reden. Eine Verstümmelung, die besonders schädlich ist in einem Klima, das von Irenismus und religiösem Relativismus verpestet ist, wie das unsere.

Das könnte uns soweit führen, dass eine gewisse holländische katholische Zeitschrift geistreich fragte, wann wir anfangen werden, das Wort Teufel zu verpönen und nur vom „getrennten Engel“ zu sprechen.

 

b) Der für unmittelbar bevorstehend gehaltene Sieg, im lokalen oder weltweiten Umfang, einer verkehrten Ideologie – z. B. des Marxismus – mit all seinen religiösen, kulturellen und moralischen Folgen, die sich daraus ergeben.

c) Das Risiko, dass durch den sich steigernden Kampf der entgegengesetzten Ideologien und Regime, sich die gefährlichsten Spannungen, die die heutige Welt quälen, bis zum Wahnsinn des Atomkrieges steigern könnten.

B. Ein Punkt der Gleichgültigkeit

Am Anfang des Prozesses sieht die Methode bei denen, auf die sie einwirken soll, auch einen Punkt der Gleichgültigkeit oder der Unbekümmertheit vor, der symmetrisch zum Punkt der Beeindruckbarkeit liegt.

1) Im Rahmen der Sozialprobleme kann dieser symmetrische Punkt z. B. sein:

a) Unempfindlichkeiten gegen offenkundige Ungerechtigkeiten, die keineswegs weniger offensichtlich oder weniger zahlreich sind als diejenigen, die mit Vorrechten verbunden sind und die man mit Recht verabscheut. Wir wollen hier nur an die äußerst schweren und so verallgemeinerten Ungerechtigkeiten erinnern, die mit der systematischen Zermalmung der Rechte von Personen, Familien, Sozialgruppen oder Gegenden verbunden sind, und die durch die fortschreitende Vermassung der zeitgenössischen Gesellschaft verursacht werden, (mit andern Worten, durch die Umwandlung der Völker in Massen) laut der bekannten Lehre von Pius XII, Rundfunkbotschaft zu Weihnachten 1944 (Discorsi e Radiomessaggi, Band VI, S. 239). Diese Vermassung kann entweder durch die Veränderung der Sitten oder durch die Wirkung der sozialistischen Gesetze stattfinden, die in den nichtkommunistischen Ländern immer zahlreicher werden, aber auch stattfinden durch die Einführung der sogenannten Diktatur des Proletariats in den Ländern, wo der Kommunismus siegt. So opfert man ohne Gnade auf dem Altar dessen, was viele Sozialisierung nennen, nicht nur rechtmäßige, persönliche, familiäre oder regionale Eigenheiten, die unschätzbare Werte darstellen, sondern auch kulturelle oder soziale organische Ungleichheiten, die auf gerechten Gründen moralischer, intellektueller oder wirtschaftlicher Ordnung fußen.

b) Die Unempfindsamkeit gegenüber der Überlegung, dass eine soziale Revolution ein sehr großes Übel ist, wegen ihrer gewöhnlich ungerechten und Verderben bringenden Ziele, und dass es nichts Absurderes gibt, als unter allen Umständen die Revolution vereiteln zu wollen, indem man sie von oben nach unten macht und dabei genau zu denselben ungerechten und Verderben bringenden Zielen gelangt, die man zu vermeiden trachtete. Mit anderen Worten, es ist absurd, auf Veranlassung der natürlichen Hüter der Ordnung, die Reform von oben nach unten durchzuführen, die die kommunistische Taktik von unten nach oben aufzwingen will, da dies für die ganze Gesellschaft bedeutet: „Propter vitam vivendi perdere causas“. (Juvenal, Sat. VIII, 84).

c) Die Unempfindsamkeit gegenüber der Tatsache, dass, wenn man gegen Hunger und Krankheit (hier als Sozialübel betrachtet) alles tun muss, was möglich ist, man auf keinen Fall das Unmögliche, das Utopische versuchen darf, denn dies würde in mehr oder weniger kurzer Frist die Übel, die man bekämpfen will, nur verschlimmern. In vielen Fällen sind die tiefgreifenden und dauerhaften Lösungen dieser Übel langwierig. Das ist kein Grund, sie ohne Eile anzuwenden, sondern es kommt darauf an, sie in der Praxis mit doppelter Sorgfalt anzuwenden, um zu vermeiden, dass zu der natürlichen Verzögerung der Heilung noch eine tadelnswerte Verzögerung kommt, die durch unsere Unachtsamkeit entsteht. Oft muss man jedoch auf den voreiligen Wunsch nach sofortigen Resultaten verzichten. Dieser Wunsch setzt uns in Wirklichkeit der Gefahr aus, den wirklichen Lösungen, die gewaltsamen Allheilmittel vorzuziehen, die nur in dem von der Demagogie vorgegaukelten Scheine wirksam sind.

2) Im Rahmen der ebenfalls symmetrischen ideologischen Probleme können die folgenden Gleichgültigkeits- oder Unbekümmertheitspunkte angeführt werden:

a) Die Unempfindlichkeit gegenüber den Gefahren eines ungemäßigten apostolischen Eifers. Wenn es das höchste Glück ist, die wahre Religion zu besitzen, so sind gewiss diejenigen, die sie nicht kennen, aufs tiefste zu bedauern, und loben muss man diejenigen, die alle Mittel anwenden, um unsere getrennten Brüder zur Einheit des Glaubens zu bringen. Es bedeutet also für uns ein wirkliches Risiko, wenn wir durch Trägheit oder Unkenntnis irgendeine Tat unterlassen, die zu diesem Ziele führen könnte. Man darf jedoch auch nicht gegen die Gefahren unempfindlich sein, die durch die ungebändigte Glut des Apostels oder durch den naturalistischen Charakter seiner Methoden entstehen können. Ungeordneter Eifer und Naturalismus können die Anwendung von ungeeigneten Techniken zum Anlocken der Nichtkatholiken zur Folge haben, wie z. B.: verschwommene Begriffe, ausdrückliche oder verschleierte Zugeständnisse, usw. Wenn man nur die apostolische Wirksamkeit dieser schlechten Kniffe in Betracht ziehen will, muss man bedenken, dass die am besten Unterrichteten und die Folgerichtigsten unter unsern getrennten Brüdern weit davon entfernt sind, sich durch derartige Listen fangen zu lassen, sondern sie mit Vorsicht wahrnehmen. Gerade die Besten und diejenigen, die sich am leichtesten nähern könnten, behalten uns im Auge, um uns nach unserer Aufrichtigkeit und unserer Folgerichtigkeit im Glauben, den wir bekennen, zu beurteilen. Es kann ihnen nur Traurigkeit und Abscheu verursachen, wenn sie sehen, dass wir im Eifer, Bekehrungen zu erreichen, uns mehr auf moralisch zweifelhafte Techniken als auf das Übernatürliche verlassen. Das ist eine ganze Reihe weiterer Gefahren, gegen die wir nicht unempfindlich sein dürfen. Schließlich und vor allen Dingen können wir der Gefahr gegenüber nicht gleichgültig sein, unsere eigenen katholischen Brüder, Glaubensschwankungen auszusetzen, indem wir ihnen zureden – unter dem Schlagwort des friedlichen Zusammenlebens mit den getrennten Brüdern – Konferenzen und Reden zu hören, Bücher zu lesen und an Versammlungen teilzunehmen, in denen der Irrglaube, die Spaltung, der Atheismus und die moralische Korruption ihnen in die Seele dringen. (10) Wir müssen noch mehr danach trachten, die Katholiken zu halten, als die Ungläubigen zu bekehren. Denn in der Rangordnung der Nächstenliebe verdient keiner größere Liebe als der Bruder, der am gleichen Glauben teilnimmt, wie Paulus betont: „Also, so lange wir Zeit haben, wollen wir allen Gutes tun, besonders den Brüdern im Glauben“. (Gal. 6. 10).

 

 

(10) Dieses Risiko war zugegen unter den Sorgen des zweiten Vatikanischen Konzils, das bestimmte, dass die Aufgabe, die Gedanken unserer getrennten Brüder näher kennenzulernen und ihnen unsern Glauben am besten vorzulegen durch Versammlungen, bei denen hauptsächlich von theologischen Fragen gesprochen wird, nicht für irgendeinen Katholiken ist, sondern nur für wirklich kompetente Personen unter der Aufsicht der Bischöfe. Es ist klar, dass man unter wirklich „kompetenten Personen“ solche versteht, die nicht nur genügend Studium besitzen, um unbeschadet den irrgläubigen Sophismen widerstehen zu können, sondern auch die nötige Kraft in der theologischen Tugend des Glaubens haben.

 

b) Die Unempfindlichkeit gegenüber der Unerlaubtheit des Verzichtes auf einige höchste und unabänderliche Prinzipien, und der Annahme einiger Irrtümer des Marxismus, um damit einen totalen Sieg desselben zu vermeiden. Der Sieg des Marxismus ist gewiss Ursache katastrophalen Unglücks. Die größte Gefahr liegt jedoch nicht darin, dass wir von ihm auf dem militärischen oder politischen Feld besiegt werden, sondern darin, dass wir vor dem Sieger das Knie beugen. Einen „modus vivendi“ annehmen, der den Verzicht auf Grundsätze bedingt, um die schrecklichen Folgen unserer Niederlage zu vermeiden, direkt oder stillschweigend z. B. auf die Einrichtung des Privateigentums verzichten, um die Religionsausübung zu erreichen, ist tausendmal schlimmer als die Verfolgung erleiden, die wegen einer edlen und heiligmässig treuen Haltung zur Rechtgläubigkeit über die Menschen hereinbrechen kann.

c) Die Unempfindlichkeit gegenüber der Gefahr, dass infolge des Schweigens und der Trägheit der Christen, der Kommunismus die Welt überrascht. Wenn die Kommunisten uns abrupt vor die Wahl stellen, auf den Kampf gegen ihre Irrtümer zu verzichten, oder das Risiko eines Krieges auf uns zu nehmen, so verlangen sie von uns indirekt, dass wir zwischen der Erfüllung unserer Christenpflicht und einem regelrechten Abfall wählen. In diesem Fall muss man wie Petrus sagen, koste es was es wolle: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“. (Apg. 529).

C. Das Zauberwort

In dieser Ausgangsstellung, in der der Patient, dank der Einseitigkeit seines Geisteszustandes, schon für die psychologische Aktion, die er erleiden soll, vorbereitet erscheint, kann die Anwendung eines wohlgewählten Wortes erstaunliche Wirkungen erzielen. Es ist das Zauberwort. Es handelt sich um ein Wort, dessen rechtmäßiger Sinn sympathisch und mitunter sogar edel ist, jedoch eine gewisse Dehnbarkeit besitzt. Wendet man ein solches Wort in einem tendenziösen Sinn an, so beginnt es für den Patienten in einem neuen Glanz zu leuchten, der ihn bezaubert und ihn viel weiter führt, als er denken könnte.

Wir wollen einige dieser gesunden und sogar edlen Worte anführen. Wie oft wurden sie verdreht, entstellt, verfälscht, auf mannigfache Art vergewaltigt und haben dann für wie viele Missverständnisse, Irrtümer und Fehler als Aushängeschild gedient! Man kann sogar sagen, dass die Wirkung dieser Technik umso schädlicher ist, je würdiger und hochstehender der Inhalt des Wortes ist, das so missbraucht wird. „Corruptio optimi pessima“. Unter den Worten, die einen würdigen Sinn haben und die so in täuschende Zaubermittel im Dienste des Irrtums verwandelt werden, können aufgezählt werden: Soziale Gerechtigkeit, Dialog, Friede, Pazifismus, Koexistenz.

D. … das eine Konstellation von Zuneigungen und Abneigungen erzeugt

Wenn irgendeinem dieser Worte ein neuer Sinn eingeimpft wird, erzeugt es in den Personen, die sich in dem unter A und B angegebenen Geisteszustand befinden, eine vollständige Konstellation von Eindrücken und Empfindungen, von Zuneigung und Abneigungen. Diese Konstellation, wie wir weiter sehen werden, orientiert die Personen nach neuen ideologischen Richtungen, zum philosophischen Relativismus, zur religiösen Gleichmacherei, zum Sozialismus, zur sogenannten Politik der offenen Hand, zur offenen Zusammenarbeit mit dem Kommunismus und schließlich zur Annahme der marxistischen Lehre.

E. … mit großen Propagandaqualitäten

Zu diesen ideologischen Richtungen wird das Opfer der Umwandlung mehr und mehr durch den Einfluss der Propaganda hingezogen. Die Zauberworte entsprechen dem, was die Propagandaorgane im allgemeinen als modern, sympathisch und anziehend betrachten. Aus diesem Grunde können die Konferenzisten, Redner oder Schriftsteller, die solche Worte gebrauchen, mit größter Möglichkeit rechnen, in der Presse, im Radio und im Fernsehen guten Anklang zu finden. Und das ist der Grund, weshalb der Radiohörer, der Fernsehzuschauer, der Zeitungs- oder Zeitschriftenleser auf Schritt und Tritt diese Worte antrifft, die in seiner Seele immer tieferen Anklang finden.

F. … dessen Dehnbarkeit zu Propagandazwecken missbraucht wird

Diese Propagandagabe des Zauberwortes verleitet den Schriftsteller, Redner, Konferenzisten dazu, es mit steigender Häufigkeit zu benutzen, zu jedmöglichem Zweck und auch ohne Zweck. Denn dadurch wird es ihnen leichter, Beifall zu finden. Und um die Gelegenheit, ein solches Wort zu gebrauchen, zu vermehren, handhaben sie es in immer gewagterem Sinne, wozu sich seine natürliche Dehnbarkeit fast bis zum Absurden eignet.

G. … das stark radikalisiert werden kann

Nachdem so für das Zauberwort ein weites Anwendungsfeld geschaffen ist, wobei jede Anwendung jeweils gewagter ist, setzen die frechsten unter ihnen, und gerade daher die hervorstechendsten, die gemäßigteren, sinnvollen und geläufigen Anwendungsarten außer Kurs. Und wer noch vor Zeiten ein Zauberwort gebrauchte oder billigte, in seinem nur wenig veränderten Sinn, wird dazu übergehen, es in einem ständig mehr extremistischen Sinn zu verwenden und zu billigen, bis er zum Klimax kommt. Darin besteht die Erscheinung der Radikalisierung des Zauberwortes.

H. … das auf diese Art die unbemerkte ideologische Umwandlung bewirkt

Die Radikalisierung des Zauberwortes bewirkt von sich aus die unbemerkte ideologische Umwandlung in denen, die es gebrauchen, denn vom Zauber des Wortes gefangengenommen nehmen sie ohne weiteres die fortlaufend radikalen Bedeutungen, die es annimmt, als höchste und eifrig bekannte Ideale an.

Gleichzeitig produzieren diese Ideale, mit der Kraft der Werte, die als höchste angenommen werden, im Umwandlungsopfer alle Änderungen der inneren und äußeren Haltung bezüglich des Gegners von gestern, die wir im vorigen Kapitel (Absatz 4) beschrieben haben.

So dient das Zauberwort dazu, den Prozess der unbemerkten ideologischen Umwandlung auszulösen und zu Ende zu führen.

3. Wie der Erfolg der List des Zauberwortes verhindert werden kann

Der Leser wird sich natürlich fragen, ob es ein Mittel gibt, den Erfolg der List, den wir beschrieben haben, zu verhindern. Dieses Mittel gibt es. Es ist leicht zu verstehen, wenn man einige Charaktereigenschaften des Zauberwortes in Betracht zieht.

A. Das Zauberwort will nicht gern einen genauen Sinn angeben

Das radikalisierte Zauberwort sträubt sich dagegen, seinen exakten Sinn preiszugeben. Tatsächlich besteht seine große Macht in der Gemütsbewegung, die es verursacht. Die Angabe des genauen Sinnes, die die analytische Aufmerksamkeit dessen, der es gebraucht oder hört, auf sich zieht, würde „ipso facto“ die fühl- und greifbare Wirksamkeit des Wortes stören und hindern. Das Zauberwort hält daher hartnäckig seinen Sinn verschleiert und ist so Mittel und Unterschlupf seines wachsenden gemütserregenden Inhalts.

 

B. Die Angabe des genauen Sinnes entzaubert die magische Kraft des Zauberwortes

Die Wirkung des Zauberwortes kann also entzaubert werden, indem man seinen ganz genauen Sinn festlegt. So versteht sich der Nutzen der gegenwärtigen Arbeit, die den Zweck hat, den Interessierten das Mittel zur Verfügung zu stellen, um den Prozess der unbemerkten ideologischen Umwandlung durch Entzauberung des Zauberwortes zu stoppen.

  1. Gebrauchsbeschränkung der Wörter mit Zauberbedeutung

Es wäre überflüssig hinzuzufügen, dass es sich hier nicht darum handelt, zu empfehlen, dass man das mit Zauberbedeutung geimpfte Wort niemals gebrauche, sondern nur, dass man es lediglich zweckmäßig und stets in seinem natürlichen und rechtmäßigen Sinn gebrauche.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

4. KAPITEL

 

 

Beispiel eines Zauberwortes: „Dialog“

 

Die von uns gemachten summarischen Angaben werden vielleicht allzu abstrakt scheinen. Daher werden wir in diesem Kapitel an Hand von Beispielen erklären, wie die Zauberworte angewandt werden, indem wir untersuchen, wie eines derselben, das des „Dialog“, gebraucht wird. um die unbemerkte ideologische Umwandlung in der Richtung zum Hegelschen Relativismus und Marxismus hervorzurufen.

1.     „Dialog“: richtige Bedeutungen

A. Die angewandte Methode

Für die Beschreibung des Prozesses der unbemerkten ideologischen Umwandlung, die durch aufeinanderfolgende „Zauber“-begriffsveränderungen des Wortes „Dialog“ getätigt wird, muss man:

– vorher die natürlichen und richtigen Bedeutungen dieses Wortes studieren;

– angeben, in welcher von ihnen die Entwicklung zu einer ersten „Zauber“-bedeutung stattfindet;

– beschreiben, wie von diesem Ausgangspunkt aus, und unter der Wirkung des Doppelbegriffes Angst-Sympathie, die nachfolgenden Zauberbegriffe ineinandergreifen und die unbemerkte ideologische Umwandlung hervorrufen.

B. Die natürlichen und richtigen Bedeutungen

a) Vorbereitender Charakter seines Studiums

Dieser Teil des Studiums hat lediglich vorbereitenden Charakter. Für die exakte Analyse des Zauberprozesses, die wir nachher vornehmen werden, ist es für den Leser praktisch, mit größter Klarheit unter der Gesamtheit der natürlichen und richtigen Bedeutungen des „Dialogs“ zwischen denjenigen, wo die erste Zauberverdrehung stattfindet und den anderen zu unterscheiden. Auch ist es für den Leser vorteilhaft, die Elemente klar vor Augen zu haben, die diesen richtigen Sinn darstellen, in dem die erste Verdrehung stattfindet, um so die Veränderungen besser verstehen zu können, die diese Elemente in jeder Etappe der Zauberradikalisierung erleiden.

b) Vielfältigkeit der richtigen Bedeutungen

Wenn wir die geläufigen Bedeutungen des Wortes, das uns gegenwärtig beschäftigt, analysieren, sowie auch die anderer, die mit ihm einen gewissen Zusammenhang haben, wie Dialektik, Diskussion, Polemik, usw., so können wir feststellen, dass man ihm ganz verschiedene und mitunter sogar entgegengesetzte Bedeutungen zuschreibt. Das geschieht sowohl in gebildeten Kreisen, wie in denen mit mittelmäßiger oder geringer Schulbildung. Im Laufe der Jahre hat der Empfindungskomplex, den man einigen dieser Worte anhängte, ihren Sinn verwandelt, sodass Personen verschiedener Generationen sie auch in verschiedener Art verstehen. Von einer Gegend zur anderen in Brasilien, und mit mehr Recht von Land zu Land, zeigen sich mitunter fühlbare Unterschiede.

Diese Erfahrung beschränkt sich nicht nur auf den geläufigen Gebrauch, denn selbst in der Philosophie hat z. B. das Wort „Dialektik“ derart verschiedene Bedeutungen, daß man, laut „Vocabulaire Technique e Critique de la Philosophie de A. Lalande“ es nicht anwenden kann, ohne ganz genau festzulegen, welche Bedeutung man ihm geben will.

c) Wie studiert man diese Bedeutungen?

Um die verschiedenen richtigen Bedeutungen des Wortes Dialog genau zu studieren, wäre es ratsam, eine Bestandaufnahme derselben, ein Studium jeder einzelnen und eine prüfende Gegenüberstellung mit den anderen zu machen.

Da jedoch die gegenwärtige Arbeit nicht vorwiegend sprachlichen Charakter hat, empfiehlt es sich, auf kürzere und klare Art vorzugehen und den sprachlichen Grundbegriff von „Dialog“ zu beleuchten, da er ja als Grundelement in allen Wandlungen des Wortes vorkommt, und nachher eine Klassifizierung derselben zu machen, nach einer doppelten Richtlinie, die wir gleich angeben werden.

Diese Methode zeigt uns eine Übersicht der Bedeutungen dieses Wortes und erlaubt uns, mit der nötigen Genauigkeit die richtige Bedeutung, die durch den Zauberprozess verfälscht wird, in ihrer eigenen Klasse einzustufen.

d) Richtlinien für die Klassifizierung

Die Klassifizierung der verschiedenen Bedeutungen des Wortes „Dialog“ geschieht:

– vom Zweck des Dialogs aus gesehen;

– von der Gemütshaltung der sich besprechenden Personen aus gesehen, aus der sich verschiedene Formen für den Dialog ergeben.

Betrachtet man die Arten des Dialogs von diesen Gesichtspunkten aus, so kann man leicht feststellen, dass jeder Art eine besondere Bedeutung des Wortes entspricht.

e) Begriffsliste

Versieht man jede der klassifizierten Bedeutungen, zwecks größerer Klarheit, mit einem ergänzenden und erklärenden Wort, so entsteht eine Liste von Bedeutungen, womit der Leser ohne große Mühe unserer Studie folgen kann.

f) Auslese der Bedeutungen

Es kann sein, dass einige rechtmäßige Bedeutungen von „Dialog“ nicht in der Klassifizierung enthalten sind. Unsere Absicht war, nicht alle in Betracht zu ziehen, sondern nur diejenigen, die mit Rücksicht auf die für die Klassifizierung geltenden Richtlinien am wichtigsten sind, d. h., solche, die der eigenen Natur des Dialogs entsprechen.

g) Wichtiger Wink

Wie man leicht sehen wird, ist es für das Verständnis unserer These nicht von großer Wichtigkeit, dass der Leser andere Richtlinien für die Klassifizierung vorzieht, oder dass er bedauert, es sei in dem von uns angewandten System irgendeine Bedeutung von „Dialog“ ausgelassen worden.

Es hat nämlich die von uns vorgeschlagene Klassifizierung lediglich nur vorbereitenden Charakter. Unsere Ausführungen sind leicht zu verstehen und zu folgen, wenn der Leser sich an die verschiedenen Anwendungsarten von „Dialog“ erinnert, die wir hier erklären, mit Hilfe zusätzlicher Worte, die in unserer Begriffsliste vorkommen.

h) Sprachliche Untersuchung von „Dialog“

In der Sprachkunde des Wortes „Dialog“ finden sich die Elemente zur Bestimmung seiner Bedeutung.

Das griechische Wort dialogos setzt sich zusammen aus dia was Trennung, Zerlegung bedeutet, und aus logos was Wort bedeutet. Daher die Verwendung von „Dialog“ bei Sokrates und Plato, um die Form der intellektuellen Ausarbeit zu bezeichnen, in der zwei oder mehrere Gesprächspartner sich bemühen, durch Fragen und Antworten den Dingen auf den Grund zu kommen. (11)

Man versteht, dass auf der Basis dieser Sprachkunde, das Wort ,;Dialog“ in breitem Sinne genommen, dahin gekommen ist (wie die Wörterbücher aufweisen), dass es in den wichtigsten westlichen Sprachen jede Art von Unterhaltung bedeutet. (12)

i) Abarten des Dialogs mit Rücksicht auf seinen Zweck

Bei Dialog in breitem Sinne genommen, muss eine erste Unterteilung vorgenommen werden Im Verlauf der Ausführungen werden wir leicht sehen, welche Tragweite diese Unterteilung hat. Der Dialog von seinem Zweck aus gesehen:

 

(11) Die Dialektik, wie Aristoteles sie versteht, zwar von Plato inspiriert, scheint uns nicht direkt mit dem gegenwärtigen Thema Verbindung zu haben.

(12) In der Enzyklika „Ecclesiam Saum“ gebraucht der Hl. Vater Paul VI., bei der Behandlung des Dialogs das lateinische Wort colloquium (loqui cum) dessen gleichbedeutendes „Kolloquium“ im Deutschen ebenfalls dient, im weiteren Sinne irgendeine Art der Unterhaltung zu kennzeichnen.

 

1) ist entweder so, dass die Gesprächspartner nicht die Absicht haben, die Überzeugung des andern zu ändern, was eintreten kann:

a) wenn der Dialog dem reinen Austausch von Informationen oder der Unterhaltung der Partner dient. (Diese Art werden wir „Unterhaltungsdialog“ nennen) ;

b) wenn der Dialog darauf ausgeht, die Mitarbeit der Partner zur Untersuchung oder Analyse einer Sache, die beide ungenügend kennen, zu erreichen. (Diese Art werden wir „Untersuchungsdialog“ nennen) ;

2) oder er ist so, dass die Gesprächspartner über die in Frage kommende Sache verschieden denken, und jeder darauf aus ist, den andern durch Argumente zu bereden, seine Überzeugungen zu ändern (Diskussion). (13).

j) Gemütshaltungen, die damit im Einklang stehen

Diesen verschiedenen Zwecken und Absichten entsprechen verschiedene Gemütshaltungen der Personen, die am Dialog teilnehmen:

1) Wenn die Gesprächspartner keine gegenseitigen Meinungsänderungen beabsichtigen, ist die Gemütshaltung die der Entspannung:

a) diese Entspannung ist vollständig und fortlaufend beim Unterhaltungsdialog;

b) sie ist auch vollständig im Falle des Untersuchungsdialogs, aber da im Verlauf der Untersuchung gelegentlich und vorübergehend eine Meinungsverschiedenheit auftreten kann, ist es möglich, dass eine vorübergehende Spannung des Untersuchungsdialogs entsteht. (14).

 

(13) Im Gegensatz zur Diskussion und besonders zum Untersuchungsdialog hat der Unterhaltungsdialog nur eine entfernte Beziehung zum Dialog im platonischen Sinn.

(14) Wenn der Untersuchungsdialog eventuelle Meinungsverschiedenheiten aufwirft, was ist dann der Unterschied zwischen ihm und der Diskussion? Der Untersuchungsdialog handelt nicht von einem Thema, über das die Gesprächspartner uneinig sind. sondern von einem Thema, das sie, wenigstens zum Teil, nicht kennen. Die Meinungsverschiedenheit ist bei ihm nur eine zufällige und sporadische Erscheinung, über irgendeinen Punkt der Untersuchung. Die Diskussion hat zu ihrem Gegenstand etwas, über das Uneinigkeit herrscht, und sie umfasst grundsätzlich und dauernd, den Kampf der Argumente.

 

2) Im Falle der Diskussion ist die Gemütshaltung der Gesprächspartner für gewöhnlich verschieden: die Meinungsverschiedenheiten erzeugen zwischen ihnen eine Ungleichheit, die von sich aus ein Hindernis für die Sympathie darstellt; die Argumentierung mit der jeder den andern überzeugen will, kann leicht Beziehungen hervorrufen, die, je nach dem einzelnen Fall, mehr oder weniger Ähnlichkeit mit einer Auseinandersetzung haben.

Der Dialog umfasst so zwei Grundarten, die sich durch ihren Zweck unterscheiden und folglich auch durch die Gemütshaltung, die die Beziehungen der Gesprächspartner zu einander kennzeichnet.

k) Dialog „lato sensu“, Dialog „stricto sensu“ und Diskussion

Für die oben beschriebene Art des Dialogs, unter Nr. 2, c, k, j ist das Wort Diskussion (vom lateinischen „discutere“: „dis“ = Trennung und „quatere = erregen) vollkommen geeignet.

Aber wie soll man die unter Nr. 1 angegebene Form der Dialoge bezeichnen? Für diese Form gibt es kein unterscheidendes Wort. Auch sie heißt „Dialog“! Daher ergibt sich ein unbegrenzter Sinn für das Wort Dialog, der die Art Nr. 1 bezeichnet (die wiederum den Unterhaltungs- und Untersuchungsdialog umfasst), neben dem weitbegrenzten, bereits analysierten sprachlichen Sinn.

 

Hinsichtlich dieser beiden Bedeutungen von „Dialog“, welches ist die Stellung von „Diskussion“? Sie bezeichnet, wie wir gesehen haben, eine der Arten von Dialog „lato sensu“, und auf der anderen Seite, wie sich innerhalb der Gattungen die Arten unterscheiden und sich entgegengesetzt sind, so ist ,;Diskussion“ das Gegenteil von „Dialog“ im unbegrenzten Sinne.

1) Diskussionsdialog, reine und einfache Diskussion, Polemik

In Bezug auf die Diskussion muss man auch Unterscheidungen vornehmen. Sie umfasst drei Intensitätsgrade:

1) Die Diskussion kann einen überaus heiteren und herzlichen Charakter haben, sodass sie, obwohl sie alle Eigenschaften einer Diskussion beibehält, doch die angenehme Form aufweist, die dem Dialog „stricto sensu“ eigen ist. Da jeder Gesprächspartner die Meinung des anderen ändern möchte, haben wir hier eine authentische Diskussion vor uns und nicht einen Dialog im engeren Sinne. Lediglich in etwas Nebensächlichem, das heißt, in seiner Form, in der Sanftheit der Behandlung hat diese Art von Diskussion Ähnlichkeit mit dem Dialog „stricto sensu“. Daher wird der Ausdruck Dialog auf diese Art Diskussion nicht nur in weitem Sinne angewandt, sondern auch auf einen besonderen Titel, der gleichsam durch Assimilation abgeleitet ist von der nur nebensächlichen Ähnlichkeit, die zwischen Dialog „stricto: sensu“ und dieser Art Diskussion besteht.

2) Bei einem zweiten Intensitätsgrad hat die Diskussion die Gemütserregung, die einer Unterhaltung eigen ist, und bei der jeder Partner die Überzeugung des anderen ändern möchte. Diese Art – die dem geläufigen Sinn des Wortes „Diskussion“ entspricht – wollen wir reine und einfache Diskussion nennen.

3) Die Diskussion kann schließlich sehr heftig werden und wird dann Polemik genannt (vom Griechischen moynos = Krieg). Wegen ihrer besonderen Heftigkeit hat die Polemik gewöhnlich einen lauten Charakter, und wenn es sich um doktrinäre Fragen handelt, geht sie auch leicht auf das Gebiet persönlicher Angriffe über (15).

 

(15) Es ist nützlich, hier eine Gegenüberstellung zwischen der Terminologie zu machen, die wir hier anwenden und der, die der Hl. Vater Paul Vl. in seiner Enzyklika „Ecclesiam Suam“ angewandt hat.

Das Thema dieses historischen Dokumentes ist ein ganz anderes als das, was uns hier beschäftigt. Der Papst trachtet grundsätzlich das zu lehren, was er den Dialog der Rettung nennt, den apostolischen Dialog der Kirche, indem er hauptsächlich seine Charakterseiten aufzeigt, seine Arten und die gewaltigen Ausdehnungen, die die ganze Menschheit umfasst.

Folglich befasst sich die Enzyklika nur nebenbei mit gewissen negativen Gestalten des Dialogs, wie z. B., der Hypothese eines Dialogs mit den Kommunisten, die sie als „ziemlich schwierig, wenn nicht unmöglich“ taxiert, oder der Unmöglichkeit des Dialogs mit den Nichtkatholiken, wenn diese ihn auf der ganzen Linie ablehnen oder nur vorgeben, ihn annehmen zu wollen.

Auch auf die Gefahr des Irenismus im Dialog kommt der Hl. Vater nur nebenbei zu sprechen. In der gegenwärtigen Studie jedoch, ist der Dialog, den man analysieren und der öffentlichen Meinung vorlegen will, das genaue Gegenteil.

Es ist nicht der von der Kirche gewünschte Dialog, um die Seelen anzuziehen, sondern der listig vom Kommunismus verfälschte Dialog, der dazu dient, die Seelen von der Kirche abzulenken oder fernzuhalten. Und lediglich zwecks Vorbereitung und Erklärung befassen wir uns mit dem guten Dialog.

Im Panorama der Enzyklika verwirft sie alle Formen der Unterhaltung zwischen Katholiken und Nichtkatholiken, und im Bezug auf ihren kämpferischen Charakter und selbst die Polemik, nur dann wenn sie beleidigend sind, und wie es oft vorkommt, gewalttätig.

Der Papst schließt also die gute Diskussion und die gute Polemik nicht aus. So umfasst, im Sinne der Enzyklika, die Unterhaltung, die wir in dieser Studie den Dialog im weiten Sinne nennen, als moralisch gerechtfertigte Formen (außer dem Unterhaltungs- und Untersuchungsdialog, wie ja klar ist), die drei Arten der Diskussion, die wir Diskussionsdialog, reine und einfache Diskussion und Polemik genannt haben.

Es ist jedoch leicht festzustellen, dass der Papst seine Aufmerksamkeit besonders dem Diskussionsdialog zuwendet, und dass er ihn als den betrachtet, der am besten den Charakter der Diskussion verkörpert. Unter diesem Gesichtspunkt sind die reine und einfache Diskussion und die Polemik berechtigte und authentische Formen des Dialogs, wenn auch nicht so vollständig. All dies haben wir gesagt, um die Harmonie zu beweisen, die besteht zwischen dem, was wir über Dialog gesagt haben und dem was die Enzyklika über den Dialog der Rettung sagte.

Verschiedene Vorwürfe, die wir dem schlechten Dialog machen, unterscheiden ihn grundlegend vom apostolischen Dialog, der von der Kirche gelehrt wird durch die Enzyklika Ecclesiam Suam.

Dieses Letztere hat nichts von Relativistischem an sich, sondern bezweckt wesentlich die Bekehrung des nichtkatholischen Teils.

Sie nimmt auch nicht an der irenistischen Illusion teil, dass der nichtkatholische Partner immer im guten Glauben handelt. Die Enzyklika, wenn sie von möglicher Unaufrichtigkeit gewisser Gesprächspartner, der Härte derer, die die Ohren gegenüber den Versuchen des Dialogs der Kirche verschließen, spricht, weiß wohl, dass die Erbsünde im Menschen ihre Wirkungen hinterlassen hat.

Zu guter Letzt, wenn die „Ecclesiam Suam“ vom Irenismus nur im Vorbeigehen spricht, so ist es nicht weniger sicher, daß sie ihn ausdrücklich ablehnt, und man kann die Befürchtung sehen, die der Papst seinetwegen hat. Über diese Befürchtungen könnte übrigens derjenige keinen Zweifel haben, der schon vor der Enzyklika die Mahnung vom 12. Febr. 1964 an die Pfarrer und Fastenprediger Roms gelesen hätte, in der Paul VI. energisch erklärte: „Das Schwert des Geistes scheint (gegenwärtig) in der Scheide des Irenismus und des Zweifels zu ruhen“. Gerade deshalb muss die Botschaft der Religion umso kräftiger klingen. Die Menschen haben die Notwendigkeit an den zu glauben, der sich dessen, was er lehrt, sicher zeigt.

 

m) Schematische Darstellung der rechtmäßigen Bedeutungen von Dialog

In folgendem Schema können wir alle diese Begriffe über die verschiedenen Bedeutungen von „Dialog“ zusammenfassen:

Dialog im weiten und sprachlichen Sinne bedeutet irgendeinen Typ der Unterhaltung.

Dialog im engen Sinne

Unterhaltung, bei der jeder Teil nicht beabsichtigt, des anderen Meinung zu ändern. Gemütshaltung der Entspannung.

Diskussion

Unterhaltung bei der jeder des anderen Überzeugung ändern will. Sie ist das Gegenteil des Dialogs im engen Sinne. Gemütshaltung kann leicht im Streit enden.

Unterhaltungsdialog

Er hat den Zweck zu informieren und zu zerstreuen. Seine Gemütshaltung ist völlige und ständige Entspannung.

Untersuchungsdialog

Er will untersuchen, studieren und analysieren. Gewöhnlich Gemütshaltung der Entspannung. Gelegentliche und vorübergehende Spannungen sind möglich.

Diskussionsdialog

Er hat geringere Gemütserhitzung als geläufig. Seinem Inhalt nach ist er eine authentische Diskussion, denn er versucht, die Meinung des anderen zu ändern. Er wird lediglich „Dialog“ genannt, wegen seiner zufälligen Ähnlichkeit (ruhige Form), die er mit dem Dialog im engen Sinne hat.

Reine und einfache Diskussion

Sie besitzt geläufige Gemütserhitzung, oder gewöhnlichen Grad der Streitsucht, die einer Unterhaltung eigen ist, wo jeder des anderen Meinung ändern will.

Diskussion – Polemik: oder nur Polemik

Ungewöhnliche Gemütserhitzung, starke Heftigkeit, und lauter Charakter.

 

n) Gemeinsamer Zug in den verschiedenen Bedeutungen von „Dialog“

Das Wort „Dialog“ bietet – wenn es nicht in weitem Sinne angewandt wird – in seinen verschiedenen Bedeutungen eine Note von Harmonie, Einigkeit und Frieden.

Diese Note ist dem Dialog „stricto sensu“ eigen, d. h., dem Unterhaltungs- und dem Untersuchungsdialog, denen eine Gemütshaltung vollständiger Entspannung entspricht. Wie wir gesehen haben, kann eine Diskussion nur durch Assimilation „Dialog“ genannt werden, wenn in ihr die Note der Harmonie greifbar gegenwärtig ist. So bildet sich der Diskussionsdialog. So friedlich auch ein Diskussionsdialog sein mag, so ist er doch nie wesentlich ein Dialog „stricto sensu“, da jeder Diskussion ein Merkmal der Streitbarkeit anhaftet.

C. Die Streitbarkeit bei den verschiedenen Arten von Diskussionen

Was ist die Natur dieses Merkmales der Streitbarkeit? Sie ist intellektueller Natur, wenn es sich um ein Duell mit Argumenten handelt, mit denen jeder Teil den andern dahin zu bringen sucht, dass er, nach der Formel des hl. Remigius, „verbrennt, was er anbetete und anbetet, was er verbrannte“. Sie ist willensstarker und erregender Natur, wenn zum Kampf der Ideen die Hitze des Aufeinanderprallens des Willens und die fühlbare Schärfe der verschiedenen Arten kommen.

D. Haben die reine und einfache Diskussion und die Polemik herabsetzenden Charakter?

Ist dieses willensstarke oder erregende Merkmal der Streitbarkeit in sich ein Übel? Haben die reine und einfache Diskussion und die Polemik einen herabsetzenden Charakter? Diese Frage muß beantwortet werden, denn von der schlechten Lösung ausgehend, die ihr viele geben, entwickelt sich die List des Zauberwortes „Dialog“.

Wir werden uns nicht mit dem Problem des Erlaubseins des Merkmales der Streitbarkeit im Diskussionsdialog befassen, wo es beinahe unmerklich ist.

Betrachten wir zuerst, was die reine und einfache Diskussion angeht.

a) Das Problem in Verbindung mit der Erbsünde

An sich sind die Zusammenstösse ideologischer Ordnung, im Willen oder in der Erregung, Früchte der Erbsünde. Es wäre wünschenswert, daß es unter den Menschen niemals Uneinigkeiten, Diskussionen und Streit gäbe. Ist jedoch die reine und einfache Diskussion, unter Voraussetzung der Erbsünde gerechtfertigt und nützlich? Im Prinzip, ja!

b) Die Logik, Mittel zur Erreichung der Wahrheit und des Guten

Wenn man das tatsächliche Vorhandensein von Wahrheit und Irrtum, von Gut und Böse zugibt und wenn man der Logik die Fähigkeit einräumt, den Menschen zur Wahrheit führen und ihn aus den Schlingen des Irrtums befreien zu können, damit er das Gute liebt und sich von den Krallen des Bösen fernhält, so muß man unbedingt den Nutzen dieser Art Diskussion anerkennen. Denn mit Hilfe der Diskussion kann eine Person der anderen die größte aller Wohltaten erweisen, nämlich, sie aus dem Irrtum und dem Bösen herauszureißen und ihr den Besitz der Wahrheit und des Guten zu geben.

c) Einfluss der Gemütsfaktoren

Aber – wird einer sagen – muss die reine und einfache Diskussion nicht immer kalt und leidenschaftslos im sprachlichen Sinne des Wortes sein? Wir sind nicht dieser Ansicht. Jeder Mensch hängt natürlicherweise an seinen Überzeugungen und deshalb gibt er sie nur widerwillig auf. Dieser Hang wird noch sehr durch die Tatsache verstärkt, dass gewisse Überzeugungen logischerweise eine ganze Reihe von Gewohnheiten zeugen, eine vollständige Art des Seins, eine besondere Lebensart; dies zu verändern, bedeutet für den Menschen die Notwendigkeit, in gewissen empfindlichen Punkten, schmerzliche Veränderungen anzunehmen. Getrieben von der edlen, geordneten und starken Liebe zur Wahrheit und zum Guten, oder von der schändlichen quälenden und heftigen Liebe zum Irrtum und zum Bösen, benimmt er sich beim Diskutieren nicht als reine und kalte Diskussionsmaschine. Eben weil er Mensch ist, setzt er sich beim Diskutieren ganz ein, nicht mit allen Hilfsmitteln seines Verstandes, sondern auch mit der ganzen Kraft seines Willens und der Hitze seiner guten oder bösen Leidenschaften.

In dieser Hinsicht besteht die reine und einfache Diskussion nicht in purer Beweisführung, wenn sie auch immer den Verstandesüberlegungen den Vorrang gibt, aus denen sich ihre hauptsächlichste Daseinsberechtigung und ihre Würde herleitet. Durch ein unanfechtbares Recht der Tugend, sowie durch eine häufige Einwirkung der Sünde ist es zu erklären, dass sie oft mit einem spürbaren Merkmal von erregter Streitbarkeit erscheint.

Wenn es wahr ist, dass unter gewissen Umständen die reine und einfachste Diskussion sich veredelt, da sie sich mit edler und gehobener Ausgeglichenheit umgibt, so gibt es auch andere Gelegenheiten, bei denen sie nur gewinnen kann, wenn sie vom Feuer des Eifers für die Wahrheit und das Gute erleuchtet wird.

d) Überzeugungsfaktoren, die neben der Argumentierung hergehen

Ganz natürlicherweise fängt der menschliche Geist mitunter an, die Wahrhaftigkeit einer These zu verstehen, indem er sie liebenswert oder schön findet. Da zwischen der Güte, der Schönheit und der Wahrheit ein tiefgreifender Austausch besteht, erleichtert die Liebe oft das Verständnis der Wahrheit. Die Kraft der Überzeugung einer diskutierenden Person liegt nicht nur in ihrer Verständnisschärfe, sondern in ihrer ganzen Art zu sein und zu sprechen, die nicht selten die Schönheit oder die Güte der Sache sehen lassen können, die sie verteidigt. Beim Lob des Guten und des Schönen tritt naturgemäß ein Gemütsfaktor auf, der leicht die reine und einfache Diskussion an Hitze zunehmen lässt, sodass sie mitunter sogar zur Polemik wird.

e) Berechtigung des Zornes in der reinen und einfachen Diskussion

Aber, wird man sagen, die obigen Argumente öffnen Tür und Tor für den Zorn, der niemals sich in eine Unterhaltung einschleichen darf.

Vor kurzem haben wir gesehen, dass die menschlichen Leidenschaften im Kampf der Ideen einen rechtmäßigen Platz haben. Vom moralischen Gesichtspunkt aus ist dies leicht zu erklären, denn keine Leidenschaft ist von sich aus schlecht. Alle sind sie gleichmäßig und können die reine und einfache Diskussion rechtmäßig beeinflussen, falls sie nicht maßlos werden. Der Zorn ist nichts anderes als eine dieser Leidenschaften, und in den Grenzen der Mäßigung kann er sehr leicht dem Kampf der Ideen seinen speziellen Stempel aufdrücken. Übrigens soll hinzugefügt werden, dass der heilige Zorn gegen den Irrtum und das Böse, statt die Geister zu trüben, in vielen Fällen sie stärkt und so zur Klarheit der reinen und einfachen Diskussion beiträgt. (16)

f) Gegensatz und Streitbarkeit, die zum Beweis der Wahrheit nötig sind

Es ist oft eine harte Aufgabe zu zeigen, wie sehr eine These wahrhaftig gut und schön ist. Vor kurzem sprachen wir von den Wirkungen der Erbsünde, den Gewohnheiten und Leidenschaften im menschlichen Geist, sowie von den Krisen, die gewisse Meinungsänderungen für den Menschen bedeuten können. Auf dem Höhepunkt solcher Krisen zögert er dann. Der Kontrast zwischen den Ideen, deren Wahrheit er erkennt, und dem Leben, das er führt, scheint ihm untragbar. Auf seinem Weg wird das berühmte Entweder-Oder, das Paul Bourget (17) formuliert hat, auftauchen: Soll er seine Ideen mit seinen Taten in Einklang bringen, oder seine Taten mit seinen Ideen?“

Es ist klar, dass man in solch dunklen und schmerzlichen Situationen auf alle wirklich überzeugenden Hilfsmittel der Argumentierung zurückgreifen muss. Eines davon ist zweifellos der Gegensatz.

Thomas von Aquin lehrt, einer der Gründe, weshalb Gott den Irrtum und das Böse zulässt, sei der, dass durch den Gegensatz der Glanz der Wahrheit und des Guten umso heller strahle. (18). Während der Diskussion darf man auf keinen Fall den Gegensatz gering achten, der doch gleichsam ein Hilfsmittel des göttlichen Lehrers darstellt und so kostbar ist, dass er in den Plänen der göttlichen Vorsehung in etwa die zahllosen Nachteile der Existenz des Irrtums und des Bösen auf dieser Welt ausgleicht. Wie soll man aber den Gegensatz zur Geltung bringen, wenn nicht durch offene und kategorische Aufdeckung all dessen, was der Irrtum an Falschem und das Böse an Tadelnswertem hat? Es genügt also nicht, die Wahrheit und das Gute zu loben. Es ist richtig, in der reinen und einfachen Diskussion, überall, wo es angebracht ist, die Note der Streitbarkeit zu entwickeln. So rechtfertigt sich der Angriff auf die falschen Ideen sowie auch auf die Person.

 

(16) Man sehe in dieser Hinsicht, was Thomas von Aquin lehrt (Sum. theol. 2, 2, q. 158, a.1.).

(17) „Il faut vivre comme on pense, sinon, tôt ou tard, on finit par penser comme on a vecu“ – Paul Bourget, „Le démon de midi“, Librairie Plon, Paris, 1914, Band 2, S. 375.

(18) Die anderen Dinge und besonders die niedrigen Dinge dienen dem Wohlergehen des Menschen als ihrem eigentlichen Zweck. Wenn es nichts Schlechtes geben würde, würde das Wohlbefinden des Menschen viel geringer sein, was Kenntnis, Wunsch und Liebe zum Guten angeht. Denn durch die Gegenüberstellung mit dem Bösen, kennt man das Gute besser, und wenn wir einige Übel erleiden, wünschen wir das Gute mit größerer Inbrunst: So wie die Kranken besser als irgendeiner wissen, wie gut die Gesundheit ist und sie auch lebhafter begehren als die gesunden Menschen. Daher schließt die göttliche Vorsehung von den Dingen das Schlechte nicht vollkommen aus. (Thomas von Aquin, Sum. c. Gent. 111, 71).

 

… mit Rücksicht auf die Ideen

In erster Linie werden die falschen Ideen angegriffen, indem man zeigt, was sie an Irrigem, an Widersprüchen, an Unmoralischem haben, wodurch im Geiste dessen, der sie bekennt, eine heilsame Wirkung erzielt wird. Dadurch kann ein ganzer Komplex von Vorurteilen und ungeordneten Neigungen zum Wanken gebracht werden, und so können das Licht der Wahrheit und der Wohlgeruch der Tugend bis zu der armen Seele vordringen, die vor kurzem noch ganz im Irrtum gefangen saß.

… mit Rücksicht auf die Personen

In zweiter Linie richtet sich der Angriff auf die Personen. Wenn dieser Angriff so gemacht wird, dass er in der angegriffenen Person nur den Irrtum und die Sünde aufdeckt, in der sie sich befindet, ohne. sich über andere Punkte zu erstrecken, kann man ihr die Augen öffnen über den Zustand, in dem sie sich befindet, und sie wirksam einladen, zur Wahrheit und zum Guten zurückzukehren. Sollte der Angriff in Gegenwart dritter geschehen, so wird ihnen gegenüber nicht nur die Wirkung des Ärgernisses neutralisiert, sondern es wird durch den Kontrast eine Steigerung ihrer Liebe zur Wahrheit und zum Guten erreicht. Es ist klar, dass derartige Angriffe nur gerechtfertigt sind, wenn sie wirklich nötig sind und nach den Regeln der Gerechtigkeit und der Liebe gemacht werden, sodass sie bei aller Klarheit und Gründlichkeit in der angegriffenen Person nicht die Würde des Menschen und eventuell des Christen verletzen.

Angriffe dieser Art, im rechten Augenblick und mit richtiger Ausdrucksweise gemacht, haben im Verlauf der Geschichte viel Gutes erreicht, auch wenn sie sich gegen die Mächtigen der Erde richteten, die gewohnt waren mit besonderem Respekt behandelt zu werden; viel Gutes mitunter für die angegriffene Person und immer bedeutende Erbauung für das Volk. Berühmt sind z. B. die Angriffe des Propheten Nathan gegen David, des Hl. Ambrosius gegen den Kaiser Theodosius, des Hl. Gregor gegen Heinrich IV., oder von Pius VII. gegen Napoleon. Wie viele Gnaden entstanden dadurch, sei es mit Rücksicht der Entfernung der Seelen vom Irrtum und vom Bösen, sei es um sie zur Wahrheit und zum Guten hinzuziehen. Die Zeiten ändern sich, aber die Grundordnung der Dinge ändert sich nicht. Selbst die totalitären Despoten unseres Jahrhunderts, wenn auch bestimmt weniger leicht zu behandeln, als die Machthaber von einst, sind nicht so, dass man behaupten könnte, Angriffe dieser Art würden nie von Nutzen sein.

g) Künstlichkeit der Abschaffung der reinen und einfachen Diskussion

Wie bereits gesagt, ist die reine und einfache Diskussion nicht ein bloßer Zusammenstoß von Argumenten. In gewisser Hinsicht ist sie ein Zusammenstoss von Personen. Bei ihr gibt es einen Kontakt von Seele zu Seele, bei dem durch Eindringlichkeit und durch Wiederholung (von Napoleon als der wichtigste Punkt der Redekunst betrachtet) ein regelrechter Einfluss ausgeübt wird, indem man die Anziehung eines Gegners zum anderen hin, oder die Abneigung des einen gegen den andern zu erreichen versucht. Das Spiel dieser Faktore wirkt noch mehr mit, dieser Art von Unterhaltung eine wirkliche Ähnlichkeit mit einem Turnier und sogar einem Kampf zu geben.

All diese Betrachtungen lassen erkennen, dass die reine und einfache Diskussion den natürlichen und tiefen Notwendigkeiten des menschlichen Zusammenlebens entspricht, und dass ihre Abschaffung, um die Formen dieses Zusammenlebens auf den bloßen Dialog im engeren Sinne (oder auf den Diskussionsdialog) zu beschränken, eine schwerwiegende und gefährliche Künstlichkeit wäre.

h) Das Gekünstelte, Ursache von Verwirrung und Streit

Alles Gekünstelte ist gefährlich. Wenn Naturkräfte verletzt und vertrieben werden, kommen sie mit doppelter Kraft zurück. Horaz hat es ganz deutlich ausgedrückt: „Naturam expellas furca, tamen usque recurret“(Epist. 1, 10, 24) !      Ohne zu befürchten, durch eine falsch verstandene Liebe zur Eintracht ins Gekünstelte zu verfallen, verzichtet man auf ein im menschlichen Leben unerlässliches Mittel zur Erhellung der Wahrheit. Damit gleitet man zur Verwirrung ab, die einer der traurigsten Faktoren von Störungen, Streitigkeiten und langen Kämpfen ist. Diese Produkte sind wiederum unentwirrbar und mit Hass geladen. Man weiß, daß nichts so sehr den wahren Frieden, der die Ruhe der Ordnung ist, schädigt, als wenn unter Menschen die Wahrheit und das Gute erlöschen, die die einzigen Fundamente eben dieser Ordnung sind. Wer die Erlaubnis der reinen und einfachen Diskussion ablehnt und denkt, dass er vielleicht für die Eintracht arbeitet, pflanzt in Wirklichkeit die Zwietracht.

i) Zerstört die reine und einfache Diskussion nicht die Liebe?

Beim Lesen dieser Betrachtungen wird mehr als ein Leser, beeinflusst durch den in unseren Tagen herrschenden Liberalismus, fühlen, wie aus der Tiefe seiner Seele ein Bedenken aufsteigt: Ist es nicht eine Unklugheit von unserer Seite, wenn wir die reine und einfache Diskussion loben? Wenn wir auch im Grundprinzip Recht haben sollten, so ist die Leichtigkeit, mit der man diese Art Gespräch missbrauchen kann, so groß, daß es besser wäre, sie ganz zu unterbinden. „Abusus non tollit usum“, antworten wir mit einem alten juristischen Leitsatz. Wenn die reine und einfache Diskussion in sich erlaubt ist und eine besondere Aufgabe in der natürlichen Ordnung der Dinge besitzt, so nimmt sie eben deswegen einen Platz in den Plänen der Vorsehung ein. „Tempus tacendi, et tempus loquendi“ (Ekl. 3,7). Indem wir das Prinzip der Schrift anwenden, können wir sagen, dass es Gelegenheiten gibt, in denen es angebracht ist, nicht zu diskutieren, aber andere, wo man das Recht und sogar die absolute Pflicht hat, es zu tun. Davon hat uns der göttliche Meister ein Beispiel gegeben (Joh. 8 und folg.). Daher ist es größerer Mißbrauch überhaupt niemals zu diskutieren, als mitunter schlecht zu diskutieren.

Die reine und einfache Diskussion aus Klugheitsgründen immer für unerlaubt, gefährlich und den Seelen schädlich zu erklären, stellt einen regelrechten doktrinären Betrug dar.

Wenn derjenige, der diskutieren soll, katholisch ist, so liegt in diesem Betrug ein ausgesprochenes Symptom von Materialismus. Denn wenn das Diskutieren für ihn ein Recht und sogar eine Pflicht ist, wie soll man dann zugeben, dass es ihm bei der Fülle der Gnaden, die die Kirche spendet, unmöglich sei, es im Einklang mit den Prinzipien der Gerechtigkeit und der Liebe zu tun? Gilt für ihn nicht mehr das „Omnia possum in eo qui me confortat“ Phil. 4, 13)?

j) Folgerung: die reine und einfache Diskussion hat notwendigerweise keinen herabsetzenden Charakter

Nein! Man kann die reine und einfache Diskussion nicht im Prinzip verurteilen und man kann ihr notwendigerweise keinen herabsetzenden Charakter zuschreiben.

k) Ebenso hat die Polemik keinen herabsetzenden Charakter

Alles was wir über die reine einfache Diskussion gesagt haben, gilt auch für die Polemik. Diese besitzt in höchstem Grad die Streitbarkeit, die in jener enthalten ist, und kann daher, wenn sie schlecht ist, im Superlativ alles enthalten, was die Übertreibungen der reinen einfachen Diskussion an Tadelnswertem haben. Ähnlich hat auch die Polemik, wenn sie gut ist, in ausgezeichnetem Grad alle Qualitäten, die der gutgeführten reinen und einfachen Diskussion eigen sind. (19). Das ist es, was wir ausführlicher zu erklären Gelegenheit hatten im Buch mit dem Titel: „Zur Verteidigung der Katholischen Aktion“ (Ave-Maria Verlag, S. Paulo, 1943), und das Gegenstand eines ausdrucksvollen Anerkennungsschreibens war, das im Namen des unvergesslichen Papstes Pius XII., vom Unterstaatssekretär, Monsenhor Baptista Montini geschrieben wurde, der heute der glorreich regierende Hl. Vater Paul VI. ist.

Diejenigen, denen das, was wir über die gute Polemik gesagt haben, sonderbar vorkommt, möchten wir lediglich daran erinnern, dass durch offensichtliche Führung der Vorsehung, zum Besten der Seelen, der Heilige Geist in der Kirche ausgezeichnete Polemiker erweckt hat, die die Ehre der Altäre genießen und deren Werke leuchtende Ruhmesblätter der Kirche und der christlichen Kultur darstellen. Unter vielen anderen wollen wir nur St. Hieronymus, St. Augustinus. St. Bernhard und St. Franz von Salles anführen.

1) Die reine und einfache Diskussion, die Polemik und die öffentliche Meinung

Wir könnten diese Betrachtungen nicht als abgeschlossen gelten lassen, ohne eine Bemerkung über die Ausdehnung der Probleme zu machen, die über die reine und einfache Diskussion und die Polemik aufgetaucht sind. Für gewöhnlich hat man es nur mit diesen Problemen zu tun, wenn die Gesprächspartner in Betracht gezogen werden In Wirklichkeit, wenn durch ihr Thema die reine und einfache Diskussion und die Polemik für viele Personen von Interesse sind und mit geeigneter Publizität gemacht werden, haben sie eine soziale Ausdehnung, denn sie erzeugen unter denen die Kenntnis davon nehmen, eine Unzahl von gleichartigen Disputen. Die Tragweite der Erscheinung kann innerhalb der Gesellschaft zwei oder mehr Meinungsströmungen erzeugen. Aus dem verwirrten Gerede der einzelnen Dispute erheben sich dann, in einem oder anderen Feld, lautere Stimmen, reicher an Gedanken und mit größerer Ausdruckskraft begabt, die ihrerseits unter sich bedeutende Dispute führen. In beiden wird alles, was in den verschiedenen Feldern behauptet wird, zusammengefasst, definiert, gewinnt größere Gedankenintensität, erhebt sich zum Fluge und wird bis zu den letzten Folgerungen getragen.

 

 

(19) Nebenbei gesagt, die Verwerfung der reinen und einfachen Diskussion und der Polemik führt zur Verwerfung der Apologetik. Die schlechte Apologetik ist gleichsam ein Doppelgänger der schlechten Diskussion und der schlechten Polemik. Jene ist die Einseitigkeit, die leidenschaftliche Entgleisung beim Lob oder der Verteidigung von irgendetwas, sowie diese es sind beim Angriff auf etwas oder beim Tadeln. Die gute Apologetik aber ist die Schwester der Diskussion und der guten Polemik. Eben daher muss die Verteidigung der Apologetik „mutatis mutandis“ genau so gemacht werden, wie die der reinen und einfachen Diskussion und der Polemik.

Auf der anderen Seite ist die schlechte Heiligenbeschreibung die Übertragung der schlechten Apologetik auf das Gebiet der religiösen Geschichtsschreibung. Daher wird das Wort nicht selten in herabsetzendem Sinne gebraucht, als ob jede Heiligenbeschreibung nur eine erbauliche Legende ohne historischen Wert, eine Art christlicher Märchenerzählung wäre. Man sieht leicht, dass die Verteidigung der guten Heiligenbeschreibung mit analogen Argumenten gemacht werden muss, wie die der guten Apologetik, der guten Diskussion und der guten Polemik, von denen sie eine vornehme Schwester ist.

 

So stehen sich die Meinungsrichtungen gegenüber und drücken sich gleichsam auf verschiedenen Ebenen aus, und wenn die Diskussionen und Polemiken von den Grossen geführt werden, wirken sie ihrerseits auf die Kleinen, die sie inspizieren und orientieren.

In ihrer leuchtendsten und historisch wichtigsten Form entwickeln sich die reine und einfache Diskussion und die Polemik vor den Augen der Menge, auf die sie eine richtungweisende Wirkung von größter Bedeutung ausüben, und über diese Menge erreichen sie ihre größte Ausdehnung.

All dies in Betracht gezogen, sieht man gleich, dass die apostolische Strategie nicht erfasst und durchgeführt werden kann, nicht nur im Hinblick auf die Person oder die beschränkte Meinungsrichtung, mit der der Katholik diskutiert, sondern auch im Hinblick auf das Publikum, welches mitunter gewaltig ist, und das als interessierter Zuschauer die reine und einfache Diskussion und die Polemik begleitet. Wenn nun der Gebrauch der äußerst sanften Diskussion (Diskussionsdialog) oft dienlich sein kann, um den anderen Gesprächspartner anzuziehen und zu überzeugen, so werden die gerechtfertigten Forderungen der Volksseele mitunter verlangen, dass man den Irrtum und das Böse mit . Heftigkeit ablehnt und geißelt. Denn unter gewissen Umständen bestünde die Gefahr, dass eine unangebrachte Sanftmut der Verteidiger der guten Sache im Publikum eine regelrechte Schwäche in Bezug auf den katholischen Sinn oder die moralische Empfindsamkeit hervorrufen würde. Und darin liegt ein Argument mehr, um zu beweisen, dass die reine und einfache Diskussion und die Polemik in gewissen Fällen unerlässlich sind.

In diesem Sinne ist der zweitausendjährige Kampf, den die Kirche gegen ihre gegnerischen religiösen und philosophischen Systeme führt, lehrreich. In diesem Kampf umfasst der Dialog, mit größerer oder kleinerer Heftigkeit, die reine und einfache Diskussion und die Polemik, wobei man berücksichtigen muss, wie weit sie angebracht sind, nicht nur auf der Ebene der persönlichen Kontakte, sondern auch der Gruppen und des ganzen Menschengeschlechtes.

m) Die reine und einfache Diskussion, die Polemik und der streitbare Charakter der Kirche

Die systematische Abschaffung jeder reinen und einfachen Diskussion und jeder Polemik und die Reduzierung aller gegenseitiger Kontakte auf bloße Diskussionsdialoge (d. h. äußerst ruhige und herzliche Diskussionen) hätten für die Kirche Folgen, deren Schwere man nicht genügend hervorheben könnte. Derartige Dialoge würden niemals allen Notwendigkeiten der streitenden Kirche genügen. Es liegt nämlich in dem Wort „Inimicitias ponam“ (Gen. 3,15), sowie in der irdischen Stellung der Kirche etwas durchaus Streitbares, im starken Sinne des Wortes. Niemals wird sie aufhören, Feinde vor sich zu haben – im eigentlichen Sinne des Wortes – aufgestachelt durch eine Feindschaft, die je nach dem Fall, von einer einfachen Abneigung bis zum Gipfel des Hasses geht. Diese Feinde werden niemals bloße abstrakte Ideen, oder bloße gegnerische soziale und wirtschaftliche Faktoren sein: es werden auch Menschen von Fleisch und Blut sein, die bis zum Ende der Welt die Rasse der Schlange darstellen werden. (20). Und die Braut Christi wird nie unterlassen können, sie zu bekämpfen.

Das heißt nicht, dass die Kirche in jeder nichtkatholischen Person oder Einrichtung lediglich einen Feind sehen soll. Es ist jedoch absurd, zu denken, dass sie in irgendeiner Epoche der Geschichte unter denen, die ihrer Schar fernstehen, nur Menschen voller Sympathie antreffen wird, die sie lächelnd über den einen oder anderen Punkt, für den sie keine Lösung finden, fragen werden, und dass sie schließlich von Lächeln zu Lächeln, ohne größere Schwierigkeiten sich immer bekehren werden.

Wer in unserem Zeitalter der Konzentrationslager, des Eisernen und des Rohrvorhangs, oder irgendeines anderen, glauben würde, dass die Kirche nur derart lächelnde und unvoreingenommene Menschen vor sich hat, würde die Utopie etwas zu weit treiben.

Im Übrigen ist die einfache Unterscheidung der Nichtkatholiken in zwei Kategorien, eine der Gegner, die andere derjenigen die wir wohlwollende Nichtwisser nennen wollen, nicht haltbar. In Wirklichkeit gibt es unter den Nichtkatholiken wenige, die den Hass gegen die Kirche zum Äußersten treiben, wie auch solche, die ganz frei von jeglicher Abneigung gegen sie sind. Die Mehrheit gehört gleichgültig und mit Variationen zu beiden erwähnten Kategorien, sodass sich das Wohlwollen, die Abneigung und die Unwissenheit im Bezug auf die Kirche, in jeder von ihnen in besonderer Weise mischen. Und das zwingt auch jeden Katholiken, ebenfalls auf unendlich verschiedene Art, die jeder Art von Unterhaltung geeignete Form zu gebrauchen. Der wirksame Eifer besteht hier nicht darin, einige davon auszuschließen, sondern alle zu benutzen, mit oder ohne Verbindung zu den anderen, je nach dem der einzelne konkrete Fall es fordert.

2. Die irenistische Gemütsgärung

Man muss die irenistische Tendenz (21) in ihren ideologischen Gesamttext und in ihr psychologisches Bild hineinstellen, die wir im Bezug auf die verschiedenen Bedeutungen der Worte „Dialog“ und „Diskussion“ analysiert haben.

 

(20) „Eine einzige Feindschaft hat Gott festgelegt, unversöhnliche Feindschaft, die nicht nur bis zum Ende dauern, sondern immer wachsen wird: die Feindschaft zwischen Maria, seiner lieben Mutter, und dem Teufel; zwischen den Kindern und Dienern der Hl. Jungfrau und den Kindern und Gefolgsleuten Luzifers. Gott hat nicht nur „Feindschaft“ gesetzt, sondern „Feindschaften“, und nicht nur zwischen Maria und dem Teufel, sondern auch zwischen der Nachkommenschaft der Hl. Jungfrau und der des Teufels. Das heißt, Gott hat Feindschaften, Abneigungen und Hass gesetzt zwischen den wahren Kindern und Dienern der Hl. Jungfrau und den Kindern und Sklaven des Teufels. Unter ihnen gibt es keine noch so kleine Spur von Liebe, noch bestehen enge Beziehungen von einem zum andern. Die Söhne Belials, die Sklaven des Satans, die Freunde dieser Welt (denn das ist das Gleiche) haben bis heute immer diejenigen verfolgt, die der Hl. Jungfrau gehören und werden sie auch in Zukunft verfolgen, sowie einst Kain seinen Bruder Abel verfolgte und Esau seinen Bruder Jakob, die so die Verworfenen und die Prädestinierten versinnbildlichten.“ (Hl. Ludwig Maria Grignion de Montfort „Traktat der wahren Verehrung der Hl. Jungfrau, Verlag Vozes, Petrópolis, 3. Ausgabe, 1946, Seiten 54 und 56, Nummern 52 und 54).

(21) Wir verstehen hier das Wort „Irenismus“ nicht im Sinne der gemäßigten Liebe zum wahren Frieden, sondern im Sinne der ungeregelten Liebe zu einem Frieden, der um jeden Preis erreicht werden soll, selbst zum Schaden von Prinzipien und erworbenen Rechten, im Ganzen eines unechten Friedens. Von einem solchen Irenismus sagt Pius XII. in der Enzyklika „Humani Generis“ vom 12. Aug. 1950: „Es besteht auch noch eine andere Gefahr, die um so schlimmer ist, als sie sich mit dem Mantel der Tugend umhüllt. Es gibt viele, die die Einigkeit des Menschengeschlechtes und die unter den Geistern herrschende Verwirrung beklagen und durch unklugen Seeleneifer zu einem brennenden Verlangen getrieben werden, die Schranken, die die rechtlichen und ehrlichen Personen trennen, niederzureißen, und daher einen derartigen ,Irenismus“ annehmen, so daß sie unter Zurseitestellung all der Fragen, die die Menschheit trennen, nicht nur mit vereinten Kräften gegen den übermächtigen Atheismus kämpfen wollen, sondern auch gegnerische Meinungen, selbst auf dogmatischer Ebene, versöhnen wollen. Wenn solche Personen nichts anderes tun wollten als die kirchliche Lehre und ihre Methoden, mit einigen Neuerungen, den gegenwärtigen Notwendigkeiten anzupassen, so wäre beinahe kein Grund zu Befürchtungen; indessen scheinen einige, von unklugem Irenismus erfüllt, das als Hindernis für die Wiederherstellung der brüderlichen Einheit zu betrachten, was sich auf die von Christus überlieferten Gesetze und Prinzipien stützt und auf die Einrichtungen, die er gründete, oder auf das, was die Verteidigung und die Stütze des Glaubens bedeutet. Wenn dieses zu Fall käme würden alle Dinge sich vereinen, ja, aber nur zum Verderben“. (Reden und Radiobotschaften, XII. Band, Seite 498). Von demselben Irenismus spricht auch der Hl. Vater Paul Vl. mit unmißverständlichen Worten in der Mahnung an die Pfarrer und Fastensprediger Roms, von der wir unter (15) dieses Kapitels gesprochen haben.

 

A. Eine fortgeschrittene und paradiesische Ordnung: das Zeitalter des guten Willens

Welche Utopien, welche eigenartigen Gemütszustände sind imstande, jemand annehmen zu lassen, es sei eine Ordnung der Dinge möglich, die das Zeitalter des guten Willens genannt werden könnte, in dem die Menschen unter sich nicht mehr diskutieren und polemisieren würden.

Eine derartige Ordnung der Dinge würde voraussetzen, dass das Menschengeschlecht nach Überwindung der Nachwirkungen der Erbsünde, durch eine ausgedehnte Entwicklung und eben deshalb, nur aus Menschen guten Willens bestehend, einen Stil des Zusammenlebens eröffnen könnte, in dem die Uneinigkeit, falls sie vorkommen sollte, durch unterweisende Kontakte, ohne Streit, beseitigt werden könnte.

B. Das Zeitalter des guten Willens, die anarchische Utopie des Kommunismus und die Weltrepublik

Unter Voraussetzung einer derartigen „Entwicklung“ der Menschheit, vom gegenwärtigen „Status“ zu diesem Zeitalter des guten Willens, würden sich ihre Wirkungen nicht auf die Sphäre des privaten Lebens beschränken, sondern würden logischerweise auf die rechtliche und sogar politische Sphäre übergreifen. Menschen, die verstandesmäßig und moralisch nicht irren, oder bei denen der Irrtum so geringfügig ist, dass eine herzliche Unterweisung sie sofort auf den rechten Weg bringt, haben natürlich ein politisches Leben ohne Reibungen, Revolutionen und Verbrechen sind unter ihnen unmöglich. Von diesen Erwägungen ausgehend eröffnet sich in rechtlichen Beziehungen eine neue Perspektive. Von Folgerung zu Folgerung schreitend erscheint am äußersten Rande des Horizonts, kraft der Logik, eine derartige Verfeinerung des Rechtes und der Gerechtigkeit, dass die öffentliche Gewalt auf eine bloße Verwaltungsfunktion beschränkt und mehr oder weniger in eine Kooperative verwandelt wird. Es ist die anarchische und kooperavistische Ordnung, die vom Kommunismus als Ideal erträumt wird, und die auf die Diktatur des Proletariates folgen soll.

Durch eine analoge Zusammenstellung von Folgerungen, die unweigerlich eine der anderen folgen würden, würde die menschliche Entwicklung ihre Wirkungen auf eine höhere Sphäre ausstrahlen, nämlich die des Zusammenlebens der Völker unter sich. Die Interessenstreitigkeiten und die Spannungen ideologischer Art würden aus dem internationalen Leben verschwinden. Selbst die UNO würde, weil unnötig, aussterben. Eine Überkooperative würde im Weltplan die Völker vereinigen, wie kleinere Kooperativen es auf der nationalen Ebene tun werden.

So würde bei allen Formen der Beziehungen zwischen Einzelwesen und Völkern die absolut unabänderliche Einheit herrschen, auf einer verbesserten Erde, lediglich bewohnt von Menschen guten Willens.

Wir wollen die Dinge nicht zu sehr vereinfachen. Im Zeitalter des guten Willens und besonders an seiner Schwelle, wo noch etwas vom vorigen Zeitalter übrig ist, würde der Dialog mitunter weder leicht noch kurz sein. Er würde nicht selten von beiden Seiten eine große Geduld erfordern. Aber die Gewissheit des positiven Enderfolges würde den Menschen den Mut geben, langsam und geduldig alle Missverständnisse und Verwirrungen zu entwirren und die mit dieser Aufgabe verbundenen verdrießlichen Verzögerungen zu ertragen.

C. Der religiöse Irenismus im Zeitalter des guten Willens

Der religiöse Irenismus wäre eine der wichtigsten Folgen der Einführung des Zeitalters des guten Willens. Die Diskussion in ihren verschiedenen Arten mehr noch die kriegerischen und religiösen Expeditionen, wie die Kreuzzüge müssten in ihr als innerlich schlecht und unter schwerster Schande geächtet werden, und müssten ausschließlich den anderen Unterhaltungsarten Platz machen, die die einzige erlaubte Art des Kontaktes zwischen den einzigen Religionen wären.

D. Irenismus, Ökumenismus und Modernismus

Unmöglich, dass einem auf dieser Höhe des Studiums nicht das Wort „Ökumenismus“ auf die Lippen kommt, das so oft angewandt wird, wenn von Dialog die Rede ist.

Von vornherein muss man zwei Arten von Ökumenismus unterscheiden. Die eine versucht – mit dem Ziel, die Seelen in die einzige Herde des einzigen Hirten zu bringen – so weit wie möglich, die reinen und einfachen Diskussionen und Polemiken zugunsten des Diskussionsdialogs und anderer Arten der Unterhaltung zu vermindern. Ein solcher Ökumenismus hat eine breite Grundlage in zahlreichen päpstlichen Dokumenten, besonders von Johannes XXIII. und Paul VI. Eine andere Art Ökumenismus geht jedoch weiter und versucht, die Beziehungen der katholischen Religion zu anderen Religionen jeden streitbaren Charakters zu entledigen.

Dieser extreme Ökumenismus hat eine offensichtliche Grundlage von religiösem Relativismus und Gleichmacherei, deren Verurteilung in zwei Dokumenten von Pius X. in der Enz. „Pascendi“ gegen den Modernismus und in dem Apostolischen Brief „Notre Charge Apostolique“ gegen „Sillon“ zu finden ist.

E. Andere Arten von ideologischem Irenismus

Was wir hier vom religiösen Irenismus gesagt haben, lässt sich leicht übertragen, „mutatis mutandis“, auf den Irenismus, wenn er auf philosophische oder ideologische Materie irgendeiner Art angewandt wird.

F. Irenismus, Relativismus und Hegelianismus

Wie man sieht, führt der Irenismus, in seinen vielfachen Formen, logischerweise zum Relativismus. Das übertriebene Verlangen nach unbedingter, jederartiger und universeller Einigkeit führt nämlich dazu, die Bedeutung der Unterscheidungspunkte zu unterschätzen. Von dieser Unterbewertung kommt man leicht, wie wir weiter ausführlich sehen werden, zu einer relativistischen Stellungsnahme, die, um die Meinungsverschiedenheiten abzuschaffen, dazu übergeht, den Wert aller Meinungen relativ zu betrachten und zu leugnen, dass irgendeine objektive richtig oder falsch sei.

Dieser totale Relativismus ist mehr verneinend als bejahend. Er verneint alle anderen Systeme, ohne jedoch einen positiven Begriff des Menschen, des Lebens und des Alls anzubieten. Der irenistische Impuls kann sich aber damit nicht zufrieden geben. Da er durch seine natürliche Dynamik dazu neigt, bis zum Äußersten zu gehen, nimmt er Hegelschen Charakter an, d. h., er betrachtet den Verlauf des Denkens und übrigens auch den der Geschichte als bedingt durch die ewige Reibung von Lehren und Kräften, die gleichzeitig relativ wahr und relativ falsch sind. Aus dieser Reibung zwischen These und Antithese würde auf dem Weg der Überwindung eine neue relative „Wahrheit“ geboren, die ihrerseits wieder mit einer anderen in Reibung geraten würde, und so zu einer neuen Synthese führen würde, und so weiter, endlos. Das ist der Endbegriff eines langen Weges, der mit dem Irenismus anfängt, von Spitzfindigkeit zu Spitzfindigkeit führt, dann zum Relativismus kommt, und endlich im Hegelianismus endet.

G. Zusammenarbeit mit der Elite der getrennten Brüder im Kampf gegen den irenistischen Relativismus

Hier ist eine Bemerkung notwendig. Der extreme Ökumenismus verursacht nicht nur unter den Katholiken, sondern auch unter den getrennten Brüdern, seien sie Schismatiker, Irrgläubige, oder irgendwelche andere, eine tragische Verwirrung, gewiß eine der tragischsten unseres an Verwirrungen so reichen Jahrhunderts.

Es gibt heute auf religiösem Gebiet keine größere Gefahr als den Relativismus. Er bedroht alle Religionen, und gegen ihn müssen sowohl der reine Katholik, wie jeder getrennte Bruder, der ehrlich seine eigene Religion bekennt, kämpfen. Ein solcher Kampf – von diesem Gesichtspunkt aus gesehen – kann nur durch Anstrengung jedes einzelnen durchgeführt werden, um den natürlichen und eigentümlichen Sinn seines Glaubens gegen die relativistischen Auslegungen zu wahren, die ihn entstellen und untergraben. Verbündeter des wahren Katholiken in diesem Kampf wird z. B., der Jude, der Mohammedaner sein, der nicht den geringsten Zweifel aufkommen lässt, nicht nur über das was uns eint, sondern auch über das was uns trennt. Von dieser Stellungnahme aus kann der Relativismus aus allen Gebieten, in die er eindringen will, vertrieben werden. Auch nur von ihr aus kann die Unterhaltung, einschließlich der reinen und einfachen Diskussion und der Polemik dazu beitragen, die Geister zur Einheit zu führen. Gute Beziehungen machen gute Freunde, sagt das Sprichwort. Nur die Klarheit im Denken und im Ausdruck der Gedanken führt wirklich zur Einheit.

Der übertriebene Ökumenismus, der dazu neigt, daß jeder die wirklichen Punkte der Uneinigkeit in Bezug auf die anderen zu verbergen oder zu unterschätzen sucht, führt zu einem geschminkten Regime, das nur den Relativismus fördern kann, d. h., den mächtigen gemeinsamen Feind aller Religionen.

H. Irenismus, Dialog und Entwicklungsutopie

Die Auflösung des Staates in seiner gegenwärtigen Form, die Auflösung der UNO, der Ersatz beider durch ein anarchisches-kooperativistisches Weltsystem, an dessen Spitze eine Welt-Überkooperative stehen würde, die daraus folgende Unmöglichkeit von Kriegen (daher die Nutzlosigkeit der Heere), der übertriebene Ökumenismus, der religiöse Relativismus und schließlich der Irenismus sind also Zweige eines gemeinsamen Prinzips, des Prinzips der Entwicklung der menschlichen Natur zum Zeitalter des guten Willens hin, in dem die Diskussion in allen ihren Formen stirbt und die Menschen unter sich nur den Dialog betreiben.

Wird so die irenistische Tendenz, die sich durch den Zauberdialog durchsetzen will, in ihrem ideologischen Zusammenhang aufgezeigt, so scheint es überflüssig zu sein, die Lehren namhaft zu machen, auf die diese Tendenz sich stützt, da sie allzusehr bekannt sind. Es handelt sich um den Utopismus, von dem man im Laufe der Geschichte Spuren bei so vielen Kulturen finden kann und der in den Okzident mit besonderer Wucht nach dem Mittelalter eindrang. Von Morus und Campanella bis zu den utopischen Sozialisten des vergangenen Jahrhunderts ist der Weg leicht zu beschreiben und ist schon unzählige Male beschrieben worden. (22).

I. Bedeutung der Gemütsfaktoren beim irenistischen Utopismus

Für die gegenwärtige Studie ist es sicherlich von Bedeutung, den Gemütszustand zu analysieren, der diesem Utopismus eigen ist, denn – wie wir sehen werden – beutelt der Kommunismus, um den Sieg über die westliche Welt herbeizuführen, beim Irenismus mehr aus als seine eigenen Ideen, auf die er sich stützt, er beutelt hauptsächlich den Gemütszustand aus, der ihm eigen ist und aus dem er lebt.

Der Mensch, der für das irdische Paradies und für einen Zustand der Vollkommenheit geschaffen wurde, den er aber durch die Sünde verlor, fühlt im tiefsten Innern ein lebhaftes Verlangen nach diesen Zuständen, von denen er sich nach den Plänen der Vorsehung hätte nie entfernen sollen. Dieses Verlangen ist sehr erklärlich, denn jedes Wesen, auf Grund der gerechtfertigten Eigenliebe, liebt sein eigenes Wohlergehen.

Es kommt noch dazu, dass der Endpunkt allen Strebens des Menschen, der von Gott zu etwas Höherem berufen ist, nicht einmal bei der Vollkommenheit seiner Natur oder beim irdischen Paradies liegt, sondern in der vollkommenen und ewigen Glücksseligkeit des himmlischen Paradieses.

Die Neigung zu dem, was wir allgemein und vielleicht nicht ganz angebracht als „paradiesisch“ bezeichnen, wirkt also als eine treibende und unabhängige Kraft im Innern jedes Menschen. Diese Kraft macht sich im Menschen – wenn auch in verschiedenen Stärken und Formen – stets bemerkbar und übt ihren Einfluss bewusst auf all das aus, was der Mensch begehrt, denkt oder will.

Indem dieser Drang zum „Paradiesischen“ durch den Glauben orientiert, durch die Gnade veredelt und durch die katholische Sittenlehre gefördert wird, stellt er eine notwendige und fundamentale Kraft für die Förderung der menschlichen Würde in allen Hinsichten dar.

(22) Könnte das Zauberwort ,Dialog“  in fernerer Zukunft diejenigen, die es gebrauchen, zu einer gnostisch-platonischen Stellung führen, bei der die Partner, durch den Gebrauch des Wortes, gegenseitig die Erinnerungen an die Zeit vor dem Falle wachrufen könnten? Es besteht kein Zweifel, daß es im Wort „Dialog“ Elemente gibt, die man für den Übergang von Hegel zu Plato gebrauchen kann. „Habent sua fata libelli“, sagt das Sprichwort. „Habent sua fata verba“, würden wir vom Worte im Allgemeinen sagen. Besonders vom Zauberwort. „Qui vivra, verra“. Es ist schwer, weiter als bis zu Vermutungen zu gehen.

Sie bewegt ihn, seine Seele zu formen und zu erheben, und, so weit als möglich, die Bedingungen seines irdischen Daseins zu verbessern; aber vor allem ladet sie ihn ein, nach dem Himmel zu streben und oft an ihn zu denken. Deswegen unterlässt der Katholik aber nicht zu begreifen, wie die Parabel von der Spreu und dem Weizen (Mt. 13, 24-30) so gut lehrt, dass der Irrtum, das Böse, auch wenn sie begrenzt werden können, aus dieser Welt nicht auszurotten sind. Dieses Leben hat einen grundsätzlichen Sinn der Prüfung, des Kampfes, der Sühne, von denen der Gläubige weiß, daß sie im Einklang mit den höchsten Bestimmungen der Weisheit, Gerechtigkeit und Güte Gottes stehen. Das letzte Ziel des Menschen, seine glorreiche, vollständige ewige Seligkeit ist nur im Himmel.

J. Die Auflehnung, typischer Gemütszustand des irenistischen Utopisten

Da der wirkliche Katholik so denkt, ist er das Gegenteil des Utopisten. Dem Licht des Glaubens fern, betrachtet der Utopist den Irrtum, das Böse und den Schmerz als absurde Begleitumstände des menschlichen Daseins, was ihn entrüstet. Er denkt dann, es sei für den Menschen natürlich, sich gegen dieses Dreigestirn von Gegnern aufzulehnen. Da der Utopist die Existenz eines anderen Lebens nicht in Erwägung zieht, muss er glauben, dass es selbstverständlich, notwendig und indiskutierbar ist, man könnte den Irrtum, das Böse und den Schmerz abschaffen. Denn andernfalls müsste er zugeben, dass die Daseinsordnung widersinnig ist. Darin liegt wesentlich das Fundament seiner Utopie. Es ist erklärlich, dass für den Utopisten das Leben normalerweise nicht den Sinn des Kampfes, der Prüfung und der Sühne hat, sondern nur eines zarten und wohlhabenden Friedens. Er ist daher im wahrsten Sinne Pazifist „A outrance“, Ultra-Ökumenist und Ultra-Irenist. Und keiner seiner Träume hätte innere Konsequenz, keiner von ihnen wäre imstande, ihn voll zu befriedigen, wenn er nicht die Abschaffung aller Kämpfe und aller Meinungsverschiedenheiten einschließen würde.

Wohlverstanden, das irdische Paradies wissenschaftlicher und technischer Basis, das vom Utopismus erträumt wird, umfasst die Befriedigung der menschlichen Leidenschaften, nicht nur wenn sie gemäßigt und gerechtfertigt, sondern auch wenn sie stürmisch, ungeregelt und ungerechtfertigt sind. Denn die Abtötung der Leidenschaften ist mit diesem Paradies-Dasein nicht vereinbar.

Unter den ungeregelten Leidenschaften nehmen der Stolz und die Sinnlichkeit einen hervorragenden Platz ein. Sie decken zwei Hauptmerkmale des Utopisten auf: den Wunsch in seiner Sphäre der Höchste zu sein, indem er nicht einmal den ewigen Gott zugibt, und eine Tendenz zu völliger Freiheit in der Befriedigung aller ungeordneten Leidenschaften und Begierden.

Da der Utopist nur an dieses Leben glaubt, meint er, die Möglichkeit, von diesem Leben alles zu erreichen, was sein Sinn begehrt, gehöre dem Wesen der Dinge an. Er hofft, diese Befriedigung tatsächlich durch seine Anstrengungen erreichen zu können. Er ist der ausgesprochene Weltmensch, denn er setzt all seine Hoffnungen auf diese Welt. (23).

 

(23) Man sieht wohl, dass das Wort weltlich hier nicht im geläufigen Sinne gebraucht ist, als von einer Person, die im Übermaß am Leben in einer eleganten und gepflegten und so oft frivolen Gesellschaft hängt. Das Frivole ist immer ein Übel. Die Eleganz und Gepflegtheit an sich sind lobenswert, und wenn der Frivole einer der Typen von Weltmenschen in unserm Sinne ist, brauchen der Elegante und Gepflegte es nicht zu sein.

 

K. Der irenistische Utopismus, gemeinsamer Zug des bürgerlichen und proletarischen Weltmenschen

In eben diesem Punkte haben die Weltmenschen, ob bürgerliche oder proletarische, gemeinsamen Nenner.

Der bürgerliche Weltmensch hofft, durch sein Vermögen seine soziale Stellung, seinen politischen Einfluss, die völlige Unabhängigkeit, die Dauerhaftigkeit und den Genuss zu erreichen, letztlich das irdische Paradies, das sein Utopismus ihm verspricht.

Der proletarische Weltmensch hofft dasselbe zu erreichen, entweder dadurch daß er bürgerlicher wird, oder durch die Schöpfung für alle Menschen – unter denen er ganz in der Mitte steht – eines Mikroparadieses, das unter zwar weniger glänzenden aber immer noch genügend begehrenswerten Umständen in einer gleichgeschalteten Gesellschaft aufgebaut ist. In dieser Gesellschaft würde das Proletariat Herr von allem sein, und die Spuren dessen, was einst die Staatsgewalt war, würden einem Organismus mit rückgratlosem Aufbau einer blossen Kooperative übertragen werden. Im gleichgerichteten und kooperativistischen Paradies wäre das Proletariat unabhängig, mit dauerhaften und freudvollen Lebensbedingungen, und das in gewissem Masse noch mehr als jetzt das Bürgertum.

L. Der Doppelbegriff „Angst-Sympathie“ wirkt im bürgerlichen Weltmenschen

Wir wissen genau, wie der Utopismus des proletarischen vom Kommunismus berauschten Weltmenschen das Paradies des Bürgertums, von dem er ausgeschlossen ist, mit Hass betrachtet.

Wie schaut aber, andererseits, der bürgerliche Weltmensch auf ein Arbeiterparadies? An seine Güter gewohnt, will er sich von ihnen nicht trennen. Da er durch die Klassenkämpfe geschwächt ist und die Aussicht auf Kriege, Revolutionen, Plünderungen und Morde ihn ängstigen, gibt es Stunden, in denen es ihm das kleinere Übel scheint, sich friedlich ins proletarische Paradies einzuordnen, in dem er vielleicht noch erwarten könnte, einige kleine Vorteile zu retten. Und dann denkt er, wer weiß, ob dieses Paradies nicht doch imstande ist, im Gegensatz zur bürgerlichen Gesellschaft, den Irrtum, das Böse und den Schmerz abzuschaffen. Vielleicht würde es sich lohnen, auf die Vorteile zu verzichten, die ich gegenwärtig genieße, überlegt der bürgerliche Weltmensch weiter, um in eine Welt einzutreten, wo niemand diesem dreifachen Joch unterworfen ist. Es gibt niemand – auch er selbst nicht – der in den Pausen zwischen seinen Geschäften und Vergnügungen sich so verwundbar durch Krankheit und Gefahren aller Art fühlt.

Und dann, mit der ganzen Wucht seines Begehrens nach einem Paradies auf der Erde, beginnt der bürgerliche Weltmensch in sich eine sozialistische Ader zu entdecken, und Möglichkeiten eines Paktes mit dem Kommunismus zu sehen. Es erhebt sich in ihm ein -pazifistisches Gefühl in Bezug auf diesen schrecklichen Gegner. Der irenistische Dialog lächelt ihm zu … Neben der Angst beginnt die Sympathie in ihm zu wirken.

M. Der Doppelbegriff Angst-Sympathie bereitet den bürgerlichen Weltmenschen für die unbemerkte ideologische Umwandlung vor

Es wäre dem Kommunismus, dem es hauptsächlich darauf ankommt, die bürgerliche Gesellschaft von innen auszuhöhlen, unmöglich, die gewaltige Mehrheit der bürgerlichen Weltmenschen zu überzeugten Jüngern von Marx zu machen. Die Thesen und Argumente dieses Propheten der Finsternis sind trocken, konfus und angreifbar. Ferner liegt es dem bürgerlichen Weltmenschen nicht, sich aufzuhalten, noch sich in irgend etwas zu vertiefen. Im übrigen steht die marxistische Theorie frontal gegen seine Geistesgewohnheiten und seine persönlichen Interessen. Ihn interessieren weder Kämpfe noch Opfer.

Die kommunistischen Weltführer sind jedoch weit davon entfernt, den Gemütszustand, in dem sich gegenwärtig so viele bürgerliche Weltmenschen befinden nicht zu kennen.

Dieser Zustand kann ganz besonders durch den Doppelbegriff Angst-Sympathie zugunsten des Kommunismus ausgeübt werden. Damit wird der bürgerliche Weltmensch für die unbemerkte ideologische Umwandlung vorbereitet, die ihn, wie wir sehen werden, mittels des Wortes „Dialog“, das unter tausend und abertausend Formen wiederholt wird, dazu bringen wird, Kommunist zu werden, ohne dass er es merkt, oder wenigstens dem Kommunismus gegenüber eine Haltung der Übergabe einzunehmen, die diesem die Tore der Festung öffnen wird.

3- „Dialog“: Zauberbedeutungen

A- Punkte der Beeindruckbarkeit und der Abneigung im weltlichem Geist; psychologisches Bild, in dem das Zauberwort wirken wird

Nachdem wir den irenistischen Weltgeist beschrieben haben, ist es leicht, die Punkte der Beeindruckbarkeit und der Abneigung zu sehen, die bei einem Irenisten existieren, wenn auch erst im Keime, und die ihn so für die unbemerkte ideologische Umwandlung brauchbar machen:

1- Punkt der Beeindruckbarkeit: Streit, Kampf und Kriege sind ein Übel in sich, das man unter allen Umständen ausrotten muss, wenn man das Zeitalter des guten Willens und des Friedens aufrichten will;

2- Punkt der Beeindruckbarkeit: deshalb ist es nötig, um jeden Preis mit den Streitigkeiten ein Ende zu machen und sie durch den irenistischen Dialog zu ersetzen;

1- Punkt der Abneigung : Ist es möglich, diesen Frieden um jeden Preis zu erreichen? Sind zu seiner Einführung nicht drastische Mittel nötig, die ein noch größeres Übel sind?

2- Punkt der Abneigung: Erzeugt die Abschaffung der Meinungsverschiedenheiten nicht das ideologische und moralische Chaos? Bedeutet sie nicht den Sieg des Relativismus? Vermehrt sie also nicht die Anlässe zu Uneinigkeiten und Krieg? Bringt sie nicht die öffentliche Meinung durcheinander? Versucht sie nicht den streitenden Charakter der Kirche zu entstellen?

Auf die in den Punkten der Abneigung gestellten Fragen möchte der von der Fliege des Irenismus gestochene Geist gar nicht antworten. Einfältig und reizbar wie jeder utopische Geist, ist der Irenist sozusagen gar nicht fähig, seine Aufmerksamkeit von den Punkten der Beeindruckbarkeit abzuwenden, und ärgert sich über den, der ihn zwingen will, sich mit den Punkten der Abneigung zu befassen.

Dadurch wird er geneigt, alle Folgerungen des Irenismus anzunehmen, selbst diejenigen, die er am meisten ablehnen würde – Modernismus und Kommunismus – bevor sich in seinem Geiste jene Punkte der Beeindruckbarkeit gebildet hatten.

Um uns nur bei den Meinungsverschiedenheiten und dem irenistisehen Dialog aufzuhalten, würde die wirksame Lösung des Problems, das unseren Irenisten beschäftigt, darin bestehen, die Unmöglichkeit einer absoluten Übereinstimmung unter den Menschen anzuerkennen, und die Notwendigkeit der Neuschaffung eines guten Zusammenlebens auf erreichbarer Grundlage zuzugeben. Zu diesem Zweck würde er das eine und das andere Extrem vermeiden, d. h., sowohl die Unterlassung des Diskussionsdialogs in den angeführten Fällen, als auch die Unterlassung der feinen und einfachen Diskussion und der Polemik, wenn sie angebracht wären, und würde sich dafür einsetzen, diese Arten von Diskussion zu unterdrücken, wenn sie aus irgendeinem Grunde zu tadeln wären. Unter der Wirkung der Punkte der Beeindruckbarkeit, jedoch, und ohne Reaktion auf die Punkte der Abneigung, ist der Irenist bereit, sich jeder Art von Gedanken, Empfindungen und einseitigen Taten zu überlassen, indem er nur den Lösungen anhängt, die den Punkten der Beeindruckbarkeit schmeicheln. So beginnt das Zauberwort seine Wirkung auf ihn auszuüben.

B. Vielseitige Wirkungen des Zauberwortes

Das Zauberwort „Dialog“ ist so reich an Wirkungen, dass wir sie zwecks genauen Studiums in zwei Gruppen ordnen müssen:

– die direkten Wirkungen, die es auf die Mentalität der Personen ausübt, und die es fasziniert;

– ein Prozess, bei dem die so veränderte Mentalität und das Zauberwort „Dialog“ – sich gegenseitig radikalisierend, und den Dialog als Instrument benutzend – die Dialogspartner zum Hegelschen Relativismus führen.

C. Direkte Wirkungen des Zauberwortes

Betrachten wir zunächst die erste Gruppe von Wirkungen: es sind fünf.

a) Erste Wirkung – Der Dialog löst alle Fragen

Auf den, wie oben erwähnt, vorbereiteten Irenisten beginnt das Zauberwort zu wirken. Man sprach zu ihm vom Dialog. Wie er beobachtet, wird dieser Ausdruck in einem neuen und besonderen Sinn angewandt, der nur noch indirekt mit dem geläufigen Sinn zusammenhängt. Das Wort „Dialog“ leuchtet vor seinen Augen mit einem Inhalt, der etwas Modernes und Elegantes hat. Die betreffenden Personen gebrauchen es wie eine neue Formel, um einfach und unwiderstehlich Überzeugungen zu ändern. Keine Dialoge zu führen, bedeutet, sich auf dem ideologischen Gebiet, mitten im Atomzeitalter, rückständig zu benehmen. Dialoge führen heißt auf dem laufenden sein, heißt, sich dem Wirksamen und Modernen angleichen. Der Irenist beginnt dann zu denken: der Dialog löst alle Probleme. Keine Diskussionen, keine Polemiken, man muss mit den Andersdenkenden lediglich in Dialog treten, selbst wenn sie Kommunisten sind. Der Dialog, durch die Liebenswürdigkeit, die ihn kennzeichnet, hat die Macht, alle Vorurteile zu entwaffnen. Er sichert seinem Benutzer den Ruhm, alle Gegner zu überzeugen.

b) Zweite Wirkung – Eine Konstellation von einseitigen Eindrücken und Empfindungen

Auf Grund der einseitigen und besessenen Befürchtung, die Gegner durch Diskussionen und Polemik zu erregen, sowie in der Gewißheit, daß es niemand gibt, der sich durch den Dialog nicht überzeugen lässt, kommt unser Patient gleichzeitig dazu, eine vollständige Konstellation von einseitigen Eindrücken und Empfindungen zu bilden, von denen wir nur einige erwähnen wollen. Es sind die, die sich auf den Katholiken beziehen, der diskutiert oder polemisiert. Nach Ansicht des Irenisten wendet der Katholik apostolische Methoden an, die veraltert und unwirksam sind. Er geht so vor, weil er gereizt, zornig und rachsüchtig ist und keine Liebe zu denen besitzt, die im Irrtum leben. Er behandelt sie mit einer ungerechten und schädlichen Strenge, und schließlich ist er der einzig Schuldige, wenn sie außerhalb der Herde bleiben.

Hass gegen die eifrigsten Katholiken

Dieser einseitige Eindruck ruft eine Gemütsstimmung und eine Abneigung gegen den katholischen Apologeten und Polemiker hervor, die sich bis zum Hass steigern können. Eine solche Abneigung, ausgehend vom Vorurteil, dass alle ideologische Diskussion schlecht ist, umfasst „ipso facto“ und ohne Unterschied alle, die diskutieren oder polemisieren, ob sie es nun zu recht oder zu unrecht machen.

So absurd es auch sein mag, der Apologetiker und Polemiker wird von seinem eigenen Glaubensbruder mit Hass angesehen. Mehr und mehr erscheint er diesem lieblos und als katholischer Sektierer, und sein „Irrtum“ als der einzige, für den es keine Verzeihung gibt. Es ist der schreckliche „Irrtum“, „ultrakatholisch“, zu sein. Gegen die angeklagte Person scheinen alle Waffen erlaubt zu sein, der Feldzug des Schweigens und der Ächtung, die Verleumdung und die Beleidigung. Und um die gegen sie gemachten Anklagen zu belegen, ist alles gültig. Die schwächsten und unbestimmten Anzeichen, sowie bloße Gerüchte gelten als Beweis. Für sie, als regelrechte Paria der Gesellschaft, die sich auf dem Wege zur Utopie befindet, ist es endgültig verboten, am Dialog teilzunehmen. So reibt man in immer größerem Umfang in der streitenden Kirche die eifrigsten ihrer Kinder auf, d. h., die Uneigennützigsten, die Folgerichtigsten, die Weitsichtigsten, die Tapfersten. Es ist unnötig hervorzuheben, wieviel damit ihre Gegner gewinnen.

 

Bewunderung und bedingungsloses Vertrauen für die,

die außerhalb der Kirche stehen

Diese Dezimierung geht Hand in Hand mit der wachsenden Bewunderung und dem Vertrauen zu denen, die außerhalb der Kirche stehen. Es ist nicht selten, dass diese Gefühle zu einem Komplex wer den, der fähig ist, zu einer kategorischen Bedingungslosigkeit zu führen, was übrigens logisch ist. Wenn nämlich alle unsere getrennten Brüder durch Lächeln bekehrt werden können, so sind es in letzter Hinsicht nur einige Missverständnisse und Verstimmungen, die sie von uns fernhalten. Ihr guter Wille ist vollständig und untadelig.

Wenn man mit denen, die außerhalb der Kirche stehen, richtig den Dialog führt, muss man sich bewusst sein, was uns eint und was uns trennt. Mit der Geschicklichkeit der Liebe muss man den Vorteil ziehen aus dem, was uns eint, um im Rahmen des Möglichen, ein Klima der Herzlichkeit zu schaffen, wenn man auf objektive Art und mit Zartgefühl das behandelt, was uns trennt.

Aber im irenistischen Sinne, ist die Absicht des Katholiken, der Dialog führt, eine andere. Er sieht nur, was uns mit den Außenstehenden vereint, und nichts von dem, was uns trennt. So erwartet er alles vom Zusammenleben und von den Zugeständnissen und nichts vom Kampf. Seine Taktik ist daher einfältig, weichlich und nachgiebig im Bezug auf die, welche außerhalb der Kirche stehen. Seine Unnachgiebigkeit, seine Energie und sein Misstrauen bestehen nur für diejenigen, die innerhalb der Kirche dem irenistischen Klima widerstehen.

c) Dritte Wirkung – Zuneigung und Geltung, die aus dem propagandistischen       Widerhall des Wortes „Dialog“ entspringen

Wenn kraft dieser Konstellation von Eindrücken und Empfindungen der Apostel, der diskutiert und polemisiert, gehasst und verleumdet wird, so ist gleichzeitig die Art, wie gewöhnlich der irenistische Apostel vom Publikum gesehen wird, dem direkt entgegengesetzt.

Da heute, vielleicht mehr denn je, das Publikum begierig ist auf alles, was seinem Optimismus und seine Sucht nach Ruhe und Wohlergehen begünstigt, so ist es von vornherein bereit, den irenistischen Apostel begeistert zu bewundern.

Der Durchschnittsmensch glaubt in ihm eine wendige und glänzende Intelligenz zu verspüren, die es ihm erlaubt, das Übel der Diskussion und der Polemik sowie die unerschöpflichen apostolischen Möglichkeiten des Dialogs bis auf den Grund zu erkennen. Wohlwollend und liebenswürdig macht der irenistische Dialogsmann den Eindruck, eine unwiderstehliche und beinahe magische Sympathie zu besitzen Modern stellt er sich als vollendeter und wendiger Kenner der neusten Taktiken des Apostolats vor und ist daher in der Anwendung des Dialogs bekannt. Mit einem Wort, es fehlt ihm nichts, um vollkommen sympathisch zu scheinen. Heiter, liebenswürdig, kündet er eine rosige Zukunft an, vorbereitet durch eine Reihe von leichten und berauschenden Erfolgen.

Die Sympathie und der Optimismus öffnen für den Dialogsmann die Tore der Berühmtheit. Es macht Vergnügen von ihm zu sprechen, seine Worte zu wiederholen, seine Taten zu loben. Er scheint die Gabe zu besitzen, mit einem Lächeln die verwickeltsten Fragen zu lösen, mittels einfacher Gespräche die eingewurzeltsten Vorurteile und Verärgerungen, als wäre er eine Sonne, zu vertreiben. Daher befindet er sich natürlich im Zentrum der Ereignisse, im Brennpunkt aller Aufmerksamkeit. Die Presse, der Rundfunk und das Fernsehen stellen ihn gerne heraus, und sind sicher, damit dem Publikum zu gefallen

d) Vierte Wirkung – Das Trugbild des Zeitalters des guten Willens wird erweckt

All das öffnet im Geiste der Person, die dem von uns studierten Prozess unterworfen ist, unbegrenzte Horizonte. Am Rande derselben erhebt sich ein Trugbild, das wir in diesem Kapitel bereits erwähnt haben (Abs. 2, A bis C). Ein Trugbild, das aber gewöhnlich unscharf, doch dafür leuchtend und anziehend ist: das Bild des Zeitalters des guten Willens, d. h., einer „entwickelten“ Ordnung der Dinge, in der Zuneigung und die höchste Erfüllung derselben, die Liebe, nicht nur fähig wären, allen Streit zu entwaffnen, sondern ihn zu verhindern. Ja, ihn zu verhindern durch Abschaffung seiner psychologischen Ursachen und auch derjenigen Ursachen, die in den bestehenden Einrichtungen bedingt sind. Oh, wie viel würden Frieden und Eintracht gewinnen, durch die Aufhebung dessen, wofür die Menschen seit Jahrtausenden kämpfen – Vaterland, nationale Interessen, Vermögenswerte, Klassengeltung, Befehlsgewalt! Oh, wenn die Liebe den Worten „Mein“ und „Dein“ ein Ende bereiten würde, um sie durch das Wort „Unser“ zu ersetzen, so würde endlich Friede unter den Menschen herrschen Kriege, Verbrechen, Strafen und Gefängnisse würden verschwinden. Die öffentliche Gewalt würde nur noch eine enorme Kooperative sein, mit spontaner und harmonischer Tätigkeit zum Nutzen und Gedeihen der Kultur und der Gesundheit. Das vollständige Wohlergehen der Gesellschaft wäre das einzige Ziel aller menschlichen Anstrengungen im Zeitalter des guten Willens.

Dieses Trugbild, verwandt mit dem anarchistischen Trugbild des Marxismus, haben wir bereits (Abs. 2, B) hervorgehoben. Voller Suggestionsmacht, die den tiefsten Wünschen des Menschen entspricht, ist es fähig, in zahllosen Seelen, eine genussvolle Gemütsbewegung zu wecken, die sich ihrer ganz bemächtigt. und von der sie sich, wie von einem Rauschgift, absolut nicht trennen wollen.

Daher umgibt sich das Wort „Dialog“, in dieser Perspektive angewandt, mit einem besonders magischen und faszinierenden Glanz. Wie ein wirklicher Talisman vermittelt es seine Geltung und seinen Glanz denen, die es gebrauchen.

e) Fünfte Wirkung – die Neigung zum Missbrauch der Dehnbarkeit des Wortes „Dialog“

Aus diesen verschiedenen psychologischen Faktoren ergibt sich eine immer stärkere Tendenz, die natürliche Dehnbarkeit des betreffenden Wortes zu missbrauchen.

Wenn man durch die Benutzung eines Wortes eine bestimmte Wirkung erzielt, so wird diese umso größer sein, je öfter es verwendet wird.

Daher die Tendenz, das Wort „Dialog“ bei jeder Gelegenheit zu benutzen. Sein Gebrauch kann beinahe zu einem Laster werden, sodass ein Interview, ein Artikel, ein Vortrag nicht vollständig scheinen wenn sie keinen Hinweis auf den Dialog enthalten.

D. Indirekte und unwillkürliche Wirkung des Zauberwortes

Gehen wir nun zur zweiten Gruppe von Wirkungen über.

Bei ihnen wirkt die psychologische Gärung, die schon vom Zauberwort erzeugt wurde, auf diese zurück und umgekehrt.

Dieser Zyklus, der einen Prozess gegenseitiger Radikalisierung darstellt, wirkt sich wiederum auf die Art der Dialogführung aus.

Wenn wir uns zwei Dialogpartner vorstellen, bei denen dieser Zyklus auftritt, so werden wir sehen, dass sie nach und nach nicht nur ihre Art des Dialogs ändern werden, sondern selbst den Inhalt desselben.

Im Ganzen führt das alles die Dialogspartner durch verschiedene Etappen vom Irenismus zum Hegelschen Relativismus.

a) Erste Wirkung – Die Radikalisierung des Wortes „Dialog“: neue und radikalere Zauberbedeutung

Wie wirkt sich diese psychologische Gärung auf das Wort aus? Wer zum Firmament der Berühmtheit auf den Flügeln des Wortes „Dialog“ aufsteigen will, wird gleich merken;, dass die verschiedenen Anwendungen des letzteren beim Publikum ungleichen Erfolg haben. Manchmal wird es mit wenig Nutzen angewandt. Es scheint für das Publikum belanglos zu sein. Ein anderes Mal wieder wird sein Zauber vor aller Augen leuchten und mit voller Intensität wirken. Der Nutznießer des Zauberwortes – wie übrigens auch das Publikum – werden diese Tatsache gewöhnlich merken, ohne sie erklären zu können. Infolgedessen wird er dazu gebracht werden, einige seiner Anwendungen anderen vorzuziehen. Sollte er ein gewisses Talent besitzen, so wird er die natürliche Dehnbarkeit des Wortes erweitern und die anziehenderen und gewinnbringenderen Anwendungsarten vermehren.

Aus welchem Grunde zeigt sich der Zauber bei gewissen Anwendungen dieses Wortes strahlender als bei den andern? Welches ist der größte Leuchtpol, mit dem es sich, von den Künstlern dieses Sprachgebrauches so gehandhabt, zu identifizieren trachtet?

Die Strahlungskraft, die dem Zauberwort „Dialog“ sozusagen angeboren ist, macht sich fühlbar, wenn es in einer Weise angewandt wird, dass der Mythus – wir sprachen vor kurzem von ihm – der sentimentalen, erneuernden und kollektiven Liebe, die als Organisationskraft einer neuen Welt gedacht ist, als wahr, begehrenswert und durchführbar dargestellt wird. Dieser Mythus ist der Pol, auf den das Zauberwort hinstrebt. Der Dialog in seinen letzten und unverborgendsten Bedeutungen ist die Sprache der Liebe.

Auf den verschiedenen Etappen des Weges zum letzten Sinn, entwickelt sich das Wort „Dialog“ derartig, dass es sich immer mehr mit ihm identifiziert.

b) Zweite Wirkung – Die vier Stufen des Prozesses zum Hegelschen Relativismus hin

Nachdem wir so im allgemeinen den Zyklus zwischen irenistischer Gemütsbewegung und dem Zauberwort beschrieben haben, wollen wir jetzt die verschiedenen Stufen betrachten, auf denen sich nach und nach die Formen und der Inhalt des Gespräches zwischen zwei Personen entgegengesetzter Meinung ändern, und dementsprechend die Bedeutung des Zauberwortes.

Vor Beginn des Prozesses wollen solche Gesprächspartner sich gegenseitig durch Argumente überzeugen.

Der Grundzweck jedes Partners ist also, den andern für die Wahrheit zu gewinnen. Auf diesem Weg erreichen sie unter sich ein großes Gut, die Einheit. Eine Einheit, die sich mit Recht als Frucht der Wahrheit zeigt, und daher nicht verstanden und nicht angestrebt werden kann, ohne den Besitz der Wahrheit.

Erste Stufe – Übertreibung der Herzlichkeit beim Diskussionsdialog: das Zauberwort wird geboren

Nehmen wir an, bei Gesprächspartnern, die für die Diskussion bereit sind, zeige sich eine irenistische Gärung. Diese Gärung, die dem Erscheinen des Zauberwortes vorausgeht, besteht in einem heftigen Gemütsbegehren nach allgemeiner Einigung der Geister und nach Frieden auf allen Gebieten menschlicher Beziehungen

Dieses Begehren ist derartig, dass es sich nur gesättigt fühlt, wenn die Gesprächspartner endlich zu einer vollkommenen irenistischen und relativistischen Auffassung vom Menschen, vom Leben und vom All gelangt sind.

Vom gefühlsmäßigen Gesichtspunkt aus sind die betreffenden Gesprächspartner potenziell bereits durch den Irenismus für die Sache des Relativismus gewonnen, und – wie wir sehen werden – für den radikalsten Relativismus, nämlich den Hegelschen.

Wenn das nun vom gefühlsmäßigen Standpunkt aus richtig ist, so ist es das noch nicht vom Standpunkt der Ideen aus.

Die Gesprächspartner geben noch die Existenz einer objektiven Wahrheit zu, in der jeder sich zu befinden glaubt, sowie eines objektiven Irrtums, von dem jeder glaubt, dass der andere sich darin befindet.

Was das umstrittene Thema angeht, kann es für sie, logischerweise, nur eine Art von Beziehungen geben, nämlich die Diskussion.

Diese, selbst wenn sie sehr liebenswürdig geführt wird, hat in sich ein Merkmal von Streitbarkeit. Dieses Merkmal weicht aber von der Gemütsstimmung der .Gesprächspartner stark ab.

Es besteht also ein Konflikt zwischen dem von der Logik angegebenen Vorgehen – der Diskussion – und dem Stil der Beziehungen, den die Partner gerne unter sich gebrauchen möchten. Es entsteht daher die erste Änderung in der Art der Beziehungen.

Ohne sich dessen bewusst zu werden, wünschen die Partner mehr die Einheit als die Wahrheit.

Infolge dieser Gemütshaltung ist jeder von ihnen geneigt anzunehmen, dass der andere immer guten Glaubens ist. Der Erfolg seiner Überzeugungsanstrengung scheint ihm nur von der Beseitigung gewisser Vorurteile des anderen abzuhängen.

Daher lehnen beide die einfache und reine Diskussion, sowie die Polemik ab und bedienen sich nur der Diskussion, unter der überaus zarten Form des Diskussionsdialogs. Diese Form enthält trotzdem immer noch ein Element der Streitbarkeit, die dem irenistischen Gemüt widerstrebt.

Dieses verfälscht daher den Sinn des Diskussionsdialogs, indem es das Merkmal der Herzlichkeit überbewertet und die Streitbarkeit gering achtet. Damit prägt sich die beginnende Verfälschung des Stiles der Beziehungen zwischen den Partnern aus.

Der Diskussionsdialog zielt schon nicht mehr hauptsächlich auf die Wahrheit und nur durch sie auf die Einheit, sondern zielt auf die Einheit mittels der Herzlichkeit der Beziehungen zwischen den Partnern und nur in zweiter Linie auf den Gewinn der Wahrheit durch Argumentierung.

Das Wort „Dialog“ erleidet dann die erste Verdrehung. Es geht dazu über, den irenistischen verstandenen Diskussionsdialog zu bezeichnen. Es wird so mit einem irenistischen Zaubersinn beladen, der mit allen Verlockungen des irenistischen Mythus glänzt.

Der Zauberdialog (d. h., der verfälschte Diskussionsdialog) wird zum Dialog schlechthin.

Praktisches Beispiel

Um dem Leser das abstrakte Studium des Prozesses der Zauberverfälschung des Wortes „Dialog“ zu erleichtern, werden wir ihn mit einem praktischen Beispiel begleiten. Der Ausführung jeder Stufe des Prozesses „in abstracto“ wird die Beschreibung der entsprechenden Stufe „in concreto“ folgen.

Nehmen wir an, dass ein Thomist und ein Existenzialist Kollegen auf einer Universität sind und daher häufig Gelegenheit haben, über ihre philosophischen Meinungsverschiedenheiten zu diskutieren, sowie auch gemeinsame Gegenstände zu untersuchen, die mit diesen Meinungsverschiedenheiten nichts zu tun haben, und außerdem an den unter Kollegen üblichen gesellschaftlichen Beziehungen teilzunehmen.

Was die Verschiedenheiten angeht, so weiß der Thomist, daß er die Wahrheit besitzt und Recht hat. Der Existenzialist kommt mit den Einstellungen des Thomisten nicht überein. Jeder möchte den andern überzeugen, und als natürliches Mittel dazu, gebrauchen sie die Diskussion.

Nehmen wir an, dass im Bestreben den andern zu überzeugen, der Thomist nicht nur durch eine gerechtfertigte apostolische Absicht getrieben wird, sondern durch ein brennendes irenistisches Verlangen nach Einheit.

Dieses Verlangen nimmt in einem gewissen Augenblick den Vorrang vor dem Eifer ein, und unser Thomist beginnt, in seiner Diskussion mit dem Existenzialisten mehr die Einheit als die Wahrheit anzustreben.

Diese Umdrehung der Ziele bewirkt in seiner Art, den Kollegen zu sehen, eine unmittelbare Folge. Lebhaft wird er sich vorstellen, dass der letztere nur aus einem blassen Missverständnis, und aus Voreingenommenheit gegen den Thomismus und auch gegen die Kirche, an seiner Lehre hängt. Für den von der Fliege des Irenismus gestochenen Gesprächspartner beträgt sich der andere Partner in der Diskussion stets so, als wäre er frei von der Erbsünde und deren Folgen und daher unfähig zu einem ungeordneten und lasterhaften Verharren im Irrtum.

Daher die Rückwirkung der irenistischen Tendenz auf den Thomisten. Wenn das Haupthindernis, weshalb der Existenzialist die Wahrheit nicht annimmt, nur in der Voreingenommenheit liegt, so muss bei der Diskussion unter allen Umständen vermieden werden, dass diese Voreingenommenheit weiter fortbesteht, oder sich gar verschärft. Sein Gesprächspartner wird daher die reine und einfache Diskussion und die Polemik als ungerecht und gefährlich ablehnen und bei der Behandlung von Streitfragen nur den Diskussionsdialog zulassen.

Bei diesem letzteren wird er sich hauptsächlich die Einheit, und erst in zweiter Linie die Wahrheit zum Ziele setzen.

Diese Art Diskussion wird er Dialog nennen, um damit sagen zu wollen, dass er aller Streitbarkeit entledigt ist, wie der Untersuchungs- und Unterhaltungsdialog.

So wird das Zauberwort „Dialog“ geboren, das von pazifistischer Herzlichkeit trieft. Es entspricht der ersten Form irenistischer Beziehungen zwischen den beiden Gesprächspartnern und leuchtet mit den vielfachen Verführungen des pazifistischen Mythus; es betont in unserem Thomisten das irenistische Begehren und bewegt ihn, den Zauberdialog mit neuen Veränderungen und in seiner persönlich eigenen Art zu betrachten und anzuwenden.

Zweite Stufe – Die irenistische Herzlichkeit dringt in den Unterhaltungs- und Untersuchungsdialog ein: das Zauberwort erweitert seinen Sinn

Das auf der ersten Stufe geschaffene Zauberwort wirkt auf die irenistische Gemütsgärung, und diese so verstärkte Gärung verleiht dem Zauberwart einen neuen und ausgedehnteren Sinn. Darin besteht die zweite Stufe.

Der irenistische Gesprächspartner, erfüllt vom verborgenen Sinn des Zauberwortes, der im irenistischen Mythus besteht, benützt es bei jeder Gelegenheit, wie ein Spielzeug, das ihm immer besser gefällt, je mehr er mit ihm spielt.

Die Beziehungen zwischen Personen, die voneinander durch eine Meinungsverschiedenheit getrennt sind, beschränken sich nicht auf diese Differenz. Sie können Untersuchungsdialoge über andere Gegenstände führen und Unterhaltungsdialoge über noch andere. Die Formen der Beziehungen können auch eine günstige Wirkung auf den Diskussionsdialog haben, im Maßstabe, wie sie dazu beitragen zu verhindern, dass dieser durch persönliche Voreingenommenheit und Abneigungen geschädigt wird, die leider immer leicht entstehen können.

Im Hinblick darauf, sind die irenistischen Gesprächspartner geneigt, ihre Untersuchungsdialoge im irenistischen Sinn zu verändern, indem sie den in der vorigen Etappe ausgebrüteten Zaubersinn vom Diskussionsdialog auf den Untersuchungsdialog ausdehnen.

Es kommt jetzt darauf an zu zeigen, worin die irenistische Verfälschung der Untersuchungs- und Unterhaltungsdialoge besteht. Bei ihnen beginnen die irenistischen Gesprächspartner den natürlichen Zweck der Unterhaltung und der Untersuchung gering zu achten und irenistischerweise den Faktor der Herzlichkeit zu überwerten. Auf diese Art wird der Dialog von ihnen geführt, hauptsächlich um eine wärmere Zuneigung zu erzielen, und sie bedienen sich der Unterhaltung und der Untersuchung nur aus blossem Vorwand.

Diese wärmere Zuneigung, so hoffen sie mit Rücksicht auf die Überzeugung, wird auf den Punkt der Meinungsverschiedenheiten eine einigende Wirkung ausüben, die nützlicher ist als der Austausch von Argumenten, selbst wenn er in der Sanftheit des irenistischen Diskussionsdialogs gemacht wird, denn auch so bewahrt er noch Reste von Streitbarkeit.

Da der Irenist immer mehr die Bedeutung der Herzlichkeit übertreibt, um die Überzeugung zu erreichen, vertraut er immer mehr auf den Unterhaltungs- und den Untersuchungsdialog, wobei ihm der Diskussionsdialog durchaus zweitrangig, sogar gefährlich und lästig zu sein scheint.

Dieser Änderung im Inhalt der Beziehungen zwischen irenistischen Gesprächspartnern entspricht eine neue Etappe des Zauberwortes „Dialog“.

Da das wirksamste Element der Bedeutung des Zauberwortes irenistisch ist, breitet es sich vom irenistischen Diskussionsdialog auf die beiden anderen „irenisierten“ Gesprächsarten aus.

So umfasst das Zauberwort alle Arten von Beziehungen zwischen Gesprächspartnern, die irenistischer Verseuchung Zugang gewähren.

Mit anderen Worten, außerhalb des irenistischen Einflusses, kann man den Untersuchungs- und Unterhaltungsdialog als instrumentale Formen des Diskussionsdialoges sehen, die dann fähig sind, dessen guten Verlauf zu sichern. Aber unter dem Einfluss des Irenismus verdreht sich diese Ordnung der Dinge. Der Unterhaltungs- und Untersuchungsdialog werden als treibende Kräfte der Überzeugungstätigkeit betrachtet. Der Diskussionsdialog bekommt zweitrangige und nur instrumentale Bedeutung, die aber immerhin lästig ist.

Das Zauberwort „Dialog“, das in dieser neuen Weltordnung die drei erwähnten Formen des Gesprächs umfaßt (Diskussions- und Untersuchungs- und Unterhaltungsdialog), beginnt die irenistischen Begierden noch mehr aufzustacheln und gibt den Ursprung für die dritte Etappe.

Praktisches Beispiel

Unter dem Zeichen des vom Zauberwort ,;Dialog“ angespornten Irenismus gefällt es unserem Thomisten, den irenistischen Sauerteig auf die anderen Formen seiner Beziehungen zum Existenzialisten auszudehnen. Bis jetzt schienen ihm diese anderen Formen (Unterhaltungs- und Untersuchungsdialog) mit dem doktrinären Disput nichts zu tun zu haben, oder als ob sie im Hinblick auf ihn nur eine Hilfsaktion ausüben könnten. Die herzliche Behandlung von Gegenständen, die dem Disput fremd waren, trugen dazu bei, ihn in einer ruhigen und gehobenen Atmosphäre zu halten.

Der irenistische Thomist beginnt dann, die Dinge auf andere Art zu sehen. Die Gelegenheiten für Untersuchung und Unterhaltung scheinen ihm nicht mehr nur ihren natürlichen Zweck zu haben. Er strebt danach, in seinem Gesprächspartner die gewünschte Gemütsmobilisierung hervorzurufen, wobei diese Gelegenheiten für ihn nur noch bloße Vorwände sind, um im Existenzialisten den irenistischen Sinn zu nähren und den absoluten und bedingungslosen Wunsch nach Einheit zu vermehren.

So werden schließlich alle Gesprächsarten, die irenistisch verseucht sind, (Unterhaltungs-, Untersuchungs- und Diskussionsdialog) unter dem Zeichen des Irenismus zusammengefasst.

Der Diskussionsdialog, jedoch, weil er weniger geeignet für die irenistische innige Herzlichkeit und wegen seiner Streitbarkeit sogar gefährlich ist, verliert seine besondere Aufgabe. In dem Masse wie er doktrinäre Missverständnisse aufklärt, bekommt er eine lästige und gefährliche Funktion, in einer Gesamtheit von Beziehungen, deren tonangebendes Merkmal darin besteht, die Herzlichkeit zu mehren.

Unser Thomist, der nun die Dinge so sieht und fühlt, fährt im Dialog fort. Aber um wie viel unterscheidet sich für ihn der Dialog von dem, was er vorher war! Um das Gemütsklima der Herzlichkeit nicht zu schädigen, vermeidet er so weit als möglich den Disput mit dem Existenzialisten und verlegt sein ganzes Bemühen darauf, mit den Lichtern einer unermüdlichen Eindringlichkeit und mit einer Genauigkeit, die sich in den geringfügigsten Kleinigkeiten gefällt, all das zu beleuchten, was es zwischen Thomisten und Existenzialisten Gemeinsames gibt…, was sich für ihn als „Thomistischer“ Inhalt im Existenzialismus“ darbietet. Er versucht so, das rauhe Gewand des Aquinaten mit einem Wimpel von Kierkegaard zu schmücken und jenen in die Zahl der Bewunderer einzureihen, die Kierkegaard schon vor seiner Geburt hatte.

Schlau wie er ist, versteht der irenistische Thomist, daß eine gemeinsame Feindschaft mitunter das beste Fundament für eine schwache und im Entstehen begriffene Freundschaft ist. Er versucht mit mehr Feuer als es die eifrigsten Existenzialisten tun würden, jede Ader von Essenzialismus, die er bei diesem oder jenen Philosophen findet. anzugreifen. Bei diesem Kreuzzug ohne Kreuz ist er keineswegs Irenist, was den Essenzialismus angeht, in irgendeiner seiner Stufen, Arten oder Gesichtspunkte, aber der Irenismus soll dem Existenzialisten gegenüber angewandt werden.

Er hat nur eine Angst, indem er befürchtet, dass der Existenzialist in ihm gleichsam einen Verbündeten anderer thomistischer Richtungen sieht, die den Existenzialismus bekämpfen. Daher holt er mit unbarmherzigen Schlägen gegen sie aus, als seien sie die gefährlichsten „Essenzialisten“.

Künste des Zauberdialogs in dieser zweiten Stufe …

Dritte Stufe – Die irenistische Herzlichkeit landet im Relativismus: das Zauberwort nimmt vollkommen irenistischen Sinn an

Die beiden ersten Stufen verliefen unter dem Zeichen des Irenismus. Die dritte ist bereits deutlich relativistisch.

Unter dem Druck des Irenismus war bisher das Ziel des Gesprächs immer mehr die Einheit und immer weniger die Wahrheit. In der gegenwärtigen Stufe läßt der Wunsch nach Einheit die Gesprächspartner über ihre Meinungsverschiedenheiten hinwegspringen, um diese zu erreichen. Daher gehen sie zu der Ansicht über, dass es beiderseits keine absolute Wahrheit und keinen absoluten Irrtum gibt.

Demzufolge ändert sich der Inhalt ihrer Beziehungen.

Vom Relativismus ab ist eine richtige Diskussion unmöglich: Wenn die Gesprächspartner den bisher diskutierten Gegenstand behandeln, führen sie keine richtige Diskussion mehr, eben weil sie es im Zeichen des Relativismus tun.

Da oft dieser Übergang vom einfachen Irenismus zum Relativismus unbemerkt abläuft, ist es möglich, dass die Partner zu diskutieren glauben und ihre Unterhaltung Diskussion nennen. In Wirklichkeit hat der Diskussionsdialog regelrecht aufgehört zu bestehen. Von ihm verbleiben nur noch die zufälligen und vorübergehenden Unterschiede, die dem Untersuchungsdialog eigen sind, wie wir (Kap. IV, 1, B, j) gesehen haben.

Diese relativistische Änderung der Beziehungen zwischen den Gesprächspartnern bestimmt eine neue Verdrehung des Zauberwortes „Dialog“. Sein Inhalt geht vom einfach Irenistischen zum Relativistischen über; daher umschließt er nicht mehr den Diskussionsdialog, sondern nur noch den Unterhaltungsdialog und (den Untersuchungsdialog.

Je näher sie dem Mythus des Zeitalters des guten Willens kommen, desto verlockender und leuchtender wird er für die irenistischen Relativisten. Er vermittelt ein stets brennendes Begehren nach Einheit und bereitet so die nächste Stufe vor.

Praktisches Beispiel

Auf den Wegen des Zauberwortes von Finesse zu Finesse getrieben tut unser Thomist in seiner Dialogtätigkeit einen weiteren Schritt. Es kommt ihm jetzt so vor, als existierten die doktrinären Verschiedenheiten gar nicht, die er in der vorhergehenden Stufe bereits derartig unterbewertet hatte, zugunsten der Übereinstimmung. In ihnen allen sieht er Spuren von Wahrheiten und Irrtum auf beiden Seiten. Die Verschiedenheit bestünde mehr in den Formeln als im Inhalt. Zu guter Letzt wäre eine und dieselbe globale „Wahrheit“ ganz und gar relativ, und in total entgegengesetzten Formulierungen spurenhaft vorhanden, die dann die Basis einer verschiedenen und unendlich wandelbaren Wirklichkeit wäre.

Mit dem Vergrößerungsglas in der Hand beginnt unser Thomist Texte des hl. Thomas zu suchen, die einzeln genommen, seinen Relativismus zu rechtfertigen scheinen. Er ist nur noch Thomist, weil er hofft und sich einbildet, bei Thomas Keime der Kierkegaardschen Philosophie zu finden. In Wirklichkeit bleibt ihm nichts mehr vom Thomismus. Ohne sich vielleicht bewusst zu werden, was in seinem Geiste vorgeht, ist er ein überzeugter Relativist.

Auf diese innere Umstellung folgt eine Änderung der Art seiner Beziehungen zum Existenzialisten. Wir sehen ihn in seiner dritten Stufe, bei der der Irenismus in den Relativismus einmündet, den Diskussionsdialog abschaffen, der ihm in der vergangenen Stufe wie das Gewicht der Kugel und der Kette am Fuß des Schwerverbrechers vorkam. Die Beziehungen zum Existenzialisten beschränken sich auf den Untersuchungs- und Unterhaltungsdialog.

Vielleicht nennt dieser Thomist, der bereits kein Thomist mehr ist, diese Arten der Unterhaltung noch Diskussion, obwohl sie mit der Diskussion nichts mehr gemein haben.

Das Zauberwort „Dialog“, das in jeder Stufe die irenistischen Beziehungen bezeichnet, so wie sie jeweils geführt werden, umfasst nicht mehr den Diskussionsdialog, sondern nur noch die beiden anderen Typen irenistischen Dialogs, die selbst voller relativistischer Auffassungen sind.

Im Zauberregime Dialog zu treiben, bedeutet also in dieser Stufe, einen radikalen Relativismus auszuüben. Der Trieb zum .Dialog, die zauberhafte Geltung des irenistisch-relativistischen Dialogs, die in unserem Thomisten die irenistische Glut noch mehr schüren, bereiten ihn auf die vierte Stufe vor.

Vierte Stufe – Der irenistische Relativismus baut sich aus Hegelschen Begriffen auf: Das Zauberwort übernimmt den Sinn des „Ludus“ von Hegel

Da der Relativismus dem Irenismus nichts entgegensetzt, sondern dessen Erfüllung ist, so erfährt in dieser Stufe der Relativismus eine Bereicherung, die ihm ebenfalls nicht entgegengesetzt, sondern ihm sogar seine ganze Fülle verleiht. Indem die Gesprächspartner sich bemühen, den Relativismus bis zu seinen letzten Folgerungen zu treiben, begnügen sie sich nicht mehr mit dem rein negativen Relativismus, der lediglich die Begriffe von objektiver Wahrheit und objektivem Irrtum zersetzen und zerstören möchte. Denn der menschlichen Natur widerstrebt, was rein verneinend ist. Auf die positive Ebene übergehend versuchen sie, eine vollständige relativistische Anschauung des Menschen„ der Gesellschaft und des Alls zu schaffen.

Die Wahrheit, die schon vorher als etwas Relatives angenommen wurde, wird in dieser Stufe als Produkt einer ewigen Dialektik betrachtet.

Nachdem der Dialog den Charakter bloßer Unterhaltung und Untersuchung angenommen hat, wird er wie ein „Ludus“ betrieben, bei dem beide Partner zugeben, dass durch den Dialog sich in ihnen eine Entzauberung der Wahrheit vollzieht, wie man durch die Reibung von These und Antithese zur Synthese kommt. So entsteht die letzte Stufe in der Zauberverfälschung des Wortes „Dialog“. Es ist die Hegelsche Stufe. Man kann leicht sehen, dass, von Menschen guten Willens geführt und vom irenistischen Mythus erfüllt, die Reibung zwischen These und Antithese im Grunde ein herzlicher „Ludus“ sein wird. Umso herzlicher, je mehr er sich fortentwickelt.

Die Reibung zwischen These und Antithese kann manchmal die Form der reinen Diskussion oder sogar der Polemik annehmen. Sie wird aber nicht deren Substanz besitzen, da sie keine absolute Gegnerschaft zwischen Wahrheit und Irrtum, Gut und Böse voraussetzt. Folglich bezweckt der irenistische Dialog nicht, die Überzeugung irgendeiner Partei zu ändern, sondern die Erhebung beider zu einer auf einer höheren Ebene gelegenen „Wahrheit“ zu erreichen. (24)

 

(24) Könnte man sagen, dass in der Hegelschen Phase alle Formen des Gesprächs zwischen Personen mit verschiedener ideologischer Einstellung (also der Unterhaltungsdialog, der Untersuchungsdialog, der Diskussionsdialog, die reine und einfache Diskussion und die Polemik) scheinbar weiter existieren, aber sich in Wirklichkeit auf die bloßen Formen des Hegelschen „Ludus“ beschränken?

Um diese Frage zu bejahen, müsste man logischerweise darauf bestehen, dass jede dieser Arten der Unterhaltung, obzwar mit dem Sinn des „Ludus“ angesteckt, eine äußere Ähnlichkeit hat mit derselben, in rechtmäßigem Sinne genommenen, Art.

Dies vorausgesetzt, sehen wir kein Hindernis, die obige Frage zu bejahen. Aber die Analyse dieser weiter ausgedehnten Perspektiven würde eine besondere Arbeit verlangen.

 

Praktisches Beispiel   ..

Der irenistische Thomist, den wir als Beispiel genommen haben, kann sich in seinem Eifer nicht mit einem rein negativen Relativismus begnügen. Er versucht“ eine innere Kraft zu entfalten, die die tausend entgegen gesetzten Formulierungen erklärt, in denen, wie ihm scheint, die „Wahrheit“ ihren Sitz hat.

Vor allem ist er bestrebt, in diesen Beziehungen etwas zu finden, das nach Ausmerzung der Gegensätze zur Einheit trachtet.

Diese Ausmerzung kann er nicht so verstehen, wie er sie vor Beginn des Zauberprozesses verstanden hatte, wo die Verurteilung aller Formulierungen, außer einer, auf Grund von Überlegung, als die einzig wahre verkündet wurde.

Auf der anderen Seite steht er vor einer greifbaren Tatsache: diese gegenseitigen Formulierungen befinden sich in einem Zustand gegenseitiger, dauernder und heilbarer Reibung.

Unheilbar? Oder sollte eben diese Reibung etwa das Heilmittel sein? Es gefällt unserem Thomisten mit „Ja“ zu antworten. Aus der Reibung der gegnerischen relativen „Wahrheiten“ wird durch Überwindung eine Synthese entstehen und aus der weltweiten Reibung von Thesen und Antithesen“ die immer neue Synthesen zeugen, und die ihrerseits wieder durch Reibung mit weiteren Antithesen neue Synthesen ergeben“ würde ein großartiger Prozeß der weltweiten Destillierung der „Wahrheiten“ und der „Wahrheit“ entstehen.

Wohlverstanden, ganz anders als bei dem unsympathischen und haarspalterischen Vorgehen des mittelalterlichen Thomismus, würde bei dieser Destillierung nichts verurteilt und nichts abgelehnt werden. Alles würde brüderlich und liebevoll aus den aufeinanderfolgenden Synthesen angenommen.

Selbst den Thomismus sieht unser Thomist jetzt als eine der Formulierungen der Wahrheit, die mit wohlriechendem doktrinären Weihrauch zu dieser ideologischen universellen Zusammensetzung beiträgt.

Vielleicht denkt er noch Thomist zu sein. Vielleicht macht er sich noch die Arbeit“,das Werk des hl. Thomas zu verstümmeln, indem er mit heftiger Willkür ihm die Bruchstücke entreißt, die ihm dienen, um dem 20. Jahrhundert einen „new look“ des Aquinaten zu geben, der den allgemeinen Lehrer darstellt, aber nur umgekehrt gesehen.

In Wirklichkeit ist es nicht schwer zu merken“ dass er“ geblendet vom irenistischen Mythus und auf den Flügeln des Zauberwortes getragen, sich als Thomist in einen waschechten Hegelianer verwandelt hat“ dem noch eine leichte thomistische Tünche anhaftet.

Wie groß wäre seine Überraschung zu Beginn des Prozesses, wenn er sich hätte vorstellen können, dass er am Ende einer unbemerkten Entwicklung durch das Zauberwort „Dialog“, wie durch einen Unglücksstern geleitet, zum Hegelianismus kommen würde! Zu diesem Hegelianismus, den er vorher ablehnte, weil er das Gegenteil von all dem war, was er in der Philosophie als wahr erkannte.

 

 

 

 

 

 

SCHLUSS

Wenn wir zusammenfassend die Hauptelemente dieser Arbeit betrachten, taucht die Schlussfolgerung mit leuchtender Klarheit auf: der Kommunismus ist der große Nutznießer der unbemerkten ideologischen Umwandlung und der Anwendung der Zauberworte, besonders des Zauberwortes „Dialog“.

Gleicherweise wird es klar, dass dieses gewaltige kommunistische Manöver unbrauchbar gemacht werden kann, indem es einfach vor den Augen der öffentlichen Meinung aufgedeckt wird.

1. Das Zauberwort „Dialog“ und der Kommunismus

Wie man weiß, hat der Marxismus zwar den idealistischen Charakter des Hegelianismus verlassen, aber sein dialektisches Wesen beibehalten. Der aufsteigende Marsch der Entwicklung der Materie geschieht nach Marx durch These, Antithese und Synthese, wie für Hegel die Entwicklung des Geistes vor sich ging.

Unter dieser Voraussetzung ist es angebracht zu fragen, welchen Vorteil der Kommunismus aus der unbemerkten ideologischen Umwandlung mittels des Zauberwortes „Dialog“ unter dem Einfluss des Doppelbegriffes Angst-Sympathie zieht.

Es wäre übertrieben zu sagen, dass das Opfer dieses Zauberwortes, durch die bloße Tatsache, unbemerkt eine dialektische Philosophie anzunehmen, Materialist wird.

Zweifellos sind die vom Kommunismus durch diese Umwandlung erzielten Vorteile verschiedene und bedeutende:

– Die Annahme einer relativistischen Philosophie bedeutet einen bewussten oder unterbewussten Bruch mit dem Glauben und bereitet die Seele auf das ausgesprochene Bekenntnis des Atheismus vor;

– Die Annahme einer Philosophie, die den Eckstein des Kommunismus bildet, bereitet ihrerseits die Seele vor, demselben ausdrücklich beizutreten;

– Der Kommunismus kann keine Koexistenz annehmen mit einem, der im Gegensatz zu ihm eine Philosophie bekennt, die auf der Anerkennung der Wahrheit und des Guten – als absolute, unveränderliche und unvergängliche Werte, die in vollkommener Weise im Wesen Gottes vorhanden sind – beruht. Wiederum kann er, der vom Dialog zwischen These und Antithese nur die Synthese erwartet, sich nur gute Resultate vom Dialog mit einem relativistischen Katholiken versprechen, der die Lehre der Kirche als relative „Wahrheit“ annimmt, als eine These, die zur kommunistischen Antithese eine dialektische Stellung einnimmt, auf dem Weg zur höheren Synthese. Diese Stellung ist für den Kommunismus umso mehr annehmbar, als man weiß – und vor kurzem haben wir es schon gesagt – dass er sich nicht als letzte und definitive Wahrheit betrachtet, sondern nur als ein Moment in der ganzen Dialektik der Materie;

– Auf das eigentliche religiöse Gebiet übergehend haben wir die Tatsache, dass der irenistische Dialog, der den Interkonfessionismus begünstigt, alle Religionen schwächt und sie in einen Zustand völliger Verwirrung schleudert. Wegen der grundlegenden Bedeutung, die für den Marxismus die Vernichtung aller Religionen hat, kann man leicht verstehen, welche Bedeutung diese Tatsache für den Sieg des internationalen Kommunismus hat.

Das Zauberwort „Dialog“ schafft also für den Kommunismus eine Vorbereitung, die in der konkreten Wirklichkeit nur ausnahmsweise in bloßer Vorbereitung besteht. Die Verwandtschaft zeugt die Zuneigung, und die Zuneigung führt zum Beitritt. Dieser Beitritt ist umso leichter, je mehr die gegenwärtige öffentliche Meinung durch ein vielgestaltetes und intelligentes System von Anreizen zugunsten des Kommunismus gesättigt ist.

2. Ökumenismus, Irenismus und Kommunismus

Es ist klar – und das muss man wiederholen – dass das Wort „Ökumenismus“ an sich einen ausgezeichneten Sinn hat. Es kann jedoch ebenfalls einen irenistischen Sinn annehmen. Wenn man alle Religionen als relative „Wahrheit“ annimmt und unter sich in den Hegelschen Dialog stellt, so nimmt der Ökumenismus die Gestalt eines dialektischen Marsches aller, zu einer einzigen und universellen Religion hin an aufgebaut aus den Bruchstücken von Wahrheiten, die in jeder vorhanden sind und gesäubert von den Schlacken der gegenwärtig existierenden Widersprüche.

So gesehen ist der Ökumenismus eine große Vorbereitung aller Religionen, die durch Hegelschen Dialog zustande kommt, nachdem sie einmal geeint sind, im weiteren Dialog mit der kommunistischen Antithese zu treten.

3. Dialog, dialektischer Relativismus und friedliche Koexistenz mit dem Kommunismus

Während der Kommunismus mit den wirklichen Katholiken nur im Kampf zusammenleben kann (laut dem interessanten Artikel des Paters Giuseppe De Rosa, S. J., „L‘ impossibile dialogo tra cattolici e communisti“ in Civilitä Cattolica, Rom, Nr. vom 17. Okt. 1964, S. 110 -123), kann seine Koexistenz mit andern Religionen, die den dialektischen Relativismus annehmen, durchaus friedlich sein, denn sein Dialog mit ihnen hat nichts Kämpferisches an sich und zeigt nur Charakter der Mitarbeit.

4. Dialog, Irenismus und religiöse Verfolgung

Bedeutet die Tatsache, dass der Kommunismus die friedliche Koexistenz mit den verschiedenen Religionen, die sich ihm widersetzen, annimmt, vielleicht das Ende der religiösen Verfolgungen?

Streng logisch, nicht. Die Kommunisten nehmen eine solche Koexistenz mit Religionen oder Gruppen von Religionen an, wenn diese sich auf Hegelsche Stufe stellen und bereit sind, mit ihnen auf relativistischer Basis zu dialogieren. Darin scheint die Haltung des Kommunismus neu zu sein, aber die Neuerung liegt nicht bei ihm, sondern bei gewissen religiösen Strömungen, deren Stellung dem Relativismus gegenüber immer schwächer und nachgiebiger wird. Der Kommunismus verfolgt die Religionen, so lange sie ihn bekämpfen. Es ist von seiner Seite folgerichtig, jene nicht mehr zu bekämpfen, die bereit sind, mit ihm in einem Klima friedlicher Koexistenz in den relativistischen Dialog einzutreten.

Diese Behauptung findet interessante Bestätigungen in den Tatsachen.

Nach unserer Ansicht ist kein andrer der Grund, weshalb der polnische Kommunismus die Gruppe „Pax“ unterstützt.

Die Personen, aus denen sich diese zusammensetzt, obwohl sie behaupten, katholisch zu sein, sind bereit, mit dem Kommunismus am Aufbau der sozialistischen Welt zusammenzuarbeiten. Sie sind der Meinung, dass sich das soziale Denken der Kirche entwickelt hat und gegenwärtig im Bezug auf den Sozialismus eine Biegsamkeit besitzt, die es früher nicht hatte. Nun, wenn das Denken der Kirche fähig ist, in sozialer Materie sich zu entwickeln, so kann es auch in irgendeiner anderen Richtung sich entwickeln. Die Stellung der Gruppe „Pax“ enthält ein mittelbares Bekenntnis zum Relativismus, der bestrebt ist, der Öffentlichkeit die katholische Lehre als etwas in jeder Hinsicht Wandelbares hinzustellen. Im übrigen, durch seine Annahme des irenistischen Dialogs mit den Kommunisten zeigt „Pax“ sich eben als Werkzeug zur Verbreitung des Relativismus unter den katholischen Schichten des unglücklichen Polen.

Dieser irenistische Sinn zeigt sich auch in dem bedeutenden Buch: „Il Dialogo alla Prova“, in dem mehr als ein Mitarbeiter durchblicken lässt, dass vom Gesichtspunkt des Dialogs aus, die Menschen sich nicht in ideologische Gruppen, sondern in zwei überideologische Kategorien teilen. Die einen sind die, welche – in den verschiedenen doktrinären Sektoren – für den Dialog geeignet und fähig sind, ihn zu führen, und zur friedlichen Koexistenz und Synthese hinwandern. Das sind die Guten. Die andern sind für die Anreize des Dialogs unempfänglich und versteifen sich auf den bloßen Disput dogmatischen Charakters, und folglich ohne relativistisches Gepräge. Das sind die Schlechten, die Verhärteten und die Unnachgiebigen.

Man braucht nicht viel politische Einsicht zu haben, um zu merken, dass es für die Schlechten die Freuden der friedlichen Koexistenz nicht gibt, sondern die unbeugsame Härte der grausamen Verfolgung.

5. Der irenistische Pazifismus und der Dialog

Auf dem Boden der irenistischen Utopie bilden die Worte „Koexistenz“ und ,Dialog“ mit dem Worte „Frieden“ einen einzigen Ring. Der irenistische Frieden beschränkt sich nicht nur auf das Nichtbestehen von Atomkriegen, gewöhnlichen Kriegen, Revolutionen und Bürgerkriegen. Er enthält eine Lehre, er ist ein Lebensstil, nicht nur öffentlich, sondern auch privat, in dem alle Reibungselemente durch eine herzliche und dialektische Koexistenz der These mit der Antithese ersetzt werden, in einer fortwährenden Zusammenarbeit zur Vorbereitung der Synthesen.

Der irenistische Dialog ist die direkte Anwendung dieser Lehre, die Sprache dieses Lebensstils und das Werkzeug dieser Zusammenarbeit. (25).

(25) Ein Opfer des Zauberwortes „Dialog“ wird beim Lesen all dieser Betrachtungen nicht unterlassen zu fragen, ob der Autor, der dem Irentsmus so abgeneigt ist, auch gleichgültig gegenüber eines Atomvernichtungskrieges ist.

Die Frage an sich ist schon eine Beleidigung, denn nur ein Irrer oder Herzloser kann gegen eine solche Gefahr gleichgültig sein.

Ein Katholik, der sie nicht mit allen Fibern seiner Seele befürchtet, besitzt keine Aufrichtigkeit in seinem Glauben. In Wirklichkeit ist er nichts als ein Pharisäer.

Für den aufrichtigen Katholiken gibt es jedoch ein größeres Übel als den Krieg, nämlich die Sünde. Augustinus macht diesen Gedanken ganz klar: „Was ist am Kriege zu tadeln? Ist es die Tatsache, dass dort Menschen getötet werden – die eines Tages doch alle sterben müssen – damit die Sieger in Frieden leben können? Dem Krieg einen solchen Vorwurf zu machen, wäre Sache der Feigen und nicht religiöser Menschen. Was den Krieg mit Recht tadelt, ist der Wunsch, Schaden zuzufügen, ist die Roheit der Rache, ein unversöhnlicher und jedem Frieden abholder Sinn, die Wut der Vergeltungen, die Leidenschaft zu herrschen und andere ähnliche Dinge“. (Cont Faust., XXII, 74 – PL 42, 447). Wenn das die Sünden sind, zu denen der Krieg die Menschen führen kann, so ist die Sünde noch viel schwerer, zu der unter den gegenwärtigen Umständen der Irenismus sie führen kann. Denn er ist der Abfall vom Glauben, der Wurzel aller Tugenden, und deshalb die schwerste aller Sünden.

Wenn der Preis der Wahrung des Friedens der ist, daß die Kinder der Kirche einen relativistischen Begriff der Religion annehmen – hinterlistig bei ihnen eingeführt durch das Zauberwort „Dialog“ und andere ähnliche – und eine sozialistische Zivilisation, so muß man unbedingt anerkennen, daß das Menschengeschlecht vor der Wahl steht, entweder Gott zu gehorchen, der uns zu glauben befiehlt, was er geoffenbart hat, oder den kommunistischen Machthabern, die mit der Wasserstoffbombe winken und uns befehlen, die Offenbarung abzulehnen. Und bei dieser Alternative kann man wiederum nicht zweifeln: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“, wie der Apostelfürst mahnt.

In Wirklichkeit verneinen wir, dass die Wahl, vor der die Menschheit steht, nur die des Abfalls oder der Atomvernichtung ist. Gewiss, auf der einen Seite steht die göttliche Vorschrift und auf der anderen die kommunistische Drohung. Aber die Gefahr einer Atomvernichtung wird größer sein, wenn wir Gott ungehorsam sind, als wenn wir den Machthabern von Moskau und Peking nicht gehorchen.

Denn, wenn die öffentliche Meinung, beherrscht vom Doppelbegriff Angst-Sympathie und vergiftet durch die Zauberworte des Irenismus, unter ihnen das Wort „Dialog“, eine relativistische und Hegelsche Religionsauffassung annimmt, so wird das bedeuten, dass unweigerlich die nichtkommunistischen Nationen, unter dem Namen der Koexistenz, und um den Frieden zu wahren, mit der allgemeinen Verbreitung des Kommunismus auf der Welt sich einverstanden erklären.

Die höchste Sünde, durch die Tatsache selbst, dass sie von Völkern und nicht von Einzelwesen begangen würde, unterliegt der göttlichen Gerechtigkeit in einer ganz besonderen Weise.

Während nämlich die Sünden der Einzelpersonen in dieser oder in der anderen Welt bestraft werden können, so geschieht mit den Sünden der Völker nicht dasselbe. Da diese nicht im anderen Leben belohnt oder bestraft werden können, wie Augustinus sagt, so erhalten sie hier den Lohn ihrer guten Taten und die Strafe ihrer Verbrechen.

Eine der höchsten Sünden der Länder entspricht daher, dem Rechte nach, eine höchste Strafe in dieser Welt. Diese kann leicht die Atomvernichtung sein.

So besteht größere Gefahr für die Katastrophe im Abfall als in der Treue.

Diese Behauptung wird noch mehr bestätigt, wenn wir nicht nur die Strafe betrachten, sondern auch den Lohn. Die dem göttlichen Gesetz treuen Völker müssen auf dieser Erde ihren gerechten Lohn bekommen. Es kann also nichts besser den Schutz und die Gunst Gottes auf ein Volk herabziehen, selbst was die Güter dieses Lebens angeht, als die heldenhafte Treue im Angesicht der Atomgefahr. Die Treue ist das beste Mittel zur Abwendung dieser Gefahr.

 

 

6. Konstellation von umwandelnden Zauberworten

„Dialog“, „friedliche Koexistenz“, „Friede“ als Zauberworte, werden manchmal mit einem etwas rätselhaftem Sinn gebraucht. Wenn sie aber im evolutionistischen und Hegelschen Sinn ausgelegt werden, verflüchtigt sich die rätselhafte Prägung, und diese Zauberbegriffe werden klar, genau umrissen und unter sich sind sie dann vollkommen zusammenhängend.

Das zeigt uns bereits nicht nur die umwandelnde Wirkung eines einzigen Wortes, „Dialog“, sondern einer ganzen Konstellation von ähnlichen Zauberworten.

Von irenistischen Erläuterungen über die Beziehungen zwischen Katholiken und Nichtkatholiken ausgehend, führt diese Konstellation zu einem Relativismus von Hegelschem und marxistischem Geschmack.

7. Der Dialog und der „Italienische“ Weg des Kommunismus

Bis jetzt haben wir den Dialog als Werkzeug für die unbemerkte ideologische Umwandlung betrachtet.

Bevor wir unsere Studie beenden, muss noch gefragt werden, ob der internationale Kommunismus parallel zu dieser Umwandlung nicht eine großangelegte politische Operation plant, die dem Problem, mit dem wir uns zu Beginn dieser Arbeit auseinandergesetzt haben, d. h., seinem weltweiten Misserfolg einer ausdrücklichen Anhängerwerbung, angepasst ist.

In diesem Falle würde für den Leser die Bedeutung der unbemerkten ideologischen Umwandlung noch klarer werden.

Wenn wir die Taktik der kommunistischen Partei Italiens, was die Innenpolitik der Halbinsel angeht, betrachten, so wenden wir gewisse Tatsachen finden, die zu einer bejahenden Antwort führen werden.

Die kommunistische Partei Italiens hat lange durch eine heftige und offene Propagandahetze versucht, die Religion zu zerstören. Nach dem zweiten Weltkrieg, in Anbetracht des überwältigenden Wahleinflusses der katholischen Meinung, änderte sie nach und nach ihre Haltung und heute betonen ihre hauptsächlichsten Vertreter, daß – falls die Katholiken am Aufbau einer sozialistischen Wirtschaft mitarbeiten würden – sie ihrerseits bereit wären, die Religion als gültigen Faktor der sozialen Revolution anzuerkennen und der Kirche volle Kultfreiheit zu geben. So würde die friedliche Koexistenz mit der Kirche geschaffen und der kommunistische Atheismus würde in irenistischen Dialog mit der katholischen Religion treten, auf der Suche nach einer neuen Synthese. Das Buch „Il Dialogo alla Prova“, das wir vor kurzem zitiert haben, enthält in diesem Sinne wichtige Texte. Auch der erwähnte Artikel von P. Giuseppe de Rosa, S. J. gibt interessante kommunistische Dokumente wieder, die die Erkenntnis der gegenwärtigen Unzerstörbarkeit der katholischen Religion in Italien durchblicken lassen, und den Dialog sowie die friedliche Koexistenz zwischen Katholiken und Kommunisten jenes Landes vorschlagen.

Im Gegensatz zum sogenannten russischen Weg (des ideologischen Kampfes und der polizeilichen Verfolgung, der beinahe fortlaufend in Russland eingeschlagen wird) zeichnet sich so ein italienischer Weg ab, skizziert durch den opportunistischen Sinn des Kommunismus und formuliert in Begriffen von Irenismus, relativistischem Dialog und Koexistenz.

Grunddokument der russischen Linie wäre der berühmte Bericht von Ilytchev (Vortrag des Präsidenten der ideologischen Kommission des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei der USSR am 26. Nov. 1963, in der erweiterten Sitzung des erwähnten Komitees). Das Dokument der italienischen Linie wäre die nicht weniger berühmte Denkschrift vom Aug. 1964, des verstorbenen Generalsekretärs der kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti, über den Bericht Ilytchevs.

Die italienische kommunistische Linie hat Ähnlichkeit mit der Politik der Nachgiebigkeit gegenüber der Kirche und vollständiger Unterstützung der „Pax“-Bewegung, die vom kommunistischen Diktator Polens, Gomulka verfolgt wird. Die religiöse Einheit Polens schafft für den Kommunismus gleichlautende Probleme, wie sie eine bolschewistische Regierung Italiens haben würde.

In letzter Hinsicht lässt die italienische Linie die Hoffnung der Kommunisten erkennen, dass die Katholiken der Halbinsel, unter dem Druck des Doppelbegriffes „Angst-Sympathie“ in großer Zahl den verschleierten Abfall annehmen, um die Verfolgung zu vermeiden.

Wir glauben nicht, dass in einer Nation wie Italien dieses Manöver bei der großen Mehrheit Erfolg haben wird.

Aber da die Kommunisten Italiens einmal darauf ihre Hoffnung setzen, muss man fragen, ob sie nicht auch für andere katholische Länder sich etwas davon versprechen, z. B., für Brasilien und andere Nationen Lateinamerikas.

Man muss außerdem fragen, ob der Kommunismus für Länder mit anderer Religion nicht etwas Gleiches im Sinne hat.

Alles lässt uns annehmen, dass dem so ist; und darin besteht nach unserer Ansicht, eine der aktuellsten Seiten der in dieser Studie behandelten Materie.

8. Nützlichkeit der gegenwärtigen Arbeit: die Möglichkeit das Zauberwort zu entzaubern und die kommunistische List unbrauchbar zu machen

Wie wir am Anfang dieser Studie gesagt haben, befinden sich die nichtkommunistischen Sektoren der öffentlichen Meinung in einer widerspruchsvollen psychologischen Lage. So wie sie die klar ausgedrückte Gestalt des Kommunismus sehen, lehnen sie ihn ab, aus Anhänglichkeit an eine Menge von Werten, die sie noch anerkennen, Werte, deren Ursprung auf dem universalen und gesunden Menschenverstand fußt, oder die dem christlichen Erbe entstammen. Wenn sie aber den Kommunismus nur so nebenbei betrachten, d. h., nur in seinen verwaschenen und indirekten Äußerungen, nehmen sie ihn nach und nach und immer mehr an. Dazu bewegen sie der irenistische Mythus und der Doppelbegriff „Angst-Sympathie“.

Wenn es daher für den Kommunismus wesentlich ist, den letzten Sinn im Zauberwort zu verschleiern, so sträubt sich auch sein Opfer aus einem ähnlichen Grund, ihn klar auszudrücken.

Für den größten Teil der Personen ist der Mythus, der ihnen durch das Wort „Dialog“ angedeutet und ins Gedächtnis gerufen wird, und dessen elektrisierende Verführungskraft nur anziehend, wenn er ungenau und verschwommen in dem Nebel des Poesiezaubers eingehüllt ist. Wie schön ist es, von einer endgültigen und vollkommenen Einigkeit auf allen menschlichen Beziehungsgebieten zu träumen. Diesen Traum studieren und auslegen, hieße, ihn töten. Und im übrigen, wozu erklären? wozu verstehen? Solche Mythen sind viel weniger gemacht, verstanden als genossen zu werden. Der Opiumraucher interessiert sich gewöhnlich nicht für die chemische Formel des Opiums. Er will das Opium nicht verstehen, sondern spüren.

Um das Zauberwort zu entzaubern und seine magische Wirkung unschädlich zu machen, kommt es vor allem darauf an, in der Vielzahl seiner Bedeutungen, den Mythus aufzudecken, der sich in ihm verbirgt.

Alles was existiert will sich offenbaren. Der Mythus existiert im Geiste seiner Schwärmer. Da ihm die Wege der Erklärung versperrt sind, äußert er sich, wie gesagt, mit seiner größten Heftigkeit und Klarheit in den radikalsten Bedeutungen des Zauberwortes „Dialog“. Und so kann der Mythus, auch wenn er sich darauf versteift, verschleiert zu bleiben, aufgedeckt, charakterisiert und bloßgestellt werden, durch einen Beobachter, der die eigentümlichen Regeln dieses Vorganges kennt.

Der Prozess, um den Mythus aufzudecken, besteht darin, dass man das Zauberwort in seinen meist applaudierten und strahlenden Bedeutungen mit den weniger magischen Bedeutungen vergleicht, bis man auf den unschuldigen und gewöhnlichen Sinn kommt. Nachdem so ein Vergleichsfeld geschaffen ist, das mythische und nichtmythische Bedeutungen enthält, stellt man durch Gegenüberstellung der ersten und der zweiten fest, welches der versteckte Sinn des Wortes ist, der in seinen mystischen und radikalen Anwendungen durchscheint. Im Falle des Ausdrucks „Dialog“ wird aus dem Vergleich immer der Irenismus auftauchen. Im Maßstabe wie auf dem Vergleichsfeld der Bedeutungen das Wort seine Zauberkraft verliert, wird man sehen, dass der irenistische Inhalt abnimmt. Der irenistische, relativistische und Hegelsche Mythus ist also die magische Zauberkraft des Wortes „Dialog“.

Mit anderen Worten, die Methode dieser Untersuchung gleicht einem optischen Experiment, bei dem das menschliche Auge eine durchsichtige Leinwand vor sich hat, und hinter der Leinwand sich eine Lichtquelle befindet. Je näher die Lichtquelle, desto leuchtender die Leinwand, und je weiter jene entfernt ist, desto weniger leuchtet diese. Dieses Experiment beweist, dass das Licht nicht in der Leinwand selbst ist, sondern von der beweglichen Lichtquelle hinter ihr herkommt.

Genau so können wir sagen, dass das Wort „Dialog“ ein Licht ausstrahlt, das nicht ihm selbst entspringt, sondern einem Mythus, der hinter ihm liegt. Je näher der Mythus, desto leuchtender das Wort, und je weiter entfernt, desto stumpfer.

Hat der Beobachter einmal den Mythus bloßgestellt, kann er das Zauberwort entzaubern, indem er seine Entdeckung bekannt macht. Denn mit der Erklärung des Mythus verschafft er dem Patienten der unbemerkten ideologischen Umwandlung die Mittel, die Augen zu öffnen für die Tätigkeit, die auf ihn ausgeübt wird, und sich bewusst zu werden, wohin sie führt, und sich gegen sie zu wehren.

Mit der Erklärung des Mythus ist die Verzauberung aufgehoben. Die natürliche Ablehnung des Kommunismus seitens der so aufgeklärten Personen wird dann tätig, und das kommunistische Manöver wird vereitelt.

Dazu beizusteuern, den Opfern des Prozesses das wirksame Mittel der Verteidigung zu geben, ist das Ziel, mit dem diese Arbeit geschrieben wurde.

Wir bitten unsere Liebe Frau von Fatima, dass sie diese Studie als Zeichen kindlicher Liebe und Verehrung annehme und sie würdige, sie als – wenn auch unbedeutendes – Werkzeug zur Verwirklichung des großen Versprechens zu gebrauchen, das sie in der Grotte von Iria gemacht hat.

Am Ende wird mein unbeflecktes Herz siegen!

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